Ein Engel verliert seine Flügel
Das Menschen-Erwachen
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-99130-503-3
Erscheinungsdatum: 24.07.2024
Wie funktionieren die Menschen? Weshalb tun sie so viele Dinge automatisch, ganz ohne nachzudenken? Sind wir nichts anderes als Maschinen? Rocco geht diesen Fragen auf den Grund und kommt zu spannenden Erkenntnissen …
Vorwort
Nur wer etwas überschüssige Zeit hat, liest in Büchern und will dabei von deren Inhalt unterhalten werden. Jeder hofft dabei, etwas Neues zu erfahren. Bei den einen geht es um reinen Zeitvertreib und diese Menschen lesen deswegen Kriminal- oder andere Romane. Andere lesen Bücher über ihr Lieblingsthema oder über ihr Hobby, aber es gibt auch Menschen, die sind auf der Suche und wissen oft nicht genau wonach sie suchen. Sie hoffen, dass sie beim Bücherlesen etwas finden. Wer aber seinen Wissensschatz bewusst erweitern will, stellt an den Lesestoff oft hohe Ansprüche.
Wer mit seiner aktuellen Lebenssituation nicht vollständig zufrieden ist, der will beim Lesen davon, zumindest für kurze Zeit, abgelenkt werden, oder aber er will in Büchern eine Lösung für seine Probleme finden. Wer sich jedoch tiefgehende Fragen zum Leben an sich stellt, liest gerne speziell ausgesuchte Bücher, denn er will damit über ein ganz spezielles Themengebiet noch mehr in Erfahrung bringen als er bisher davon wusste.
Der allseits bekannte Schweizer Psychiater, Carl Gustav Jung, machte sich sein ganzes Leben lang Gedanken darüber, wie der Mensch ist und wie er sich seinen Mitmenschen gegenüber ausdrückt. Er beobachtete dazu das Verhalten der Menschen bis ins kleinste Detail und konnte feststellen, dass jeder Mensch, wenn man nur seine Art wie er sich äußert und wie er kommuniziert, betrachtet, ein Unikat ist. Das musste ihn erstaunen, denn er wusste ja auch, dass alle Menschen biologisch gleich aufgebaut sind und chemisch, physisch sowie mechanisch gleich funktionieren, von den wenigen möglichen körperlichen Anomalien, die es immer wieder geben kann, einmal abgesehen. Die äußeren optischen Unterschiede jedoch ermöglichen es, zu erkennen, dass jeder Mensch, als Individuum, einzigartig ist. Zudem konnte er feststellen, dass es keine zwei Menschen gibt, die sich auf dieselbe Art äußern. Er müsste sich deswegen irgendwann eigentlich auch einmal die Frage gestellt haben: „Wie kann es sein, dass Menschen, die an sich gleichartig auf die Welt kommen, sich im Verlaufe des Lebens so unterschiedlich verändern?“ Am Ende seiner Schaffenszeit soll Carl Gustav Jung im Alter von 85 Jahren(!) – also rund sechs Monate bevor er starb – Folgendes gesagt haben:
„Es ist sehr wohl möglich,
dass wir die Welt von der verkehrten Seite anschauen
und dass wir die richtige Antwort finden könnten,
wenn wir unseren Standpunkt änderten
und sie von der anderen Seite her betrachten,
d. h. nicht von außen, sondern von innen!“
Leider kann ich nicht überprüfen ob dies der Wahrheit entspricht, denn dies hat mir ein Freund so zitiert. Für mich als Autor dieses Buches war es beeindruckend, zu erfahren, dass dieser sehr geachtete, gescheite Mensch im hohen Alter noch zu einer solchen Einsicht kommen konnte und damit sein eigenes Lebenswerk in einem gewissen Grad selber in Frage stellte. Die Einstellung zum eigenen Werk ermunterte mich zutiefst, dieses Buch zu schreiben, meine Erkenntnisse und Ansichten über die Welt, wie sie mich umgibt und zu der ich mich dazu zähle, in Romanform mit der Öffentlichkeit zu teilen. Es gibt auch andere Menschen, die mit ihren eigenen Erkenntnissen der Einsicht von C. G. Jung sehr nah kommen. Auf einem Kalender habe ich einmal den Sinnspruch gelesen, der ähnliches aussagt:
„Gehe nicht nach außen,
die Wahrheit wohnt im Inneren des Menschen.“
Dieses Buch ist nun weder ein Fachbuch noch ein reiner Roman, denn es enthält Aussagen, die ganz neu sind und die dich als engagierter Leser bestimmt überraschen werden. Das Buch erzählt die Geschichte eines Menschen, der bei seiner jahrelangen Suche nach dem Sinn seines Lebens auf etwas gestoßen ist, mit dem er sich dann über eine lange Zeit beschäftigt hat. Die im Buch angesprochenen neuen Ansichten über uns Menschen und über alles andere was existiert, werden dich möglicherweise dazu bringen, dir neue Gedanken zu deinem eigenen Sein und zu deinem aktuellen Leben zu machen. Sie werden deine bisherige Vorstellung, wie die Welt, in der du lebst, ist oder sein soll, in Frage stellen. Auf jeden Fall wird dir ein Weg angeboten, die Welt um dich herum, deine Mitmenschen und dich selber auf eine neue Art zu betrachten, die so noch nirgendwo beschrieben wurde. Wenn deine Gedanken dann noch frei sind und du dein Leben in Zukunft zumindest mitbestimmen oder gar selber gestalten möchtest, kann dich dieses Buch dabei unterstützen.
