Was ist Psychoanalyse – Eine Einführung

Was ist Psychoanalyse – Eine Einführung

Alfred Rink


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3-99130-172-1
Erscheinungsdatum: 27.09.2022
Eine für den interessierten Laien geschriebene Einführung in die Psychoanalyse: Von Sigmund Freud bis zu wesentlichen Weiterentwicklungen. Elemente der psychoanalytischen Theorie und Praxis, ergänzt um ausführliche Beispiele zu seelischen Störungen und ihren Therapien.
Für
Lisa-Marie,
Sarah-Sophie,
Eva-Lotta,
Max und
Nele



Danksagung

Dieses Buch ist das Ergebnis eines unabgeschlossenen Lernprozesses. Viele Menschen haben mich dabei unterstützt und begleitet. Mein Dank gebührt insbesondere meinen psychoanalytischen Lehrer*innen und Kolleg*innen. Meiner Ehefrau Christiane danke ich für ihre Geduld und Offenheit, und schließlich gilt mein Dank allen Patient*innen, dass ich so viel von ihnen lernen durfte.



Vorwort

Seit ihrer Entdeckung gehört die Psychoanalyse zu den prägenden geistigen Einflüssen des 20. Jahrhunderts. Sie hat die Geistes- und Sozialwissenschaften nachhaltig beeinflusst. Viele ihrer Konzepte und Begriffe sind, wenngleich häufig leider allzu verwässert oder verzerrt, in den allgemeinen Sprachschatz aufgenommen worden.
Und recht häufig war und ist die Psychoanalyse Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher sowie wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, was sicherlich auch mit den unangenehmen Wahrheiten oder Hypothesen zu tun hat, mit denen die Psychoanalyse die Menschen konfrontiert.
Es gibt daher neben den vielen wissenschaftlichen, also für ein Fachpublikum veröffentlichten Artikeln und Büchern auch eine umfangreiche Bibliothek an sogenannter populärwissenschaftlicher Literatur, die sich eher an den interessierten Laien wendet. Darunter fallen eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich mehr oder weniger kritisch mit Sigmund Freud befassen. In vielen Fällen besteht dann die eigentliche Absicht darin, über die „kritische Würdigung“ der Person des Gründers, die Psychoanalyse selbst zu treffen.
Auch das hier vorliegende Buch wurde in erster Linie für den interessierten Laien geschrieben. Denn obwohl sich seit Sigmund Freuds Entdeckungen die Psychoanalyse so wie jede andere Wissenschaft natürlich weiterentwickelt hat, wird in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit die Psychoanalyse allerdings noch im Regelfall mit den Erkenntnissen Sigmund Freuds gleichgesetzt. Insbesondere die Arbeiten Melanie Kleins, vielleicht der bedeutendsten Psychoanalytikerin nach Freud, sind eher unbekannt geblieben.
In dieser Einführung in die Psychoanalyse wird sich daher auf die Darstellung dieser Linie von Freud zu Freuds Nachfolgern (Brenner 1981; Sandler 1987; Sandler und Sandler 1999) und unter Berücksichtigung der Erkenntnisse Melanie Kleins (Caper 2000; Frank und Weiß 2002; Segal 1994) beschränkt. Dies entspricht auch im Prinzip der Hauptlinie der Psychoanalyse, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass sich die Psychoanalyse an ihrer wissenschaftlichen Front, wie z. B. auch die theoretische Physik, in eine Reihe von teilweise doch recht unterschiedlichen Richtungen differenziert hat.

Genderhinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Formulierungen oder Darstellungen gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung.



1 Einleitung

Die Psychoanalyse ist eine wissenschaftliche Disziplin, die Ende des 19. Jahrhunderts von dem Wiener Nervenarzt Sigmund Freud begründet wurde und auch heute noch unlösbar mit seinem Namen verbunden ist.

Freud sah in der Psychoanalyse erstens ein Verfahren zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind, zweitens eine Behandlungsmethode psychischer Erkrankungen und drittens eine Reihe von Theorien hinsichtlich Struktur, Entwicklung und Funktionsweise der menschlichen Psyche (Freud 1940).

Im Zentrum der psychoanalytischen Theorien steht dabei die Vorstellung des unbewusst psychischen Funktionierens der normalen als auch der weniger normalen psychischen Prozesse, sodass man vereinfacht unter Psychoanalyse auch die Wissenschaft vom Unbewussten verstehen kann.

Die Psychoanalyse ist damit keine philosophische Schule, sondern vielmehr ein empirischer Zugang zur Seele mit einer eigenen spezifischen klinischen Methode.

Sie verfügt über eine eigene Untersuchungsmethode, eine differenzierte Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie, eine daraus abgeleitete Krankheitslehre und eine umfassende Behandlungsmethode.

Das Ziel einer psychoanalytischen Untersuchung ist also das Verstehen der vor allem unbewussten Bedeutung von Handlungen, Gedanken, Fantasien, Gefühlen, Träumen, Fehlleistungen, Wahnvorstellungen oder künstlerischen wie auch wissenschaftlichen Leistungen.

