Eintritt ins Pflegeheim & Heimalltag

Eintritt ins Pflegeheim & Heimalltag

Brigitta Rhyner


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-99130-132-5
Erscheinungsdatum: 02.08.2022
Der Eintritt in ein Pflegeheim ist ein einschneidendes Erlebnis. Wie können wir mit dem Alltag im Heim umgehen, wie können wir den Kranken unterstützen und auf seinem letzten Weg, dem Sterbeprozess, würdevoll begleiten? Erfahrungen einer Sterbebegleiterin …
Einleitung

Bevor ich meine Ausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht hatte, durfte ich über einen Zeitraum von zehn Jahren vier mir sehr nahestehende, geliebte Menschen aus meinem persönlichen Umfeld auf ihrem Weg, bis zum Eintritt in eine andere Dimension, begleiten.


Wenn ich an diese Begleitungen zurückdenke, habe ich mir oft gewünscht, dass ich mein jetziges Wissen über Sterbebegleitung damals schon gehabt hätte. So hätte ich professioneller mit den nahenden Anzeichen des Todes umgehen können. Ich fühlte mich manchmal ziemlich rat- und hilflos.


Diese privaten Begleitungen haben in mir den Wunsch ausgelöst, mich intensiver mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Sie zeigten mir auf, dass mir für ein besseres Erfassen und Verständnis wichtige, praktische Informationen fehlten.
Der Grundstein zum Start einer dreijährigen Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin war gelegt.


Noch während dieser Ausbildung ist mir ein Inserat in die Hände gefallen:
„Freiwillige Sterbebegleiterin gesucht“
So begann meine Tätigkeit als Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem Pflegeheim.


In den über acht Jahren habe ich in diesem Heim vorwiegend ältere Menschen begleitet und viele unterschiedliche, wunderbare, liebevolle, dankbare und manchmal auch mich herausfordernde Menschen kennen- und schätzen gelernt.
Viele durfte ich nicht nur während ihres Heimalltags, sondern auch in ihrer Sterbephase, bis hin zu ihrem Tod, begleiten.


Es kam unerwartet eine Anfrage von einem Verlag, ob ich ein Buch über meine Erfahrungen und Tätigkeiten verfassen möchte.
Diese Idee hat mich fasziniert.


So habe ich mich dazu entschieden, einen Ratgeber zu schreiben, in dem ich meine Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiterin in einem Pflegeheim beschreibe. Ebenso berichte ich über den Heimalltag mit all seinen Facetten und spreche dabei ein Tabuthema an: den Sterbeprozess.


Ich habe mir diverse Gedanken darüber gemacht, welche Themen ein breites Publikum interessieren könnten und möchte Ihnen, liebe Leser, mit dem vorliegenden Buch einen Einblick in meine Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiterin geben.


Dieser Ratgeber beleuchtet die Situation von Menschen, die freiwillig oder von äusseren Umständen gezwungen in eine Pflegeinstitution eintreten und dort ihren Alltag bis zu ihrem Sterben verbringen.


Meine Aufmerksamkeit schenke ich in diesem Buch auch den Angehörigen, da eine Sterbebegleitung oft eine unbekannte und angsteinflössende Situation sein kann.
Es ist mir bewusst, dass für einen grossen Teil der Bevölkerung das Thema Krankheit, Heimeintritt und Sterben belastend ist. Doch es trifft und betrifft uns alle, niemand ist davor gefeit.


Ich gebe Ihnen hiermit einen Einblick in die praktische Seite des Sterbeprozesses und zeige auf, wie Sie Ihre Liebsten in dieser schwierigen und emotionalen Phase ruhig begleiten und unterstützen können.

Der Heimeintritt und seine Konsequenzen werden früher oder später für viele Menschen ein Thema, das es wert ist, näher zu betrachten.


Das Alter, die Patientenverfügung, der Heimalltag, die Krankheit und deren Verlauf, der Sterbeprozess und die Sterbebegleitung sind Themen, denen wir ebenfalls so lange wie möglich ausweichen möchten. Es ist jedoch wichtig, sich damit früh auseinander zu setzen, denn man weiss nie, was und wann uns im Leben widerfährt. Der Tod gehört zum Leben.


