Sex ist gesund
Alles, was man über Sexualität wissen sollte
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-99130-679-5
Erscheinungsdatum: 08.01.2025
Als Urologe weiß Dr. Nabil Morkos, wie wichtig Sexualität für Gesundheit und Psyche ist. Er hat viele Jahre Menschen untersucht, geheilt und beraten, wenn es um die „schönste Nebensache“ ging. Er sagt: Tatsächlich ist Sex für die Gesundheit unverzichtbar.
Prolog
Das Thema Sexualität ist so alt wie die Menschheit. Obwohl man meint, alles darüber zu wissen, haben die Menschen Fragen über Fragen und die Neugier ist groß.
In meiner Zeit als niedergelassener Urologe in Berlin haben mich meine Patienten, aber auch mein persönliches Umfeld immer wieder mit Fragen zum intimen Bereich von Partnerschaften konfrontiert. Daher habe ich mich entschlossen, über dieses sensible und diskrete Thema vorliegendes Buch zu schreiben.
Es befasst sich mit allen Themen der Sexualität in medizinischer Hinsicht, aber auch der kulturgeschichtliche Hintergrund hat darin seinen Platz. Aufbau und Anatomie der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, sexuelle Störungen bei Mann und Frau sowie Therapieansätze werden dargestellt.
Potenzprobleme können sowohl bei Jugendlichen als auch bei Älteren auftreten. Als Ursachen kommen psychische oder physische Faktoren infrage. Impotent zu sein hat schwere negative Folgen für die Betroffenen. Es können Probleme sowohl in der Familie als auch im Beruf entstehen. Ein Teufelskreis! Diesen Zustand behandle ich ausgiebig und stelle Therapiemöglichkeiten dar.
Die Freisetzung von bestimmten Hormonen beim Sex steigert die Konzentrationsfähigkeit, setzt die Schmerzschwelle herauf, vermeidet Heißhungerattacken, senkt das Krebsrisiko und fördert den Schlaf.
Da ich den Leser nicht mit medizinischen Ausführungen überfordern möchte, sondern ihm die Möglichkeit geben will, sich beim Lesen auch zu entspannen, habe ich mir die fiktive Figur ROBERT als Sexualtherapeut zu Hilfe genommen, der von Begebenheiten, Erfahrungen und Geschichten aus seiner sexualtherapeutischen Praxis, aber auch aus seinem Alltag und von seinen Reisen ins Ausland erzählt.
Sex ist die schönste Nebensache der Welt – oder kann man vielleicht sogar sagen, er ist die Hauptsache??? Er ist lustvoll, entspannend und macht glücklich.
Das Buch ist in vielerlei Hinsicht ein Ratgeber, der zu einer erfüllten Sexualität anregen soll.
Die Bank im Park
„Hey, Alter, brauchst du die Bank alleine oder kann ich mich auch mit draufsetzen?“ Robert, der auf der Parkbank eingenickt ist, wird jäh aus seinem Nickerchen gerissen. Schlaftrunken blinzelt er gegen die Sonne und sieht einen schlaksigen, etwas ungepflegten jungen Mann vor sich stehen, der auf ihn herabschaut. Robert rückt an den äußeren Rand der Bank und der junge Mann schmeißt sich im wahrsten Sinne des Wortes breitbeinig neben ihn. Er hat Stöpsel im Ohr und seinen MP3-Player so laut eingestellt, dass Robert die Rapmusik noch mithören kann. Dazu johlt er den Text laut mit.
Nach einer Weile wird es Robert zu viel. Wie immer an schönen Tagen wollte er auf „seiner“ Bank den Park mit den alten Bäumen genießen und das Gezwitscher der Vögel hören. Das ist für ihn eine liebe Gewohnheit geworden. Dann hängt er seinen Gedanken nach und ist mit sich und der Welt im Einklang.
Als Robert sich langsam zum Gehen erhebt, spricht ihn der junge Mann wiederum an: „Hast wohl schon bessere Zeiten erlebt, was?!“
Langsam schaut Robert sein Gegenüber an und antwortet: „Ja, da hast du recht. Alter ist nicht gerade prickelnd. Auch ich war mal so jung wie du.“
„Das sieht man dir aber heute nicht mehr an“, provoziert ihn der junge Mann.