Einleitung
Im Vorwort hast du erfahren, dass Carl Gustav Jung die Menschen samt ihrer Psyche durch unzählige Gespräche und Überlegungen studiert hat und dann durch seine Arbeit als Psychiater und Autor von Fachbüchern eine Grundlage geschaffen hat, wie wir Menschen psychisch analysieren und therapieren können. Er ist der Mitbegründer der Psychoanalyse. Die heutige Psychiatrie basiert größtenteils auf seiner und der Arbeit von Sigmund Freud und auf ihren Schlüssen, die sie daraus zogen.
Dieses Buch geht nun noch einen Schritt weiter, ganz im Sinne der späten Erkenntnisse von C. G. Jung, die er kurz vor seinem Tode hatte. Es hielt es zu diesem späten Zeitpunkt für möglicherweise besser, den Menschen nicht nur von außen anzuschauen, sondern es auch von innen heraus zu tun.
In der Geschichte in diesem Buch wird dies gemacht und zusätzlich wird noch auf die Beziehungen der Menschen untereinander geschaut und auf die Sicht zu allem anderen, was neben uns Menschen noch existiert. Dabei werden nicht die bekannten Maßstäbe der Naturwissenschaft, inklusive der Physik und Chemie usw., oder die der Religionen, angewendet, sondern alles, was existiert, wird von einem Punkt innerhalb unserer Welt aus betrachtet, aus dem Mittelpunkt eines Menschen, selbst wenn dies physikalisch unmöglich erscheint. Meiner Meinung nach kann nämlich die Psychoanalyse den Blick auf das Ganze nicht aufzeigen, denn ihre Sicht beschränkt sich zu sehr auf den Menschen und sein Verhalten und das menschliche Umfeld, die Natur wird teilweise außer Acht gelassen.
Lieber Leser, du darfst dich nun für einmal als Betrachter der Welt fühlen, der einerseits die Welt von außen betrachtet und andererseits und gleichzeitig bist du auch das Instrument, mit dem du die Welt, in der du lebst, als Ganzes erkennen kannst und alle Details, aus der die Welt nun einmal zusammengesetzt ist, mitbetrachtest, und zwar aus deiner Mitte heraus. Es geht dabei um die Absicht, nicht nur die Details anzuschauen, um sie dann ausführlich zu erklären, sondern immer und gleichzeitig auch das Ganze im Blick zu haben, um damit die Beziehungen der Details untereinander nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer nämlich mit einem Fernrohr seinen ihm gegenübersitzenden Mitmenschen betrachten würde, der würde möglicherweise die einzelnen Hautporen und Leberflecken in dessen Gesicht erkennen, aber er würde nicht erkennen können, wem dieses Gesicht gehört. Durch den konzentrierten Blick auf ein Detail verlieren wir immer den Blick aufs Ganze und daher fehlt uns oft der Überblick, die Übersicht.
Das Buch will jedoch das Ganze, also alles Existierende, erläutern, indem es zuerst auf die Details schaut und sie erklärt, und dies in einem immer größer werdenden Sichtkreis tut und dies immer in Bezug zum Ganzen macht. Da „das Ganze“, die „Welt“, in der wir leben, für alle ganz normal denkenden Menschen meistens zu groß ist, um sie zu überblicken, erklärt das Buch „das Ganze“ auf eine neue Art. Ich habe deswegen „das Ganze“ im Begriff „System“ vereinigt. Das „System“ erklärt zuerst die Art, wie wir Menschen uns und unser Umfeld wahrnehmen, wie wir mit ihm kommunizieren, und dann öffnet es unser Blickfeld immer weiter und erklärt dabei schrittweise das ganze Umfeld, bis es am Schluss den Blick auf „das Ganze“, die Existenz, in der wir leben, freigibt.
Du brauchst dazu aber weder ein Mikroskop noch ein Weitwinkelobjektiv, noch sonstige besondere menschliche Fähigkeiten oder spezifisches Fachwissen, denn die Sicht auf „das Ganze“ kann mit unseren ganz normalen Sinnen „erkannt“ werden. Unsere Sinne, mit denen wir „das Ganze“ erkennen können, sind in uns und wir beherrschen sie als normale und gesunde Erwachsene. Wir müssen sie dabei nicht einmal speziell lokalisieren. Jeder Mensch und damit auch du bist ein „Instrument“ oder „Werkzeug“, mit dem „das Ganze“ überblickt und erkannt werden kann.