Wie viele Menschen, wurde auch ich gezwungen, mich früh mit dieser Thematik auseinander zu setzen, als meine Mutter schwer erkrankte.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis an Sie, lieber Leser: Ich verzichte in meinem Ratgeber aufgrund der einfacheren Lesbarkeit auf das Gendern und bitte alle Geschlechter, sich gleichermassen angesprochen zu fühlen.




Eintritt in ein Pflegeheim (Teil 1)

Herausforderung oder Erleichterung?

Leider passiert es nicht selten, dass ein älterer Mensch nach einem medizinischen Notfall in eine Pflegeeinrichtung eingeliefert werden muss, ohne dass er je wieder seine Wohnung betreten und in sein altes, gewohntes Leben zurückkehren kann. Das ist eine herausfordernde Situation und macht es den Betroffenen nicht gerade leicht, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass das Pflegeheim nun ihre „Wohnung“, ihr zukünftiges Leben, ihre letzte Station sein wird.


Die meisten Menschen verschliessen die Augen vor einem Aufenthalt im Pflegeheim. Der Verdrängungsmechanismus gehört dazu. Sie reden sich ein, dass das nie nötig sein wird, was sich ja in manchen Fällen bewahrheitet. Laut BFS (Bundesamt für Statistik) leben in der Schweiz nur ca. 15 % der über 80-jährigen Personen in einem Pflegeheim. Die anderen sind noch selbständig oder nehmen anderweitige Angebote in Anspruch. Dennoch ist es von Vorteil, sich frühzeitig Gedanken über einen allfälligen Heimaufenthalt zu machen. So kann das Heim in Ruhe und nach Vorlieben ausgesucht werden.


Herausforderung

Der Eintritt in ein Pflegeheim ist ein einschneidender Schritt und eine gewaltige Herausforderung, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Angehörigen.

Das Leben, das sich bisher in einer eigenen Wohnung mit viel Freiheit und Selbstbestimmung abgespielt hat, wird nun auf ein Zimmer reduziert, das je nach finanzieller Situation noch geteilt werden muss. Was bedeutet das konkret? Ich gehe weiter unten darauf ein.


Erleichterung
Für manche Menschen bedeutet der Eintritt in eine Pflegeinstitution jedoch eine Erleichterung. Diese Erleichterung folgt nicht selten auf die überwundenen Strapazen.
Hausarbeit, kochen, einkaufen, organisieren… fallen weg. Stattdessen gewinnt man je nach Gesundheitszustand neue Freiheiten. Kräfte können für Alltagsaktivitäten wie Spaziergänge, spielen, lesen, handarbeiten etc. eingesetzt werden. Von der Sicherheit ganz zu schweigen. Die Betreuung erfolgt rund um die Uhr! Bei Bedarf kann immer eine Fachperson herbeigerufen werden.
Die Erleichterung ist oft auch bei den Angehörigen spürbar, anfangs noch gemischt mit der Sorge, wie sich das Einleben wohl gestalten wird.


Um betagte Menschen sanft an ein Heimleben zu gewöhnen, bieten viele Heime Ferienplätze an. So können sie sich langsam an ein Heimleben gewöhnen.


Fremdbestimmter Eintritt in ein Pflegeheim

Wie kann sich ein älterer Mensch geistig und körperlich zurechtfinden, wenn ihn das Leben ohne Vorwarnung, von einem Tag zum anderen, z. B. wegen eines Unfalls oder einer Krankheit, vor scheinbar unüberwindbare Herausforderungen stellt?
Er muss sich zuerst mit dem Krankenhausaufenthalt abfinden und auseinandersetzen, dann eventuell mit einem mehrwöchigen Geriatrie-Aufenthalt.
Wenn der gesundheitliche Zustand es einem kranken Menschen nicht mehr erlaubt ins gewohnte Leben zurückzukehren, wird ihm die Entscheidung auferlegt. Er hat keine Möglichkeit mehr, sich seelisch auf einen Heimeintritt und eine neue Lebenssituation vorzubereiten.

