Wo Leben und Freiheit sich verweben
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 222
ISBN: 978-3-99130-518-7
Erscheinungsdatum: 05.06.2024
Wo verweben sich Leben und Freiheit? Mit dieser Frage wird Solea konfrontiert, während ihr Leben einen abrupten Richtungswechsel einschlägt. Die Antworten darauf findet sie auf eine Art und Weise, an die sie nie gedacht hätte…
Das Ende einer Ära
Es war stressig, ja.
Während ich telefonierend versuchte, mit nur einer Hand mein Schulzeug aus meinem Spind zu holen und in meiner Tasche zu verstauen, redete meine beste Freundin von rechts ununterbrochen auf mich ein. Wie toll es doch sei, dass wir nun endlich unsere Matura bestanden haben und mit dem Studium beginnen können. Gleichzeitig redete meine Mutter über das Handy auf dem linken Ohr eindringlich auf mich ein, ich solle dies und jenes mit einpacken und pünktlich am Flughafen sein. Und dass ich ihr doch bitte noch meine Flugnummer schicken solle. In diesem Moment klingelten die Glocken zum Unterrichtsende durch die Gänge und die lärmenden Schüler rannten alle zu ihren Spinden. Ich wurde von einer Seite unsanft angerempelt, dabei glitten mir die Bücher aus der Hand. Ich fluchte ungehalten: „Verdammte Scheisse!“
Während mich meine Mutter am Telefon tadelte, lachte meine beste Freundin Ylenia schallend los. Dann wandte sie sich wieder ihrem Spind zu, den sie entspannt und in aller Ruhe ausräumte. Diese Ruhe konnte sie sich ja leisten, im Gegensatz zu mir. Sie hatte ihre Prüfungen mit Bestnoten bestanden und sich nicht nur für einen Studienplatz angemeldet, nein mehr noch, diesen sogar bestätigt bekommen. Ich fühlte mich plötzlich total eingeengt und hatte das Gefühl, unter Wasser zu sein und keine Luft mehr zu bekommen. In meinem Kopf war nur noch ein dumpfes Dröhnen und alles vor meinen Augen begann langsam zu verschwimmen.
„Stopp!“, rief ich in diesem Moment, ich hielt es einfach nicht mehr aus. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Ballon in meiner Brust, der kurz vor dem Platzen war.
„Mama, ich ruf dich zurück!“, rief ich in das Handy, legte, ohne ihre Antwort abzuwarten, auf und warf es ganz nach hinten in den Spind. Ich stützte mich mit beiden Armen an den Spind und warf Ylenia mit hochgezogener Augenbraue einen langen, strengen Blick zu. Sie verstand sofort, dass gleich mein innerer Vulkan in die Luft gehen würde, wenn sie jetzt nicht sofort ihren Mund hielt. Mir war sowieso alles zu viel im Moment. Fast drei Monate hatte ich ununterbrochen für die Prüfungen gelernt, im Anschluss an diese sofort nach einem Studienplatz gesucht und zum Schluss noch eine letzte Universität in der Schweiz gefunden, die mich auf ihre Warteliste setzte. Alle anderen Universitäten hatten ihre Plätze schon belegt und nahmen mich auch nicht mehr auf ihre Wartelisten. Leider war es die Universität in Bern. Falls ich dort einen Platz bekommen sollte, werde ich entweder pendeln müssen oder mir in der Nähe eine Wohngemeinschaft oder eine Studentenunterkunft suchen. Eigentlich war meine erste Wahl die Uni in Zürich gewesen, aber die war begehrt und eine der ersten, die alle Plätze gefüllt hatte. Ich sollte mich aber nach der offiziellen An- und Abmeldefrist noch telefonisch bei der Universität melden, um nachzufragen, ob ich einen Platz bekäme oder eine derjenigen war, die von der Liste gestrichen wurden. Ich hatte mich schon vor einiger Zeit für ein Jurastudium entschieden. Es waren dessen Inhalte und die Fragen nach dem Recht und der Gerechtigkeit, die mich schon immer fasziniert hatten. Und trotzdem war ich nicht zu 100 % überzeugt von meiner Entscheidung. Und damit meine ich nicht die Wahl des Studiengangs, sondern überhaupt erst die Wahl dieser akademischen Laufbahn an sich. Noch gröber gesagt: ich war mir nicht sicher, ob ich schulisch und beruflich den richtigen Weg für mich eingeschlagen hatte. Gerade nach den Ereignissen in den letzten Monaten. Und ich stellte auch immer mehr in Frage, ob ich generell der Typ Mensch für ein Studium war. Aber jetzt blieb mir nichts anderes übrig, ich hatte mich aus eigenen Stücken dazu entschieden, das Gymnasium zu besuchen. Und nun, wo ich es bestanden hatte, musste ich doch einfach da anknüpfen. Das erwartete man ja von mir. Wie sähe das nur aus, wenn man die Matura bestanden hatte und sich im Anschluss gegen ein Studium entschied? Welches wären denn die Alternativen? Was wollte ich eigentlich? Und wenn ich mal alle Erwartungen von Aussen aus meinen Gedanken verbannen würde, wie würde mein Lebensweg dann aussehen?
Jemand klopfte mir auf die Schulter und ich wirbelte mit einem erschrockenen Schrei herum. Es war Ylenia, die mich nun besorgt musterte.
„Du bist gerade wieder total abgeschweift, nicht wahr?“
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Dann nickte ich und sah meine beste Freundin an. Wir steckten immer noch mitten in der Masse an Schülern, die ihre kurze Pause nutzten, um bei den Spinden das Schulmaterial für die nächsten Stunden zu holen. Diese wirkten alle so motiviert und ehrgeizig in dem, was sie taten. Wenn sie nur wüssten …
„Stopp“, befahl mir Ylenia sanft. Einmal mehr staunte ich über ihre feinen Antennen und mitfühlende Art, mit der sie mich aus meinen Gedanken holte. Ich seufzte tief, löste meinen Blick von Ylenia und stiess mich von meinem Schrank ab. Dann hob ich die Bücher, die noch immer am Boden lagen, auf und stopfte sie in meine Tasche.
