Philosophia perennis
Auf der Suche nach den Prinzipien der Intelligenz
EUR 31,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 586
ISBN: 978-3-99130-791-4
Erscheinungsdatum: 22.05.2025
Woher kommt Intelligenz und sind ihre Grundlagen für alle intelligente Wesen gleich? Dorin Gabriel Tilinca schafft etwas, das vielen berühmten Denkern nicht gelungen ist. Er stellt die Grundlagen, auf denen Verständlichkeit überhaupt möglich ist, heraus.
Einführung
„Da wir nun diese Wissenschaft (Philosophie) suchen, müssen wir danach fragen, von welcherlei Gründen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit ist. (…) Wir nehmen nun erstens an, dass der Weise, soviel möglich, alles verstehe (erkenne), ohne dabei Wissen vom Einzelnen zu besitzen; (…) Hierunter muss das Merkmal, alles zu verstehen (erkennen), dem zukommen, der am meisten die Wissenschaft vom Allgemeinen hat; denn dieser weiß gewissermaßen alles Untergeordnete. Auch ist gerade dies für die Menschen am schwersten zu erkennen: das am meisten Allgemeine; denn es liegt am entferntesten von den Sinneswahrnehmungen. Am genauesten aber sind unter den Wissenschaften die, welche sich am meisten auf das Erste (arche = Prinzip) beziehen; denn auf eine geringere Zahl von Prinzipien bezogene Wissenschaften sind genauer als diejenige, bei denen noch bestimmende Zusätze hinzukommen; z. B. ist die Arithmetik genauer als die Geometrie. (…) Wissen aber und Verstehen (Erkennen) um ihrer selbst willen kommen am meisten der Wissenschaft des im höchsten Sinne Verstehbaren (Erkennbaren) zu. Denn wer das Erkennen um seiner selbst willen wählt, der wird die höchste Wissenschaft am meisten wählen, dies ist aber die Wissenschaft des im höchsten Sinne Erkennbaren. Im höchsten Sinne erkennbar sind aber die ersten Prinzipien und [die ersten] Gründe; denn durch diese und aus diesen wird das übrige erkannt, nicht aber sie aus dem Untergeordneten. (…)
Nach allem eben Gesagten fällt also die gesuchte Benennung derselben Wissenschaft zu: Sie muss nämlich eine auf die ersten Prinzipien und [die ersten] Gründe gehende, theoretische sein; denn auch das Gute und das Weswegen ist einer der ersten Gründe. Dass sie aber keine hervorbringende (poetische) ist, beweisen schon die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung (θαυμάζειν) war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens…“
Von den zahlreichen Definitionen, die der Philosophie seit der Antike gegeben wurden, scheint Aristoteles’ Definition das Wesen dieser Disziplin am besten zu erfassen, die der Stagirit selbst klar von jenem Wissensbereich abgrenzte, den wir heute unter dem Oberbegriff der Naturwissenschaften bezeichnen. Auf den ersten Blick scheint die aristotelische Definition eine tautologische Formel zu enthalten, denn die Formel „erste Prinzipien“ eine Irritation hervorruft, die sich aus der Bedeutung des Wortes Prinzips (ἀρχή) als erstes Element ergibt, das alle determinativen Verkettungen begründet und von dem diese ausgehen, ein Element, das nicht analysierbar ist, weil es nicht auf etwas Ursprünglicheres zurückgeführt werden kann. Wenn das Prinzip per definitionem das erste Element ist, aus dem alle nachfolgenden Bestimmungen hervorgehen, dann ist der Ausdruck „erste Prinzipien“ tautologisch. Aristoteles war jedoch kein Mann, der, den Leser nur durch außergewöhnliche Formulierungen zu beeindrucken versuchend, den Kern des Problems aus den Augen verloren hätte. Da er auch der erste Denker ist, der eine klare Dichotomie zwischen den Wissenschaften und der Philosophie als getrennten Wissensgebieten zieht, folgt daraus, dass Aristoteles zwischen zwei Arten von Prinzipien unterscheidet: einige, die detailliertes Wissen über Bereiche der Realität begründen, zum Beispiel der physischen Realität, also Prinzipien der Naturwissenschaften, und andere, die die Verständlichkeit und das Denken im Allgemeinen bestimmen. Die Offenlegung der Prinzipien der materiellen Natur ist eine Art von Wissen, das wissenschaftliche Wissen, dessen Aufgabe es ist, die Grundlagen der physischen Realität sowie die funktionalen Zusammenhänge zwischen ihnen aufzuzeigen. Die wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich aber auf die Prinzipien des Denkens und des Verstehens im Allgemeinen, ohne die es keine Erkenntnis irgendeiner Art geben kann, einschließlich der Erkenntnis der Natur. Mit anderen Worten: Die Prinzipien der Intelligenz, d. h. des Verstehens überhaupt, haben Vorrang gegenüber den Prinzipien, die zur Erklärung der physischen Realität dienen. Daher können sie als „erste Prinzipien“ bezeichnet werden; ihre Freilegung ist ein Denken, das in sich selbst einkehrt, als das Denken, das sich selbst denkt, d. h. das Denken, das die Offenlegung seiner eigenen Prinzipien als Aufgabe hat. Die Elemente, die der physischen Realität zugrunde liegen, hängen natürlich nicht vom Denken ab, sie existieren in völliger Gleichgültigkeit gegenüber jeglichem Wissen, aber erst das Denken verleiht ihnen den Status und die Bedeutung von Prinzipien. Die Grundlagen der gesamten Realität sind daher auf die Prinzipien des Verstehens überhaupt angewiesen, die, da sie universell sind, den Status von ersten Prinzipien haben und nicht durch Rückgriff auf etwas Ursprünglicheres analysiert werden können.
