Papamädchen

Papamädchen

Rike Tretter


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 328
ISBN: 978-3-903861-71-8
Erscheinungsdatum: 21.04.2022
Auch zärtliche sexuelle Übergriffe des geliebten Vaters zerstören die kindliche Seele. Inzest umfasst alle sexuellen Berührungen, vermeintlich liebevolle ebenso wie gewaltsame. Die Auswirkungen auf die psychische Entwicklung des Kindes sind immer fatal.
In medias res

Wer hätte man sein können, wenn nicht das Leben dazwischengekommen wäre! Wer hätte ich sein können, wenn nicht mein Vater dazwischengekommen wäre! Dazwischengekommen im wahrsten Sinne des Wortes, dazwischengekommen zwischen meine kindlichen Beine! Nicht brutal! Nein, dazwischengekommen mit seinen spielenden Händen! Ich hätte eine andere sein können: ein lebendiges Mädchen und eine lebendige, liebende Frau!
„Inzest ist ein sexueller Kontakt oder eine Reihe von Kontakten, die ältere oder erwachsene Familienmitglieder mit einem Kind unter 16 Jahren herstellen, gegen den Willen des Kindes oder ohne dass das Kind – wegen der Anwendung von körperlicher oder psychischer Macht oder Gewalt oder gefühlsmäßigem Unterdrucksetzen – das Gefühl hat, diese sexuellen Kontakte verweigern zu können oder sich entziehen zu können. Sexuelle Berührungen sind alle tatsächlichen sexuellen Berührungen, vom Berühren der Brüste oder des Genitalbereichs bis zur Vergewaltigung.“
Ihr Buch über Inzest und Therapie tituliert die Psychologin Dr. Ursula Wirtz mit „Seelenmord“ und schreibt hierzu, bezogen auf ihre therapeutische Arbeit mit Frauen: „Wenn ich Inzest mit Seelenmord in Verbindung bringe, dann möchte ich damit sagen, daß ein Totalangriff auf das Menschsein erfolgt ist, daß das Kind nicht länger so denken und fühlen kann wie andere Kinder, daß alles Verhalten eine andere Färbung bekommen hat. Die Identität ist zentral verletzt worden, und zwar gerade auch die sexuelle Identität.“ Und: „Wer sexuell und emotional ausgebeutet wurde, ist sich selbst verlorengegangen. Das Menschliche hatte keinen Raum, sich zu entfalten, so daß nichts geblieben ist als Selbstentfremdung und Leere. Um das Leben zu retten, wurde die Seele überantwortet, denn nie in ihrer Kindheit durften diese Frauen so sein, wie sie wirklich waren, zulassen, was sie im Tiefsten fühlten. Alles musste ein Geheimnis bleiben, auch die schreckliche Ambivalenz der Gefühle, bis sie zuletzt jedes Gefühl aufgaben und einfach ‚nicht mehr da‘ waren.“
„Sich selbst verlorengegangen sein“, besser könnte ich es nicht beschreiben. Ich bin mir selbst verlorengegangen, als kleines Mädchen verlorengegangen durch die sexuelle Nähe meines Vaters. Und dennoch kann ich es selbst heute noch nicht fassen, dass das, was ich in meiner Kindheit mit meinem Vater erlebt habe, tatsächlich geschehen ist und meine Seele ermordet wurde. Im Fachjargon wird auch von „Inzestüberlebenden“ gesprochen. Diesen Begriff akzeptiere ich noch nicht für mich. Zwar existiere ich im rein physischen Sinne und habe auch einer Tochter das Leben geschenkt, aber soweit ich zurückzudenken vermag, habe ich mich nie wirklich lebendig, geschweige denn im Erwachsenenalter als Frau gefühlt, weshalb ich für mich bis heute die Bezeichnung „Inzesttote“ bevorzuge.
Sehr gerungen habe ich damit, ob ich schon jetzt, noch zu Lebzeiten meiner Eltern, dieses Buch schreiben darf oder ob ich aus Familienloyalität ihren Tod abzuwarten oder sogar für immer zu schweigen habe. Auf diese Frage habe ich keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich jetzt endlich leben, endlich vom Inzesttod auferstehen und eine Inzestüberlebende sein möchte. Ich habe die fantastische Vorstellung, dass ich mit jedem meiner geschriebenen Worte mehr und mehr mein bisheriges totes Leben abstreifen, Wort für Wort meinen gläsernen Sarg verlassen und ins lebendige Dasein voranschreiten werde. Wenn alles wie erhofft verläuft, werde ich am Ende meiner Ausführungen meine Metamorphose vollendet haben und endlich lebendig und Frau sein. Ich wünsche es mir so sehr.
Klarstellen möchte ich schon jetzt, dass ich keine brutale Gewalt im physischen Sinne erfahren habe. Über Jahre hinweg zärtlich angefasst, gestreichelt und massiert hat mein Vater meine Vulva und meine damals noch nicht entwickelten Brüste. Die fatalen Auswirkungen dieser sexuellen Nähe haben mein Dasein in einer Ausschließlichkeit geprägt, dass ich erst heute, mit fünfzig, zu ahnen beginne, was es heißt, wirklich lebendig und Frau zu sein.
Vorweg klarstellen möchte ich auch, dass ich meine Eltern – soweit ich dies überhaupt zu sagen vermag – sicherlich auch liebe und immer den Kontakt zu ihnen gehalten habe. Auch sie haben ihren Lebensweg, sind Teil unserer „starren und stummen Familiendynamik“. Es liegt mir fern, Sie an den Pranger zu stellen und als Schuldige zu proklamieren. Sinn und Zweck meiner Aufzeichnungen ist vielmehr, mein Erleben, im Detail in Worte gefasst, in aller Tiefe zu erinnern und seelisch zu bewältigen, um endlich angstfrei und lustvoll mein Blut in meinen Adern zu spüren. Meine Mitmenschen an meinem Aufarbeitungsprozess teilhaben zu lassen, ist hierbei unverzichtbar für mich.