„Ach, weißt du, das war gerade nicht sehr nett von dir, aber ich sehe dir das aufgrund deiner Jugend nach. Du wirst bestimmt auch deine Erfahrungen im Leben machen müssen.“ Robert will nun wirklich gehen.
„Hey, Alter, bleib doch noch. Ich möchte mich mit dir noch ein bisschen unterhalten.“
„Was willst du? Ich möchte jetzt aber gehen.“
„Na ja, in deinem Alter muss es doch öde sein – Wein, Weib und Gesang, nichts hast du mehr.“
Robert lächelt ein wenig und sagt: „Weißt du, vieles steht vielleicht nicht mehr so im Vordergrund und ist auch nicht mehr so wichtig, aber es bleiben die Erinnerungen, die dann unser Leben reich machen. Wie alt bist du denn?“
Der junge Mann schmeißt sich in Positur: „18!“
„Na ja, mit 18 bekam ich zum Geburtstag von meinen Eltern eine Reise nach Indien geschenkt. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.“
„Was wolltest du in Indien?“
„Damals war Indien noch sehr weit entfernt. Alles war fremd und abenteuerlich für mich – das Land, die Leute, die Gewohnheiten, das Essen.“
„Erzähl mal weiter!“
„Meine Eltern hatten weltweite Kontakte, und so durfte ich längere Zeit im Haus eines Maharadschas leben. Von hier aus machten wir Reisen durch das ganze Land. Das war nicht immer ungefährlich, denn es gab zum Beispiel auch Schlangen und Mücken, aber auch Räuberbanden, vor denen man nie sicher war. Auch die hygienischen Verhältnisse ließen oft sehr zu wünschen übrig.“
Offensichtlich ist das Interesse bei dem jungen Mann geweckt und er will mehr wissen. „Gab es auch Partys?“
„Na ja, nicht so, wie ihr das heute macht. Es gab Extraempfänge für mich, bei denen ich einflussreiche Leute kennenlernen durfte.“
„Wie langweilig.“
„Oh, nein, langweilig war das nicht. Ein solcher Abend war ein rauschendes Fest, wie wir es hier in Europa gar nicht kannten. Es gab so viel für das Auge, dass man gar nicht wusste, wo man zuerst hinschauen sollte – schon allein die Ausstattung der Räume war eine Pracht. Dazu kamen die bunten Kleider mit viel Gold und Glitzer. Die Tische brachen unter dem reichhaltigen Essen fast zusammen. Außerdem tanzten zu der für mich sehr ungewöhnlichen Musik Frauen in tollen Gewändern.“
„Ach, hast du da eine abgestaubt?“
„So haben wir das nicht genannt – und es ging auch nicht so schnell bei uns zur Sache.“
„Wie spießig!“
„Nein, wir hatten noch Erwartungen und Vorfreude! Tatsächlich ist mir bei einem dieser Feste eine wunderschöne Frau ganz besonders aufgefallen. Sie hatte lange schwarze Haare, trug einen dunkelblauen Sari mit silbernen Bordüren und schaute immer mal wieder in meine Richtung.“
„Und dann hast du sie angebaggert?“
„Wir hatten irgendwann die Gelegenheit, uns miteinander zu unterhalten. Sie sprach fließend Englisch und war sehr gebildet. Damals war ich in Bezug auf Frauen noch sehr unbeholfen. Im Laufe des Abends kamen wir uns immer näher – es prickelte! Sie war älter als ich, aber ich war entflammt.“
„Hast du nun die Tante umgelegt oder nicht?“
„Das hat man damals anders ausgedrückt. Wir sahen uns am nächsten Tag wieder und die Anziehung war auf beiden Seiten sehr groß. Kiana, so hieß diese Dame, sagte mir, dass sie sich in mich verliebt hätte. Unsere Leidenschaft steigerte sich immer mehr und sie machte mich an diesem Tag zum Mann.“
„Mein Gott, du bist ein richtig feiner Pinkel, so wie du dich ausdrückst.“
„Ich glaube, ich bin halt anders aufgewachsen als du.“
„Wie ging denn die Geschichte weiter?“
„Von nun an trafen wir uns jeden Tag und Kiana brachte mir alles bei, was ich als Mann noch nicht wusste. Sie führte mich in die Kunst des Kamasutras ein. Ich verbrachte die Zeit wie auf Wolken.“
„Was! Kamakaza?“
„Das Kamasutra ist ein altes indisches Buch und beschreibt Liebestechniken.“
„Braucht man denn so was?“ Der junge Mann blickt Robert voller Unverständnis an.
