Cover: Pädagogik an Bord

Pädagogik an Bord
Der Skipper im Bermuda-Dreieck – von Fühlen, Handeln und Denken


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 78
ISBN: 978-3-7116-0875-8
Erscheinungsdatum: 29.07.2025
Beim Segeln auf hoher See ist die effiziente Zusammenarbeit der Besatzung eine Frage des Überlebens. Doch wie kann diese vom Skipper erreicht werden?
Einleitung

„Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.“ (Wilhelm Reich: Charakteranalyse)

Liebe als Fühlen ist vor allem Respekt und Freundschaft, vor und mit mir selbst, den Crewmitgliedern und der See wie der Natur überhaupt.

Segeln als Handeln ist harte Arbeit, für Profis sowieso und für Hobbysegler geliebte Freizeitarbeit.

Wissen als Denken ist Voraussetzung und Ergebnis des Segelns.

Warum ist das so?

Fangen wir mit dem Gefühl der Angst an:

In seiner Erzählung „Hinab in den Maelström“ lässt E. A. Poe (2012, S. 446 ff.) den norwegischen Fischer Jonas Rasmus eine bemerkenswerte Geschichte über einen Seeunfall bei den Lofoten erzählen, in dem er seine beiden Brüder an die See verliert und selbst nur knapp mit dem Leben davonkommt.
Das hier für uns Wesentliche in Kürze:
Drei Brüder fahren mit ihrer Schmack (einem schoonerartig aufgetakelten norwegischen Fischerboot) hinaus zum Fischen. In einem plötzlich und unerwartet aufziehenden Sturm verlieren sie zunächst einen Bruder an die See. Später geraten die beiden überlebenden Brüder in den Moskoeström, einen auch unter Seglern weithin als „Maelström“ bekannten, gefährlichen Gezeitenstrudel.
In diesem gefangen, werden sie mit ihrem Boot hinabgezogen. Beide suchen Halt an Deck, der eine zunächst an einem am Heck vertäuten Fass und der andere, der Erzähler der Geschichte, an einem Ring an der Bordwand. Diesen überlässt er später dem Bruder, der in Todesangst seine Hände hiervon fortzureißen suchte, und bringt sich stattdessen an dem Fass in „Sicherheit“.

Im weiteren Verlauf bleibt besagter Bruder tief in seiner Angst fixiert und er selbst gibt ebenso zunächst alle Hoffnung auf. Doch dann fasst er Mut und beginnt, den gesamten „Schauplatz“ zu beobachten.
Es erfasst ihn neue Hoffnung, geknüpft „sowohl an frühere Erfahrungen als an soeben gemachte Beobachtungen“ (ebd., S. 461).
In deren Umsetzung bindet er sich auf das Fass, springt damit ins Wasser und überlebt.




Kapitel 1

Angst und Neugier an Bord

Auch durch diese beiden emotionalen Phänomene sind wir Menschen das geworden, was wir heute sind. Und wir werden es noch heute, jeder Einzelne von der Geburt bis zum Tod.

In Anlehnung an die ursprünglich von Ernst Haeckel entwickelte Idee der Rekapitulation der Phylogenese (stammesgeschichtliche Entwicklung) in der Ontogenese (Entwicklung eines Einzelwesens) werden hier beide als uns allen Menschen gemeinsame Evolutionsmerkmale verstanden, die natürliche Selektion freilich eingeschlossen.

Das heißt auch:
Angst ist zunächst einmal angeboren. (Zur Neugier kommen wir später.) Im Einzelnen sind dies die Fallangst und die Angst vor lauten Geräuschen.
Hebammen haben früher – und vielleicht tun manche das noch heute – die Neugeborenen sofort in ihren Händen kopfüber nach unten gekippt, nicht nur, um das mütterliche Fruchtwasser aus den Kinderlungen zu bekommen, sondern auch, um den Angstreflex „Schreien“ auszulösen. Ebenso war das – durch lautes Händeklatschen ausgelöste – Weinen des Kindes ein signifikantes Indiz für dessen gesunde Sinne und Reflexe. Die anderen Ängste, die uns ein Leben lang begleiten, entwickeln sich dann nach und nach.

Ihnen allen gemeinsam – wie den vorgenannten Ur-Ängsten – ist ihre Ambivalenz.
Sie schützen und blockieren uns gleichsam, in unterschiedlichem Maße. (Hierzu später Näheres in Kapitel 3.)