1958–1978

Ich war ein Papamädchen. Jedenfalls nannte mich Mama oft so, wenn sie über uns Kinder – Konrad, meinen nur wenig älteren Bruder, und Johannes und mich, die Zwillinge – sprach. Lange Jahre später sollte sie meine Tochter ein Opamädchen nennen. Ein Opamädchen, dem – dem Himmel sei Dank! – keine spielenden Opahände dazwischen gekommen sind.
Mama hatte sich immer vier Jungen gewünscht, kein Mädchen. Dies, wie sie oft erzählte, ihrer stämmigen Beine wegen, unter denen sie sehr litt und die sie nicht an eine Tochter weitergeben wollte. Papa hingegen wollte immer ein Mädchen. Mama stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie. Sie war das Nesthäkchen, ein Nachzüglerkind, nahezu zwölf Jahre jünger als ihre Schwester und gut zehn Jahre jünger als ihr Bruder. Ihr Vater war als Schwerkriegsbeschädigter aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt und danach nie mehr berufstätig gewesen. Geheiratet haben meine Großeltern ein Jahr nach seiner Rückkehr noch während des Krieges. Ihre gesamte Ehe verbrachten sie bis auf wenige Monate gemeinsam zu Hause. Mama liebte ihren Vater abgöttisch. Sie war sein Liebling, und als er starb, brach eine Welt für sie zusammen. Ich erinnere mich noch sehr genau an ihre tiefe Trauer. Eine Trauer, die ich als sechsjähriges Mädchen nicht verstehen konnte: Schließlich hatte Mama doch uns Kinder und Papa, wieso konnte sie dann so traurig sein?

Heute glaube ich zu wissen, dass auch meiner Mutter jene Art von Inzest widerfahren ist, wie ich sie mit meinem Vater erlebt habe. Nur so vermag ich mir viele ihrer Wesenszüge und Verhaltensweisen zu erklären. Darauf angesprochen hat sie es nicht geleugnet. Sie war nicht einmal empört. Daran könne sie sich nicht erinnern, war alles, was sie mir geantwortet hat, geantwortet mit leiser, monotoner Stimme, auf eine seltsam anmutende Weise in sich versunken, ihren Blick ins Leere gerichtet.

