Wohlstand und Zufriedenheit fallen nicht vom Himmel
Jeder ist seines Glückes Schmied
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 198
ISBN: 978-3-99146-769-4
Erscheinungsdatum: 28.05.2024
Was kann der Einzelne für eine funktionierende Gesellschaft und die eigene Zufriedenheit tun? Welche Herausforderungen gilt es, in einer immer komplexer werdenden Welt zu meistern? Ludger Wentingmann beleuchtet diese Fragen von vielen Seiten und gibt Antworten.
Der Mensch, ein individueller Akteur, auf vielen Wegen unterwegs
Vor einigen Jahren war ich mit der Familie über Ostern im Allgäu. Am Ostersonntag, bei herrlichem Sonnenschein und blauem Himmel, sind wir mit einer Gondel auf den Breitenberg hochgefahren. Je höher wir kamen, umso mehr wurden unsere Blicke durch tiefziehende Wolken versperrt. Am Stationsende der geschlossenen Gondel ging es mit einem Sessellift den Berg weiter hinauf. Am Ende, beim Ausstieg, immer noch Wolkennebel. Zur Berghütte auf dem Berggipfel ging es nur zu Fuß auf einem schmalen und verschneiten Weg mit starken Steigungen. Spaß machte das nicht mehr. Doch wir wollten unser Ziel, die kleine Gastronomie auf dem Gipfel, erreichen. Etwas unterhalb des Gipfels wurden wir mit Sonnenschein, einem blauen Himmel und weitem Rundblick über den Wolken belohnt. Da erinnerte ich mich an den Song von Reinhard Mey: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“
Rückblickend für mich eine Erfahrung, dass es sich lohnt, ein Ziel zu haben und nicht zu resignieren, auch wenn es anstrengend ist. Ja, für vieles im Leben und insbesondere für Entscheidungen ist es von Vorteil, einen ungetrübten Blick, eine klare Sicht der Dinge zu haben. Mit etwas Abstand, auch zeitlich gesehen, gelingt das besser. Extreme Emotionen oder sogenannte Schnellschüsse können so vermieden werden. Abwarten und etwas sacken lassen ist in der heutigen schnelllebigen Welt in sehr vielen Bereichen nicht mehr die Regel beziehungsweise wird zunehmend weniger akzeptiert.
Die deutschen ISS-Astronauten Alexander Gerst und Matthias Mauerer hatten einen optimalen Weitblick aus dem All auf unseren Planeten Erde. Und das mehrmals täglich. Sie berichten über die sichtbaren, zum Teil sehr dramatischen Veränderungen unseres Lebensraums. Aus der Distanz und mit freiem Blick von oben sind Wahrnehmungen ungetrübte Fakten, denen wir nicht ausweichen können. Ein „Weiter so“ wird häufig aus Gewohnheit und Bequemlichkeit bevorzugt. Das hat früher oder später Folgen, die sehr massiv und schmerzlich sein können. Rückschläge, Krisen und Chaossituationen haben viele Gesichter und niemand kann ihnen letztlich aus dem Wege gehen. Menschen mit einer eher pessimistischen Lebenseinstellung gelingt eine Wendung zum Besseren nicht so gut. Optimismus, Mut und Tatkraft sind persönliche Stärken, die jeder für ein besseres Leben nutzen kann. Doch die Mentalitäten bei uns Menschen sind sehr verschieden, mit individuellen Einflüssen für Erfolg und Glück im Leben. Im Miteinander, mit dem „Du“, können Schwächen zu Stärken gewandelt werden. Es ist die Solidarität, die Menschen insbesondere in schweren Krisenzeiten zusammenschweißt und zu enormen Leistungen beflügelt.
Man muss kein Hellseher sein, um die Veränderungen für unseren Lebensraum zu erkennen. Als Erstes braucht es Interesse und den ernsthaften Willen, mit den jeweils eigenen Fähigkeiten und Ressourcen wahrzunehmen, was gut oder schlecht läuft. Egal ob im Privatbereich oder in unserer Gesellschaft beziehungsweise im Kontext der ganzen Weltbevölkerung. Der Blick auf Fakten und Entwicklungen, nicht mit der rosaroten Brille, sondern mit Wahrheit und Klarheit, realitätsbezogen. Und nicht mit Ausreden oder Resignation: „Was kann ich als Einzelner, als kleines Rädchen im großen Weltgetriebe schon ausrichten?“ Mit Wegsehen und Schweigen bleibt der Einzelne eher machtlos. Es braucht Verbündete, die ein Mahnen und Klagen hören. Die in Schweden begonnene Bewegung „Fridays for Future“ mit der starken, mahnenden Stimme von Greta Thunberg hat weltweit eine regelrechte Lawine im positiven Sinne erzeugt. Ein Umdenken der Menschen bezüglich unseres Lebensraumes Erde ist am Wachsen. Das Anliegen von Fridays for Future wird als notwendig und richtig gesehen; doch in der täglichen Verhaltensänderung gibt es noch viel zu tun.
