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Meine Reise in die Mehrsprachigkeit

Estefanía Requena de Kusper

Meine Reise in die Mehrsprachigkeit

Einsprachig aufgewachsen, mehrsprachig geworden

Leseprobe:

VORWORT

Bevor ich die Idee hatte, ein Buch über Sprachenlernen und Mehrsprachigkeit zu schreiben, habe ich viel über die Erfahrung anderer mehrsprachiger Menschen, über Pädagogie, Forschung im Bereich Sprachwissenschaft und Zweisprachigkeit, innovative Lernmethoden, Testimonials, ausgezeichnete Sprachschulen, empfehlenswerte Sprachreisen, berühmte Übersetzer, praktische Apps, kostenlose Onlinekurse, Chats u. v. m. gehört oder gelesen. Nach einer gewissen Zeit hatte ich den Eindruck, der Schwerpunkt lag in der Herausforderung, die Schwierigkeiten einer Fremdsprache schnell zu meistern und möglichst wenig Zeit und Energie zu investieren. Aber ist es immer so?
Ich komme aus einer einsprachigen Familie, aus einem Land, das nicht besonders berühmt für Leute, die andere Sprachen lernen, ist. In der Schule wird Englisch unterrichtet, leider fand ich die Qualität dieser Kurse nicht ausreichend, und bloß wenige Mitschülerinnen – ich habe eine Schule ausschließlich für Mädchen besucht – konnten nach der Matura wirklich ein Gespräch auf Englisch führen. Es gibt Familien, die ihre Kinder ins Ausland schicken, um gut Englisch zu lernen. Für andere Personen bleibt nur die Möglichkeit, sich mit Büchern und Kursen zu beschäftigen, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg. In meinem Fall habe ich meine ersten sieben Fremdsprachen in Venezuela gelernt. Dank Materialien aus dem Internet oder mit denen, die ich in ein paar Buchgeschäften finden konnte. Seitdem ich in Europa wohne, nutze ich die großartige Gelegenheit, meine Sprachen so oft wie möglich zu üben. Hier rede ich öfter in anderen Sprachen (hauptsächlich Deutsch) als in meiner Muttersprache Spanisch.
Meine früheste Erfahrung mit Fremdsprachen hatte ich bei meiner allerersten Reise nach Kanada, als ich gerade einmal 5–6 Jahre alt war. Ich konnte nur ein paar Wörter Englisch und versuchte trotzdem, Kontakt mit den Leuten zu haben. Es hat mich fasziniert, wie diese Leute redeten. Noch dazu habe ich gesehen, dass nicht alle auf Englisch, sondern auch Französisch gesprochen haben. Von den kleinen Erinnerungen aus dieser Zeit, ist mir besonders jener Tag im Gedächtnis geblieben, an dem ich eine Nachbarin meiner Verwandten nach einem Eis fragte. Ich habe mich bemüht, einen kohärenten Satz zu sagen, aber mein fehlender Wortschatz war ein großes Hindernis. Nichtdestotrotz war die Dame begeistert und bot mir verschiedene Eissorten an. Der Lebensstil in diesem neuen Land hat mich beeindruckt und wahrscheinlich mein Interesse an anderen Kulturen in diesem jungen Alter schon geweckt. Was wäre aber passiert, wenn meine Verwandte nicht nach Kanada, sondern in ein Land ausgewandert wäre, wo man auch Spanisch spricht? Meine erste Fremdsprache war Englisch, dann hatte ich Französisch in den letzten zwei Schuljahren und später zusammen mit Deutsch an der Universität. Während meines Unistudiums habe ich Italienisch- und Portugiesischkurse für Anfänger bis Fortgeschrittene besucht. Dazwischen nahm ich an ein paar Chinesischkursen teil. Danach habe ich mich entschlossen, eigenständig Neugriechisch zu lernen. In Caracas gibt es einen Griechischen Verein und dort habe ich mein griechisches Lehrbuch gekauft. Damit und mit Youtube-Videos plus verschiedenen Websites und Tandem konnte ich damals gut lernen. Meine nächste Sprache war Niederländisch, ich fand die Mischung zwischen Deutsch und Englisch ziemlich cool. Diese Sprache habe ich mir wie Griechisch auch selbst beigebracht. Als ich in Wien war, begann ich, Russisch in Sprachkursen zu lernen. 2018 fing ich mit Rumänisch an, da ich mehrere Freunde und Arbeitskollegen aus Rumänien habe und ich mit meinem Mann im Sommer eine Reise in dieses Land geplant hatte. Außerdem hat mich die rumänische Sprache schon lange fasziniert: lateinischer Ursprung, aber mit Einflüssen aus slawischen und anderen Sprachen. Ich begann 2020 mit Tschechisch, weil ich mehrmals in Tschechien war und das Land und die Sprache sehr interessant finde. Bücher habe ich bis zum Sprachniveau B1 gekauft, Zeit fehlt aber. Die Sache ist, ich sollte lieber die letzten drei gelernten Sprachen verbessern und auffrischen, bevor eine neue ins Spiel kommt.

