Cover: Grenzerfahrungen im Gesundheitswesen

Grenzerfahrungen im Gesundheitswesen
Erzählungen einer Krankenschwester


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 180
ISBN: 978-3-7116-0485-9
Erscheinungsdatum: 25.08.2025
Die Autorin berichtet von ihren (Grenz)Erfahrungen im Pflegealltag als Krankenschwester, gesammelt in 25 Jahren Berufserfahrung. In dieser Zeit ist sie in die Schweiz ausgewandert und gibt dem Leser hierfür hilfreiche Tipps und Informationen mit auf den Weg.
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Vorwort

Erst einmal möchte ich danke sagen, dass jemand dieses Buch in die Hand genommen und Interesse daran gefunden hat. Gerne möchte ich meine Geschichte erzählen. Sie mag interessant sein für alle, die Interesse am Pflegeberuf haben oder bereits in der Pflegebranche tätig sind. Auch kann es helfen, Verständnis für Familienmitglieder, Freunde etc. zu entwickeln, die täglich in diesem Beruf arbeiten. Das Buch wird sich mit den Themen Gesundheitssystem im Allgemeinen sowie der Pflege und dem Auswandern in die Schweiz beschäftigen. Hiermit möchte ich weder die Pflegebranche wichtig noch schlecht machen oder Personen aus dieser Branche in irgendeiner Form bewerten. Es geht mir darum, die Situationen und Bedingungen, die ich schildern werde, so präzise wie möglich mit dir zu teilen. Ganz ohne Emotion ist dies sicher nicht möglich. Erst recht nicht nach über 20 Jahren in der Pflege. Mein Ziel ist es jedoch unbedingt, nicht zu jammern oder mir einfach nur meinen Frust von der Seele zu schreiben. Das könnte ich in meinem Tagebuch tun, aber du als Leser sollst durchaus etwas aus diesem Buch mitnehmen können. Es soll auch noch einen anderen Zweck erfüllen: Licht auf die Pflegebranche und Personen zu werfen, die kaum oder zu wenig Beachtung oder Akzeptanz erhalten. Von Anerkennung ganz zu schweigen. Die gab es schon genug in Form von Applaus von unserem Bundestag. Nach dem Lesen kann sich dann jeder seine eigenen Gedanken dazu machen oder eben auch nicht. Je nachdem, wie sehr er von der Materie selbst betroffen ist oder ein naher Angehöriger.
Ich sagte, ich möchte Situationen und Bedingungen präzise darstellen. Das soll nicht heißen, dass es langweilig sein wird, sondern eher emotional und reflektiert. Und das bin ich. Sogar sehr. Daher werde ich dies auch nutzen und so reflektiert wie möglich meine Erfahrungen teilen. So möchte ich versuchen, diese so nachvollziehbar wie möglich niederzuschreiben. Evtl. erkennst du, wenn du dich mit dieser Branche auskennst oder bereits Geschichten von anderen Schwestern und Pflegern gehört hast, einiges wieder. Dann kannst du die Bedingungen vergleichen. Es geht hier jedoch nicht um schlimmer oder weniger schlimm oder dergleichen. Es geht auch nicht um meine Geschichte als arme Schwester, die sich beklagt. Es geht im Kern um die Darstellung eines Berufes, der vor die Hunde geht. Weil das Gesundheitssystem vor die Wand gefahren wird, und das mit Höchstgeschwindigkeit. Und das schon eine ganze Weile. Wenn man diese Fahrt mitmacht und somit ein Teil dieses Ganzen ist, geht es einem nicht gut. Man versucht dann, trotzdem alles bestmöglich für die Patienten zu gestalten. Eine Maske aufrechtzuerhalten. Zu lächeln. Und zu Hause fällt dann oftmals alles zusammen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber nun eins nach dem anderen. Ich werde meinen Lebenslauf und meine Geschichte so kurz wie möglich halten. Denn es geht nicht darum, mich als Hauptperson dieses Buches in den Vordergrund zu stellen. Es geht nur darum, meine Beispiele einordnen zu können und eine Vorstellung von mir als Mensch zu haben. Einfach beispielhaft für eine Pflegeperson. Also eine Krankenschwester von so vielen, die diesem System tagtäglich ausgesetzt sind. Dann werde ich nach über 20 Jahren Pflege versuchen, einige Verläufe und Entwicklungen in meinem Lebenslauf darzustellen, damit du meinen Werdegang nachvollziehen kannst. Einige Situationen, die mich geprägt haben, werde ich genauer und ausführlicher beschreiben. Ebenso auch die Wirkung, die sie auf mich hatten und zum Teil noch immer haben. Heute sage ich, ich bin traumatisiert. Mein Umfeld sagt mir, dass dies alles zu meinem Job gehört und dass ich das alles ertragen können muss. Ich bin nun mal Krankenschwester. Sonst bin ich doch falsch an meinem Platz. Und gleichzeitig ist der erste Satz, wenn ich jemandem meinen Beruf nenne: „Oh, das könnte ich aber nicht.“ Ist das ein Widerspruch? Natürlich ist es mein Job, unser Job. Trotzdem bin ich aber ja ein Mensch, und dieser kann nun mal, ob es jemandem gerade passt oder nicht, nicht alles einfach so an sich abstreifen. Wir sind keine Roboter!

