Sonstiges & Allerlei

Ganz allein – in Deinem Alter?

Rena Reisch

Ganz allein – in Deinem Alter?

Frau, 63, Weltreise, allein

Leseprobe:

1
Eine irreale Freiheit

„Aber warum denn allein?“
Diese Frage musste ich mir sehr oft anhören.
Ja, warum denn?
Nun, einen Partner/eine Partnerin für eine mehrmonatige Weltreise findet man nicht im Handumdrehen. Vielen ist die Reise schlicht zu teuer, viele haben keine Zeit, andere haben Versorgungspflichten. Selbst wenn ich einen festen Partner hätte, wäre ich nicht sicher, dass er mit mir gekommen wäre.
Daher suchte ich gar nicht nach einer Reisebegleitung, denn der Entschluss zu meiner Weltreise war gezwungenermaßen ein „Schnellschuss“, eine auf den ersten Blick überhastet wirkende Entscheidung, wie im nächsten Kapitel zu lesen ist.
Als begeisterte Reisende kenne ich nahezu alle Arten des Reisens: organisierte Gruppenreisen, individuelle Gruppenreisen, Reisen zu zweit und Reisen allein. Am wenigsten mag ich Gruppenreisen, egal, ob selbst organisiert oder über ein Reisebüro. Gruppenreisen bedeuten viel Hetzerei, zu viele unterschiedliche Bedürfnisse, zu viele Egospielchen, zu viel Tratsch– schlicht zu viele Menschen. Ich bin gerne für mich, obwohl ich durchaus gesellig sein kann. Aber ich brauche mehr Rückzug als andere. Mit zu vielen Menschen für längere Zeit auf engem Raum sein zu müssen, macht mich unrund.
Reisen zu zweit können sehr erfreulich sein, vorausgesetzt, man hat einen kompatiblen Reisepartner/eine Reisepartnerin. Man kann sich gegenseitig auf schöne Dinge hinweisen, zu zweit ist es im Restaurant und in der Bar lustiger, man motiviert sich gegenseitig, man lacht miteinander, man kann sich gegenseitig helfen und trösten, man tauscht sich aus und teilt die Kosten. Wenn zwei miteinander verreisen, sollten sie die Angewohnheiten und Ticks des jeweils anderen kennen und damit umgehen können. Gute Reisegefährten sind rar. In meinem großen Bekanntenkreis gibt es exakt zwei Menschen, mit denen ich problemlos für längere Zeit verreisen kann.
Allein zu verreisen hingegen kann eine lohnende Herausforderung sein.
Es bedeutet, eine Freiheit kennenzulernen, die sich im ersten Moment irreal anfühlt. Du musst niemandem gefallen und du kannst niemanden enttäuschen. Allein zu reisen, ist die Freiheit, tun und lassen zu können, was du willst. Niemand weiß genau, wo du bist, kein Mensch weiß, was du tust. Es bedeutet, nicht unter Beobachtung zu stehen, nicht von einer wohlmeinenden Freundin, nicht von einem kulturbeflissenen Kollegen oder dem kritischen Ehepartner. Du musst niemandem Rechenschaft ablegen.
Das heißt aber auch, zu entdecken, dass man vielleicht in vielen Perioden seines Lebens Rollen gespielt hat, die nicht dem ureigenen Prinzip entsprachen. Durch soziale Zwänge und eigene sowie fremde Erwartungen wird man unfrei und ständig gezwungen, sich anzupassen als Gattin, Mutter, Kollegin, Nachbarin, Tochter, Schwester. Irgendwann passiert es dann, dass man selbst nicht mehr weiß, welche Träume man eigentlich für sein Leben hatte, denn diese sind im Wust der Verpflichtungen untergegangen.
Auf meiner Reise habe ich langsam das abgestreift, was ich für andere und für mich selbst zu sein schien. Ich brauchte nicht die immer fröhliche Freundin sein, die allwissende Professorin, die kultivierte Dame, die sportliche Mittsechzigerin. Ich konnte so mutig oder so feige sein, wie ich wollte. Ich konnte dumm sein oder clever, freundlich oder abweisend, missmutig oder heiter, ich konnte ganz einfach sein. Es war vollkommen egal und kümmerte niemanden.
