Der christliche Glaube und die vierte Dimension
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 216
ISBN: 978-3-99146-893-6
Erscheinungsdatum: 04.07.2024
Dieses Buch befasst sich mit den unterschiedlichen Sichten zur Bibel, indem es logische Schwächen aufdeckt und eine fundierte Grundlage für die Wahrheit der Bibel liefert. Es regt Skeptiker zum Nachdenken an und trägt zur Stärkung des Glaubens bei.
Vorwort
Als Mathematiker, der sich vorwiegend mit den Grundlagen der Geometrie beschäftigt, bin ich immer wieder fasziniert von der Art und Weise, wie sich die Mathematik im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts von einer mit Intuition und Metaphysik behafteten zu einer wissenschaftlich strengen Disziplin entwickelt hat. Dies geschah dadurch, dass unzureichende Definitionen ersetzt, ungerechtfertigte Hypothesen beseitigt und neue Strukturen als denkmöglich und in sich widerspruchsfrei erkannt wurden. In der Folge konnten offene Probleme gelöst, bestehende Widersprüche aufgelöst und verschiedene Gebiete der Mathematik auf eine solide Grundlage gestellt werden.
Auch in der Physik erfolgten im 19. und 20. Jahrhundert Veränderungen, die zu einer Ablösung des klassischen physikalischen Weltbildes führten. Die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie sowie die Quantenphysik bedeuteten den Abschied von einem Weltbild, das durch das Prinzip von Ursache und Wirkung geprägt war. Die neuen Theorien ermöglichten es, für offene Probleme Lösungen zu finden und experimentelle Ergebnisse einzuordnen, die im Widerspruch zu bestehenden Theorien standen. Wir werden dies in Kap. 2 näher erläutern.
Ähnliche Entwicklungen haben in der Theologie nicht stattgefunden. Argumentationen über Themen des christlichen Glaubens – wie Gott, Teufel, Schöpfung und Evolution, die Beziehung zwischen Glauben und Wissenschaft, Sinn des Lebens, das Leid und die Theodizee-Frage, Israel – beruhen oft auf einem überholten Denksystem und Weltbild, auf Begriffen, die unzureichend definiert sind, und auf unbewiesenen Hypothesen. Diese Grundproblematik hatte zur Folge, dass sich in der Theologie in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten ganz verschiedene Richtungen entwickelt haben. Die Überzeugung, dass eine Klärung in dieser Situation zu einem besseren Verständnis und einer Vertiefung des Glaubens beitragen wird, war der Auslöser zum Schreiben dieses Buches.
Ich versuche nachzuweisen,
dass den Argumentationen, die die Bibel und den christlichen Glauben betreffen, häufig ein eingeschränkter Denkrahmen, fragwürdige Hypothesen und unzureichende Definitionen der verwendeten Begriffe zugrunde liegen und daher die Schlussfolgerungen oft nicht eindeutig und nicht stichhaltig sind,
dass es zahlreiche Vernunftgründe gibt, die die Echtheit des christlichen Glaubens und die Wahrheit der Bibel bezeugen,
dass der christliche Glauben und die Naturwissenschaften nicht einen Gegensatz darstellen und die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften helfen können, Glauben zu stützen und zu stärken.
Zum Nachweis der zweiten Aussage wird aufgezeigt,
dass sich der Inhalt des christlichen Glaubens und der Bibel in vielem so sehr von dem Inhalt anderer Religionen und Philosophien und von dem, was sich Menschen ausdenken, wünschen und ersehnen, unterscheidet, dass er unmöglich von Menschen erfunden und bloßes Menschenkonstrukt sein kann,
dass sich verschiedene Prophetien der Bibel im Verlauf der Geschichte erfüllt haben,
dass das Weltgeschehen je länger, desto offensichtlicher auf einen Zustand hin konvergiert, der in der Bibel vorausgesagt ist.
Ich bin mir bewusst, dass das Buch keinen mathematischen Beweis für die Existenz des in der Bibel vorgestellten Gottes und die Wahrheit des christlichen Glaubens liefert. Der letzte entscheidende Schritt bleibt der Glaube. Aber es will bei Christen und Theologen zu einem fundierten Umgang mit der Bibel und den Grundinhalten des christlichen Glaubens und zu einer Stärkung desselben beitragen. Es will Atheisten und religiöse Skeptiker zum Nachdenken anregen und dazu ermutigen, sich auf den in der Bibel vorgestellten Gott einzulassen, sich selbst mit dem Evangelium zu befassen und sich auch dann, wenn man nicht alles in der Bibel versteht, der von Mark Twain (1835–1910) erwähnten Herausforderung zu stellen: «Es sind nicht die Teile der Bibel, die ich nicht verstehe, die mich herausfordern, sondern jene Teile, die ich verstehe.» Es will helfen, Enttäuschungen durch negative Erfahrungen mit Christen oder im kirchlichen Unterricht zu überwinden.
Das Buch ist wie folgt aufgebaut:
Kapitel 1 und 2 befassen sich mit der grundsätzlichen Bedeutung der oben erwähnten Grundproblematik für die Wissenschaft, die Theologie und den christlichen Glauben sowie für das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft.
Kapitel 3 weist die hohe Wahrscheinlichkeit der Wahrheit der Bibel nach und dient damit als Vorbereitung für die folgenden Kapitel.