Wer ein Instrument außerhalb des eigenen Ichs verwenden würde, würde „das Ganze“ nicht erkennen können, weil dabei zumindest der, der durch das Instrument schaut, außen vor gelassen würde. Wenn du dich aber als Instrument empfindest, mit dem du alles betrachten willst, dann schließt du dich mit ein und damit erst kannst du „das Ganze“ erkennen. Diese beiden äußerst wichtigen Grundsätze sollen dir, lieber Leser, die Zuversicht geben, „das Ganze“ erkennen zu können, ohne dich dabei besonders anstrengen zu müssen. Nun wünsche ich dir viel Spaß beim Erkennen von neuen Einsichten, wie du „funktionierst“ und wie sich „das Ganze“ um dich herum zusammensetzt.
Kapitel 1
Der Schlaf
Ach nein, so was Blödes, jetzt habe ich vergessen, die Haustüre abzuschließen, dachte der gut angezogene Herr im besten Alter, der gerade in sein Auto, das er immer beim Carport seines Hauses abstellte, einsteigen wollte, und seufzte leise vor sich hin. Mit eingezogenem Kopf quälte er sich wieder aus dem Auto heraus, um ein schmerzhaftes Anstoßen mit dem Kopf am Türrahmen tunlichst zu vermeiden. Er schlenderte die wenigen Schritte zur Haustür seiner Villa zurück und fingerte unterwegs den Hausschlüssel an seinem Schlüsselbund heraus, sodass er ihn in den Zylinder, der keinen Millimeter aus der Hauseingangstüre herausragte, hineinstecken konnte. Er drehte ihn und stellte mit Verblüffung fest, dass die Türe bereits abgeschlossen war und sich nicht ein weiteres Mal abschließen ließ.
„Wie habe ich es vergessen können“, murmelte er etwas verstört in seinen kurz geschorenen, gepflegten Bart hinein. „Habe ich etwa geschlafen, als ich aus dem Haus ging?“, fragte er sich. „Aber wie bin ich dann zum Auto gelangt?“, versuchte er sich zu erinnern. Er konnte sich an die einzelnen Schritte, die er über den fast herrschaftlich wirkenden Hauszugangsweg machen musste, in keiner Weise erinnern. Es war früher Nachmittag und er hatte vorher gerade noch sein täglich zehn Minuten dauerndes Mittagsschläfchen beendet.
„So was“, dachte er und sinnierte weiter, „ich bin nicht müde und fühle mich frisch und gewappnet für das, was ich nun vorhabe. Das kann doch nicht wahr sein, wo bin ich auch in meinen Gedanken?“ Er erinnerte sich sogleich, denn er hatte ja einen Termin bei einem Arzt, der seit vielen Jahren hauptsächlich als Psychiater in seiner eigenen Praxis arbeitete.
Dr. Luzius Kammermann hieß er und kennengelernt hatte er ihn im Tennisclub. Luzius war ein außergewöhnlicher Mann, hager im Aussehen, hochgewachsene 190 Zentimeter lang, aber äußerst schlaksig in seinen Bewegungen. Seine Kopfhaare waren auf 1–2 Millimeter zurückgeschnitten und meistens trug er einen Dreitagebart, sodass er, weil er noch eine leicht nach vorne geneigte Kopf- beziehungsweise Schulterhaltung hatte, auf den ersten Blick ohne Weiteres als Obdachloser durchgehen würde. In Wirklichkeit entsprach sein Aussehen in keiner Weise seinem Charakter, seinem Lebensstil und seiner sozialen Stellung.
Er war sehr menschenfreundlich und sehr sozial eingestellt, was ihm einmal sogar den Basler „Chapeau“ einbrachte, und fuhr einen teuren Sportwagen. Er war blitzgescheit, konnte aber auch blödeln und bewältigte sein Leben abwechslungsweise zwischen Asketismus und vollem Genießen. Ein interessanter Typ, oft ein Querdenker, teilweise ein Aussteiger und gerade deswegen wollte er ihn treffen. Er wollte ihn etwas zum Thema Psychoanalyse fragen und auch zu dem, was ihm eben passiert war. Völlig geistesabwesend hatte er beim Verlassen seiner Villa die Haustüre abgeschlossen und als Eigentümer eines stattlichen Hauses fragte er sich deswegen einmal mehr, wie es möglich war, schlafend zu leben und trotzdem mehr oder weniger vernünftig zu handeln.