Also fragte ich mich jeden Tag, was ich wirklich wollte. Wollte ich tatsächlich etwas besichtigen oder besuchen oder wollte ich dies nur, weil „man“ dies oder jenes eben gesehen haben musste? Weil es im Reiseführer stand, weil es im Internet fantastische Berichte und noch großartigere Fotos davon gab oder weil jemand aus dem Bekanntenkreis gemeint hatte, dies oder jenes müsste man einfach gesehen haben? Und wenn ich das nicht täte, wäre ich dann ein schlechterer Mensch? Ein uninteressanterer, langweiligerer Mensch? Wollte ich nach meiner Rückkehr auftrumpfen mit allem, was ich von der Welt gesehen hatte, oder wollte ich eine Reise nur zu meinem ureigensten Vergnügen machen?
Während der gesamten Reise waren dies immer wieder schwierige Momente und es dauerte ehrlich gesagt eine ganze Weile, bis ich mir selbst auf die Spur gekommen war. Ich konnte oft nicht erkennen, was ich wirklich wollte. Erst als ich in tiefster Seele verstand, dass ich niemandem Rechenschaft für mein Tun oder eben Nicht-Tun schuldig war, war der Bann gebrochen. Niemand beobachtete mich, niemand kommentierte mein Tun. Ich war allein und ganz auf mich zurückgeworfen, ich konnte tun und mich verhalten, was und wie immer es mir beliebte. Es war eine schwierige Übung!
Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass dieses „nicht unter Beobachtung zu stehen“ der größte Luxus einer langen Reise ganz allein ist. Auf meiner Weltreise war es vollkommen egal, ob ich fünfmal ins gleiche Museum ging, um mich an der Farbenpracht der Gemälde zu berauschen, es war egal, ob ich den ganzen Tag im Bett lag und in meinem E-Book las, es kümmerte niemanden, was ich aß oder trank, was ich anhatte, wie ich meinen Tag gestaltete. Ich konnte stundenlang die Welt an mir vorüberziehen lassen, ich konnte plaudern, mit wem auch immer ich wollte, und ich musste mich mit niemandem unterhalten, wenn ich keine Lust dazu hatte. Kurz, ich war bloß ein winziges Menschlein unter vielen anderen, völlig uninteressant und unwichtig.
Nicht wichtig zu sein, kann jemanden an den Rand einer Sinnkrise treiben oder aber in die Entdeckung des Gefühls einer eigenartigen Freiheit. Als ich erkannte, dass es tatsächlich NIEMANDEN kümmerte, was ich so trieb, hatte ich plötzlich das Gefühl, freier atmen zu können.
Natürlich bedeutet allein zu reisen auch, dass die Kommunikationsmöglichkeiten reduziert sind. „Mit wem redest du denn den ganzen Tag“, wollte eine Bekannte, eine sehr kommunikative Dame, wissen. Natürlich redete ich mit anderen, aber oft eben mit niemandem oder mit mir selbst. Es störte mich wenig. Während meiner Reise, vor allem in Neuseeland, als ich mit dem Auto unterwegs war, gab es immer wieder Tage, an denen ich kein einziges Wort mit jemandem wechselte. Es gibt Menschen, die viel Geld für „Schweigeseminare“ bezahlen, um zu sich selbst zu finden. Wenn man allein verreist, ist der Luxus, schweigen zu dürfen, sozusagen inkludiert.
Natürlich bedeutet allein zu reisen auch immer teure Einzelzimmerzuschläge. Damit lebe ich schon lange und habe versucht, diesem eine positive Seite abzugewinnen: Ich habe immer viel Platz in meinem Zimmer, kann so viel Unordnung machen, wie ich will, muss mich nicht um offene oder geschlossene Fenster, Temperatureinstellungen von Klimaanlagen oder die Badezimmerbenützung herumstreiten. Auch hier habe ich die Freiheit, zu tun, was ich will.
