Sonstiges & Allerlei

Meine chinesische Freundin

Conny Scherrer

Meine chinesische Freundin

über Freundschaft, Akupunktur und die Verschiedenheit der Kulturen

Leseprobe:

Erste Begegnung

Angefangen hatte alles, als sie das erste Mal lächelte. Noch nie habe ich ein bezaubernderes Lächeln gesehen. Dabei lächelte sie mich noch nicht mal an. Sie lächelte nur so vor sich hin. Es war im staatlichen Spital in Kunming, China. Sie arbeitete dort als Ärztin der Traditionellen Chinesischen Medizin im Departement Akupunktur. Als wir den Raum betraten, behandelte sie gerade eine Patientin. Wir, das sind meine Übersetzerin, sie übersetzte für mich vom Chinesischen ins Englische, und ich, die ich kein Wort Chinesisch weder sprach noch verstand. Da ich zu der Zeit die einzige Praktikantin war, hatte ich die Übersetzerin für mich ganz allein. Sie nannte sich Jennifer, damit sich die westlichen Studentinnen den Namen merken konnten (ihren chinesischen Namen kenne ich bis heute nicht, ich glaube, sie nannte sich überall Jennifer, weil sie eine Affinität zum Westen hat). Jennifer deutete jetzt auf die ältere Patientin und die Ärztin und sagte: „Mutter’’. Die Ärztin, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte, verstand anscheinend dieses Wort. Denn dies war der Moment, als das Lächeln, fast nur angedeutet, während sie weiterarbeitete, sie von innen her erstrahlen ließ.

Aber eigentlich begann alles schon viel früher, nämlich als ich mich in Zürich mit Akupunktur behandeln ließ. Und zwar mit so gutem Erfolg, dass mich die Erkenntnis plötzlich, als ich wieder einmal mit Nadeln im Körper dalag, wie ein Blitz traf: Über diese Methode, die so gute Resultate erzielen kann, wollte ich mehr wissen. So informierte ich mich und begann schließlich eine Ausbildung, und dies führte mich schlussendlich nach Kunming zum Praktikum in diesem Spital. Ich war sehr aufgeregt, allein nach China zu fliegen und nicht zu wissen, was mich dort erwartete. Es war die größte Reise, die ich je gemacht hatte. Etwa 22 Stunden nach meinem Abflug in Zürich kam ich, mit einmal Umsteigen, in Kunming an. Nach dem Passieren sämtlicher Kontrollen, nachdem ich meinen Ausweis etwa fünfmal gezeigt und nachdem ich mein Geld in ganz viele Yuan gewechselt hatte, kam ich zum Ausgang und sah die Frau mit dem Schild mit meinem Namen. Jennifer, die beauftragt war, mich abzuholen. Sie begrüßte mich freundlich, wir gingen zu ihrem Auto und sie brachte mich in das Hotel, das sie für mich ausgesucht hatte. Es war ein Hotel der mittleren Preisklasse, ausländertauglich, wie Jennifer meinte, und nicht weit vom Spital entfernt. Von anderen Hotels, näher beim Spital und günstiger, meinte Jennifer, die seien nur für Chinesinnen, weil zu schmutzig. Am Empfang verhandelte Jennifer laut mit der Rezeptionistin und forderte mich dann auf, das Zimmer für den ganzen Monat zu bezahlen. Es war noch nicht die Zeit der Kreditkarten, und so war mir dies recht, um nicht so viel Geld mit mir herumzutragen. Jennifer erklärte mir noch, wie ich zum Spital und dort zur Garderobe komme und verabschiedete sich dann.