Bereits im vorsokratischen Zeitalter, als der Begriff der Wissenschaft noch nicht klar definiert und somit von dem des spekulativen Denkens nicht abzutrennen war, richtete sich die Aufmerksamkeit der Philosophen auf die ersten Elemente, aus denen die Wirklichkeit zusammengesetzt zu sein schien, indem sie das eine oder das andere materielle Prinzip aufstellten und so die ersten Theorien über die Existenz der Wirklichkeit ausarbeiteten. Theorien, die sich deutlich von mythologischen Erklärungen unterschieden, weil sie eine rationale Plausibilität ausstrahlten und bereits eine Ontologie (Wirklichkeitslehre) hinsichtlich der materiellen Natur (physis) darstellten. Der Schwerpunkt verlagerte sich jedoch bald auf die ersten Prinzipien überhaupt: Da alles Wissen das Denken voraussetzt, verlagerte sich das philosophische Interesse von der Natur als Gegenstand des Wissens auf die Prinzipien des Denkens im Allgemeinen, die alles Wissen begründet, bzw. wie Wissensinhalte zu gestalten sind, damit sie dem entsprechen, was erkannt ist, d. h. der faktisch existierenden Wirklichkeit. Es wurde also versucht, die Regeln, nach denen das Denken funktioniert, zu erläutern, indem (unter anderem) die Elemente der Logik skizziert wurden. Die Erklärung der Übereinstimmung zwischen dem erkannten Objekt und dem Inhalt des Wissens, d. h. die Gewährleistung der Richtigkeit des Wissens, ebnete den Weg für die Erkenntnistheorie. In den folgenden Epochen waren die entscheidenden Momente in der Geschichte der Philosophie auch von den drei Aspekten geprägt, mit denen sich das philosophische Denken seit der Antike beschäftigt und verschiedene Theorien ausgearbeitet hat, in denen das eine oder andere von ihnen dominiert: Ontologie, Logik und Erkenntnistheorie.
Aber letztlich geht es bei allen drei Aspekten um das Verstehen überhaupt, so dass sich die Offenlegung der ersten Prinzipien auf das konzentriert, was im Rahmen des verständlichen Auffassens der Wirklichkeit ursprünglich ist, und versucht diejenigen Entitäten hervorzuheben, die vor aller Erfahrung den mentalen Prozess strukturieren, d. h. angeborene Elemente des Verstehens überhaupt, deshalb auch a priori genannt. Um dieser Freilegung einen festen Boden zu geben, wurde das abendländische rationale Denken, dessen Quelle das Griechentum ist, als Modell der Erkenntnis herangezogen, d. h. ein System, das die logischen Regeln aufstellte, nach denen die Urteile in einem Syllogismus zu verketten sind. Die Arbeit all dieser Denker ist von unschätzbarem Wert und führte schließlich zu der spezifischen Dynamik der europäischen Mentalität mit der Vorherrschaft des rationalen Denkens und seiner Begleiterscheinung bezüglich der Erkennung der Natur, der Wissenschaft. Das Ergebnis ist die moderne Welt, in der wir leben und die heute dazu neigt, sich im globalen Maßstab durchzusetzen.
Was nicht beachtet wurde, ist, dass das rationale Denken und sein Pendant, die zweiwertige Logik, lediglich eine der Ausdrucksformen einer noch ursprünglicheren, allgemeineren und daher umfassenderen Entität ist, nämlich der Intelligenz. Diese ist Hunderttausende von Jahren älter und hat damit einen prinzipiellen Vorrang gegenüber dem logisch-rationalen Denken. Die Griechen hatten das Wort nous (νοῦς), das nicht nur den Begriff Verstand, sondern auch den der Intelligenz abdeckt. Es ist jedoch erstaunlich, dass die Denker der späteren Epochen nur selten bis überhaupt nie von Intelligenz sprachen, obwohl sie den kognitiven „Apparat“ in Sensibilität, Intellekt und Vernunft unterteilten. Wenn man aber die ersten Elemente eines verständlichen Auffassens der Realität aufzeigen möchte – mit all seinen verhaltensmäßigen und kognitiven Konsequenzen –, kommt man nicht umhin, die Frage nach den Grundlagen der Intelligenz überhaupt zu stellen, ein Phänomen, das von den Philosophen scheinbar völlig aufgegeben und der empirischen Psychologie überlassen wurde, wobei diese als eine Wissenschaft verstanden wird, die sich mit der menschlichen Psyche als natürliches, experimentell zugängliches Seiendes beschäftigt.
Wenn die Philosophie – zurückkommend auf ihre eigentliche Aufgabe – das Wissen von den ersten Prinzipien und Gründen sein soll, dann kann sie nicht übersehen, dass die Rationalität nur eine der Erscheinungsformen der Intelligenz ist, dass letztere einen viel größeren Erfassungsbereich hat und ursprünglicher ist als die Urteile der binären Logik, die nur auf der Grundlage der Grundprinzipien des Verstehens möglich sind.
