Cover: Briefe an Sofia

Briefe an Sofia
"Hoppla" sagen genügt nicht


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-99130-988-8
Erscheinungsdatum: 02.06.2026
Wenn der Autor ob der vielen Gewalt in der Welt am Verzweifeln ist, schreibt er Briefe an Sofia. Das tut er seit Jahren. Sie antwortet nicht gleich, aber sie antwortet immer. Auch in seiner neuen Schrift kommt der Herr in der gelben Jacke vor.
Brief 26 an Sofia vom 27. Dezember 2022

Liebe Sofia,

Ich habe in Ausstellungen und Zeitungsberichten über Kolonialismus erschütternde Berichte gelesen. Ich sende dir hier aus dem Gedächtnis eine kleine Auswahl.

Dein Dieter


Bericht aus dem Kongo

Der Kolonialherr betritt das Haus. Die Sklavin steht auf, blickt auf den Boden. Im großen Holzzuber ist das Wasser bereit. Der Herr zieht sich aus und stellt sich neben den Holzzuber mit dem Rücken zur offenen Tür hin. Die Sklavin kniet vor ihm hin. Zwischen seinen Beinen hindurch sieht sie draußen ihre beiden Brüder. Sie hängen am Galgen, der vor der Hütte aufgebaut ist. Die Geschichte aus dem Nachbardorf hat sich herumgesprochen. Die Sklavin hat drei Kinder.


Bericht aus Mankato USA

Am 26. Dezember 1862 ließ Präsident Lincoln 38 Dakota hinrichten. Es waren Eingeborene, die versucht haben, die Eindringlinge zu verjagen. Der Galgen war eigens konstruiert worden, alle zugleich zu töten. 4000 kriegsgefangene Männer, Frauen und Kinder wurden gezwungen, die Hinrichtung ihrer Söhne, Ehemänner und Väter mitanzusehen.


Foto-Bericht aus Algerien

Junge Soldaten lachen. Einer von ihnen macht Fotos. Auf einem Foto sieht man Tote am Boden liegen. Auf dem nächsten Foto ist ein Mädchen, das am Lauf einer Pistole lutscht. Man sieht einen Finger am Abzug der Pistole. Auf anderen Fotos sieht man, wie die jungen Männer das Mädchen vergewaltigen. Der junge Soldat mit dem Finger am Abzug hebt den Kopf des Mädchens und blickt in ihre Augen. Im Hintergrund sieht man seinen Kameraden, der lächelt. Auf dem letzten Foto sieht man den zerrissenen Kopf des Mädchens.


Bericht von Shark Island

Frauen mussten mit Scherben zerbrochener Flaschen Schädel reinigen. Es waren die Schädel ihrer Söhne, die eben getötet wurden. Wissenschaftler in Berlin machten eine Studie über die verschiedenen „Rassen“. Ihnen fehlten noch einige Schädel. Deutsche Soldaten, alles Männer, haben in einem deutschen Konzentrationslager auf Shark Island vor Namibia für diese Studie Häftlinge getötet.
Liebe Sofia,

Stimmen diese Berichte?
Wie konnte dies alles geschehen?
Wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen?
Geschehen solche Gräueltaten heute noch?
Wie können wir dieses Treiben für immer stoppen?

Dein Dieter



Sophias Antwort auf Brief 26

Lieber Dieter

Es gibt unzählige Dokumente, Briefe, Fotos und Filme, die die Kolonialherren selbst angefertigt haben. Nach den Kriegen wurden viele Dokumente vernichtet, da sie Beweismaterial sind. Dokumente, die nicht rechtzeitig vernichtet werden konnten, fand man in Kellern oder Schubladen. Den Bericht aus dem Kongo und die Fotos aus Algerien kenne ich nicht. Angesichts der Abertausenden ähnlichen Berichte, die dokumentiert sind, ist dies nicht relevant.

Kolonialismus gibt es seit Menschengedenken. Der letzte Kolonialismus setzte mit der mörderischen Landnahme europäischer Männer ein. So habe Kolumbus, nachdem er mit den freundlich gesinnten Eingeborenen an einem Tisch gespeist hatte, alle einsammeln und erschießen lassen.