Im Hotel

Mein Zimmer ist sehr geräumig, mit zwei großen Doppelbetten und sonst allem, was man so braucht, inklusive einem Wasserkocher und einem Badezimmer mit Badewanne, die beiden Dinge, die mich am meisten freuen. Auf dem einen Bett breite ich gleich alle meine mitgebrachten Kärtchen aus. Ich hatte mir noch zu Hause Frage- und Antwortkärtchen vorbereitet, um in der Freizeit für die Abschlussprüfungen zu lernen. Es sind Hunderte von Kärtchen, die ich nach Themengruppen auf dem Bett sortiere, die dort, großes Bett sei Dank, locker Platz finden. Das kleine Röllchen Toilettenpapier würde nicht weit reichen, so verlasse ich das Hotel nochmals und finde einen kleinen Laden ganz in der Nähe; dort kann ich auch Nescafé und ein Milchpulver kaufen für den ersten Kaffee am Morgen.
Obwohl es im Hotel recht ruhig ist und ich sehr müde bin, kann ich nicht wirklich gut schlafen. Und als ich dann endlich eindöse, klingelt kurz danach, um 23.30 Uhr, mein Zimmertelefon. Aber niemand antwortet. Und nun habe ich Hunger und das war›s dann mit Schlaf. Mit der Zeitumstellung von sechs Stunden ist mein ganzer Rhythmus durcheinander.
Um 8.30 Uhr solle ich im Spital sein, hat Jennifer gesagt. Ich schaue in den Spiegel, meine Augen sind schon jetzt so klein wie die der Chinesinnen und rot vor Müdigkeit. Also zuerst mal Kaffee machen und ein Bad einlaufen lassen, wie zu Hause. Außer dass das Wasser so langsam einläuft, dass ich mit dem Einlaufen eine halbe Stunde früher anfangen muss, um rechtzeitig baden zu können und den Körper wenigstens ein bisschen mit Wasser bedecken kann. Dann ab in den Frühstücksraum: ein großer Raum mit vielen runden Tischen mit gelben Tischtüchern und einer Fensterfront, durch die man auf die Häuser der gegenüberliegenden Straßenseite und auf eine überdimensionale Werbung für einen Film sehen kann. Das Frühstücksbuffet macht mich etwas ratlos: kein Brot, keine Butter und Konfitüre, dafür vieles, was ich nicht kenne. Es ist ein reichhaltiges Buffet mit meist gekochten Speisen. Ich probiere von allem etwas, einiges kann ich gar nicht essen, z.B. eine schleimige Suppe ohne Geschmack oder undefinierbare Würstchen. Aber Gemüse gibt es und Reis mit darunter gerührten Eiern. Dies wird mein Standardfrühstück. Und gekochte Eier gibt es auch, wovon ich eines mit aufs Zimmer nehme für weitere eventuelle Hungerattacken in der Nacht. Dann also Zähne geputzt und auf den Weg gemacht zum Spital.
Der ist einfach: Nach rechts und dann nur noch geradeaus. Weniger einfach ist es, eine Straße zu überqueren. Obwohl es moderne Lichtanlagen mit Männchen gibt, die sogar das Gehen simulieren, kümmern sich die Autofahrer nicht darum, hupen, wenn sich störende Fußgänger auf der Straße befinden, wobei sie den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen, sodass man sich besser schnell in Sicherheit bringt. So merkt man rasch, dass man besser nicht auf die Männchen schaut, sondern sich einer großen Gruppe, die sich am Straßenrand sammelt, anschließt, und wenn dann alle gemeinsam gehen, haben die Autos keine Chance. Über große Kreuzungen führen Fußgängerbrücken, ein richtiges Netz, das sich oben in acht Richtungen verzweigt. So eine Brücke ist das letzte Stück meines Weges, von oben blicke ich auf die Straßen hinunter: groß, lang, breit, gerade. In weiter Ferne sehe ich einen bewaldeten Hügel. Der äußerste Teil der Straße ist eine Spur für die Fußgänger in eine Richtung, dann eine für die Radfahrer, dann für die Motorfahrräder, so ähnlich wie Vespas, aber alle elektrisch, was mich freudig beeindruckt, und dann drei Spuren für Autos. Und dasselbe in die andere Richtung.



