Cover: Bewusstsein als Kommunikationsprozess

Bewusstsein als Kommunikationsprozess
Eine innovative Theorie zur Überwindung des Leib-Seele-Problems


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 216
ISBN: 978-3-7116-1036-2
Erscheinungsdatum: 02.09.2025
Das Leib-Seele-Problem ergibt sich aus dem Ansatz, Bewusstsein als Wahrnehmung zu deuten. Es lässt sich vermeiden, wenn Kognition und Teleologie getrennt und Bewusstsein als Generator eines kommunikativen Weltbezugs interpretiert werden.
1 Prolog


Eine der gängigsten Interpretationen von Platons Höhlengleichnis ist, dass die beschriebene Situation die Unwissenheit der Menschen symbolisiert. Welche Unwissenheit meint Platon? Er spricht von einer Diskrepanz zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und der tatsächlichen Realität der Welt. Und woher kommt sie? Sie entsteht nicht durch die Begrenztheit der Sinne, sondern dadurch, dass wir Menschen teleologisch denken. Teleologisches Denken zeichnet sich dadurch aus, dass jede Wahrnehmung und jede Erfahrung mit einer tieferen Dimension des „Warum“ verbunden ist – einer Erklärung oder einem Ziel, das über die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung hinausgeht. Die Suche nach dem Grund ist eine wesentliche Dimension menschlichen Denkens. Sie veranlasst den Verstand, nicht nur die oberflächliche Erscheinung der Dinge zu betrachten, sondern nach ihrem tieferen Sinn zu fragen.

Das Gleichnis beschreibt eine Gruppe von Menschen, die seit ihrer Geburt in einer Höhle gefangen sind. Sie sind an Armen und Beinen gefesselt und können nur geradeaus auf eine Felswand blicken. Dort sehen sie Schatten, die durch das Sonnenlicht von hinter ihnen vorbeigetragenen Gegenständen geworfen werden. Diese Schatten sind für sie die einzige Wirklichkeit. Sie erkennen nicht, dass es sich lediglich um einen Schattenwurf handelt. Ein Gefangener wird schließlich von seinen Fesseln befreit und kann die Höhle verlassen. Zunächst ist er von der Sonne geblendet und kann sich außerhalb der Höhle kaum orientieren. Mit der Zeit erkennt er jedoch die wahre Wirklichkeit des Seins und die Sonne als Symbol der absoluten Wahrheit und der höchsten Erkenntnis. Die Unwissenheit der Menschen besteht also darin, dass sie die Schatten fälschlicherweise für die Wirklichkeit der Welt halten. Erst nach der Loslösung von den Fesseln können sie sich umdrehen und der Wirklichkeit der Welt ins Auge blicken. Das Entscheidende ist die Befreiung von den Ketten und wie sie erreicht werden kann. Um dies zu verdeutlichen, entwickelt Platon die Ideenlehre. Die Ideen sind die wirklichen Dinge, das, was die Augen sehen und die Ohren hören, sind nur schattenhafte Abbilder davon.

Eine vergleichbare Situation finden wir im Rätsel des Bewusstseins. Wie die Gefangenen in der Höhle, die nur die Schatten an der Wand sehen, haben wir Menschen eine eingeschränkte Perspektive auf uns selbst und die Welt um uns herum. Unsere bewusste Erfahrung sind die Schatten an der Felswand. Was wirft diese Schatten? Wie kommt es, dass wir eine bewusste Wahrnehmung haben? Welchen Sinn könnte diese haben? Alle kognitiven Leistungen – wie Wahrnehmen, Handeln und Problemlösen – können auch ohne bewusstes Erleben erbracht werden. Maschinen wie künstliche Intelligenz oder automatisierte Systeme sind dazu in der Lage, ohne subjektives Bewusstsein intelligent zu handeln. Dies wirft die Frage auf, wozu Bewusstsein überhaupt notwendig ist, wenn es für die Ausführung solcher Aufgaben nicht erforderlich ist. David Chalmers, ein bekannter Vertreter der Philosophie des Geistes, unterscheidet in seiner Theorie zwischen leichten und schweren Problemen, um das Rätsel des Bewusstseins zu beantworten. Die leichten Probleme betreffen die kognitiven Mechanismen und die Funktionsweise des Gehirns im Zusammenhang mit Wahrnehmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung und anderen mentalen Prozessen. Diese Fragen sind zwar schwierig, aber prinzipiell lösbar. Aber warum gehen kognitive Prozesse mit bewusstem Erleben einher? Das ist die wirklich schwierige Frage. Es geht also nicht nur um die Schatten an der Felswand. Bewusstsein muss mehr sein, es muss auch noch einen dahinterliegenden Grund geben, eine gleichsam metaphysische Dimension. Es muss auch Objekte geben, die, hinter uns vorbeigetragen, jene Schatten des bewussten Erlebens werfen.

