Cover: Stille Rebellion im Klassenzimmer

Stille Rebellion im Klassenzimmer
ein heilpädagogischer Ratgeber für Schule und Elternhaus


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-99146-915-5
Erscheinungsdatum: 25.09.2024
Fördert unser Schulsystem Kreativität oder schränkt es sie sein? Der Autor gibt in diesem Buch zahlreiche Einblicke, wie Kinder auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden können und wie man ihre Begeisterung zum Lernen wecken kann.
Einleitung


Viele Menschen glauben, dass Kinder dazu da sind, gehorsam und folgsam zu sein. Die Erwachsenen meinen zu wissen, was für ein Kind gut ist. Daher geben sie alles vor. Also ist keine Widerrede, kein eigener Standpunkt möglich. Ich habe es selbst als Kind so erlebt. Auf meine Frage an meine Eltern, was sie sich zu Weihnachten wünschten, gab es immer nur eine Antwort: liebe Kinder. Anfangs war es für mich einleuchtend, denn ein Kind möchte in der Regel auch lieb sein. Es ist voller Liebe. Doch folgsam und lieb sein, ohne Bezug zu einer bestimmten Handlung, macht Kinder misstrauisch. Es ist kein harmloser Wunsch, denn als Kind spürt man, dass etwas faul daran ist, immer folgsam zu sein und zu gehorchen, selbst wenn man nicht von jeder Anweisung überzeugt ist. Blinder Gehorsam sollte eigentlich längst überholt sein, und doch erzwingen viele Eltern den Gehorsam ihrer Kinder. Es gibt mehr Eltern als gedacht, die mit ihren Kindern deswegen Schwierigkeiten haben. Nach einer Studie der Uni Freiburg im Herbst 2022 mit 1013 Eltern erleben 50 % aller Kinder in der Schweiz häusliche Gewalt. Eltern, die körperliche und psychische Gewalt an ihren Kindern ritualisiert ausüben, gaben sogar häufig an, dass sie sich dabei im Recht fühlen. Besonders erschreckend ist, dass die große Mehrheit der Eltern glaubt, dass psychische Gewalt erlaubt sei, wenn Kinder älter sind. Anschreien oder Ignorieren werden dann sogar häufig als legal angesehen.
Lieb sein und gehorchen kann nicht die Aufgabe eines Kindes sein. Kinder wollen freiwillig gehorchen, weil sie an die Erwachsenen und ihre Mission glauben. Sie ordnen sich gerne unter, wenn sie sich gesehen fühlen und gemocht werden. Sie wollen verstehen, warum bestimmte Dinge getan und gelernt werden müssen. Kinder sind kreative Wesen, die darauf brennen, in alle Probleme des Lebens mit einbezogen und ernst genommen zu werden. Sie wollen an den Problemen des Lebens wachsen und erfahren, wer sie selbst sind. Sie wollen mit den Erwachsenen kreativ kooperieren. Daher ist Kreativität eine bessere Antwort auf die sprudelnde Lebendigkeit von Kindern als Kontrolle und Zwang.

Aus Sicht der Kinder ist ihre Lebendigkeit ihr natürliches Naturell. Aus Liebe zu ihren Eltern unterdrücken sie oft diese Lebendigkeit. Sie versuchen, den Ansprüchen ihrer Eltern zu genügen, indem sie sich bemühen, gute Noten nach Hause zu bringen und alles tun, was die Eltern ihnen raten. Dabei bleiben ihre Bedürfnisse aber oft auf der Strecke. Sie scheitern an ihren eigenen Ansprüchen und verlieren den Mut, wenn die Noten nicht mehr stimmen. Im Stress eines durchorganisierten Alltags verlieren sie allmählich ihr Kindsein und eine zunehmende Anzahl von Kindern gerät ins Burnout.