Vielleicht ist es auch so, dass du dich damit beschäftigst, in der Pflegebranche zu arbeiten, sei es als Assistenz- bzw. Hilfskraft oder als Fachperson. In diesem Fall möchte ich dir nicht bereits auf den ersten Seiten davon abraten. Lieber würde ich einfach informieren und dir bewusst machen, was eventuell auf dich zukommen kann oder zukommen wird. Vielleicht ist es auch noch wichtig für dich zu wissen, dass ich Mentorin bin, also Schüler und neue Mitarbeiter in der Praxis begleite und ausbilde. Mit den neuesten Veränderungen frisch aus der Schule bin ich also vertraut. Doch keine Angst: Am strengsten bin ich mit mir selbst!
Dieses Buch soll ein Erfahrungsbericht werden, aber auch gesellschaftskritisch sein und das Gesundheitssystem unter die Lupe nehmen. Sozusagen aus erster Hand.

Verbesserungsvorschläge werden immer wieder eingebaut, und auch möchte ich mich mit dem Thema Auswandern beschäftigen und meinen Erfahrungen mit Deutschen und Schweizern. Denn vor nun etwas mehr als 11 Jahren bin ich allein in die Schweiz ausgewandert.

Um was für ein Buch handelt es sich genau? Handelt es sich um einen Ratgeber? Ja, es handelt sich auch um einen Ratgeber mit Informationen aus erster Hand. Dieser ist gerichtet an Kollegen, die vielleicht noch nicht so lange in der Pflege sind und mit dem ein oder anderen Problem zu kämpfen haben. Hiermit meine ich gesundheitliche oder psychische Probleme. Doch nicht vergessen: Ich bin kein Arzt, ich bin NUR (meinen Schülern verbiete ich es immer, das zu sagen) Krankenschwester. Hier in der Schweiz heißt es diplomierte Pflegefachfrau bzw. -mann. Das bezeichnet eine Pflegeperson mit HF-Studium (Zu den genaueren Unterschieden sowie unterschiedlichen Berufsgruppen komme ich später).
Im Zweifelsfalle also jedoch immer Kontakt zu einem Arzt oder Apotheker suchen und dort Rat einholen!