Aber es gibt auch Momente, die man gerne mit einem anderen teilen würde. Es wäre gelogen, so zu tun, als hätte ich diese auf meiner Weltreise nicht gehabt. Die leckeren argentinischen Steaks hätte ich gerne in angenehmer Gesellschaft verzehrt und die Schönheiten der neuseeländischen Landschaften wären mit der Möglichkeit, einem anderen davon vorzuschwärmen, noch großartiger gewesen. Und ein bisschen über dies oder jenes mit einem anderen lästern zu können, hätte Frusterlebnisse leichter ertragen lassen.




2
Wie alles begann

Ich gehe auf Weltreise. Allein. Das wollte ich schon immer machen.
Jetzt noch stockt mir der Atem, wenn ich das lese.
Ich heiße Rena, bin im 64. Lebensjahr und seit einem Jahr in Pension. Beruflich war mein Leben vielfältig –Professorin für Englisch und Geschichte an höheren österreichischen Schulen, selbstständige Unternehmerin als Vortragende, Farb-, Typ- und Imageberaterin, PR-Beraterin, Buchautorin. Privat war es ebenso abwechslungsreich – zwei Ehemänner, ein Sohn, viele Wohnorte, viele Reisen. Ich bin ein abenteuerlustiger und neugieriger Mensch.
Den Traum einer Weltreise hatte ich bereits jahrelang mit mir herumgetragen, jedoch hatte mein Beruf derartiges nicht zugelassen. Als ich noch selbstständige Vortragende war, hätte es klappen können, denn zu dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung, aber das Vorhaben scheiterte an familiären Verpflichtungen. Während meiner Zeit als Lehrkraft gab es nur die zeitliche Möglichkeit der zweimonatigen Sommerferien. Ich wollte aber unbedingt nach Australien und Neuseeland und zu dieser Zeit ist dort Winter, was mich abschreckte.
Und so war der erste Weg nach meinem Pensionsantritt in das auf Weltreisen spezialisierte Reisebüro. Ich deckte mich fürs Erste mit Katalogen ein, denn die Fragen der beratenden Dame nach Reiseroute, Reisedauer und Reisezeit konnte ich nicht beantworten, da die Idee noch viel zu vage war. Erst einmal wollte ich mir einen Überblick verschaffen und die angebotenen Möglichkeiten ausloten.
Die Enttäuschung war herb, als ich feststellen musste, dass es nur eine einzige Weltreisen-Route für ältere Semester gab, alle anderen hatten eine Altersobergrenze von 35 Jahren. Die „Oldies-Route“ jedoch schien mir nicht interessant, weil sie in Länder führte, die ich schon bereist hatte. Im Reisebüro wurde mir beschieden, dass ich selbstverständlich eine Wunschroute zusammenstellen lassen könne, was jedoch mit erheblichen Mehrkosten einhergehen würde. Ein typischer Fall von Altersdiskriminierung, dachte ich erbost und verließ unverrichteter Dinge und frustriert das Spezialreisebüro.
Mein Sohn riet mir, es auf Google zu versuchen – „und suche gleich nach Business Class Tickets, dann sind die Langstreckenflüge entspannt“. „Das kann ich mir nicht leisten“, bedauerte ich.
Mit Schrecken dachte ich an quälende zehn- bis zwölfstündige Flüge, zusammengefaltet in der Economy Klasse, Sitzabstand maximal 75 Zentimeter. In einem Alter von 63+ Jahren ist der Körper einfach nicht mehr so elastisch, um sich mit einem Maximum an Unbequemlichkeit locker abfinden zu können.
