Renaissance einer wohlwollenden Ethik
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-7116-1228-1
Erscheinungsdatum: 16.12.2025
Eine alles überwiegende Selbstgerechtigkeit wird als Ursache des Leidens in der Welt identifiziert. Die Wurzeln der Selbstgerechtigkeit werden analysiert und zur Überwindung wird eine wohlwollende Ethik entwickelt, welche einen neuen Lebenssinn ermöglicht.
Vorwort
In meinem gelebten Alltag in einem kleinen Dorf in ländlicher Landschaft erfahre ich im Freundes- und Verwandtenkreis sehr viel guten Umgang, Hilfsbereitschaft und Liebe zur Natur. Wenn ich dann aber Nachrichten anschaue oder die Zeitung aufschlage, beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass ich auf einer „Insel der Seligen“ lebe. Denn dann bekomme ich den Eindruck, dass individuelle Selbstverwirklichung und persönliche Interessen alle anderen Verhaltensregeln des gemeinsamen Miteinanders überlagern und ganz einfache ethische und moralische Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens nur wenig Beachtung finden. Einfach gesagt, nehme ich eine zunehmende Selbstgerechtigkeit wahr, jeder scheint sich mehr denn je selbst der Nächste zu sein und seine eigenen Werteüberzeugungen für die einzig Richtigen zu halten.
Im folgenden Text versuche ich, Gründe für diese Entwicklung zu finden. Zunächst möchte ich die Schwächen der existierenden Ethiken aufzeigen. Darauf aufbauend möchte ich eine weitergehende Ethik entwickeln, die vielleicht in der Lage ist, die von mir gegenwärtig wahrgenommene Selbstgerechtigkeit zu überwinden und das menschliche Miteinander neu zu gestalten. Meine Bemühungen sind wahrhaftig und ich bin von der Richtigkeit meiner Überlegungen auch überzeugt. Sie mögen etwas ungelenk oder auch zum Teil misslungen sein, aber sie sind hoffentlich immer noch mehr wert als gar keine Bemühungen.
Es geht im Text viel um die Selbstgerechtigkeit. Für mich persönlich war es ziemlich schmerzlich zu erfahren, dass ich in der Vergangenheit oft selbstgerecht gedacht und gehandelt habe. Das mache ich wohl auch bestimmt manchmal immer noch, aber hoffentlich seltener als früher. Ich möchte daher ganz am Anfang betonen, dass ich mit meinen Ansichten niemanden beleidigen, verletzen oder vor den Kopf stoßen möchte, das ist ganz und gar nicht meine Absicht. Ich versuche vielmehr, die Welt um mich herum so zu beschreiben, wie ich sie erlebe.
Am Ende ist der Text sehr persönlich geworden durch die vielen Zitate und Beispiele, die mir im Laufe des Lebens begegnet sind und die ich hier wiedergebe. Durch die Zitate möchte ich den Text auflockern. Sie mögen aber auch dazu anregen, eingeübte Gedankenmuster durch alternative Ansichten und andersartige Ideen immer wieder aufzubrechen. Denn nicht nur weise Philosophen haben Weisheit gehabt.
Ich möchte einfach gerne auch andere Stimmen gelegentlich zu Gehör bringen, Stimmen, hinter denen sich so viel Menschenverstand, Wissen und Liebe verbergen und die oft so verblüffenden Tiefgang haben, wie man es nicht vermuten würde. Sie sind es meiner Ansicht nach wert, erwähnt zu werden und in erster Linie deshalb mache ich genau das hier. Wenn keine Quellen angegeben sind, so konnte ich keine ausfindig machen. Oft ist es aber auch nicht entscheidend, ob eine Aussage von Charlie Chaplin, Albert Einstein oder Winston Churchill gemacht wurde, wenn sie denn den Kern der Sache trifft.
Kapitel 0.
Einleitung: Selbstgerechtigkeit
Zuweilen, in letzter Zeit recht häufig, sieht man zwei Gestalten. Eher selten sind sie klar und deutlich schon aus großer Entfernung unzweideutig auszumachen: das ist nur dann der Fall, wenn sie äußerlich, für jeden sichtbar, ganz offen agieren. Aber die Wesenheit des einen ist eigentlich eher das Subtile. Er kommt zumeist auf Samtpfötchen um die Ecke geschlichen und ist auch manchmal ganz alleine unterwegs. Selten nur verrät er sich dann und nur bei achtsamem Hinhören – oder vielleicht leichter noch beim Hinsehen – wird man seiner Anwesenheit überhaupt gewahr.