In diesem Sinn repräsentiert die Psychoanalyse eine spezifische Form der unaufhörlichen Wahrheitssuche, wie Freud es einmal ausdrückte, und folglich besitzt sie ein ruhestörendes, unbequemes und sogar angstmachendes Element, wenn sie die Menschen mit ihren individuellen und kollektiven Selbsttäuschungen, Illusionen, Wahrnehmungsstörungen, Tiefen und Untiefen konfrontiert.



2 Das Unbewusste

Wie schon in der Einleitung ausgeführt, finden alle psychischen Vorgänge, dazu gehören Gefühle, Vorstellungen, Gedanken, Wünsche, Erinnerungen, Wahrnehmungen, Träume und Fantasien, nicht nur auf einer bewussten, sondern auch und sogar überwiegend auf einer unbewussten Ebene statt.
Eine dazu häufig verwendete Illustration ist der Vergleich mit einem Eisberg, der nur zu etwa 15 % sichtbar und zu etwa 85 % unterhalb der Wasseroberfläche, in der Tiefe des Ozeans, nicht sichtbar für die Seefahrer, dahintreibt.
Aber auch wenn die Existenz unbewusster psychischer Vorgänge heutzutage nicht mehr bestritten wird und die Begriffe „Das Unbewusste“ bzw. „unbewusst“ ihren festen Platz in der Umgangssprache eingenommen haben, so zeigt ihre alltägliche Verwendung, dass die populäre und umgangssprachliche Vorstellung des Unbewussten doch ziemlich weit von dem entfernt ist, was die Psychoanalyse darunter versteht.
Für die Psychoanalyse bedeutet unbewusst, dass Gefühle (z. B. Liebe, Angst, Hass, Neid usw.) unbewusst erlebt werden können, ohne dass das Individuum auf der bewussten Ebene davon etwas weiß, dass Wünsche, Gedanken und Fantasien in seinem Unbewussten existieren, die dem Bewusstsein völlig unbekannt sind und deren Bewusstwerdung in der Regel sogar unbewusst verhindert wird.
Dies bedeutet, dass eigentlich nur ein Teil des Inhalts des menschlichen Unbewussten direkt bzw. bewusst erfasst werden kann, z. B. mithilfe der Psychoanalyse, und dass der weitaus größere Teil dieses Inhalts eigentlich nur erschlossen – wiederum z. B. mithilfe der Psychoanalyse – werden kann, und auch da gibt es Grenzen.
Aber selbst wenn das Unbewusste in diesem Sinn gegenüber dem bewussten Erleben verschlossen ist, so zeigt es gleichwohl Wirkung. Damit ist gemeint, dass wie in der uns umgebenden physischen Umwelt auch in der Psyche nichts zufällig oder aufs Geratewohl geschieht, sondern dass jedes menschliche Handeln, Denken und Fühlen durch den gerade aktuellen bewussten – aber auch und manchmal überwiegend unbewussten – psychischen Zustand des Menschen bestimmt wird, wobei der aktuelle Zustand natürlich immer auch von vergangenen Zuständen, Strukturen und Erfahrungen beeinflusst ist. Und wenn Geschehnisse im psychischen Leben gleichwohl zufällig und mit nichts Anderem verknüpft zu sein scheinen, so scheint das eben nur so.

Und wer hat nicht schon die Macht des Unbewussten erfahren, in Form von unerklärlicher Angst, Niedergeschlagenheit und Selbstzweifeln, in der Unfähigkeit, sich zu entscheiden, im Rahmen irrationaler Schuldgefühle, in psychischen Symptomen und Fehlhandlungen (Vergessen, Versprechen usw.).
Eine weitere wesentliche Erkenntnis der Psychoanalyse ist, dass unbewusste Wünsche und Fantasien sich in einem Konflikt befinden können, dass z. B. ein und dieselbe Person nicht nur geliebt, sondern auch gehasst werden kann, und während die Liebe bewusst ist, bleibt der Hass unbewusst oder auch umgekehrt. Konflikte dieser Art, also z. B. zwischen Liebe und Hass, können von großer Tragweite sein und u. a. auch zu psychischen Erkrankungen führen. Und dass die menschliche Psyche sich mit ihren komplexen und komplizierten unbewussten und bewussten Wünschen und Empfindungen im Konflikt befindet, ist eher die Regel als die Ausnahme, d. h. nach Auffassung der Psychoanalyse impliziert menschliches Leben eine Kette von zu lösenden Konflikten.