Es war ja nicht das erste Mal, dass Rocco, so hieß der fast alles hinterfragende gutaussehende Eigenheimbesitzer, unbewusst etwas tat und in diesem undefinierbaren Zustand trotzdem absolut richtig und auch vernünftig handelte. An sich war es etwas übertrieben, das Abschließen der Haustüre als vernünftig zu bewerten, wenn er sich einige Sekunden danach nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was er getan hatte. Es war ja schließlich sehr normal, sein Eigentum zu schützen und damit potenziellen Einbrechern die Arbeit zu erschweren. Mit Schaudern erinnerte sich Rocco daran, dass er einmal, es geschah vor vielen Jahren nach der sportlichen Tätigkeit auf dem Tennisplatz und dem anschließenden Essen mit seinen Kollegen im Clublokal, zu später Stunde nach Hause fuhr und plötzlich feststellen musste, dass er in Pratteln vor einem Hochhaus angekommen war. Vor Jahren schon zog er daraus aus, um aus seiner damaligen Wohnung im 11. Stock in sein neues Einfamilienhaus umzuziehen, das er in der Zwischenzeit bauen ließ.
Mit sprichwörtlicher schlafwandlerischer Sicherheit fuhr er den Weg von der Tennisanlage in Allschwil zu seinem früheren Wohnort und stellte dann dort sehr erstaunt fest, dass er in die völlig falsche Richtung gefahren war und halbautomatisch, man könnte auch sagen, im Wachschlaf, sein Auto gesteuert hatte. Er hatte es sicher über alle Kreuzungen gelotst, bis er vor seinem früheren Zuhause „aufwachte“ und seinen Irrtum bemerkte. Zuerst belustigt und dann, mit jedem Kilometer, mit dem er zurück und näher zu seinem aktuellen Wohnsitz kam, wurde er damals immer ärgerlicher, um schlussendlich lautstark herauszuplatzen: „Scheiße, was bin ich doch für ein Mensch, dem so was passiert? Habe ich einen Dachschaden oder was stimmt sonst nicht bei mir im Oberstübchen?“
Ja, es war gut, dass er nun bald mit Luzius auch darüber diskutieren konnte. Mit ihm konnte man stundenlang philosophieren und gleichzeitig dazwischen topaktuelle Themen besprechen. Deswegen wollte sich Rocco mit ihm treffen, denn über Gesundheit gab’s für ihn ja nichts zu diskutieren. Seit vielen Jahren musste er keinen Arzt mehr konsultieren, denn da gibt es bei ihm keine gesundheitlichen Störungen, abgesehen von den immer weißer werdenden Haaren auf seinem Kopf.
Luzius hatte seine Praxis in der Basler Innenstadt, aber das Treffen fand im Clubrestaurant auf der Tennisanlage in Augst statt. Es gab dort einen gedeckten Sitzbereich, in dem man auch essen konnte, aber dies war nicht angedacht. Ein kühles Bier passte besser zum sonnigen und warmen Nachmittag. Der Verkehr auf der Straße war eher mäßig und deswegen konnte sich Rocco darauf konzentrieren, seine Gedanken zu ordnen, um die Fragen, die er Luzius stellen wollte, vorzuformulieren. Es ging darum, herauszufinden, was der Unterschied zwischen einem wachen, bewusst aktiven Zustand war und dem anderen Zustand, in dem fast alles automatisch und vorhersehbar passierte und trotzdem nur das, was ursprünglich geplant war.
Gurdjieff, der Autor des Buches „Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“ (ISBN 3-7205-2122-5), hat in seinen anderen Schriften immer wieder betont, dass die Menschen keine echten Menschen sind, sondern nur Automaten. Heute würde er wohl den Begriff „Automaten“ mit dem Begriff „programmierte Roboter“ ersetzen, aber damals, zwischen den beiden Weltkriegen, war der Begriff „Automat“ wohl die einzig richtige Bezeichnung für das, was er von den Menschen hielt. (Im Buch „Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern“ ISBN 3-85914-144-9 bezeichnet er, auf der Seite 92 und Folgenden, die Menschen als Maschinen) Er wies immer wieder darauf hin, dass die Menschen die ganze Zeit schlafen, und meinte damit nicht den natürlichen nächtlichen Schlaf. In seinem schriftstellerischen Hauptwerk, das erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, er starb im Jahr 1949, bezeichnete seine Romanfigur „Beelzebub“ die Menschen immer als „dreihirnige Wesen“. Was er damit meinte, erklärte er in seinem Buch aber nicht und Rocco, der das aus drei Bänden bestehende Werk mehr als zweimal gelesen hatte, tat sich auch danach noch sehr schwer, die Bezeichnung „dreihirnige Wesen“ zu verstehen. Wo sind denn die drei Gehirne, fragte er sich noch Jahre danach. Das eine Gehirn im Kopf war ihm sehr wohl bekannt und mit dem zweiten Gehirn könnte das Rückenmark gemeint sein. Wo war aber das dritte Gehirn? Und wieso soll der Mensch auch schlafen, wenn er am Morgen aufgewacht und aufgestanden ist? Diese Fragen beschäftigten Rocco jahrelang und erst sechs oder sieben Jahre, nachdem er das Gurdjieffsche Hauptwerk gelesen hatte, begann er, in ganz kleinen Schritten, mehr und mehr zu ahnen, was „Beelzebub“ im Roman mit den „dreihirnigen Wesen“ gemeint hatte. Es war übrigens ganz anders, als er zuerst gedacht hatte, und deswegen noch viel interessanter. Doch davon etwas später mehr.