Aus Sicht der Erwachsenen stören Kinder, wenn Eltern ihren wohlverdienten Feierabend haben und die Lebendigkeit der Kinder nicht dazu passt. Sie wollen endlich selbstbestimmt diese arbeitsfreie Zeit genießen und ärgern sich, wenn ihre Kinder intensiv ihre Bedürfnisse einfordern. Andere Eltern reagieren heftig, weil sie das Verhalten des Kindes irrtümlich als Angriff auf ihre Autorität interpretieren. Alles ist verständlich. Elternschaft ist eine große Herausforderung. Sie beginnt damit, dass Eltern einen zweiten Beruf ausüben müssen, auf den sie sich kaum vorbereiten können: die Kindererziehung. Gleichzeitig beginnt ein Balanceakt zwischen Beruf, Kinderwelt und Partnerschaft. Eltern werden strapaziert, alle Bedürfnisse in der Familie auszugleichen. In der Schule kommen bald neue Herausforderungen hinzu. Für die Eltern ist gerade das Gröbste geschafft, da fangen ihre Kinder in der Schule plötzlich an zu rebellieren und keiner weiß genau, warum.
Es braucht eine Antwort auf die Herausforderungen, die Kinder in dieser Zeit mit sich bringen. Es braucht auch eine Antwort für Eltern und Lehrpersonen, die sich immer mehr gestresst fühlen. Welche Rolle spielt dabei die Kreativität?
Kreativität spielt meiner Ansicht nach eine äußerst wichtige Rolle in der Erziehung von Kindern, da sie immer mit einer Öffnung beginnt. Damit leitet sie die Möglichkeit einer Beziehung ein. Ohne sich füreinander zu öffnen ist die Beziehung eine Farce. Dann spielen Kinder Gehorsam, um ihre Eltern oder Lehrpersonen zu gewinnen. Das ist jedoch für niemanden befriedigend. Die Beziehung ist die Voraussetzung, dass erfolgreiches Lernen überhaupt stattfindet. Kreativität und Beziehung sind die Voraussetzungen, um überhaupt schwierige Situationen lösen zu können. Ohne Kreativität können wir in Konflikten eigentlich gar nichts tun. Wir können nur vorübergehend für Ruhe sorgen. Ohne Beziehung kann man Kinder nicht wirklich verstehen und ohne sie zu verstehen, kann man ihnen nichts vermitteln.
Mir ist als schulischer Heilpädagoge aufgefallen, dass Kinder am besten über kreative Impulse zu erreichen sind. Das liegt an dem Phänomen des kreativen Prozesses. Er hat immer etwas einladend Öffnendes. Er kann uns die Augen öffnen und uns Ideen geben, aus jedem Konflikt wieder herauszukommen. Er öffnet auch dem Kind die Augen und lädt es ein, mit uns in einen Prozess zu gehen.
Davon möchte ich erzählen, sowie von ungewöhnlichen Situationen, die ich erlebt habe, in denen Kreativität der entscheidende Schlüssel war, um die Situation zu retten. Kreativität ist nicht nur ein Lernöffner. Sie schafft als wichtiges Hilfsmittel zwischen Erwachsenen und Kindern das Vertrauen, das für eine Beziehung nötig ist. Darüber hinaus wirkt sie belebend und inspirierend auf den Erwachsenen und bringt ihm den Ausgleich zu seiner Arbeit.
Bei meinen Recherchen über Kreativität im gesellschaftlichen Leben bin ich auf erstaunliche Hinweise gestoßen, welchen hohen Stellenwert Kreativität in Wissenschaft und Wirtschaft hat. Das hat wiederum eine Bedeutung für den Umgang mit Kreativität in der Schule, die die Kinder auf das Leben vorbereiten soll.
Ich habe mich aus diesen Gründen für eine Dreiteilung des Buches entschieden:

1. Erfahrungen aus der Schulwirklichkeit, die mich an meine Grenzen gebracht und mir die Augen für Kinder geöffnet haben
2. Das Phänomen der Balance im kreativen Prozess und ihre Bedeutung für die Erziehung und die Schule
3. Ein Blick voraus: Was die Wirtschaft von den Heranwachsenden erwartet und die Nachhaltigkeit von Kreativität im Leben

Der 1. Teil erzählt von realen Situationen aus dem Unterricht, von Ausflügen oder Schullagern, die keiner haben möchte. Es sind überraschende Situationen, in denen das Konzept, das einer geplanten Vorbereitung zugrunde lag, nicht mehr gegriffen hat.
In diesen Momenten habe ich am meisten über Kinder gelernt. Im Nachhinein liebe ich diese Geschichten. Während der Situation habe ich dagegen ganz schön geschwitzt. Ich will sagen: Ich kann mich gut in Lehrpersonen und Eltern einfühlen, die an ihre Grenzen kommen. Ich weiß, wie man sich dann fühlt. In diesen Momenten haben mir meine Gaben zur Improvisation und zur Geduld geholfen.