Kapitel 4 befasst sich mit dem Gottesverständnis, Kapitel 5 mit der Schöpfung und Evolution, Kapitel 6 mit verschiedenen Inhalten des christlichen Glaubens und Kapitel 7 mit dem Volk Israel und seiner Bedeutung für die Christenheit.
Da die Bibel die wichtigste Informationsquelle für den christlichen Glauben und die in den Kapiteln 4–7 behandelten Themen ist, beschäftigen wir uns schon in Kapitel 3 mit der Frage nach der Wahrheit der Bibel. Es liefert die entscheidende Grundlage für die Inhalte der nachfolgenden Kapitel.
Zur Verdeutlichung und Klärung sind in jedem Kapitel spezifische Beispiele eingebaut mit Aussagen von Theologen, Philosophen und Wissenschaftlern und mit Situationen aus Kirchen, Glaubensgemeinschaften, Staat und Gesellschaft.
1. Herausforderungen des
menschlichen Denkens
1.1 Einleitung
Bei Diskussionen über ein bestimmtes Thema treten häufig Unklarheiten und Missverständnisse auf, die durch eine oder mehrere der folgenden Ursachen bedingt sind:
P1
Der zugrunde liegende Denkrahmen ist nicht klar festgelegt und damit sind die Denkvoraussetzungen nicht einheitlich.
P2
Es werden Hypothesen zugrunde gelegt, die nicht klar als solche deklariert sind.
P3
Es werden Begriffe verwendet, die unzureichend definiert sind.
Diese drei Problemkreise können sich teilweise überschneiden. Der Einfachheit halber bezeichnen wir den gesamten durch sie gegebenen Problembereich mit P123.
Die Entwicklung der Mathematik und der Physik wurde in den letzten zwei Jahrhunderten dadurch entscheidend gefördert, dass die Berücksichtigung dieses Problembereichs viel zur Klärung der Grundlagen beigetragen hat. Wir werden in Kapitel 2 näher darauf eingehen.
In der Theologie blieb eine ähnliche Entwicklung aus. Dies führte bei theologischen Themen und Fragen des christlichen Glaubens immer wieder zu Missverständnissen und zur Entstehung verschiedener theologischer Strömungen. Ich werde in den folgenden Kapiteln näher darauf eingehen, u. a. im Zusammenhang mit dem Begriff Gott in Kapitel 4, der Frage «Was ist Wahrheit?» und der Wahrheitsfrage in Bezug auf die Bibel in Kapitel 3, dem biblischen Gottesbild in Kapitel 4, dem biblischen Schöpfungsbericht in Kapitel 5, sowie generell mit Aussagen, zu deren «biblischer Begründung» Bibelverse aus dem Zusammenhang herausgerissen und isoliert betrachtet wurden.
Bei dem Problembereich P123 geht es nicht um eine Frage der Logik. Dem Denken des Menschen liegt eine allgemeingültige Logik zugrunde. Sie ist notwendig, damit Kommunikation unter Menschen überhaupt sinnvoll ist und die gesendete Botschaft vom Empfänger überhaupt verstanden werden kann. Sender und Empfänger haben dieselbe Logik. Probleme bei der Kommunikation hängen meist mit dem Problembereich P123 zusammen. So ist es z. B. nicht korrekt, eine Aussage der Bibel als «nicht logisch» zu bezeichnen; es geht vielmehr darum, dass die Aussage mit der allgemeingültigen Logik innerhalb des zugrunde gelegten Denkrahmens und mit den zugrunde gelegten Hypothesen und Definitionen zu einem Widerspruch führt.
1.2 Denkrahmen
Meine Enkel kannten meine Frau nur mit grauen Haaren. Auf einem Foto war sie als junges Mädchen mit schwarzen Haaren abgebildet. Da fragte einer der Enkel: «Großmutter, hattest du damals die Haare gefärbt?» Die Art, wie wir über unsere Umwelt denken und sie erklären, hängt von dem zugrunde gelegten Denkrahmen ab.
Das folgende Beispiel soll verdeutlichen, dass sich bei Erweiterung unseres Denkrahmens durch Übergang zu einer höheren Dimension neue Möglichkeiten eröffnen und scheinbar unlösbare Probleme gelöst werden können.
Denken wir uns Lebewesen, die auf einer ebenen Fläche, d. h. in einer 2D-Welt leben. Sie stehen vor der Aufgabe, die beiden Puzzleteile links in der unten stehenden Figur lückenlos zusammenzufügen. Sie kommen zu dem Schluss, dass diese Aufgabe unlösbar ist. Eines Tages begegnen sie einem Menschen. Er lebt in einer 3D-Welt und löst das Problem, indem er den zweiten Teil um 180° dreht und dann die beiden Teile zusammenschiebt. Die Lebewesen stehen vor einem Wunder.