Genervt nahm ich das Geschichtsbuch und die letzten drei Deutschbücher aus meinem Fach. Mein Blick fiel auf das oberste Buch. Es war „Andorra“ vom Schriftsteller Max Frisch. Ein Drama, in dem unter anderem die Identitätsfrage thematisiert wurde. Identität, das war ein gutes Stichwort …
„Solea“, schrie Ylenia über den Lärm der Schüler hinweg.
„Was ist?“, fauchte ich sie an, und hatte im gleichen Moment ein schlechtes Gewissen, sie so angefahren zu haben. Sie meinte es ja nur gut. Aber ich war geladen, gereizt, unruhig und fühlte mich hier in den Schulgängen total unwohl. Ich wollte diese Schule so schnell wie möglich wieder verlassen. Eine leichte Übelkeit breitete sich in meinem Magen aus und ich schluckte. „Tut mir leid“, sagte ich an Ylenia gerichtet. „Hast du was gesagt?“
„Ja … ich habe dich gefragt, ob du jetzt endlich bei der Uni Bern angerufen hast? Gestern war doch Anmeldeschluss, heute müssten die fixen Studentenlisten stehen.“
Ich riss meine Augen auf. Alles, was zuvor noch brodelte in mir, wich einer eiskalten Starre, ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Der Ballon in meiner Brust schrumpfte sofort, jegliche Luft und Spannung entwich ihm. Und wieder klatschten die Bücher auf den Boden. Mit zitternden Händen und pochendem Herzen holte ich mein Handy aus den Tiefen des Spindes und sah auf das Datum im Display, das mir höhnisch ins Auge sprang. Ich drehte mich um, liess meinen Kopf schwer gegen die weisse Fläche knallen, schloss die Augen und liess mich zu Boden gleiten.
„Was ist los?“, hörte ich von rechts. Die Flure leerten sich allmählich. Und in Ylenias Tonfall lag diese warme Empathie und Unvoreingenommenheit, die ich so sehr mochte an ihr. Sie setzte sich vor mich auf den Boden, legte mir eine Hand auf mein Knie und sah mich ruhig und fragend an. Ich blickte ihr in die wunderschönen rehbraunen Augen, die zu der Person gehörten, die in den letzten Jahren wie eine Schwester für mich geworden war. Wir hatten zusammen geweint und gelacht, gestritten und uns wieder versöhnt und uns gegenseitig alles erzählt und anvertraut. Die schrille Glocke, die die nächste Unterrichtslektion ankündigte, liess mich zusammenfahren. Ich schüttelte wie in Zeitlupe den Kopf. Nachdem auch das Echo der Schulglocke verstummt war, antwortete ich leise:
„Ich habe noch nicht angerufen. Ich habe Angst vor der Antwort. Und zwar vor beiden Antworten, die möglich sind.“ Ylenia sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Wieso?“
„Einerseits weiss ich nicht, ob ich schon bereit bin für ein Studium. Andererseits … was soll ich ohne Studium und nur mit einer Maturität machen?“
Es war plötzlich so still in diesem Flur, in dem noch vor zwei Minuten die lernhungrigen Schüler herumtobten wie ein Haufen wild gewordener Hyänen. Ylenia stiess die Luft aus, die sie angehalten hatte. Wenigstens hatte sie noch welche, ich hatte gefühlt keine mehr.
„Ruf doch jetzt an. Ich bin bei dir. Irgendwann musst du es ja tun.“
Sie stand auf, griff in meinen Kasten, holte mein Handy heraus und setzte sich mit diesem neben mich. Sie reichte mir meines, während sie ihr eigenes Handy aus der Tasche fischte und für mich die Nummer der Universität von Bern googelte. Sie diktierte mir die Nummer und ich tippte sie in mein Handy ein, doch bevor ich den Anruf startete, sah ich Ylenia an. Sie nickte mir bestimmt und aufmunternd zu. Also holte ich tief Luft, drückte den grünen Knopf, hielt mir das Handy ans Ohr und wartete darauf, dass mich jemand am anderen Ende der Leitung endlich von meinen inneren Qualen erlösen würde.
„Universität Bern, was kann ich für Sie tun?“, trällerte eine fröhliche, hohe Frauenstimme.
„Hier ist Solea Moreno. Ich stehe noch auf der Warteliste für das Jurastudium, das im August beginnt. Können Sie mir sagen, wie es aussieht?“, leierte ich so schnell wie möglich runter.
„Solea Moreno, einen kleinen Moment bitte, ich schaue nach.“
In der Leitung war Musik zu hören.
„Am liebsten würde ich auflegen“, zischte ich Ylenia zu. Meine Nerven waren zum Zerreissen gespannt, ich zitterte am ganzen Körper. Dann klackte es in der Leitung und die Dame war wieder zurück am Apparat.
„Solea Moreno“, wiederholte sie, „leider konnten wir sie nicht aufnehmen für dieses Jahr, alle Plätze wurden belegt. Sollen wir Sie für das nächste Jahr einschreiben?“
Das Klopfen meines Herzens kam kurz aus dem Takt, ehe es weiter wie wild gegen meine Brust hämmerte. Wie ferngesteuert antwortete ich:
„Nein, danke. Meine erste Wahl wäre sowieso die Universität in Zürich gewesen. Nach Bern hätte ich pendeln müssen oder …“
Ich unterbrach mich selbst. Meine Probleme interessierte sie doch nicht, kein Grund also, dieser fremden Frau mein Herz auszuschütten.