Im 2. Teil spreche ich von der Balance, in die wir durch wahre Kreativität gelangen. Dazu gehen wir tiefer in den kreativen Prozess hinein. Wir erleben, wieso Kreativität die Lösung für viele Probleme und Konflikte im Leben bietet. Ich habe auf eine Fachsprache weitestgehend verzichtet und fachliche Hintergrundinformationen auf das Nötigste beschränkt. Man muss nicht 100 Bücher lesen, um Kinder verstehen zu können. Viel Wissen entspringt unserem natürlichen gesunden Menschenverstand und der Bereitschaft, Kindern gegenüber immer offen zu bleiben. Die Impulse, die ich hier gebe, können anregen, selbst weiter zu forschen.

Der Blick voraus im 3. Teil geht in Bereiche, die unser ganzes Leben betreffen. Die Wirtschaft ist ein wichtiger Teil davon. Sie beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Kreativität. Wir sehen den Prozess des Unterrichtens und Erziehens aus einer anderen Perspektive, quasi aus der Zukunft, auf die die Kinder zulaufen. Dazu gehört meiner Meinung nach aber auch das Thema Gesundheit und spirituelle Entwicklung.

So viel zum Aufbau dieses Buches. Zum Abschluss möchte ich erwähnen, dass es sich bei allen Erlebnissen um reale Geschichten handelt, die ich fast ausnahmslos selbst erlebt habe. Die Namen der Kinder habe ich unkenntlich gemacht, um sie zu schützen.

Schließlich:
Es gibt einen roten Faden in diesem Buch: Das ist die Kreativität. Ich habe durch die vielen erlebten und gelösten Konflikte mit Kindern den großen Wert der Kreativität kennengelernt.
Ich wünschte mir, sie würde in unserem ganzen Leben regieren.




Teil 1
Situationen, die keiner haben möchte

Kapitel 1.1
Wenn es eskaliert


Wenn Kinder stören, fällt zuerst auf, dass sie unsere Pläne kreuzen. Damit beschränken sie uns. Das nervt. Wer mag das schon gerne? Lehrer müssen ihren Unterricht unterbrechen, Eltern brauchen Ruhe nach der Arbeit. Das erfordert viel Geduld und Kraft, die man nicht immer hat. Aus der Sicht des Kindes sieht es ganz anders aus. Sie äußern sich umgehend, sobald der Schuh drückt. Er drückt oft so stark, dass sie es nicht mehr aushalten. Sie können nicht warten, weil ihr Problem in ihren Augen höchste Priorität hat. Das bereitet ihnen eine große
Not. Sie können oft nicht einmal sagen, warum sie gerade wütend, traurig oder ungehalten sind.
So entstehen oft Konflikte in der Beziehung.


Im Schmerz gefangen

Es war dieser Moment tiefster Zufriedenheit, der einen erfüllt, wenn man sich auf eine gelungene Geburtstagsfeier vorbereitet hat und meint, an alles gedacht zu haben. Bei einem Schullager mit einer
5. Klasse passierte es. Wir hatten einen langen, anstrengenden Tag hinter uns und freuten uns auf einen entspannten Abend mit einem guten Essen, lustigen Spielen und viel Kinderlachen. Danach würden wir alle müde in unsere Betten fallen und zufrieden schlafen. So dachten wir. Es sollte jedoch ganz anders werden.