Dieses Buchprojekt war ein paar Monate eingefroren, sei es wegen Arbeit, Müdigkeit oder mangelnder Inspiration, bis ich die wunderbare Nachricht meiner Schwangerschaft erfahren habe. Die Zeit war dann reif, das Erfasste mit ernsten Augen nochmals durchzulesen und die endgültige Version zu konkretisieren. Ich habe erst als Erwachsene meine Sprachgabe entdeckt und hoffe, mit diesem Buch andere zum Sprachenlernen zu animieren. Ich bin nicht die Einzige und werde auch nicht die Letzte sein, die mit ihrer Leidenschaft für Fremdsprachen andere Menschen direkt oder indirekt neugierig auf Sprachen macht. Sprachenlernen ist gleichzeitig faszinierend und herausfordernd. Es ermöglicht uns, auf einer unglaublichen Weise nicht nur unsere Welt, sondern auch uns selbst besser kennenzulernen. Mit der Zeit merkt man, wie viele Grenzen – meistens kulturelle – überschritten werden. Und wie Leute aus verschiedenen Orten der Welt eigentlich mehr Gemeinsamkeiten mit uns haben, als wir glauben. Hier beginnt die Geschichte einer Reise, die sowohl mit Sprachen als auch mit dem Leben zu tun hat. Eine Reise geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen, sei es als Studentin oder bei der Arbeit in meinem Heimatland und im Ausland, sowie von sprachlichen und kulturellen Erlebnissen mit Personen aus der ganzen Welt. Es ist kein Sachbuch in dem Sinne, sondern mehr eine Sammlung aus Reflexionen und Erlebnissen rund um das Thema Fremdsprachen, sowohl als Lernende als auch als Lehrerin. Da ich mich die meiste Zeit mit der deutschen Sprache beschäftige – beruflich und privat – und in einem deutschsprachigen Land lebe, sind sämtliche Beispiele über das Erlernen oder das Lehren des Deutschen zu finden.
Was hat eine Reise mit dem Erlernen einer neuen Sprache zu tun? Eine Reise bedeutet für viele Personen Begriffe wie Abenteuer, Entdeckung, Kennenlernen, Bereicherung, Freude usw. Für manche kann es aber stressig oder herausfordernd – z. B. für Menschen mit Flugangst – sein. Was alle Reisen gemeinsam haben, egal wie man zur Destination fährt, sind ein Ausgangs- und ein Ankunftspunkt. Beim Sprachenlernen kennen wir diese zwei Punkte als vorhandene Kenntnisse (ohne oder mit geringen Vorkenntnissen) und das persönliche Ziel (Niveau B2 oder C1 für das Unistudium erreichen, ausreichende Kenntnisse für alltägliche Gespräche oder für Gespräche mit Geschäftsleuten, gutes Schreiben zum Kennenlernen neuer Personen im Internet …). Diese sind nur einige Beispiele oder Gründe, eine neue Sprache zu lernen. Die Metapher eines Heißluftballons illustriert die Ambivalenz zwischen dem Ziel, das man erreichen möchte, und den äußeren Einflüssen, die den Weg zum Ziel bestimmen.