Die Wesenheit des anderen ist eher das Plumpe oder Derbe. Zumeist überdeckt er durch sein gröbliches Gebaren die Anwesenheit des ersteren fast vollständig.
Nicht immer, aber oft treten sie zusammen auf, dann jedoch fast wie eineiige Zwillinge, auf jeden Fall aber wie eng verwandt und gut miteinander vertraut. Der Subtilere ist auch der Intellektuellere von beiden. Meistens liefert er die theoretischen, prinzipiell unhintergehbaren Begründungen für das Verhalten des Plumpen. Der Letztere kann daher schalten und walten, wie er mag, kann er sich doch der unbedingten Rückendeckung des Subtilen sicher sein, was immer er auch anstellt. Wenn aber doch dann und wann der Plumpe mit seinem Tatendrang vorprescht, so ist das dennoch nicht weiter tragisch. Denn der Subtile ist stets zur Stelle und liefert in solchen Fällen im Nachhinein eine stichhaltige Rechtfertigung für jedes wie auch immer geartete Verhalten. Das funktioniert immer sehr gut.
Der Subtile ist übrigens an nonverbalen Gesten und Ausdrücken sogar leichter zu erkennen als an seiner verbalen Redeweise. Denn mit Hilfe von wortreichen Umschreibungen gibt er sich gerne als jemand anders aus, was ihm aufgrund seiner Intelligenz auch nicht weiter schwerfällt. Das Pantomimische dagegen scheint nicht sein bevorzugtes Metier zu sein, dann wirkt seine Erscheinung eher hölzern. Jedenfalls umhüllen gerne Eitles und Stolzes seine Züge und dies sind tatsächlich seine bevorzugten Markenzeichen. Manchmal, in eher seltenen Fällen, gibt er sich aber ganz offen verbal zu erkennen.
Der Plumpe tarnt sich, wenn überhaupt, dann schon eher in der Menge. Es nimmt ihn keiner mehr so recht wahr, weil er ziemlich allgegenwärtig ist.
Die wahre Schönheit der Welt blickt etwas zur Seite, wenn sie die beiden Gestalten erblickt.
So oder so ähnlich ließen sich vielleicht die psychologischen Giganten der Gegenwart allegorisch darstellen: Selbstgerechtigkeit und Egoismus. Beide gehen oft miteinander einher und die Selbstgerechtigkeit segnet das ab, was der Egoismus für sich beansprucht.
Selbstgerechtigkeit ist meistens so definiert, dass man das eigene moralische Verhalten anderen gegenüber stets für überlegen hält. Selbstgerechte Menschen glauben an die eigene moralische Richtigkeit. Was aber im Umgang mit Menschen letztlich auffällt, ist nicht ein spezifisch moralisches Überlegenheitsempfinden eines jeden Einzelnen, sondern der Glaube an die eigene, generelle Überlegenheit, in jeder Hinsicht. Ich meine damit, dass die meisten (alle) Menschen einen eigenen inneren Bewertungsmaßstab entwickelt haben und mit diesem die Wertigkeit der Mitmenschen und der Umgebung beurteilen, immer diesen eigenen Maßstab anlegend. Diese Beurteilung muss jedoch keineswegs auf ein moralisches Urteil beschränkt sein, sondern läuft auf eine umfassende Bestätigung der eigenen Superiorität hinaus. Im Zweifel interpretiert man die objektiven Tatsachen um, so dass die eigene Überlegenheit (zumindest für die Selbstwahrnehmung) bewahrt werden kann. Zum Beispiel wird eine sportliche Niederlage mitunter damit begründet, dass der erfolgreichere Gegner mehr Zeit zum trainieren hatte.
Wenn jemand anderer besser ist, so wird der Mangel nicht bei einem selbst verortet, sondern der Sachverhalt wird durch äußere Umstände begründet. Es ist mehr oder weniger offensichtlich, wie wir uns alle selber gerne sehen, nicht nur im moralischen Sinne, sondern ganz generell:
Entweder man ist besser als die Anderen oder die Umstände sind so, dass man nicht besser sein konnte.
Oder gerne auch in der Form der Besserwisserei:
Entweder man weiß es besser als die Anderen,
oder wenn nicht, dann ist es entweder
uninteressant oder irrelevant.