Schauen wir uns nun am Beispiel von Poes Geschichte des Fischers das Phänomen der Angst genauer an:

Beide Brüder, die zunächst den Sturm überlebten, haben dasselbe Gefühl der Angst. Sie reagieren aber bereits mit ihrem Angst-Affekt völlig unterschiedlich: der eine mit einer Affektsperre (Blockade) und der andere mit Neugier, die hier – wie in vielen anderen Situationen – als „Angstkiller“ fungiert.

Was passiert im Einzelnen?

Das Angstgefühl objektiviert sich in FURCHT bei beiden. Beide Brüder erleben das „Bauchgefühl“ der Angst, ausgelöst durch das kreisende Fallen ihres Bootes in den Strudel und die damit einhergehenden lauten Meeresgeräusche, als Furcht vor dem Ertrinken. Todesangst!
Sie erinnern sich beide an dasselbe Erlebnis, den Verlust des – am Mast scheinbar sicher angebundenen, aber mit demselben über Bord gespülten – dritten Bruders.
Trotzdem löst es bei beiden unterschiedliche Affekte und Emotionen aus, was zu grundverschiedenen Entscheidungen und schließlich Handlungen führt.
Das ist sicherlich nicht uninteressant für jeden Skipper und verständlich für jeden Segler, der einmal unter Windstärken von 7, 8 oder gar 9 Beaufort gefahren ist.

Im deutschsprachigen Raum gibt es die Unterscheidung zwischen „Angst“ und „Furcht“. Der Engländer z. B. hat für beide Phänomene dasselbe Wort: fear.
Dabei ist es wichtig, beide nicht nur begrifflich zu unterscheiden: Angst als Gefühl und als Emotion sowie Furcht als Affekt (Gefühlsausdruck) und ebenso als Emotion (Angst vor etwas oder jemandem).


1. Furcht und Konfrontation

Für die weitere Betrachtung unserer Geschichte des Fischers ist es vorerst uninteressant, ob wir das hier wichtige emotionale Phänomen „Todesangst“ oder „Furcht vor dem Ertrinken“ nennen.
So oder so geht es um eine – wenn nicht gar die – menschliche Grenzerfahrung: Tod oder Überleben! Dies zeigt sich im weiteren Schicksal der beiden Brüder.
Beide haben dasselbe Erlebnis und das gleiche Angstgefühl, reagieren aber zunächst affektiv, und kurz darauf emotional wie rational, völlig verschieden darauf.
Der eine bleibt in der Situation „gefangen“, der andere konfrontiert sich damit.
Die Zeit beginnt für ihn stillzustehen. Die Strudelgeräusche lassen nach und das Hineinfallen wird ausgeblendet. Eine situative Gewöhnung erfasst ihn.
Seine Aufmerksamkeit erweitert sich räumlich.
Er beobachtet scheinbar gefühlsresistent seine komplette Umgebung und schaltet emotional um auf Neugier. „Scheinbar“ deshalb, weil die Neugier – wie wir später sehen werden – ebenso ein Gefühl ist.

Der Lebenswille hat auf jeden Fall gesiegt.
Das macht nun eine ganz andere Wahrnehmung der scheinbar aussichtslosen Situation möglich. Sein Hirn beginnt, effektiv unter Stress zu arbeiten.


2. Stress und Konzentration

Mit dem Stress ist es so eine Sache. Er kann ebenso förderlich wie hinderlich sein.
Im positiven Falle steigert er unsere Aufmerksamkeit und Konzentration, löst Glücksgefühle oder sogar einen sogenannten Flow aus und motiviert uns quasi wie von selbst.

Im negativen Falle kann er zu Affektblockaden führen.
Die Aufmerksamkeit versiegt und die Konzentration flacht ab.
Furcht macht sich breit. Ärger und Unmut oder gar Wut werden zu situationsbestimmenden Emotionen.

In unserer Maelström-Geschichte lässt E. A. Poe den überlebenden Fischer davon erzählen, wie er bei lebensbedrohlichem Stress „im Rachen des Abgrundes“ (Poe 2012, S. 457) erst die Hoffnung aufgab und dann den – ihn zuerst lähmenden – Schrecken verlor.

Ein ähnliches – da sogar massenpsychologisch wirksames – Phänomen ist aus der Zeit der Kreuzzüge im Mittelalter vom Deutschen Ritterorden bekannt, der Kriegsruf „nic spe, nic metu“ (keine Hoffnung, keine Angst).
Sicherlich ist das ein morbides Beispiel einer autosuggestiven Angstreduktion, aber funktional äußerst bedeutsam.
Der Ursprung liegt in der emotionalen Funktion des Gebetes in wohl jeder Religion.