Es gibt unterschiedliche Gründe, die es einem älteren, kranken Menschen verunmöglichen, nach einem Krankenhausaufenthalt wieder zu Hause leben zu können, z. B. sei es, dass er allein lebt oder dass der gesundheitliche Zustand des jeweiligen Partners eine Betreuung und Pflege des Erkrankten unmöglich macht.

Ich veranschauliche Ihnen dies anhand des Krankheitsverlaufes meiner Mutter:

Meine Mutter wohnte allein in einer Wohnung. Sie fühlte sich viele Monate immer müde. Es wurde so schlimm, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Ich arbeitete und wohnte nicht in ihrer Nähe. Ihre Nachbarin liess den Arzt kommen und dieser überwies sie direkt ins Krankenhaus. Ich habe meine Mutter jeden Tag besucht, während sie im Krankenhaus war.
Nach einer Woche wurde meiner Mutter gesagt, dass sie mit der Betreuung einer Spitex in einer Woche wieder nach Hause dürfe. Ich verlegte ihr Zimmer in das untere Stockwerk und freute mich über diesen guten Bescheid.

Zwei Tage später sagte mir die Ärztin, dass sich der Zustand meiner Mutter verschlechterte. Sie meinte, dass meine Mutter wohl in ein Altersheim eintreten müsse. Noch am gleichen Tag habe ich einen Platz gesucht und ihn bestätigt bekommen.

Am nächsten Tag erklärte mir die Ärztin, dass der sich verschlechternde Zustand meiner Mutter nun die Suche nach einem Platz in einem Pflegeheim erfordere.

Ich war am Boden zerstört und funktionierte robotermässig, suchte und fand ein Pflegeheim. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht vollumfänglich erfassen, was da gerade passiert war. Es war unwirklich.

Ein solcher Heimeintritt wird situationsbedingt fremdbestimmt, ohne dass der Kranke fähig ist, mitzuentscheiden.

Mir haben Bewohner erzählt, dass sie grosse Mühe bekundeten, sich nicht langsam von ihrer Wohnung und dem gewohnten Leben verabschieden zu können und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen wie:
Wie löse ich meine Wohnung auf?
Wem möchte ich was schenken?
Wer kümmert sich um mein Haustier?
Was möchte ich alles ins Pflegeheim mitnehmen, das mir am Herzen liegt und mir wichtig ist?
Welche Kleider nehme ich mit?

Dies sind alles Entscheidungen, die der kranke Mensch vor dem Notfall selbst getroffen hätte.


Viele Bewohner fühlen sich ohnmächtig, wenn Angehörige oder fremde Menschen diese Entscheidungen über ihren Kopf hinweg treffen müssen.

Manchmal bemerken die Bewohner erst viel später, dass ihnen noch ein spezielles Schmuckstück, ein Fotoalbum, ein gewisses Buch oder ein Kleidungsstück, das sie besonders mögen, fehlen.

Ich verstehe, wenn dies Frust, Unmut oder Traurigkeit auslöst.

Ein achtsamer, verständnisvoller Umgang einer Fachperson, der Angehörigen oder des Pflegepersonals wirkt manchmal Wunder!

Es gibt auch noch andere Situationen. Es ist nicht nur immer der Partner, der überfordert ist, sondern nicht selten die erwachsenen Kinder.

Ich möchte Ihnen anhand von zwei Beispielen aufzeigen, dass Kinder, deren Elternteil oder beide Eltern zu Hause leben, nicht immer genau beurteilen oder sehen können, wie es um ihre Eltern steht und ob diese wirklich noch in der Lage sind, weiterhin ohne Hilfe zu Hause leben zu können.