Mein Kollege war im Erdgeschoss mit der Vorbereitung des Abendessens beschäftigt, als plötzlich zwei Mädchen aufgeregt zu mir eilten und voller Panik berichteten, dass ein Mitschüler sie umbringen wolle. „Paul sagte, er will am Abend, wenn wir schlafen, in die Küche gehen, sich ein scharfes Fleischmesser holen und uns alle abstechen!“ Meine Gedanken überschlugen sich: War er vielleicht schon mit einem Messer auf dem Weg zu den Mädchen? Ich spürte Wut und Empörung: War das der Dank für den schönen Tag, den wir gemeinsam verbracht haben? Vor meinem Auge erschienen in Bruchteilen einer Sekunde Bilder von den Amokläufen in Winnenden und Erfurt. Auch wenn die Worte von Kindern nie auf die Goldwaage gelegt werden sollten, ergriff mich in dem Moment doch eine gewisse Unruhe. Natürlich stand der Schutz der anderen Kinder vor einem potentiellen Amokläufer an erster Stelle. Während ich die Treppen hoch eilte, überlegte ich, was zu tun ist. Ich musste herausfinden, wie ernst es Paul meinte. In der Küche lagen tatsächlich sehr große und scharfe Messer. Die Küche war nicht abschließbar. Ich musste Paul erreichen und herausfinden, was hinter seinen Gewaltfantasien steckt. Mit klopfendem Herzen kam ich im Stockwerk der Jungen an.


Nebengedanken

Auch in schwierigen Momenten laufen bei uns verschiedene Ebenen ab. Neben der Aufregung, die von den Kindern verbreitet wurde, gelang es mir, ruhig zu bleiben. Fieberhaft dachte ich nach. Kinder greifen in ihrer emotionalen Hilflosigkeit oft zu Kraftausdrücken, die sie im beruhigten Zustand nie verwenden würden. Das gibt ihnen ein Gefühl von Stärke. Kinder können aber in höchster seelischer Not auch gewaltige Kräfte entwickeln und viel Unheil anrichten. Man denke an Kinder, die am Ertrinken sind. Das kann sogar für einen Rettungsschwimmer eine Herausforderung sein. Kinder, die sich in ihrem elterlichen Umfeld als hilflos und klein gefühlt und Übergriffe erlebt haben, können in einer anderen Situation überkompensieren und in einen Gewaltrausch kommen, der ihnen das Gefühl gibt, endlich nicht mehr hilflos zu sein. Paul hatte wahrscheinlich eine Traumatisierung erlebt, die im Lager durch eine ähnliche Situation angetriggert wurde.^


Wissensecke

Bei Stress wechseln wir von unserem Frontalhirn, das für waches, bewusstes Denken steht, in unser limbisches System. Es ist das Tor zu unseren Emotionen. Hier, tief im Inneren unseres Gehirns, werden alle Emotionen verarbeitet. Hier wird in Stresssituationen entschieden, wie wir reagieren sollen, um uns schnellstmöglich durch Flucht oder Angriff zu schützen. Logisches Denken ist dann unmöglich. Es ist viel zu langsam. Paul wurde von etwas angetriggert. Ein Trigger ist ein Auslöser. Er reaktiviert ein früheres Trauma. Dadurch wird die bedrohliche Situation von früher noch einmal mit gleicher Intensität erlebt. Hintergrund:

Im 2. Weltkrieg reagierten die Soldaten auf die unausweichliche beklemmende Lage in den Schützengräben mit einem Trauma.
Der ohrenbetäubende Lärm einschlagender Granaten war unerträglich. Fliehen war in diesem Moment genauso unmöglich wie anzugreifen. Die Situation wurde unerträglich. In diesem Moment dissoziierten sie. Sie gingen in eine Erstarrung und waren nicht mehr richtig anwesend. Das war eine hilfreiche Lösung des Körpers, um nicht durchzudrehen, um zu überleben. Nach dem Krieg blieb jedoch dieses Verhalten, und viele von ihnen hatten unerklärliche körperliche Reaktionen wie das bekannte Kriegszittern, eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Ein Trigger kann für Soldaten sein, wenn sie später in der Therapie zu früh von ihren Erlebnissen erzählen sollen, oder wenn sie in einen engen Raum kommen, der sie an den Schützengraben erinnert. Auch das Miterleben von traumatischen Ereignissen kann eine PTBS auslösen. Die Anzeichen und Symptome von PTBS können Flashbacks, Albträume, anhaltende Angstzustände, Schlafprobleme und emotionale Taubheit umfassen. Durch eine PTBS wurden nach dem Amoklauf in Winnenden einige Polizisten arbeitsunfähig.

Paul hatte eine rote Linie überschritten, die eigentlich nur eine Antwort zuließ: Er musste abgeholt werden. Meine Erfahrung aber hat mich gelehrt, dass es immer von Vorteil ist, mit der eigenen Reaktion zu warten, bis man die Situation voll überblickt hat. Ich zwang mich daher zu Ruhe und Gelassenheit, als ich das Zimmer von Paul betrat.

