Max und die Zauberflöte
EUR 16,95
Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 250
ISBN: 978-3-99146-919-3
Erscheinungsdatum: 23.09.2024
Begleiten sie zwei Waisenkinder in ein waghalsiges Abenteuer. Auf der Suche nach einem Amulett begeben sie sich auf eine phantastische Reise, finden neue Freunde und müssen dabei über sich selbst hinauswachsen, um diese Herausforderung erfolgreich zu meistern!
Prolog
1. Der Fährmann von Mittenburg
Schweren Herzens und mit feuchten Augen stand Tor Olafson am Ufer des Flusses und beobachtete, wie seine Mitarbeiter ein weiteres seiner Fährboote aus dem Wasser zogen. Dabei spielte seine linke Hand unentwegt mit einer alten Münze, die er in seiner Hosentasche trug. Diese hatte ihm einst sein Großvater geschenkt, bevor er seine erste Fahrt mit einer Fähre angetreten hatte.
„Diese Münze wird seit Generationen in unserer Familie weitergegeben“, hatte ihm sein Großvater mit ernster Miene und feierlichen Worten ins Ohr geflüstert. „Ich habe sie als kleiner Junge von meinem Großvater erhalten, bevor ich meine erste Fahrt angetreten habe. Nun ist es an der Zeit, sie an Dich weiterzugeben. Passe gut auf sie auf und trage sie stets bei Dir, wenn Du einen der großen Flüsse überquerst. Dann wird sie Dich beschützen und stets dafür sorgen, dass Du unbeschadet am anderen Ufer ankommen wirst.“
Seitdem trug Tor Olafson die Münze bei sich, wann immer er einen der beiden Flüsse überquerte. Er mochte es, ihre glatte, kühle Oberfläche zwischen seinen Fingern zu spüren und hatte stets ein gutes Gefühl, wenn er sie bei sich trug. So, als könne ihm nichts etwas anhaben. Zwar konnte er nicht abschließend beurteilen, ob die Münze ihn tatsächlich zu beschützen vermochte, doch hatte er in all den Jahren auch nie einen schwereren Unfall mit einem seiner Fährboote erlebt. Und die beiden großen Flüsse, zwischen denen Mittenburg eingeschlossen war, konnten schnell sehr gefährlich werden. Insbesondere, wenn starke Regenfälle sie binnen weniger Minuten zu einem reißenden Strom anschwellen ließen. Allerdings konnte ihn die Münze ganz offenbar nicht vor den Konsequenzen der schwierigen wirtschaftlichen Lage bewahren. Schon seit einiger Zeit gab es nicht mehr genug Passagiere und Waren zum Übersetzen, um die zahlreichen Mittenburger Fährbetriebe auszulasten. Einige kleinere Betriebe hatten daher ihr Geschäft inzwischen ganz einstellen müssen, während die größeren damit begonnen hatten, die Anzahl ihrer Boote zu reduzieren und diese aufs trockene Dock zu setzen. Wie die meisten Mittenburger Fährmänner, hatte Tor Olafson das Geschäft seines Vaters als junger Mann übernommen und seine Flotte seitdem kontinuierlich erweitert. Doch nun brach es ihm das Herz, dabei zusehen zu müssen, wie sein Geschäft vor seinen Augen immer weiter zusammenschmolz.
Lange Zeit hatte Tor Olafson geglaubt, dass die beiden Königreiche für immer eng und freundschaftlich miteinander verflochten bleiben würden. Waren sie doch auf so vielfältige Weise symbiotisch verbunden. So teilten sie sich die Insel Pangea zu fast gleichen Teilen auf. Das Königreich Pan im Norden und das Königreich Gea im Süden. In der Mitte getrennt durch das große Atajar-Gebirge, das mit seinen hohen Bergen und seiner ganz besonderen Form für ein sehr spezielles klimatisches Phänomen sorgte. Denn passierte man das Atajar, kam man trotz der relativ kurzen Strecke in vollkommen anderen klimatischen Verhältnissen heraus. Die Jahreszeiten spiegelten sich, war im Norden Sommer, herrschte im Süden Winter und umgekehrt. Nur in der Stadt Mittenburg, dem Verbindungsstück zwischen den beiden Reichen, herrschte das ganze Jahr über ein recht gleichmäßiges, mildes, ja, fast frühlingshaftes Klima.