Was es heißt, lebendig Frau zu sein, hat mich Mama nie gelehrt. Sie war mir beileibe kein Vorbild für Weiblichkeit. Wie sollte sie auch? Sie selbst hat ihr Frausein ja nie gelebt: keine rot geschminkten Lippen, keine zarte Unterwäsche, keine weiche, fließende Kleidung. Alles zweckmäßig und reizfrei! Männer dürfe man nicht provozieren! Was Männer mit Frauen alles anstellen, einfach fies! Fies auch die männlichen Genitalien! Dies war ihre Sicht der Dinge, die zwischen Mann und Frau passierten. Kein Parfüm, keine duftenden Cremes und Seifen, stattdessen Intim-Waschlotion, speziell entwickelt für die weiblichen Genitalien. So, als ob alles keimfrei rein gewaschen werden müsse, alles, was mit dieser einen, leidigen Sache zu tun hatte. Auch aufgeklärt hat Mama mich nie. Selbst als sich mit dreizehn meine erste Monatsblutung ankündigte, war es nicht sie, sondern Papa, der mich im elterlichen Schlafzimmer beiseitenahm und mir erklärte, dass dies bei Frauen nun einmal so sei. Ich weiß noch genau, wie tief in meiner Scham getroffen und schmutzig unwohl in meiner Haut ich mich damals gefühlt habe. Und selbst heute noch beschleicht mich bei dem Gedanken hieran dieses klebrig mulmige Gefühl.
„Das steht dir nicht. Dafür bist du kein Typ.“ Wie oft habe ich diese Worte aus Mamas Mund gehört. Mit ihnen lehnte sie auch an mir alles mädchenhaft Verspielte und alles vermeintlich Verführerische ab, drückte mir so schon früh den Stempel der Unweiblichkeit auf. Ich glaube, sie wollte mich nur schützen. Wenn ich zurückdenke, sehe ich sie bei Tagesanbruch im Morgenmantel erschöpft in der Küche sitzen. Sie trinkt ihren ersten, frisch aufgebrühten Bohnenkaffee, nachdem sie uns Kinder geweckt, das Frühstück zubereitet und alle Pausenbrote geschmiert hat. Sie sitzt am Kopfende des Tisches mit Blick auf die Wand. Ihr Gesichtsausdruck hat etwas bleiern Müdes und etwas schon merklich Verbittertes, und ihr Körper wirkt auf eine anrührende Weise geschunden. Heute weiß ich, sie ist einsam und ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich kenne Mama nur in der Familie und in Verrichtung nie enden wollender Hausarbeit. Tag für Tag, von früh bis spät, hat sie geschuftet, einer tibetischen Gebetsmühle gleich, nur ohne Erlösung. Wichtiges ist dabei auf der Strecke geblieben: Zuwendung für uns Kinder und Zeit für sich selbst. Sie hatte keine beste Freundin, nicht einmal Freundinnen und auch keine Hobbys. In ihrer Jugend sang sie im Kirchenchor. Einmal an Weihnachten habe sie im Hauptamt als eine von dreien „Et incarnatus est“ aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gesungen, erzählte sie uns Kindern stolz. Wie ein Solo habe es geklungen. Mama muss eine schöne Stimme haben, aber ich habe sie nie gehört.
Fertig werden mit der Arbeit, mit dem Tag, letztlich wohl mit dem Leben, das war es, wonach sich Mama schon morgens in der Küche sehnte. „Ich will fertig werden!“ Wie vertraut waren mir diese Worte schon als Kind. Als immerwährende Anstrengung, ja Plage und besiegelten Mangel, so präsentierte mir Mama das Leben. Kapituliert, zugegeben, dass sie Hilfe braucht, hat sie erst mit 69 Jahren. Wenige Wochen später begab sie sich in eine Klinik für gerontologische Psychosomatik. Dort erlebte sie ihre ersten und einzigen psychotherapeutischen Sitzungen und teilte ihr Bett nach langen Ehejahren nur mit einem warmen Sack Heu.
Auch Papa stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie. Er war das zweitgeborene Kind, gut drei Jahre jünger als seine Schwester und gut vier Jahre älter als sein Bruder. Seine Schwester kam noch unehelich zur Welt. Geheiratet haben meine Großeltern erst ein knappes Jahr nach ihrer Geburt. Meine Großmutter war es, die als Schneiderin die Familie finanziell mit über Wasser hielt. Als Waldarbeiter und Helfer in der Landwirtschaft verdiente mein Großvater nur spärlich. Was für ein Verhältnis Papa zu seinem Vater hatte, vermag ich nicht zu sagen. Zärtlich geliebt aber hat er seine Mutter. Sein Elternhaus und seine Heimat verließ er zur Chemielaboranten-Ausbildung, deren Abschlussprüfung er nicht bestand. Während dieser Zeit lernte er Mama kennen und ging als einfacher Arbeiter in eine Farbenfabrik. Erst Jahre später sollte er den Ehrgeiz finden, Chemie-Facharbeiter zu werden. Nur wenige Male im Jahr besuchte er seine Eltern, wobei er, wenn überhaupt, bloß mich, sein Papamädchen, mitnahm. Allenfalls einmal jährlich in den Sommerferien fuhr unsere gesamte Familie zu meinen Großeltern. Mama war auf ihren Schwiegervater nicht gut zu sprechen. Er hatte sich über ihre stämmigen Beine lustig gemacht.
Meine Eltern habe ich nie als Liebende kennengelernt. Weder erinnere ich mich an zärtliche Berührungen noch nur an zärtlich ausgetauschte Blicke zwischen ihnen, geschweige denn an leidenschaftliche Umarmungen oder Küsse. Ebenso wenig habe ich, abgesehen von den sexuellen Berührungen meines Vaters, Erinnerungen an körperliche Nähe zu meinen Eltern. Und auch unter uns Geschwistern waren Zärtlichkeit und Liebkosungen nicht üblich. Wir waren eine berührungsarme Familie, in der auch über Gefühle nicht gesprochen wurde. Haben sich meine Eltern jemals geliebt? Haben sie sich jemals, eng ineinander verschlungen und der Welt weit entrückt, ihre Liebe erklärt? Vorzustellen vermag ich mir dies nicht. Oder hatte Papa, wie später auch mein Verlobter, das Pech, seine Liebe unwissentlich einer missbrauchten Frau zu schenken ohne jegliche Hoffnung auf Erwiderung? Vermochte sich auch Mama körperlich nur mit einem Mann einzulassen, den sie nicht liebte und der ihr deshalb emotional nicht gefährlich werden konnte? Einmal habe ich Mama gefragt, ob sie Papa jemals geliebt habe. An ihre Antwort erinnere ich mich einfach nicht mehr.