„Vielleicht hast du die Gelegenheit, dieses Buch mal zu lesen“, antwortet Robert. „Leider war die Zeit in Indien dann auch viel zu schnell vorüber und wir mussten uns verabschieden. Das war für uns beide sehr schmerzlich. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen, aber die Erinnerung ist geblieben.“
Inzwischen hat der junge Mann seine arrogante und provozierende Haltung aufgegeben. „Weißt du, eigentlich ist das eine tolle Story! Sitzt du öfter hier? Wie heißt du denn?“
„Also, ich heiße Robert und ich sitze gern hier bei schönem Wetter in der Sonne. Und wie heißt du?“
„Ich heiße Jan und würde gerne nächstes Mal wieder mit dir reden. Wäre das okay?“
Robert denkt kurz nach und sagt: „Ja, können wir so machen, aber jetzt möchte ich doch gehen. Mach’s gut.“
„Du auch!“
Das alte Indien war in sexueller Hinsicht ein aufgeklärtes Land. Frauen genossen alle Freiheiten. Sex war vor der Ehe ebenso akzeptiert wie außerhalb der Ehe. Daher hat das alte Indien Pionierarbeit bei der Sexualerziehung geleistet. Polygamie war in der Antike erlaubt und wurde hauptsächlich von den Herrschern praktiziert, um die Nachfolge innerhalb der Dynastie aufrechtzuerhalten. Allerdings gab es Unterschiede in den sexuellen Praktiken zwischen den einfachen Menschen und den mächtigen Herrschern.
Die bekannteste Sexualliteratur Indiens sind die Texte des Kamasutras, die von Vatsyayana Mallanaga zwischen 300 und 200 v. Chr. verfasst wurden. Er beschreibt, wie sich Partner in einer ehelichen Beziehung gegenseitig erfreuen sollten. Kamasutra bedeutet übersetzt so viel wie „Verse des Verlangens“.
Neben den Liebesstellungen finden sich hier auch Abhandlungen über eine ethische Erotik und Lebensweise. Eng verbunden ist das Kamasutra mit der Liebeskunst Tantra, der Transformation von Sexualität.
Im Kamasutra finden sich verschiedene Stellungen sowie eine Anleitung, wie Männer und Frauen sexuelle Erfüllung finden können. Das Kamasutra enthält Regeln für alle Fragen der Liebe und Sexualität und zeigt etwa 729 verschiedene sexuelle Stellungen. Auch die spirituelle Öffnung beider Partner ist beschrieben, um das Kamasutra voll und ganz zu erleben.
Das indische Erotikbuch Kamasutra beflügelt die Fantasie und trägt zu sportlichen Höchstleistungen bei. Die drei bekanntesten Sexpositionen des Kamasutras sind „Yap Yun“, „den Pflock eintreiben“ und „Dhenuka-Vyanta-Bandha“.
Yab Yun: Der Mann sitzt auf dem Bett und lehnt mit dem Rücken an der Wand. Die Frau sitzt auf ihm und schlingt ihre Beine um ihn. Danach lässt sie das Becken kreisen, bis der leidenschaftliche Höhepunkt (Squirting) erreicht wird.
Den Pflock eintreiben: Dabei brauchen beide Partner eine gute Körperspannung. Der Mann lehnt sich im Stehen gegen die Wand. Die Frau sitzt auf ihm und schlingt ihre Oberschenkel um seine Taille. Der Mann hält sich am Po der Frau fest und treibt sie bis zum Orgasmus.
Dhenuka-Vyanta-Bandka: Die Frau kniet vor dem Schritt des Partners. Dieser legt sich über den Rücken der Frau und penetriert sie sanft von hinten. Diese Position führt zu vermehrtem Körperkontakt und macht den Geschlechtsverkehr sehr intensiv.
Darüber hinaus gibt es weitere Sexstellungen, z. B. das „glühende Dreieck“, das „Nervana“ und die „schwebende Schaukel“. Für einige Stellungen des Kamasutras ist eine gewisse Beweglichkeit notwendig.
Im berühmten Tempel Khajurao sind Figuren in erotischen Stellungen zu besichtigen, die sehr detailliert aus Stein gehauen wurden. Auch viele Malereien, die intime Szenen und erotische Akte darstellen, werden hier aufbewahrt.
