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Die Mitte finden

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, während das, was sie verbindet, verschwindet : die Mitte. Wie wir als Menschen und als Menschheitsfamilie wieder mehr in den Mittelpunkt rücken, was wirklich zählt, verrät Autor Wolfgang Lusak in seinem neuen Buch.

»Die westliche Schachfiguren-Gesellschaft spaltet die Bevölkerung so tief, bis sie in der Mitte auseinanderfällt. Oder wir schaffen in Selbsterkenntnis noch die Wende.« In seinem neuen Buch, »Mein Herz schlägt in der Mitte«, gelingt Wolfgang Lusak ein kritischer und gleichzeitig um Lösungen bemühter Blick auf die Krise des Westens. Die Gesellschaft befindet sich nicht nur im Wandel der Extreme, sondern sie hat Risse bekommen und ausgerechnet ihr Tragwerk droht wegzubrechen: die Mitte, also unternehmerischer Mittelstand und angestellte Mittelschicht. In seiner durchaus spannenden und amüsanten Autobiografie gewährt der Unternehmer, Autor und Gründer der Initiative »Lobby der Mitte« einen Blick hinter die Fassaden von Wirtschaft und Politik und legt die gesellschaftspolitischen Bruchstellen des Westens offen. Ein Kernproblem sieht er in der Spaltung der Gesellschaft, der Misere, in der die die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer und die Menschen dazwischen, also jene in der Mitte, immer mehr ignoriert, ausgebeutet und zurückgedrängt werden. Für den Leser baut er dabei eine Brücke zwischen unterhaltsamer Literatur und einer neuen gesellschaftlichen Vision.

Wir haben Wolfgang Lusak zum Interview getroffen und mit ihm über Krisen, Chancen und deren Bedeutung für die schöpferische Kraft der Mitte für die Zukunft gesprochen. Dabei verliert der Innovationscoach sein großes Lebensthema nie aus den Augen: Wie gelingt es uns auf individueller, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene, sowohl als Mensch als auch als Menschheitsfamilie, wieder mehr in die Mitte zu kommen?

Interview mit Wolfgang Lusak

Ihr Buch, »Mein Herz schlägt in der Mitte«, trägt den bescheidenen Untertitel: »Erzählung«. Doch Ihr Buch ist weit mehr als nur das. Es ist ein Ratgeber für Ratlose, Orientierung in einer weitgehend orientierungslosen Zeit. War es Ihr Ziel, ein Buch zu schreiben, das in einer von Krisen zerrütteten Gegenwart eine echte Perspektive bietet? 

Ich habe den Untertitel »Erzählung« gewählt, weil ich das Buch überwiegend für eine amüsant-spannende Erzählung halte. Und ja, es ist richtig, dass ich darin eine gesellschaftskritische Botschaft, ja sogar eine demokratische Vision in Richtung einer neuen, besseren Gesellschaft eingebaut habe. Es ist richtig, dass ich in der Erzählung mit historischen Einsichten, Reiseberichten, spirituellen Ansichten sowie persönlichen, beruflichen und politischen Empfehlungen den Menschen helfen will. Letztlich ist das gesamte Buch eine Darstellung der Epoche vom Zweiten Weltkrieg bis heute, das Aufdecken von schwerwiegenden Fehlentwicklungen in unserer westlichen Welt sowie die Schritt für Schritt klarer werdende Erkenntnis, dass wir als Menschheit nur mit einer »Gesellschaft der runden Mitte« überleben können.

© Clemens Schneider

Sie bezeichnen sich selbst als »Stimme der Mitte« – was will uns diese Stimme sagen? 

Ich möchte die Menschen persönlich ermutigen, körperlich, geistig und seelisch in ihre eigene Mitte zu kommen, weil sie dann zu einem selbstbestimmten aber auch verantwortungsvollem Leben finden und mehr Beitrag für unser Zusammenleben leisten können.