Wie diese beiden Beispiele bestätigen, zeigt die Realität eine andere Sicht auf:

1. Beispiel: Eine ältere Frau lebte allein in ihrer Wohnung. Bei ihr wurde vor Jahren Parkinson diagnostiziert. Sie managte alles selbständig und ihre Krankheit blieb lange stabil.
Langsam verschlechterte sich ihr geistiger Zustand –fast unmerklich. Es fing damit an, dass sie Sachen verlegte oder nicht mehr fand. Sie konnte dies lange Zeit vertuschen, indem sie alles relativierte und vage in ihren Äusserungen blieb. Es dauerte sehr lange, bis sie sich eingestehen konnte, dass ihre Vergesslichkeit nun grössere Ausmasse annahm. Die Frau merkte, dass sie wichtige Termine vergass und Tage der Abmachungen verwechselte.
Sie ass nicht mehr regelmässig, kochte nicht mehr richtig, vergass ihre Medikamente, oder nahm zu viele. Dies hatte letztlich gesundheitliche Konsequenzen.

Daraufhin wurde die Spitex organisiert, die auch das Essen lieferte. Da das Essen schon zeitig gebracht wurde, war der Hunger noch nicht gross und sie ass es nicht sofort. Es wurde nicht gleich bemerkt, dass die Frau nicht mehr fähig war, das Essen aufzuwärmen und somit unregelmässig ass. Wenn sie Hunger hatte, wusste sie nicht mehr, dass das Essen in der Bratpfanne bereit stand und wie sie es nur noch aufwärmen musste. Dies hatte zur Folge, dass die Frau schwach wurde und wegen Gleichgewichtsstörungen stürzte.

Ihr Sohn kümmerte sich gut um sie. Er konnte jedoch nicht 24 Stunden am Tag bei ihr wohnen. So blieb der wirkliche Zustand lange Zeit verborgen, bis die Frau eines Tages ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, weil sie verwirrt war und wieder stürzte.
Im Krankenhaus wurde ersichtlich, dass die Frau nicht mehr allein leben konnte und für sie notfallmässig nach dem Krankenhausaufenthalt ein Pflegeplatz gesucht und die Wohnung gekündigt werden musste, ohne dass sie nochmals zurück in ihre Wohnung konnte.

2. Beispiel: Ein älteres Ehepaar lebte zu Hause. Sie hatten mehrere Kinder. Der Vater war dement, konnte aber noch alles, was seine Frau ihm auftrug, ausführen. Die Mutter schien klar im Kopf. Sie konnte fast nicht mehr gehen und brauchte Hilfe. Sie hatte das RLS (Restless Leg Syndrom), unruhige Beine.

Die Kinder richteten es so ein, dass die Tochter jeden Dienstag bei den Eltern vorbeischaute und sonntags eines ihrer Geschwister. Die Tochter brachte dann fünf Nachtessen und die Mittagessen wurden vom Mahlzeitendienst gebracht.

Als die Tochter die Eltern wieder einmal besuchte, sagte ihr die Mutter, dass sie Hunger hätte.
Die Tochter fragte, ob sie denn am Mittag nicht das Essen vom Mahlzeitendienst gegessen hätten.
Sie antwortete darauf, dass sie dies schon lange gegessen hätten.

In der Küche sah die Tochter, dass der Vater die Menüs in den Kehricht geleert hatte! Das Essen kam so früh, dass der Vater in seiner Demenz meinte, er müsse die Pfannen leeren und abwaschen. Er warf deswegen das Essen immer wieder weg, ohne dass die Mutter dies bemerkte.

An diesem Tag schlief die Tochter bei den Eltern, weil sie das Gefühl hatte, dass etwas nicht mehr stimme. So hatte sie mitbekommen, was in der Nacht lief. Die Mutter weckte ihren Ehemann immer wieder, weil sie unruhige Beine hatte oder auf die Toilette musste.

Da sah die Tochter, dass die Eltern nicht mehr in der Lage waren, allein in der Wohnung zu leben. Die Kinder mussten deshalb eine andere Lösung suchen.

Mit diesen Beispielen möchte ich aufzeigen, dass die Situation oft falsch eingeschätzt wird, auch wenn sich die Kinder gut um ihre Eltern kümmern.

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