Diese Freizügigkeit wurde von der islamischen Kultur und dem Viktorianismus der Briten negativ beeinflusst. Obwohl im heutigen Indien ein sexueller Liberalismus erneut aufblüht, gibt es dennoch nach wie vor Diskriminierung und Zwangsehen.
Robert erhebt sich und sagt im Gehen: „Genug für heute. Bis zum nächsten Mal.“
Nach dem Studium der Medizin spezialisierte sich Robert auf dem Gebiet der Sexualwissenschaft und ließ sich in einer eigenen Praxis nieder. Er besuchte weltweit viele Kongresse und widmete sich besonders den alten Kulturen mit den Schwerpunkten Sexualität und Sexualverhalten der Menschen.
1 Zur Kulturgeschichteder Sexualität
Menschliches Grundbedürfnis Sexualität
Die Sexualität der Menschen ist im Gegensatz zu vielen Tieren kein reines Instinktverhalten, sondern wird durch Entscheidungsprozesse beeinflusst. Menschen drücken ihr sexuelles Interesse u. a. durch Blickkontakte, zärtliche Worte und Liebkosungen aus. Im weiteren Verlauf einer Beziehung kristallisieren sich verschiedene sexuelle Praktiken heraus, um die Lust zu befriedigen. Hiermit gehen nicht nur Zärtlichkeiten oder Verständnis für den Partner einher, sondern auch Begierde und Eifersucht.
Sexualität wird sowohl von der Psyche als auch von der Sexualmoral und der Sozialstruktur, in der der Mensch lebt, beeinflusst. Die meisten Ausrichtungen des Sexualverhaltens sind der Heterosexualität zuzuschreiben, wobei es aber eine Reihe unterschiedlichster sexueller Orientierungen gibt.
Zu den sexuellen Grundorientierungen zählen die Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität sowie für viele Sexualwissenschaftler auch die Pansexualität, die sich auf alle Geschlechtsidentitäten richtet. Asexualität bezeichnet ein grundlegend fehlendes sexuelles Verlangen.
Anders sieht es bei der Pädophilie aus. Diese als „sexuelle Orientierung“ zu bezeichnen wird heute von den meisten Sexualwissenschaftlern und Medizinern abgelehnt.
Viele archäologische Funde beweisen, dass Menschen sich in früheren Kulturen ebenfalls mit der Sexualität beschäftigt haben. Hierzu gehörte z. B. das Einfärben von Geschlechtsteilen.
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Das Thema Sexualität ist so alt wie die Menschheit. Obwohl man meint, alles darüber zu wissen, haben die Menschen Fragen über Fragen und die Neugier ist groß.
In meiner Zeit als niedergelassener Urologe in Berlin haben mich meine Patienten, aber auch mein persönliches Umfeld immer wieder mit Fragen zum intimen Bereich von Partnerschaften konfrontiert. Daher habe ich mich entschlossen, über dieses sensible und diskrete Thema vorliegendes Buch zu schreiben.
Es befasst sich mit allen Themen der Sexualität in medizinischer Hinsicht, aber auch der kulturgeschichtliche Hintergrund hat darin seinen Platz. Aufbau und Anatomie der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, sexuelle Störungen bei Mann und Frau sowie Therapieansätze werden dargestellt.
Potenzprobleme können sowohl bei Jugendlichen als auch bei Älteren auftreten. Als Ursachen kommen psychische oder physische Faktoren infrage. Impotent zu sein hat schwere negative Folgen für die Betroffenen. Es können Probleme sowohl in der Familie als auch im Beruf entstehen. Ein Teufelskreis! Diesen Zustand behandle ich ausgiebig und stelle Therapiemöglichkeiten dar.
Die Freisetzung von bestimmten Hormonen beim Sex steigert die Konzentrationsfähigkeit, setzt die Schmerzschwelle herauf, vermeidet Heißhungerattacken, senkt das Krebsrisiko und fördert den Schlaf.
Da ich den Leser nicht mit medizinischen Ausführungen überfordern möchte, sondern ihm die Möglichkeit geben will, sich beim Lesen auch zu entspannen, habe ich mir die fiktive Figur ROBERT als Sexualtherapeut zu Hilfe genommen, der von Begebenheiten, Erfahrungen und Geschichten aus seiner sexualtherapeutischen Praxis, aber auch aus seinem Alltag und von seinen Reisen ins Ausland erzählt.