…
Nur wer etwas überschüssige Zeit hat, liest in Büchern und will dabei von deren Inhalt unterhalten werden. Jeder hofft dabei, etwas Neues zu erfahren. Bei den einen geht es um reinen Zeitvertreib und diese Menschen lesen deswegen Kriminal- oder andere Romane. Andere lesen Bücher über ihr Lieblingsthema oder über ihr Hobby, aber es gibt auch Menschen, die sind auf der Suche und wissen oft nicht genau wonach sie suchen. Sie hoffen, dass sie beim Bücherlesen etwas finden. Wer aber seinen Wissensschatz bewusst erweitern will, stellt an den Lesestoff oft hohe Ansprüche.
Wer mit seiner aktuellen Lebenssituation nicht vollständig zufrieden ist, der will beim Lesen davon, zumindest für kurze Zeit, abgelenkt werden, oder aber er will in Büchern eine Lösung für seine Probleme finden. Wer sich jedoch tiefgehende Fragen zum Leben an sich stellt, liest gerne speziell ausgesuchte Bücher, denn er will damit über ein ganz spezielles Themengebiet noch mehr in Erfahrung bringen als er bisher davon wusste.
Der allseits bekannte Schweizer Psychiater, Carl Gustav Jung, machte sich sein ganzes Leben lang Gedanken darüber, wie der Mensch ist und wie er sich seinen Mitmenschen gegenüber ausdrückt. Er beobachtete dazu das Verhalten der Menschen bis ins kleinste Detail und konnte feststellen, dass jeder Mensch, wenn man nur seine Art wie er sich äußert und wie er kommuniziert, betrachtet, ein Unikat ist. Das musste ihn erstaunen, denn er wusste ja auch, dass alle Menschen biologisch gleich aufgebaut sind und chemisch, physisch sowie mechanisch gleich funktionieren, von den wenigen möglichen körperlichen Anomalien, die es immer wieder geben kann, einmal abgesehen. Die äußeren optischen Unterschiede jedoch ermöglichen es, zu erkennen, dass jeder Mensch, als Individuum, einzigartig ist. Zudem konnte er feststellen, dass es keine zwei Menschen gibt, die sich auf dieselbe Art äußern. Er müsste sich deswegen irgendwann eigentlich auch einmal die Frage gestellt haben: „Wie kann es sein, dass Menschen, die an sich gleichartig auf die Welt kommen, sich im Verlaufe des Lebens so unterschiedlich verändern?“ Am Ende seiner Schaffenszeit soll Carl Gustav Jung im Alter von 85 Jahren(!) – also rund sechs Monate bevor er starb – Folgendes gesagt haben:
„Es ist sehr wohl möglich,
dass wir die Welt von der verkehrten Seite anschauen
und dass wir die richtige Antwort finden könnten,
wenn wir unseren Standpunkt änderten
und sie von der anderen Seite her betrachten,
d. h. nicht von außen, sondern von innen!“
Leider kann ich nicht überprüfen ob dies der Wahrheit entspricht, denn dies hat mir ein Freund so zitiert. Für mich als Autor dieses Buches war es beeindruckend, zu erfahren, dass dieser sehr geachtete, gescheite Mensch im hohen Alter noch zu einer solchen Einsicht kommen konnte und damit sein eigenes Lebenswerk in einem gewissen Grad selber in Frage stellte. Die Einstellung zum eigenen Werk ermunterte mich zutiefst, dieses Buch zu schreiben, meine Erkenntnisse und Ansichten über die Welt, wie sie mich umgibt und zu der ich mich dazu zähle, in Romanform mit der Öffentlichkeit zu teilen. Es gibt auch andere Menschen, die mit ihren eigenen Erkenntnissen der Einsicht von C. G. Jung sehr nah kommen. Auf einem Kalender habe ich einmal den Sinnspruch gelesen, der ähnliches aussagt:
„Gehe nicht nach außen,
die Wahrheit wohnt im Inneren des Menschen.“
Dieses Buch ist nun weder ein Fachbuch noch ein reiner Roman, denn es enthält Aussagen, die ganz neu sind und die dich als engagierter Leser bestimmt überraschen werden. Das Buch erzählt die Geschichte eines Menschen, der bei seiner jahrelangen Suche nach dem Sinn seines Lebens auf etwas gestoßen ist, mit dem er sich dann über eine lange Zeit beschäftigt hat. Die im Buch angesprochenen neuen Ansichten über uns Menschen und über alles andere was existiert, werden dich möglicherweise dazu bringen, dir neue Gedanken zu deinem eigenen Sein und zu deinem aktuellen Leben zu machen. Sie werden deine bisherige Vorstellung, wie die Welt, in der du lebst, ist oder sein soll, in Frage stellen. Auf jeden Fall wird dir ein Weg angeboten, die Welt um dich herum, deine Mitmenschen und dich selber auf eine neue Art zu betrachten, die so noch nirgendwo beschrieben wurde. Wenn deine Gedanken dann noch frei sind und du dein Leben in Zukunft zumindest mitbestimmen oder gar selber gestalten möchtest, kann dich dieses Buch dabei unterstützen.