Ich erinnerte mich an grauenhafte Langstreckenflüge auf mittleren Sitzen, eingequetscht zwischen Schwergewichten, im steten Kampf um die Armlehnen und in immerwährender Abwehr schlafender Köpfe, die auf meine Schultern sanken. Ein besonders schrecklicher Flug war jener von Colombo nach Doha, wo symmetrisch um mich herum vier Kleinkinder angesiedelt waren, die abwechselnd schrien und für eine ununterbrochene fünfstündige Beschallung sorgten. Ganz zu schweigen von den Nies- und Hustenattacken der Mitpassagiere, die unweigerlich sofort anhoben, sobald die Klimaanlage heruntergedreht wurde. Und ganz besonders ekelhaft war jener Passagier, der seinen Fürzen ungehindert freien Lauf ließ und die Araberin neben mir veranlasste, sich mit Parfum zu überschütten. Ich kann mich auch erinnern, dass wir einmal kein Frühstück bekamen, weil zwei Damen darauf bestanden, in der Kitchenette zu beten. Auch die Frau, die neben meinem Ohr höchst deftig ihre Nudeln schlürfte, ist mir noch in alptraumhafter Erinnerung. Und jenen Passagier, der grässlich nach Zigaretten roch und den ich höchst energisch von meinem Schoß schubsen musste, weil er von seinem Mittelplatz unbedingt ständig aus dem Fenster fotografieren wollte, werde ich auch nicht vergessen. Nein, das würde ich nicht mehr aushalten, und ich bedauerte sehr, dass ich mir die Business Class nicht leisten konnte.
Fast hätte ich aufgegeben. Fast.
Doch da war dieser nagende Gedanke, nur einmal nachzusehen, ob es so etwas wie ein Weltreise-Business Class-Ticket überhaupt gäbe und was es wohl kostete.
Also gab ich zwei Wochen nach dem Gespräch mit meinem Sohn den Suchbegriff „Business Class around the world“ auf Google ein – und bekam einen Riesenschock, positiv, wohlgemerkt.
Ein Schnäppchen der Lufthansa mit der Route Mailand – Bangkok/Singapore – Sydney/Melbourne – Auckland – Buenos Aires/Los Angeles – Mailand erschien.
Der Preis: € 3.617,06.
Ich konnte es gar nicht glauben. All diese Destinationen zu diesem Preis in dieser Buchungsklasse?
Meine Gedanken überschlugen sich. Da saß ich nun, hatte zufällig eine Superroute zu einem sensationellen Preis gefunden und war nicht im Mindesten vorbereitet. „Du darfst die Seite ja nicht schließen“, schrie eine Stimme in meinem Kopf, „sonst ist dieses Angebot weg!“
Mir brach der Schweiß aus.
Ich hielt die Seite offen und begann zu überlegen – wohin würde ich überhaupt wollen? Zuerst nach Bangkok, denn Singapore kannte ich schon. Dann Australien und Neuseeland, langgehegte Wunschziele, und last but not least Buenos Aires, denn für die USA hatte ich andere Pläne.
Die nächste Frage: Wann und wie lange wo wollte ich bleiben, falls ich diese Reise machen würde? Es war der 26. Jänner 2019 – also vielleicht im Oktober, November, Dezember 2019? Da wäre es in Australien/Neuseeland Frühling und sicherlich schön, zu reisen, überlegte ich, und in Thailand wäre die Regenzeit vielleicht schon vorüber. Würde ich auch einen längeren Strandurlaub machen wollen? „Nein“, sagte ich zu mir, „Strandurlaub machst du gesondert. Jetzt willst du die Welt anschauen, vor allem die Kontinente und Plätze, wo du noch nicht warst. Am Strand liegen kannst du später immer noch“.
Die Lufthansa-Seite war immer noch offen.
Ich holte tief Luft, traf die Entscheidung, griff zu meinem Kalender und legte den Reisebeginn mit 22. Oktober 2019 ab Mailand fest. Erste Station Bangkok und dann – ja, wie lange denn bis zum nächsten Abflug nach Sydney? Ich beschloss, dass 16 Tage reichen mussten. Um die Details würde ich mich später kümmern. Nach Sydney also am 7. November – und wie lange wollte ich in Australien und Neuseeland bleiben? Ich schwitzte und fluchte, weil ich das JETZT entscheiden musste und völlig unvorbereitet war. Einen knappen Monat, beschloss ich, ich reiste ja allein, ewig wollte ich auch nicht unterwegs sein, außerdem – je länger, desto teurer. Dann noch eine Woche in Buenos Aires zum Ausklingen lassen und dann zurück nach Mailand. Ich holte nochmals tief Luft und vollzog den Buchungsvorgang. Bis dahin waren 15 Minuten vergangen.