„Ich probiere es dann nochmals in Zürich“, sagte ich schnell. „Danke für die Auskunft, auf Wiederhören.“
Ich legte auf, ohne verstanden zu haben, was die nette Frau der Administration noch sagte oder fragte. Ich lehnte meinen Kopf zurück an die Spinde und schloss die Augen. Ylenias Hand drückte sanft meine Schulter. Es tat gut, jetzt gerade nicht allein zu sein. Alle Anspannung wich aus mir. Alle Ängste und Unsicherheiten flossen gerade langsam davon. Wieso hatte ich mit dieser Absage einen kleinen Hüpfer der Freude tief im Inneren empfunden? Hatte ich innerlich heimlich ebenfalls auf ein „Nein“ gehofft?
„Was willst du jetzt tun?“, fragte Ylenia vorsichtig.
Ich raufte mir die Haare, warf dann meine Hände in die Luft und antwortete resigniert: „Meinen Eltern berichten, dann endlich in die Ferien fliegen und nächstes Jahr mit dem Studium beginnen. Was anderes bleibt mir im Moment nicht übrig, oder?“
Ich griff erneut nach meinem Handy und wählte wieder die Nummer meiner Mutter, die mit meinem Bruder und meinem Vater bereits nach Spanien in die Sommerferien geflogen war. Ich würde morgen nachfliegen und noch zwei Wochen Ferien mit ihnen zusammen verbringen.
„Solea, warum legst du einfach auf?“, fragte meine Mutter aufgebracht und ohne Begrüssung, ich erkannte auch den leicht gekränkten Unterton in ihrer Stimme.
„Ich habe den Platz für das Studium im September nicht bekommen“, brach ich ohne Begrüssung heraus, trocken und nüchtern, ohne jegliche Emotionen. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann fragte meine Mutter:
„Wieso denn nicht?“
„Ich war auf der Warteliste in Bern. Ich schaffte es schlichtweg nicht, gleichzeitig meine Prüfungen zu managen und nach einem Studienplatz zu suchen. Es war mir, neben allem, was sonst noch gelaufen ist, einfach zu viel und zu stressig. Und als ich mich anmelden wollte, waren zu dem Zeitpunkt alle Plätze schon belegt. Die Uni in Bern hat mich als einzige noch auf die Warteliste gesetzt, heute habe ich nachgefragt, aber auch sie haben alle Plätze besetzt.“
Ich verstummte, bevor ich mich um Kopf und Kragen redete. Es brachte nichts, es gab keine Entschuldigung für diese Situation. Es war wieder einen Moment still in der Leitung. Plötzlich lachte meine Mutter.
„Das ist typisch du! Das heisst, du wirst ein Jahr Pause machen, bevor du nächstes Jahr beginnst zu studieren?“
„Habe ich eine andere Wahl?“, fragte ich zynisch mit einem bissigen Unterton.
„Nein“, sagte sie. „Überleg dir aber, was du in diesem Jahr machen wirst. Vielleicht einen Studentenjob, eine Weiterbildung, Kurse oder so, ah, und die Anmeldung fürs Studium, ja! Besser früher als zu spät. Na ja, aber Solea, wegen der Abflugzeiten …“, fuhr sie fort, doch ich unterbrach sie schnell.
„Ich weiss, ich schicke dir die Flugnummer noch per WhatsApp, bis dann!“, sagte ich schnell und legte auf wie schon beim ersten Mal. Ich schnaubte, stand auf und las ein zweites Mal meine Bücher vom Boden auf. Was für ein Bild. Ich identifizierte mich mit den Büchern. Tiefer und unsanfter als auf den hässlichen Linoleumboden im Untergeschoss der Schule konnte man wohl nicht fallen. Dann stopfte ich diese in meine Tasche, zerrte noch meine Sporttasche aus meinem Fach, entfernte das Schloss davor und machte mich ratlos und ausgelaugt auf dem Weg zum Ausgang. Ylenia holte mich rasch ein, legte mir einen Arm um die Schulter und flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr:
„Ich würde das Jahr ausnützen.“
Ich hielt abrupt an. „Wie meinst du das jetzt, Ylenia?“
„Na ja, wir wissen beide, dass du im letzten Jahr über die Grenzen deiner Belastbarkeit hinausgeschossen bist. Und ganz ehrlich, Solea. Hast du in deinem Leben jemals gelebt? Hast du jemals gelebt, ohne an Schule zu denken? Hast du jemals gelebt, ohne an deine Zukunft zu denken?“
Ich sah betreten den Boden an. Wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, diesen grün einzufärben? Grün war eigentlich die Farbe, die für Ruhe, Sicherheit und Vertrauen stand, das ist mir aus dem Bildnerischen Gestalten noch geblieben, als wir uns mit dem Farbkreis und der Bedeutung verschiedener Farben beschäftigt hatten. Aber dieses Grün war richtig dunkel und schmutzig, überall waren braune und graue Streifen mit eingearbeitet. Sollte das Kunst sein? Wenn ja, betrachtete ich es definitiv mit einem anderen Auge als der Künstler selbst. Ylenia räusperte sich kräftig und holte mich damit zurück in den Moment. Sie kannte mich sehr gut und wusste, dass ich nicht selten aus der Realität abschweifte und mich in unlogische, nichts nützende, energieverschwendende Gedanken flüchtete. Ich blickte sie an. Sie ergriff meine Schultern und sah mich ganz bestimmt an. Mit fester, theatralischer Stimme trug sie vor:
„Solea, ich prophezeie dir, dass ein unvergessliches Jahr voller Leben und Marmeladenglasmomenten vor dir liegt. Sobald du durch die Türen dieser Schule treten wirst, wirst du als neuen Menschen geboren und ein neues Leben beginnen. Wer weiss, vielleicht landest du in einer Parallelwelt, so wie die Kinder in den Chroniken von Narnia von Clive Staples Lewis.“
Ich konnte nicht anders und prustete los.