Unser Denkrahmen wird mitbestimmt von unserem Weltbild. Das klassische Weltbild ist von der Aufklärung und dem griechisch-humanistischen Denken geprägt und beruht auf dem, was mit unseren Sinnen wahrgenommen und mit der Vernunft daraus abgeleitet werden kann. Die Entwicklung der Physik im 19. und 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass die uns umgebende Wirklichkeit komplizierter ist, als bisher angenommen wurde, dass die Gesamtwirklichkeit wesentlich komplizierter ist als die stoffliche, sinnlich-wahrnehmbare Raum-Zeit-Welt, dass mehr Dimensionen als die 3 räumlichen Dimensionen nötig sind, um die uns umgebende Wirklichkeit zu beschreiben. Spätestens seit der Relativitätstheorie wissen wir, dass die wahre Realität nicht die ist, die wir in den 3 räumlichen Dimensionen wahrnehmen; die Welt ist 4-dimensional. Die Hinzunahme der Zeit als vierte Dimension und die Beschreibung der Welt als ein 4-dimensionales Raum-Zeit-Kontinuum ermöglicht es, verschiedene experimentell bestätigte Befunde (wie z. B. die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in gleichmäßig bewegten Systemen), die im Widerspruch zu der 3-dimensionalen klassischen, newtonschen Mechanik stehen, einzuordnen.
Diese Entwicklung ließ viele Aussagen der Bibel in einem neuen Licht erscheinen und sie hat dadurch auch zur Entspannung im Verhältnis von Glauben und Wissenschaft beigetragen. Sie hat zu einem Weltbild geführt, das es häufig leichter macht, biblische Aussagen zu akzeptieren und scheinbare Widersprüche zwischen Glaube und Naturwissenschaft zu überwinden. So fällt es einem Naturwissenschaftler heute leichter, ohne intellektuelle Verrenkungen an Wunder, Gebetserhörungen, gewisse Aussagen in der Bibel, an ein Eingreifen Gottes in der Welt zu glauben. Die Entwicklung hat ein vertieftes Verständnis von Glaubensinhalten und weiterführende Antworten auf Fragen des Glaubens ermöglicht, von Inhalten und auf Fragen, die Themen wie Gott, Wahrheit, Schöpfung, Evolution, die Existenz von Leiden betreffen.
Die in der Relativitätstheorie erfolgte Erweiterung von 3 auf 4 Dimensionen hat mich zum Titel dieses Buches inspiriert. Er soll zum Ausdruck bringen, dass eine Erweiterung des Denkrahmens des Menschen durch eine «göttliche Dimension» mithelfen kann, eine universale Realität anzuerkennen, die unsere sinnlich-wahrnehmbare Welt übersteigt, scheinbare Widersprüche zwischen Glaube und Naturwissenschaft oder Glaube und Erfahrung zu überwinden und Gott Wirkungsmöglichkeiten zuzugestehen, die über unseren Verstand hinausgehen. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden beim menschlichen Denkrahmen bzw. bei Einbezug der göttlichen Dimension symbolisch auch vom 3D- bzw. 4D-Denkrahmen sprechen.
In der Bibel finden sich zahlreiche Situationen, die zeigen, dass der Mensch mit seinem 3D-Denkrahmen der göttlichen Dimension des 4D-Denkrahmens nicht gerecht wird und dadurch die Tragweite der göttlichen Offenbarungen und des mit Jesus Christus angebrochenen neuen Gottesreiches nicht zu erfassen vermag. Eindrückliche Beispiele sind das Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus (Joh 3.1–8) über die «Wiedergeburt» als Voraussetzung für den Zugang zum Reich Gottes, der Hinweis von Jesus im Gespräch mit der Samaritanerin auf das «lebendige Wasser», das den geistigen Durst stillt (Joh 4.1–41), sowie das Wort Jesu vom «Essen des Fleisches und Trinken des Blutes des Menschensohnes» im Hinblick auf das Abendmahl (Joh 6.31–59).
Die prinzipielle Begrenztheit das menschlichen Denkrahmens in Bezug auf das Verständnis der Welt hat der Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch (* 1960) [43] treffend ausgedrückt: «So wie ein Fisch im Aquarium vermutlich nie verstehen wird, wo er sich befindet und was außerhalb seiner Welt ist, so hat gewiss auch der Mensch seine Grenzen in Bezug auf sein Verständnis vom Universum.» und «Möglicherweise werden wir die letzten Geheimnisse des Universums nie lüften. Ein Grund dafür ist, dass wir Menschen letztlich auf unser ‹Aquarium› begrenzt sind, ein anderer vielleicht, dass das Universum die Eigenschaft haben könnte, dass einige seiner Rätsel nicht mit den Mitteln, die das Universum selbst bereitstellt, gelöst werden können.» Bei Missachtung dieser möglichen prinzipiellen Begrenzung und Beschränkung unserer Denkfähigkeit besteht die Gefahr, dass der Mensch die hochkomplexe Realität der Schöpfung Gottes und damit auch Gott selber und sein Wirken in den 3D-Denkrahmen hineinzupressen versucht und damit der Größe Gottes und seiner Werke nicht gerecht wird. Darauf weisen auch mehrere Stellen der Bibel hin (z. B. Hiob 42.3, Ps 145.3, Jes 40.28 und 55.8).
1.3 Hypothesen, Definitionen und Zirkelschlüsse
Eine Schwierigkeit bei Diskussionen und Analysen ergibt sich häufig dadurch, dass die Argumentationen nicht explizit erwähnte und nicht näher begründete Hypothesen und unzureichend definierte Begriffe verwenden. Ich möchte dies anhand einiger Beispiele verdeutlichen:
Die Aussage «Das Gute und Göttliche existiert jenseits allen Seins und Denkens» des römischen Philosophen des Neuplatonismus Plotin (205–270) ist ohne Präzisierung des Begriffes Sein ohne inhaltliche Bedeutung.