In den letzten Jahren hatten sich aber immer mehr Streitigkeiten zwischen den beiden Reichen ergeben. Auch bei scheinbar nebensächlichen Themen konnte man sich nicht mehr einigen. Der heikelste Punkt dabei war unbestreitbar die Zugehörigkeit der autonomen Stadt Mittenburg, in der Tor Olafson sein Fährgeschäft betrieb. Die Stadt selbst lag auf einem Hochplateau, ziemlich genau in der Mitte des Atajar und war in allen Himmelsrichtungen, durch natürliche Gegebenheiten, vom Rest der Insel abgeschnitten. An der westlichen und östlichen Seite durch die steilen, abweisenden Felswände des Gebirges. Im Süden und Norden durch die beiden größten Flüsse der Insel, dem weißen und dem schwarzen Schleifer, die bei Mittenburg in unterschiedlichen Richtungen aneinander vorbeiflossen. Ihre Namen hatten sie sich durch die imposanten Schluchten, die sie im Lauf der Zeit in die Felsen des Bergmassivs gefressen hatten, mehr als verdient. Der weiße Schleifer entsprang im westlichen Teil des Atajar, floss südlich an der Stadt vorbei in Richtung Osten und hatte aufgrund des kalkreichen Gesteins eine helle, weißliche Färbung. Die Quelle des schwarzen Schleifers dagegen lag im östlichen Teil des Gebirges. Er passierte die Stadt im Norden und floss gen Westen. Die kohlereichen Gesteinsschichten, durch die er im Laufe seiner Route floss, verliehen ihm eine dunkle, schwärzliche Farbe.
So lag Mittenburg auf einer Insel, die aber gleichzeitig die mit Abstand kürzeste Verbindung der beiden Königreiche darstellte. Da die anderen Bereiche der Grenze deutlich unzugänglicher und nur schwer zu begehen waren, hatte Mittenburg von jeher als Handelszentrum gedient und so die beiden Reiche auf natürliche Weise miteinander verbunden. Doch inzwischen beanspruchten beide Reiche die Zugehörigkeit der Stadt für sich. Und zum ersten Mal in der Geschichte hatte das nördliche Königreich, zu Beginn dieses Jahres, grenznahe militärische Manöver durchgeführt, die sich nur gegen das südliche Königreich richten konnten. Daraufhin hatte der Süden die Zölle für den Import von Waren aus dem Norden deutlich erhöht und der Norden hatte dies im Gegenzug ebenso getan. Das alles hatte die Beziehungen zwischen den beiden Reichen deutlich abgekühlt. Der Handel hatte immer mehr nachgelassen und war inzwischen fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Inzwischen wurde in einigen Kreisen sogar offen über Krieg gesprochen. Und die zahlreichen Mittenburger Fährmänner waren die Ersten, die darunter zu leiden hatten. Doch waren sie bei Weitem nicht die Einzigen. So litten auch die zahlreichen ortsansässigen Geschäfte, Gastronomen, Hoteliers, Gaukler und Schausteller aller Art sehr darunter, dass immer weniger Händler und Kaufleute durch die Stadt zogen. Zudem hatten viele von ihnen die aufkommende Wirtschaftskrise zu lange ignoriert und waren daher inzwischen hoch verschuldet.
Doch nicht nur die Mittenburger wurden durch die wirtschaftlichen Probleme berührt. Auch die zahlreichen Bewohner der beiden Königreiche waren auf vielfältige Weise davon betroffen. Allen voran diejenigen, die im Bereich der großen Handelsrouten lebten. Aber natürlich auch zahlreiche Fabriken, Manufakturen und Handwerker, die nun keinen Zugang mehr zu den dringend benötigten Handelswaren und Rohstoffen hatten, die aber für den reibungslosen Betrieb unverzichtbar waren. So gab es auch innerhalb der beiden Reiche zunehmend Spannungen und die Armut verbreitete sich überall sehr rasch. Und waren die Bewohner beider Reiche früher weithin bekannt für ihre warmherzige Großzügigkeit, so galten sie inzwischen als argwöhnisch, geizig und habgierig. Was diese Entwicklung verursacht hatte und wie sie gestoppt werden konnte, wusste aber niemand so recht. Die allermeisten Bewohner waren ohnehin viel zu sehr mit ihren alltäglichen Problemen beschäftigt, um dies überhaupt wahrzunehmen.