Zu deiner zweiten Frage: Die Kolonialherren – europäische Männer – waren stolz auf ihre Taten. In keiner Weise dachten sie an das Leid und die Qualen, die sie anderen Menschen antun. Würden wir in unserem Garten einen Käfer zertreten, weil er unnütz oder ein Schädling ist, kommen wir dem Denken eines Kolonialherren nahe. Dass sie, die Kolonialherren, für ihre Taten jemals zur Rechenschaft gezogen werden könnten, schien ihnen absurd. Das Leben eines Nichtweißen war für sie nicht mehr wert als ein Käfer.

Ohne Waffen ist Kolonialismus nicht möglich. Seit der Mensch seine Taten aufschreibt, erkennen wir den Zusammenhang zwischen Waffen und Macht. Dank der Waffen konnten europäische Männer den Rest der Welt unterwerfen. Es sind die Waffen, die am Beginn der langen Kette von Unrecht stehen. Mit einer Waffe in der Hand kennt die Perversion keine Grenzen. Am Ende führen ausgesuchte Schwarze das Gemetzel an den eigenen Brüdern und Schwestern selbst aus. Dank der besseren Waffen – Gewehre gegen Pfeile – konnte Europa mit geringem Aufwand während mehrerer Jahrhunderte den Rest der Welt ausbeuten. Die Überheblichkeit der europäischen Herren nahm groteske Formen an. Man lese in diesem Zusammenhang das amerikanische Gesetz über die Kopfgeld-Jagd, in welchem die Belohnung pro Skalp eines Indigenen festgehalten ist, oder die Hunnenrede des Kaisers Wilhelm II., in welcher er die deutschen Soldaten aufforderte, möglichst viele Chinesen zu töten:

Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen …, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.

Dies sind nur zwei Beispiele unter unzähligen.

Es waren Männer, die in allen Fällen auf die wehrlosen Eingeborenen geschossen haben, auch auf Frauen und Kinder. Um nicht jedes Mal das sich wiederholende Muster zu erklären, verwenden wir für diese Weltstruktur das Wort „Herrschaft der Männer“ oder kurz „Patriarchat“.

Patriarchale Strukturen durchdringen unsere Gesellschaft. Wir finden sie in den Regierungen, am Arbeitsplatz, auf dem Pausenhof einer Schule und in der Familie.

Auch die Bildung ist in Männerhänden. Deshalb wird an Schulen der Kolonialismus nur am Rande erwähnt. Die patriarchale Gesinnung an Universitäten äußert sich im Ausdruck „historischer Hintergrund“, das Lieblingsargument der sogenannten Experten. Sie benutzen es immer, wenn sie in Erklärungsnot geraten. Mit dem „Zeitgeist“ oder dem „historischen Hintergrund“ konnte das sich wiederholende Muster der Gewalttätigkeit lange Zeit unter den Teppich gekehrt werden. Auch die „Intertemporalität“, welche die Unantastbarkeit der kolonialen Rechtsprechung rechtfertigt, bezeugt patriarchale Macht.

Zu deiner dritten Frage: In den wenigen Urteilen über Kolonialverbrechen wurde nur selten eine Strafe ausgesprochen. In den Gerichten über die kolonialen Verbrechen saßen beinahe zu hundert Prozent männliche Richter. Der Kreis schließt sich: Patriarchale Verbrecher auf der einen Seite und in Talare gekleidete Männer auf der anderen.

Wir sprechen heute von „Neokolonialismus“. Ausbeutung geschieht nun unter dem Deckmantel der Globalisierung. Wiederum muss der Nichtweiße dem Weißen dankbar sein. Den Preis, den wir alle bezahlen, sind Bruderkriege in den armen Ländern und eine verseuchte Umwelt.

Mit der Gleichstellung der Frauen kommt ein anderes Denken in die Welt. Wir sprechen nun über die Männergewalt. Ausstellungen, wie du eine besucht hast, zeugen von der Beschämung über patriarchale Gräueltaten. Auch die damaligen Richtersprüche werden angeprangert und rückgängig gemacht.