3 Die Triebe

Triebe stellen Verallgemeinerungen oder theoretische Konstruktionen dar, die sich aus der Erforschung der menschlichen Wünsche ergeben.
Triebe entstammen dem Unbewussten und sind mit Beginn des Lebens wirksam. Inwieweit Triebe eine biologische Grundlage haben bzw. wie umfassend diese biologische Grundlage ist, wird zurzeit noch kontrovers diskutiert. Freud selbst hat seine Triebtheorie im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit mehrfach überarbeitet. Ist ein Trieb wirksam, so ist die (motorische) Reaktion, die zur Befriedigung des Triebs führen würde, nicht fest vorgegeben. Dies unterscheidet den Trieb u. a. vom Instinkt, der angeborenen Notwendigkeit, auf eine Gruppe von Reizen in stereotyper oder gleichbleibender Weise zu reagieren. Ein Trieb kann durch innere und/oder auch äußere Reize aktiviert werden. Die Aktivierung eines Triebes führt zu einer unlustvollen Empfindung, während die Befriedigung des Triebes mit einer lustvollen Empfindung verbunden ist.
Insbesondere die Tatsache, dass die Befriedigung eines Triebes mit einer lustvollen Empfindung verbunden ist, führt zu einer Art Verstärkung des Triebes, was sich in Form drängender Wünsche nach Wiederholung dieses Befriedigungserlebnisses äußert. Dabei spielen die konkrete Situation bzw. der konkrete Umstand als Erfahrungselement eine große Rolle. Denn aus diesen konkreten Befriedigungserfahrungen resultieren die konkreten Wünsche, die nun die zugrunde liegenden Triebe im Unbewussten repräsentieren.
Die psychoanalytische Erfahrung hat gezeigt, dass diese triebhaften Wünsche in 2 Kategorien aufgeteilt werden können.
Die eine Kategorie ist die Kategorie der erotischen Wünsche. Den entsprechenden Trieb, aus dem diese Wünsche entspringen, nannte Freud Lebenstrieb bzw. die damit verbundene psychische Kraft Libido. Die erotischen Wünsche hängen sehr stark mit den sogenannten erogenen Zonen zusammen und können durch diese auch aktiviert werden. Zu den erogenen Zonen gehören natürlich die Genitalien, Anus, Mund und auch die Haut, aber eben auch die Sinne wie Augen, Ohren und die Riechorgane. Dass Berührungen, Sehen und Riechen sexuell stimulierend sein können, ist allgemein bekannt. Für die Psychoanalyse umfasst der Begriff „sexuell“ im Grunde dieselben Erlebnisse, die umgangssprachlich als sinnlich bezeichnet werden, d. h. die Psychoanalyse versteht unter Sexualität oder Erotik etwas viel Umfassenderes, als dies üblicherweise der Fall ist. Dazu aber später mehr.
Die andere Kategorie umfasst die aggressiven Wünsche, also Wünsche nach Zerstörung und Vernichtung. Da diese Wünsche sich auch gegen das eigene Selbst richten können, nannte Freud den zugrunde liegenden Trieb Todestrieb.
Während aber Sigmund Freud versuchte, auch den Todestrieb biologisch zu begründen, verzichtete Melanie Klein darauf, da sie der Auffassung war, dass der Konflikt zwischen dem Lebenstrieb und Todestrieb in rein psychologischen Begriffen formuliert werden kann. Für sie wurzelt der Todestrieb von Beginn an in dem Drang, alle Bedürfnisse (nach Wärme, Gehaltensein, Sättigung) bzw. die Wahrnehmung dieser Bedürfnisse zu tilgen bzw. zu vernichten. Oder, da jeglicher Schmerz im Bedürfnis zu leben wurzelt, das Leben selbst zu vernichten.
Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass der Todestrieb nicht nur nach innen, sondern in abgelenkter Form als Aggressionstrieb auch nach außen wirkt. Und derjenige Teil des Todestriebs, der nach außen gerichtet ist, kann wiederum zwei unterschiedlichen Absichten dienen. Einmal, wie schon erwähnt, dient dieser der Zerstörung und Vernichtung, aber eben auch der Verteidigung und letztlich damit der Lebenserhaltung, insbesondere bei Mischung mit dem Lebenstrieb.
Lebenstrieb und Todestrieb können sich also mischen oder auch wieder entmischen. So stellt z. B. der Akt des Essens für Freud eine solche Mischung dar, denn das, was vielleicht lustvoll gegessen werden soll, muss dazu zerstört werden. Dieses Mit- und Gegeneinanderwirken der beiden Grundtriebe ergab für Freud die ganze Buntheit der Lebenserscheinungen, wobei mit Gegeneinanderwirken gemeint ist, dass sich die Grundtriebe im Konflikt miteinander befinden. Vereinfacht formuliert sind übrigens Hass und Liebe die beiden zentralen Abkömmlinge dieser Grundtriebe, die sehr wohl auch völlig unbewusst bleiben können.
Aber auch wenn die Triebe bzw. die daraus resultierenden konkreten Wünsche für die menschliche Psyche zentrale Motivatoren darstellen, sollte schon jetzt darauf hingewiesen werden, dass diese nicht die alleinigen Motivatoren sind (siehe Kap. 5.2).

Das könnte ihnen auch gefallen :

Was ist Psychoanalyse – Eine Einführung

Gottfried Bruno Resch

Mit Notarztkoffer und Geigenkasten, 50 Jahre unterwegs

Buchbewertung:
*Pflichtfelder