Bevor es nun richtig losgeht, möchte ich noch erwähnen, dass ich jede Person, die dieses Buch liest, einfach mit du ansprechen werde. Dies ermöglicht meiner Meinung nach den besten Lesefluss und hat keinen weiteren Hintergedanken. Jeder Mensch, der dieses Buch liest, ist hierzu herzlich willkommen und eingeladen. Alle Kollegen und Kolleginnen kennen sicher auch das Arbeits-Du. Dies wird bei uns auch gerne benutzt. Wer mag, kann das Du in diesem Buch also auch gerne als Arbeits-Du verstehen. Vielleicht hilft es sogar, dieses Buch als das Buch einer Kollegin anzunehmen. Wer in der Branche tätig ist, wird sich sicher bis zu einem gewissen Grad verbunden fühlen und feststellen, dass er ähnliche oder aber auch andere Erfahrungen gemacht hat. Dies ist genau richtig so und beabsichtigt, denn so kann jeder der Leser für sich hoffentlich am Ende etwas mitnehmen. In einem guten Falle wäre es denkbar, dass jemand dankbar für seinen jetzigen Job in der Pflege ist, weil er so etwas bisher nicht erleben musste.
Gerne ist auch jeder dazu eingeladen, mir nach der Lektüre mitzuteilen, wie das Buch gefallen hat und welche Erfahrungen mit meinen übereinstimmen. Oder aber, in welchem Bereich andere Erfahrungen gemacht wurden. Ich werde hierfür einen Kontakt am Ende des Buches zur Verfügung stellen.

Nun aber viel Freude beim Lesen!

Eure Kollegin Ariana




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Ein kurzer Lebenslauf

Damit du meine Geschichte gut einordnen kannst und dir auch meine Persönlichkeit und meinen Charakter etwas vorstellen kannst, nehme ich mir die Zeit, um dir ein Bild von mir zu geben. Zum Zeitpunkt des Schreibens bin ich 46 Jahre alt, lebe und arbeite in der Schweiz als Krankenschwester bzw. Pflegefachfrau HF. In Deutschland habe ich noch nach dem Examen zur Krankenschwester Pflegemanagement studiert. Jedoch habe ich nie in einer führenden Position gearbeitet. Dies kann ich mir einfach in der Praxis für mich nicht vorstellen. Außerdem bin ich Mentorin (Deutschland) und Praxisanleiterin (Schweiz), habe beide Ausbildungen absolviert. In diesem Bereich bin ich auch bis heute durchgängig tätig.

Aber zurück zum Anfang: Ich bin im Ruhrgebiet als Einzelkind aufgewachsen und dort zunächst auf eine Mädchenrealschule gegangen. Dort habe ich den Realschulabschluss gemacht. Im Anschluss hieran habe ich auf einem Gymnasium das Abitur gemacht. Wichtig hierzu ist noch zu erwähnen, dass beides private, staatlich anerkannte Schulen waren, die von Nonnen geleitet wurden. Beides waren jedoch keine Internate, es handelte sich jeweils um Tagesschulen. Aber „Nonnenbunker“, wie wir sie genannt haben. Dies sorgt meistens für ein Schmunzeln, ich weiß. Persönlich fand ich diese Erfahrung während der Schulzeit gut. Für mich aber einfach normal, da ich ja keine anderen Schulen kennengelernt habe. Erst später habe ich dann so wirklich fassen können, dass diese Schulen sehr gut geführt wurden. Andere in meinem Alter hatten eben eine andere Erziehung genossen. In den „Nonnenbunkern“ war man doch wie unter einer Kuppel gehalten, die einen vor der restlichen Welt ferngehalten hat. So einige Erfahrungen wie Gewalt, Drogen etc. haben wir dort nicht kennengelernt. Das gab es an diesen Schulen nicht bzw. in einem nur sehr begrenzten Maße. Und schon gar nicht vergleichbar mit öffentlichen Schulen. Es wurde dort noch eine Kultur gelebt, die auf Pünktlichkeit, gutes Benehmen etc. geachtet hat. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn es um die Hausaufgaben ging, wurden wir zu Beginn jeder Stunde gefragt, ob wir die Hausaufgaben dabeihaben. Es wurde erwartet, dass wir uns melden, wenn wir diese nicht gemacht oder vergessen hatten. Den größten Ärger gab es dann, wenn man sich nicht gemeldet hat und später erwischt wurde. Pädagogisch war dies sehr gut, man lernte dadurch, zu sich und seinem Handeln zu stehen sowie ehrlich zu sein und sich zu melden, wenn man etwas vergessen hatte. Niemand kam darum herum, denn nacharbeiten musste man die Hausaufgaben in jedem Fall, ob heute oder morgen. Nicht gekonnt gab es nicht, die Lehrer wollten die Versuche sehen, die Aufgaben zu beantworten.