Das Umschalten unserer Psyche von Furcht auf Neugier macht nun eine adäquate Beobachtung und Analyse des vorliegenden Problems erst möglich. Aufmerksamkeitsregulierung bzw. -deregulierung setzt ein.

Ersteres besagt nichts anderes, als dass wir unsere Aufmerksamkeit überwachen können.
Hier für uns interessanter ist die zweite Fähigkeit, die Deregulierung der Aufmerksamkeit. Sie „demontiert figurative Phänomene im Feld der Wahrnehmung und verwandelt sie in einen einheitlichen Hintergrund“ (Emily Segal 2017, S. 43).
Es ist ein Perspektivwechsel in der Beobachtung.
Die Aufmerksamkeit wird auf die Peripherie gelenkt und verteilt sich auf das gesamte Wahrnehmungsfeld.
„Statt sich zu konzentrieren, wird man Konzentration“
(vgl. ebd., S. 45 ff.).
Ähnlich wie beim Flow liegt die Konzentration auf der gesamten Situation, welche dann sogar genossen wird.
Der Fischer aus unserer Geschichte berichtet vom Gefühl der Freude bei der Beobachtung und Berechnung von in den Strudel hinabsinkenden Gegenständen, nachdem das „erste Entsetzen einer fast unnatürlichen Neugier gewichen war“
(Poe 2012, S. 460 f.).
In der Folge garantieren genaue Beobachtung, bessere Informationsverarbeitung und situationsgerechte Handlung das Überleben des Fischers.

Was ist hier passiert?

Das ursprüngliche Problem, welches zunächst das Gefühl von Todesangst auslöste, wird durch affektive (Impuls-)Umschaltung von Furcht auf Neugier zur Herausforderung.
Aus Affektblockade wird emotionale Effizienz.
Unser Gehirn wird kognitiv aktiviert und beginnt effektiv zu arbeiten.

Es beobachtet mittels aller Sinne, vergleicht, interpretiert und analysiert.

Dieser gesamte Lernprozess wird durch eine bestimmte Mentalität und Persönlichkeit des Fischers unterstützt.
Letztlich wird eine kluge Entscheidung getroffen und diese dann auch mutig ausgeführt.

Das werden wir Stück für Stück näher betrachten.

Zunächst zu unseren affektiven und emotionalen Handlungsgrundlagen.




Kapitel 2

Affektivität und Emotionalität auf See

Skipper Josephs Geschichte:

„Eine Mitseglerin war an Bord, die zwar schon ein paar andere Törns mitgesegelt war, aber ansonsten keine seglerische Ausbildung hatte. Sie wollte es durch ‚learning by doing‘ lernen und hatte nicht realisiert, dass das der härteste Weg ist. Sie konnte einigermaßen Ruder gehen, aber das war’s dann auch.
Im Verlauf der Reise bekamen wir nachts 6 Windstärken, in Böen mehr. Kurs mit geschrickten Schoten am scheinbaren Wind, 2. Reff und Genua teilweggerollt. Am nächsten Morgen Kreuzkurs, Sonnenschein, Wind hatte auf 3–4 Bft. abgenommen und ließ weiter nach. Aber wir waren an der Kreuz, und sie erlitt eine regelrechte Panikattacke mit Tränen, weil das Schiff schräg lag, und bat mich eindringlich, doch das Schiff auf ebenen Kiel zu legen.
Sie wusste nicht, dass Schräglage an der Kreuz völlig normal und ungefährlich ist.
Ich bin dem Wunsch nicht nachgekommen und hatte das Gefühl, dass sie mir böse war.“

Seine Gedanken dazu:

„Das Erlebnis zeigt nur, dass Angst nicht rational ist und die Intensität der Angst davon abhängt, welche und wie viele schwierige Situationen man bereits erlebt hat.

Angst ist auch nicht per se schlecht, sondern nützlich. Hätten die Menschen keine Angst davor, vom Auto angefahren und verletzt zu werden, dann würde jeder blindlings auf die Straße rennen und überfahren werden. Die Menschheit wäre dann wohl schon ausgerottet worden.

Segeln ist immer auch ein wenig Abenteuer, und dazu gehört eben auch ein bisschen Angst.“

Greifen wir die Gedanken des erfahrenen Skippers auf:

Angst ist erfahrungsabhängig, nicht rational und oft äußerst nützlich, ja geradezu überlebenswichtig.