Auch beim Problem des Bewusstseins geht es um den Unterschied zwischen der Wahrnehmung und der teleologischen Struktur des Denkens, die auf den Grund zielt. Diese Differenz zwischen Wahrnehmung und Begründung spiegelt sich im bekannten Leib-Seele-Problem wider. Die Wahrnehmung zeigt uns den Körper, aber sie sagt uns nicht, warum er sich bewegt, warum er lebt. Ein zentraler Aspekt dieses Problems ist die Beobachtung, dass die Wahrnehmung des Körpers uns zwar viele physische Eigenschaften offenlegen und beantworten kann, uns aber nichts über den Grund liefert, warum wir dieses Geschehen bewusst erleben. Das Leib-Seele-Problem ist ein Paradebeispiel für eine philosophische Frage, die uns die Herausforderungen unseres Denkens vor Augen führt, insbesondere im Hinblick darauf, wie wir zwischen der materiellen Welt und den immateriellen Aspekten unserer Existenz, etwa Geist, Bewusstsein oder Seele, unterscheiden und vermitteln können. Es geht um die grundlegende Frage, wie die geistigen und körperlichen Aspekte des Menschen zusammenhängen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Diese Frage beschäftigt die Philosophie seit Jahrhunderten und kann als eine der großen „Fesseln“ des Denkens angesehen werden. Es scheint sich um zwei völlig verschiedene Bereiche zu handeln: den immateriellen Geist oder die Seele und den materiellen Körper. Wie lässt sich diese Trennung überwinden und in ihrer Verbindung begreifen? Warum ist es so schwer, eine befriedigende Erklärung zu finden?

Wir ringen also mit der Frage, wie Geist und Körper zusammenhängen. Es gibt bis heute keine zufriedenstellende Antwort. Von Anfang an haben die Menschen den Geist als das angesehen, was dem Körper Leben einhaucht. Diese Vorstellung findet sich in vielen Kulturen und Denktraditionen, sowohl in religiösen Weltanschauungen als auch in philosophischen Ansätzen. In der Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis wird in der Erzählung von der Erschaffung des Menschen berichtet, dass Gott den Menschen aus der Erde des Ackerbodens formt und ihn durch Einhauchen des Lebensodems zum Leben erweckt. Auch wenn Platon in seinem Werk „Phaidon“ und anderen Dialogen nicht direkt von einem „Odem“ spricht, wie es in der Bibel geschieht, ist die Vorstellung, dass der Geist das Leben ermöglicht, zentral für seine Philosophie.

Mit den Überlegungen des Aristoteles vollzieht sich ein entscheidender Wandel im Verständnis des Verhältnisses von Leib und Seele. Seine Lehre von der zielgerichteten Bewegung führt zu einer rationalen Verbindung von Leib und Seele, die sich nicht auf die unmittelbare Wahrnehmung geistiger und körperlicher Vorgänge bezieht, sondern durch eine logische Struktur erklärt wird. Aristoteles analysiert die logische Struktur der zielgerichteten Bewegung. Die von ihm entwickelte teleologische Sichtweise stellt eine notwendige Verbindung zwischen Leib und Seele her, indem beide als aufeinander bezogene Teile eines natürlichen Prozesses betrachtet werden. Leib und Seele bilden ein miteinander verbundenes Ganzes. In seinem Ansatz, Leib und Seele zu vereinen, gibt es keinen Widerspruch, kein „logisches Problem“.