Als reflexive Erfassung der Wirklichkeit betrachtet, manifestiert sich Intelligenz nur in bestimmten Lebewesen, d. h. in biologischen Systemen mit der Fähigkeit, das Wahrgenommene verständlich zu interpretieren, ein interpretatives „Doppel“ der Wirklichkeit als deren Bild zusammenzustellen, und dabei nur auf der Grundlage dieser Interpretation zu handeln. In dieser Abhandlung werde ich daher nur solche Lebewesen als intelligente Wesen bezeichnen, die die Realität durch ein interpretatives „Bild“ von ihr integrieren. Wenn Intelligenz die Grundlage jeder möglichen Aussage ist, dann ist es für die Disziplin auf der Suche nach den ersten Prinzipien zunächst notwendig, jene Urfähigkeiten des intelligenten Wesens aufzudecken, aufgrund derer es ein Bild der Wirklichkeit als Interpretation derselben „gestalten“ kann. Doch nur als Fähigkeiten des intelligenten Wesens betrachtet, werden diese Grundlagen vorläufig auf einer Ebene angegangen, die auch den biologischen Wissenschaften zugänglich ist, um so einen interdisziplinären Dialog zu versuchen. Aber nur als evolutionär erworbene Fähigkeiten betrachtet, würden sie ihrem Status als primäre und universelle Prinzipien nicht gerecht, denn als Ergebnisse eines natürlichen Prozesses und abhängig von materiellen Strukturen, die durch selektive Evolution unter Umgebungseinflüsse entstanden sind, würden sie jene Notwendigkeit verfehlen, die den Prinzipien der Intelligenz und des Verstehens überhaupt zugeschrieben wird. Folglich wäre die Erscheinungsform der Intelligenz, auf die wir uns beziehen, nur für unsere Spezies charakteristisch und durch die besondere Geschichte der Anthropogenese streng bestimmt. Als Erscheinungsform der menschlichen Intelligenz wäre somit alles Wissen ein spezifisch menschliches, dem es an jener universellen Gültigkeit fehlen würde, die die Wissenschaft im Allgemeinen beansprucht. Um als universelle Prinzipien jeder möglichen Intelligenz zu gelten, muss ihre Aufzeigung über die anthropozentrische Bestimmung als Fähigkeiten hinausgehen, die nur für unsere Spezies gültig wären. Folglich müssen die Entitäten, die man als erste Prinzipien bezeichnet, als objektive und stabile Entitäten offenbart werden, unabhängig von jeglicher Konditionierung und Beeinflussung durch andere Faktoren, wie etwa die Willkür der Naturphänomene, die die Entwicklung der Gehirnstrukturen kennzeichnen und so ihre Notwendigkeit für die Manifestation jeder möglichen Intelligenz unterstreichen, unabhängig von der Struktur des materiellen Trägers des intelligenten Wesens. Denn die ersten Prinzipien – das eigentliche Thema der ersten Philosophie – sind Prinzipien, die dem Verstehen im Allgemeinen zugrunde liegen und notwendigerweise für jede mögliche Intelligenz gültig sein müssen. Gleichzeitig ist es notwendig, den psychologischen Begriff der Intelligenz (der sich auf die menschliche Intelligenz in ihrer offensichtlichen Besonderheit bezieht) klar von dem philosophischen Begriff abzugrenzen, der sich auf die ersten Prinzipien als notwendige Bedingungen für jedes mögliche Verstehen bezieht, und nicht nur für die spezifische Intelligenz unserer Art. In diesem Sinne muss die Hervorhebung der Prinzipien der Intelligenz über die spezifisch menschliche Ebene – das Anwendungsgebiet der Psychologie oder Anthropologie – hinausgehen und eine trans-spezifische Konsistenz erlangen, indem sie die Universalität dieser Grundlagen aufzeigt.
Der Untertitel dieser Debatte mag einen Einwand hervorrufen, der auf den ersten Blick berechtigt erscheint. Wenn die Beschreibung der ersten Prinzipien gleichbedeutend ist mit dem Versuch, die Prinzipien der Intelligenz zu enthüllen, indem das Feld der Untersuchung auf das beschränkt wird, was traditionell als die Konstitution des Subjekts bezeichnet wird, dann kann man einwenden, dass diese Abhandlung die Prinzipien ignoriert, die der Realität im Allgemeinen zugrunde liegen, etwa die Prinzipien der physischen Realität. Wenn die frühen antiken Denker das Prinzip oder den Ursprung (ἀρχή) aller Wirklichkeit entweder in einem materiellen Element, im a-thomos, oder im reinen, unvermischten Sein sahen, mit dem Begriff des nous (νοῦς), aber vor allem mit der kopernikanischen Wende durch Kants Kritik der reinen Vernunft, bezieht sich ab da die Frage nach den ersten Prinzipien nur auf den menschlichen Verstand, d. h. auf die Auffassungsgabe des menschlichen Subjekts, und ignoriert das faktische Objekt. Doch wie man im zweiten Teil der Debatte sehen wird, kann die traditionelle Trennung zwischen Subjekt und Objekt überwunden werden, da die ersten Prinzipien jene Entitäten sind, die notwendigerweise sowohl der Gestaltung der Realität als auch der des auffassenden Verstandes zugrunde liegen. Denn wenn die Grundlagen des Verstandes etwas von der Natur völlig Verschiedenes darstellen – also verschieden von den biopsychologischen Prozessen einer intelligenten Spezies –, so haben diese Grundlagen doch eine notwendige objektive Verbindung mit der physischen Realität im Sinne ihrer Gestaltungskriterien.
