Was meint die Bibel eigentlich mit ...

Was meint die Bibel eigentlich mit ...

Jörg Schwab


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 76
ISBN: 978-3-948379-82-7
Erscheinungsdatum: 03.02.2022
Sie wollen Bibelstellen vor dem Bedeutungsumfeld der alten Sprachen verstehen? Sie halten Bibelrunden ab oder bereiten Predigten vor? Dieses Werk soll Ihnen dabei eine Hilfestellung sein …
Prolog

PredigerInnen möchten eine klare, für alle Beteiligten nachvollziehbare Botschaft überbringen. Deshalb ist es ihnen immer wieder wichtig, Übersetzungen der biblischen Begriffe aus ihrem ursprünglichen Bedeutungsumfeld in die heutige Umgangssprache vorzunehmen. Diese Übertragung ist oft aufwändig. Dieses Buch möchte einige dieser Begriffsbestimmungen antizipieren.
Gelegentlich öffnet die Vertiefung in den biblischen Sinn der Worte dem/r BetrachterIn, sei es als PredigerIn, sei es als PredigthörerIn, eine neue, hoffentlich fundiertere Sichtweise Gottes zu einem Thema.

Ein Beispiel:
„Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott“, Joh 1, 1. Stimmt. Am Anfang der Welt sprach Gott: „Es werde Licht!“, und es wurde Licht. Das wäre schnell abgehandelt. Man kann sich noch darüber auslassen, ob Gott sprechen konnte, und sich darüber wundern, welche Kraft dieses Wort hatte. Warum diese Worte das Johannes-Evangelium einleiten, liegt nicht auf der Hand.
Für Wort steht im griechischen Urtext: Logos. Das ist der Wortstamm des Begriffs Logik. Diese Erkenntnis leitet uns zu einem anderen Verständnis: Am Anfang war nichts sichtbar, erlebbar. Aber Gottes Logik, Gottes Plan, Gottes überirdische Intelligenz gab es schon. Aus der ist alles, was wir auf der Erde sehen und erleben können, geschaffen worden. In diesen überirdisch intelligenten Plan hinein erscheint Jesus. Das ist der Boden für ein aufbauendes Kerygma (Botschaft). Überspitzt kann man sagen: Gottes Intelligenz hat sich auf Jesus fokussiert.
Ein anderer Aspekt: Naturwissenschaftlicher Anspruch und biblische Botschaft sind oft nicht kongruent. Akademisch betrachtet wirkt es unsinnig, dass wenige Worte, von wem auch immer gesprochen, die ganze Erde erschaffen. Wenn man aber Logos mit Logik übersetzt, wird sofort deutlich, dass der Bibel ein anderes Denksystem zugrunde liegt. Nicht die Axiome der Naturwissenschaft greifen, sondern die Axiome der Intelligenz Gottes und auf dieser Ebene lohnt es sich weiterzudenken. So viel zum Beispiel LogoV (Logos): Wort, aber auch Logik, wissenschaftliches System.
Im Laufe der Jahrhunderte ist ein Bedeutungswandel von einigen Begriffen in der deutschen Sprache aufgetreten. Das wird auch angesprochen.
Die Rückbesinnung auf Wortbedeutungen zur Zeit der Apostel ermöglicht oft ein sinnvolleres Bibelverständnis und eröffnet Zusammenhänge. Dadurch erstellt sich ein kohärenteres inneres Bild von Gott, das man sich besser einprägen kann. Wenige Einzelwahrheiten können kurz memoriert werden, aber sie prägen sich nicht so ein.
(Sie kennen das: Wollen Sie sich eine Zahl merken, müssen Sie sich eine Person, einen Gegenstand merken, die/der eben diese Zahl repräsentiert. Dann vergessen Sie die Zahl nie. Gelingt das nicht, behalten Sie die Zahl nur eine kurze Zeit lang im Kopf.)

Die Methode hat 4 Teile:
Die einzelnen Begriffe werden zunächst in ihrer heutigen Bedeutung erfasst. Manchmal wird diese Bedeutung etwas ad absurdum geführt, wie im Inhaltsverzeichnis.
Dann wird anhand der hebräischen, griechischen, lateinischen, (mittelhoch)deutschen Wurzeln der Originalbedeutung nachgespürt.
Zum Dritten wird oft der Bedeutungsshift ein wenig nachvollzogen.
Letztlich werden ein paar Verse aus der Bibel neu übersetzt oder übertragen.
Das Vorgehen entspricht im weitesten Sinn einer naturwissenschaftlichen Aufarbeitung. Philosophisch geprägte Charaktere betrachten diese Methode evtl. mehr als Datensammlung und würden eine ausführlichere Darlegung erwarten. Auf eine solche epische Breite wurde aber bewusst verzichtet, weil das Buch in erster Linie als übersichtliches Nachschlagewerk bei der Erstellung von Predigten und Bibelstunden dienen soll.
Einige Kapitel sind bereits Gegenstand eines Hauskreisabends gewesen. Man kann bei jedem Begriff gern auf der gelegten Grundlage weiterdenken, man wird dazu sogar aufgefordert.