Einleitung
Im Vorwort hast du erfahren, dass Carl Gustav Jung die Menschen samt ihrer Psyche durch unzählige Gespräche und Überlegungen studiert hat und dann durch seine Arbeit als Psychiater und Autor von Fachbüchern eine Grundlage geschaffen hat, wie wir Menschen psychisch analysieren und therapieren können. Er ist der Mitbegründer der Psychoanalyse. Die heutige Psychiatrie basiert größtenteils auf seiner und der Arbeit von Sigmund Freud und auf ihren Schlüssen, die sie daraus zogen.
Dieses Buch geht nun noch einen Schritt weiter, ganz im Sinne der späten Erkenntnisse von C. G. Jung, die er kurz vor seinem Tode hatte. Es hielt es zu diesem späten Zeitpunkt für möglicherweise besser, den Menschen nicht nur von außen anzuschauen, sondern es auch von innen heraus zu tun.
In der Geschichte in diesem Buch wird dies gemacht und zusätzlich wird noch auf die Beziehungen der Menschen untereinander geschaut und auf die Sicht zu allem anderen, was neben uns Menschen noch existiert. Dabei werden nicht die bekannten Maßstäbe der Naturwissenschaft, inklusive der Physik und Chemie usw., oder die der Religionen, angewendet, sondern alles, was existiert, wird von einem Punkt innerhalb unserer Welt aus betrachtet, aus dem Mittelpunkt eines Menschen, selbst wenn dies physikalisch unmöglich erscheint. Meiner Meinung nach kann nämlich die Psychoanalyse den Blick auf das Ganze nicht aufzeigen, denn ihre Sicht beschränkt sich zu sehr auf den Menschen und sein Verhalten und das menschliche Umfeld, die Natur wird teilweise außer Acht gelassen.
Lieber Leser, du darfst dich nun für einmal als Betrachter der Welt fühlen, der einerseits die Welt von außen betrachtet und andererseits und gleichzeitig bist du auch das Instrument, mit dem du die Welt, in der du lebst, als Ganzes erkennen kannst und alle Details, aus der die Welt nun einmal zusammengesetzt ist, mitbetrachtest, und zwar aus deiner Mitte heraus. Es geht dabei um die Absicht, nicht nur die Details anzuschauen, um sie dann ausführlich zu erklären, sondern immer und gleichzeitig auch das Ganze im Blick zu haben, um damit die Beziehungen der Details untereinander nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer nämlich mit einem Fernrohr seinen ihm gegenübersitzenden Mitmenschen betrachten würde, der würde möglicherweise die einzelnen Hautporen und Leberflecken in dessen Gesicht erkennen, aber er würde nicht erkennen können, wem dieses Gesicht gehört. Durch den konzentrierten Blick auf ein Detail verlieren wir immer den Blick aufs Ganze und daher fehlt uns oft der Überblick, die Übersicht.
Das Buch will jedoch das Ganze, also alles Existierende, erläutern, indem es zuerst auf die Details schaut und sie erklärt, und dies in einem immer größer werdenden Sichtkreis tut und dies immer in Bezug zum Ganzen macht. Da „das Ganze“, die „Welt“, in der wir leben, für alle ganz normal denkenden Menschen meistens zu groß ist, um sie zu überblicken, erklärt das Buch „das Ganze“ auf eine neue Art. Ich habe deswegen „das Ganze“ im Begriff „System“ vereinigt. Das „System“ erklärt zuerst die Art, wie wir Menschen uns und unser Umfeld wahrnehmen, wie wir mit ihm kommunizieren, und dann öffnet es unser Blickfeld immer weiter und erklärt dabei schrittweise das ganze Umfeld, bis es am Schluss den Blick auf „das Ganze“, die Existenz, in der wir leben, freigibt.
Du brauchst dazu aber weder ein Mikroskop noch ein Weitwinkelobjektiv, noch sonstige besondere menschliche Fähigkeiten oder spezifisches Fachwissen, denn die Sicht auf „das Ganze“ kann mit unseren ganz normalen Sinnen „erkannt“ werden. Unsere Sinne, mit denen wir „das Ganze“ erkennen können, sind in uns und wir beherrschen sie als normale und gesunde Erwachsene. Wir müssen sie dabei nicht einmal speziell lokalisieren. Jeder Mensch und damit auch du bist ein „Instrument“ oder „Werkzeug“, mit dem „das Ganze“ überblickt und erkannt werden kann.