„Übertreib mal nicht, okay?“
Ich setzte mich wieder in Bewegung, Ylenia kam sofort hinterher und rempelte mich spielerisch an.
„Solea, was ich damit sagen möchte: Lerne, das Leben zu geniessen, und entfalte deine Freiheiten.“
Ich stupste zurück und legte ihr dann einen Arm um die Schultern.
„Das werde ich versuchen“, versprach ich ihr und legte einen dankbaren Unterton in meine Stimme. Dann straffte ich die Schultern und stiess zum letzten Mal die schwere Eingangstüre dieses Schulhauses auf. Es ging sicher nicht in eine fantastische Parallelwelt wie Narnia, es ging hinaus auf die Strasse, in die brutale Realität. Ich würde meine Schulzeit nicht vermissen, ich war froh, dass sie zu Ende war. Und während ich hörte, wie die Türe im Hintergrund ins Schloss fiel, fühlte ich, wie ein Teil des Stresses hinter diesen geblieben war. Das liess Platz für ein ganz neues, komisches Gefühl. Ein Gefühl der Erleichterung, der Freude. Darüber, dass ich das Studium verpassen würde? Ich konnte es nicht einordnen. Doch ich beschloss, meinen Gedanken schnell ein Ende zu setzen. Ich würde nun erst mal die Ferien geniessen, mein studienfreies Jahr planen und mich für nächsten Sommer anmelden. Alles halb so wild, die Welt würde sich ja wie gewohnt weiterdrehen. Dass mir das Leben einen Strich durch die Rechnung machen würde und Ylenias Prophezeiung wahr werden könnte, konnte ich noch nicht ahnen, als ich mit ihr zusammen ein gewaltiges Lebenskapitel hinter mir liess.
Ein Jahr Leben
Am nächsten Morgen reiste ich wie vereinbart in die Ferien nach San Javier, eine Gemeinde in der autonomen Region Murcia im Südosten Spaniens. Am Flughafen von Alicante wartete ich erst mal ungeduldig auf meinen Koffer, der natürlich als einer der letzten auf dem Gepäckausgabeband auftauchen würde. Das waren vermutlich die Konsequenzen davon, dass ich immer überpünktlich und als eine der ersten meinen Koffer eincheckte. Während der Wartezeit liess ich meinen Blick umherschweifen. Im Dutyfree, durch das ich gekommen war, dominierten helle, wilde und lebensfrohe Farben. Rot und Gelb, die Farben der spanischen Flagge, waren omnipräsent in den Schlüsselanhängern und Magneten, in den Keksdosen und sogar den Plüschtieren, die verkauft wurden. Vor den Toiletten standen die Frauen Schlange, während es bei den Männern ein geschmeidiges Kommen und Gehen war. Auf den benachbarten Gepäckbändern drehten die Koffer aus Paris, Lissabon und Madrid ihre Runden. Als ich meinen Koffer auf dem Band von Zürich erblickte, hechtete ich hin und riss ihn vom Band. Doch dann stoppte ich mich selber.
„Nicht so hektisch“, flüsterte ich mir zu. Langsam und bewusst, einen Fuss bedächtig vor den anderen setzend lief ich zum Ausgang hin. Dann passierte ich endlich den Zoll, nein, ich hatte nichts anzumelden, grün also. Ich durchquerte die kleine Ankunftshalle des Flughafens und steuerte direkt auf den Ausgang zu. Draussen hielt ich inne. Mehrere Personengruppen warteten gemeinsam mit mir auf ihre Taxis oder diejenigen, die sie abholen würden, und unterhielten sich. Ihre Sprache, die auf mich einprasselte, schoss direkt so warm durch meine Venen wie das Wetter, das mich in diesem Moment in Südostspanien willkommen hiess. Mit dieser Wärme breitete sich ein Gefühl von Zugehörigkeit in mir aus. Es war schön, wieder hier zu sein. Jede Person, dessen Blick ich kreuzte, lächelte mich warm und willkommen an. Meine Mundwinkel zogen sich ebenfalls automatisch hoch und erwiderten die Gesten mit voller Ehrlichkeit. Ich entspannte mich allmählich etwas und sah hoch zum strahlend blauen Himmel, an dem nur vereinzelte süsse, kleine Wolken zu sehen waren. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonne meiner Heimat auf meinem Gesicht. Jedes Mal, wenn ich in Spanien landete, kehrte ein Stück meiner Seele nach Hause. In Spanien konnte ich viel eher die Person sein, die ich war. Ich konnte hier die südländischen Charakterzüge, die ich von der Familie meines Vaters geerbt hatte, voll und ganz ausleben, ohne anzuecken oder mich erklären zu müssen. Als jemand laut meinen Namen rief, zuckte ich zusammen und schreckte aus meinem schon fast entspannten Zustand hoch. Ich sah mich suchend um und mein Blick blieb an dem silberfarbenen Mietauto hängen, das vor dem Flughafengebäude nur ein paar Meter von mir entfernt parkte. Davor stand meine Mutter in ihrem grellgelben, geblümten Sommerkleid und winkte mich aufgeregt zu sich. Ich setzte mich langsam in Bewegung, doch es konnte ihr gar nicht schnell genug gehen. Sie rannte auf mich zu und schlang ihre Arme um mich. Sie drückte mich fest an sich und verteilte Küsschen auf meiner Wange. Ich kniff die Augen zusammen und zog meine Nase kraus, doch ich liess sie gewähren. Zwei Wochen hatten wir uns nicht gesehen, nur gelegentlich telefoniert oder geschrieben. Ich wusste, wie wichtig dieser Moment für sie war, es fiel ihr noch immer schwer, sich von mir abzulösen und mir meine Freiheiten zu lassen. Nachdem sie mich losgelassen hatte, sah sie mich prüfend und mit einer leichten Besorgnis in ihrem Blick an.