„Self-deception is very easy. So that I do
think clear thinking immensely important.“
(Bertrand Russell)
Die Selbstgerechtigkeit ist der Wertemaßstab für die eigenen Handlungen geworden und man schneidet auf seinem eigenen Wertemaßstab selbstverständlich sehr gut ab – auf diesem seinem eigenen Maßstab steht man ganz oben. Man weiß natürlich, dass man nicht perfekt ist, gleichwohl hat man unter den gegebenen Voraussetzungen doch das Beste aus sich und seinem Leben gemacht. Wenn jemand anderer auf irgendeine Weise „besser“ ist als man selbst, so wird schnell relativiert, man sagt sich gerne, dass man selber nichts dafür kann, das sind halt die Umstände, die Gene, die unglückliche Kindheit usw. und oft wird dann einfach auch nur das Glück verantwortlich gemacht, das einem nun mal nicht immer zur Seite steht.
Diese beschriebene Art der Selbstgerechtigkeit lässt sich meines Erachtens nur schwer durch andere Begriffe genau charakterisieren. Sie ist die Eigenschaft, sich selbst stets ins rechte Licht zu rücken (durch Verhalten, Äußerungen oder in Gedanken), sie ist subtiler als Egoismus und weiter verbreitet. Man beurteilt und bestätigt sich selber, dass man überlegen ist, man ist selbstgefällig. Dabei möchte man freilich nicht notwendigerweise immer im Mittelpunkt stehen (Egozentrik). Egoismus kann, muss aber nicht mit dieser Art der Selbstgerechtigkeit einhergehen, denn auch selbstlose Motive des Handelns oder Altruismus können mit dieser Selbstgerechtigkeit durchaus vereinbar sein. Allerdings haben selbstgerechte Menschen in der Regel weniger Probleme mit egoistischem Denken und Handeln. Auch Stolz geht in der Regel mit Selbstgerechtigkeit einher, denn der Stolz ist die Freude über die eigene Gewissheit, etwas Besonderes oder Außergewöhnliches geleistet zu haben oder zu sein. Sowohl Eigenlob, Eingebildetsein, Hochmut oder Arroganz können, müssen aber nicht mit dieser Art der Selbstgerechtigkeit einhergehen, jedoch fühlt man sich bei allem, was man tut oder denkt, als letztlich ebenbürtig oder überlegen. Man nimmt (macht) sich gerne wichtig. Extreme Selbstgerechtigkeit kann man an willkürlichem und irrationalem Verhalten erkennen, und bei vielen Menschen mündet Selbstgerechtigkeit in ein fehlendes Unrechtsbewusstsein und nicht selten in ein Klagen über die Mitmenschen und deren mangelnde Wertschätzung, mit Selbstmitleid als Resultat. Denn auch Selbstmitleid ist eine Form der Selbstgerechtigkeit. Nicht zuletzt bildet man sich gerne ein, dass man sich selbst bereits ganz genau kennt. Ein neuer Begriff wie etwa „Selbstabsolutismus“ scheint mir daher am zutreffendsten zu sein. „Absolutismus“ bedeutet „uneingeschränkt“ bzw. „losgelöst“ und in diesem umfassenderen Sinne möchte ich auch den Begriff Selbstgerechtigkeit im weiteren Verlauf des Textes verstanden wissen.
Selbstgerechtigkeit muss auch nicht auf einzelne Individuen beschränkt sein. Es gibt viele selbstgerechte Staaten, Gesellschaften, Gruppen oder andere Wertegemeinschaften, man denke nur an die verbreitete Herrenmenschenmentalität während des Kolonialismus oder zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie lässt sich auf vielfältige Art beobachten, aber heutzutage, wie es scheint, vermehrt, denn ethisch-moralische Verhaltensregeln werden offensichtlich immer weniger akzeptiert oder befolgt. Das Verfolgen und Durchsetzen der eigenen Interessen hat höchste Priorität, wie man beispielsweise an den egoistischen Eliten der Welt beobachten kann, sei es auf politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Ebene. Selbstinszenierung ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Und im öffentlichen Leben, in den Medien oder in Podiumsdiskussionen ist die Selbstgerechtigkeit der Beteiligten allgegenwärtig. Das wird in vielen Internetbeiträgen und Publikationen ausführlich und detailliert beschrieben. Für viele Autoren ist die Selbstgerechtigkeit entsprechend ein großes Problem der modernen Gesellschaften. Auch durch Umfragen wird der größer werdende Egoismus in der Gesellschaft bestätigt. Und in den sozialen Medien geht es meistens ja ebenso nur um eine gute Selbstdarstellung. Das ist sehr schade, denn eigentlich ist es doch – ganz prinzipiell – so, dass sich nur dann Fortschritte auf der persönlichen Ebene erzielen lassen, wenn man nicht selbstgerecht ist. Denn nur dann ist man offen für Neues, und Fortschritt machen heißt doch nichts anderes, als Neues zu erfahren, zu erlernen und zu adaptieren. Aber jeder Einzelne möchte überlegen sein, und Überlegenheit lässt sich nur darstellen, indem man seine Fähigkeiten, sein Wissen, seine eigene (vermeintlich positive) Persönlichkeit und/oder seinen Reichtum möglichst wirksam zur Schau stellt. Dabei ist wiederum Selbstgerechtigkeit sehr hilfreich.