Während meiner langjährigen Erfahrung als Sprachtrainerin habe ich folgende Frage in Lehrbüchern oft gelesen: Warum lernen Sie die Sprache x? Warum ist es wichtig, diese Frage beantworten zu können? Viele würden vielleicht sagen: weil die anderen diese Frage zweifellos stellen werden. So wie die Frage „Wohin reist du?“ Es wäre komisch, keine vernünftige Antwort zu geben. Es ist aber für alle nicht immer selbstverständlich, dass der Weg zwischen Ausgangs- und Ankunftspunkt eine grundsätzliche Rolle spielt. Viel schöner und einfacher ist es, Ziele zu erwähnen, als den Weg dahin zu beschreiben. Wenn ich heutzutage sage, dass ich die Sprachen x, x und x beherrsche, klingt das Ganze eher unkompliziert. Was ich aber normalerweise betone, ist die monate- beziehungsweise jahrelange Disziplin, um Vokabeln und Grammatikregeln zu lernen und Hunderte Übungen auszufüllen, bevor ich mich bequem in der Fremdsprache ausdrücken kann. Ich bewundere die großen Tänzer, Musiker und Sportler. Was sie machen, sieht so einfach und unkompliziert aus, dass jeder es in kurzer Zeit selbst schaffen kann, würde man glauben.
Was haben fremde Reisedestinationen und Fremdsprachen noch gemeinsam? Stichwörter wie Exotismus, Neuigkeiten, Unbekanntes, eine gewisse Unsicherheit, Erwartungen, Neugierde, Vorbereitungen, Wartezeit, Begeisterung und Ungeduld passen gut zu beiden. Ich bin selbst eine begeisterte Reisende, und wenn ich eine Reise buche, spüre ich solche Emotionen und Gefühle in mir. Je exotischer der Ort, desto aufgeregter bin ich. Dasselbe erlebte ich mit Sprachen, auch wenn eine unterschiedliche Sprache im Vergleich zur Muttersprache mehr Durchhaltevermögen und Mühe bedeutete.
Dieses Buch ist mehr als eine reine Sprachbiografie. Es ist Teil einer wunderbaren Entdeckung, die mit dem Interesse an Kulturen und Fremdsprachen begann. Sprachen gehören zu meiner Identität, denn ich will ein Weltmensch sein und andere Leute besser schätzen, egal welcher Herkunft oder Religion. Ich bin der Meinung, man kann nicht verstehen, was man nicht kennt. Diese Botschaft habe ich auf Plakaten gelesen, die mit Flüchtlingen zu tun hatten, z. B. in Österreich, Deutschland und Rumänien. „Ich bleibe ein Fremder, solange du mich nicht kennst.“ Die großen Flüchtlingsströme 2015 brachten auch viel Missverständnis mit sich, Angst und Absurdität auf beiden Seiten des Mittelmeers. Ich habe keine Absicht, über dieses spaltende Thema zu diskutieren. Ich denke aber, es ist notwendig, die Welt manchmal mit anderen Augen zu sehen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, es ist nicht einfach, Fuß in einem anderen Land zu fassen, vor allem wenn man keine Familie dort hat. Die lokale Sprache zu können ist zwar hilfreich, reicht aber nicht, um die neue Heimat zu verstehen. Viel Geduld und Durchhaltevermögen brauchte ich die ersten Wochen, um zu verstehen, wie das Land tickt, wie die Leute sind, welche Gesetze es gibt, was erlaubt, was verboten ist. Was ich im Internet gelesen habe war nicht ausreichend. Es gibt Dinge, die sich nicht „googeln“ lassen …