Hierauf möchte ich kurz einige Worte über die Erziehung verlieren, die ich genießen durfte: Meine Eltern waren ein Traumpaar, zumindest optisch. Nach außen hin stimmte alles: ein attraktives Ehepaar, Wohnung, Auto, die Tochter besucht eine gute Schule, beide Elternteile arbeiten … Wahrscheinlich bin ich das, was man als wohlerzogen, lieb, höflich und nett bezeichnet. Nie habe ich Schläge, Schreierei oder Ähnliches erlebt. Doch war ich auch viel allein, lebe heute auch allein und war somit schon immer auf mich gestellt. So bin ich vollständig unabhängig geworden, jedoch ziemlich einsam. Krank sein gab es nicht, ich wurde immer in die Schule geschickt. Wenn, dann sollten die Lehrer mich nach Hause schicken. Auch hatten die Lehrer immer recht. Prinzipiell. Somit wurde sich nie für mich eingesetzt, wenn ich mich z. B. in der Schule ungerecht behandelt gefühlt habe. Kein Wunder, dass ich Einzelkämpferin geworden bin.

Als ich 21 war, haben mir meine Eltern zwei Wochen vor meiner letzten Examensprüfung, der praktischen, zunächst mitgeteilt, dass sie voneinander Abstand möchten und getrennte Wohnungen nehmen werden. Bei diesem Gespräch eröffnete mein Vater uns dann allerdings, dass er mit jemandem zusammenziehen wird. Er hatte schon lange, wahrscheinlich die ganze Zeit oder einen großen Teil der Ehe über, eine andere Frau. So ist es dann zur Scheidung meiner Eltern gekommen. Mein Vater hat wieder geheiratet und meine Mutter ist allein geblieben. Mein Vater war diplomatisch, mit ihm und seiner neuen Frau habe ich Kontakt gehalten. Es war ein respektvoller Umgang, und Streit wurde von beiden Seiten vermieden. Vor 11 Jahren ist mein Vater dann an Krebs gestorben, und er hat mir mit auf den Weg gegeben, dass er auf meine Intelligenz setzt und darauf vertraut, dass ich etwas aus meinem Leben mache. Versprochen, Papa, ich arbeite gerade daran! Mit meiner Mutter habe ich mich nie wirklich verstanden. Sie ist nicht in der Lage, sich in mich hineinzuversetzen. Somit hat sie meine Situation nie verstanden. Sie ist null empathisch. Das war immer so. Egal, wie alt ich war und egal, um was es ging (privat oder beruflich). Wir haben immer viel gestritten. Sie hat immer gedacht, dass ich übertreibe und dass alles doch nicht so schlimm sein kann. Wahrscheinlich hat sie mich immer als ein etwa 3-jähriges Mädchen gesehen. Somit konnte sie sich nie vorstellen, dass ich wirklich alles das erlebe, was ich ihr z. B. aus meinem beruflichen Alltag berichtet habe. Mittlerweile habe ich seit einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, dass sie mir ständig sagt, ich solle mich nicht so anstellen. Wir seien alle nicht belastbar. Hiermit hat sie meinen Berufsstand und vielleicht auch meine Generation gemeint. Es ist mir bewusst, dass die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, den Kontakt zu seinen Eltern oder einem Elternteil abzubrechen. Wenn man davon erzählt, ist meistens das Kind schuld. Meine Meinung ist, dass man sich auch fragen sollte, was alles passiert sein muss, dass ein Kind so etwas tut. Seit dem Kontaktabbruch jedenfalls geht es mir nicht gut, aber besser. Ich bin jetzt zwar noch mehr allein, aber besser so als bei jedem Kontakt mit der Mutter solche Dinge zu hören, wie ich sie eben beschrieben habe. Zusammenfassend bzgl. der Erziehung lässt sich wohl sagen, dass ich alles andere als bedürfnisorientiert erzogen wurde und meine persönlichen Interessen oder Begabungen nie von Belang waren. Es ging nur ums Arbeiten und fleißig sein und nicht darum, ein persönliches Ziel zu erreichen. Alles, was ich als Kind getan habe, ob Sport, Tanzen oder Singen: Es wurde jeweils abgetan und nicht als Training bezeichnet, sondern als „Gezappel“ o. ä. Auch als ich bereits mit der Bundesligamannschaft Jazz Dance trainiert habe. Einen Gruß bei dieser Gelegenheit an mein Selbstbewusstsein. Das wurde hierdurch nicht gerade aufgebaut, sondern es geschah natürlich das Gegenteil.

Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr in den USA gewesen und habe dort als Au-pair gearbeitet. Diese Erfahrung war als Gap-Year sehr gut, und ich habe natürlich gut Englisch gelernt. Die Kultur ist eine andere als in Deutschland, aber ich bin anpassungsfähig und gut zurechtgekommen. Oft hatte ich den Eindruck, dass die Kinder verwöhnter waren als bei uns. Aber vergleichen kann ich dies so direkt natürlich nur mit meiner Erziehung. Diese war wie bereits gesagt alles andere als „bedürfnisorientiert“. Es hat mir nie an etwas Existentiellem gefehlt, und ich habe keinerlei Gewalt oder Ähnliches erfahren müssen. Aber emotional bin ich wohl, das sage ich heute, schon vernachlässigt worden.

Im Anschluss an die Schule habe ich dann die Ausbildung zur Krankenschwester (heute sagt man Gesundheits- und Krankenpfleger/in) gemacht. Die Ausbildung habe ich als hart, aber gerecht empfunden.
Kernsätze, die ich hieraus mitgenommen habe, sind zum einen: „Wer nicht weiß, wo er hinwill, muss sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt.“ (Mark Twain) und: „Wir bereiten Sie nicht auf die Prüfung vor, das müssen Sie ganz allein tun. Wir bereiten Sie auf den Beruf vor!“ Wie recht die Lehrer hiermit doch hatten!

Berufserfahrung habe ich zunächst in der Neurologie gesammelt. Dieser Bereich ist sehr umfangreich, denn hier sind viele Fachbereiche involviert, wie z. B. die Chirurgie, HNO und Urologie. Hier habe ich für die berufliche Praxis die beste und umfangreichste Erfahrung gesammelt. Guter Teamzusammenhalt, gute Dienstpläne, man konnte noch seine Arbeit ein Stück weit planen und dann auch so durchführen. Bisher meine eindeutig beste Erfahrung: an neurologischen Stroke-Unit-Betten zu stehen und alle Verrichtungen ausführen zu können, die die Pflege zu bieten hat. Von Sonden, Drainagen, Kathetern, Infusionen, Perfusoren und Infusomaten konnten wir dort nicht genug bekommen. Als Schwester war ich dort noch stolz! Alle weiteren Stationen meines Berufsweges kann ich hier unmöglich ausführen, das sind zu viele. Jedoch ist es vielleicht interessant, dass ich Erfahrung in der Akutpflege, der Langzeitpflege, im ambulanten Pflegedienst sowie im ambulanten Intensivpflegedienst gesammelt habe. Am schlechtesten habe ich es in der Langzeitpflege empfunden. Dort war der Personalmangel am stärksten ausgeprägt, und man war als examinierte Kraft oft allein auf der Abteilung mit einer Pflegeassistenz. Für den Bewohner bedeutete dies, dass er viel zu früh, zu schnell und ohne seine Ressourcen zu fördern am Morgen aus dem Bett geholt wird. Dann werden alle an einen Tisch gesetzt und als Schwester beginnst du dann, allen das Essen zu reichen, die es benötigen. Das heißt, mehreren Patienten parallel. Die Berufserfahrung in Deutschland war, wenn ich zurückblicke, inhaltlich gut, da man sehr selbstständig arbeiten musste (oder durfte). Die Bedingungen sind innerhalb der 11 Jahre in Deutschland immer schlechter geworden, diese Entwicklung ist sicher nicht zu leugnen.