Der mittelalterliche Philosoph, Theologe und Mathematiker Nikolaus von Kues (1401–1464) lehrt, dass der Mensch Schöpfer des geistlich Seienden und der künstlichen Formen ist, so wie Gott der Schöpfer des wirklich Seienden und der natürlichen Formen ist. Eine solche Aussage macht nur Sinn, wenn der Mensch mit seiner schöpferischen Kraft nicht als Teil des von Gott geschaffenen wirklich Seienden und damit nicht als Schöpfungswerk Gottes betrachtet wird.
Bei Statistiken führen nicht klar deklarierte Hypothesen zu Fehlinterpretationen. Als Beispiel sei eine schwedische Studie erwähnt, die zu belegen versuchte, dass Handynutzer mit 40 % höherer Wahrscheinlichkeit an Hirntumoren erkranken als Nicht-Handynutzer. Bei dieser Studie wurde jedoch nicht eine Gruppe von Handynutzern mit einer solchen von Nicht-Handynutzern verglichen, sondern eine Gruppe von Menschen mit Hirntumoren zu ihrer Handynutzung befragt!
In der Mathematik hat man im Verlaufe des 19. Jahrhunderts erkannt, dass gewisse implizite Hypothesen explizit als Axiome deklariert werden müssen und dass eine Theorie nur unter Hinzunahme dieser Axiome Gültigkeit hat. Man hat auch erkannt, dass man auf eine Definition gewisser Grundbegriffe verzichten muss und diese nur implizit durch bestimmte Axiome beschreiben kann. Wir werden im nächsten Kapitel näher darauf eingehen.
Unzureichende Definitionen und nicht deklarierte Hypothesen führen oft zu Zirkelschlüssen, d. h. die herzuleitende Aussage wird ganz oder teilweise schon als Voraussetzung verwendet. Dies kann mit der widersprüchlichen Vorstellung eines Menschen, der sich selbst aus dem Sumpf zieht, verglichen werden. Zirkelschlüsse werden meist nicht sofort als solche erkannt. Sie entstehen häufig dadurch, dass ein bei der Herleitung eines Resultates verwendeter Begriff in seiner Definition schon Teile des Ergebnisses enthält. So werden wir z. B. in den folgenden Kapiteln sehen, dass oft in Aussagen über Begriffe wie Gott, Wahrheit, Sinn des Lebens, Zufall Eigenschaften hergeleitet werden, die per definitionem diesen Begriffen zugeordnet wurden. Hier sei nur auf einen solchen Zirkelschluss in Bezug auf den Begriff Gott hingewiesen. Der katholische Theologe Kurt Mahnig [53] vertritt in seinem Buch «Theologische Relativitätstheorie» die Ansicht, dass Gott etwas Relatives ist und dass jeder Mensch sich sein eigenes Gottesbild zurechtzimmert. Gott wird so per definitionem zu einem Gedankenkonstrukt des Menschen. Bei einem solchen Vorgehen wird die Existenz des Menschen mit seiner Denkfähigkeit bereits vorausgesetzt, um sich ein Bild von Gott zu machen, und damit enthält ein so definiertes Gottesbild nur dann keinen Zirkelschluss, falls der Mensch nicht selbst schon ein Schöpfungswerk Gottes ist. Falls der Mensch nicht als Schöpfungswerk Gottes verstanden wird, wird zwar der Zirkelschluss vermieden; es stellt sich dann aber die Frage nach der Herkunft des Menschen und seines geistigen (und körperlichen) Potenzials.
Diese Frage und der Zirkelschluss werden uns in den drei nächsten Kapiteln im Zusammenhang mit dem biblischen Gottesbild und Schöpfungsbericht noch näher beschäftigen.
1.4 Griechisches und hebräisches Denken
In der christlichen Theologie hängt der Problembereich P123 wesentlich mit dem Unterschied zwischen der griechisch-analytischen und der hebräisch-ganzheitlichen Denkweise zusammen.
Die Bibel erzählt die Geschichte Gottes mit dem Volk der Juden und sie enthält die Lehre des Juden und Hebräers Jesus Christus. Sie und der christliche Glaube sind daher stark von hebräischem Gedankengut geprägt.
Die westeuropäische Denkweise ist wesentlich von den griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.) und Aristoteles (384–322 v. Chr.) beeinflusst – das entsprechende Weltbild ist dualistisch: Die Welt ist gespalten in einen sichtbaren physischen Teil, der die Materie und den Körper enthält und vergänglich ist, und einen unsichtbaren Teil, der aus den Ideen, dem Geist und den Seelen besteht und unvergänglich ist. Im Gegensatz dazu geht das hebräische Denken nicht von einer Spaltung der Wirklichkeit in einen sichtbaren und unsichtbaren Bereich aus, sondern von einem Bruch der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Das hebräische Denken ist auf Beziehungen ausgerichtet, es ist bildhaft und bringt oft durch Übertreibungen Dinge auf den Punkt; das griechische Denken fragt nach dem Wesen der Dinge und Personen und es zeichnet sich durch Genauigkeit, Sachlichkeit und exakte Beweisführung aus. Der katholische Theologe Herbert Vorgrimler (1929–2014) [76] präzisiert den Begriff Wesen wie folgt: «Das ‹Wesen› ist das nicht der Erfahrung und den Sinnen, sondern nur dem Denken zugängliche Was-Sein; die Wesensfrage lautet: Was ist das? Was macht das zu dem, was es ist und was es von allem anderen unterscheidet?»