Seit meiner Jugend hatte ich immer den Drang, etwas in unserer Gesellschaft mitzugestalten und, wenn notwendig, zu verändern. Ich wollte nicht schweigen, wenn etwas schieflief oder ungerecht war. Für die Diskussion und Konfrontation mit anderen Meinungen fehlte mir in jungen Jahren häufig der Mut zum Durchhalten. Da spielten wohl meine strenge Erziehung im Elternhaus und meine Verhaltensmentalität eine Rolle. Später, bei einem Führungskräfteseminar der Bank, bestätigte mir der Moderator und Psychologe mein großes Harmoniebedürfnis, das mich tendenziell eher friedlich und zurückhaltend sein ließ. Darüber habe ich lange nachgedacht und mir vorgenommen, mich hier weiterzuentwickeln und auch manches einfach mal auszuprobieren. Mit den Jahren lernte ich, dass es die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erwartungen braucht, um Klarheit und Fortschritt zu erreichen. Das machte mir Mut und stärkte mein Selbstbewusstsein. Für mein Engagement im Beruf, in Vereinen, in der katholischen Kirche als Diakon und in der Kommunalpolitik war mir stets wichtig, dass es sich lohnt, seine eigenen Ideen und Beiträge einzubringen und im Miteinander letztlich gute Lösung zu finden.
Fehler zu machen, war mir nicht mehr peinlich. Mir wurde bewusst, dass Fehlermachen sehr menschlich ist. Einen Fehler offen, ohne Verdrängungstaktik, zuzugeben, ist persönliche Stärke und nicht Schwäche. Deshalb habe ich immer bewusst über meine Fehler gesagt: „Ich entschuldige mich und biete Wiedergutmachung an.“ Dafür habe ich stets eine positive Anerkennung bekommen. Die häufig gebrauchte Wendung „Ich bitte um Entschuldigung“ ist eine Bitte um Nachsicht und Vergebung. Oder anders ausgedrückt: „Seid bitte gnädig mit mir.“ Eine Bitte an andere, die ja nicht schuldig geworden sind, werden zum Handeln aufgefordert. Auch wenn es nur darum geht, zugegebene Fehler anderer zu akzeptieren. Wo schwere Fehler grob fahrlässig oder sogar bewusst begangen werden, bleibt die Verantwortung für Konsequenzen jedoch stets beim Verursacher. Das heißt Wiedergutmachung, sofern möglich. Beispielsweise von einem Amt oder einer Leitungsposition rechtzeitig zurücktreten und auf eine Abfindungszahlung verzichten. Und bei großen Vergehen gerichtliche Verurteilung mit entsprechenden Strafen akzeptieren. Hier dürfen wir, anders als in Diktaturen oder autokratisch geführten Staaten, auf unsere Gerichtsbarkeit stolz sein.
Manchmal muss man einfach etwas Neues ausprobieren und wenn erforderlich auch mal einen Schritt zurück machen. Wer behauptet, er mache keine Fehler, der hat sich weggeduckt oder versteckt sich hinter anderen. Mit Kreativität und Mut sowie Unterstützung in einem Team können Missstände vermieden werden und Fortschritte gelingen. Mir selbst ist dabei klar: Ich muss mich mit den Fakten und Argumenten vertraut machen und mögliche Folgewirkungen in Erwägung ziehen. Aus der Vorbereitung von Kreditentscheidungen in der Bank kenne ich die Phasen „Faktenklärung/Analyse“ sowie „Perspektiven“ mit Darstellung von Szenarien von best case bis worst case. Ich habe mir angewöhnt, die Faktenlage genau zu betrachten und nicht mit Schnellschüssen Zustimmung oder Ablehnung zu verkünden. Im heutigen Alltag mit Kommunikation über E-Mail oder WhatsApp wird prompte Rückmeldung erwartet. Mit etwas Geduld und Nachdenken steigt der Nachhaltigkeitswert von Entscheidungen. Den Erwartungen von Mail- und WhatsApp-Sendern bezüglich einer umgehenden Rückmeldung sollte nicht immer sofort gefolgt werden. Eine kurze Zwischennachricht wie „Ich werde das noch prüfen oder klären und melde mich dann“ ist für die Kommunikation und in der Sache förderlich.
Mit Eintritt in das Rentenalter ist mein Interesse an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen weiter gewachsen. Plakativ von der Politik verkündete Milliardenbeträge relativieren sich, wenn ich die Summen auf ein Jahr und auf betroffene Bürger umrechne. Als Banker habe ich immer mit Zahlen zu tun gehabt und das Analysieren und Bewerten von Fakten gehörte zu meiner täglichen Arbeit. Aus beispielsweise mehrjährig zusammengefassten Steuerentlastungen werden, relativiert, häufig Peanuts für die betroffenen Bürger. Unsere moderne Gesellschaft hat sich darauf eingerichtet, möglichst plakativ, ohne viele Details, öffentlich Wirkung zu erzielen. Das führt zu Fehleinschätzungen und früher oder später zu großen Enttäuschungen.