„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist,
sieht nur eine Seite davon.“
Augustinus Aurelius (Philosoph und Kirchenlehrer der Spätantike)



SPRACHENLERNEN

Wie viele Sprachen sprichst du?

Wenn ich die Frage „Wie viele Sprachen kannst du tatsächlich?“ beantworten muss, spüre ich immer das gleiche Gefühl: Erwähne ich wirklich alle Sprachen, die ich gelernt habe, oder nur die wichtigsten? Oder auch diejenigen, die ich schon vor langer Zeit gelernt habe? Oder einfach die, die ich absolut beherrsche? Manche Leute zählen gerne und sind sehr beeindruckt, wenn sie meine Sprachen mit beiden Händen zählen müssen. Danach sind sie sprachlos, und eine Reihe besonderer Fragen beginnt (natürlich auch per Sie):

Wie kannst du so viele Sprachen im Kopf haben?
Ist es nicht verwirrend für dich?
Hast du andere Sprachen als Kind gelernt?
Mischst du die Sprachen nicht?
Wie hast du es geschafft?
Kannst du wirklich so viele Sprachen?
Welche Sprache ist die schwierigste/einfachste?
Hast du im Land gelebt, wo die Sprache x gesprochen wird?
Woher kommt deine Familie?

Gleich nach der einen oder der anderen Frage sage ich – mehr aus Gewohnheit –, dass ich mehr auf Qualität als auf Quantität setze. Ich betone ebenfalls, dass ich ein paar Sprachen noch nicht so gut kann und sie immer noch lerne. Eigentlich endet das Sprachenlernen nie. Ich merke es schon bei Englisch, meiner ersten Fremdsprache. Ab und zu tauchen neue Vokabeln auf, oder ich stehe vor Wörtern, die ich noch nie oder nur selten gehört oder gesehen habe. Zweifellos hat man nach langjährigem Lernen einer Sprache das Gefühl, dass alles bekannt ist und man sich nicht mehr anstrengen muss. Moment mal! Da liegt aber eine Gefahr: Wenn eine Fremdsprache mit einer Sportart verglichen werden kann – ich mache es normalerweise, denn ich mag Fitness und trainiere jede Woche Körper, Geist und Seele (wie die Yogalehrer es häufig sagen), merkt man nach einer trainingslosen Zeit (für manche nach einigen Tagen, für andere nach Wochen, Monaten oder Jahren), dass der Körper mehr Zeit braucht, um das Training zu überstehen. Dies passiert auch mit Sprachen, und dementsprechend sagen viele:

„Ich habe im Ausland studiert/gearbeitet/gelebt und konnte früher die Sprache viel besser. Jetzt ist das nicht mehr der Fall.“
„Seitdem ich ausgewandert bin, habe ich mich immer mehr auf die Amtssprache meines neuen Heimatlandes konzentriert und manchmal Schwierigkeiten, einen Text in meiner Muttersprache fehlerlos zu erfassen. Oder beim Sprechen fallen mir Wörter in der Fremdsprache und nicht in meiner eigenen Sprache ein, wenn ich ein Wort in meine Sprache übersetzen möchte.“ Das beobachte ich regelmäßig, wenn ich mit Freunden, die auch im Ausland leben, auf Spanisch spreche.
„Ich bin zwei- oder mehrsprachig aufgewachsen, verwende aber tatsächlich nicht alle Sprachen so oft. Wenn ich jedoch reise und die andere(n) Sprache(n) spreche, kann ich mich schnell wieder in dieser/n Sprache/n gut ausdrücken.“
„Ich habe einen Sprachkurs besucht und ein gutes Sprachniveau erreicht. Seitdem ich den Kurs nicht mehr besuche und die Sprache weniger als früher übe, fällt es mir schwer, die Sprache wieder aktiv zu verwenden. Außerdem habe ich zu viele Vokabeln und Grammatikregeln vergessen.“
„Ich musste mindestens eine oder zwei Fremdsprachen in der Schule lernen. Danach war Englisch für meine berufliche Weiterentwicklung viel wichtiger, und ich habe die andere Sprache seitdem kaum oder nicht mehr verwendet.“
„Ich begann, mir selbst eine Sprache beizubringen. Am Anfang war ich sehr motiviert und investierte viel Zeit und Geld in Lernmaterialien. Ich konnte mehr als die Grundkenntnisse, aber nach einem bestimmten Zeitraum war der Lernfortschritt nicht ausreichend, und ich war frustriert und demotiviert. Schließlich habe ich mit dem Lernen aufgehört.“

Erkennen Sie sich in einer oder mehreren von diesen Situationen? Im Laufe unseres Lebens erfahren wir früher oder später, dass Sprachen nicht nur „lebendig“ wörtlich gemeint sind, sondern auch konkret. Sowohl die Mutter- als auch die Fremdsprache sollten regelmäßig trainiert werden. „Alles, was man nicht verwendet, verdirbt“, habe ich häufig von Ärzten oder Personal Trainern gehört. Das Gehirn ist ein Muskel und braucht dementsprechend Training durch Abwechslung, neue Tätigkeiten oder herausfordernde Situationen, die unsere Kreativität und unser Potenzial fördern. Viele wissen schon, dass Sprachenlernen eine hervorragende Methode ist, unseren Kopf fit zu halten. Damit meine ich nicht, dass Personen mit nur ihrer Muttersprache nicht effizienter werden können. Aber es gibt weitere Möglichkeiten, und jeder sollte seine eigene herausfinden.



