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Ich wäre gern ein Philosoph

Markus Brauwers

Ich wäre gern ein Philosoph

Leseprobe:

Ich wäre gern ein Philosoph

Ich wäre gern ein Philosoph, und zwar einer, der nichts weiß, aber trotzdem alles im großen Zusammenhang beurteilen kann. Ein bekannter deutscher „Weltanschauer“ hat mal auf die Frage, was ein solcher u. a. können bzw. wissen muss, sinngemäß geantwortet, er sollte die Gedanken bzw. Anregungen der berühmtesten Philosophen auf dem Schirm und verstanden haben. Okay, dann wäre ich tatsächlich raus. Ich hatte gehofft, nur mit meinen eigenen, nicht von anderen Vordenkern beeinflussten Überlegungen eine für mich schlüssige und vertretbare Moral ersinnen sowie verbreiten zu dürfen. Wenn diese einfache Moral dann trotz ausdrücklicher Unkenntnis in den einzelnen Wissensbereichen andere zumindest in ihrer Anschauungskraft anregen würde, wäre meine Erwartungshaltung an die Wirkung des von mir Verfassten schon übertroffen. Was ist Moral, und warum glaube ich, mich darüber auslassen zu dürfen? Spätestens am Ende dieses Buches sollten Sie die Antworten bekommen haben. Eine Entgegnung auf die Frage, weshalb dieses Druckerzeugnis in der Ich – Form geschrieben wurde, gebe ich Ihnen gerne schon jetzt: Da ich mich selbst als Beispiel u. a. für das Finden einfacher Gedanken sehe und nutze, ließ sich das lyrische Ich nicht vermeiden. Dass ich ab und an auch von „wir“ spreche, sehen Sie mir bitte nach. Albert Einstein soll einmal gesagt haben: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ Ich hoffe, studierte Philosophen werden es mir verzeihen: Ich habe genug Erfindungsreichtum, mir auszumalen, was die Menschheit in Zukunft unter Berücksichtigung des bereits Geschehenen noch so fabrizieren könnte, besser aber nicht sollte. Bin ich jetzt ein Vordenker? Wenn ich zu dumm bin, Probleme zu lösen, aber klug genug, um sie zu erkennen, was mache ich dann? Ignoriere ich sie oder spreche ich sie an? Sollte ich nicht versuchen, durch die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden den Antworten zumindest nahe zu kommen? Der Spruch „Hätte ich nix geschrieben, wäre ich an meinem Schweigen erstickt“ hat mich zusätzlich motiviert, meine Eindrücke niederzuschreiben. Ich gehe es also in einer gewissen Anmaßung, entgegen der Auffassung anerkannter und bedeutender „Weltbeobachter“, und in der Angst umzukommen, einfach mal an.

Einen Wissensbereich eingängig und genügsam zu behandeln, kann doch eigentlich nicht so schwer sein; so klar wie logisch. Aber wie genau geht man ein in der öffentlichen Wahrnehmung komplexes Thema in schmuckloser Primitivität an? Ich denke, man sollte es auf den Ursprung, das Wesentliche und die Langzeitwirkung herunterbrechen. Der Mensch neigt dazu, Sachverhalte bewusst übertrieben und unnötig kompliziert darzustellen. Entweder wollen wir den eigentlichen Kern aus Angst nicht mehr wahrnehmen, oder ihn sogar z. B. aus Profitgier verleugnen. Ertappen wir uns nicht laufend dabei, wie wir Urteile zu einzelnen, das tägliche Leben betreffenden Angelegenheiten fällen, obwohl wir nicht abschließend jedes Detail überprüft und verstanden haben? Das führt sehr häufig zu Fehleinschätzungen, die wir uns hinterher teilweise noch nicht mal eingestehen. Demgegenüber ist es meines Erachtens für jeden einzelnen erwachsenen Erdenbürger möglich, das große Ganze zu erfassen. Wir alle haben Erfahrungen gemacht, sei es mit anderen oder mit uns selbst, aus denen wir hoffentlich gelernt haben. Die Erkenntnisse zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, ist auch von Wert, wenn zwischendurch mal einzelne Missinterpretationen vorgenommen werden. Bestünde die Erdbevölkerung aus einer Million Homo sapiens, gäbe es eine Million Einzelinteressen. Bei schon fast 8 Milliarden dementsprechend ein paar mehr. Wenn wir nicht versuchen, diese persönlichen Belange zumindest zeitweise beiseite zu schieben, wird die Welt in ihrer Gänze – entschuldigen Sie die drastische Ausdrucksweise – versumpfen. Voraussetzung für den Stopp dieses drohenden Szenarios ist zuerst, dass wir unser Handeln in Relation zum eigentlich Sinnvollen setzen und uns dadurch dann unwiderruflich bewusst machen, dass ein Weiter so ausgeschlossen ist. Das kann mitunter schmerzlich sein, aber schlussendlich wird es befreiend wirken und Aufbruchstimmung erzeugen.