Journalisten bevorzugen Schlagzeilen, die beim Leser wirken, aber wenig Konkretes vermitteln. Im nachstehenden, klein gedruckten Text lese ich dann, wer welche Äußerung getan hat oder wer wem widerspricht. Streit, Falscheinschätzungen oder Fehlverhalten beherrschen unsere Nachrichten. Wir Menschen sind primär für das Negative empfänglich. Etwa nach dem Motto: Andere sind nicht gut. Das beklagt schon Jesus in der Bibel „Du siehst den Splitter im Auge deines Nächsten, aber nicht den Balken in deinem Auge.“ Ein menschlicher Mechanismus, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen. Nach dem Motto „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?“
Unsere Gesellschaft braucht keinen Wettbewerb um Popularität oder ein Ranking in der Beliebtheitsskala. Wir brauchen Politiker*innen und Interessenvertretungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die angesichts der massiven Nachhaltigkeitsprobleme von Klima, Hunger, Krieg etc. nichts beschönigen und konstruktiv und ehrlich nach guten Lösungen suchen. Der Mensch kann sich hierfür oder dafür entscheiden. Die individuelle Verantwortung für mögliche Folgen bleibt. Sowohl für den Einzelnen als auch für das gemeinschaftliche Miteinander.
Menschen sehen ihr „Ich“ und brauchen täglich auch das „Du“
Täglich werden wir alle damit konfrontiert, dass diese Welt weder gerecht noch perfekt ist. Die Nachrichten in den Printmedien sowie in Rundfunk und Fernsehen bringen tagtäglich in einer noch nie dagewesenen Vielfalt und Transparenz das Weltgeschehen in unsere Wohnzimmer. Ein Bierchen, ein Glas Wein mit den rituellen Knabbereien schmecken uns vor dem Fernseher trotz all der negativen Schlagzeilen recht gut. Bilder von zerstörten Städten wie seit Jahren beispielsweise in Syrien und ab dem 24.02.2022 in der europäischen Ukraine oder in anderen Kriegsgebieten dieser Erde sind uns sehr vertraut. Erst durch die intensiven Flüchtlingsströme in das vermeintliche Paradies Deutschland 2015 und jetzt im Jahr 2022 aus der Ukraine berühren uns die Nöte der Kriegsflüchtlinge auch persönlich. Plötzlich ist das Leid nicht mehr fern von uns, sondern durch Menschen in unserer Nähe präsent. Es geht uns zu Herzen. Auch die täglichen Nachrichten und Bilder im Juli 2021 über die dramatischen Zerstörungen durch die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz mit vielen Toten und Sachschäden in Höhe mehrerer Milliarden machten betroffen und führten zu einer großen, teils spontanen Solidarität. Immer dann, wenn die Not anderer Menschen uns hautnah berührt, spüren wir Empathie und die Bereitschaft zur Hilfe. Krisen und Notlagen verbinden Menschen und stärken in der Gemeinschaft den Willen und die Tatkraft.
Häufig im Leben wird auch der bequemere Weg mit Wegschauen und Verdrängen gewählt. Manchmal aus der Sorge um die eigene Überforderung. Ich erlebe auch die Haltung „Was geht mich das an?“ Eine egoistische Haltung und ein Ausblenden der Mitverantwortung für das Gelingen von Gemeinschaft und Solidarität. Motiv ist möglicherweise auch die eigene Unzufriedenheit oder eine resignative Lebenseinstellung. Wird aber selbst eine Hilflosigkeit erfahren, ist das Geschrei recht groß.
Losgelöst von den lebhaften Diskussionen über die motivierende Botschaft der Kanzlerin Angela Merkel im Herbst 2015 („Wir schaffen das“), zeigten Bürger und Bürgerinnen ihre Verantwortung in dieser globalen Welt. Sie praktizierten einfach Menschlichkeit. Ein Bedürfnis, das tief in jedem von uns verankert ist. Es geht um anerkennende Wertschätzung. Und dazu brauchen wir das menschliche Gegenüber. Oder anders ausgedrückt, wir wollen in unserer Persönlichkeit respektiert und geliebt werden. Das gilt für jede zwischenmenschliche Beziehung. Es schmerzt schon sehr, wenn die urmenschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Jeder Mensch ist ein Individuum mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Ecken und Kanten. Letztere empfinden wir oft als ärgerlich, ja manchmal können sie auch sehr verletzend sein. Stärken, die mit Arroganz und Dominanz von außen auf uns einwirken, bringen uns schon mal zur Irritation, zur Einschüchterung oder gar zur Wut.
Ich erinnere mich an das Sprichwort „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Mir ist klar, wenn Entscheidungen getroffen, Lösungen gefunden oder etwas erarbeitet wird, dann gibt es keine Garantie für Erfolg und Perfektion. Der Anspruch ist da, doch wer kann ihn auch erfüllen? Kein Mensch auf dieser Erde ist vollkommen. Die menschliche Begrenztheit und das eigene Schwächeln in unterschiedlichsten Facetten erfahren wir doch irgendwie jeden Tag. Da ist der heutige, moderne Mensch weder besser noch schlechter als alle Generationen vor uns. Immer wieder sind unser Reden sowie das Tun mit dem Makel des Unperfekten behaftet. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Menschen sind beispielsweise vergesslich und machen aus vielerlei Gründen Fehler. Eines der größten Schwächepotenziale erlebe ich in der Kommunikation mit unserem Reden, Denken und Handeln. Es sind unsere Emotionen, die Kommunikation und das Miteinander wesentlich mitbestimmen. Das Reden über Gefühle ist selbst schon eine riesige Überwindung. Da begleitet uns die Angst, wir könnten missverstanden oder gar ausgelacht werden. Das möchte niemand. So werden Mechanismen genutzt wie Ausreden, Lüge, Schweigen, Thema wechseln, Belächeln oder auch das Betrachten durch einer rosaroten Brille. Das gibt dann Schutz nach außen, zumindest in der aktuellen Situation. Die Gefühlslage nach innen mag für den Augenblick beruhigt sein. Doch alles, was unterdrückt wird, kommt früher oder später wieder an die Oberfläche und dann in stärkerer Potenz.