Kapitel 1 - Biblische Begriffe hinterfragen und besser verstehen


Glauben heißt nicht wissen?

Heutige Bedeutung
Ich glaube, morgen wird das Wetter besser. Das heißt: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich das Wetter ändern könnte, aber das lässt sich nicht beweisen.
Ich glaube an Gott (Erfinder der Konjunktion an: Dr. Martin Luther (1), hingegen heißt es z. B. im Neugriechischen:
pisteuw eis ton ϑeon: ich glaube in Gott hinein) könnte analog heißen: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es Gott gibt, aber das lässt sich nicht beweisen.

Bedeutung in den Ursprachen
Elke Werner (2) entwickelt in ihrem Buch über die Jahreslosung 2020 erhellende Gedanken zum Thema Glauben aus den Ursprachen der Bibel.

- Hebräisch: האמין(he emin, bekannt von Amen) heißt glauben, aber auch ich stehe dazu, so sei es, ich bin treu.
- Griechisch: pisteuein (pisteuein) heißt glauben, aber auch vertrauen, sich jemandem anvertrauen, sich auf jemanden verlassen, von jemandem überzeugt sein.
- Latein: credere, kurz für cor dare heißt glauben, aber auch das Herz geben, verschenken.

Ich glaube heißt vor diesem Bedeutungsumfeld: Ich vertraue mich Gott an, schenke ihm mein Herz und stehe dazu. Vertrauen wird zur Treue. Pistis (pistis) heißt nicht nur Glauben, sondern auch Treue.

Dem Bedeutungswandel nachspüren
Ich denke nicht, dass Dr. Martin Luther der Einfachheit halber mit „Glauben“ einen missverständlichen Terminus gewählt hat, um unsere Beziehung zu Gott zu beschreiben. Glauben hängt sprachlich mit Geloben zusammen. Ge ist dabei ein Zusammengehörigkeitspartikel (wie in Gebirge, Gewerke ) und loben drückt im Germanischen und Slawischen (russ. Любовь Ljubov) Übereinstimmung, Liebe aus. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Glauben drückt also eine zumindest mental innige Zusammengehörigkeit aus. Die hat Luther gemeint.
Den Shift zur modernen Bedeutung könnte man sich wie folgt herleiten: Wenn jemand an oder in Gott auf der emotionalen Ebene glaubt, ist das eine innere Überzeugung, die sich rational nicht beweisen lässt. Der außenstehende Betrachter setzt diese Überzeugung einem Bauchgefühl gleich.

Neue Übersetzungen

- Mk 9, 23: Jesus: „Alles ist dem möglich, der mit vertraut!“, Vater: „Ich schenke dir mein Herz, hilf mir aus meinem Kleinglauben (= stärke mein Vertrauen)!“ Jesus heilt das Kind und erfüllt a. die Bitte und stärkt b. das Vertrauen des Vaters hin
zur Treue.
- Joh 3, 36: Wer sich auf den Sohn verlässt, der hat (ein gutes) Leben in allen Zeitaltern, aber wer sich dem Sohn nicht zum Kind macht (apaiqvn a-paithon), wird das Leben nicht sehen.
- Hebr 11, 1: Der Glaube in Zutrauen und Treue ist die Grundlage dafür, dass Dinge, die gehofft werden, in die Wirklichkeit überführt werden.


Herrlichkeit ist synonym mit Schönheit?

Heutige Bedeutung
Das Wetter ist heute richtig herrlich. Das heißt: Mir gefällt das Wetter. Es ist vielleicht anders als sonst, weil die Sonne scheint, weil es nicht zu warm oder zu kalt ist. Ich könnte auch sagen: „Heute ist richtig schönes Wetter!“

Bedeutung in den Ursprachen

- Hebräisch
- לתפארת (latfarat) heißt Pracht, Bedeutung.
- כבוד (kavod) heißt Anwesenheit Gottes.
- Griechisch: doxa (doxa) heißt nur in der Nebenbedeutung Herrlichkeit, in der Hauptbedeutung Meinung, Ansicht, Plan, Wirken mit Verstand, Bedeutung, Wertesystem
- Latein: Gloria hat die Nebenbedeutung Herrlichkeit, in der Hauptbedeutung aber Ruhm, Ehre und Bedeutung.
- Deutsch: Herrlichkeit kommt nicht von Herr, sondern von „hehr“, wie hehre Ziele.