Die Auswahl der beispielhaften Themen ist willkürlich. Ich habe sie nur nach der Bedeutung für mich bzw. meinem persönlichen Interesse ausgesucht. Dieses Buch strotzt, wie oben schon erwähnt, in keinster Weise vor Wissen. Im Gegenteil, es könnte banal, unausgegoren und zu kurz gedacht erscheinen. Und ja, unbedarft erscheinende Wahrheiten können auch gefährlich sein. Dies sieht man u. a., wenn rechte oder sonstige politisch unhaltbare Propaganda unterfüttert mit Fake News an Frau/Mann gebracht werden soll. Hochrangige Verantwortliche, aber nicht nur die, leben oftmals nach dem Motto: „Man muss nicht alles glauben, was stimmt; man kann auch mal auf das vertrauen, was eventuell wahr sein könnte, oder was so angenehm zu glauben ist“. Ich nehme für mich in Anspruch, ohne Lügen auszukommen, und keine billige Aufklärungskampagne zu betreiben. Die eingehende Beschäftigung mit simplen Thesen, die vom Ursprung gedacht wurden, ist hilfreich, wenn nicht sogar notwendig, um das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. In der Schlichtheit liegt die große Chance, Themen wieder fair und unbeeinflusst zu betrachten. Meine aus Ihrer Sicht vielleicht hanebüchenen Vereinfachungen, die natürlich auch Selbstverständliches beinhalten, können provozierend und teilweise lächerlich anmuten, aber genau daraus ergibt sich die Möglichkeit, Diskussionen über Machbares und unmöglich Erscheinendes anzuregen. Lassen wir doch mal alles links und rechts liegen und schauen nur in gerader Linie auf teils Welt bewegende, teils eher belanglose Angelegenheiten. In mir lebt die Hoffnung, Sie zu eigenen spartanischen Gedanken anstacheln zu können. Lassen Sie Ihren Überlegungen freien Lauf, vergessen Sie aber nicht, in der Simplizität liegt die Klarheit. Ist es nicht häufig so, dass wir die offensichtliche und im Grunde nicht zu verleugnende Moral bei einem Thema komplett über Bord werfen, weil wir nach eingehender Betrachtung der nur vorgeschoben kniffligen und eigentlich bedeutungslosen Begleitumstände auch ein anderes ethisch vielleicht noch so eben vertretbares, vor allem aber bequemeres Ergebnis sehen wollen? Ich könnte noch das Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ anführen, mache ich aber nicht. Ebenso könnte ich erwähnen, dass weniger oft mehr ist. Auch das erspare ich uns. „Kürze“ und „weniger“ könnten bei den von mir gerade geächteten Sinnsprüchen ebenso auf Detailwissen angewandt werden. Dieses muss nicht immer zwangsläufig zu einem besseren Weltverständnis führen. Natürlich werde ich der Einleitung und dem Sinn des Buches entsprechend versuchen, mich möglichst kurz zu fassen, bzw. auf Wesentliches zu beschränken. Wenn es nicht zu 100 % gelingen sollte, wird dies letztlich nur bestätigen, dass selbst einfache Dinge manchmal einer ausführlicheren Erklärung bedürfen. Ich wünsche mir, dass Sie selbständig durch eine simple Philosophie ein klareres Bild über unser Universum erlangen.