1. Teil – Max und Calisto
2. Auf zum Sommermarkt
In der Nacht vor der Reise zum großen Sommermarkt konnte Max vor Aufregung kaum schlafen. Er kam nicht oft raus aus dem kleinen Dorf Woodwall, in dem er lebte. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben und sein Vater bereits einige Zeit davor verschwunden, daher wuchs er bei seiner Großmutter mütterlicherseits auf. Dort bestritt er einen sehr gemütlichen Alltagstrott, hauptsächlich bestehend aus Tierpflege, Gartenarbeit, Töpfern, Schnitzen, Lesen und Flötenspielen. Bereits kurz nach Sonnenaufgang verließ Max das Bett, hängte sich seine, an einer Kordel befestigte, Flöte um den Hals und ging hinunter in die Stube. Die Flöte hatte eine ganz eigenartig geschwungene Form und hatte einst seiner Mutter gehört, die aber damit nie besonders viel anfangen konnte. Er spielte schon auf ihr, lange bevor er richtig laufen und sprechen konnte. Von jeher erschien es so, als ob er und die Flöte auf eigentümliche Weise miteinander verschmolzen seien. So trug er sie den ganzen Tag über mit sich herum und spielte auf ihr, wann immer er die Hände frei hatte. Ab nahm er sie nur zum Schlafen und zum Schwimmen.
Unten im Haus angekommen, holte er die alte Teekanne seiner Oma aus dem Regal und stellte sie auf die Anrichte in der Küche. Noch immer musste er den kleinen Schemel verwenden, um das oberste Fach des Regals zu erreichen. Denn für sein Alter war Max ungewöhnlich klein und von schmächtiger, zierlicher, ja, fast zarter Figur. Doch schien ihn das alles nicht zu stören und so gab es nur sehr wenige Situationen und Momente, in denen seine leuchtend grünen Augen nicht vor Freude strahlten. Zufrieden lebte er in seiner ganz eigenen kleinen Welt.
Nachdem Max den alten Holzofen in der Küche angefeuert hatte, ging er hinaus, um frisches Wasser vom Brunnen zu holen, damit seine Oma ihnen damit einen heißen Tee zum Frühstück kochen konnte. Anschließend ging er in den Stall, holte den Esel Albert aus seiner Box und legte ihm das Gespann für den kleinen Fuhrwagen an, den sie bereits in den vergangenen Tagen sorgfältig bepackt und vorbereitet hatten. Als der Esel fertig hergerichtet war, führte er ihn aus dem Stall, was Albert mit fröhlichen Lauten kommentierte. Offenbar freust du dich genauso auf den Ausflug wie ich, dachte Max und ging zurück ins Haus. Dort empfing ihn seine Oma Irma mit einem verschlafenen, aber fröhlichen „Guten Morgen“, während sie frische Pfefferminzblätter aus einem der Blumentöpfe auf der Fensterbank zupfte und in ihre alte Teekanne stopfte. Die Teekanne war für die Oma in etwa das, was die Flöte für Max war. Sie benutzte die Kanne schon seit ihren Kindheitstagen und nahm diese auch stets auf all ihren Reisen mit.
„Du kannst es wohl kaum erwarten, dass es losgeht, was?“, fragte die Oma ohne eine Antwort von Max zu erwarten. „Ich bin im Übrigen heilfroh, dass Du dieses Jahr wieder dabei sein kannst. Es war letztes Jahr ganz schön anstrengend ohne Dich. Ich werde schließlich auch nicht jünger und das Aufbauen und Einrichten des Standes ist mir letztes Jahr doch schon recht schwergefallen. Außerdem wirst Du mit Deiner Flöte bestimmt eine ganze Menge Aufmerksamkeit erregen, was unserem Umsatz bestimmt nicht schaden dürfte. So viele Waren wie letztes Jahr musste ich noch nie wieder mit zurückschleppen.“
Aufgrund einer festsitzenden Erkältung hatte Max im letzten Jahr seine Oma nicht zum Sommermarkt begleiten können, weshalb er dieses Jahr nur umso aufgeregter war. Gerade erst zwölf Jahre alt konnte er sich auch an die letzte Fahrt in die große Stadt, vor zwei Jahren, kaum noch erinnern. Nach einem umfangreichen Frühstück, bei dem die Oma auch noch reichlich Brote für die Reise vorbereitete und einpackte, zogen die beiden den Fuhrwagen aus der Scheune und spannten den Esel davor. Die Fahrt in die südliche Hauptstadt Südeck würde etwa anderthalb Tage in Anspruch nehmen. Ihr Ziel war es, spätestens am frühen Freitagnachmittag vor Ort zu sein, um noch genug Zeit dafür zu haben, den Stand auf Vordermann zu bringen. Am nächsten Morgen wollte man dann für den großen Ansturm bereit sein, der sie mit Beginn des Marktes am Samstagmorgen hoffentlich erwartete.