Männer mussten im Leben das bessere Los gezogen haben. Schon als kleines Mädchen habe ich dies oft gedacht. Denn während sich Mama im Haushalt unentwegt plagte und auch noch sonntags als Buffetkraft in einem Café dazuverdiente, lag Papa nach der Arbeit und an den Wochenenden vornehmlich auf unserem Wohnzimmersofa. Er hatte nichts anderes kennengelernt. Auch in seinem Elternhaus entsprach die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau der althergebrachten Ordnung. Wir lebten in einer Altbau-Werkswohnung. Unser Wohnzimmer war ein Durchgangszimmer zu unseren Kinderzimmern. Es war ein hoher, rechteckiger Raum mit Stuckdecke und Kachelofen, dessen Breitseite aus einer Fensterfront mit Oberlichtern bestand. Vom Flur aus kommend führte links eine Tür in mein Zimmer und rechts eine Tür in das Zimmer meiner Brüder, geradeaus fiel der Blick auf die Fenster. Ursprünglich waren Wohnzimmer und mein Zimmer durch einen breiten, offenen Durchbruch miteinander verbunden gewesen. Vor unserem Einzug wurde der Durchbruch zugemauert und meine Zimmertür eingesetzt. Hierdurch hatte das Wohnzimmer seine ursprüngliche Großzügigkeit verloren, es wirkte für seine Höhe zu schmal. Später führte nur eine Tür vom Flur aus in mein Zimmer. Das Sofa stand links, längsseits an der Wand. Sein oberes Ende grenzte an die Fensterfront, sein unteres Ende an meine Zimmertür. Oftmals lag ich gemeinsam mit Papa, eng an ihn geschmiegt, auf dem Sofa, und Papa hatte eine Hand in meine geriffelte Wollstrumpfhose gemogelt und spielte schläfrig zwischen meinen Beinen. Immer mal wieder lief Mama, geschäftig aus der Küche kommend, in eines unserer Kinderzimmer. Zuweilen forderte sie mich auf, Papa in Ruhe zu lassen und zu ihr zu kommen. Aber ich blieb bei Papa.
Wenn Papa abends spät von der Arbeit nach Hause kam, lag ich oftmals schon warm im Bett und wartete auf ihn. Meine Zimmertür und die Wohnzimmertür zum Flur standen dann offen. In beiden Zimmern brannte kein Licht, nur der warme Schein der Flurlampe spendete dumpf etwas Helligkeit. Ich hörte die Wohnungstür ins Schloss fallen und wusste, Papa ist da! Wenig später kam er zu mir. In meiner Erinnerung sehe ich ihn mit Hut und Mantel als Silhouette im Türrahmen stehen, bevor er sich zu mir aufs Bett setzte und mir Gute Nacht sagte. Es war ein allabendliches Ritual. Papa sprach liebevoll mit mir und streichelte zärtlich meine Vulva und meine damals noch nicht entwickelten Brüste. Papa war mein schöner Mann mit Hut. Er roch so anders. Ich liebte ihn und wollte einen Busen für ihn haben. Später würde ich ihn heiraten. Daran, wie Mama mir Gute Nacht sagte, erinnere ich mich nicht.
Kam Papa früher nach Hause, sahen wir alle zusammen nach dem Abendessen im Wohnzimmer fern. Ich erinnere mich an Serien wie „Sprung aus den Wolken“, „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“, „Bezaubernde Jeannie“, „Renn, Buddy, renn!“ und „Immer wenn er Pillen nahm“. In Erstausstrahlung liefen sie in den Jahren 1963, damals war ich vier Jahre alt, bis 1970 im ARD- und ZDF-Vorabendprogramm. Wir hatten unsere feste Sitzordnung. Auf dem Sofa saßen von rechts nach links nebeneinander: Papa, ich, Mama und mein Zwillingsbruder Johannes. Rechts neben Johannes auf einem Stuhl saß Konrad, mein älterer Bruder. Ich hatte eine Decke über meinen Beinen, und Papas rechte Hand hatte wie immer heimlich ihren Weg in mein Höschen gefunden und spielte zwischen meinen Beinen. Ich musste aufpassen, dass Mama nichts merkte, und traute mich kaum zu atmen.
Ein- bis zweimal im Jahr fuhren Papa und ich für einige Tage zu seinen Eltern. Als ich klein war, schliefen wir dann zusammen mit Großmutter im großelterlichen Ehebett. Großvater schlief ohnehin meistens auf dem Sofa in der Küche. Abends ging Papa immer mit Freunden aus und ließ mich alleine mit Großmutter, die nahezu eine Fremde für mich war. Ohne Papa packte mich unbändige Angst, Angst, nicht mehr atmen zu können. Augenblicklich sehe ich das Bild vor mir: Es ist spät. Großmutter und ich sitzen in der Küche an dem alten, matt elfenbeinfarben lackierten Holztisch und warten auf Papa. Die Küchenlampe hängt tief mitten über dem Tisch. Ihr Licht ist schummrig warm, und die Zeit scheint stillzustehen. Ein unsagbarer Druck lastet auf meiner kindlichen Brust, und alles umfassende Angst sitzt mir im Bauch. Mein Herz pocht laut, und ich habe Mühe zu atmen. Mit aller Macht halte ich meine Tränen zurück und sage Großmutter mit erstickter Stimme, dass ich keine Luft mehr bekomme. Großmutter antwortet, ich sei doch schon ein großes Mädchen. Dann steht sie auf, geht zum Büfett des alten Küchenschrankes und presst frischen Orangensaft für mich aus. Wie aus der Ferne und unwirklich scheinend, höre ich sie sagen, frischer Orangensaft helfe bei Atemnot. An das, was danach geschehen ist, erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich weiß gewiss: Mich wieder sicher gefühlt und wieder ruhig zu atmen vermocht, habe ich erst, wenn Papa nachts nach Hause gekommen und wieder bei mir gewesen ist.