Wenn einige Denker es für notwendig erachteten, eine „philosophische Anthropologie“ auszuarbeiten, frage ich mich, ob dies noch notwendig ist. Jede philosophische Anthropologie impliziert eine spezifische Psychologie, nach der die ersten Prinzipien nur Fähigkeiten einer bestimmten intelligenten Spezies wären, insbesondere unserer eigenen, was die Prinzipien der Intelligenz der Notwendigkeit einer universellen Gültigkeit berauben würde. Die Aufgabe besteht also darin, diese ersten Prinzipien in jener Universalität zu offenbaren, die sie auf die Ebene notwendiger Bedingungen des Verstehens im Allgemeinen erhebt, die für jede mögliche intelligente Spezies gelten. Und vor allem ihre notwendige Objektivität zu enthüllen, die sich nicht nur aus der Konfiguration des Auffassungsvermögens einer gewissen intelligenten Art ergibt, sondern auch aus seiner Übereinstimmung mit den objektiven Kriterien der Strukturierung der Wirklichkeit selbst. Um diese Aufgabe zu bewältigen, kann man sich nicht einfach nur auf Gedankenspekulationen verlassen, sondern man muss von handfesten Daten und Artefakten ausgehen, die meistens die Naturwissenschaften zur Verfügung stellen, um schließlich dort philosophische Schlussfolgerungen zu ziehen, wo die Wissenschaft (die sich auf konkrete, in der Natur nachprüfbare Fakten stützt) an die Grenzen ihrer Möglichkeiten der demonstrativen Argumentation stößt. Diese Vorgehensweise ist nicht zufällig gewählt, denn in der Hoffnung auf einen fruchtbaren interdisziplinären Dialog wird der vorliegende Ansatz viele Berührungspunkte mit den Naturwissenschaften haben, indem er die von diesen zur Verfügung gestellten Daten anerkennend nutzt, ohne aber auf eine klare Abgrenzung der Aufgabengebiete der beiden großen Wissensbereiche – Wissenschaft und Philosophie – zu verzichten.
Nicht nur aus Ehrfurcht vor der von Aristoteles eingeführten Terminologie, sondern auch aus Gründen der Abgrenzung der Wissensgebiete, werde ich als erste Philosophie das Wissen um die universellen Prinzipien der Intelligenz überhaupt bezeichnen. Für den Stagirit war die Sekundärphilosophie das Wissen um die der materiellen Natur zugrunde liegenden Prinzipien, ein Wissen, das mit dem Begriff Physik bezeichnet wird, der im Griechischen für „Natur“ (φύσις, physis) steht.
Die ersten Denker, deren Dissertationen unisono „Peri physeos“ („Über die Natur“) genannt wurden, waren auch Wissenschaftler, die die Grundlage oder das Prinzip der Natur mal im Wasser, mal in der Luft, mal in einem den leeren Raum ausschließenden Sein und somit nichtzerteilbaren Sein (a-thomos) festmachten. Die sogenannten Hylosoisten suchten also das Prinzip der Wirklichkeit in einem materiellen Element (hyle), das sich nicht auf etwas Elementareres reduzieren lässt. Die Grundlage ihres Ansatzes bildete die Demonstration, und zwar auf der Ebene, die nicht nur die empirische Erfahrung, sondern auch das spekulative Denken der damaligen Zeit erlaubte. Und seither sind eine Reihe von Elementen an die Stelle des Prinzips getreten, das der materiellen Wirklichkeit zugrunde liegt: das Atom der modernen Physik (das nichts mit dem a-thomos von Leucippus und Demokrit zu tun hat, das ein rein körperliches Sein ohne Vakuum darstellte), Elementarteilchen bis zum Higgs-Boson (und wahrscheinlich darüber hinaus), elektromagnetische Wellen, Energiequanten. Wir können mit Fug und Recht davon ausgehen, dass die moderne Physik niemals an ihr Ende gelangt, sondern immer wieder zu neuen Horizonten der materiellen Realität vorstößt, die sich mit der Ausweitung der technischen Möglichkeiten, diese Realität zu erfassen, immer weiter öffnen. Für das, was Aristoteles Sekundärphilosophie nannte, haben wir heute den Begriff Naturwissenschaften.
Inzwischen hat sich der Begriff „Geisteswissenschaften“ durchgesetzt, der neben der Philosophie auch die Geschichte, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Ästhetik, die Literaturtheorie, die Exegese und andere Bereiche der Untersuchung von Phänomenen, die mit der soziokulturellen Tätigkeit des Menschen zusammenhängen, umfasst. Für diese Bereiche werde ich – im Gegensatz zu Aristoteles – den Begriff sekundäre Philosophie reservieren, um sie von der ersten Philosophie zu unterscheiden, deren eigentliche Aufgabe, wie ich gezeigt habe, gerade darin besteht, die universellen Prinzipien des Verstehens überhaupt aufzuzeigen. Der Ausdruck zweite Philosophie will keineswegs eine gering schätzende Abstufung dieser Forschungsgebiete sein, denn die Erkenntnis der gedanklichen Konstrukte der Intelligenz (Kulturprodukte) ist eine wichtige und notwendige Aufgabe. Die Abgrenzung der ersten von der zweiten Philosophie bezieht sich lediglich auf den Gegenstand ihrer Tätigkeitsbereiche, wobei die sogenannten ersten Prinzipien überhaupt keine mentalen Produkte sein können, denn sie sind die Bedingung für die Entstehung der ideellen Realität. Und wenn diese ersten Prinzipien – wie noch zu zeigen sein wird – durch nichts bedingt sind, sondern in ihrer Gesamtheit das absolut Unbedingte darstellen, für das die Tradition den Begriff Geist verwendet hat, dann ist nur die erste Philosophie das Wissensgebiet, das wirklich den Titel Geisteswissenschaft verdient.