Kunming

Kunming liegt auf einer Höhe von fast 2000 Meter, und zur Zeit meines Aufenthaltes ging immer ein Wind, sodass die Luft sauber war trotz des starken Verkehrs und den ca. 6,5 Millionen Einwohner. Dies fiel mir damals aber nicht auf, saubere Luft ist für mich aus der Schweiz selbstverständlich und ich wusste rein gar nichts über China, mein einziges Ziel war, möglichst viele Praktikumsstunden zu absolvieren, um, zurück in Zürich, die Abschlussprüfungen zu machen und dann endlich als Akupunkturtherapeutin arbeiten zu können.
Ich staune über vieles. Zum Beispiel über sieben Chinesen, die in einer Reihe zielstrebig an mir vorbeigehen, der Größte zuvorderst, der Kleinste zuhinterst, und jeder trägt ein Werkzeug auf der Schulter, eine Schaufel, einen Pickel, einen Besen und andere Geräte. Mir kommt das Schweizer Lied aus ‚Schneewittchen‘ in den Sinn: ‚Mir sind die siebe Zwergli und schaffed tüüff im Bergli…‘ und schmunzle vor mich hin. Nicht weit entfernt vom Spital komme ich in einen modernen Stadtteil mit großen Fussgängerzonen. Hier herrscht ein ständiges geschäftiges Treiben. Viele Läden reihen sich hier aneinander, vor allem Bekleidungsläden, oft nur so groß wie eine Garage. Aus einigen von ihnen schallt laute Hip-Hop-Musik. Vor den Eingängen solcher Läden haben sich immer einige, meist männliche Jugendliche in einer Reihe aufgestellt, mit Blick zum Laden, steif und starr stehen sie da und klatschen den Takt zur Musik. Anscheinend haben sie Spaß dabei.
Am Straßenrand haben Händler ihre Waren auf dem Boden ausgebreitet, es ist ein sehr breiter Gehsteig. Nach einer Weile beobachte ich, wie ein Polizeiauto langsam durch die Menge fährt. Plötzlich sind die Händler mit samt den Waren so schnell verschwunden, als wären sie vom Erdboden verschluckt.
Außerdem werden Maiskolben gekocht, Erdnüsse geröstet und Melonen angeboten, wovon ich eine kaufe.
Dann finde ich ein Restaurant mit einem sehr schönen Innenhof unter freiem Himmel, das von einem Holländer geführt wird. Wir kommen ins Gespräch, ich erfahre, dass er schon seit 20 Jahren in Kunming lebt und lerne bald auch seine chinesische Frau kennen, ein eher maskuliner Typ, was ich bei Chinesinnen selten gesehen habe. Die Speisekarte ist sehr vielfältig, aus allen Ländern werden Speisen angeboten, und sie sind gut gekocht. So wird dieses Restaurant bald zu meinem Lieblingslokal. Dies auch, weil der Holländer und seine Frau Englisch sprechen und ich mich bei Verständigungsschwierigkeiten mit dem Servicepersonal (alles sehr junge Frauen und Burschen) an einen von ihnen wenden kann. Einmal sehe ich in diesem Lokal sogar eine Gruppe Chinesinnen mit Stäbchen ein Fondue essen. Zu meinem Erstaunen scheint es ihnen zu schmecken. Was mich aber noch viel mehr erstaunt, ist, dass sie zum Fondue noch etliche andere Speisen bestellt haben.
An meinem ersten Abend dort bestelle ich einen Fisch. Er hat viele kleine Gräten und ist etwas schwierig zu essen, aber er schmeckt ausgezeichnet. Erst als ich das Restaurant verlasse, sehe ich das Aquarium und mir wird klar, dass jeder Fisch, der bestellt wird, direkt hier herausgenommen wird, dass also der Fisch wegen mir sterben musste. Es tut mir sehr leid, ich habe ein schlechtes Gewissen dem Fisch gegenüber, entschuldige mich innerlich bei ihm und bestelle von da an nie mehr Fisch in einem Restaurant, denn in fast jedem besseren Restaurant gibt es, wie ich später feststelle, ein Aquarium. Es ist mir bewusst, dass dies nicht sehr konsequent ist, doch einen Fisch zu essen, der sowieso schon tot ist, gibt mir ein anderes Gefühl als direkt schuld an seinem Tod zu sein.
Ich gehe früh zum Hotel zurück. Dort möchte ich von meinem Zimmer aus nach Hause telefonieren. Der Anruf geht über den Hotelempfang, aber dort versteht niemand, was ich will. So gehe ich nach unten und mit viel Gestikulieren kann ich all den schön gekleideten und zuvorkommenden Rezeptionistinnen zu verstehen geben, dass ich gerne telefonieren würde. Das klappt, und ich kann mich an ein Tischchen in der Nähe der Rezeption setzen. Umgekehrt habe ich später erfahren, dass Anrufe aus der Schweiz nie bis zu mir durchgekommen sind, weder mit Nennung meines Namens noch meiner Zimmernummer auf Englisch. Dafür klingelt mein Zimmertelefon auch diese Nacht wieder um 23.30 Uhr, ohne dass jemand dran ist. Ich schaue nach, kein Stecker, welchen ich hätte rausziehen können, sondern das Kabel steckt fest in der Wand. Am Empfang weiß am nächsten Morgen niemand etwas über diese nächtlichen Anrufe, also müssen sie wohl aus einem anderen Zimmer kommen. Um vorzugreifen: Es ging jede Nacht so weiter und irgendwann habe ich das Kabel aus der Wand gerissen.