…
Als Mathematiker, der sich vorwiegend mit den Grundlagen der Geometrie beschäftigt, bin ich immer wieder fasziniert von der Art und Weise, wie sich die Mathematik im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts von einer mit Intuition und Metaphysik behafteten zu einer wissenschaftlich strengen Disziplin entwickelt hat. Dies geschah dadurch, dass unzureichende Definitionen ersetzt, ungerechtfertigte Hypothesen beseitigt und neue Strukturen als denkmöglich und in sich widerspruchsfrei erkannt wurden. In der Folge konnten offene Probleme gelöst, bestehende Widersprüche aufgelöst und verschiedene Gebiete der Mathematik auf eine solide Grundlage gestellt werden.
Auch in der Physik erfolgten im 19. und 20. Jahrhundert Veränderungen, die zu einer Ablösung des klassischen physikalischen Weltbildes führten. Die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie sowie die Quantenphysik bedeuteten den Abschied von einem Weltbild, das durch das Prinzip von Ursache und Wirkung geprägt war. Die neuen Theorien ermöglichten es, für offene Probleme Lösungen zu finden und experimentelle Ergebnisse einzuordnen, die im Widerspruch zu bestehenden Theorien standen. Wir werden dies in Kap. 2 näher erläutern.
Ähnliche Entwicklungen haben in der Theologie nicht stattgefunden. Argumentationen über Themen des christlichen Glaubens – wie Gott, Teufel, Schöpfung und Evolution, die Beziehung zwischen Glauben und Wissenschaft, Sinn des Lebens, das Leid und die Theodizee-Frage, Israel – beruhen oft auf einem überholten Denksystem und Weltbild, auf Begriffen, die unzureichend definiert sind, und auf unbewiesenen Hypothesen. Diese Grundproblematik hatte zur Folge, dass sich in der Theologie in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten ganz verschiedene Richtungen entwickelt haben. Die Überzeugung, dass eine Klärung in dieser Situation zu einem besseren Verständnis und einer Vertiefung des Glaubens beitragen wird, war der Auslöser zum Schreiben dieses Buches.
Ich versuche nachzuweisen,
dass den Argumentationen, die die Bibel und den christlichen Glauben betreffen, häufig ein eingeschränkter Denkrahmen, fragwürdige Hypothesen und unzureichende Definitionen der verwendeten Begriffe zugrunde liegen und daher die Schlussfolgerungen oft nicht eindeutig und nicht stichhaltig sind,
dass es zahlreiche Vernunftgründe gibt, die die Echtheit des christlichen Glaubens und die Wahrheit der Bibel bezeugen,
dass der christliche Glauben und die Naturwissenschaften nicht einen Gegensatz darstellen und die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften helfen können, Glauben zu stützen und zu stärken.
Zum Nachweis der zweiten Aussage wird aufgezeigt,
dass sich der Inhalt des christlichen Glaubens und der Bibel in vielem so sehr von dem Inhalt anderer Religionen und Philosophien und von dem, was sich Menschen ausdenken, wünschen und ersehnen, unterscheidet, dass er unmöglich von Menschen erfunden und bloßes Menschenkonstrukt sein kann,
dass sich verschiedene Prophetien der Bibel im Verlauf der Geschichte erfüllt haben,
dass das Weltgeschehen je länger, desto offensichtlicher auf einen Zustand hin konvergiert, der in der Bibel vorausgesagt ist.
Ich bin mir bewusst, dass das Buch keinen mathematischen Beweis für die Existenz des in der Bibel vorgestellten Gottes und die Wahrheit des christlichen Glaubens liefert. Der letzte entscheidende Schritt bleibt der Glaube. Aber es will bei Christen und Theologen zu einem fundierten Umgang mit der Bibel und den Grundinhalten des christlichen Glaubens und zu einer Stärkung desselben beitragen. Es will Atheisten und religiöse Skeptiker zum Nachdenken anregen und dazu ermutigen, sich auf den in der Bibel vorgestellten Gott einzulassen, sich selbst mit dem Evangelium zu befassen und sich auch dann, wenn man nicht alles in der Bibel versteht, der von Mark Twain (1835–1910) erwähnten Herausforderung zu stellen: «Es sind nicht die Teile der Bibel, die ich nicht verstehe, die mich herausfordern, sondern jene Teile, die ich verstehe.» Es will helfen, Enttäuschungen durch negative Erfahrungen mit Christen oder im kirchlichen Unterricht zu überwinden.
Das Buch ist wie folgt aufgebaut:
Kapitel 1 und 2 befassen sich mit der grundsätzlichen Bedeutung der oben erwähnten Grundproblematik für die Wissenschaft, die Theologie und den christlichen Glauben sowie für das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft.
Kapitel 3 weist die hohe Wahrscheinlichkeit der Wahrheit der Bibel nach und dient damit als Vorbereitung für die folgenden Kapitel.
Kapitel 4 befasst sich mit dem Gottesverständnis, Kapitel 5 mit der Schöpfung und Evolution, Kapitel 6 mit verschiedenen Inhalten des christlichen Glaubens und Kapitel 7 mit dem Volk Israel und seiner Bedeutung für die Christenheit.