Ich werde in diesem Buch oft den Konjunktiv nutzen und sehr viele Fragen aufwerfen, um dann immer zum jeweiligen Thema mindestens eine mit dezenter Leichtigkeit ersonnene und nur meiner Logik folgende Wahrheit zu liefern. Sie dürfen meine Wahrheit auch gerne als Antwort auf die jeweilige Frage auffassen, müssen Sie aber nicht. Schlichte Wahrheiten sind nicht stets für eine sofortige Umsetzung verwertbar, doch auf jeden Fall sind sie denkanregend, Grundlagen bildend und Moral unterstützend. In diesem Buch werde ich von mir selbst immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie oft ich es geschafft habe, nicht nach meiner unbedarften Logik zu leben. Ich werde Sie an meinem Versagen teilhaben lassen, um aufzuzeigen, wie wichtig unsere Selbstreflexion für den Fortbestand der Menschheit ist. Darf man sich moralisch predigend auslassen, wenn man auf sich bezogen reichlich Angriffsfläche bietet? Ja, man darf, nein, man muss, denn es wird niemanden auf diesem Planeten geben, der fehlerfrei durchs Leben marschiert. Wir alle müssen als Sünder und mit unserer unabänderlichen Widersprüchlichkeit das Bessere erkennen, ansprechen und aufschreiben – sowie gleichzeitig versuchen, Fehler einzugestehen und zu minimieren. Aus unserem nie endenden Kampf um Selbstfindung muss nicht zwangsläufig eine Selbstverleugnung oder gar -aufgabe resultieren. Schön ist es, sich nicht im Spiegel zu erschrecken, wenn man sich erkennt. Es ist erstaunlich, wie sehr wir in unserem Hier und Jetzt verhaftet sind, wie bereit wir sind, das eigentlich Falsche nicht nur zu tolerieren, sondern es unbeirrt immer weiterzuleben, obwohl uns klar sein muss, auf welch schmalem Grad wir wandern. Vielleicht kann man zweierlei festhalten: Verschweigt man ein Gespenst, wird es größer, und bleiben wir, wie wir sind, nur anders und bewusster. Dieses Buch ist während der Corona-Krise entstanden. Durch die Folgen und den Umgang mit dieser Pandemie fühle ich mich in meinem Standpunkt, dass ein vereinfachter Blick auf den Zustand unserer Erde zumindest hilfreich, wenn nicht sogar notwendig ist, bestätigt. Hierzu aber im vorletzten Absatz mehr.