Zunächst fuhren die beiden mit dem Fuhrwagen ins nahe gelegene Dorf und bogen dort auf die große Straße in Richtung der südlichen Hauptstadt. Die Fahrt verlief ruhig und reibungslos. Am Abend hielten sie an einer Lichtung am Wegesrand. Hier hatten sich bereits andere Reisende versammelt und ihr Nachtlager aufgeschlagen. Die meisten davon waren Händler aus allen möglichen Regionen des Landes. Einige hatten bereits Lagerfeuer angezündet und es herrschte eine ausgelassene, fröhliche Stimmung, bei der es sich Max nicht nehmen ließ, ein wenig auf seiner Flöte zu spielen, während Oma Irma reichlich Tee kochte und an ihre Reise- und Lagergefährten verteilte.
Früh am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort und die beiden erreichten allmählich die Südecker Vororte. Hier begannen Oma Irma die zunehmend verwahrlosten Zustände aufzufallen. Es schien also zu stimmen, was man sagte, nämlich, dass die Wirtschaftskrise sich im letzten Jahr weiter verschlimmert hatte und das Reich in immer größere Not geriet. „Doch nur mit fehlendem Einkommen alleine“, so dachte Oma Irma, „konnte das Ganze nicht erklärt werden.“ Denn es waren auch viele Kleinigkeiten, an dem sich die Verwahrlosung ablesen ließ, die gar nicht vom Geld abhängig waren. Schmutz und Dreck auf den Straßen und Plätzen. Viele Häuser wirkten verfallen und deren Vorgärten ungepflegt und in einem äußerst bedenklichen Zustand. Fensterläden hingen seitlich schief an den Fenstern herunter, obwohl es vermutlich nur einer kleinen Schraube bedurft hätte, um diese wieder instand zu setzen. Und auch die meisten Wege und Straßen waren seit dem letzten Winter nicht mehr repariert worden. So hatte niemand die Löcher, die der Frost aufgerissen hatte, zugeschüttet und sie kamen daher die meiste Zeit nur sehr langsam voran. Doch das Allerschlimmste, so empfand es Oma Irma, waren die vielen verlotterten und ungepflegten Menschen auf der Straße und nicht wenige von ihnen waren Kinder. Einige davon bettelten gar bei den vorbeiziehenden Fuhrwagen nach Almosen. Aufgrund des anstehenden Sommermarktes herrschte auf den Straßen ein reger Verkehr. Allerdings, so schien es Oma Irma, waren nicht so viele Händler unterwegs, wie in den vergangenen Jahren. Überhaupt schien sich seit dem letzten Jahr einiges zum Schlechten gewandelt zu haben. So konnte sie sich nicht daran erinnern, jemals so viel Armut auf ihrer Reise in die südliche Hauptstadt gesehen zu haben. Und es war noch etwas ganz anderes, das in der Luft lag und sie deutlich wahrnehmen konnte: Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit.
Das alles schien Max kaum zu bemerken. Freudestrahlend saß er neben seiner Oma auf dem Bock des Fuhrwagens und trällerte fröhlich auf seiner Flöte vor sich hin. Er genoss die vielen Eindrücke, die bunten Farben, Geräusche und Gerüche sowie die Gesichter der Menschen, die ihnen auf der Fahrt entgegenkamen. Und umso näher sie der Südecker Stadtgrenze kamen, desto mehr davon strömte auf ihn ein. Und als die beiden schließlich die Stadttore passierten, schien Max kurz davor zu sein, vor Freude und Aufregung zu platzen.
Wie in den vergangenen Jahren baute Oma Irma den Marktstand bei ihrer alten Freundin Renate auf, die sie bereits aus Kindheitstagen kannte. Die beiden waren zusammen in dem kleinen Dorf, in dem Oma Irma noch immer wohnte, zur Schule gegangen und stets beste Freundinnen gewesen. Als junge Frau hatte sich Renate in einen Händler aus Südeck verliebt und war zu diesem in die Stadt gezogen. Schließlich hatten die beiden geheiratet und gemeinsam zwei Söhne großgezogen. Vor einigen Jahren war ihr Mann aber verstorben. Und da beide Söhne inzwischen erwachsen und außer Haus waren, hatte Renate den freigewordenen Platz im Haus dazu genutzt, um eine kleine Pension einzurichten, welche insbesondere zu dieser Zeit des Jahres immer gut besucht war. Aber wann immer es ihre Zeit erlaubte, ging Renate ihrer großen Leidenschaft nach, dem Stricken. Gab es in der Pension nichts zu tun, saß sie auf der Bank vor ihrem Haus und klimperte fleißig mit ihren Stricknadeln. Stellte dabei allerlei Mützen, Schals und Pullover her, die sie in dem kleinen Schuppen seitlich des Hauses, in dem früher die Waren für das Geschäft ihres Mannes gelagert waren, anbot und verkaufte. Nach seinem Tod hatte sie aus dem Geschäft im Erdgeschoss einen behaglichen Frühstücks- und Aufenthaltsraum für die Gäste ihrer Pension gemacht.