Da die Bibel die wichtigste Informationsquelle für den christlichen Glauben und die in den Kapiteln 4–7 behandelten Themen ist, beschäftigen wir uns schon in Kapitel 3 mit der Frage nach der Wahrheit der Bibel. Es liefert die entscheidende Grundlage für die Inhalte der nachfolgenden Kapitel.
Zur Verdeutlichung und Klärung sind in jedem Kapitel spezifische Beispiele eingebaut mit Aussagen von Theologen, Philosophen und Wissenschaftlern und mit Situationen aus Kirchen, Glaubensgemeinschaften, Staat und Gesellschaft.
1. Herausforderungen des
menschlichen Denkens
1.1 Einleitung
Bei Diskussionen über ein bestimmtes Thema treten häufig Unklarheiten und Missverständnisse auf, die durch eine oder mehrere der folgenden Ursachen bedingt sind:
P1
Der zugrunde liegende Denkrahmen ist nicht klar festgelegt und damit sind die Denkvoraussetzungen nicht einheitlich.
P2
Es werden Hypothesen zugrunde gelegt, die nicht klar als solche deklariert sind.
P3
Es werden Begriffe verwendet, die unzureichend definiert sind.
Diese drei Problemkreise können sich teilweise überschneiden. Der Einfachheit halber bezeichnen wir den gesamten durch sie gegebenen Problembereich mit P123.
Die Entwicklung der Mathematik und der Physik wurde in den letzten zwei Jahrhunderten dadurch entscheidend gefördert, dass die Berücksichtigung dieses Problembereichs viel zur Klärung der Grundlagen beigetragen hat. Wir werden in Kapitel 2 näher darauf eingehen.
In der Theologie blieb eine ähnliche Entwicklung aus. Dies führte bei theologischen Themen und Fragen des christlichen Glaubens immer wieder zu Missverständnissen und zur Entstehung verschiedener theologischer Strömungen. Ich werde in den folgenden Kapiteln näher darauf eingehen, u. a. im Zusammenhang mit dem Begriff Gott in Kapitel 4, der Frage «Was ist Wahrheit?» und der Wahrheitsfrage in Bezug auf die Bibel in Kapitel 3, dem biblischen Gottesbild in Kapitel 4, dem biblischen Schöpfungsbericht in Kapitel 5, sowie generell mit Aussagen, zu deren «biblischer Begründung» Bibelverse aus dem Zusammenhang herausgerissen und isoliert betrachtet wurden.
Bei dem Problembereich P123 geht es nicht um eine Frage der Logik. Dem Denken des Menschen liegt eine allgemeingültige Logik zugrunde. Sie ist notwendig, damit Kommunikation unter Menschen überhaupt sinnvoll ist und die gesendete Botschaft vom Empfänger überhaupt verstanden werden kann. Sender und Empfänger haben dieselbe Logik. Probleme bei der Kommunikation hängen meist mit dem Problembereich P123 zusammen. So ist es z. B. nicht korrekt, eine Aussage der Bibel als «nicht logisch» zu bezeichnen; es geht vielmehr darum, dass die Aussage mit der allgemeingültigen Logik innerhalb des zugrunde gelegten Denkrahmens und mit den zugrunde gelegten Hypothesen und Definitionen zu einem Widerspruch führt.
1.2 Denkrahmen
Meine Enkel kannten meine Frau nur mit grauen Haaren. Auf einem Foto war sie als junges Mädchen mit schwarzen Haaren abgebildet. Da fragte einer der Enkel: «Großmutter, hattest du damals die Haare gefärbt?» Die Art, wie wir über unsere Umwelt denken und sie erklären, hängt von dem zugrunde gelegten Denkrahmen ab.
Das folgende Beispiel soll verdeutlichen, dass sich bei Erweiterung unseres Denkrahmens durch Übergang zu einer höheren Dimension neue Möglichkeiten eröffnen und scheinbar unlösbare Probleme gelöst werden können.
Denken wir uns Lebewesen, die auf einer ebenen Fläche, d. h. in einer 2D-Welt leben. Sie stehen vor der Aufgabe, die beiden Puzzleteile links in der unten stehenden Figur lückenlos zusammenzufügen. Sie kommen zu dem Schluss, dass diese Aufgabe unlösbar ist. Eines Tages begegnen sie einem Menschen. Er lebt in einer 3D-Welt und löst das Problem, indem er den zweiten Teil um 180° dreht und dann die beiden Teile zusammenschiebt. Die Lebewesen stehen vor einem Wunder.
Unser Denkrahmen wird mitbestimmt von unserem Weltbild. Das klassische Weltbild ist von der Aufklärung und dem griechisch-humanistischen Denken geprägt und beruht auf dem, was mit unseren Sinnen wahrgenommen und mit der Vernunft daraus abgeleitet werden kann. Die Entwicklung der Physik im 19. und 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass die uns umgebende Wirklichkeit komplizierter ist, als bisher angenommen wurde, dass die Gesamtwirklichkeit wesentlich komplizierter ist als die stoffliche, sinnlich-wahrnehmbare Raum-Zeit-Welt, dass mehr Dimensionen als die 3 räumlichen Dimensionen nötig sind, um die uns umgebende Wirklichkeit zu beschreiben. Spätestens seit der Relativitätstheorie wissen wir, dass die wahre Realität nicht die ist, die wir in den 3 räumlichen Dimensionen wahrnehmen; die Welt ist 4-dimensional. Die Hinzunahme der Zeit als vierte Dimension und die Beschreibung der Welt als ein 4-dimensionales Raum-Zeit-Kontinuum ermöglicht es, verschiedene experimentell bestätigte Befunde (wie z. B. die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in gleichmäßig bewegten Systemen), die im Widerspruch zu der 3-dimensionalen klassischen, newtonschen Mechanik stehen, einzuordnen.