Das logische Problem entsteht mit der Entwicklung der mechanistischen Naturwissenschaft der Neuzeit, insbesondere mit Descartes. Seine Trennung von Geist und Körper legt den Grundstein für das Leib-Seele-Problem als eines der zentralen Probleme der Philosophie. In der Neuzeit wird diese Dualität in Geist und Körper umbenannt, um jeden metaphysischen Beigeschmack zu tilgen. Doch das eigentliche Problem bleibt davon unberührt. Die spannende Frage ist, warum das so ist, warum mit Descartes dieses logische Problem auftaucht, das im teleologischen Konzept des Aristoteles noch nicht existiert.

Die neue Naturwissenschaft betrachtet die ganze Welt, einschließlich des Menschen, als eine sehr komplexe und riesengroße Maschine. Damit tritt ein mechanistisches Verständnis von Kausalität in den Vordergrund. Es entsteht eine Konfrontation mit dem teleologischen Verständnis von Verursachung, das im teleologischen Denken des Menschen begründet ist. Um den teleologischen Aspekt des bewussten Denkens zu bewahren und vor der Mechanisierung zu retten, trennt Descartes die Seele vollständig vom Körper. Der logische Fehler in Descartes’ Ansatz liegt darin, dass er einerseits am mechanistischen Denken der Naturwissenschaften festhält und damit den Körper vollständig in dieses mechanistische Weltbild integriert, andererseits aber die menschliche Geistestätigkeit als nicht mechanisch und nicht räumlich begreift. Damit trennt er das Subjekt als teleologisch-kausal handelnden Geist vom mechanisch-kausal ablaufenden Körpergeschehen. Was bei Aristoteles noch eine organische Einheit bildet, zerfällt nun in zwei völlig verschiedene Seinsweisen.

Diese scharfe Trennung zwischen mechanistisch verstandenem Naturgeschehen und menschlichem Geist ist aber bereits im Grundkonzept der neuzeitlichen Naturwissenschaft angelegt und wird von Descartes nur philosophisch untermauert. In den Naturwissenschaften steht der von Zielen und Absichten geleitete Forscher einem mechanisch ablaufenden Geschehen gegenüber, das durch die Entdeckung von Kausalgesetzen erklärt werden kann. Dieses Weltbild schließt ein teleologisches Streben nach metaphysischen Zielen im Naturgeschehen prinzipiell aus. Allerdings ist der Forscher selbst durch seine Orientierung an den von ihm verfolgten Zielen notwendigerweise teleologisch geprägt. Er hat ein Forschungsziel, er will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie es Goethe formulierte. Dies ist ein zentraler Aspekt, der oft übersehen wird, wenn man über die objektiven, mechanistischen Prozesse der Naturwissenschaften nachdenkt. Die Wissenschaft selbst ist ein menschliches Unternehmen, das nicht nur durch Kausalzusammenhänge und Naturgesetze, sondern auch durch die Ziele und Absichten des Forschers gekennzeichnet ist.

Daraus ergibt sich der logische Fehler beim Übergang von der aristotelischen zur modernen Naturwissenschaft. Der Mensch wird auf der Grundlage zweier unterschiedlicher Kausalitätsverständnisse beschrieben. Einerseits ist er Teil der Natur und unterliegt damit der mechanischen Kausalität, andererseits handelt er teleologisch, indem er Ziele verfolgt. Daraus ergibt sich zwangsläufig das Leib-Seele-Problem. Mein Handheben muss naturwissenschaftlich, mechanistisch aus neurologischen Vorgängen im Gehirn erklärt werden. Das ist dann ein kausal determiniertes Geschehen und lässt keinen Raum für einen freien Willen. Für mich steht aber die Absicht dahinter, meinen Freund auf der anderen Straßenseite zu grüßen, und das ist meine freie Entscheidung.