Eine gewisse Menge an Inspiration

Um Sprachen zu lernen, braucht man auch Inspiration. Was inspiriert mich? Eine fremde Kultur? Menschen mit einer anderen Lebensweise und mit anderen Essgewohnheiten? Die Idee von einem spannenden Job, wo ich in der Fremdsprache kommunizieren muss? Die Natur des Landes, die Musik, die Liebe, die Freundschaft … Ich bin der Meinung, Motivation und Inspiration hängen eng beim Sprachenlernen zusammen. Warum hat man mehr Motivation, mit bestimmten Lehrmaterialien zu üben oder einfach mit Native Speakers zu plaudern? Inspiration fördert die Kreativität und treibt uns an, uns weitere Ziele zu setzen und besser zu werden.
Sprachenlernen ist ein lebenslanger Prozess. Viele Bücher und mehrsprachige Persönlichkeiten versprechen, eine oder mehrere Sprachen in einem kurzen Zeitraum lernen beziehungsweise beherrschen zu können. Eine Sprache entwickelt sich aber ständig, und es wäre naiv zu denken, dass man alles in kurzer Zeit schafft. Man sollte nicht vergessen, dass Muttersprachler selbst ab und zu mit Zweifeln in ihrer eigenen Sprache konfrontiert sind und viele Ausländer die Grammatikregeln oftmals besser als sie kennen und verwenden. Insbesondere sind es die Gelassenheit und die Spontaneität, Ideen, Emotionen und Gedanken in einer Fremdsprache ausdrücken zu können, was mich meistens beeindruckt. Jede Sprache hat ihre Ausdrucksmittel und ist einzigartig. Mehrfach habe ich gehört, dass lateinische Sprachen kein Problem für Spanischsprachige sein sollten. Was ich aber schon während meines Übersetzungsstudiums gelernt habe, zeigte mir, dass ähnliche Sprachen nicht immer so einfach sind. Die Verbkonjugationen und die Präpositionen sind beispielsweise Sonderaspekte unabhängig von der Sprache, egal als wie „identisch“ sie betrachtet werden. Als ich meine Diplomarbeit verfasst habe, konnte ich feststellen, dass Französisch mehr Schwierigkeiten für einen Spanischsprecher beim Simultandolmetschen als Deutsch mit sich bringen kann. Warum? Deutsch hat eine ganz andere Wortstellung und Ausdrucksweise, während manche Aspekte zwischen Französisch und Spanisch leichter zu kopieren sind. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich auch, als ich begann, Niederländisch zu lernen. Viele Vokabeln konnte ich mit deutschen Vokabeln assoziieren, und am Anfang kamen diese automatisch beim Gespräch. Nachdem ich mehr Wörter auf Niederländisch gelernt hatte, war die Gefahr, deutsche Vokabeln zu verwenden, praktisch vorbei.



Herausforderung: neue Sprache lernen

Sprachenlernen ist ab und zu nicht so entspannend wie man sich wünschen könnte. Manche Grammatikregeln und linguistische Besonderheiten sind verwirrend oder scheinen unnötig, wenn man diese mit der eigenen Muttersprache vergleicht. „Warum habe ich auf Deutsch zwei Verben, nämlich ‚gehen/fahren‘, für das spanische Verb ir? Warum haben deutsche Pronomen so viele Formen, wenn sie auf Spanisch nicht notwendig sind?“ „Warum brauche ich diese nervigen Artikel? In meiner Sprache hat man keine“, haben mehrere meiner Deutschstudenten gesagt, meistens traurig und verzweifelt. Aus Sicht der Muttersprache sind andere Sprachen eher unlogisch und kompliziert. Ich finde, es ist ein Fehler zu glauben, dass andere Sprachen schwierig sind, weil sie mit der Logik unserer eigenen Sprache nicht übereinstimmen. Statt mich darüber zu beschweren versuchte ich, diese fremde Logik Schritt für Schritt zu verstehen. Es ist erforderlich, einen anderen Weg unter bestimmten Zuständen zu finden. Es gehört dazu, ein bisschen Frust, Angst oder Ungeduld zu spüren, insbesondere wenn man seine/ihre Sprachkenntnisse in kurzer Zeit oder in stressigen Situationen – wie denen einer Schularbeit, einer offiziellen Prüfung oder eines Bewerbungsgespräches – beweisen muss. Man sollte mehr Vertrauen in die eigene Sprachintuition haben.
Jede Sprache hat ihre eigene Harmonie, die sie einzigartig macht. Namentlich bei der Aussprache, die sich oftmals anpasst, um Wortreihen leichter und schneller auszusprechen. Dieses Merkmal kann man sehr gut in Sprachen wie Französisch oder Russisch sehen, die manche Vokale oder Buchstaben absichtlich nicht aussprechen, um ein Wort mit dem nächsten phonetisch zu binden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99107-244-7
Erscheinungsdatum: 15.04.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre