Cover: Odüse von Homa

Odüse von Homa
Eine Irrfahrt durch die deutsche Schullandschaft


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-7116-1382-0
Erscheinungsdatum: 16.03.2026
Ein schonungslos ehrlicher Blick auf den Zustand unseres Bildungssystems: humorvoll, nachdenklich und voller Realität. „Odüse von Homa“ führt uns durch Klassenzimmer, Fehlstunden und digitale Irrwege – auf der Suche nach der verlorenen Mitte der Schule.
Vorwort: Verlust der Mitte

Dieses Werk erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Die Intention der Autorin ist es, das komplexe Thema Bildung, Schule, Bildungsmisere und Schuldesaster, zu dem es bereits eine Vielzahl aufschlussreicher Bücher, wissenschaftlicher Artikel und auch empirischer Studien gibt, durch die Schilderung tatsächlicher Erlebnisse und praktischer Erfahrungen aus dem Alltag zu ergänzen und der Leserschaft näherzubringen. Vielleicht kann es einen bescheidenen Beitrag zu einem noch besseren Verständnis der aktuellen Situation an den Schulen in Deutschland leisten. Einen Versuch ist das sicher wert.

Durch langjährige Erfahrungen im Bildungsbereich, zunächst in der Weiterbildung Erwachsener und Jugendlicher und später als Nachhilfelehrerin der eigenen und vieler fremder Kinder, kann die Autorin von zahlreichen Begebenheiten aus der Praxis berichten.
Aber zunächst einige grundsätzliche Überlegungen zu diesem Thema, das uns als Gesellschaft insgesamt betrifft.

Auch wenn vielleicht so mancher denkt, Philosophie sei eine nicht mehr zeitgemäße oder sogar obsolete Kunst, so verdanken wir den Philosophen doch Sätze für die Ewigkeit.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dieser Satz des berühmten griechischen Philosophen Sokrates gehört sicher dazu.
Wir wissen: Das gesamte Wissen der Menschheit ist immens und erweitert sich kontinuierlich, aber jeder Mensch weiß nur einen kleinen Bruchteil davon. Da spielt es auch keine Rolle, welchen Bildungsabschluss man erzielt hat. Man denke zum Beispiel nur an die ca. siebentausend Sprachen, die es auf dieser Welt gibt. Wie wenig wir alle davon beherrschen, ist ein fast schon frustrierendes Gefühl.

Warum also dann überhaupt Schule?

Kein Zweifel: Seit Jahrhunderten bietet sie uns allen in den ersten Lebensjahren mit der Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen den Einstieg in ein kulturelles und soziales Leben.
In höheren Klassen zeigt sie uns, was es noch so gibt: Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie und vieles mehr. Natürlich erhalten wir während der Schulzeit immer nur einen Einblick in die verschiedenen Fächer, nie werden wir zu Spezialisten. Was wir daraus in unserem späteren Leben machen, bleibt uns überlassen und entscheiden wir. In unserem Berufsleben entscheiden wir uns meistens für einen Weg und schließen damit leider, aber notwendigerweise, andere Wege aus. Wir mehren unser Wissen auf einem oder einigen Fachgebieten, lernen aber in anderen oft nicht mehr viel dazu. Das ist normal und unvermeidbar.

Wann aber hat die Institution Schule ihren Zweck erreicht, ihre Mission erfüllt?
Zur Beantwortung dieser Frage könnte man sicher viele Bücher schreiben, vielleicht reichen auch wenige Sätze:
Die wichtigsten Funktionen der Institution Schule sind ihr Bildungsauftrag und ihr Erziehungsauftrag. In Bezug auf ihren Bildungsauftrag soll sie uns helfen, ein solides Fundament des Wissens aufzubauen, auf dem wir später an den verschiedensten Stellen Säulen errichten. Besonders, wenn wir älter werden, wissen wir zu schätzen, was es bedeutet, auf dieses Fundament zurückgreifen zu können. Damit hat die Schule ihren Sinn erfüllt.
Aber erfüllt sie auch noch in der heutigen Zeit diesen Sinn?

Die Schlagwörter „Bildungsmisere“, „PISA-Schock“ und „Schuldesaster“ verdeutlichen bereits die Problematik:
Seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass die Unzufriedenheit mit der Institution Schule bei allen Betroffenen wächst. Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass sie nicht mehr den Erfolg liefert, den man sich von ihr verspricht. Bekannte Studien, wie zum Beispiel die PISA- oder die IGLU-Studie (siehe auch Kapitel Noteninflation), zeigen beispielsweise kontinuierlich sinkende Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren.
Natürlich ist dieses Phänomen nicht die Schuld oder das Versagen einer oder eines Einzelnen oder einer bestimmten Personengruppe. Man kann und darf daher weder Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern oder andere Beteiligte an den Pranger stellen. Es ist wohl eher das Zusammenspiel verschiedenster politischer, gesellschaftlicher und pädagogischer Einflussfaktoren, das zu dieser unbefriedigenden Situation geführt hat.

Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass es zu allen Zeiten Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern gab und gibt, die ausgezeichnete Arbeit leisten. Ihnen Vorwürfe zu machen, wäre also verfehlt.

Aber trotzdem muss man sich die Frage stellen: Bietet die Schule heute noch den jungen Menschen die Grundlage, das Fundament, das dringend notwendig ist für das spätere Leben? Oder bröckelt das Fundament?
Was sind die Gründe dafür, dass die letzte Frage heute wohl mit „Ja“ beantwortet werden muss? Sind vielleicht extreme Tendenzen dafür verantwortlich, dass die „gesunde Mitte“, die für ein stabiles Fundament sorgt und die für den Bildungsbereich so wichtig ist, zunehmend verloren geht? Die nachfolgenden Ausführungen versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu geben.

An dieser Stelle vorab noch eine Anmerkung zum Klientel der Nachhilfeschülerinnen und Nachhilfeschüler, die in diesem Buch zu Wort kommen:
Vor einigen Jahrzehnten war es noch üblich, dass nur dann Schülerinnen oder Schüler Nachhilfeunterricht bekamen, wenn sie in einem oder mehreren Fächern mangelhafte Leistungen erbrachten.
Heute sieht dies anders aus: Auch Schülerinnen und Schüler mit insgesamt guten Noten nehmen am Nachhilfeunterricht teil. Viele besuchen das Gymnasium oder die Gesamtschule. Der Unterricht wird dabei (von den Eltern) eher als Ergänzung zum normalen (und oft unbefriedigenden) Schulunterricht verstanden und nicht mehr nur als Hilfestellung zum Schließen gravierender Lücken.




Von „mucksmäuschenstill“ bis „Es war heute wieder sooo laut.“

Mein Urgroßvater (geboren etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts), von Beruf Volksschullehrer, unterrichtete 90 (in Worten: neunzig) Schülerinnen und Schüler in einem Klassenraum. Vor ihm saßen Kinder verschiedener Altersstufen und unterschiedlichster Wissensstufen, die alle zusammen unterrichtet wurden. Eine Aufteilung nach Alter und Klassen gab es damals noch nicht. (In der Volksschule konnten die Schülerinnen und Schüler nach acht Schuljahren den Volksschulabschluss erwerben. Diese Schulform, die von der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung besucht wurde, wurde viele Jahre später in den 1960er-Jahren von der Grund- und Hauptschule abgelöst.)

Da man sich dies heute nicht mehr vorstellen kann und daher möglicherweise und verständlicherweise am Wahrheitsgehalt dieser Aussage zweifelt, folgen an dieser Stelle Auszüge aus alten Schulordnungen:
„Im Volksschulgesetz von Württemberg aus dem Jahre 1836 ist im Artikel 28 und 29 festgelegt, dass ein Lehrer höchstens 90 Schüler unterrichten darf (FRIEDRICH, 1978, S. 163).“

„Im Volksschulgesetz für das Herzogtum Gotha vom 1.7.1863 heißt es: „Die Maximalzahl der von einem Lehrer zu unterrichtenden Kinder ist in der Regel 80 (§ 7). (SCHMID 1902, 5. Band, 3. Abt., S. 204 f).“

„TEWS (1892) hat sich intensiv mit dem preußischen Gesetzesentwurf auseinandergesetzt. Er zitiert aus diesem: § 4. „Einklassige Volksschulen sollen im allgemeinen nicht über achtzig Kinder zählen. Bei mehrklassigen Volksschulen ist in der Regel auf je siebzig Kinder eine vollbeschäftigte Lehrkraft anzustellen.“

Immer wenn ich meinen Vater fragte, wie man als Lehrer (und natürlich auch als Lehrerin) diese Herausforderungen damals bewältigen konnte, kam stets dieselbe Antwort, die aus drei Worten bestand: „Mit eiserner Disziplin.“
Disziplin – vielleicht das wichtigste Wort und die bedeutsamste Regel im Schulalltag früherer Generationen.

Auch einige Jahrzehnte später war es noch „mucksmäuschenstill“ in den Klassenräumen. Die Lehrkraft redete und die Kinder redeten nur, wenn sie dazu aufgefordert wurden.
Dass auf Ruhe und ungestörten Unterricht sehr viel Wert gelegt wurde, wird auch in einer Schulordnung aus dem Jahr 1935 deutlich, die im Zeugnisheft einer Grundschule abgedruckt ist. Dort heißt es im § 6:
„Die Lehrer und Lehrerinnen dürfen während des Unterrichtes nicht gestört werden. Unbefugtes Eindringen in die Schule und Störung des Unterrichtes unterliegen polizeilicher bzw. gerichtlicher Bestrafung.“

Da hätte die Polizei heutzutage viel zu tun.

Noch im Schuljahr 1970 unterrichtete unsere Klassenlehrerin (Jahrgang 1926) mit Strenge, Disziplin und Rohrstock. Die Prügelstrafe wurde offiziell erst 1973 in den alten Bundesländern abgeschafft, in Bayern sogar erst 1983.

Unsere Lehrerin war also eine der letzten ihrer Art.

Der Rohrstock war grau, aus Plastik und etwa so lang wie ein Regenschirmstock. (Dass man sich an solche Einzelheiten noch viele Jahre später erinnert, zeigt die gewaltige Wirkung dieses Instruments.)

Einmal drehte ich während des Unterrichts meinen Kopf nach hinten, um meiner Klassenkameradin etwas zu sagen. Dies war ein aus heutiger Sicht sicher banales „Vergehen“, das wohl keinerlei Beachtung mehr fände. Da spürte ich plötzlich an den Fingern einer Hand einen zwiebelnden Schmerz; der Rohrstock hatte mich auserwählt. Das war unangenehm, ich drehte mich nie mehr um, soweit ich mich erinnern kann.
Bei größeren Vergehen, zum Beispiel beim „Aus-der-Reihe-Tanzen“ während des Aufstellens auf dem Schulhof, kam es für den oder die Betroffene(n) noch schlimmer. Das Kind musste zu Beginn der Unterrichtsstunde im Klassenraum nach vorne kommen, sich bücken und bekam dann drei leichte Schläge auf den Allerwertesten. Manche fingen an zu weinen, anderen machte das nicht viel aus, zumindest zeigten sie es nicht.
Proteste der Eltern gab es nach meiner Erinnerung nicht. Die Lehrerin war uns insgesamt auch gar nicht unsympathisch. Wir akzeptierten das Verhalten und den Rohrstock. Mit sechs oder sieben Jahren rebelliert man ja normalerweise auch noch nicht.

Die Zeiten dieser Bloßstellung der Kinder bei gleichzeitiger Machtausübung der Lehrkraft sind zum Glück vorbei. Heute gehört eine gewaltfreie Erziehung zum wichtigsten Erziehungsziel, das seit dem Jahr 2001 auch im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert ist:

„Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen.“

Die gesellschaftlichen Veränderungen, die von der sogenannten 68er-Generation angestoßen wurden, waren daher, was diesen Aspekt betrifft, sicher notwendig.

Etwa Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre wurde der Geräuschpegel in den Klassen langsam lauter. Jetzt wurden teilweise Diskussionen mit den Lehrkräften geführt, die Gespräche wurden lebhafter. Auch die allmähliche Umgestaltung mancher Klassenräume – weg von der Tischanordnung in Reihen, hin zu der Tischanordnung in Gruppen – ließ den Geräuschpegel langsam nach oben steigen. Dies empfanden aber alle Beteiligten als noch „normal“, Beschwerden gab es selten.

Wie sieht die Situation heute aus?

Vor Beantwortung dieser Frage muss betont werden, dass es selbstverständlich auch heute noch Klassenräume gibt, in denen normaler Unterricht in erträglicher Lautstärke stattfindet. Das darf man nicht vergessen.

Aber die allgemeine Tendenz zeigt zweifellos ein anderes Bild:
Die Lehrerin oder der Lehrer redet, manche Schülerinnen und Schüler hören gar nicht mehr zu und beschäftigen sich anderweitig. Dies gilt für alle Altersstufen. Es wird geschwatzt – natürlich während der Unterrichtsstunde – mit den Klassenkameradinnen und Klassenkameraden links, rechts, vorne und hinten. Einige bleiben nicht mehr die ganze Unterrichtsstunde sitzen, sondern stehen auf und laufen umher.

Zur Veranschaulichung erfolgt an dieser Stelle (und auch auf den nachfolgenden Seiten) die sinngemäße Wiedergabe der Gespräche mit Nachhilfeschülerinnen und Nachhilfeschülern.
(Der Nachhilfeunterricht wird in Form von Einzelunterricht durchgeführt.)

Schülerin, 8 Jahre:

„Ich hab heute in der Schule die Aufgabe auf dem Arbeitsblatt überhaupt nicht kapiert. Kannst du mir das erklären?“

„Natürlich, aber hat euch der Lehrer in der Schule nicht erklärt, wie ihr diese Aufgabe bearbeiten sollt?“

„Doch. Ja. Aber ich hab das nicht mitgekriegt. Es war wieder so laut.“

Schüler, 9 Jahre:

„Ich konnte mich heute in der Schule überhaupt nicht konzentrieren.
Die schrieen alle wieder so rum.“

Schülerin, 8 Jahre:

„Ich hab Kopfschmerzen.“

„Vielleicht hast du zu wenig getrunken. Möchtest du ein Glas Wasser trinken?“

„Ne, ich hab ja eine Wasserflasche mit. Aber ich krieg immer Kopfschmerzen, wenn die in der Schule den ganzen Tag so laut sind.“

Zu guter Letzt:

„Wie war denn gestern die Klassenarbeit?“

„Eigentlich nicht so schwer. Aber da haben welche wieder geredet. Das hat mich echt gestört.“

„Das kann doch nicht sein, dass sogar während der Klassenarbeiten geredet wird!“

„Doch. Die machen das.“

(Schülerin, 9 Jahre)

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