Insgeheim erwartete ich eine Meldung, dies alles sei ein Fake gewesen, aber nein, „Gratulation, Sie haben das letzte Ticket zu diesem Preis erworben“ erschien auf meinem Bildschirm.
Ich schnappte nach Luft und begann, im Raum auf und ab zu marschieren, meine Hände zitterten und meine Gedanken rasten. Angst vor der eigenen Courage, nannte ich es später. Mein Cousin, Jäger, beschrieb es als „Schussfieber“. Dies sei, so erklärte er mir, der emotionalen Zustand eines Jägers nach einem Blattschuss. Wie überaus treffend!
Ich schickte die gesamte Buchung an meinen vielfliegenden Sohn mit der Bitte um Überprüfung und erhielt umgehend: „Wo hast du denn das gefunden, das ist ja fantastisch!“ Alles war richtig, alles war wahr – jetzt musste ich also weltreisen.
Ich benötigte etliche Tage, um mich von diesem Schock, den ich mir selbst versetzt hatte, einigermaßen zu erfangen. Denn in Wahrheit hatte ich mich völlig unvorbereitet in dieses Abenteuer gestoßen, hatte eine gute Gelegenheit beim Schopf gepackt und war damit erst mal überfordert. Allerdings währte dieser Zustand nicht allzu lange und nach zwei unruhigen Nächten hatte ich mich wieder gefangen.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich eine begeisterte Reisende bin. Ich war schon immer gerne unterwegs. Ich breche gerne in andere Welten auf, um Erfahrungen zu machen, zu denen ich in meinem alltäglichen Umfeld niemals in der Lage sein würde. Ich reise, weil ich in fremde Kulturen eintauchen möchte, ich bin neugierig auf die Lebenswelten fremder Menschen und freue mich stets auf Begegnungen mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis. Ich möchte, so gut es geht, den überwältigenden Reichtum dieser Erde kennenlernen. Ich gehe auf große Fahrt, weil mich das Unbekannte lockt, und ich ständig neue und unbekannte Dinge beobachten kann. Jedes neue Land ist eine Herausforderung, die sich mir entgegenstellt mit den fremden Gesichtern, den unbekannten Benimmregeln, der fremden Sprache. Ich bin ein neugieriger Mensch. Reisen inspirieren mich und erweitern meinen Horizont. Ich möchte ein Land riechen, seine Temperatur spüren, die Grundstimmung erfassen, die fremde Kultur erforschen und aus der Andersartigkeit lernen. Meine Reisen haben meinen Horizont ungemein erweitert.
So haben mich beispielsweise meine Reisen in asiatische Länder zu einer tiefen Wertschätzung für die Spiritualität der Menschen und die selbstverständliche Einbindung ihrer Religion in das Alltagsleben erzogen.
Leise und freundliche Gelassenheit und die „Wahrung des Gesichtes“ gelten dort als oberstes Gebot des sozialen Zusammenlebens. Salopp formuliert funktioniert das so: „Achte darauf, dass du nie dumm dastehst, und lass andere nie dumm dastehen“. Und so werden Anliegen und Beschwerden stets leise und beherrscht vorgetragen, das laut auf den Tisch zu hauen, um sein Recht einzufordern, wie wir es im Westen praktizieren, wird mit größter Missbilligung gesehen.
Früher ekelte ich mich oft, wenn man mir erzählte, dass Ratten, Schlangen und Würmer auf dem täglichen Speiseplan vieler Menschen in ärmeren Ländern standen, und ich hatte sie in meiner westlichen Arroganz als „primitiv“ und „unkultiviert“ bezeichnet, bis ich die dahinterliegende Botschaft verstand: Diese Menschen waren bitterarm und hatten nichts Anderes zu essen.
Ich empfand tiefe Ehrfurcht für die Weisheit und die Sanftheit zweier Ayurveda-Ärztinnen in Indien, die „Heilen“ völlig anders verstehen als wir hier im Westen, und die unbeschreibliche Atmosphäre beim Goldenen Felsen in Myanmar lässt mich noch heute erschauern. Der Duft der unzähligen Räucherstäbchen, die stille Friedfertigkeit der Pilger, das leise Murmeln der Gebete gemeinsam mit dem Leuchten des heiligen Felsens in der Abenddämmerung gehören zu den schönsten Momenten, die ich auf meinen Reisen erleben durfte.