Wirtschaft

Ich muss zugeben, mit diesem ersten Kapitel von null auf hundert zu starten, insbesondere in Bezug auf die Abgrenzung zwischen Machbarem und utopischer Spinnerei. Ich hoffe, Sie verzeihen mir diesen Kaltstart. Nehmen wir mal an, niemand wäre auf die Idee gekommen, Geld in Form von Münzen oder bedrucktem Papier zu erfinden. Wie würden wir heute handeln, tauschen? Was, wenn jemand nichts zu tauschen hat? Könnte es vielleicht andere Währungen wie z. B. Sand, Steine, Schafe, Kamele, Schweine, Salz, Zucker oder, schlicht und dennoch wertvoll, Gold geben? Wie hat alles angefangen? Jagen, pflanzen, züchten und dann tatsächlich tauschen? Ich bin diesbezüglich nicht ausreichend informiert. Unsere Währung heute ist Geld. Greifbar ist dieses Geld manchmal. Meistens, also bei den großen Geschäften, gibt es das Geld aber gar nicht in materieller Form. Es steht in geschriebenen Zahlen auf Papier, auf Bildschirmen oder sonst wo, und existiert letztlich nur in unserer Vorstellung. Trotzdem hat es einen enormen, dann ja eigentlich nur ideellen, ergo erst mal nicht greifbaren Wert. Wir sehen tagtäglich, dass es so praktiziert wird. Ich frage Sie trotzdem, wie es Ihnen bei dieser Vorstellung geht. Deals werden getätigt, indem Waren oder Dienstleistungen gegen bedrucktes Papier oder Münzen aus eher minderwertigem Material „getauscht“ werden. Darüber hinaus ist das Geld oft gar nicht existent. Worauf will ich in meiner simplen Denkweise hinaus? Ich finde diesen Tausch, also diesen Handel der heutigen Zeit, nicht immer messbar fair. Ich würde sogar sagen, es steckt eine gewisse Irrationalität in so einem Tausch. Gibt es Alternativen? Vielleicht; wäre es nicht sinnvoll, zumindest die lebensnotwendigen Wirtschaftsgüter wieder völlig anders, ich meine für jeden Menschen greifbar und zugänglich, zu bewerten und in den Umlauf zu bringen, d. h. „währungslos“? Wäre es nicht klug, zu sagen, diese Geldgeschichte kann vielleicht für Luxusgüter o. ä. greifen, allerdings nicht für Lebensmittel und dergleichen? Warum machen wir Geschäfte, die in ihrer Verschwendung kaum noch fassbar sind, mit lebensnotwendigen Waren? Warum werden dadurch Güter für arme Erdenbürger unzugänglich? Warum lassen wir diese für große Teile unserer Erde verheerenden Ausmaße zu? „Back to the Roots“ würde in meinem Sinne eventuell zu einem Geldvernichtungsszenario führen; aber wäre das dem Fortbestehen der Menschheit abträglich? Vorstellbar in unseren Köpfen ist meine Vision vielleicht, durchsetzbar jedoch nicht, weil zu viele auf zu viel Unnützes verzichten müssten.

Also kann man schlussfolgernd mit meiner zuvor beschriebenen Sichtweise, mit meinen Zweifeln und meiner Fragestellung unser Wirtschaftssystem nicht vereinfachen, zumindest nicht kurzfristig. Aber eins ist sicher: Lassen wir den Auswüchsen des Economy-Wahnsinns freien Lauf, wird es zu einem totalen Zusammenbruch kommen. Logisch betrachtet muss das doch jedem klar sein. Wie sollen die eh schon nicht mehr ausreichenden Ressourcen gerecht verteilt werden, wenn im Handel mit diesen lebensnotwendigen „Unentbehrlichkeiten“ Geldgeschäfte von gigantischer Unverschämtheit getätigt werden? Und wie kann man glauben, dass diese Missverhältnisse von den zuerst Be- und Getroffenen, also den Nichtprofitierenden, weiter hingenommen werden? Und wie kann man sich der Illusion hingeben, dass der Handel mit unseren verbliebenen Ressourcen deren Endlichkeit aufheben kann? Irre, wie auch die kapitalistische Welt wirtschaftliche Belange über jede Logik stellt. Bevor mir jetzt jemand, wie vielleicht auch beim nächsten Thema „Soziale Ungleichheit“, sozialistische oder gar kommunistische Tendenzen vorwirft: Zum einen habe ich beides – genau wie den Marxismus – gar nicht abschließend verstanden, und zum anderen lebe ich selber eher dekadent. Ich denke nur ohne Umschweife nach. Wer mir allerdings mit dem Vorwurf „Wasser predigen und Wein trinken“ kommt, der hat einfach nur recht.