So betrachtet, könnte man heute das Wort doxa statt mit Herrlichkeit eher mit Bedeutung oder Ruhm ins Deutsche übertragen.

Dem Bedeutungswandel nachspüren
Herr-lich-keit (vielleicht: Hehr-lich-keit) war früher das Merkmal eines Menschen, der etwas zu sagen hat. Eine Herrlichkeit war damals ein regionaler Verwaltungsbezirk, an dessen Spitze ein Adliger, häufig ein Freiherr, stand (4). So klang das auch zur Zeit Luthers. Der gestand diese Herrlichkeit Gott zu, dessen „Machtbereich“ recht groß war. Entsprechend groß war seine Herrlichkeit.
Der Außenaspekt auf die Herrlichkeit hat allerdings die Verantwortung des Leiters eines Machtbereichs nicht im Auge. Was ins Auge fällt, ist das Äußere. Und das unterschied sich lange vom Gewöhnlichen. Viele kleine Mädchen möchten gern Prinzessin werden, nicht weil sie die Verantwortung reizt, sondern weil sie schön aussehen möchten. Der Außenaspekt bedingt wieder den Bedeutungsshift. Herrlichkeit ist heute kein Attribut mehr für Politiker. Bedeutung wohl.

Neue Übersetzungen

- 2. Mo 16, 9–10: (16) Der Herr hatte die Vorwürfe des Volks gehört … Als sie zur Wüste hinüberschauten, erschien dort der „verschleierte Plan“ Gottes (Herrlichkeit in einer Wolke). Mose entschleierte ihn.
- Joh 17, 24: … damit sie meine Bedeutung erkennen, die du mir gegeben hast, weil du mich vor dem Fall (oder der Gründung) der Welt geliebt hast. (Fall: „Katabolie“ ist mehr Abbau, Abfall als Aufbau, Gründung)
- Offb 21, 23: Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond als Lichtquelle, denn der „Ratschluss, das Wirken“ Gottes hat sie hell gemacht und ihr Licht ist das Lamm.
- 1. Petr 1, 24: Denn alles Fleisch ist wie Gras und seine ganze „Bedeutung“ (schwindet) wie eine Feldblume.

Erbarmen wirkt erbärmlich.

Heutige Bedeutung
Das Wort Erbarmen kommt fast nur noch in der Kirche vor. Der Kirchenferne kennt mehr das Wort erbärmlich.

Bedeutung in den Ursprachen

- Hebräisch: רחמ (Stamm des Worts für) Gebärmutter. Mit anderen Vokalen „rachamim“, das heißt Erbarmen
- Griechisch:
- eleoV eleos heißt zittern.
- splagcnon splanchnon: es geht an die Eingeweide, schlägt auf den Magen, geht an die Nieren.
- oikteirein oikteirein: sich aufreiben für die, die im Haus sind, Fürsorge für Kinder
- Latein: Miseri-cordia bedeutet Herzigkeit für Elende.
- Deutsch: Barm-herzigkeit drückt gut aus, was biblisch gemeint ist: Herzigkeit kommt von beherzt, sich ein Herz nehmen, bereit sein, etwas zu tun. (s. Herz)