...
1. Der Fährmann von Mittenburg
Schweren Herzens und mit feuchten Augen stand Tor Olafson am Ufer des Flusses und beobachtete, wie seine Mitarbeiter ein weiteres seiner Fährboote aus dem Wasser zogen. Dabei spielte seine linke Hand unentwegt mit einer alten Münze, die er in seiner Hosentasche trug. Diese hatte ihm einst sein Großvater geschenkt, bevor er seine erste Fahrt mit einer Fähre angetreten hatte.
„Diese Münze wird seit Generationen in unserer Familie weitergegeben“, hatte ihm sein Großvater mit ernster Miene und feierlichen Worten ins Ohr geflüstert. „Ich habe sie als kleiner Junge von meinem Großvater erhalten, bevor ich meine erste Fahrt angetreten habe. Nun ist es an der Zeit, sie an Dich weiterzugeben. Passe gut auf sie auf und trage sie stets bei Dir, wenn Du einen der großen Flüsse überquerst. Dann wird sie Dich beschützen und stets dafür sorgen, dass Du unbeschadet am anderen Ufer ankommen wirst.“
Seitdem trug Tor Olafson die Münze bei sich, wann immer er einen der beiden Flüsse überquerte. Er mochte es, ihre glatte, kühle Oberfläche zwischen seinen Fingern zu spüren und hatte stets ein gutes Gefühl, wenn er sie bei sich trug. So, als könne ihm nichts etwas anhaben. Zwar konnte er nicht abschließend beurteilen, ob die Münze ihn tatsächlich zu beschützen vermochte, doch hatte er in all den Jahren auch nie einen schwereren Unfall mit einem seiner Fährboote erlebt. Und die beiden großen Flüsse, zwischen denen Mittenburg eingeschlossen war, konnten schnell sehr gefährlich werden. Insbesondere, wenn starke Regenfälle sie binnen weniger Minuten zu einem reißenden Strom anschwellen ließen. Allerdings konnte ihn die Münze ganz offenbar nicht vor den Konsequenzen der schwierigen wirtschaftlichen Lage bewahren. Schon seit einiger Zeit gab es nicht mehr genug Passagiere und Waren zum Übersetzen, um die zahlreichen Mittenburger Fährbetriebe auszulasten. Einige kleinere Betriebe hatten daher ihr Geschäft inzwischen ganz einstellen müssen, während die größeren damit begonnen hatten, die Anzahl ihrer Boote zu reduzieren und diese aufs trockene Dock zu setzen. Wie die meisten Mittenburger Fährmänner, hatte Tor Olafson das Geschäft seines Vaters als junger Mann übernommen und seine Flotte seitdem kontinuierlich erweitert. Doch nun brach es ihm das Herz, dabei zusehen zu müssen, wie sein Geschäft vor seinen Augen immer weiter zusammenschmolz.
Lange Zeit hatte Tor Olafson geglaubt, dass die beiden Königreiche für immer eng und freundschaftlich miteinander verflochten bleiben würden. Waren sie doch auf so vielfältige Weise symbiotisch verbunden. So teilten sie sich die Insel Pangea zu fast gleichen Teilen auf. Das Königreich Pan im Norden und das Königreich Gea im Süden. In der Mitte getrennt durch das große Atajar-Gebirge, das mit seinen hohen Bergen und seiner ganz besonderen Form für ein sehr spezielles klimatisches Phänomen sorgte. Denn passierte man das Atajar, kam man trotz der relativ kurzen Strecke in vollkommen anderen klimatischen Verhältnissen heraus. Die Jahreszeiten spiegelten sich, war im Norden Sommer, herrschte im Süden Winter und umgekehrt. Nur in der Stadt Mittenburg, dem Verbindungsstück zwischen den beiden Reichen, herrschte das ganze Jahr über ein recht gleichmäßiges, mildes, ja, fast frühlingshaftes Klima.