Jahrzehnte später sollte mir der Chefarzt einer Psychosomatischen Klinik meinen Vater spiegeln und mir die Trennungsängste meiner Kindheit brutal schmerzhaft zurück in mein Bewusstsein rufen.

Als ich älter war, nahm Papa anlässlich unserer Besuche ein Fremdenzimmer mit Doppelbett in der Nachbarschaft. Ungefähr mit zwölf war dies zuletzt der Fall. Damals trug ich nachts eigens eine Nylonstrumpfhose, damit Papas Hände nicht wie gewohnt zwischen meinen Beinen spielten. Ich erinnere mich noch sehr genau, darüber nachgedacht zu haben, sie anzulassen, und wie absurd es mir einerseits erschienen war. Aber ich wollte sichergehen. Papa hatte mich noch gefragt, ob ich die Strumpfhose anbehalten wolle, und ich habe ihm geantwortet, mir sei kalt.
Wann genau die Zeit meiner Unbefangenheit und meiner unbeschwerten, kindlichen Liebe zu Papa endete und mir allmählich bewusst wurde, dass diese Nähe meines Vaters nicht mir, sondern Mama gehört, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich muss klein gewesen sein. Mit diesem Wissen hielten Schuld- und Schamgefühle und mit ihnen die Angst Einzug in mein Leben. Angst, die sich schleichend wie Gift in meine Körperzellen einnisten und allumfassend und allgegenwärtig werden sollte. Sie war mir zuweilen so vertraut, dass ich keine Vorstellung mehr davon hatte, wie es ist, ohne sie zu leben.

In welcher Ausschließlichkeit Angst mein Dasein bestimmt hatte, habe ich aber erst realisiert, als ich sie nach langen Jahren der Therapie als nahezu fünfzigjährige Frau endlich loszulassen vermochte.

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