Bei Aristoteles gibt es dieses Problem nicht, da er auch die Naturphänomene teleologisch erklärt. Wir müssen sehr genau untersuchen, wie der Übergang zur mechanistischen Interpretation zustande kommt und wo genau der Fehler im Verständnis liegt. Gegenwärtig wird von der Hirnforschung, den Kognitionswissenschaften und großen Teilen der Philosophie eine naturwissenschaftliche Lösung des Leib-Seele-Problems angestrebt. Das bedeutet eine mechanisch-kausale Erklärung des Leib-Seele-Zusammenhangs und damit auch eine mechanisch-kausale Erklärung der Zielgerichtetheit menschlichen Handelns. Dieses Programm wird als „Naturalisierung“ des Bewusstseins bezeichnet. Es ist der Versuch, Bewusstseinsprozesse auf neuronale Prozesse zurückzuführen. Das Paradoxe daran ist, dass wir mit naturwissenschaftlichen Methoden ein Problem lösen wollen, das erst durch den Übergang zu naturwissenschaftlichen Methoden entstanden ist. Die Naturwissenschaft, wie sie sich seit Beginn der Neuzeit entwickelt hat, beruht eben auf dieser methodischen Trennung zwischen dem beobachtenden Subjekt, dem Geist, und dem beobachteten Objekt, dem Körper. Diese Trennung ist nicht nur ein philosophisches Konstrukt, sondern ein Funktionsprinzip der naturwissenschaftlichen Methode selbst. Wir versuchen das Bewusstsein durch materielle Prozesse zu erklären, während unsere gesamte naturwissenschaftliche Struktur bereits auf einer methodischen Trennung zwischen dem beobachtenden Geist und der beobachteten Materie beruht. Der forschende Geist ist also von der inhärenten Logik des Zugangs her prinzipiell vom untersuchten Objekt getrennt und damit als Forschungsgegenstand nicht zugänglich.

Wir brauchen also einen völlig neuen Ansatz, der über dualistische und monistische Konzepte hinsichtlich der Beziehung von Körper und Geist hinausgeht. Die Unterscheidung von Körper und Geist ergibt sich aus der Wahl des festen Punkts in der Wahrnehmung. Das ist die Position der neu entstandenen Naturwissenschaft. Diese lässt nur die Schatten an der Felswand als Erkenntnisquelle gelten und lehnt das teleologische Konzept der „metaphysisch“ gegebenen Gegenstände als Ursache derselben kategorisch ab. Die Schatten an der Felswand gelten uns als unmittelbar wahrgenommene Realität, die in sich mechanisch kausal geschlossen ist. Wie sieht jedoch die Situation aus, wenn die Sonne und die hinter uns vorbeiziehenden Gegenstände, also die teleologische Struktur, zur Wahrnehmung dazugehören?
Wie das Leib-Seele-Problem aufzeigt, kann die Frage nach dem Bewusstsein nicht allein durch die Fixierung auf die Schatten an der Felswand gelöst werden. Wir müssen uns von dieser gedanklichen Fessel befreien und die schattenwerfenden Dinge als Ursache strukturell mit einbeziehen, da unser bewusstes Denken teleologisch strukturiert ist. In diesem Zusammenhang geht es auch ganz wesentlich darum, die Grundlagen des naturwissenschaftlichen Denkens neu zu überdenken. Um all diese Fragen geht es in diesem Buch.




2 Einleitung


Als Descartes im 17. Jahrhundert seine berühmte Philosophie entwickelt, stellt er zwei zentrale Thesen auf, die das westliche Denken bis heute prägen: die radikale Trennung von Geist und Körper und die subjektive Perspektive des „Ich“, die er dem objektiven Zugang der Naturwissenschaften entgegensetzt. Sein berühmter Satz „Cogito, ergo sum“ legt den Grundstein für eine Philosophie, die das Selbstbewusstsein und die Rationalität des Individuums in den Vordergrund stellt. Diese Aussage proklamiert die Gewissheit des eigenen Denkens als unbestreitbare Wahrheit und etabliert eine klare Trennung zwischen Geist und Körper, bekannt als Dualismus. Die dualistische Sichtweise beeinflusst bis heute unser Verständnis von Bewusstsein und Identität, indem sie das subjektive Erleben und die rationale Reflexion als zentrale Aspekte des menschlichen Daseins hervorhebt.