Der Philosoph und Buchautor Richard David Precht sagte 2011 in einem WDR-Talk:
„Der Mensch ist ein unglaublich anpassungsfähiges Tier. Aber er ist auch in der Lage, sich selbst unglaublich gut in die Tasche zu lügen. Das ist eine Fähigkeit, die den Menschen von allen Tieren unterscheidet. Kein Tier beherrscht die doppelte Buchführung in Sachen Moral so gut wie der Mensch. Das heißt, wir krücken (lügen) und räumen uns die Welt zurecht, indem wir uns mit anderen immer wieder vergleichen und wir sie für schlechter halten als uns selbst. Und dann sind wir auf einmal wieder sehr viel besser als andere.“
Die menschliche Unvollkommenheit wirkt sowohl nach innen als auch nach außen. Wie oft bereuen wir unberechtigte Vorwürfe oder unser fehlerhaftes Handeln. Wir ärgern uns über uns selbst und tun uns doch schwer, unser Fehlverhalten offen zuzugeben. Stattdessen Ablenkung mit Fokussierung auf Schwächen anderer. Gefühle wie Neid oder Missgunst spielen im Zusammenleben offen oder unterschwellig sehr oft eine Rolle. Wir fühlen uns benachteiligt. Ein Arbeitskollege erzählte mir einmal, dass sein Sohn eines Tages begeistert von seinem Freund nach Hause kam und berichtete: „Papa, die Eltern von Michael, die sind richtig reich und fahren einen Porsche.“ Der Vater habe darauf erwidert: „Du siehst den Porsche und das ist ein großartiges Auto. Du kannst aber nicht sehen, ob der Porsche nur geliehen oder mit Schulden gekauft wurde.“ Menschen schauen immer zuerst auf das, was wir mit den Augen wahrnehmen können. Viele andere Dinge im Hintergrund bleiben unsichtbar. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass wir uns blenden lassen.
In der Bank habe ich Kunden kennengelernt, die wirklich reich waren, die sich aber äußerlich bescheiden zeigten. Umgekehrt sind mir auch Kunden begegnet, die sich verschuldeten, nur um nach außen mit etwas Luxus angegeben zu können. Der Wert einer Person ist niemals mit dem messbar, was er ist oder was er hat. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur mein Gesicht. Damit kann ich zufrieden oder eben auch unzufrieden sein. Das hängt von meinen Erwartungen und Wünschen ab. Diese werden auch durch Vergleiche mit anderen Personen geprägt. Ein gewisses Maß an Bescheidenheit und Dankbarkeit fürs Leben fördern eher unsere Glücksempfindungen. Aus einer so gewonnenen Rundumzufriedenheit kann es mir auch gelingen, insgesamt etwas gelassener zu sein. In den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, dass viele äußerliche Wohlstandssymbole für mich nicht mehr so wichtig sind. So sehe ich das Auto nur noch als einen praktischen Gebrauchsgegenstand. Das regelmäßige Autowaschen und Polieren der glänzenden Chromleisten ist längst Vergangenheit. Beim Einkaufen frage ich mich oft: Brauche ich das oder ist es für mich nicht so wichtig? Früher folgte ich allen Einladungen, weil ich meinte, dass ich dabei sein müsste. An meinem 50. Geburtstag fragte mich mein Chef in der Bank, ob sich denn für mich jetzt etwas ändere. Ich sagte mit einer inneren Gelassenheit: „Jetzt kann ich sagen, was ich denke und was mir wichtig ist.“ Ergänzend sagte ich: „Okay, ich darf natürlich niemanden persönlich angreifen oder beleidigen.“ Respektvoll und achtsam mit sich selbst sowie mit anderen umzugehen, ist ein hoher Anspruch und in der Wirklichkeit des Alltages nie perfekt zu erreichen. Schon das Wissen und das Bemühen darum sind ein guter Weg.
Mit all diesen Themen sind wir privat und beruflich unterwegs. In meinem Berufsleben als Kreditberater wurde ich nicht nur mit den Fakten konfrontiert, sondern immer auch mit den Menschen, die ich häufig über viele Jahre betreut habe. Die Zahlen für oder gegen die Bereitstellung eines Kredites waren für mich immer nur eine Seite der Medaille. Der Mensch und seine Bedürfnisse, soweit die Bank sie erfüllen konnte, standen für mich immer mit im Vordergrund. Gewiss hatte ich auch die Zielvorgaben meines Arbeitgebers stets im Auge. Mein Weg zur Zielerfüllung war nicht das rhetorische Verkaufsgespräch, sondern die offene und faire partnerschaftliche Beziehung. Aus diesem sehr lebendigen und vertrauensvoll geprägten Miteinander konnte ich für meine Kunden und für die Bank über viele Jahre recht erfolgreich tätig sein. Und über Erfolge habe ich mich selbst natürlich auch sehr gefreut. Das stärkte dann auch meine Motivation und Zufriedenheit.