Deutlich zutage tritt die Selbstgerechtigkeit bei den meisten Politikern oder anderen Wortführern des öffentlichen Lebens – da muss man gar keine Beispiele benennen, ein Blick in die Zeitung oder in andere Medien genügt, um dies klar zu erkennen. Im Grunde genommen ist sie aber allgegenwärtig, denn sie tritt in den unterschiedlichsten Variationen und Ausprägungen in Erscheinung.
Zum Beispiel wird sie sichtbar im Aufdruck einer Visitenkarte:
„Jolly good fellow (which nobody can deny)“,
im bayerischen Ausspruch (zugleich ein Beispiel für eine Gruppen-Selbstgerechtigkeit)
„Mir san mir“,
in Aussprüchen wie
„Einstein war der schöpferische Geist der Philosophie des Jahrhunderts und ich war der schöpferische Geist der Literatur des Jahrhunderts.“
(Gertrude Stein),
durch den Aufdruck auf einer Packung Kaffee
„Bonanza Blend – Brazil Peru – Chocolate Truffle Dark Cherry – Unnecessarily Good“,
in Büchern mit Titeln wie
„Im Grunde Gut – Eine neue
Geschichte der Menschheit“
(Man lässt sich natürlich bereitwillig bestätigen, was man immer schon gerne geglaubt hat: dass der Mensch als solcher „im Grunde gut“ ist. Denn selbst ist man auch ein Mensch, also ist man dann ja selber auch „gut“ – prima, dann ist ja „im Grunde“ alles in Ordnung. Weil so ein Urteil eigentlich nur ein Wesen aussprechen dürfte, welches die Menschen neutral mit einem Blick „von außen“ betrachten könnte, handelt es sich meiner Meinung nach auch hier de facto um ein selbstgerechtes Werturteil.
Ich denke, dass der eigentliche Kern des Problems woanders liegt. Zum Beispiel wird wohl wirklich niemand jemals einen Krieg wollen. Aber über den Streit, wie sich der nächste Krieg am besten verhindern lässt, schlägt man sich dann doch erst mal wieder die Köpfe ein. Einer (dem eigenen Wertemaßstab nach vermeintlich) guten Sache wegen ist man nur allzu schnell bereit, zur Durchsetzung dieses vermeintlich Guten wiederum Gewalt anzuwenden. Beispiele dazu gibt es viele, etwa die Eroberung Südamerikas durch die spanischen Konquistadoren. Im Grunde ist die ganze menschliche Geschichte eine Aneinanderreihung von Beispielen dieser Art – dass der Mensch, in der vollen Überzeugung, etwas Gutes zu tun, im Stande ist, der Sache wegen die grausamsten Dinge durchzuführen. Dass oftmals gut gemeinte Absichten den Handlungen zugrunde liegen, will ich gar nicht abstreiten, aber gut und gut gemeint und „im Grunde gut“ ist nun mal nicht das Gleiche),
im Standesdünkel bestimmter Klassen, Berufs- oder Gesellschaftsschichten, wie auch – wie ich es jedenfalls empfinde – in Immanuel Kants berühmtem Ausspruch:
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und
das moralische Gesetz in mir.“
Denn für Kant stellt sich also offensichtlich nicht mehr die Frage nach der eigenen moralischen Integrität, denn er bewundert sich ja zunehmend selbst ob seines eigenen moralischen Gesetzes – er ist sich also offensichtlich selbst gerecht.