Sex ist die schönste Nebensache der Welt – oder kann man vielleicht sogar sagen, er ist die Hauptsache??? Er ist lustvoll, entspannend und macht glücklich.
Das Buch ist in vielerlei Hinsicht ein Ratgeber, der zu einer erfüllten Sexualität anregen soll.
Die Bank im Park
„Hey, Alter, brauchst du die Bank alleine oder kann ich mich auch mit draufsetzen?“ Robert, der auf der Parkbank eingenickt ist, wird jäh aus seinem Nickerchen gerissen. Schlaftrunken blinzelt er gegen die Sonne und sieht einen schlaksigen, etwas ungepflegten jungen Mann vor sich stehen, der auf ihn herabschaut. Robert rückt an den äußeren Rand der Bank und der junge Mann schmeißt sich im wahrsten Sinne des Wortes breitbeinig neben ihn. Er hat Stöpsel im Ohr und seinen MP3-Player so laut eingestellt, dass Robert die Rapmusik noch mithören kann. Dazu johlt er den Text laut mit.
Nach einer Weile wird es Robert zu viel. Wie immer an schönen Tagen wollte er auf „seiner“ Bank den Park mit den alten Bäumen genießen und das Gezwitscher der Vögel hören. Das ist für ihn eine liebe Gewohnheit geworden. Dann hängt er seinen Gedanken nach und ist mit sich und der Welt im Einklang.
Als Robert sich langsam zum Gehen erhebt, spricht ihn der junge Mann wiederum an: „Hast wohl schon bessere Zeiten erlebt, was?!“
Langsam schaut Robert sein Gegenüber an und antwortet: „Ja, da hast du recht. Alter ist nicht gerade prickelnd. Auch ich war mal so jung wie du.“
„Das sieht man dir aber heute nicht mehr an“, provoziert ihn der junge Mann.
„Ach, weißt du, das war gerade nicht sehr nett von dir, aber ich sehe dir das aufgrund deiner Jugend nach. Du wirst bestimmt auch deine Erfahrungen im Leben machen müssen.“ Robert will nun wirklich gehen.
„Hey, Alter, bleib doch noch. Ich möchte mich mit dir noch ein bisschen unterhalten.“
„Was willst du? Ich möchte jetzt aber gehen.“
„Na ja, in deinem Alter muss es doch öde sein – Wein, Weib und Gesang, nichts hast du mehr.“
Robert lächelt ein wenig und sagt: „Weißt du, vieles steht vielleicht nicht mehr so im Vordergrund und ist auch nicht mehr so wichtig, aber es bleiben die Erinnerungen, die dann unser Leben reich machen. Wie alt bist du denn?“
Der junge Mann schmeißt sich in Positur: „18!“
„Na ja, mit 18 bekam ich zum Geburtstag von meinen Eltern eine Reise nach Indien geschenkt. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.“
„Was wolltest du in Indien?“
„Damals war Indien noch sehr weit entfernt. Alles war fremd und abenteuerlich für mich – das Land, die Leute, die Gewohnheiten, das Essen.“
„Erzähl mal weiter!“
„Meine Eltern hatten weltweite Kontakte, und so durfte ich längere Zeit im Haus eines Maharadschas leben. Von hier aus machten wir Reisen durch das ganze Land. Das war nicht immer ungefährlich, denn es gab zum Beispiel auch Schlangen und Mücken, aber auch Räuberbanden, vor denen man nie sicher war. Auch die hygienischen Verhältnisse ließen oft sehr zu wünschen übrig.“
Offensichtlich ist das Interesse bei dem jungen Mann geweckt und er will mehr wissen. „Gab es auch Partys?“
„Na ja, nicht so, wie ihr das heute macht. Es gab Extraempfänge für mich, bei denen ich einflussreiche Leute kennenlernen durfte.“
„Wie langweilig.“
„Oh, nein, langweilig war das nicht. Ein solcher Abend war ein rauschendes Fest, wie wir es hier in Europa gar nicht kannten. Es gab so viel für das Auge, dass man gar nicht wusste, wo man zuerst hinschauen sollte – schon allein die Ausstattung der Räume war eine Pracht. Dazu kamen die bunten Kleider mit viel Gold und Glitzer. Die Tische brachen unter dem reichhaltigen Essen fast zusammen. Außerdem tanzten zu der für mich sehr ungewöhnlichen Musik Frauen in tollen Gewändern.“
„Ach, hast du da eine abgestaubt?“