In den letzten Jahren hatten sich aber immer mehr Streitigkeiten zwischen den beiden Reichen ergeben. Auch bei scheinbar nebensächlichen Themen konnte man sich nicht mehr einigen. Der heikelste Punkt dabei war unbestreitbar die Zugehörigkeit der autonomen Stadt Mittenburg, in der Tor Olafson sein Fährgeschäft betrieb. Die Stadt selbst lag auf einem Hochplateau, ziemlich genau in der Mitte des Atajar und war in allen Himmelsrichtungen, durch natürliche Gegebenheiten, vom Rest der Insel abgeschnitten. An der westlichen und östlichen Seite durch die steilen, abweisenden Felswände des Gebirges. Im Süden und Norden durch die beiden größten Flüsse der Insel, dem weißen und dem schwarzen Schleifer, die bei Mittenburg in unterschiedlichen Richtungen aneinander vorbeiflossen. Ihre Namen hatten sie sich durch die imposanten Schluchten, die sie im Lauf der Zeit in die Felsen des Bergmassivs gefressen hatten, mehr als verdient. Der weiße Schleifer entsprang im westlichen Teil des Atajar, floss südlich an der Stadt vorbei in Richtung Osten und hatte aufgrund des kalkreichen Gesteins eine helle, weißliche Färbung. Die Quelle des schwarzen Schleifers dagegen lag im östlichen Teil des Gebirges. Er passierte die Stadt im Norden und floss gen Westen. Die kohlereichen Gesteinsschichten, durch die er im Laufe seiner Route floss, verliehen ihm eine dunkle, schwärzliche Farbe.
So lag Mittenburg auf einer Insel, die aber gleichzeitig die mit Abstand kürzeste Verbindung der beiden Königreiche darstellte. Da die anderen Bereiche der Grenze deutlich unzugänglicher und nur schwer zu begehen waren, hatte Mittenburg von jeher als Handelszentrum gedient und so die beiden Reiche auf natürliche Weise miteinander verbunden. Doch inzwischen beanspruchten beide Reiche die Zugehörigkeit der Stadt für sich. Und zum ersten Mal in der Geschichte hatte das nördliche Königreich, zu Beginn dieses Jahres, grenznahe militärische Manöver durchgeführt, die sich nur gegen das südliche Königreich richten konnten. Daraufhin hatte der Süden die Zölle für den Import von Waren aus dem Norden deutlich erhöht und der Norden hatte dies im Gegenzug ebenso getan. Das alles hatte die Beziehungen zwischen den beiden Reichen deutlich abgekühlt. Der Handel hatte immer mehr nachgelassen und war inzwischen fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Inzwischen wurde in einigen Kreisen sogar offen über Krieg gesprochen. Und die zahlreichen Mittenburger Fährmänner waren die Ersten, die darunter zu leiden hatten. Doch waren sie bei Weitem nicht die Einzigen. So litten auch die zahlreichen ortsansässigen Geschäfte, Gastronomen, Hoteliers, Gaukler und Schausteller aller Art sehr darunter, dass immer weniger Händler und Kaufleute durch die Stadt zogen. Zudem hatten viele von ihnen die aufkommende Wirtschaftskrise zu lange ignoriert und waren daher inzwischen hoch verschuldet.
Doch nicht nur die Mittenburger wurden durch die wirtschaftlichen Probleme berührt. Auch die zahlreichen Bewohner der beiden Königreiche waren auf vielfältige Weise davon betroffen. Allen voran diejenigen, die im Bereich der großen Handelsrouten lebten. Aber natürlich auch zahlreiche Fabriken, Manufakturen und Handwerker, die nun keinen Zugang mehr zu den dringend benötigten Handelswaren und Rohstoffen hatten, die aber für den reibungslosen Betrieb unverzichtbar waren. So gab es auch innerhalb der beiden Reiche zunehmend Spannungen und die Armut verbreitete sich überall sehr rasch. Und waren die Bewohner beider Reiche früher weithin bekannt für ihre warmherzige Großzügigkeit, so galten sie inzwischen als argwöhnisch, geizig und habgierig. Was diese Entwicklung verursacht hatte und wie sie gestoppt werden konnte, wusste aber niemand so recht. Die allermeisten Bewohner waren ohnehin viel zu sehr mit ihren alltäglichen Problemen beschäftigt, um dies überhaupt wahrzunehmen.
1. Teil – Max und Calisto
2. Auf zum Sommermarkt
In der Nacht vor der Reise zum großen Sommermarkt konnte Max vor Aufregung kaum schlafen. Er kam nicht oft raus aus dem kleinen Dorf Woodwall, in dem er lebte. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben und sein Vater bereits einige Zeit davor verschwunden, daher wuchs er bei seiner Großmutter mütterlicherseits auf. Dort bestritt er einen sehr gemütlichen Alltagstrott, hauptsächlich bestehend aus Tierpflege, Gartenarbeit, Töpfern, Schnitzen, Lesen und Flötenspielen. Bereits kurz nach Sonnenaufgang verließ Max das Bett, hängte sich seine, an einer Kordel befestigte, Flöte um den Hals und ging hinunter in die Stube. Die Flöte hatte eine ganz eigenartig geschwungene Form und hatte einst seiner Mutter gehört, die aber damit nie besonders viel anfangen konnte. Er spielte schon auf ihr, lange bevor er richtig laufen und sprechen konnte. Von jeher erschien es so, als ob er und die Flöte auf eigentümliche Weise miteinander verschmolzen seien. So trug er sie den ganzen Tag über mit sich herum und spielte auf ihr, wann immer er die Hände frei hatte. Ab nahm er sie nur zum Schlafen und zum Schwimmen.
