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Autoreninterview mit Mansour Tavakoli

Im Interview spricht Mansour Tavakoli über sein Buch »Schuld, Scham und Sehnsucht« und darüber, wie verborgene Gefühle, gesellschaftliche Erwartungen und Sehnsüchte unser Leben prägen. #novum

Der Autor über sein Buch »Schuld, Scham und Sehnsucht«

Schuld, Scham und Sehnsucht gehören zu den stillsten, aber wirkungsmächtigsten Kräften unseres Lebens. Sie wirken im Verborgenen, formen Entscheidungen, beeinflussen Beziehungen und prägen Biografien – oft, ohne offen benannt zu werden. In einer Gesellschaft, in der Anpassung, Funktionieren und das Einhalten unausgesprochener Regeln häufig höher bewertet werden als emotionale Ehrlichkeit, geraten diese inneren Spannungen leicht in den Hintergrund.

Das Buch »Schuld, Scham und Sehnsucht« von Mansour Tavakoli widmet sich genau diesen verborgenen Gefühlsräumen. Mansour erzählt von Menschen, die zwischen innerem Empfinden und äußeren Erwartungen stehen – von verbotenen Sehnsüchten, unausgesprochenen Wahrheiten und dem leisen Widerstand gegen gesellschaftliche Normen.

Im folgenden Interview spricht der Autor über die persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die sein Schreiben prägen, über seinen literarischen Arbeitsprozess und darüber, was Leser aus seinem Buch mitnehmen können.


„Die Spannung zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man zeigen darf“

Mansour Tavakoli: Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der vieles unausgesprochen blieb und in der innere Regungen oft hinter familiären, religiösen und politischen Erwartungen verschwanden. Man musste früh lernen, welche Normen in welchem Umfeld gelten und wie man sich einfügt, um nicht aufzufallen. Diese Scheinmoral prägt die Gesellschaft bis heute.

Die Spannung zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man zeigen darf, hat mich tief geprägt. In meinen Texten kehre ich immer wieder zu jenen Momenten zurück, in denen Menschen gezwungen sind, ihre innersten Regungen zu verbergen. Schon als Jugendlicher spürte ich einen starken Drang nach Freiheit – nach einem Leben jenseits dieser engen Grenzen. Gleichzeitig habe ich in meiner Familie die wichtigsten Werkzeuge für ein anständiges und verantwortungsvolles Leben erhalten. Diese Ambivalenz begleitet mich bis heute.

Mich interessiert, wie Menschen unter solchen Bedingungen dennoch Wege finden, sich auszudrücken, zu widerstehen oder sich selbst treu zu bleiben. Die Geschichten in meinem Buch sind deshalb nicht nur literarische Konstruktionen, sondern Spiegelungen von Erfahrungen, die ich persönlich und gesellschaftlich beobachtet habe – und auch von Erzählungen, die mir Menschen während meiner Reisen anvertraut haben.

Ich versuche, wie eine Kamera die Schicksale und das Leben dieser Menschen in meinen Texten einzufangen und sichtbar zu machen. Denn diese Erfahrungen sind universell: Schuld, Scham und Sehnsüchte existieren in jeder Kultur, auch wenn sie sich in unterschiedlichen Formen zeigen.

„Am Anfang steht immer eine Emotion“

Mansour Tavakoli: Am Anfang steht immer eine Emotion – ein innerer Impuls, ein Bild, das sich nicht vertreiben lässt, oder ein Satz, der plötzlich auftaucht und eine ganze Welt öffnet. Eine Geschichte begleitet mich oft über Wochen oder Monate. Sie lebt in mir weiter, selbst wenn ich schlafe. Ich sehe die Figuren wie in einem Film vor mir: wie sie gehen, wie sie schweigen, wie sie in ihren Schauplätzen atmen. Erst wenn diese innere Welt klar genug geworden ist, beginne ich zu schreiben.

Die Sprache kommt danach. Ich versuche, sie so klar wie möglich zu halten, damit die ursprüngliche Emotion nicht verloren geht und das Bild nicht überdeckt wird. Die poetische Qualität entsteht für mich nicht durch Ausschmückung, sondern durch Präzision – durch das Weglassen, durch das Finden jenes einen Satzes, der mehr sagt als eine ganze Seite.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich zu Kurzgeschichten hingezogen fühle. Ich bevorzuge klare, aussagekräftige Sätze gegenüber langen, ausufernden Passagen. Schreiben bedeutet für mich, einer inneren Wahrheit nachzuspüren und ihr eine unverstellte, ehrliche Stimme zu geben.

„Die innere Kraft eines Menschen ist stärker“

Mansour Tavakoli: Unser Leben besteht nur aus Zufällen. Wie und wann wir erzeugt wurden, wo wir auf der Erde ankommen und wann wir sie wieder verlassen – all das entzieht sich unserer Kontrolle. Trotzdem sollte uns nichts davon abhalten, ein freies und glückliches Leben zu suchen.

Ich wünsche mir, dass Leser spüren, wie viele ungerechte und unglückliche Schicksale direkt neben uns existieren, die wir oft nicht einmal wahrnehmen. Viele von uns genießen bestimmte Privilegien nur durch Zufall, und gerade deshalb sollten wir sensibel bleiben für jene, die diese Zufälle nicht hatten.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Leser fühlen, dass selbst im tiefsten Schweigen ein Funken Wahrheit und Freiheit verborgen liegt. Die Mauern aus Schuld, Scham und Angst sind nicht undurchdringlich. Es gibt immer einen Weg, die eigene Stimme wiederzufinden – selbst wenn sie lange verstummt war.

Wenn mein Buch eines vermitteln soll, dann dies:
Egal wie streng die Verbote sind – die innere Kraft eines Menschen ist stärker.


Wenn Texte das Verborgene sichtbar machen

»Schuld, Scham und Sehnsucht« ist ein Buch, das leise beginnt und lange nachhallt. Es erzählt von inneren Kämpfen, gesellschaftlichen Zwängen und der Sehnsucht nach Freiheit – ohne zu urteilen, ohne zu vereinfachen. Die Texte laden dazu ein, genauer hinzusehen: auf andere und auf sich selbst.

Buchempfehlung

Schuld, Scham und Sehnsucht

Autor: Mansour Tavakoli

Preis: EUR 19,90


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