„So haben wir das nicht genannt – und es ging auch nicht so schnell bei uns zur Sache.“
„Wie spießig!“
„Nein, wir hatten noch Erwartungen und Vorfreude! Tatsächlich ist mir bei einem dieser Feste eine wunderschöne Frau ganz besonders aufgefallen. Sie hatte lange schwarze Haare, trug einen dunkelblauen Sari mit silbernen Bordüren und schaute immer mal wieder in meine Richtung.“
„Und dann hast du sie angebaggert?“
„Wir hatten irgendwann die Gelegenheit, uns miteinander zu unterhalten. Sie sprach fließend Englisch und war sehr gebildet. Damals war ich in Bezug auf Frauen noch sehr unbeholfen. Im Laufe des Abends kamen wir uns immer näher – es prickelte! Sie war älter als ich, aber ich war entflammt.“
„Hast du nun die Tante umgelegt oder nicht?“
„Das hat man damals anders ausgedrückt. Wir sahen uns am nächsten Tag wieder und die Anziehung war auf beiden Seiten sehr groß. Kiana, so hieß diese Dame, sagte mir, dass sie sich in mich verliebt hätte. Unsere Leidenschaft steigerte sich immer mehr und sie machte mich an diesem Tag zum Mann.“
„Mein Gott, du bist ein richtig feiner Pinkel, so wie du dich ausdrückst.“
„Ich glaube, ich bin halt anders aufgewachsen als du.“
„Wie ging denn die Geschichte weiter?“
„Von nun an trafen wir uns jeden Tag und Kiana brachte mir alles bei, was ich als Mann noch nicht wusste. Sie führte mich in die Kunst des Kamasutras ein. Ich verbrachte die Zeit wie auf Wolken.“
„Was! Kamakaza?“
„Das Kamasutra ist ein altes indisches Buch und beschreibt Liebestechniken.“
„Braucht man denn so was?“ Der junge Mann blickt Robert voller Unverständnis an.
„Vielleicht hast du die Gelegenheit, dieses Buch mal zu lesen“, antwortet Robert. „Leider war die Zeit in Indien dann auch viel zu schnell vorüber und wir mussten uns verabschieden. Das war für uns beide sehr schmerzlich. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen, aber die Erinnerung ist geblieben.“
Inzwischen hat der junge Mann seine arrogante und provozierende Haltung aufgegeben. „Weißt du, eigentlich ist das eine tolle Story! Sitzt du öfter hier? Wie heißt du denn?“
„Also, ich heiße Robert und ich sitze gern hier bei schönem Wetter in der Sonne. Und wie heißt du?“
„Ich heiße Jan und würde gerne nächstes Mal wieder mit dir reden. Wäre das okay?“
Robert denkt kurz nach und sagt: „Ja, können wir so machen, aber jetzt möchte ich doch gehen. Mach’s gut.“
„Du auch!“
Das alte Indien war in sexueller Hinsicht ein aufgeklärtes Land. Frauen genossen alle Freiheiten. Sex war vor der Ehe ebenso akzeptiert wie außerhalb der Ehe. Daher hat das alte Indien Pionierarbeit bei der Sexualerziehung geleistet. Polygamie war in der Antike erlaubt und wurde hauptsächlich von den Herrschern praktiziert, um die Nachfolge innerhalb der Dynastie aufrechtzuerhalten. Allerdings gab es Unterschiede in den sexuellen Praktiken zwischen den einfachen Menschen und den mächtigen Herrschern.
Die bekannteste Sexualliteratur Indiens sind die Texte des Kamasutras, die von Vatsyayana Mallanaga zwischen 300 und 200 v. Chr. verfasst wurden. Er beschreibt, wie sich Partner in einer ehelichen Beziehung gegenseitig erfreuen sollten. Kamasutra bedeutet übersetzt so viel wie „Verse des Verlangens“.
Neben den Liebesstellungen finden sich hier auch Abhandlungen über eine ethische Erotik und Lebensweise. Eng verbunden ist das Kamasutra mit der Liebeskunst Tantra, der Transformation von Sexualität.
Im Kamasutra finden sich verschiedene Stellungen sowie eine Anleitung, wie Männer und Frauen sexuelle Erfüllung finden können. Das Kamasutra enthält Regeln für alle Fragen der Liebe und Sexualität und zeigt etwa 729 verschiedene sexuelle Stellungen. Auch die spirituelle Öffnung beider Partner ist beschrieben, um das Kamasutra voll und ganz zu erleben.
Das indische Erotikbuch Kamasutra beflügelt die Fantasie und trägt zu sportlichen Höchstleistungen bei. Die drei bekanntesten Sexpositionen des Kamasutras sind „Yap Yun“, „den Pflock eintreiben“ und „Dhenuka-Vyanta-Bandha“.
Yab Yun: Der Mann sitzt auf dem Bett und lehnt mit dem Rücken an der Wand. Die Frau sitzt auf ihm und schlingt ihre Beine um ihn. Danach lässt sie das Becken kreisen, bis der leidenschaftliche Höhepunkt (Squirting) erreicht wird.
Den Pflock eintreiben: Dabei brauchen beide Partner eine gute Körperspannung. Der Mann lehnt sich im Stehen gegen die Wand. Die Frau sitzt auf ihm und schlingt ihre Oberschenkel um seine Taille. Der Mann hält sich am Po der Frau fest und treibt sie bis zum Orgasmus.
Dhenuka-Vyanta-Bandka: Die Frau kniet vor dem Schritt des Partners. Dieser legt sich über den Rücken der Frau und penetriert sie sanft von hinten. Diese Position führt zu vermehrtem Körperkontakt und macht den Geschlechtsverkehr sehr intensiv.
Darüber hinaus gibt es weitere Sexstellungen, z. B. das „glühende Dreieck“, das „Nervana“ und die „schwebende Schaukel“. Für einige Stellungen des Kamasutras ist eine gewisse Beweglichkeit notwendig.
Im berühmten Tempel Khajurao sind Figuren in erotischen Stellungen zu besichtigen, die sehr detailliert aus Stein gehauen wurden. Auch viele Malereien, die intime Szenen und erotische Akte darstellen, werden hier aufbewahrt.
Diese Freizügigkeit wurde von der islamischen Kultur und dem Viktorianismus der Briten negativ beeinflusst. Obwohl im heutigen Indien ein sexueller Liberalismus erneut aufblüht, gibt es dennoch nach wie vor Diskriminierung und Zwangsehen.
Robert erhebt sich und sagt im Gehen: „Genug für heute. Bis zum nächsten Mal.“
Nach dem Studium der Medizin spezialisierte sich Robert auf dem Gebiet der Sexualwissenschaft und ließ sich in einer eigenen Praxis nieder. Er besuchte weltweit viele Kongresse und widmete sich besonders den alten Kulturen mit den Schwerpunkten Sexualität und Sexualverhalten der Menschen.
1 Zur Kulturgeschichteder Sexualität
Menschliches Grundbedürfnis Sexualität
Die Sexualität der Menschen ist im Gegensatz zu vielen Tieren kein reines Instinktverhalten, sondern wird durch Entscheidungsprozesse beeinflusst. Menschen drücken ihr sexuelles Interesse u. a. durch Blickkontakte, zärtliche Worte und Liebkosungen aus. Im weiteren Verlauf einer Beziehung kristallisieren sich verschiedene sexuelle Praktiken heraus, um die Lust zu befriedigen. Hiermit gehen nicht nur Zärtlichkeiten oder Verständnis für den Partner einher, sondern auch Begierde und Eifersucht.
Sexualität wird sowohl von der Psyche als auch von der Sexualmoral und der Sozialstruktur, in der der Mensch lebt, beeinflusst. Die meisten Ausrichtungen des Sexualverhaltens sind der Heterosexualität zuzuschreiben, wobei es aber eine Reihe unterschiedlichster sexueller Orientierungen gibt.
Zu den sexuellen Grundorientierungen zählen die Heterosexualität, Homosexualität und Bisexualität sowie für viele Sexualwissenschaftler auch die Pansexualität, die sich auf alle Geschlechtsidentitäten richtet. Asexualität bezeichnet ein grundlegend fehlendes sexuelles Verlangen.
Anders sieht es bei der Pädophilie aus. Diese als „sexuelle Orientierung“ zu bezeichnen wird heute von den meisten Sexualwissenschaftlern und Medizinern abgelehnt.
Viele archäologische Funde beweisen, dass Menschen sich in früheren Kulturen ebenfalls mit der Sexualität beschäftigt haben. Hierzu gehörte z. B. das Einfärben von Geschlechtsteilen.
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