Soziale Ungleichheit

Ihnen wird der Spruch „Die Welt ist ein Dorf“ geläufig sein. Vom Dorf zum Sandkasten ist der Weg nicht mehr weit. Stellen wir uns also mal vor, die Welt sei ein 100 qm großer Sandkasten mit 500 qm Land drumherum. Im Sandkasten leben zehn Menschen; zwei haben aus Gründen, die m. E. völlig egal sein sollten, genug Nahrung und medizinische Versorgung. Darüber hinaus besitzen sie 90 % aller anderen Annehmlichkeiten, die für ein Überleben in „standesgemäßer“ Form bedeutsam sind. Die anderen acht Menschen haben von dem Notwendigsten wenig und darben so vor sich hin. Um den Sandkasten herum leben 100 weitere Zeitgenossen, die fast gar nichts haben. Der Sandkasten ist von den 100 draußen durch einen Zaun abgeschirmt. In meiner schlichten Wahrnehmung stellen sich zwei Fragen: Wann hauen die acht den beiden anderen im Sandkasten die Hucke voll, um ihnen den Reichtum streitig zu machen, und aus welchem Material ist der Zaun? Wenn sich jetzt ein Großteil unserer tatsächlichen, zwar größeren, aber nicht komplett anders aufgeteilten Zivilisation bei meinem Beispiel die gleichen Fragen stellt, warum leben wir nicht danach. Warum glauben 10, oder von mir aus auch 20 oder 30 %, sie könnten 70, 80 oder 90 % folgenlos auf Dauer ausnutzen? Gut, hat bisher ja noch ganz gut geklappt. Doch ich erinnere mich an den Spruch „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“. Wer glaubt, alles läuft z. B. in der so genannten „zivilisierten westlichen Welt“ nochmal 30, 50 oder gar 100 Jahre wie gehabt weiter, könnte irren. Aber stopp, es gäbe bei meinem Beispiel noch andere einfache Fragestellungen: Wie schaffen es die reichen zwei Personen, die anderen acht im Sandkasten auf ihre Seite zu ziehen, ohne Reichtum einzubüßen, und wie können dann zehn Personen die 100 draußen plattmachen, um keine Angst mehr haben zu müssen, sie würden irgendwann überrannt? So, ist es jetzt noch unkompliziert? Ich denke schon, denn es bleibt nur noch die Frage nach gut oder böse, obwohl laut Shakespeare nichts an sich gut oder schlecht ist. Trotzdem beantworten Sie die Frage bitte für sich selbst.

Was hat das Ganze im Übrigen mit Globalisierung zu tun? Weiß ich nicht; ist mir allerdings auch völlig egal. Ob in einer Familie, in einer sonstigen Gemeinschaft, im Verein, sonstigen Zusammenschlüssen, unter Freunden, in einem kleinen Dorf, einer großen Stadt, in einem armen oder reichen Land, oder aber over the whole world; soziale Ungleichheit zu bekämpfen, ist ein Muss! Offensichtlich gibt es in unserem Kosmos genügend Vertreter gegenteiliger Positionen, z. B. Anhänger des darwinistischen Kapitalismus. Sprüche wie „Sich erst mal selbst der Nächste zu sein, ist doch logisch“, „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ oder „Der Stärkere gewinnt halt“ sind einer zivilisierten, moralisch integren Welt meiner Ansicht nach unwürdig. Was wären die Folgen, würde man nach diesen Prämissen leben? Schwache, gebrechliche und bildungsferne Menschen blieben nicht nur auf der Strecke, nein, sie würden aussortiert. Dies würde sogar das Problem „Überbevölkerung/zu wenig Ressourcen“ zumindest vereinfachen. Ein knallharter Konkurrenzkampf unter den dann noch verbliebenen Starken, Gesunden und Intelligenten würde weiteres Aussieben nach sich ziehen. Ein neuer Kosmos der nur noch Starken, Schönen und Reichen wäre die Folge. Aber würde der Konkurrenzkampf untereinander irgendwann enden? Und wer zieht die Grenzen zur Gebrechlichkeit, Schwäche, Dummheit und Hässlichkeit? Na ja, diese Antworten muss ja nicht ich geben; wie auch, meine Simplizität wäre nicht in der Lage dazu. Jetzt wird es ein paar Schlaumeier geben, die mir vorhalten, dass ich die Dinge doch vom Ursprung denken möchte. Und war der Homo sapiens nicht ursprünglich so unbedarft, ungegliedert und unsozial, dass sich lediglich die Starken durchsetzen konnten (Evolution)? Ja, mag schon sein; aber nicht alles Ursprüngliche muss positiv besetzt sein. Wir müssen es nur bedenken.