Vor einigen Jahren war ich mit der Familie über Ostern im Allgäu. Am Ostersonntag, bei herrlichem Sonnenschein und blauem Himmel, sind wir mit einer Gondel auf den Breitenberg hochgefahren. Je höher wir kamen, umso mehr wurden unsere Blicke durch tiefziehende Wolken versperrt. Am Stationsende der geschlossenen Gondel ging es mit einem Sessellift den Berg weiter hinauf. Am Ende, beim Ausstieg, immer noch Wolkennebel. Zur Berghütte auf dem Berggipfel ging es nur zu Fuß auf einem schmalen und verschneiten Weg mit starken Steigungen. Spaß machte das nicht mehr. Doch wir wollten unser Ziel, die kleine Gastronomie auf dem Gipfel, erreichen. Etwas unterhalb des Gipfels wurden wir mit Sonnenschein, einem blauen Himmel und weitem Rundblick über den Wolken belohnt. Da erinnerte ich mich an den Song von Reinhard Mey: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“
Rückblickend für mich eine Erfahrung, dass es sich lohnt, ein Ziel zu haben und nicht zu resignieren, auch wenn es anstrengend ist. Ja, für vieles im Leben und insbesondere für Entscheidungen ist es von Vorteil, einen ungetrübten Blick, eine klare Sicht der Dinge zu haben. Mit etwas Abstand, auch zeitlich gesehen, gelingt das besser. Extreme Emotionen oder sogenannte Schnellschüsse können so vermieden werden. Abwarten und etwas sacken lassen ist in der heutigen schnelllebigen Welt in sehr vielen Bereichen nicht mehr die Regel beziehungsweise wird zunehmend weniger akzeptiert.
Die deutschen ISS-Astronauten Alexander Gerst und Matthias Mauerer hatten einen optimalen Weitblick aus dem All auf unseren Planeten Erde. Und das mehrmals täglich. Sie berichten über die sichtbaren, zum Teil sehr dramatischen Veränderungen unseres Lebensraums. Aus der Distanz und mit freiem Blick von oben sind Wahrnehmungen ungetrübte Fakten, denen wir nicht ausweichen können. Ein „Weiter so“ wird häufig aus Gewohnheit und Bequemlichkeit bevorzugt. Das hat früher oder später Folgen, die sehr massiv und schmerzlich sein können. Rückschläge, Krisen und Chaossituationen haben viele Gesichter und niemand kann ihnen letztlich aus dem Wege gehen. Menschen mit einer eher pessimistischen Lebenseinstellung gelingt eine Wendung zum Besseren nicht so gut. Optimismus, Mut und Tatkraft sind persönliche Stärken, die jeder für ein besseres Leben nutzen kann. Doch die Mentalitäten bei uns Menschen sind sehr verschieden, mit individuellen Einflüssen für Erfolg und Glück im Leben. Im Miteinander, mit dem „Du“, können Schwächen zu Stärken gewandelt werden. Es ist die Solidarität, die Menschen insbesondere in schweren Krisenzeiten zusammenschweißt und zu enormen Leistungen beflügelt.
Man muss kein Hellseher sein, um die Veränderungen für unseren Lebensraum zu erkennen. Als Erstes braucht es Interesse und den ernsthaften Willen, mit den jeweils eigenen Fähigkeiten und Ressourcen wahrzunehmen, was gut oder schlecht läuft. Egal ob im Privatbereich oder in unserer Gesellschaft beziehungsweise im Kontext der ganzen Weltbevölkerung. Der Blick auf Fakten und Entwicklungen, nicht mit der rosaroten Brille, sondern mit Wahrheit und Klarheit, realitätsbezogen. Und nicht mit Ausreden oder Resignation: „Was kann ich als Einzelner, als kleines Rädchen im großen Weltgetriebe schon ausrichten?“ Mit Wegsehen und Schweigen bleibt der Einzelne eher machtlos. Es braucht Verbündete, die ein Mahnen und Klagen hören. Die in Schweden begonnene Bewegung „Fridays for Future“ mit der starken, mahnenden Stimme von Greta Thunberg hat weltweit eine regelrechte Lawine im positiven Sinne erzeugt. Ein Umdenken der Menschen bezüglich unseres Lebensraumes Erde ist am Wachsen. Das Anliegen von Fridays for Future wird als notwendig und richtig gesehen; doch in der täglichen Verhaltensänderung gibt es noch viel zu tun.