Nur in wenigen Fällen wurden Direktverantwortliche verurteilt. Die Hauptverantwortlichen aber – Könige und Staatsmänner – wurden nie verurteilt. Im Gegenteil, sie genießen heute noch Verehrung. Nur von wenigen werden die Statuen dieser Könige als Schande empfunden. In peinlichen Debatten wird noch über die Rückgabe von Raubgütern diskutiert. Der Mehrheit der europäischen Bevölkerung fehlt das historische Bewusstsein, denn auch unsere Bildung ist patriarchalisch bestimmt.

Zu deiner vierten Frage: Genozide geschehen auch heute. Sie folgen alle nach demselben Muster: Einsammeln, Vergewaltigen und Ausrotten, heute durch Sterilisationen. In der weltweiten Informationsflut werden allfällige Berichte über die aktuellen Genozide nicht mehr wahrgenommen.

Patriarchale Macht ist auch subtil und beginnt bereits mit der Namensgebung: Amerigo Vespucci, ein Kolonialherr aus Florenz, gibt, ohne es zu wissen, dem „Neuen Kontinent“ den Namen Amerika. Dass der Name heute noch gültig ist, bezeugt die Macht des Stärkeren. Mit der Mitsprache der Frauen werden Gesetzesänderungen vorgenommen. Nicht mehr der Imperialist, sondern die Ureinwohner entscheiden nun über ihre Benennung: Eskimo, Indianer oder Neger sind heute verboten.

Wörter wie Entwicklungshilfe, Dritte Welt oder Kavaliersdelikt zeugen von der Selbstherrlichkeit. Die Frauen fordern Korrektur der Sprache und Beteiligung am gesamten gesellschaftlichen Leben. Sie fordern auch die Wiedergutmachung von kolonialen Verbrechen und die Rückgabe der Raubgüter.

Dieses „Treiben“, wie du es treffend nennst, können wir beenden, wenn wir das Übel bei seinem Namen nennen, Patriarchat.

Wenn eines Tages die Patriarchen in ein Schlauchboot steigen müssen, begreifen sie die Wichtigkeit des Mitfühlens. Dann jedoch würden auch ihre Klagen in den Tiefen der Ozeane versinken, außer …

Wir schaffen das Patriarchat sofort ab
und sammeln weltweit alle Waffen ein.

Waffengewalt ist der Anfang der Männerherrschaft. Waffengewalt lähmt. Waffengewalt spielt auf allen Ebenen: von Staaten mit Armeen über Banden mit Maschinenpistolen, Fanclubs mit Schlägern bis hin in die Familie mit der Pistole in der Hand des Vaters. Wir erschrecken ob der hohen Zahl der Gewalt an Frauen. Nennen wir diese unverblümt in unserer Sprache: Mord an Frauen.

Die große Zahl der heutigen Diktatoren scheint ein letztes Aufbäumen, ein trotziges Männergebaren, ein Narrentheater.

Die Männer, die der Gewalt entsagen, sind willkommen im Kreis, in welchem für Beleidigungen kein Platz mehr ist.

Hier noch einige Argumente, die du in Diskussionen verwenden kannst:

In heiligen Kriegen wurden ganze Generationen verstümmelt. Im Namen Gottes haben Männer den Eingeborenen Hände und Füße abgehackt und sie verbluten lassen. In Europa wurden Mädchen von Männern gequält, vergewaltigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die junge Frau, die man als Hexe anklagte, wurde von einem Würdenträger vergewaltigt und dabei schwanger. Um den Scheiterhaufen standen betende Männer.

oder

Die Frauen hatten keinen Zugang zu Bildung, durften nicht lesen. Sie waren den Tieren und Sachen gleichgestellt. Während Jahrtausenden durfte der Ehemann seine Frau schlagen und auch ungestraft töten. „Gescheite“ Männer diskutierten an Konzilen ernsthaft, ob Frauen eine Seele haben.

oder

Seit Tausenden Jahren terrorisieren Männer mit ihren Waffen ganze Völker und Erdteile. Wählen wir deshalb nur noch Frauen! Auch in der UNO sollen die Frauen mindestens zur Hälfte vertreten sein.