Heimweh

Am Montag meiner zweiten Woche in der Schweiz erwachte ich früh, machte mich um 7 Uhr morgens auf den Weg zu der Wiese in der Nähe meiner Wohnung und begann den Tag mit Tai Chi, bevor ich in die Praxis ging. Es lag etwas Schnee und es war kalt, es begegnete mir nur ein alter Mann mit seinem Hund. Der erste Patient, den ich an diesem Tag behandelte, brachte danach Gipfeli vorbei, um sich für die gute Behandlung zu bedanken. Obwohl das Geschenk klein war, war es eine Bestätigung der Wirksamkeit der Behandlung und machte mich glücklich. Die Arbeit war insgesamt weniger streng als zu Hause, ich behandelte durchschnittlich etwa 15 Patienten pro Tag. Die Hauptsymptome waren Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Reizdarmsyndrom, Heuschnupfen, Depression, Burnout, einige Hautallergien und Psoriasis. Die Arbeit hier ist praktischer, das ganze Leben ist praktischer, Lebensmittel sind oft halbfertig oder Fertigprodukte und es gibt elektrische Geräte zum Kochen. Es gibt mehr Ruhezeit, mehr Freizeit und der Mensch kann seinen Geist öffnen.
Es war ärgerlich, ich war erst so kurze Zeit hier und schon war der Abfluss in der Küche verstopft. Ich sagte es dem Chef, er meinte, das wäre eine kleine Sache und ich sollte selber schauen, wie ich das löse. In einem öffentlichen Raum des Personalhauses entdeckte ich einen Staubsauger, und nachdem ich die Wohnung gesaugt hatte, kam mir die gute Idee und ich benutzte den Staubsauger, um den Abfluss zu reinigen, erfolgreich.
Nach der Arbeit lernte ich, im Internet zu surfen und zu chatten, doch es blieb in der Regel oberflächlich und bald war ich daran nicht mehr interessiert. Heute war ich seit zehn Tagen in der Schweiz, meine zwei Jahre Arbeit sind 104 Wochen, es ist noch eine lange Zeit. Das sind 730 Tage. Oh, ich habe Heimweh!

Nun ist sie also da und führt ihr eigenes Leben in Luzern. An den Wochenenden kommt sie ab und zu zu Besuch oder ich gehe sie besuchen. Sie wollte so gerne in die Schweiz kommen und hier arbeiten, wir haben es allen Widerständen zum Trotz erreicht. Und doch scheint sie mir manchmal ferner, als wenn sie in China wäre. Sie wird immer trauriger, heimwehkrank, depressiv. Ich wünschte, ich könnte ihr Trost geben, doch bin ich machtlos. Ich bin nicht ihre Familie, ihre Heimat. Alles ist hier ganz anders als in China, ich weiß es, ich habe dasselbe empfunden, als ich zum ersten Mal dort war. Andere Menschen, andere Sitten, anderes Essen, andere Farben, andere Luft. Sie zählt bereits die Tage, bis sie wieder nach Hause kann. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, einerseits dass ich nicht öfter für sie da sein kann und andererseits, dass ich irgendwie am jetzigen Zustand mitbeteiligt bin. Natürlich kann sie im schlimmsten Fall auch kündigen und heimreisen. Doch im Moment ist dies keine Option für sie.
Bei meinem nächsten Besuch in ihrer Wohnung in Luzern ist sie nervös. Sie hat versucht, nach Hause zu telefonieren, aber keine der gewählten Nummern hat funktioniert. Irgendwas stimmt nicht mit ihrem Telefon. Wenn sie sich ärgert, scheint es, als ziehe sich ihr Gesicht zu einem einzigen Punkt zusammen. Aber selbst dann ist sie hübsch. Überhaupt hat ihr Gesicht unglaublich viele Facetten, und ich schaue immer wieder fasziniert. Nun kocht sie, zwar nicht mit derselben Liebe und Freude wie sonst, aber es ist o.k. Nach dem Essen gelingt es ihr, via Skype eine Verbindung zu ihrer Schwägerin herzustellen. Ich räume die Küche auf. Zuerst wollte sie mich nicht lassen, auch da ist sie stur. Doch ich bestimme: „Du telefonierst, ich räume auf.“ Das freut sie dann schlussendlich doch und sie findet ihr Lächeln wieder. Bei meinem letzten Besuch habe ich ihr Stahlwatte und Putzmittel mitgebracht, doch sie hat den Wink nicht verstanden oder war eher einfach nicht motiviert, und so putze ich gleich noch den Herd, sämtliche Ablageflächen und die Seitenwände um den Herd herum. Ich bin keineswegs pingelig, doch hier wird es selbst mir ein wenig zu viel. Da habe ich sie seit Langem wieder einmal richtig fröhlich gesehen: „Ich bin nachlässig, faul.“ Dass ich dies kommentarlos so im Raum stehen lasse, bringt sie nun erst recht zum Lachen und lachend macht sie eine abwehrende Geste, als würde sie geschlagen. Später spazieren wir zusammen am See entlang. Um ihr etwas die Schwere zu nehmen, sage ich „Jogging“ und wir rennen los. Außerdem habe ich ihr ein Notizbuch gebracht mit dem Hintergedanken, dass das Aufschreiben ihrer Gedanken, Gefühle und Erlebnisse sie unterstützen kann, hier zurechtzukommen. Sie ist noch nicht mal enthusiastisch, zusammen eine Reise zu machen. Sie, die sonst so gerne reist, findet jetzt: „Was soll ich irgendwo hinreisen, ich kann mir ja Bilder von dem Ort anschauen.“ Auf einer Wiese am See macht sie Tai-Chi, ich schaue ihren ruhigen Bewegungen sehr gerne zu, obwohl sie hier grad keine Zuschauer wünscht und sich etwas entfernt.