Selbstgerechtigkeit kann man meines Erachtens auch oft am Verhalten von Prominenten (vielleicht gerade an ihnen?) erkennen. So hatte zum Beispiel der berühmte britische Physiker Stephen Hawking 2009 eine „Zeitreisenparty“ veranstaltet: Er verschickte die Einladungen zu der Party erst, nachdem die Feier schon zu Ende war. Nur Zeitreisende hätten an ihr teilnehmen können, aber es kam niemand. In einem Interview erklärte Hawking:
„Ich habe experimentelle Beweise dafür, dass Zeitreisen nicht möglich sind. Ich habe eine Party für Time-Traveler veranstaltet, habe allerdings die Einladungen erst nach der Party verschickt. Ich saß
eine lange Zeit da, aber niemand kam.“
…
In meinem gelebten Alltag in einem kleinen Dorf in ländlicher Landschaft erfahre ich im Freundes- und Verwandtenkreis sehr viel guten Umgang, Hilfsbereitschaft und Liebe zur Natur. Wenn ich dann aber Nachrichten anschaue oder die Zeitung aufschlage, beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass ich auf einer „Insel der Seligen“ lebe. Denn dann bekomme ich den Eindruck, dass individuelle Selbstverwirklichung und persönliche Interessen alle anderen Verhaltensregeln des gemeinsamen Miteinanders überlagern und ganz einfache ethische und moralische Grundsätze des menschlichen Zusammenlebens nur wenig Beachtung finden. Einfach gesagt, nehme ich eine zunehmende Selbstgerechtigkeit wahr, jeder scheint sich mehr denn je selbst der Nächste zu sein und seine eigenen Werteüberzeugungen für die einzig Richtigen zu halten.
Im folgenden Text versuche ich, Gründe für diese Entwicklung zu finden. Zunächst möchte ich die Schwächen der existierenden Ethiken aufzeigen. Darauf aufbauend möchte ich eine weitergehende Ethik entwickeln, die vielleicht in der Lage ist, die von mir gegenwärtig wahrgenommene Selbstgerechtigkeit zu überwinden und das menschliche Miteinander neu zu gestalten. Meine Bemühungen sind wahrhaftig und ich bin von der Richtigkeit meiner Überlegungen auch überzeugt. Sie mögen etwas ungelenk oder auch zum Teil misslungen sein, aber sie sind hoffentlich immer noch mehr wert als gar keine Bemühungen.
Es geht im Text viel um die Selbstgerechtigkeit. Für mich persönlich war es ziemlich schmerzlich zu erfahren, dass ich in der Vergangenheit oft selbstgerecht gedacht und gehandelt habe. Das mache ich wohl auch bestimmt manchmal immer noch, aber hoffentlich seltener als früher. Ich möchte daher ganz am Anfang betonen, dass ich mit meinen Ansichten niemanden beleidigen, verletzen oder vor den Kopf stoßen möchte, das ist ganz und gar nicht meine Absicht. Ich versuche vielmehr, die Welt um mich herum so zu beschreiben, wie ich sie erlebe.
Am Ende ist der Text sehr persönlich geworden durch die vielen Zitate und Beispiele, die mir im Laufe des Lebens begegnet sind und die ich hier wiedergebe. Durch die Zitate möchte ich den Text auflockern. Sie mögen aber auch dazu anregen, eingeübte Gedankenmuster durch alternative Ansichten und andersartige Ideen immer wieder aufzubrechen. Denn nicht nur weise Philosophen haben Weisheit gehabt.
Ich möchte einfach gerne auch andere Stimmen gelegentlich zu Gehör bringen, Stimmen, hinter denen sich so viel Menschenverstand, Wissen und Liebe verbergen und die oft so verblüffenden Tiefgang haben, wie man es nicht vermuten würde. Sie sind es meiner Ansicht nach wert, erwähnt zu werden und in erster Linie deshalb mache ich genau das hier. Wenn keine Quellen angegeben sind, so konnte ich keine ausfindig machen. Oft ist es aber auch nicht entscheidend, ob eine Aussage von Charlie Chaplin, Albert Einstein oder Winston Churchill gemacht wurde, wenn sie denn den Kern der Sache trifft.
Kapitel 0.
Einleitung: Selbstgerechtigkeit
Zuweilen, in letzter Zeit recht häufig, sieht man zwei Gestalten. Eher selten sind sie klar und deutlich schon aus großer Entfernung unzweideutig auszumachen: das ist nur dann der Fall, wenn sie äußerlich, für jeden sichtbar, ganz offen agieren. Aber die Wesenheit des einen ist eigentlich eher das Subtile. Er kommt zumeist auf Samtpfötchen um die Ecke geschlichen und ist auch manchmal ganz alleine unterwegs. Selten nur verrät er sich dann und nur bei achtsamem Hinhören – oder vielleicht leichter noch beim Hinsehen – wird man seiner Anwesenheit überhaupt gewahr.
Die Wesenheit des anderen ist eher das Plumpe oder Derbe. Zumeist überdeckt er durch sein gröbliches Gebaren die Anwesenheit des ersteren fast vollständig.