Diese Entwicklung ließ viele Aussagen der Bibel in einem neuen Licht erscheinen und sie hat dadurch auch zur Entspannung im Verhältnis von Glauben und Wissenschaft beigetragen. Sie hat zu einem Weltbild geführt, das es häufig leichter macht, biblische Aussagen zu akzeptieren und scheinbare Widersprüche zwischen Glaube und Naturwissenschaft zu überwinden. So fällt es einem Naturwissenschaftler heute leichter, ohne intellektuelle Verrenkungen an Wunder, Gebetserhörungen, gewisse Aussagen in der Bibel, an ein Eingreifen Gottes in der Welt zu glauben. Die Entwicklung hat ein vertieftes Verständnis von Glaubensinhalten und weiterführende Antworten auf Fragen des Glaubens ermöglicht, von Inhalten und auf Fragen, die Themen wie Gott, Wahrheit, Schöpfung, Evolution, die Existenz von Leiden betreffen.
Die in der Relativitätstheorie erfolgte Erweiterung von 3 auf 4 Dimensionen hat mich zum Titel dieses Buches inspiriert. Er soll zum Ausdruck bringen, dass eine Erweiterung des Denkrahmens des Menschen durch eine «göttliche Dimension» mithelfen kann, eine universale Realität anzuerkennen, die unsere sinnlich-wahrnehmbare Welt übersteigt, scheinbare Widersprüche zwischen Glaube und Naturwissenschaft oder Glaube und Erfahrung zu überwinden und Gott Wirkungsmöglichkeiten zuzugestehen, die über unseren Verstand hinausgehen. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden beim menschlichen Denkrahmen bzw. bei Einbezug der göttlichen Dimension symbolisch auch vom 3D- bzw. 4D-Denkrahmen sprechen.
In der Bibel finden sich zahlreiche Situationen, die zeigen, dass der Mensch mit seinem 3D-Denkrahmen der göttlichen Dimension des 4D-Denkrahmens nicht gerecht wird und dadurch die Tragweite der göttlichen Offenbarungen und des mit Jesus Christus angebrochenen neuen Gottesreiches nicht zu erfassen vermag. Eindrückliche Beispiele sind das Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus (Joh 3.1–8) über die «Wiedergeburt» als Voraussetzung für den Zugang zum Reich Gottes, der Hinweis von Jesus im Gespräch mit der Samaritanerin auf das «lebendige Wasser», das den geistigen Durst stillt (Joh 4.1–41), sowie das Wort Jesu vom «Essen des Fleisches und Trinken des Blutes des Menschensohnes» im Hinblick auf das Abendmahl (Joh 6.31–59).
Die prinzipielle Begrenztheit das menschlichen Denkrahmens in Bezug auf das Verständnis der Welt hat der Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch (* 1960) [43] treffend ausgedrückt: «So wie ein Fisch im Aquarium vermutlich nie verstehen wird, wo er sich befindet und was außerhalb seiner Welt ist, so hat gewiss auch der Mensch seine Grenzen in Bezug auf sein Verständnis vom Universum.» und «Möglicherweise werden wir die letzten Geheimnisse des Universums nie lüften. Ein Grund dafür ist, dass wir Menschen letztlich auf unser ‹Aquarium› begrenzt sind, ein anderer vielleicht, dass das Universum die Eigenschaft haben könnte, dass einige seiner Rätsel nicht mit den Mitteln, die das Universum selbst bereitstellt, gelöst werden können.» Bei Missachtung dieser möglichen prinzipiellen Begrenzung und Beschränkung unserer Denkfähigkeit besteht die Gefahr, dass der Mensch die hochkomplexe Realität der Schöpfung Gottes und damit auch Gott selber und sein Wirken in den 3D-Denkrahmen hineinzupressen versucht und damit der Größe Gottes und seiner Werke nicht gerecht wird. Darauf weisen auch mehrere Stellen der Bibel hin (z. B. Hiob 42.3, Ps 145.3, Jes 40.28 und 55.8).
1.3 Hypothesen, Definitionen und Zirkelschlüsse
Eine Schwierigkeit bei Diskussionen und Analysen ergibt sich häufig dadurch, dass die Argumentationen nicht explizit erwähnte und nicht näher begründete Hypothesen und unzureichend definierte Begriffe verwenden. Ich möchte dies anhand einiger Beispiele verdeutlichen:
Die Aussage «Das Gute und Göttliche existiert jenseits allen Seins und Denkens» des römischen Philosophen des Neuplatonismus Plotin (205–270) ist ohne Präzisierung des Begriffes Sein ohne inhaltliche Bedeutung.