Unten im Haus angekommen, holte er die alte Teekanne seiner Oma aus dem Regal und stellte sie auf die Anrichte in der Küche. Noch immer musste er den kleinen Schemel verwenden, um das oberste Fach des Regals zu erreichen. Denn für sein Alter war Max ungewöhnlich klein und von schmächtiger, zierlicher, ja, fast zarter Figur. Doch schien ihn das alles nicht zu stören und so gab es nur sehr wenige Situationen und Momente, in denen seine leuchtend grünen Augen nicht vor Freude strahlten. Zufrieden lebte er in seiner ganz eigenen kleinen Welt.
Nachdem Max den alten Holzofen in der Küche angefeuert hatte, ging er hinaus, um frisches Wasser vom Brunnen zu holen, damit seine Oma ihnen damit einen heißen Tee zum Frühstück kochen konnte. Anschließend ging er in den Stall, holte den Esel Albert aus seiner Box und legte ihm das Gespann für den kleinen Fuhrwagen an, den sie bereits in den vergangenen Tagen sorgfältig bepackt und vorbereitet hatten. Als der Esel fertig hergerichtet war, führte er ihn aus dem Stall, was Albert mit fröhlichen Lauten kommentierte. Offenbar freust du dich genauso auf den Ausflug wie ich, dachte Max und ging zurück ins Haus. Dort empfing ihn seine Oma Irma mit einem verschlafenen, aber fröhlichen „Guten Morgen“, während sie frische Pfefferminzblätter aus einem der Blumentöpfe auf der Fensterbank zupfte und in ihre alte Teekanne stopfte. Die Teekanne war für die Oma in etwa das, was die Flöte für Max war. Sie benutzte die Kanne schon seit ihren Kindheitstagen und nahm diese auch stets auf all ihren Reisen mit.
„Du kannst es wohl kaum erwarten, dass es losgeht, was?“, fragte die Oma ohne eine Antwort von Max zu erwarten. „Ich bin im Übrigen heilfroh, dass Du dieses Jahr wieder dabei sein kannst. Es war letztes Jahr ganz schön anstrengend ohne Dich. Ich werde schließlich auch nicht jünger und das Aufbauen und Einrichten des Standes ist mir letztes Jahr doch schon recht schwergefallen. Außerdem wirst Du mit Deiner Flöte bestimmt eine ganze Menge Aufmerksamkeit erregen, was unserem Umsatz bestimmt nicht schaden dürfte. So viele Waren wie letztes Jahr musste ich noch nie wieder mit zurückschleppen.“
Aufgrund einer festsitzenden Erkältung hatte Max im letzten Jahr seine Oma nicht zum Sommermarkt begleiten können, weshalb er dieses Jahr nur umso aufgeregter war. Gerade erst zwölf Jahre alt konnte er sich auch an die letzte Fahrt in die große Stadt, vor zwei Jahren, kaum noch erinnern. Nach einem umfangreichen Frühstück, bei dem die Oma auch noch reichlich Brote für die Reise vorbereitete und einpackte, zogen die beiden den Fuhrwagen aus der Scheune und spannten den Esel davor. Die Fahrt in die südliche Hauptstadt Südeck würde etwa anderthalb Tage in Anspruch nehmen. Ihr Ziel war es, spätestens am frühen Freitagnachmittag vor Ort zu sein, um noch genug Zeit dafür zu haben, den Stand auf Vordermann zu bringen. Am nächsten Morgen wollte man dann für den großen Ansturm bereit sein, der sie mit Beginn des Marktes am Samstagmorgen hoffentlich erwartete.
Zunächst fuhren die beiden mit dem Fuhrwagen ins nahe gelegene Dorf und bogen dort auf die große Straße in Richtung der südlichen Hauptstadt. Die Fahrt verlief ruhig und reibungslos. Am Abend hielten sie an einer Lichtung am Wegesrand. Hier hatten sich bereits andere Reisende versammelt und ihr Nachtlager aufgeschlagen. Die meisten davon waren Händler aus allen möglichen Regionen des Landes. Einige hatten bereits Lagerfeuer angezündet und es herrschte eine ausgelassene, fröhliche Stimmung, bei der es sich Max nicht nehmen ließ, ein wenig auf seiner Flöte zu spielen, während Oma Irma reichlich Tee kochte und an ihre Reise- und Lagergefährten verteilte.