„Mama, mir geht es gut, wirklich!“, versicherte ich ihr, da ich genau wusste, welche Frage sie gleich gestellt hätte.
„Ach, Solea, bist du sicher?“
Es war stressig, ja.
Während ich telefonierend versuchte, mit nur einer Hand mein Schulzeug aus meinem Spind zu holen und in meiner Tasche zu verstauen, redete meine beste Freundin von rechts ununterbrochen auf mich ein. Wie toll es doch sei, dass wir nun endlich unsere Matura bestanden haben und mit dem Studium beginnen können. Gleichzeitig redete meine Mutter über das Handy auf dem linken Ohr eindringlich auf mich ein, ich solle dies und jenes mit einpacken und pünktlich am Flughafen sein. Und dass ich ihr doch bitte noch meine Flugnummer schicken solle. In diesem Moment klingelten die Glocken zum Unterrichtsende durch die Gänge und die lärmenden Schüler rannten alle zu ihren Spinden. Ich wurde von einer Seite unsanft angerempelt, dabei glitten mir die Bücher aus der Hand. Ich fluchte ungehalten: „Verdammte Scheisse!“
Während mich meine Mutter am Telefon tadelte, lachte meine beste Freundin Ylenia schallend los. Dann wandte sie sich wieder ihrem Spind zu, den sie entspannt und in aller Ruhe ausräumte. Diese Ruhe konnte sie sich ja leisten, im Gegensatz zu mir. Sie hatte ihre Prüfungen mit Bestnoten bestanden und sich nicht nur für einen Studienplatz angemeldet, nein mehr noch, diesen sogar bestätigt bekommen. Ich fühlte mich plötzlich total eingeengt und hatte das Gefühl, unter Wasser zu sein und keine Luft mehr zu bekommen. In meinem Kopf war nur noch ein dumpfes Dröhnen und alles vor meinen Augen begann langsam zu verschwimmen.
„Stopp!“, rief ich in diesem Moment, ich hielt es einfach nicht mehr aus. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Ballon in meiner Brust, der kurz vor dem Platzen war.
„Mama, ich ruf dich zurück!“, rief ich in das Handy, legte, ohne ihre Antwort abzuwarten, auf und warf es ganz nach hinten in den Spind. Ich stützte mich mit beiden Armen an den Spind und warf Ylenia mit hochgezogener Augenbraue einen langen, strengen Blick zu. Sie verstand sofort, dass gleich mein innerer Vulkan in die Luft gehen würde, wenn sie jetzt nicht sofort ihren Mund hielt. Mir war sowieso alles zu viel im Moment. Fast drei Monate hatte ich ununterbrochen für die Prüfungen gelernt, im Anschluss an diese sofort nach einem Studienplatz gesucht und zum Schluss noch eine letzte Universität in der Schweiz gefunden, die mich auf ihre Warteliste setzte. Alle anderen Universitäten hatten ihre Plätze schon belegt und nahmen mich auch nicht mehr auf ihre Wartelisten. Leider war es die Universität in Bern. Falls ich dort einen Platz bekommen sollte, werde ich entweder pendeln müssen oder mir in der Nähe eine Wohngemeinschaft oder eine Studentenunterkunft suchen. Eigentlich war meine erste Wahl die Uni in Zürich gewesen, aber die war begehrt und eine der ersten, die alle Plätze gefüllt hatte. Ich sollte mich aber nach der offiziellen An- und Abmeldefrist noch telefonisch bei der Universität melden, um nachzufragen, ob ich einen Platz bekäme oder eine derjenigen war, die von der Liste gestrichen wurden. Ich hatte mich schon vor einiger Zeit für ein Jurastudium entschieden. Es waren dessen Inhalte und die Fragen nach dem Recht und der Gerechtigkeit, die mich schon immer fasziniert hatten. Und trotzdem war ich nicht zu 100 % überzeugt von meiner Entscheidung. Und damit meine ich nicht die Wahl des Studiengangs, sondern überhaupt erst die Wahl dieser akademischen Laufbahn an sich. Noch gröber gesagt: ich war mir nicht sicher, ob ich schulisch und beruflich den richtigen Weg für mich eingeschlagen hatte. Gerade nach den Ereignissen in den letzten Monaten. Und ich stellte auch immer mehr in Frage, ob ich generell der Typ Mensch für ein Studium war. Aber jetzt blieb mir nichts anderes übrig, ich hatte mich aus eigenen Stücken dazu entschieden, das Gymnasium zu besuchen. Und nun, wo ich es bestanden hatte, musste ich doch einfach da anknüpfen. Das erwartete man ja von mir. Wie sähe das nur aus, wenn man die Matura bestanden hatte und sich im Anschluss gegen ein Studium entschied? Welches wären denn die Alternativen? Was wollte ich eigentlich? Und wenn ich mal alle Erwartungen von Aussen aus meinen Gedanken verbannen würde, wie würde mein Lebensweg dann aussehen?
Jemand klopfte mir auf die Schulter und ich wirbelte mit einem erschrockenen Schrei herum. Es war Ylenia, die mich nun besorgt musterte.
„Du bist gerade wieder total abgeschweift, nicht wahr?“
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Dann nickte ich und sah meine beste Freundin an. Wir steckten immer noch mitten in der Masse an Schülern, die ihre kurze Pause nutzten, um bei den Spinden das Schulmaterial für die nächsten Stunden zu holen. Diese wirkten alle so motiviert und ehrgeizig in dem, was sie taten. Wenn sie nur wüssten …
„Stopp“, befahl mir Ylenia sanft. Einmal mehr staunte ich über ihre feinen Antennen und mitfühlende Art, mit der sie mich aus meinen Gedanken holte. Ich seufzte tief, löste meinen Blick von Ylenia und stiess mich von meinem Schrank ab. Dann hob ich die Bücher, die noch immer am Boden lagen, auf und stopfte sie in meine Tasche.