Seit meiner Jugend hatte ich immer den Drang, etwas in unserer Gesellschaft mitzugestalten und, wenn notwendig, zu verändern. Ich wollte nicht schweigen, wenn etwas schieflief oder ungerecht war. Für die Diskussion und Konfrontation mit anderen Meinungen fehlte mir in jungen Jahren häufig der Mut zum Durchhalten. Da spielten wohl meine strenge Erziehung im Elternhaus und meine Verhaltensmentalität eine Rolle. Später, bei einem Führungskräfteseminar der Bank, bestätigte mir der Moderator und Psychologe mein großes Harmoniebedürfnis, das mich tendenziell eher friedlich und zurückhaltend sein ließ. Darüber habe ich lange nachgedacht und mir vorgenommen, mich hier weiterzuentwickeln und auch manches einfach mal auszuprobieren. Mit den Jahren lernte ich, dass es die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erwartungen braucht, um Klarheit und Fortschritt zu erreichen. Das machte mir Mut und stärkte mein Selbstbewusstsein. Für mein Engagement im Beruf, in Vereinen, in der katholischen Kirche als Diakon und in der Kommunalpolitik war mir stets wichtig, dass es sich lohnt, seine eigenen Ideen und Beiträge einzubringen und im Miteinander letztlich gute Lösung zu finden.
Fehler zu machen, war mir nicht mehr peinlich. Mir wurde bewusst, dass Fehlermachen sehr menschlich ist. Einen Fehler offen, ohne Verdrängungstaktik, zuzugeben, ist persönliche Stärke und nicht Schwäche. Deshalb habe ich immer bewusst über meine Fehler gesagt: „Ich entschuldige mich und biete Wiedergutmachung an.“ Dafür habe ich stets eine positive Anerkennung bekommen. Die häufig gebrauchte Wendung „Ich bitte um Entschuldigung“ ist eine Bitte um Nachsicht und Vergebung. Oder anders ausgedrückt: „Seid bitte gnädig mit mir.“ Eine Bitte an andere, die ja nicht schuldig geworden sind, werden zum Handeln aufgefordert. Auch wenn es nur darum geht, zugegebene Fehler anderer zu akzeptieren. Wo schwere Fehler grob fahrlässig oder sogar bewusst begangen werden, bleibt die Verantwortung für Konsequenzen jedoch stets beim Verursacher. Das heißt Wiedergutmachung, sofern möglich. Beispielsweise von einem Amt oder einer Leitungsposition rechtzeitig zurücktreten und auf eine Abfindungszahlung verzichten. Und bei großen Vergehen gerichtliche Verurteilung mit entsprechenden Strafen akzeptieren. Hier dürfen wir, anders als in Diktaturen oder autokratisch geführten Staaten, auf unsere Gerichtsbarkeit stolz sein.
Manchmal muss man einfach etwas Neues ausprobieren und wenn erforderlich auch mal einen Schritt zurück machen. Wer behauptet, er mache keine Fehler, der hat sich weggeduckt oder versteckt sich hinter anderen. Mit Kreativität und Mut sowie Unterstützung in einem Team können Missstände vermieden werden und Fortschritte gelingen. Mir selbst ist dabei klar: Ich muss mich mit den Fakten und Argumenten vertraut machen und mögliche Folgewirkungen in Erwägung ziehen. Aus der Vorbereitung von Kreditentscheidungen in der Bank kenne ich die Phasen „Faktenklärung/Analyse“ sowie „Perspektiven“ mit Darstellung von Szenarien von best case bis worst case. Ich habe mir angewöhnt, die Faktenlage genau zu betrachten und nicht mit Schnellschüssen Zustimmung oder Ablehnung zu verkünden. Im heutigen Alltag mit Kommunikation über E-Mail oder WhatsApp wird prompte Rückmeldung erwartet. Mit etwas Geduld und Nachdenken steigt der Nachhaltigkeitswert von Entscheidungen. Den Erwartungen von Mail- und WhatsApp-Sendern bezüglich einer umgehenden Rückmeldung sollte nicht immer sofort gefolgt werden. Eine kurze Zwischennachricht wie „Ich werde das noch prüfen oder klären und melde mich dann“ ist für die Kommunikation und in der Sache förderlich.
Mit Eintritt in das Rentenalter ist mein Interesse an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen weiter gewachsen. Plakativ von der Politik verkündete Milliardenbeträge relativieren sich, wenn ich die Summen auf ein Jahr und auf betroffene Bürger umrechne. Als Banker habe ich immer mit Zahlen zu tun gehabt und das Analysieren und Bewerten von Fakten gehörte zu meiner täglichen Arbeit. Aus beispielsweise mehrjährig zusammengefassten Steuerentlastungen werden, relativiert, häufig Peanuts für die betroffenen Bürger. Unsere moderne Gesellschaft hat sich darauf eingerichtet, möglichst plakativ, ohne viele Details, öffentlich Wirkung zu erzielen. Das führt zu Fehleinschätzungen und früher oder später zu großen Enttäuschungen.
Journalisten bevorzugen Schlagzeilen, die beim Leser wirken, aber wenig Konkretes vermitteln. Im nachstehenden, klein gedruckten Text lese ich dann, wer welche Äußerung getan hat oder wer wem widerspricht. Streit, Falscheinschätzungen oder Fehlverhalten beherrschen unsere Nachrichten. Wir Menschen sind primär für das Negative empfänglich. Etwa nach dem Motto: Andere sind nicht gut. Das beklagt schon Jesus in der Bibel „Du siehst den Splitter im Auge deines Nächsten, aber nicht den Balken in deinem Auge.“ Ein menschlicher Mechanismus, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen. Nach dem Motto „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?“
Unsere Gesellschaft braucht keinen Wettbewerb um Popularität oder ein Ranking in der Beliebtheitsskala. Wir brauchen Politiker*innen und Interessenvertretungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die angesichts der massiven Nachhaltigkeitsprobleme von Klima, Hunger, Krieg etc. nichts beschönigen und konstruktiv und ehrlich nach guten Lösungen suchen. Der Mensch kann sich hierfür oder dafür entscheiden. Die individuelle Verantwortung für mögliche Folgen bleibt. Sowohl für den Einzelnen als auch für das gemeinschaftliche Miteinander.