Barm (24) kommt aus dem Althochdeutschen, dem Gotischen. Es bezeichnet die Fürsorge der Mutter für ein Kind. Barm heißt der Schoß, der Busen, sogar der Uterus (Gebärmutter), also das Komplettprogramm der Mutter für ihr Kind.
Barmherzigkeit ist der Impuls, sich einem Bedürftigen, einem Mitmenschen (6) zuzuwenden, sich um ihn zu kümmern, wie sich sonst eine Mutter um ihr Kind kümmert. Man könnte sogar sagen: Sie ist der Impuls, die Schöpferkraft Gottes an einem Menschen weiterzuführen. Erbarmen ist wichtig für alle Menschen in den Wechselfällen des Lebens, nicht nur für „Erbärmliche“. Man kann sich auch um Menschen in kleinen Notlagen kümmern. Gott tut das auch.
Derjenige, der Mitleid (griechisch: Sympathie) hat, sieht, dass es einem anderen schlecht geht, fühlt das auch, aber das veranlasst ihn nicht zum Handeln. Die Herzigkeit, der Impuls zur Tat ist der Unterschied zum Mitleid, auch zur Empathie. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird die Herzigkeit gleich doppelt gefordert: einerseits ist sie der Impuls zur Hilfe, andererseits ist sie der Mut zu helfen, obwohl noch Räuber in der Nähe sein konnten.
Wir sehen, dass deutsche Redewendungen durchaus auch beschreiben, wie sich Erbarmen anfühlt. Eleos (Beben) kommt im Wort für Erdbeben kommt vor. Derjenige, der einen anderen leiden sieht, wird unruhig, zittert, bebt innerlich. Und dieses Beben treibt ihn zum Handeln. Jesus sagt auf die Frage, wer unser Nächster ist: Derjenige, der in dir dieses Beben auslöst, Lk 10, 37.
Kurz vorher hatte er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt. Luther übersetzt, dass der Ausgeraubte in dem Gleichnis den samaritanischen Händler jammerte (ihm leid tat). Es steht da aber splanchnon. Das umschreibt, wie sich Barmherzigkeit anfühlt: sie geht an die Nieren usw.

Dem Bedeutungswandel nachspüren
Der Bedeutungswandel vom Erbarmen zum Kümmern ist nicht sehr bedeutend. Wir müssen uns aber fragen, wieso das Wort aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist. Ich denke, das hat mit der staatlichen Fürsorge zu tun. Früher war man auf Barmherzigkeit anderer angewiesen, heute ist die Fürsorge das Privileg des Staates. Der Staat signalisiert in etwa: „Ich mache das schon.“ Das ist bequem für BürgerInnen. Fürsorge ist aber anders als Barmherzigkeit. Für Fürsorge zahlt man in irgendwelche Versicherungen ein. Zumindest bezahlt die Allgemeinheit einer Grundgesamtheit die Fürsorge über Steuern. Deshalb hat man auch einen Anspruch darauf.

Neue Übersetzungen

- Jak 5, 11: Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und das vom Herrn bereitete Ende habt ihr gesehen, weil es dem Herrn an die Nieren ging, auf den Magen schlug und er sich kümmerte.
- Jer 15, 6: (16) Mich (Gott) hast du als deinen Herrn abgelehnt und mir den Rücken gekehrt Ich bin müde (darin) geworden, mich um dich zu kümmern.
- Mt 9, 27: Zwei Blinde riefen laut: „Kümmere dich um uns, (wir vertrauen dir) du Sohn Davids.“


Wahrheit ist das Gegenteil von Lüge?

Heutige Bedeutung
Wahrheit ist ein hohes Gut. Wahrheit ist über jeden Zweifel erhaben. Auf Wahrheit kann man sich verlassen. Wahrheit wird angenommen, wenn mehrere Zeugen zu einem Thema das Gleiche sagen. Dabei kann Wahrheit sehr komplex sein. Man kann aber immer nur einen Teilaspekt sehen und selten den kompletten Sachverhalt. Man könnte sogar meinen, Wahrheit ist relativ. Die Forderung nach absoluter Wahrheit entspringt oft einem Denken, in dem es nur Alternativen (schwarz-weiß, ja-nein) gibt. Die Wirklichkeit ist aber oft grau und zwischen Ja und Nein angesiedelt.

Bedeutung in den Ursprachen

- Hebräisch: האמת (hamat) heißt Wahrheit, Wirklichkeit, aber auch Treue.
- Griechisch: aλήθεια (aletheia). Das Wort kommt von lanϑanein lantanein und das heißt verbergen. Das a verneint das Verbergen und so bedeutet das Wort: Unverborgenes, Offenbares.
- Latein: veritas. Das Wort kommt von verum, was neben wahr auch wirklich heißt. Veritas kann man auch mit Wirklichkeit, Realität übersetzen.
- Deutsch: Wahrheit hängt mit richtiger Erkenntnis, aber auch mit Wahrhaftigkeit, Echtheit, Wirklichkeit, Authentizität zusammen (21).

Die Verschleierung der Wahrheit ist genau deren Feind, deshalb ist der griechische Ansatz wichtig.
Das Hebräische hängt mit dem Wort Amen zusammen und mit dem hebräischen Wort für Glauben: האמין (he emin) (5, 2). Es gibt im hebräischen Denken mehr als Querverbindungen zwischen Glauben und Wahrheit. Auf Jiddisch bedeutet Emmet Geständnis, also Offenbarung der Wahrheit, z. B. nach einem Verbrechen.

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