Vor einiger Zeit habe ich den Film von Heidi und Opa gesehen, einen sehr warmherzigen Film. Das Buch, ursprünglich für Kinder geschrieben, wurde inzwischen in 70 Sprachen übersetzt. Auch Heidi litt sehr an Heimweh, es ist eine einfache Geschichte, aber einfache Geschichten zeigen oft viele komplexe Probleme auf und es stellen sich Fragen wie: Wer bin ich? Mit wem bin ich? Was für ein Leben will ich leben? In diesen einfachsten Fragen der ursprünglich zum Selbst gehörenden Wahrheit drehen sich viele Menschen im Kreis. In der Betonwüste der Stadt gefangen, denken sie, das ist nicht das Leben, das ich leben will, aber verstehen nicht, wie sie leben wollen. Stimmt es, dass sie es nicht wissen? Ich glaube nicht. Stattdessen werden wir von einem größeren Netz gefangen, das wir selbst gewebt haben. Es hat so lange gedauert, bis ich mich in eine Großstadt gequetscht habe, wie kann ich so leicht gehen? Erscheint das Ausscheiden wie ein Misserfolg? Aus den ursprünglich einfachen Fragen kristallisieren sich immer mehr Fragen heraus. Wir werden erfolgreich sein. Um besser auszusehen als andere. Um mit anderen Schritt zu halten. Um die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. So werden die einfachen Fragen ‚Wer bin ich, was für ein Leben möchte ich leben?‘ unendlich komplex. In der Praxis gibt es viele Menschen, die sich selbst suchen. Diese ‚Erwachsenen‘ denken über erdgewordene Fragen nach, und Heidi beantwortet sie auf einfachste und authentischste Weise. Was ist eigentlich so kompliziert? Was für ein Leben du leben willst, ist nichts anderes als die Integration eines schönen Lebens: ‚Wo bevorzugen Sie die Luft? Mit wem lachen Sie? Wie verbringen Sie den Tag, wenn jede Ihrer Poren voller Freude ist?‘ Über all diese Fragen dachte Heidi nicht nach, sie folgte einfach ihren Gefühlen. Wir sollten von den Kindern lernen, Ablenkungen wegzuwerfen und die konsequenteste Wahl zu treffen.
Manchmal treffe ich mich an freien Tagen mit anderen Chinesinnen, die ebenfalls hier in der Schweiz für zwei Jahre arbeiten, und wir fahren zusammen in die Berge, um wilden Lauch zu pflücken, um gemeinsam das Heimweh zu vergessen und der Natur nahe zu sein. Oft kochen wir danach noch zusammen. Jedes Mal, wenn ich wilden Lauch pflücke, bin ich glücklich.
Heute ist Freitag, ich habe 17 Patienten behandelt, die Zeit ist wie im Flug vergangen, ich habe nicht das Gefühl, eine Spur hinterlassen zu haben. Essen, schlafen, arbeiten … vielleicht gibt es keine geistige Zugehörigkeit. Glücklicherweise habe ich morgen eine Verabredung mit Conny, wir fahren in ein Skigebiet in der Nähe von Luzern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 232
ISBN: 978-3-99107-287-4
Erscheinungsdatum: 14.12.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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