Nicht immer, aber oft treten sie zusammen auf, dann jedoch fast wie eineiige Zwillinge, auf jeden Fall aber wie eng verwandt und gut miteinander vertraut. Der Subtilere ist auch der Intellektuellere von beiden. Meistens liefert er die theoretischen, prinzipiell unhintergehbaren Begründungen für das Verhalten des Plumpen. Der Letztere kann daher schalten und walten, wie er mag, kann er sich doch der unbedingten Rückendeckung des Subtilen sicher sein, was immer er auch anstellt. Wenn aber doch dann und wann der Plumpe mit seinem Tatendrang vorprescht, so ist das dennoch nicht weiter tragisch. Denn der Subtile ist stets zur Stelle und liefert in solchen Fällen im Nachhinein eine stichhaltige Rechtfertigung für jedes wie auch immer geartete Verhalten. Das funktioniert immer sehr gut.
Der Subtile ist übrigens an nonverbalen Gesten und Ausdrücken sogar leichter zu erkennen als an seiner verbalen Redeweise. Denn mit Hilfe von wortreichen Umschreibungen gibt er sich gerne als jemand anders aus, was ihm aufgrund seiner Intelligenz auch nicht weiter schwerfällt. Das Pantomimische dagegen scheint nicht sein bevorzugtes Metier zu sein, dann wirkt seine Erscheinung eher hölzern. Jedenfalls umhüllen gerne Eitles und Stolzes seine Züge und dies sind tatsächlich seine bevorzugten Markenzeichen. Manchmal, in eher seltenen Fällen, gibt er sich aber ganz offen verbal zu erkennen.
Der Plumpe tarnt sich, wenn überhaupt, dann schon eher in der Menge. Es nimmt ihn keiner mehr so recht wahr, weil er ziemlich allgegenwärtig ist.
Die wahre Schönheit der Welt blickt etwas zur Seite, wenn sie die beiden Gestalten erblickt.
So oder so ähnlich ließen sich vielleicht die psychologischen Giganten der Gegenwart allegorisch darstellen: Selbstgerechtigkeit und Egoismus. Beide gehen oft miteinander einher und die Selbstgerechtigkeit segnet das ab, was der Egoismus für sich beansprucht.
Selbstgerechtigkeit ist meistens so definiert, dass man das eigene moralische Verhalten anderen gegenüber stets für überlegen hält. Selbstgerechte Menschen glauben an die eigene moralische Richtigkeit. Was aber im Umgang mit Menschen letztlich auffällt, ist nicht ein spezifisch moralisches Überlegenheitsempfinden eines jeden Einzelnen, sondern der Glaube an die eigene, generelle Überlegenheit, in jeder Hinsicht. Ich meine damit, dass die meisten (alle) Menschen einen eigenen inneren Bewertungsmaßstab entwickelt haben und mit diesem die Wertigkeit der Mitmenschen und der Umgebung beurteilen, immer diesen eigenen Maßstab anlegend. Diese Beurteilung muss jedoch keineswegs auf ein moralisches Urteil beschränkt sein, sondern läuft auf eine umfassende Bestätigung der eigenen Superiorität hinaus. Im Zweifel interpretiert man die objektiven Tatsachen um, so dass die eigene Überlegenheit (zumindest für die Selbstwahrnehmung) bewahrt werden kann. Zum Beispiel wird eine sportliche Niederlage mitunter damit begründet, dass der erfolgreichere Gegner mehr Zeit zum trainieren hatte.
Wenn jemand anderer besser ist, so wird der Mangel nicht bei einem selbst verortet, sondern der Sachverhalt wird durch äußere Umstände begründet. Es ist mehr oder weniger offensichtlich, wie wir uns alle selber gerne sehen, nicht nur im moralischen Sinne, sondern ganz generell:
Entweder man ist besser als die Anderen oder die Umstände sind so, dass man nicht besser sein konnte.
Oder gerne auch in der Form der Besserwisserei:
Entweder man weiß es besser als die Anderen,
oder wenn nicht, dann ist es entweder
uninteressant oder irrelevant.
„Self-deception is very easy. So that I do
think clear thinking immensely important.“
(Bertrand Russell)
Die Selbstgerechtigkeit ist der Wertemaßstab für die eigenen Handlungen geworden und man schneidet auf seinem eigenen Wertemaßstab selbstverständlich sehr gut ab – auf diesem seinem eigenen Maßstab steht man ganz oben. Man weiß natürlich, dass man nicht perfekt ist, gleichwohl hat man unter den gegebenen Voraussetzungen doch das Beste aus sich und seinem Leben gemacht. Wenn jemand anderer auf irgendeine Weise „besser“ ist als man selbst, so wird schnell relativiert, man sagt sich gerne, dass man selber nichts dafür kann, das sind halt die Umstände, die Gene, die unglückliche Kindheit usw. und oft wird dann einfach auch nur das Glück verantwortlich gemacht, das einem nun mal nicht immer zur Seite steht.