Der mittelalterliche Philosoph, Theologe und Mathematiker Nikolaus von Kues (1401–1464) lehrt, dass der Mensch Schöpfer des geistlich Seienden und der künstlichen Formen ist, so wie Gott der Schöpfer des wirklich Seienden und der natürlichen Formen ist. Eine solche Aussage macht nur Sinn, wenn der Mensch mit seiner schöpferischen Kraft nicht als Teil des von Gott geschaffenen wirklich Seienden und damit nicht als Schöpfungswerk Gottes betrachtet wird.
Bei Statistiken führen nicht klar deklarierte Hypothesen zu Fehlinterpretationen. Als Beispiel sei eine schwedische Studie erwähnt, die zu belegen versuchte, dass Handynutzer mit 40 % höherer Wahrscheinlichkeit an Hirntumoren erkranken als Nicht-Handynutzer. Bei dieser Studie wurde jedoch nicht eine Gruppe von Handynutzern mit einer solchen von Nicht-Handynutzern verglichen, sondern eine Gruppe von Menschen mit Hirntumoren zu ihrer Handynutzung befragt!
In der Mathematik hat man im Verlaufe des 19. Jahrhunderts erkannt, dass gewisse implizite Hypothesen explizit als Axiome deklariert werden müssen und dass eine Theorie nur unter Hinzunahme dieser Axiome Gültigkeit hat. Man hat auch erkannt, dass man auf eine Definition gewisser Grundbegriffe verzichten muss und diese nur implizit durch bestimmte Axiome beschreiben kann. Wir werden im nächsten Kapitel näher darauf eingehen.
Unzureichende Definitionen und nicht deklarierte Hypothesen führen oft zu Zirkelschlüssen, d. h. die herzuleitende Aussage wird ganz oder teilweise schon als Voraussetzung verwendet. Dies kann mit der widersprüchlichen Vorstellung eines Menschen, der sich selbst aus dem Sumpf zieht, verglichen werden. Zirkelschlüsse werden meist nicht sofort als solche erkannt. Sie entstehen häufig dadurch, dass ein bei der Herleitung eines Resultates verwendeter Begriff in seiner Definition schon Teile des Ergebnisses enthält. So werden wir z. B. in den folgenden Kapiteln sehen, dass oft in Aussagen über Begriffe wie Gott, Wahrheit, Sinn des Lebens, Zufall Eigenschaften hergeleitet werden, die per definitionem diesen Begriffen zugeordnet wurden. Hier sei nur auf einen solchen Zirkelschluss in Bezug auf den Begriff Gott hingewiesen. Der katholische Theologe Kurt Mahnig [53] vertritt in seinem Buch «Theologische Relativitätstheorie» die Ansicht, dass Gott etwas Relatives ist und dass jeder Mensch sich sein eigenes Gottesbild zurechtzimmert. Gott wird so per definitionem zu einem Gedankenkonstrukt des Menschen. Bei einem solchen Vorgehen wird die Existenz des Menschen mit seiner Denkfähigkeit bereits vorausgesetzt, um sich ein Bild von Gott zu machen, und damit enthält ein so definiertes Gottesbild nur dann keinen Zirkelschluss, falls der Mensch nicht selbst schon ein Schöpfungswerk Gottes ist. Falls der Mensch nicht als Schöpfungswerk Gottes verstanden wird, wird zwar der Zirkelschluss vermieden; es stellt sich dann aber die Frage nach der Herkunft des Menschen und seines geistigen (und körperlichen) Potenzials.
Diese Frage und der Zirkelschluss werden uns in den drei nächsten Kapiteln im Zusammenhang mit dem biblischen Gottesbild und Schöpfungsbericht noch näher beschäftigen.
1.4 Griechisches und hebräisches Denken
In der christlichen Theologie hängt der Problembereich P123 wesentlich mit dem Unterschied zwischen der griechisch-analytischen und der hebräisch-ganzheitlichen Denkweise zusammen.
Die Bibel erzählt die Geschichte Gottes mit dem Volk der Juden und sie enthält die Lehre des Juden und Hebräers Jesus Christus. Sie und der christliche Glaube sind daher stark von hebräischem Gedankengut geprägt.
Die westeuropäische Denkweise ist wesentlich von den griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.) und Aristoteles (384–322 v. Chr.) beeinflusst – das entsprechende Weltbild ist dualistisch: Die Welt ist gespalten in einen sichtbaren physischen Teil, der die Materie und den Körper enthält und vergänglich ist, und einen unsichtbaren Teil, der aus den Ideen, dem Geist und den Seelen besteht und unvergänglich ist. Im Gegensatz dazu geht das hebräische Denken nicht von einer Spaltung der Wirklichkeit in einen sichtbaren und unsichtbaren Bereich aus, sondern von einem Bruch der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Das hebräische Denken ist auf Beziehungen ausgerichtet, es ist bildhaft und bringt oft durch Übertreibungen Dinge auf den Punkt; das griechische Denken fragt nach dem Wesen der Dinge und Personen und es zeichnet sich durch Genauigkeit, Sachlichkeit und exakte Beweisführung aus. Der katholische Theologe Herbert Vorgrimler (1929–2014) [76] präzisiert den Begriff Wesen wie folgt: «Das ‹Wesen› ist das nicht der Erfahrung und den Sinnen, sondern nur dem Denken zugängliche Was-Sein; die Wesensfrage lautet: Was ist das? Was macht das zu dem, was es ist und was es von allem anderen unterscheidet?»
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