Flüchtlinge

Ich behaupte mal, dass es speziell in der Flüchtlingsfrage des Jahres 2015 in Deutschland kluge Überlegungen dazu gab, wie Flüchtlinge grundsätzlich behandelt werden sollten. Ich stelle aber auch fest, dass die meisten von uns die absehbare Problematik nicht schon weit vorher konsequent kommuniziert bzw. prophezeit haben, nicht entsprechend vorgesorgt haben, und es heute nicht viel besser machen. Der von mir schon erwähnte große Zaun um den Sandkasten kann nicht groß, stark und mächtig genug sein, um all die aufzuhalten, die aus vielen unterschiedlichen Gründen ihre jeweiligen Geburtsländer verlassen wollen, um in privilegiertere Gegenden unserer Welt zu gelangen. Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, Massen, die vor Hungersnot, Dürre, vor Kriegen, die teilweise von der westlichen Welt angezettelt oder zumindest befeuert wurden/werden, vor Armut und politischem Terror – ebenfalls oftmals von der zivilisierten Welt angefacht oder unterstützt – flüchten, aufhalten zu können. Es ist zutiefst unmenschlich, deren Schicksal zu ignorieren, und es ist dumm, zu glauben, wir hätten noch eine Frist, die wir nutzen könnten, um fröhlich weiter zu leben. Welche Rolle spielt es, ob jemand wegen Hunger oder politischem Terror zu uns möchte? Welche Rolle spielt(e) die westliche, die russische, die chinesische, … Welt bei der Frage nach Ressourcennutzung (s. auch Klimawandel und Überbevölkerung), Waffenhandel und vielen anderen fragwürdigen Handlungen? Ich will uns nicht die Schuld an allem geben, aber wir waren – ganz simpel festgestellt – zumindest dabei.

Eins ist ebenfalls klar: Wir (Deutschland, Europa und der Rest, der sich zivilisiert nennenden Welt) können nicht die gesamte benachteiligte Weltbevölkerung aufnehmen; und das soll auch nicht so sein. Im Gegenteil: Würden alle zu uns kommen, wäre das eine gigantische Katastrophe. Hier wird dann, wie in vielen anderen Bereichen, der Konflikt zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik deutlich. Max Weber hat hierzu im Jahr 1919 in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ Stellung bezogen. Politik ist immer auch ein Kompromiss. Aber wir müssen aufhören, zu ignorieren, was uns ganz sicher einholen wird. Wir sollten ein stärkeres Bewusstsein für Schuld und Möglichkeiten entwickeln. Es kann für das Gleichgewicht nur eine schlichte Wahrheit geben: Machen wir nicht alles, um Hintanstehende in anderen Bereichen des Erdballs zu unterstützen, wird uns eine Welle erwischen, die Corona geradezu harmlos erscheinen lässt. Sorry für diese nicht gewollt Epidemie relativierende Ausdrucksweise. Ich will einfach nur drastisch deutlich machen, wie sehr unsere Einsicht von Nöten ist. Wenn Sie mich jetzt fragen, worin denn zum einen mein Beitrag zur Überbrückung der sozialen Ungleichheit besteht, und ob ich zum anderen schon Flüchtlinge aufgenommen oder betreut habe, fallen mir die Antworten schwer. Ich hätte ein paar, die mir aktuell noch ausreichend erscheinen. Ich befürchte lediglich, Sie würden diese Antwortversuche als eher ungenügend bezeichnen. Also erspare ich sie Ihnen und mehr oder weniger als Schuldeingeständnis auch mir.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 92
ISBN: 978-3-99107-428-1
Erscheinungsdatum: 17.02.2021
EUR 14,90
EUR 8,99

Herbstlektüre