Diese beschriebene Art der Selbstgerechtigkeit lässt sich meines Erachtens nur schwer durch andere Begriffe genau charakterisieren. Sie ist die Eigenschaft, sich selbst stets ins rechte Licht zu rücken (durch Verhalten, Äußerungen oder in Gedanken), sie ist subtiler als Egoismus und weiter verbreitet. Man beurteilt und bestätigt sich selber, dass man überlegen ist, man ist selbstgefällig. Dabei möchte man freilich nicht notwendigerweise immer im Mittelpunkt stehen (Egozentrik). Egoismus kann, muss aber nicht mit dieser Art der Selbstgerechtigkeit einhergehen, denn auch selbstlose Motive des Handelns oder Altruismus können mit dieser Selbstgerechtigkeit durchaus vereinbar sein. Allerdings haben selbstgerechte Menschen in der Regel weniger Probleme mit egoistischem Denken und Handeln. Auch Stolz geht in der Regel mit Selbstgerechtigkeit einher, denn der Stolz ist die Freude über die eigene Gewissheit, etwas Besonderes oder Außergewöhnliches geleistet zu haben oder zu sein. Sowohl Eigenlob, Eingebildetsein, Hochmut oder Arroganz können, müssen aber nicht mit dieser Art der Selbstgerechtigkeit einhergehen, jedoch fühlt man sich bei allem, was man tut oder denkt, als letztlich ebenbürtig oder überlegen. Man nimmt (macht) sich gerne wichtig. Extreme Selbstgerechtigkeit kann man an willkürlichem und irrationalem Verhalten erkennen, und bei vielen Menschen mündet Selbstgerechtigkeit in ein fehlendes Unrechtsbewusstsein und nicht selten in ein Klagen über die Mitmenschen und deren mangelnde Wertschätzung, mit Selbstmitleid als Resultat. Denn auch Selbstmitleid ist eine Form der Selbstgerechtigkeit. Nicht zuletzt bildet man sich gerne ein, dass man sich selbst bereits ganz genau kennt. Ein neuer Begriff wie etwa „Selbstabsolutismus“ scheint mir daher am zutreffendsten zu sein. „Absolutismus“ bedeutet „uneingeschränkt“ bzw. „losgelöst“ und in diesem umfassenderen Sinne möchte ich auch den Begriff Selbstgerechtigkeit im weiteren Verlauf des Textes verstanden wissen.
Selbstgerechtigkeit muss auch nicht auf einzelne Individuen beschränkt sein. Es gibt viele selbstgerechte Staaten, Gesellschaften, Gruppen oder andere Wertegemeinschaften, man denke nur an die verbreitete Herrenmenschenmentalität während des Kolonialismus oder zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie lässt sich auf vielfältige Art beobachten, aber heutzutage, wie es scheint, vermehrt, denn ethisch-moralische Verhaltensregeln werden offensichtlich immer weniger akzeptiert oder befolgt. Das Verfolgen und Durchsetzen der eigenen Interessen hat höchste Priorität, wie man beispielsweise an den egoistischen Eliten der Welt beobachten kann, sei es auf politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Ebene. Selbstinszenierung ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Und im öffentlichen Leben, in den Medien oder in Podiumsdiskussionen ist die Selbstgerechtigkeit der Beteiligten allgegenwärtig. Das wird in vielen Internetbeiträgen und Publikationen ausführlich und detailliert beschrieben. Für viele Autoren ist die Selbstgerechtigkeit entsprechend ein großes Problem der modernen Gesellschaften. Auch durch Umfragen wird der größer werdende Egoismus in der Gesellschaft bestätigt. Und in den sozialen Medien geht es meistens ja ebenso nur um eine gute Selbstdarstellung. Das ist sehr schade, denn eigentlich ist es doch – ganz prinzipiell – so, dass sich nur dann Fortschritte auf der persönlichen Ebene erzielen lassen, wenn man nicht selbstgerecht ist. Denn nur dann ist man offen für Neues, und Fortschritt machen heißt doch nichts anderes, als Neues zu erfahren, zu erlernen und zu adaptieren. Aber jeder Einzelne möchte überlegen sein, und Überlegenheit lässt sich nur darstellen, indem man seine Fähigkeiten, sein Wissen, seine eigene (vermeintlich positive) Persönlichkeit und/oder seinen Reichtum möglichst wirksam zur Schau stellt. Dabei ist wiederum Selbstgerechtigkeit sehr hilfreich.