Genervt nahm ich das Geschichtsbuch und die letzten drei Deutschbücher aus meinem Fach. Mein Blick fiel auf das oberste Buch. Es war „Andorra“ vom Schriftsteller Max Frisch. Ein Drama, in dem unter anderem die Identitätsfrage thematisiert wurde. Identität, das war ein gutes Stichwort …
„Solea“, schrie Ylenia über den Lärm der Schüler hinweg.
„Was ist?“, fauchte ich sie an, und hatte im gleichen Moment ein schlechtes Gewissen, sie so angefahren zu haben. Sie meinte es ja nur gut. Aber ich war geladen, gereizt, unruhig und fühlte mich hier in den Schulgängen total unwohl. Ich wollte diese Schule so schnell wie möglich wieder verlassen. Eine leichte Übelkeit breitete sich in meinem Magen aus und ich schluckte. „Tut mir leid“, sagte ich an Ylenia gerichtet. „Hast du was gesagt?“
„Ja … ich habe dich gefragt, ob du jetzt endlich bei der Uni Bern angerufen hast? Gestern war doch Anmeldeschluss, heute müssten die fixen Studentenlisten stehen.“
Ich riss meine Augen auf. Alles, was zuvor noch brodelte in mir, wich einer eiskalten Starre, ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Der Ballon in meiner Brust schrumpfte sofort, jegliche Luft und Spannung entwich ihm. Und wieder klatschten die Bücher auf den Boden. Mit zitternden Händen und pochendem Herzen holte ich mein Handy aus den Tiefen des Spindes und sah auf das Datum im Display, das mir höhnisch ins Auge sprang. Ich drehte mich um, liess meinen Kopf schwer gegen die weisse Fläche knallen, schloss die Augen und liess mich zu Boden gleiten.
„Was ist los?“, hörte ich von rechts. Die Flure leerten sich allmählich. Und in Ylenias Tonfall lag diese warme Empathie und Unvoreingenommenheit, die ich so sehr mochte an ihr. Sie setzte sich vor mich auf den Boden, legte mir eine Hand auf mein Knie und sah mich ruhig und fragend an. Ich blickte ihr in die wunderschönen rehbraunen Augen, die zu der Person gehörten, die in den letzten Jahren wie eine Schwester für mich geworden war. Wir hatten zusammen geweint und gelacht, gestritten und uns wieder versöhnt und uns gegenseitig alles erzählt und anvertraut. Die schrille Glocke, die die nächste Unterrichtslektion ankündigte, liess mich zusammenfahren. Ich schüttelte wie in Zeitlupe den Kopf. Nachdem auch das Echo der Schulglocke verstummt war, antwortete ich leise:
„Ich habe noch nicht angerufen. Ich habe Angst vor der Antwort. Und zwar vor beiden Antworten, die möglich sind.“ Ylenia sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Wieso?“
„Einerseits weiss ich nicht, ob ich schon bereit bin für ein Studium. Andererseits … was soll ich ohne Studium und nur mit einer Maturität machen?“
Es war plötzlich so still in diesem Flur, in dem noch vor zwei Minuten die lernhungrigen Schüler herumtobten wie ein Haufen wild gewordener Hyänen. Ylenia stiess die Luft aus, die sie angehalten hatte. Wenigstens hatte sie noch welche, ich hatte gefühlt keine mehr.
„Ruf doch jetzt an. Ich bin bei dir. Irgendwann musst du es ja tun.“
Sie stand auf, griff in meinen Kasten, holte mein Handy heraus und setzte sich mit diesem neben mich. Sie reichte mir meines, während sie ihr eigenes Handy aus der Tasche fischte und für mich die Nummer der Universität von Bern googelte. Sie diktierte mir die Nummer und ich tippte sie in mein Handy ein, doch bevor ich den Anruf startete, sah ich Ylenia an. Sie nickte mir bestimmt und aufmunternd zu. Also holte ich tief Luft, drückte den grünen Knopf, hielt mir das Handy ans Ohr und wartete darauf, dass mich jemand am anderen Ende der Leitung endlich von meinen inneren Qualen erlösen würde.
„Universität Bern, was kann ich für Sie tun?“, trällerte eine fröhliche, hohe Frauenstimme.
„Hier ist Solea Moreno. Ich stehe noch auf der Warteliste für das Jurastudium, das im August beginnt. Können Sie mir sagen, wie es aussieht?“, leierte ich so schnell wie möglich runter.
„Solea Moreno, einen kleinen Moment bitte, ich schaue nach.“
In der Leitung war Musik zu hören.
„Am liebsten würde ich auflegen“, zischte ich Ylenia zu. Meine Nerven waren zum Zerreissen gespannt, ich zitterte am ganzen Körper. Dann klackte es in der Leitung und die Dame war wieder zurück am Apparat.
„Solea Moreno“, wiederholte sie, „leider konnten wir sie nicht aufnehmen für dieses Jahr, alle Plätze wurden belegt. Sollen wir Sie für das nächste Jahr einschreiben?“
Das Klopfen meines Herzens kam kurz aus dem Takt, ehe es weiter wie wild gegen meine Brust hämmerte. Wie ferngesteuert antwortete ich:
„Nein, danke. Meine erste Wahl wäre sowieso die Universität in Zürich gewesen. Nach Bern hätte ich pendeln müssen oder …“
Ich unterbrach mich selbst. Meine Probleme interessierte sie doch nicht, kein Grund also, dieser fremden Frau mein Herz auszuschütten.