Wer ein Instrument außerhalb des eigenen Ichs verwenden würde, würde „das Ganze“ nicht erkennen können, weil dabei zumindest der, der durch das Instrument schaut, außen vor gelassen würde. Wenn du dich aber als Instrument empfindest, mit dem du alles betrachten willst, dann schließt du dich mit ein und damit erst kannst du „das Ganze“ erkennen. Diese beiden äußerst wichtigen Grundsätze sollen dir, lieber Leser, die Zuversicht geben, „das Ganze“ erkennen zu können, ohne dich dabei besonders anstrengen zu müssen. Nun wünsche ich dir viel Spaß beim Erkennen von neuen Einsichten, wie du „funktionierst“ und wie sich „das Ganze“ um dich herum zusammensetzt.
Kapitel 1
Der Schlaf
Ach nein, so was Blödes, jetzt habe ich vergessen, die Haustüre abzuschließen, dachte der gut angezogene Herr im besten Alter, der gerade in sein Auto, das er immer beim Carport seines Hauses abstellte, einsteigen wollte, und seufzte leise vor sich hin. Mit eingezogenem Kopf quälte er sich wieder aus dem Auto heraus, um ein schmerzhaftes Anstoßen mit dem Kopf am Türrahmen tunlichst zu vermeiden. Er schlenderte die wenigen Schritte zur Haustür seiner Villa zurück und fingerte unterwegs den Hausschlüssel an seinem Schlüsselbund heraus, sodass er ihn in den Zylinder, der keinen Millimeter aus der Hauseingangstüre herausragte, hineinstecken konnte. Er drehte ihn und stellte mit Verblüffung fest, dass die Türe bereits abgeschlossen war und sich nicht ein weiteres Mal abschließen ließ.
„Wie habe ich es vergessen können“, murmelte er etwas verstört in seinen kurz geschorenen, gepflegten Bart hinein. „Habe ich etwa geschlafen, als ich aus dem Haus ging?“, fragte er sich. „Aber wie bin ich dann zum Auto gelangt?“, versuchte er sich zu erinnern. Er konnte sich an die einzelnen Schritte, die er über den fast herrschaftlich wirkenden Hauszugangsweg machen musste, in keiner Weise erinnern. Es war früher Nachmittag und er hatte vorher gerade noch sein täglich zehn Minuten dauerndes Mittagsschläfchen beendet.
„So was“, dachte er und sinnierte weiter, „ich bin nicht müde und fühle mich frisch und gewappnet für das, was ich nun vorhabe. Das kann doch nicht wahr sein, wo bin ich auch in meinen Gedanken?“ Er erinnerte sich sogleich, denn er hatte ja einen Termin bei einem Arzt, der seit vielen Jahren hauptsächlich als Psychiater in seiner eigenen Praxis arbeitete.
Dr. Luzius Kammermann hieß er und kennengelernt hatte er ihn im Tennisclub. Luzius war ein außergewöhnlicher Mann, hager im Aussehen, hochgewachsene 190 Zentimeter lang, aber äußerst schlaksig in seinen Bewegungen. Seine Kopfhaare waren auf 1–2 Millimeter zurückgeschnitten und meistens trug er einen Dreitagebart, sodass er, weil er noch eine leicht nach vorne geneigte Kopf- beziehungsweise Schulterhaltung hatte, auf den ersten Blick ohne Weiteres als Obdachloser durchgehen würde. In Wirklichkeit entsprach sein Aussehen in keiner Weise seinem Charakter, seinem Lebensstil und seiner sozialen Stellung.
Er war sehr menschenfreundlich und sehr sozial eingestellt, was ihm einmal sogar den Basler „Chapeau“ einbrachte, und fuhr einen teuren Sportwagen. Er war blitzgescheit, konnte aber auch blödeln und bewältigte sein Leben abwechslungsweise zwischen Asketismus und vollem Genießen. Ein interessanter Typ, oft ein Querdenker, teilweise ein Aussteiger und gerade deswegen wollte er ihn treffen. Er wollte ihn etwas zum Thema Psychoanalyse fragen und auch zu dem, was ihm eben passiert war. Völlig geistesabwesend hatte er beim Verlassen seiner Villa die Haustüre abgeschlossen und als Eigentümer eines stattlichen Hauses fragte er sich deswegen einmal mehr, wie es möglich war, schlafend zu leben und trotzdem mehr oder weniger vernünftig zu handeln.
Es war ja nicht das erste Mal, dass Rocco, so hieß der fast alles hinterfragende gutaussehende Eigenheimbesitzer, unbewusst etwas tat und in diesem undefinierbaren Zustand trotzdem absolut richtig und auch vernünftig handelte. An sich war es etwas übertrieben, das Abschließen der Haustüre als vernünftig zu bewerten, wenn er sich einige Sekunden danach nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was er getan hatte. Es war ja schließlich sehr normal, sein Eigentum zu schützen und damit potenziellen Einbrechern die Arbeit zu erschweren. Mit Schaudern erinnerte sich Rocco daran, dass er einmal, es geschah vor vielen Jahren nach der sportlichen Tätigkeit auf dem Tennisplatz und dem anschließenden Essen mit seinen Kollegen im Clublokal, zu später Stunde nach Hause fuhr und plötzlich feststellen musste, dass er in Pratteln vor einem Hochhaus angekommen war. Vor Jahren schon zog er daraus aus, um aus seiner damaligen Wohnung im 11. Stock in sein neues Einfamilienhaus umzuziehen, das er in der Zwischenzeit bauen ließ.