Menschen sehen ihr „Ich“ und brauchen täglich auch das „Du“
Täglich werden wir alle damit konfrontiert, dass diese Welt weder gerecht noch perfekt ist. Die Nachrichten in den Printmedien sowie in Rundfunk und Fernsehen bringen tagtäglich in einer noch nie dagewesenen Vielfalt und Transparenz das Weltgeschehen in unsere Wohnzimmer. Ein Bierchen, ein Glas Wein mit den rituellen Knabbereien schmecken uns vor dem Fernseher trotz all der negativen Schlagzeilen recht gut. Bilder von zerstörten Städten wie seit Jahren beispielsweise in Syrien und ab dem 24.02.2022 in der europäischen Ukraine oder in anderen Kriegsgebieten dieser Erde sind uns sehr vertraut. Erst durch die intensiven Flüchtlingsströme in das vermeintliche Paradies Deutschland 2015 und jetzt im Jahr 2022 aus der Ukraine berühren uns die Nöte der Kriegsflüchtlinge auch persönlich. Plötzlich ist das Leid nicht mehr fern von uns, sondern durch Menschen in unserer Nähe präsent. Es geht uns zu Herzen. Auch die täglichen Nachrichten und Bilder im Juli 2021 über die dramatischen Zerstörungen durch die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz mit vielen Toten und Sachschäden in Höhe mehrerer Milliarden machten betroffen und führten zu einer großen, teils spontanen Solidarität. Immer dann, wenn die Not anderer Menschen uns hautnah berührt, spüren wir Empathie und die Bereitschaft zur Hilfe. Krisen und Notlagen verbinden Menschen und stärken in der Gemeinschaft den Willen und die Tatkraft.
Häufig im Leben wird auch der bequemere Weg mit Wegschauen und Verdrängen gewählt. Manchmal aus der Sorge um die eigene Überforderung. Ich erlebe auch die Haltung „Was geht mich das an?“ Eine egoistische Haltung und ein Ausblenden der Mitverantwortung für das Gelingen von Gemeinschaft und Solidarität. Motiv ist möglicherweise auch die eigene Unzufriedenheit oder eine resignative Lebenseinstellung. Wird aber selbst eine Hilflosigkeit erfahren, ist das Geschrei recht groß.
Losgelöst von den lebhaften Diskussionen über die motivierende Botschaft der Kanzlerin Angela Merkel im Herbst 2015 („Wir schaffen das“), zeigten Bürger und Bürgerinnen ihre Verantwortung in dieser globalen Welt. Sie praktizierten einfach Menschlichkeit. Ein Bedürfnis, das tief in jedem von uns verankert ist. Es geht um anerkennende Wertschätzung. Und dazu brauchen wir das menschliche Gegenüber. Oder anders ausgedrückt, wir wollen in unserer Persönlichkeit respektiert und geliebt werden. Das gilt für jede zwischenmenschliche Beziehung. Es schmerzt schon sehr, wenn die urmenschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Jeder Mensch ist ein Individuum mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Ecken und Kanten. Letztere empfinden wir oft als ärgerlich, ja manchmal können sie auch sehr verletzend sein. Stärken, die mit Arroganz und Dominanz von außen auf uns einwirken, bringen uns schon mal zur Irritation, zur Einschüchterung oder gar zur Wut.
Ich erinnere mich an das Sprichwort „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Mir ist klar, wenn Entscheidungen getroffen, Lösungen gefunden oder etwas erarbeitet wird, dann gibt es keine Garantie für Erfolg und Perfektion. Der Anspruch ist da, doch wer kann ihn auch erfüllen? Kein Mensch auf dieser Erde ist vollkommen. Die menschliche Begrenztheit und das eigene Schwächeln in unterschiedlichsten Facetten erfahren wir doch irgendwie jeden Tag. Da ist der heutige, moderne Mensch weder besser noch schlechter als alle Generationen vor uns. Immer wieder sind unser Reden sowie das Tun mit dem Makel des Unperfekten behaftet. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Menschen sind beispielsweise vergesslich und machen aus vielerlei Gründen Fehler. Eines der größten Schwächepotenziale erlebe ich in der Kommunikation mit unserem Reden, Denken und Handeln. Es sind unsere Emotionen, die Kommunikation und das Miteinander wesentlich mitbestimmen. Das Reden über Gefühle ist selbst schon eine riesige Überwindung. Da begleitet uns die Angst, wir könnten missverstanden oder gar ausgelacht werden. Das möchte niemand. So werden Mechanismen genutzt wie Ausreden, Lüge, Schweigen, Thema wechseln, Belächeln oder auch das Betrachten durch einer rosaroten Brille. Das gibt dann Schutz nach außen, zumindest in der aktuellen Situation. Die Gefühlslage nach innen mag für den Augenblick beruhigt sein. Doch alles, was unterdrückt wird, kommt früher oder später wieder an die Oberfläche und dann in stärkerer Potenz.