Ein Freund tröstete ihn gerade, was aber nicht wirklich gelang. Er redete sich dadurch nur immer mehr in seine Gewaltfantasien hinein. Ich bat daher den Freund zu gehen und begann damit, mir alles anzuhören, was er den Mädchen vorwarf. Ich hielt meine eigenen Gedanken und vor allem meine klugen Antworten zurück und bekam dadurch einen Überblick von der Lage. Es wurde schnell deutlich, dass Paul von den Mädchen angetriggert wurde und tief verletzt und traurig war. Die Wut musste raus. Ich zog mich mit ihm in einen geschützten, abgelegenen Raum zurück und hörte weiter zu, lenkte aber das Gespräch durch Fragen immer mehr auf ihn selbst. Dabei kam heraus, wie sehr er unter der Trennung seiner Eltern litt. „Jede Woche muss ich wechseln, erst zu Papa, dann zu Mama. Es gibt keinen sicheren Ort für mich.“ Schließlich, als alles ausgesprochen war, verwandelte sich seine Wut in eine tiefe Traurigkeit, die er in diesem Rahmen zulassen konnte. Ein Mädchen mit Namen Lotta war anwesend. Sie hatte keine Angst vor seinen Gewaltfantasien. Als Paul seine Gewaltfantasien losließ, brach er in sich zusammen. Da saßen sie: zwei Kinder im Alter von 11 Jahren, das eine ganz aufgelöst in seinem Schmerz, das andere voller Mitgefühl und Anteilnahme vor ihm. Normalerweise gingen sie sich immer aus dem Weg, so wie eben Mädchen und Jungen in diesem Alter sind. Doch in diesem Moment vergaßen beide ihre Rolle und ihre Scheu voreinander. Lotta hatte den ganzen Prozess von Paul begleitet. Sie fühlte nun die Kraft, ihn zu trösten. Paul kauerte sich schluchzend in ihre Arme und ließ sich bereitwillig und ohne Scham von ihr trösten. Der Anblick hatte etwas berührend Echtes und Wertvolles, fast Heiliges. Lotta konnte für einen Moment wie eine Mutter geben, und Paul konnte ohne Scheu nehmen und Frieden finden.

Die gefährliche Situation war mit einem Mal vorbei. Schließlich versprach Paul, die Mädchen ganz in Ruhe zu lassen. Ich fühlte, dass er es ernst meinte, und wir konnten den Tag noch harmonisch beschließen. Ich war anschließend froh, mit einer rigiden Maßnahme gewartet zu haben. Paul war wie verändert. Er hatte wieder zu sich gefunden. Er konnte mit einem klaren Blick sehen, wie sehr er sich verrannt hatte. Ich hatte etwas Neues gelernt:
Durch stille Zeugenschaft, in einem Raum der Sicherheit, kann in so einem Moment mehr erreicht werden als durch rigide Maßnahmen und viele Worte. Paul wurde in den nächsten Jahren ein nachdenklicher, besonnener Schüler. Ich traf ihn von Zeit zu Zeit und wir lächelten uns verstehend zu.


TIPPs

Kinder sind auf Geborgenheit im Elternhaus angewiesen. Fehlt ihnen diese, werden sie unausgewogen, da sie sich emotional noch nicht selbst regulieren können. Wir sollten daher ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen, wenn sie starke Ausdrücke wählen.

Kinder, die sich im Stress befinden, sollten aus der Situation befreit werden, indem man mit ihnen den Raum wechselt und sie zu einem Spiel einlädt oder irgendwie ablenkt. Erst später ist es möglich, mit ihnen über den Konflikt zu sprechen, wenn ihr Gemüt sich abgekühlt hat.

Hinter einem störenden Verhalten liegt meist eine seelische Not und kein absichtliches Fehlverhalten. Die Not zeigt sich oft in einem Ausbruch von Trauer, die auf die Aggression folgt, wenn man warten kann. Kinder sind für Geduld und Zuwendung in diesen Momenten sehr dankbar. Oft ist es besser, erst einmal nur ein stiller Zeuge zu sein, statt zu tadeln oder empört auf die Aggression zu reagieren.
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