Vor 11 Jahren bin ich dann in die Schweiz ausgewandert, weil ich ein anderes Gesundheitssystem kennenlernen wollte. Es ist auch anders, aber anders schlecht. Fallpauschalen, starke Hierarchien, Kompetenzgerangel, Neid, Hass und Missgunst machen die Arbeit dort in keinem Fall besser als bei uns. Fast jeden Tag geht mir der Gedanke durch den Kopf, wieder nach Deutschland zurückzukommen. Was die Berufserfahrung hier in der Schweiz angeht, habe ich ebenfalls bereits im Spital sowie in der Langzeitpflege gearbeitet. Zu Beginn in der Neurologie, da ich hier an meine bisherige Berufserfahrung anknüpfen konnte. Nun, schlimmer ist es in beiden Ländern in der Langzeitpflege, da dort jeweils am wenigsten Fachpersonen eingesetzt werden. Das System in beiden Ländern ist kränker als die Patienten! Das ist jedenfalls mein Fazit. Bei allen Unterschieden geht es nicht mehr um besser oder schlechter, krank ist krank. Schließlich lernen wir, dass jeder Patient auch ganzheitlich krank ist, also Körper, Geist und Seele betroffen sind. Auch wenn es sich „nur“ um einen Armbruch handelt. Wenn also das System, in dem der Mensch arbeitet, krank ist, muss auch der Mensch krank werden.

Man kann sagen, dass in beiden Ländern das Gesundheitssystem vor die Wand gefahren wird. Es wird noch crashen. Noch ist es nicht ganz so weit, es steht aber kurz bevor. Wir Pflegekräfte müssten viel mehr für uns einstehen. Doch wir sind eben professionell helfende Persönlichkeiten, und da verbietet es sich, die Arbeit niederzulegen. Das kommt nicht in Frage. Die Pflege ist einfach selbstverständlich 24/7 im Einsatz. Das wird so erwartet, und der Betrieb wird auch immer irgendwie laufen. Jedoch denkt keiner daran, dass es sich nicht um Roboter handelt, sondern um Menschen, die ein sehr unregelmäßiges Leben führen, in allen Schichten arbeiten und ausschließlich für andere da sind. Aber nicht für sich. Dazu bleibt auch kaum Zeit. Und viele von uns haben es wahrscheinlich auch nie richtig gelernt. Weil wir einfach entsprechend geprägt wurden. Durch die Ausbildung, evtl. vorher durch die Erziehung etc. Und so funktioniert das System noch. Aber immer schlechter. Wir schauen bei der täglichen Arbeit immer wieder zu, wie es zu kippen droht. Doch dazu später mehr.

Dieser Lebenslauf also führte in seiner Folge zu einem Charakter, der es zu wenig gelernt hat, für sich einzustehen und rechtzeitig Grenzen zu setzen. Hieran arbeite ich noch heute. Es ist schwer, wenn man im Beruf immer Dienstleistung bringen und lächeln muss. Dies nimmt mittlerweile den größten Teil der Zeit in Anspruch, nicht einmal die Pflege an sich.
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