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„Da wir nun diese Wissenschaft (Philosophie) suchen, müssen wir danach fragen, von welcherlei Gründen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit ist. (…) Wir nehmen nun erstens an, dass der Weise, soviel möglich, alles verstehe (erkenne), ohne dabei Wissen vom Einzelnen zu besitzen; (…) Hierunter muss das Merkmal, alles zu verstehen (erkennen), dem zukommen, der am meisten die Wissenschaft vom Allgemeinen hat; denn dieser weiß gewissermaßen alles Untergeordnete. Auch ist gerade dies für die Menschen am schwersten zu erkennen: das am meisten Allgemeine; denn es liegt am entferntesten von den Sinneswahrnehmungen. Am genauesten aber sind unter den Wissenschaften die, welche sich am meisten auf das Erste (arche = Prinzip) beziehen; denn auf eine geringere Zahl von Prinzipien bezogene Wissenschaften sind genauer als diejenige, bei denen noch bestimmende Zusätze hinzukommen; z. B. ist die Arithmetik genauer als die Geometrie. (…) Wissen aber und Verstehen (Erkennen) um ihrer selbst willen kommen am meisten der Wissenschaft des im höchsten Sinne Verstehbaren (Erkennbaren) zu. Denn wer das Erkennen um seiner selbst willen wählt, der wird die höchste Wissenschaft am meisten wählen, dies ist aber die Wissenschaft des im höchsten Sinne Erkennbaren. Im höchsten Sinne erkennbar sind aber die ersten Prinzipien und [die ersten] Gründe; denn durch diese und aus diesen wird das übrige erkannt, nicht aber sie aus dem Untergeordneten. (…)
Nach allem eben Gesagten fällt also die gesuchte Benennung derselben Wissenschaft zu: Sie muss nämlich eine auf die ersten Prinzipien und [die ersten] Gründe gehende, theoretische sein; denn auch das Gute und das Weswegen ist einer der ersten Gründe. Dass sie aber keine hervorbringende (poetische) ist, beweisen schon die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung (θαυμάζειν) war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens…“
Von den zahlreichen Definitionen, die der Philosophie seit der Antike gegeben wurden, scheint Aristoteles’ Definition das Wesen dieser Disziplin am besten zu erfassen, die der Stagirit selbst klar von jenem Wissensbereich abgrenzte, den wir heute unter dem Oberbegriff der Naturwissenschaften bezeichnen. Auf den ersten Blick scheint die aristotelische Definition eine tautologische Formel zu enthalten, denn die Formel „erste Prinzipien“ eine Irritation hervorruft, die sich aus der Bedeutung des Wortes Prinzips (ἀρχή) als erstes Element ergibt, das alle determinativen Verkettungen begründet und von dem diese ausgehen, ein Element, das nicht analysierbar ist, weil es nicht auf etwas Ursprünglicheres zurückgeführt werden kann. Wenn das Prinzip per definitionem das erste Element ist, aus dem alle nachfolgenden Bestimmungen hervorgehen, dann ist der Ausdruck „erste Prinzipien“ tautologisch. Aristoteles war jedoch kein Mann, der, den Leser nur durch außergewöhnliche Formulierungen zu beeindrucken versuchend, den Kern des Problems aus den Augen verloren hätte. Da er auch der erste Denker ist, der eine klare Dichotomie zwischen den Wissenschaften und der Philosophie als getrennten Wissensgebieten zieht, folgt daraus, dass Aristoteles zwischen zwei Arten von Prinzipien unterscheidet: einige, die detailliertes Wissen über Bereiche der Realität begründen, zum Beispiel der physischen Realität, also Prinzipien der Naturwissenschaften, und andere, die die Verständlichkeit und das Denken im Allgemeinen bestimmen. Die Offenlegung der Prinzipien der materiellen Natur ist eine Art von Wissen, das wissenschaftliche Wissen, dessen Aufgabe es ist, die Grundlagen der physischen Realität sowie die funktionalen Zusammenhänge zwischen ihnen aufzuzeigen. Die wissenschaftliche Erkenntnis stützt sich aber auf die Prinzipien des Denkens und des Verstehens im Allgemeinen, ohne die es keine Erkenntnis irgendeiner Art geben kann, einschließlich der Erkenntnis der Natur. Mit anderen Worten: Die Prinzipien der Intelligenz, d. h. des Verstehens überhaupt, haben Vorrang gegenüber den Prinzipien, die zur Erklärung der physischen Realität dienen. Daher können sie als „erste Prinzipien“ bezeichnet werden; ihre Freilegung ist ein Denken, das in sich selbst einkehrt, als das Denken, das sich selbst denkt, d. h. das Denken, das die Offenlegung seiner eigenen Prinzipien als Aufgabe hat. Die Elemente, die der physischen Realität zugrunde liegen, hängen natürlich nicht vom Denken ab, sie existieren in völliger Gleichgültigkeit gegenüber jeglichem Wissen, aber erst das Denken verleiht ihnen den Status und die Bedeutung von Prinzipien. Die Grundlagen der gesamten Realität sind daher auf die Prinzipien des Verstehens überhaupt angewiesen, die, da sie universell sind, den Status von ersten Prinzipien haben und nicht durch Rückgriff auf etwas Ursprünglicheres analysiert werden können.