oder

Die Männer zerstören und töten an allen Ecken. Soldaten werden dazu gezwungen. Deserteure werden sofort exekutiert. Einige machen in den Kriegen das Schrecklichste von sich aus, vergewaltigen Kinder und zwingen die Mutter, dabei zuzuschauen.

oder
Heute gelten die Menschenrechte weltweit und für alle, auch für die Frauen. In vielen Ländern aber herrscht dank der Waffen aus den industrialisierten Ländern immer noch Mittelalter.

oder

Dort, wo man den Frauen den Zugang zur Bildung nicht mehr verwehrt, erwerben sie in kurzer Zeit alle erdenklichen Fähigkeiten, politisieren, regieren, sprechen Recht und schreiben Bücher.

oder

Nach mehrtausendjährigem Patriarchat ist ein hundertjähriges Matriarchat vertretbar. Dann wäre der Anteil der Frauen, der nicht „nach dem Takt des Patriarchats tanzt“, groß. Diese feministischen Frauen würden an einem Tisch so lange diskutieren, bis sie für alles eine gewaltfreie Lösung finden.

oder

Wo Frauen mitregieren, macht die Gesetzgebung Sprünge. Die Zahlen der Gewaltverbrechen nehmen ab, Vergewaltiger müssen ins Gefängnis, zur Umwelt wird mehr Sorge getragen, die Ernährungsindustrie zuckerfrei.

oder

Das globale und synchrone Einsammeln aller Waffen wäre die erste Amtshandlung in einem weltweiten Matriarchat. Danach würde alles an einem großen Tisch besprochen. An alles würden die Frauen denken. Ob dies Jahre oder Jahrzehnte dauerte, spielte keine Rolle, denn es gäbe keine Kriege mehr.

oder

Immer mehr Menschen öffnen die Augen. Durch Weitersagen werden andere auch ihre Augen öffnen, das Übel erkennen und bei seinem Namen nennen. Vor dem fünften Weltkrieg wird das globale Entwaffnen des Patriarchats gelingen. Ansonsten warten wir bis zum achten Weltkrieg. Begännen wir jetzt mit dem Weitersagen, ersparten wir unseren Nachkommen immerhin drei Weltkriege!

oder

Im Sinne des Weitersagens erwähnen wir hier Agota Lavoyer, die mit ihrem Buch „Jede_ Frau“ mithilft, diese immerwährenden Wiederholungen von Unterdrücken, Vergewaltigen und Töten zu beenden. Zitieren wir auch die Schweizer Politikerin Mattea Meyer: „Wir Frauen lassen uns nicht mehr zum Schweigen bringen!“

oder

Das Nachfühlen – einst vom sogenannt „starken Geschlecht“ belächelt – wird heute als Basis für eine friedliche Welt erkannt. Mit dem Mitgefühl überschreitet die Menschheit die Schwelle in ein neues Zeitalter. Mit dem Einsammeln aller Waffen beginnt das Zeitalter des Respekts, das Miteinander ohne Beleidigungen, eine Welt rein wie eine Berglandschaft.

Lieber Dieter, sei nicht traurig, wenn viele sagen, es sei Utopie, alle Waffen einzusammeln. Da erwidere ich: Wir Menschen können auf den Mond fliegen, also können wir wohl auch das Patriarchat abschaffen.

Ich danke dir.

Deine Sofia Mustelossa



Brief 29 an Sofia vom 12. März 2023

Liebe Sofia,

Ich habe an einem Flohmarkt ein Büchlein gekauft. Zunächst dachte ich, ich würde ein Kochbuch für Schwarze lesen.

Das Büchlein mit dem Titel Steinhart ist von einem unbekannten Autor namens Detlef Brand. Darin zitiert er Texte von Rudolf Steiner in Briefform. Nach den Texten folgen Witze und am Ende eine Satire.

Meine Fragen:

Hat Steiner wirklich solch rassistischen Humbug geschrieben?

Und

Wo sind die Grenzen des Humors?

Dein Dieter

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