„Ich probiere es dann nochmals in Zürich“, sagte ich schnell. „Danke für die Auskunft, auf Wiederhören.“
Ich legte auf, ohne verstanden zu haben, was die nette Frau der Administration noch sagte oder fragte. Ich lehnte meinen Kopf zurück an die Spinde und schloss die Augen. Ylenias Hand drückte sanft meine Schulter. Es tat gut, jetzt gerade nicht allein zu sein. Alle Anspannung wich aus mir. Alle Ängste und Unsicherheiten flossen gerade langsam davon. Wieso hatte ich mit dieser Absage einen kleinen Hüpfer der Freude tief im Inneren empfunden? Hatte ich innerlich heimlich ebenfalls auf ein „Nein“ gehofft?
„Was willst du jetzt tun?“, fragte Ylenia vorsichtig.
Ich raufte mir die Haare, warf dann meine Hände in die Luft und antwortete resigniert: „Meinen Eltern berichten, dann endlich in die Ferien fliegen und nächstes Jahr mit dem Studium beginnen. Was anderes bleibt mir im Moment nicht übrig, oder?“
Ich griff erneut nach meinem Handy und wählte wieder die Nummer meiner Mutter, die mit meinem Bruder und meinem Vater bereits nach Spanien in die Sommerferien geflogen war. Ich würde morgen nachfliegen und noch zwei Wochen Ferien mit ihnen zusammen verbringen.
„Solea, warum legst du einfach auf?“, fragte meine Mutter aufgebracht und ohne Begrüssung, ich erkannte auch den leicht gekränkten Unterton in ihrer Stimme.
„Ich habe den Platz für das Studium im September nicht bekommen“, brach ich ohne Begrüssung heraus, trocken und nüchtern, ohne jegliche Emotionen. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann fragte meine Mutter:
„Wieso denn nicht?“
„Ich war auf der Warteliste in Bern. Ich schaffte es schlichtweg nicht, gleichzeitig meine Prüfungen zu managen und nach einem Studienplatz zu suchen. Es war mir, neben allem, was sonst noch gelaufen ist, einfach zu viel und zu stressig. Und als ich mich anmelden wollte, waren zu dem Zeitpunkt alle Plätze schon belegt. Die Uni in Bern hat mich als einzige noch auf die Warteliste gesetzt, heute habe ich nachgefragt, aber auch sie haben alle Plätze besetzt.“
Ich verstummte, bevor ich mich um Kopf und Kragen redete. Es brachte nichts, es gab keine Entschuldigung für diese Situation. Es war wieder einen Moment still in der Leitung. Plötzlich lachte meine Mutter.
„Das ist typisch du! Das heisst, du wirst ein Jahr Pause machen, bevor du nächstes Jahr beginnst zu studieren?“
„Habe ich eine andere Wahl?“, fragte ich zynisch mit einem bissigen Unterton.
„Nein“, sagte sie. „Überleg dir aber, was du in diesem Jahr machen wirst. Vielleicht einen Studentenjob, eine Weiterbildung, Kurse oder so, ah, und die Anmeldung fürs Studium, ja! Besser früher als zu spät. Na ja, aber Solea, wegen der Abflugzeiten …“, fuhr sie fort, doch ich unterbrach sie schnell.
„Ich weiss, ich schicke dir die Flugnummer noch per WhatsApp, bis dann!“, sagte ich schnell und legte auf wie schon beim ersten Mal. Ich schnaubte, stand auf und las ein zweites Mal meine Bücher vom Boden auf. Was für ein Bild. Ich identifizierte mich mit den Büchern. Tiefer und unsanfter als auf den hässlichen Linoleumboden im Untergeschoss der Schule konnte man wohl nicht fallen. Dann stopfte ich diese in meine Tasche, zerrte noch meine Sporttasche aus meinem Fach, entfernte das Schloss davor und machte mich ratlos und ausgelaugt auf dem Weg zum Ausgang. Ylenia holte mich rasch ein, legte mir einen Arm um die Schulter und flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr:
„Ich würde das Jahr ausnützen.“
Ich hielt abrupt an. „Wie meinst du das jetzt, Ylenia?“
„Na ja, wir wissen beide, dass du im letzten Jahr über die Grenzen deiner Belastbarkeit hinausgeschossen bist. Und ganz ehrlich, Solea. Hast du in deinem Leben jemals gelebt? Hast du jemals gelebt, ohne an Schule zu denken? Hast du jemals gelebt, ohne an deine Zukunft zu denken?“
Ich sah betreten den Boden an. Wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, diesen grün einzufärben? Grün war eigentlich die Farbe, die für Ruhe, Sicherheit und Vertrauen stand, das ist mir aus dem Bildnerischen Gestalten noch geblieben, als wir uns mit dem Farbkreis und der Bedeutung verschiedener Farben beschäftigt hatten. Aber dieses Grün war richtig dunkel und schmutzig, überall waren braune und graue Streifen mit eingearbeitet. Sollte das Kunst sein? Wenn ja, betrachtete ich es definitiv mit einem anderen Auge als der Künstler selbst. Ylenia räusperte sich kräftig und holte mich damit zurück in den Moment. Sie kannte mich sehr gut und wusste, dass ich nicht selten aus der Realität abschweifte und mich in unlogische, nichts nützende, energieverschwendende Gedanken flüchtete. Ich blickte sie an. Sie ergriff meine Schultern und sah mich ganz bestimmt an. Mit fester, theatralischer Stimme trug sie vor:
„Solea, ich prophezeie dir, dass ein unvergessliches Jahr voller Leben und Marmeladenglasmomenten vor dir liegt. Sobald du durch die Türen dieser Schule treten wirst, wirst du als neuen Menschen geboren und ein neues Leben beginnen. Wer weiss, vielleicht landest du in einer Parallelwelt, so wie die Kinder in den Chroniken von Narnia von Clive Staples Lewis.“
Ich konnte nicht anders und prustete los.
„Übertreib mal nicht, okay?“
Ich setzte mich wieder in Bewegung, Ylenia kam sofort hinterher und rempelte mich spielerisch an.