Der Philosoph und Buchautor Richard David Precht sagte 2011 in einem WDR-Talk:
„Der Mensch ist ein unglaublich anpassungsfähiges Tier. Aber er ist auch in der Lage, sich selbst unglaublich gut in die Tasche zu lügen. Das ist eine Fähigkeit, die den Menschen von allen Tieren unterscheidet. Kein Tier beherrscht die doppelte Buchführung in Sachen Moral so gut wie der Mensch. Das heißt, wir krücken (lügen) und räumen uns die Welt zurecht, indem wir uns mit anderen immer wieder vergleichen und wir sie für schlechter halten als uns selbst. Und dann sind wir auf einmal wieder sehr viel besser als andere.“
Die menschliche Unvollkommenheit wirkt sowohl nach innen als auch nach außen. Wie oft bereuen wir unberechtigte Vorwürfe oder unser fehlerhaftes Handeln. Wir ärgern uns über uns selbst und tun uns doch schwer, unser Fehlverhalten offen zuzugeben. Stattdessen Ablenkung mit Fokussierung auf Schwächen anderer. Gefühle wie Neid oder Missgunst spielen im Zusammenleben offen oder unterschwellig sehr oft eine Rolle. Wir fühlen uns benachteiligt. Ein Arbeitskollege erzählte mir einmal, dass sein Sohn eines Tages begeistert von seinem Freund nach Hause kam und berichtete: „Papa, die Eltern von Michael, die sind richtig reich und fahren einen Porsche.“ Der Vater habe darauf erwidert: „Du siehst den Porsche und das ist ein großartiges Auto. Du kannst aber nicht sehen, ob der Porsche nur geliehen oder mit Schulden gekauft wurde.“ Menschen schauen immer zuerst auf das, was wir mit den Augen wahrnehmen können. Viele andere Dinge im Hintergrund bleiben unsichtbar. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass wir uns blenden lassen.
In der Bank habe ich Kunden kennengelernt, die wirklich reich waren, die sich aber äußerlich bescheiden zeigten. Umgekehrt sind mir auch Kunden begegnet, die sich verschuldeten, nur um nach außen mit etwas Luxus angegeben zu können. Der Wert einer Person ist niemals mit dem messbar, was er ist oder was er hat. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur mein Gesicht. Damit kann ich zufrieden oder eben auch unzufrieden sein. Das hängt von meinen Erwartungen und Wünschen ab. Diese werden auch durch Vergleiche mit anderen Personen geprägt. Ein gewisses Maß an Bescheidenheit und Dankbarkeit fürs Leben fördern eher unsere Glücksempfindungen. Aus einer so gewonnenen Rundumzufriedenheit kann es mir auch gelingen, insgesamt etwas gelassener zu sein. In den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, dass viele äußerliche Wohlstandssymbole für mich nicht mehr so wichtig sind. So sehe ich das Auto nur noch als einen praktischen Gebrauchsgegenstand. Das regelmäßige Autowaschen und Polieren der glänzenden Chromleisten ist längst Vergangenheit. Beim Einkaufen frage ich mich oft: Brauche ich das oder ist es für mich nicht so wichtig? Früher folgte ich allen Einladungen, weil ich meinte, dass ich dabei sein müsste. An meinem 50. Geburtstag fragte mich mein Chef in der Bank, ob sich denn für mich jetzt etwas ändere. Ich sagte mit einer inneren Gelassenheit: „Jetzt kann ich sagen, was ich denke und was mir wichtig ist.“ Ergänzend sagte ich: „Okay, ich darf natürlich niemanden persönlich angreifen oder beleidigen.“ Respektvoll und achtsam mit sich selbst sowie mit anderen umzugehen, ist ein hoher Anspruch und in der Wirklichkeit des Alltages nie perfekt zu erreichen. Schon das Wissen und das Bemühen darum sind ein guter Weg.
Mit all diesen Themen sind wir privat und beruflich unterwegs. In meinem Berufsleben als Kreditberater wurde ich nicht nur mit den Fakten konfrontiert, sondern immer auch mit den Menschen, die ich häufig über viele Jahre betreut habe. Die Zahlen für oder gegen die Bereitstellung eines Kredites waren für mich immer nur eine Seite der Medaille. Der Mensch und seine Bedürfnisse, soweit die Bank sie erfüllen konnte, standen für mich immer mit im Vordergrund. Gewiss hatte ich auch die Zielvorgaben meines Arbeitgebers stets im Auge. Mein Weg zur Zielerfüllung war nicht das rhetorische Verkaufsgespräch, sondern die offene und faire partnerschaftliche Beziehung. Aus diesem sehr lebendigen und vertrauensvoll geprägten Miteinander konnte ich für meine Kunden und für die Bank über viele Jahre recht erfolgreich tätig sein. Und über Erfolge habe ich mich selbst natürlich auch sehr gefreut. Das stärkte dann auch meine Motivation und Zufriedenheit.