Bereits im vorsokratischen Zeitalter, als der Begriff der Wissenschaft noch nicht klar definiert und somit von dem des spekulativen Denkens nicht abzutrennen war, richtete sich die Aufmerksamkeit der Philosophen auf die ersten Elemente, aus denen die Wirklichkeit zusammengesetzt zu sein schien, indem sie das eine oder das andere materielle Prinzip aufstellten und so die ersten Theorien über die Existenz der Wirklichkeit ausarbeiteten. Theorien, die sich deutlich von mythologischen Erklärungen unterschieden, weil sie eine rationale Plausibilität ausstrahlten und bereits eine Ontologie (Wirklichkeitslehre) hinsichtlich der materiellen Natur (physis) darstellten. Der Schwerpunkt verlagerte sich jedoch bald auf die ersten Prinzipien überhaupt: Da alles Wissen das Denken voraussetzt, verlagerte sich das philosophische Interesse von der Natur als Gegenstand des Wissens auf die Prinzipien des Denkens im Allgemeinen, die alles Wissen begründet, bzw. wie Wissensinhalte zu gestalten sind, damit sie dem entsprechen, was erkannt ist, d. h. der faktisch existierenden Wirklichkeit. Es wurde also versucht, die Regeln, nach denen das Denken funktioniert, zu erläutern, indem (unter anderem) die Elemente der Logik skizziert wurden. Die Erklärung der Übereinstimmung zwischen dem erkannten Objekt und dem Inhalt des Wissens, d. h. die Gewährleistung der Richtigkeit des Wissens, ebnete den Weg für die Erkenntnistheorie. In den folgenden Epochen waren die entscheidenden Momente in der Geschichte der Philosophie auch von den drei Aspekten geprägt, mit denen sich das philosophische Denken seit der Antike beschäftigt und verschiedene Theorien ausgearbeitet hat, in denen das eine oder andere von ihnen dominiert: Ontologie, Logik und Erkenntnistheorie.
Aber letztlich geht es bei allen drei Aspekten um das Verstehen überhaupt, so dass sich die Offenlegung der ersten Prinzipien auf das konzentriert, was im Rahmen des verständlichen Auffassens der Wirklichkeit ursprünglich ist, und versucht diejenigen Entitäten hervorzuheben, die vor aller Erfahrung den mentalen Prozess strukturieren, d. h. angeborene Elemente des Verstehens überhaupt, deshalb auch a priori genannt. Um dieser Freilegung einen festen Boden zu geben, wurde das abendländische rationale Denken, dessen Quelle das Griechentum ist, als Modell der Erkenntnis herangezogen, d. h. ein System, das die logischen Regeln aufstellte, nach denen die Urteile in einem Syllogismus zu verketten sind. Die Arbeit all dieser Denker ist von unschätzbarem Wert und führte schließlich zu der spezifischen Dynamik der europäischen Mentalität mit der Vorherrschaft des rationalen Denkens und seiner Begleiterscheinung bezüglich der Erkennung der Natur, der Wissenschaft. Das Ergebnis ist die moderne Welt, in der wir leben und die heute dazu neigt, sich im globalen Maßstab durchzusetzen.
Was nicht beachtet wurde, ist, dass das rationale Denken und sein Pendant, die zweiwertige Logik, lediglich eine der Ausdrucksformen einer noch ursprünglicheren, allgemeineren und daher umfassenderen Entität ist, nämlich der Intelligenz. Diese ist Hunderttausende von Jahren älter und hat damit einen prinzipiellen Vorrang gegenüber dem logisch-rationalen Denken. Die Griechen hatten das Wort nous (νοῦς), das nicht nur den Begriff Verstand, sondern auch den der Intelligenz abdeckt. Es ist jedoch erstaunlich, dass die Denker der späteren Epochen nur selten bis überhaupt nie von Intelligenz sprachen, obwohl sie den kognitiven „Apparat“ in Sensibilität, Intellekt und Vernunft unterteilten. Wenn man aber die ersten Elemente eines verständlichen Auffassens der Realität aufzeigen möchte – mit all seinen verhaltensmäßigen und kognitiven Konsequenzen –, kommt man nicht umhin, die Frage nach den Grundlagen der Intelligenz überhaupt zu stellen, ein Phänomen, das von den Philosophen scheinbar völlig aufgegeben und der empirischen Psychologie überlassen wurde, wobei diese als eine Wissenschaft verstanden wird, die sich mit der menschlichen Psyche als natürliches, experimentell zugängliches Seiendes beschäftigt.
Wenn die Philosophie – zurückkommend auf ihre eigentliche Aufgabe – das Wissen von den ersten Prinzipien und Gründen sein soll, dann kann sie nicht übersehen, dass die Rationalität nur eine der Erscheinungsformen der Intelligenz ist, dass letztere einen viel größeren Erfassungsbereich hat und ursprünglicher ist als die Urteile der binären Logik, die nur auf der Grundlage der Grundprinzipien des Verstehens möglich sind.