„Solea, was ich damit sagen möchte: Lerne, das Leben zu geniessen, und entfalte deine Freiheiten.“
Ich stupste zurück und legte ihr dann einen Arm um die Schultern.
„Das werde ich versuchen“, versprach ich ihr und legte einen dankbaren Unterton in meine Stimme. Dann straffte ich die Schultern und stiess zum letzten Mal die schwere Eingangstüre dieses Schulhauses auf. Es ging sicher nicht in eine fantastische Parallelwelt wie Narnia, es ging hinaus auf die Strasse, in die brutale Realität. Ich würde meine Schulzeit nicht vermissen, ich war froh, dass sie zu Ende war. Und während ich hörte, wie die Türe im Hintergrund ins Schloss fiel, fühlte ich, wie ein Teil des Stresses hinter diesen geblieben war. Das liess Platz für ein ganz neues, komisches Gefühl. Ein Gefühl der Erleichterung, der Freude. Darüber, dass ich das Studium verpassen würde? Ich konnte es nicht einordnen. Doch ich beschloss, meinen Gedanken schnell ein Ende zu setzen. Ich würde nun erst mal die Ferien geniessen, mein studienfreies Jahr planen und mich für nächsten Sommer anmelden. Alles halb so wild, die Welt würde sich ja wie gewohnt weiterdrehen. Dass mir das Leben einen Strich durch die Rechnung machen würde und Ylenias Prophezeiung wahr werden könnte, konnte ich noch nicht ahnen, als ich mit ihr zusammen ein gewaltiges Lebenskapitel hinter mir liess.
Ein Jahr Leben
Am nächsten Morgen reiste ich wie vereinbart in die Ferien nach San Javier, eine Gemeinde in der autonomen Region Murcia im Südosten Spaniens. Am Flughafen von Alicante wartete ich erst mal ungeduldig auf meinen Koffer, der natürlich als einer der letzten auf dem Gepäckausgabeband auftauchen würde. Das waren vermutlich die Konsequenzen davon, dass ich immer überpünktlich und als eine der ersten meinen Koffer eincheckte. Während der Wartezeit liess ich meinen Blick umherschweifen. Im Dutyfree, durch das ich gekommen war, dominierten helle, wilde und lebensfrohe Farben. Rot und Gelb, die Farben der spanischen Flagge, waren omnipräsent in den Schlüsselanhängern und Magneten, in den Keksdosen und sogar den Plüschtieren, die verkauft wurden. Vor den Toiletten standen die Frauen Schlange, während es bei den Männern ein geschmeidiges Kommen und Gehen war. Auf den benachbarten Gepäckbändern drehten die Koffer aus Paris, Lissabon und Madrid ihre Runden. Als ich meinen Koffer auf dem Band von Zürich erblickte, hechtete ich hin und riss ihn vom Band. Doch dann stoppte ich mich selber.
„Nicht so hektisch“, flüsterte ich mir zu. Langsam und bewusst, einen Fuss bedächtig vor den anderen setzend lief ich zum Ausgang hin. Dann passierte ich endlich den Zoll, nein, ich hatte nichts anzumelden, grün also. Ich durchquerte die kleine Ankunftshalle des Flughafens und steuerte direkt auf den Ausgang zu. Draussen hielt ich inne. Mehrere Personengruppen warteten gemeinsam mit mir auf ihre Taxis oder diejenigen, die sie abholen würden, und unterhielten sich. Ihre Sprache, die auf mich einprasselte, schoss direkt so warm durch meine Venen wie das Wetter, das mich in diesem Moment in Südostspanien willkommen hiess. Mit dieser Wärme breitete sich ein Gefühl von Zugehörigkeit in mir aus. Es war schön, wieder hier zu sein. Jede Person, dessen Blick ich kreuzte, lächelte mich warm und willkommen an. Meine Mundwinkel zogen sich ebenfalls automatisch hoch und erwiderten die Gesten mit voller Ehrlichkeit. Ich entspannte mich allmählich etwas und sah hoch zum strahlend blauen Himmel, an dem nur vereinzelte süsse, kleine Wolken zu sehen waren. Ich schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonne meiner Heimat auf meinem Gesicht. Jedes Mal, wenn ich in Spanien landete, kehrte ein Stück meiner Seele nach Hause. In Spanien konnte ich viel eher die Person sein, die ich war. Ich konnte hier die südländischen Charakterzüge, die ich von der Familie meines Vaters geerbt hatte, voll und ganz ausleben, ohne anzuecken oder mich erklären zu müssen. Als jemand laut meinen Namen rief, zuckte ich zusammen und schreckte aus meinem schon fast entspannten Zustand hoch. Ich sah mich suchend um und mein Blick blieb an dem silberfarbenen Mietauto hängen, das vor dem Flughafengebäude nur ein paar Meter von mir entfernt parkte. Davor stand meine Mutter in ihrem grellgelben, geblümten Sommerkleid und winkte mich aufgeregt zu sich. Ich setzte mich langsam in Bewegung, doch es konnte ihr gar nicht schnell genug gehen. Sie rannte auf mich zu und schlang ihre Arme um mich. Sie drückte mich fest an sich und verteilte Küsschen auf meiner Wange. Ich kniff die Augen zusammen und zog meine Nase kraus, doch ich liess sie gewähren. Zwei Wochen hatten wir uns nicht gesehen, nur gelegentlich telefoniert oder geschrieben. Ich wusste, wie wichtig dieser Moment für sie war, es fiel ihr noch immer schwer, sich von mir abzulösen und mir meine Freiheiten zu lassen. Nachdem sie mich losgelassen hatte, sah sie mich prüfend und mit einer leichten Besorgnis in ihrem Blick an.
„Mama, mir geht es gut, wirklich!“, versicherte ich ihr, da ich genau wusste, welche Frage sie gleich gestellt hätte.
„Ach, Solea, bist du sicher?“