Mit sprichwörtlicher schlafwandlerischer Sicherheit fuhr er den Weg von der Tennisanlage in Allschwil zu seinem früheren Wohnort und stellte dann dort sehr erstaunt fest, dass er in die völlig falsche Richtung gefahren war und halbautomatisch, man könnte auch sagen, im Wachschlaf, sein Auto gesteuert hatte. Er hatte es sicher über alle Kreuzungen gelotst, bis er vor seinem früheren Zuhause „aufwachte“ und seinen Irrtum bemerkte. Zuerst belustigt und dann, mit jedem Kilometer, mit dem er zurück und näher zu seinem aktuellen Wohnsitz kam, wurde er damals immer ärgerlicher, um schlussendlich lautstark herauszuplatzen: „Scheiße, was bin ich doch für ein Mensch, dem so was passiert? Habe ich einen Dachschaden oder was stimmt sonst nicht bei mir im Oberstübchen?“
Ja, es war gut, dass er nun bald mit Luzius auch darüber diskutieren konnte. Mit ihm konnte man stundenlang philosophieren und gleichzeitig dazwischen topaktuelle Themen besprechen. Deswegen wollte sich Rocco mit ihm treffen, denn über Gesundheit gab’s für ihn ja nichts zu diskutieren. Seit vielen Jahren musste er keinen Arzt mehr konsultieren, denn da gibt es bei ihm keine gesundheitlichen Störungen, abgesehen von den immer weißer werdenden Haaren auf seinem Kopf.
Luzius hatte seine Praxis in der Basler Innenstadt, aber das Treffen fand im Clubrestaurant auf der Tennisanlage in Augst statt. Es gab dort einen gedeckten Sitzbereich, in dem man auch essen konnte, aber dies war nicht angedacht. Ein kühles Bier passte besser zum sonnigen und warmen Nachmittag. Der Verkehr auf der Straße war eher mäßig und deswegen konnte sich Rocco darauf konzentrieren, seine Gedanken zu ordnen, um die Fragen, die er Luzius stellen wollte, vorzuformulieren. Es ging darum, herauszufinden, was der Unterschied zwischen einem wachen, bewusst aktiven Zustand war und dem anderen Zustand, in dem fast alles automatisch und vorhersehbar passierte und trotzdem nur das, was ursprünglich geplant war.
Gurdjieff, der Autor des Buches „Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“ (ISBN 3-7205-2122-5), hat in seinen anderen Schriften immer wieder betont, dass die Menschen keine echten Menschen sind, sondern nur Automaten. Heute würde er wohl den Begriff „Automaten“ mit dem Begriff „programmierte Roboter“ ersetzen, aber damals, zwischen den beiden Weltkriegen, war der Begriff „Automat“ wohl die einzig richtige Bezeichnung für das, was er von den Menschen hielt. (Im Buch „Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern“ ISBN 3-85914-144-9 bezeichnet er, auf der Seite 92 und Folgenden, die Menschen als Maschinen) Er wies immer wieder darauf hin, dass die Menschen die ganze Zeit schlafen, und meinte damit nicht den natürlichen nächtlichen Schlaf. In seinem schriftstellerischen Hauptwerk, das erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, er starb im Jahr 1949, bezeichnete seine Romanfigur „Beelzebub“ die Menschen immer als „dreihirnige Wesen“. Was er damit meinte, erklärte er in seinem Buch aber nicht und Rocco, der das aus drei Bänden bestehende Werk mehr als zweimal gelesen hatte, tat sich auch danach noch sehr schwer, die Bezeichnung „dreihirnige Wesen“ zu verstehen. Wo sind denn die drei Gehirne, fragte er sich noch Jahre danach. Das eine Gehirn im Kopf war ihm sehr wohl bekannt und mit dem zweiten Gehirn könnte das Rückenmark gemeint sein. Wo war aber das dritte Gehirn? Und wieso soll der Mensch auch schlafen, wenn er am Morgen aufgewacht und aufgestanden ist? Diese Fragen beschäftigten Rocco jahrelang und erst sechs oder sieben Jahre, nachdem er das Gurdjieffsche Hauptwerk gelesen hatte, begann er, in ganz kleinen Schritten, mehr und mehr zu ahnen, was „Beelzebub“ im Roman mit den „dreihirnigen Wesen“ gemeint hatte. Es war übrigens ganz anders, als er zuerst gedacht hatte, und deswegen noch viel interessanter. Doch davon etwas später mehr.
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