Und fügen wir aus der Sicht der sogenannten „emotionalen Wende“ in der Psychologie (L. Ciompi 2002, S. 13) Folgendes hinzu:

„Denken ohne Fühlen ist (ebenso) irrational“ (F. B. Simon 1984, S. 79).
Verhalten (auch das Denken als solches) beginnt nicht im Gehirn. Auf Jean Piaget geht der Gedanke zurück, „dass und wie das Kind all seine geistigen Begriffe ‚aus der Aktion‘, das heißt aus dem handelnden Erleben richtiggehend konstruiert“ (L. Ciompi 1999, S. 25 f.).

Fühlen und Denken gehören untrennbar zusammen (L. Ciompi 2002, S. 16).

Angst – wie andere angeborene und erlernte Gefühle, die wir später näher betrachten werden – manifestiert sich zunächst als Affekt der „Furcht“ und ist als solcher Impuls-, Emotions- und Handlungsauslöser.


1. Handlungskette, Affekte und ihre Logik

Auch über die „Psychologen-Pädagogen-Gemeinde“ hinaus dürfte die sogenannte Handlungskette menschlichen Verhaltens einigen von uns bereits bekannt sein:

Affekt – Impuls – Fantasie – Handlung

Sie dient der Beschreibung menschlicher Handlungsabläufe und soll für uns hier lediglich ein Leitfaden zu den folgenden Erklärungen sein.

Am Rande – aber sicher bedeutsam für das weitere Verständnis ebenso wie beim Segeln als Teamarbeit – sei noch erwähnt, dass es bei Menschen mit Impulskontrollstörungen zu einer pathologischen Verkürzung der Handlungskette auf „Affekt – Impuls – Handlung“ kommt.

Der Einsatz bekannter Medikamente wie Ritalin, Medikinet und Concerta hierbei ist sicherlich nicht unumstritten und abhängig von der jeweiligen Verlaufsform des Krankheitsbildes und der Intensität des Leidensdrucks der Patienten und ihrer Angehörigen.

Ein verantwortungsbewusster Skipper fragt natürlich vor Törnbeginn seine Crewmitglieder nach eventuell vorbestehenden gesundheitlichen Einschränkungen und notiert auch den Medikamentenplan dazu. Dies ist allerdings für ihn bzw. den Törnanbieter nur haftungsrelevant und garantiert nicht, dass es durch ein Verschweigen solcher – sicherlich zunächst höchst persönlicher – Angelegenheiten zu erheblichen Problemen im Törnalltag kommen kann.
Ein Diabetiker ist dabei eher informationsbereit als ein Mitsegler, dessen Krankheit (z. B. ADHS, Psychose oder Alkoholismus) ein Ausschlusskriterium für einen Segeltörn sein kann. Und warum sollten Menschen mit psychischen Krankheiten nicht törnfähig sein, wenn sie medikamentös gut eingestellt und lange Zeit ohne Krankheitsschübe oder sogar remittiert (ausgeheilt) sind.
Gerade ein Segelerlebnis kann hier durch Verantwortungsübernahme und Herausforderungsannahme förderlicher und stabilisierender für sie sein als jedes Medikament. Sicher eine These, die weiter zur Diskussion steht!
3 Sterne
Von Skipper zu Skipper - 07.10.2025
Ralf

Hallo Zusammen, ich habe das Buch gelesen und darin für mich einige sehr interessante Denkansätze gefunden. Insgesamt regt das Buch sehr zum Nachdenken an und führt natürlich zu Fragen bezüglich der eigenen Person/Psyche. Den einen oder anderen Punkt habe ich allerdings nicht ganz verstanden. Vermutlich muss ich die entsprechenden Passagen noch einmal lesen. Kritik: Insgesamt finde ich das Werk nicht gut ausbalanciert, es geht an manchen Stellen zu sehr in die Theorie und verliert dabei den Praxisbezug. Dieser wiederum ist zu wenig ausgeprägt. Der rote Faden ist für mich manchmal so nicht mehr zu erkennen. Sehr wohl denke ich aber die Grundidee verstanden zu haben und halte diese auch für sinnvoll. Dh es hat durchaus Sinn das Thema Psychologie oder Pädagogik an Bord zu beleuchten und darüber ein Buch zu schreiben. Somit würde ich es gut finden wenn das Werk entsprechend überarbeiten werden würde. In der Welt der klassischen Musik würde ich es so beschreiben: „Etwas weniger Bruckner, dafür etwas mehr Mozart“. Diese Sätze unbedingt als konstruktive Kritik zu verstehen. Mit freundlichen Grüßen, Ralf

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