Ich möchte allen Menschen – vor allem der westlichen Welt – sagen, dass es in den letzten Jahrzehnten schleichend aber nachweislich zu einer fürchterlichen Machtverschiebung zugunsten von polarisierenden Menschen und Gruppierungen, zu rücksichtslosen Extremisten, raffinierten Verführern und egoistischen Links- wie Rechtspopulisten gekommen ist, die zuerst unsere gesellschaftliche Mitte (unternehmerischer Mittelstand und angestellte Mittelschicht) und letztlich die gesamte Wirtschaft, Gesellschaft und Staatsführung zerstört. Ich möchte allen Menschen sagen, dass es nicht so weiter geht, wenn wir die Umverteilung von Mitte zu Reich und Arm fortsetzen, weil das den Kern und das Herz der Gesellschaft zerrüttet. Ich möchte allen Menschen sagen, dass wir mit einer »Runden Gesellschaft der Mitte« alle unsere Probleme, Krisen und Kriege bewältigen und letztlich den Untergang der Menschheit verhindern können.

© Clemens Schneider

Die Leistungsträger unserer Gesellschaft, die Menschen der Mittelschicht, werden immer weiter an den Rand des Existenzminimums gedrängt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Wo finden Sie diesen? 

Im Aufbau einer Gesellschaft der Mitte. In ihr gibt es nur sehr wenige Reiche und Arme, aber viele Mitte-Angehörige. Die Mitte bekämpft weder Armut noch Reichtum, sie gibt der Mitte eine faire Chance auf Entfaltung statt Benachteiligung durch Steuervorteile für Konzerne, auf mehr Freiheit statt überbordender Bürokratie, auf besseren Zugang zu Kapital, Partnerschaften und Personal statt harter Arbeit ohne sich dabei eine Existenz aufbauen zu können – was zu fairer Umverteilung und breitem Wohlstand, zu mehr Leistung, Eigentum und Nachhaltigkeit für den überragenden Teil der Bevölkerung führt.

Ihre Erzählung beginnt mit Ihrer Kindheit, wo Sie die Schule als »Zwang, unnötige Dinge zu lernen«, beschreiben. Welche Schritte können wir als Gesellschaft schon bei unseren Kindern setzen, um sie zu einem selbstbestimmten Leben zu ermutigen? 

Ich schreibe tatsächlich, dass mir die Schule lange als »Zwang, unnötige Dinge zu lernen« vorgekommen ist, habe dann allerdings herausgefunden, dass ich mir in der Ausbildung durchaus holen kann, was ich für mich selbst brauche. Schulen und Universitäten sind nur solange dysfunktionale Systeme, solange Eltern und Lernende nicht mit Eigenverantwortung die Ausbildung mitgestalten.

Zurück von der Makro- auf die Mikroebene: Die Auslöschung der ausgleichenden Mitte beschreiben Sie als eine der grundlegenden Fehlentwicklungen des Westens. Sie hemmt uns sicher auch in unserer Individualität und Selbstbestimmung. Man muss Kraft sammeln, wieder in die Mitte kommen, atmen – aber wie?

Zuerst einmal als Individuum. Wer keine Balance im Körper erreicht, etwa durch Ausgleichstraining, Kraft, Ausdauer oder Koordination; wer keine Balance im Geist erreicht, zum Beispiel durch Mentaltraining und Weiterbildung; wer keine Balance im Umgang mit der Sterblichkeit und Spiritualität hat: Der wird auch gesellschaftlichem oder politischem Mitteverlust nicht entgegentreten können. Als Mensch in einer Gesellschaft brauchen Sie Freunde, Partner und Unterstützer für ausgewogene Entscheidungen und Taten – ohne die Fähigkeit, Menschen motivieren und mobilisieren zu können, wird es auch nicht gehen.

© Clemens Schneider

Aus Ihrer Kindheit haben Sie, wie Sie schreiben, die »Begeisterung für die Schönheit der Welt« mitgenommen? Wie konnten Sie davon als Erwachsener profitieren? Ist es Ihnen gelungen, diesen Blickwinkel zu bewahren? 

Ich habe, glaube ich, viel kindhaftes Staunen für die Schönheiten und das Gute der Welt in mir bewahrt, aber nicht nur zufällig. Denn in meiner Zuwendung zu Achtsamkeit, Meditation und Spiritualität sowie für die Menschen und die Umwelt habe ich mich auch ganz bewusst darauf fokussiert mit Staunen statt Misstrauen, mit Dankbarkeit statt Ansprüchestellen und mit Vertrauen statt Zukunftsangst durchs Leben zu gehen.

Erst in den 1970ern und 80ern entdeckten Sie die Liebe zur Literatur für sich. »Jetzt aber war ich reif für richtige Literatur«, schreiben Sie in diesem Kontext. Welche fünf Bücher sollte Ihrer Meinung nach jeder Mensch gelesen haben? 