In Japan faszinierte mich die Kunst, Ästhetik in jedem Lebensbereich zu zelebrieren und mit wenigen Stilmitteln Harmonie zu erzeugen. Dem Leisen, dem Eleganten, dem Höflichen wird dort der Vorzug gegeben. In der Mode lässt man es jedoch krachen: Je schräger, desto lieber, je abgefahrener, desto begehrter, so schien mir das Bekleidungsmotto der jungen Japanerinnen und Japaner zu sein und ich bewunderte diese Kunst, die unglaublichsten Kleidungsstücke stilsicher zu kombinieren.
Auch wenn es grob generalisierend klingt: Indien riecht anders als Thailand, Japan riecht gar nicht, Buenos Aires riecht nach Verzweiflung und Myanmar ganz und gar spirituell. Die Tierherden in der Masai Mara sind von einem magischen Zauber, in den USA gibt es selbst für rüpelhaftestes Benehmen kein einziges Naserümpfen und wir Europäer sind überempfindlich.
Reisen ist für mich unendlich interessant. Ich reise für mein Leben gerne.
Schon als Studentin trampte ich mutterseelenallein per Autostopp mehrmals nach Griechenland, damals noch über die „Autoput“ im ehemaligen Jugoslawien. Ich erlebte haarsträubende Verkehrssituationen, wahnwitzige Überholmanöver, Geisterfahrten auf griechischen Autobahnen, übernächtigte LKW-Fahrer und schikanierende Grenzbeamte. Damals war ich mir keiner Gefahr bewusst, so als hätte mich eine Aura der Unverwundbarkeit umgeben. Heute weiß ich, wie leichtsinnig ich war und wie unbedarft. Ich hätte zu Tode kommen können, man hätte mich vergewaltigen können, ich hätte bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt werden können. Nichts von alledem ist je passiert, jedoch haben meine Eltern nie von diesen Reisen erfahren und meinem eigenen Sohn hätte ich niemals erlaubt, per Autostopp die Welt zu erkunden.
Im Laufe meines Reiselebens habe ich viele Individualreisen organisiert und umfangreiche Kenntnisse und viel Routine im Umgang mit Buchungsplattformen und Fluganbietern erlangt. Diese Routine kam mir bei der Organisation meiner Weltreise sehr zugute. Diese Reise war von ganz anderem Kaliber als alle meine Reisen davor.
Diesmal war es besonders wichtig, mich möglichst gut vorzubereiten. Ein erfahrener Reisender hatte mir einmal folgenden guten Rat gegeben: „Lass’ Probleme gar nicht erst entstehen, dann brauchst du sie auch nicht zu lösen.“ Wie wahr! Denn wenn man nach einem langen Flug völlig übermüdet spätabends oder in aller Herrgottsfrühe in einer anderen Zeitzone aus dem Flugzeug wankt und den Transfer zum entlegenen Hotel noch nicht gebucht hat, ist es zu spät. Dem Stress und der Abzocke sind Tür und Tor geöffnet und nicht selten kann so ein unglücklicher Start eine ganze Reise vermiesen und viel unnötiges Geld kosten.
Mein Bestreben war es auch immer, möglichst kostengünstig zu reisen. Denn, so sagte ich mir stets, wenn ich sparsam bin, kann ich mir viele interessante Reisen leisten, anstatt alles für eine einzige Luxusreise aus dem Fenster zu werfen.
Auch meine Weltreise plante ich konsequent mit Blick auf Kostenoptimierung und gab für zwei Monate rund um die Welt inklusive vier Business Class-Langstreckenflügen und elf Inlandsflügen insgesamt nicht mehr als € 11.500 aus. Ich war zufrieden und mein Konto war es auch.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-99107-659-9
Erscheinungsdatum: 12.07.2021
EUR 18,90
EUR 11,99

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