Deutlich zutage tritt die Selbstgerechtigkeit bei den meisten Politikern oder anderen Wortführern des öffentlichen Lebens – da muss man gar keine Beispiele benennen, ein Blick in die Zeitung oder in andere Medien genügt, um dies klar zu erkennen. Im Grunde genommen ist sie aber allgegenwärtig, denn sie tritt in den unterschiedlichsten Variationen und Ausprägungen in Erscheinung.
Zum Beispiel wird sie sichtbar im Aufdruck einer Visitenkarte:
„Jolly good fellow (which nobody can deny)“,
im bayerischen Ausspruch (zugleich ein Beispiel für eine Gruppen-Selbstgerechtigkeit)
„Mir san mir“,
in Aussprüchen wie
„Einstein war der schöpferische Geist der Philosophie des Jahrhunderts und ich war der schöpferische Geist der Literatur des Jahrhunderts.“
(Gertrude Stein),
durch den Aufdruck auf einer Packung Kaffee
„Bonanza Blend – Brazil Peru – Chocolate Truffle Dark Cherry – Unnecessarily Good“,
in Büchern mit Titeln wie
„Im Grunde Gut – Eine neue
Geschichte der Menschheit“
(Man lässt sich natürlich bereitwillig bestätigen, was man immer schon gerne geglaubt hat: dass der Mensch als solcher „im Grunde gut“ ist. Denn selbst ist man auch ein Mensch, also ist man dann ja selber auch „gut“ – prima, dann ist ja „im Grunde“ alles in Ordnung. Weil so ein Urteil eigentlich nur ein Wesen aussprechen dürfte, welches die Menschen neutral mit einem Blick „von außen“ betrachten könnte, handelt es sich meiner Meinung nach auch hier de facto um ein selbstgerechtes Werturteil.
Ich denke, dass der eigentliche Kern des Problems woanders liegt. Zum Beispiel wird wohl wirklich niemand jemals einen Krieg wollen. Aber über den Streit, wie sich der nächste Krieg am besten verhindern lässt, schlägt man sich dann doch erst mal wieder die Köpfe ein. Einer (dem eigenen Wertemaßstab nach vermeintlich) guten Sache wegen ist man nur allzu schnell bereit, zur Durchsetzung dieses vermeintlich Guten wiederum Gewalt anzuwenden. Beispiele dazu gibt es viele, etwa die Eroberung Südamerikas durch die spanischen Konquistadoren. Im Grunde ist die ganze menschliche Geschichte eine Aneinanderreihung von Beispielen dieser Art – dass der Mensch, in der vollen Überzeugung, etwas Gutes zu tun, im Stande ist, der Sache wegen die grausamsten Dinge durchzuführen. Dass oftmals gut gemeinte Absichten den Handlungen zugrunde liegen, will ich gar nicht abstreiten, aber gut und gut gemeint und „im Grunde gut“ ist nun mal nicht das Gleiche),
im Standesdünkel bestimmter Klassen, Berufs- oder Gesellschaftsschichten, wie auch – wie ich es jedenfalls empfinde – in Immanuel Kants berühmtem Ausspruch:
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer
neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und
das moralische Gesetz in mir.“
Denn für Kant stellt sich also offensichtlich nicht mehr die Frage nach der eigenen moralischen Integrität, denn er bewundert sich ja zunehmend selbst ob seines eigenen moralischen Gesetzes – er ist sich also offensichtlich selbst gerecht.
Selbstgerechtigkeit kann man meines Erachtens auch oft am Verhalten von Prominenten (vielleicht gerade an ihnen?) erkennen. So hatte zum Beispiel der berühmte britische Physiker Stephen Hawking 2009 eine „Zeitreisenparty“ veranstaltet: Er verschickte die Einladungen zu der Party erst, nachdem die Feier schon zu Ende war. Nur Zeitreisende hätten an ihr teilnehmen können, aber es kam niemand. In einem Interview erklärte Hawking:
„Ich habe experimentelle Beweise dafür, dass Zeitreisen nicht möglich sind. Ich habe eine Party für Time-Traveler veranstaltet, habe allerdings die Einladungen erst nach der Party verschickt. Ich saß
eine lange Zeit da, aber niemand kam.“
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