Früh am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort und die beiden erreichten allmählich die Südecker Vororte. Hier begannen Oma Irma die zunehmend verwahrlosten Zustände aufzufallen. Es schien also zu stimmen, was man sagte, nämlich, dass die Wirtschaftskrise sich im letzten Jahr weiter verschlimmert hatte und das Reich in immer größere Not geriet. „Doch nur mit fehlendem Einkommen alleine“, so dachte Oma Irma, „konnte das Ganze nicht erklärt werden.“ Denn es waren auch viele Kleinigkeiten, an dem sich die Verwahrlosung ablesen ließ, die gar nicht vom Geld abhängig waren. Schmutz und Dreck auf den Straßen und Plätzen. Viele Häuser wirkten verfallen und deren Vorgärten ungepflegt und in einem äußerst bedenklichen Zustand. Fensterläden hingen seitlich schief an den Fenstern herunter, obwohl es vermutlich nur einer kleinen Schraube bedurft hätte, um diese wieder instand zu setzen. Und auch die meisten Wege und Straßen waren seit dem letzten Winter nicht mehr repariert worden. So hatte niemand die Löcher, die der Frost aufgerissen hatte, zugeschüttet und sie kamen daher die meiste Zeit nur sehr langsam voran. Doch das Allerschlimmste, so empfand es Oma Irma, waren die vielen verlotterten und ungepflegten Menschen auf der Straße und nicht wenige von ihnen waren Kinder. Einige davon bettelten gar bei den vorbeiziehenden Fuhrwagen nach Almosen. Aufgrund des anstehenden Sommermarktes herrschte auf den Straßen ein reger Verkehr. Allerdings, so schien es Oma Irma, waren nicht so viele Händler unterwegs, wie in den vergangenen Jahren. Überhaupt schien sich seit dem letzten Jahr einiges zum Schlechten gewandelt zu haben. So konnte sie sich nicht daran erinnern, jemals so viel Armut auf ihrer Reise in die südliche Hauptstadt gesehen zu haben. Und es war noch etwas ganz anderes, das in der Luft lag und sie deutlich wahrnehmen konnte: Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit.
Das alles schien Max kaum zu bemerken. Freudestrahlend saß er neben seiner Oma auf dem Bock des Fuhrwagens und trällerte fröhlich auf seiner Flöte vor sich hin. Er genoss die vielen Eindrücke, die bunten Farben, Geräusche und Gerüche sowie die Gesichter der Menschen, die ihnen auf der Fahrt entgegenkamen. Und umso näher sie der Südecker Stadtgrenze kamen, desto mehr davon strömte auf ihn ein. Und als die beiden schließlich die Stadttore passierten, schien Max kurz davor zu sein, vor Freude und Aufregung zu platzen.
Wie in den vergangenen Jahren baute Oma Irma den Marktstand bei ihrer alten Freundin Renate auf, die sie bereits aus Kindheitstagen kannte. Die beiden waren zusammen in dem kleinen Dorf, in dem Oma Irma noch immer wohnte, zur Schule gegangen und stets beste Freundinnen gewesen. Als junge Frau hatte sich Renate in einen Händler aus Südeck verliebt und war zu diesem in die Stadt gezogen. Schließlich hatten die beiden geheiratet und gemeinsam zwei Söhne großgezogen. Vor einigen Jahren war ihr Mann aber verstorben. Und da beide Söhne inzwischen erwachsen und außer Haus waren, hatte Renate den freigewordenen Platz im Haus dazu genutzt, um eine kleine Pension einzurichten, welche insbesondere zu dieser Zeit des Jahres immer gut besucht war. Aber wann immer es ihre Zeit erlaubte, ging Renate ihrer großen Leidenschaft nach, dem Stricken. Gab es in der Pension nichts zu tun, saß sie auf der Bank vor ihrem Haus und klimperte fleißig mit ihren Stricknadeln. Stellte dabei allerlei Mützen, Schals und Pullover her, die sie in dem kleinen Schuppen seitlich des Hauses, in dem früher die Waren für das Geschäft ihres Mannes gelagert waren, anbot und verkaufte. Nach seinem Tod hatte sie aus dem Geschäft im Erdgeschoss einen behaglichen Frühstücks- und Aufenthaltsraum für die Gäste ihrer Pension gemacht.
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