Als reflexive Erfassung der Wirklichkeit betrachtet, manifestiert sich Intelligenz nur in bestimmten Lebewesen, d. h. in biologischen Systemen mit der Fähigkeit, das Wahrgenommene verständlich zu interpretieren, ein interpretatives „Doppel“ der Wirklichkeit als deren Bild zusammenzustellen, und dabei nur auf der Grundlage dieser Interpretation zu handeln. In dieser Abhandlung werde ich daher nur solche Lebewesen als intelligente Wesen bezeichnen, die die Realität durch ein interpretatives „Bild“ von ihr integrieren. Wenn Intelligenz die Grundlage jeder möglichen Aussage ist, dann ist es für die Disziplin auf der Suche nach den ersten Prinzipien zunächst notwendig, jene Urfähigkeiten des intelligenten Wesens aufzudecken, aufgrund derer es ein Bild der Wirklichkeit als Interpretation derselben „gestalten“ kann. Doch nur als Fähigkeiten des intelligenten Wesens betrachtet, werden diese Grundlagen vorläufig auf einer Ebene angegangen, die auch den biologischen Wissenschaften zugänglich ist, um so einen interdisziplinären Dialog zu versuchen. Aber nur als evolutionär erworbene Fähigkeiten betrachtet, würden sie ihrem Status als primäre und universelle Prinzipien nicht gerecht, denn als Ergebnisse eines natürlichen Prozesses und abhängig von materiellen Strukturen, die durch selektive Evolution unter Umgebungseinflüsse entstanden sind, würden sie jene Notwendigkeit verfehlen, die den Prinzipien der Intelligenz und des Verstehens überhaupt zugeschrieben wird. Folglich wäre die Erscheinungsform der Intelligenz, auf die wir uns beziehen, nur für unsere Spezies charakteristisch und durch die besondere Geschichte der Anthropogenese streng bestimmt. Als Erscheinungsform der menschlichen Intelligenz wäre somit alles Wissen ein spezifisch menschliches, dem es an jener universellen Gültigkeit fehlen würde, die die Wissenschaft im Allgemeinen beansprucht. Um als universelle Prinzipien jeder möglichen Intelligenz zu gelten, muss ihre Aufzeigung über die anthropozentrische Bestimmung als Fähigkeiten hinausgehen, die nur für unsere Spezies gültig wären. Folglich müssen die Entitäten, die man als erste Prinzipien bezeichnet, als objektive und stabile Entitäten offenbart werden, unabhängig von jeglicher Konditionierung und Beeinflussung durch andere Faktoren, wie etwa die Willkür der Naturphänomene, die die Entwicklung der Gehirnstrukturen kennzeichnen und so ihre Notwendigkeit für die Manifestation jeder möglichen Intelligenz unterstreichen, unabhängig von der Struktur des materiellen Trägers des intelligenten Wesens. Denn die ersten Prinzipien – das eigentliche Thema der ersten Philosophie – sind Prinzipien, die dem Verstehen im Allgemeinen zugrunde liegen und notwendigerweise für jede mögliche Intelligenz gültig sein müssen. Gleichzeitig ist es notwendig, den psychologischen Begriff der Intelligenz (der sich auf die menschliche Intelligenz in ihrer offensichtlichen Besonderheit bezieht) klar von dem philosophischen Begriff abzugrenzen, der sich auf die ersten Prinzipien als notwendige Bedingungen für jedes mögliche Verstehen bezieht, und nicht nur für die spezifische Intelligenz unserer Art. In diesem Sinne muss die Hervorhebung der Prinzipien der Intelligenz über die spezifisch menschliche Ebene – das Anwendungsgebiet der Psychologie oder Anthropologie – hinausgehen und eine trans-spezifische Konsistenz erlangen, indem sie die Universalität dieser Grundlagen aufzeigt.
Der Untertitel dieser Debatte mag einen Einwand hervorrufen, der auf den ersten Blick berechtigt erscheint. Wenn die Beschreibung der ersten Prinzipien gleichbedeutend ist mit dem Versuch, die Prinzipien der Intelligenz zu enthüllen, indem das Feld der Untersuchung auf das beschränkt wird, was traditionell als die Konstitution des Subjekts bezeichnet wird, dann kann man einwenden, dass diese Abhandlung die Prinzipien ignoriert, die der Realität im Allgemeinen zugrunde liegen, etwa die Prinzipien der physischen Realität. Wenn die frühen antiken Denker das Prinzip oder den Ursprung (ἀρχή) aller Wirklichkeit entweder in einem materiellen Element, im a-thomos, oder im reinen, unvermischten Sein sahen, mit dem Begriff des nous (νοῦς), aber vor allem mit der kopernikanischen Wende durch Kants Kritik der reinen Vernunft, bezieht sich ab da die Frage nach den ersten Prinzipien nur auf den menschlichen Verstand, d. h. auf die Auffassungsgabe des menschlichen Subjekts, und ignoriert das faktische Objekt. Doch wie man im zweiten Teil der Debatte sehen wird, kann die traditionelle Trennung zwischen Subjekt und Objekt überwunden werden, da die ersten Prinzipien jene Entitäten sind, die notwendigerweise sowohl der Gestaltung der Realität als auch der des auffassenden Verstandes zugrunde liegen. Denn wenn die Grundlagen des Verstandes etwas von der Natur völlig Verschiedenes darstellen – also verschieden von den biopsychologischen Prozessen einer intelligenten Spezies –, so haben diese Grundlagen doch eine notwendige objektive Verbindung mit der physischen Realität im Sinne ihrer Gestaltungskriterien.