»Faust I & Faust II« von Goethe; »Das Meer des Herzens geht in tausend Wogen« von Mewlana Dschellaledin Rumi; »Die Achtsamkeit des Herzens« von David Steindl-Rast; »Selbstbetrachtungen« von Marc Aurel; »Die geistigen Gesetze« von Kurt Tepperwein;

Ihr Buch ist im September 2024 im novum Verlag erschienen. Welche Erfahrungen mit dem novum Verlag haben Sie gemacht und welche Momente im Publikationsprozess sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?  

Der novum Verlag hat mir die Möglichkeit gegeben, mein Buch »Mein Herz schlägt in der Mitte« auf den Markt zu bringen. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.

Als Manager in großen Konzernen erhielten Sie Einblick hinter die Fassaden unserer Welt, die unter anderem von den Macht- und Wirtschaftsinteressen einzelner Akteure bestimmt wird. Doch wäre es nicht auch anders möglich? Welchen positiven Einfluss könnten Unternehmen und Großkonzerne auf unser Leben nehmen? 

Wenn die Eigner und Eignerinnen von Weltkonzernen die Lobby der Mitte unterstützen, würden sie damit den Standort, die Regionalität, Kreativität, Nachhaltigkeit und Qualität sichern, die wir – und auch letztlich die Konzerne – zum Überleben brauchen. Denn nur wenn es der Mitte gut geht, geht es uns allen gut.

Welche positiven Lehren konnten Sie aus Ihrer Zeit als Manager in Großkonzernen ziehen?

Ich weiß, wie sie dort denken und arbeiten, wie sie Produkte, Märkte und Netzwerke aufbauen, wie sie von Themenführerschaft zu Technologieführerschaft zur Marktführerschaft kommen. Das nutze ich als selbständiger Unternehmensberater und Lobby-Coach für innovativ-nachhaltige Projekte.

Der Job im Management brachte Sie schon mit Ende 30 an Ihre körperlichen Grenzen. »Ich musste lernen, schneller zu arbeiten«, schreiben Sie über Ihre Erfahrungen auf der Karriereleiter. Heute hat das Arbeitstempo beinahe toxische Geschwindigkeit angenommen. Der Druck auf den Einzelnen wird immer größer. Wie können wir uns diesem System entziehen, das uns immer mehr und mehr abverlangt?

Zum Beispiel durch den Mut, Ja oder Nein zu äußerem Druck zu sagen. Durch den Mut, immer alles gut abzuwägen, Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln. Ein selbstbestimmtes Leben ist etwas leichter in der Selbstständigkeit als im Angestelltenverhältnis zu realisieren. Wenn jetzt einer oder eine sagt, »aber ich brauche die Kohle!«, dann kann ich nur fragen: »Hast Du alle Alternativen überprüft? Ist das nicht nur der bequemere Weg? Was ist Dir wirklich wichtig im Leben?«

Vielen Dank für das Gespräch! 


Über den Autor

Wolfgang Lusak, geboren 1949 in Wien, ist Unternehmensberater, Lobby-Experte und Autor. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien und begann seine berufliche Laufbahn als Konzernmanager bei Unilever, Gillette und BP. Später wurde er der erste Geschäftsführer der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft und führte sie aus der Krise nach dem größten Weinskandal der österreichische Weinwirtschaft. 

Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet und lebt er als unabhängiger Berater und Lobby-Experte in seiner Geburtsstadt. Er lehrte als Universitätslektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zudem schreibt er Kolumnen für führende österreichische Medien und hat eine Reihe von Sachbüchern zu den Themen Unternehmertum, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Demokratie veröffentlicht.

Sie wollen tieferen Einblick in die Welt des Autors nehmen? Folgen Sie Wolfgang Lusak auf Instagram, um mehr über seinen Lebensmittelpunkt zu erfahren!


Über das Buch

»Mein Herz schlägt in der Mitte. Erzählung«
Wolfgang Lusak
432 Seiten
ISBN: 978-3-99130-670-2
Hier geht es zum Buch!

Unser Interview hat Ihnen gefallen? Einen sozialkritischen Krimi, der das Problem der Mittelschicht auf die Spitze treibt, hat Autor Thomas Breidenbach geschrieben. Lesen Sie hier das Interview mit dem Krimiautor!

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