Wenn einige Denker es für notwendig erachteten, eine „philosophische Anthropologie“ auszuarbeiten, frage ich mich, ob dies noch notwendig ist. Jede philosophische Anthropologie impliziert eine spezifische Psychologie, nach der die ersten Prinzipien nur Fähigkeiten einer bestimmten intelligenten Spezies wären, insbesondere unserer eigenen, was die Prinzipien der Intelligenz der Notwendigkeit einer universellen Gültigkeit berauben würde. Die Aufgabe besteht also darin, diese ersten Prinzipien in jener Universalität zu offenbaren, die sie auf die Ebene notwendiger Bedingungen des Verstehens im Allgemeinen erhebt, die für jede mögliche intelligente Spezies gelten. Und vor allem ihre notwendige Objektivität zu enthüllen, die sich nicht nur aus der Konfiguration des Auffassungsvermögens einer gewissen intelligenten Art ergibt, sondern auch aus seiner Übereinstimmung mit den objektiven Kriterien der Strukturierung der Wirklichkeit selbst. Um diese Aufgabe zu bewältigen, kann man sich nicht einfach nur auf Gedankenspekulationen verlassen, sondern man muss von handfesten Daten und Artefakten ausgehen, die meistens die Naturwissenschaften zur Verfügung stellen, um schließlich dort philosophische Schlussfolgerungen zu ziehen, wo die Wissenschaft (die sich auf konkrete, in der Natur nachprüfbare Fakten stützt) an die Grenzen ihrer Möglichkeiten der demonstrativen Argumentation stößt. Diese Vorgehensweise ist nicht zufällig gewählt, denn in der Hoffnung auf einen fruchtbaren interdisziplinären Dialog wird der vorliegende Ansatz viele Berührungspunkte mit den Naturwissenschaften haben, indem er die von diesen zur Verfügung gestellten Daten anerkennend nutzt, ohne aber auf eine klare Abgrenzung der Aufgabengebiete der beiden großen Wissensbereiche – Wissenschaft und Philosophie – zu verzichten.
Nicht nur aus Ehrfurcht vor der von Aristoteles eingeführten Terminologie, sondern auch aus Gründen der Abgrenzung der Wissensgebiete, werde ich als erste Philosophie das Wissen um die universellen Prinzipien der Intelligenz überhaupt bezeichnen. Für den Stagirit war die Sekundärphilosophie das Wissen um die der materiellen Natur zugrunde liegenden Prinzipien, ein Wissen, das mit dem Begriff Physik bezeichnet wird, der im Griechischen für „Natur“ (φύσις, physis) steht.
Die ersten Denker, deren Dissertationen unisono „Peri physeos“ („Über die Natur“) genannt wurden, waren auch Wissenschaftler, die die Grundlage oder das Prinzip der Natur mal im Wasser, mal in der Luft, mal in einem den leeren Raum ausschließenden Sein und somit nichtzerteilbaren Sein (a-thomos) festmachten. Die sogenannten Hylosoisten suchten also das Prinzip der Wirklichkeit in einem materiellen Element (hyle), das sich nicht auf etwas Elementareres reduzieren lässt. Die Grundlage ihres Ansatzes bildete die Demonstration, und zwar auf der Ebene, die nicht nur die empirische Erfahrung, sondern auch das spekulative Denken der damaligen Zeit erlaubte. Und seither sind eine Reihe von Elementen an die Stelle des Prinzips getreten, das der materiellen Wirklichkeit zugrunde liegt: das Atom der modernen Physik (das nichts mit dem a-thomos von Leucippus und Demokrit zu tun hat, das ein rein körperliches Sein ohne Vakuum darstellte), Elementarteilchen bis zum Higgs-Boson (und wahrscheinlich darüber hinaus), elektromagnetische Wellen, Energiequanten. Wir können mit Fug und Recht davon ausgehen, dass die moderne Physik niemals an ihr Ende gelangt, sondern immer wieder zu neuen Horizonten der materiellen Realität vorstößt, die sich mit der Ausweitung der technischen Möglichkeiten, diese Realität zu erfassen, immer weiter öffnen. Für das, was Aristoteles Sekundärphilosophie nannte, haben wir heute den Begriff Naturwissenschaften.
Inzwischen hat sich der Begriff „Geisteswissenschaften“ durchgesetzt, der neben der Philosophie auch die Geschichte, die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Ästhetik, die Literaturtheorie, die Exegese und andere Bereiche der Untersuchung von Phänomenen, die mit der soziokulturellen Tätigkeit des Menschen zusammenhängen, umfasst. Für diese Bereiche werde ich – im Gegensatz zu Aristoteles – den Begriff sekundäre Philosophie reservieren, um sie von der ersten Philosophie zu unterscheiden, deren eigentliche Aufgabe, wie ich gezeigt habe, gerade darin besteht, die universellen Prinzipien des Verstehens überhaupt aufzuzeigen. Der Ausdruck zweite Philosophie will keineswegs eine gering schätzende Abstufung dieser Forschungsgebiete sein, denn die Erkenntnis der gedanklichen Konstrukte der Intelligenz (Kulturprodukte) ist eine wichtige und notwendige Aufgabe. Die Abgrenzung der ersten von der zweiten Philosophie bezieht sich lediglich auf den Gegenstand ihrer Tätigkeitsbereiche, wobei die sogenannten ersten Prinzipien überhaupt keine mentalen Produkte sein können, denn sie sind die Bedingung für die Entstehung der ideellen Realität. Und wenn diese ersten Prinzipien – wie noch zu zeigen sein wird – durch nichts bedingt sind, sondern in ihrer Gesamtheit das absolut Unbedingte darstellen, für das die Tradition den Begriff Geist verwendet hat, dann ist nur die erste Philosophie das Wissensgebiet, das wirklich den Titel Geisteswissenschaft verdient.
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