Diese tief verwurzelte Perspektive ist uns im täglichen Denken und Handeln nicht bewusst. Sie ist fest in unserer Kultur und in unserem Selbstverständnis verankert. Diese Denkweise wird uns von Kindesbeinen an vermittelt. Wir haben sie sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Sie prägt unbewusst unsere Wahrnehmung von uns selbst und der Welt um uns herum, indem sie das rationale, bewusste Erleben in den Mittelpunkt stellt und klar zwischen geistigen und körperlichen Aspekten des Daseins unterscheidet. Diese Dualität der menschlichen Existenz beschreibt Beckermann gleich zu Beginn seines Werks „Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes“. Sie bildet für ihn den Ausgangspunkt seiner Überlegungen zum Bewusstsein. Es ist gleich der erste Satz der Einleitung. Dort lesen wir: „Menschen sind – daran kann es keinen Zweifel geben – auf der einen Seite biologische Lebewesen.“ Menschen sind zweifellos biologische Lebewesen. Sie atmen, nehmen Nahrung auf, wachsen, zeugen Nachwuchs und sterben. Gleichzeitig haben sie ein geistiges Leben, das Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Entscheiden umfasst. Beckermanns Beschreibung betont die duale Natur des Menschen, die sowohl eine körperliche als auch eine geistige Dimension umfasst. Diese Sichtweise spiegelt den cartesianischen Dualismus wider, der Geist und Körper als zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aspekte der menschlichen Existenz betrachtet. Der Mensch ist demnach nicht nur ein biologisches Wesen, sondern auch eines mit einem reichen geistigen Leben, das durch Wahrnehmung, Denken und Entscheidungsfindung gekennzeichnet ist. Die Feststellung der Dualität von Geist und Körper, die auf den ersten Blick wie eine Öffnung des Denkens zur Eroberung neuer Dimensionen des Selbstverständnisses erscheint, birgt in Wirklichkeit ein tiefes Problem. Diese Trennung führt zur Isolierung des Denkenden von der Welt, indem sie das Subjekt von der objektiven Realität abkoppelt.

Welcher normal denkende Mensch könnte an diesen Feststellungen zweifeln? Schließlich handelt es sich um offenkundige Tatsachen. Und doch liegt gerade in diesen so offensichtlichen Wahrheiten ein tiefes Problem. Mit dieser Feststellung befinden wir uns unausweichlich in der Leib-Seele-Spaltung. Was auf den ersten Blick wie ein großer Befreiungsschlag für das menschliche Denken erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als der Beginn einer problematischen Entwicklung. Sie führt zur Trennung des Denkenden von der Welt, zur Fragmentierung der Wirklichkeit und zur Herauslösung des Subjekts aus der sinnlich erfahrbaren Welt. Daraus resultiert eine strukturelle Fehlinterpretation des Bewusstseins.

In diesem Buch möchte ich zeigen, dass und wie Descartes uns mit diesen Gedanken in eine philosophische Sackgasse geführt hat. Die Konsequenzen seiner Thesen sind vielfältig und betreffen sowohl unser Verständnis von Wissen und Wissenschaft als auch unser Selbstverständnis und unseren Bezug zur Welt. Im Zentrum des Buches steht die Darstellung des logischen Fehlers, der zu dieser Fehlinterpretation geführt hat, und schließlich die Beschreibung des Weges, der uns aus dieser Sackgasse herausführt.

Das starre Denken der Trennung ist das Ergebnis des neuen mechanisch-wissenschaftlichen Ansatzes, der im 16. und 17. Jahrhundert aufkam, und der philosophischen Antwort, die Descartes auf diese Herausforderung gab. Lassen Sie uns gemeinsam diese Herausforderung analysieren und den Fehler in Descartes’ Antwort verstehen. Dadurch wird es möglich, die Fesseln des cartesianischen Denkens zu sprengen und einen neuen Zugang zu unserem Selbstverständnis zu entwickeln. Ein neuer philosophischer Zugang zur Frage des Bewusstseins wird sich eröffnen.

Descartes erkennt die Bedrohung des menschlichen Selbstverständnisses durch das mechanistische Weltverständnis und geht in seiner philosophischen Antwort einen radikalen Schritt, der in der Struktur des neuen wissenschaftlichen Ansatzes bereits angelegt ist. Er trennt Geist und Körper. In einem Befreiungsschlag gegen die mechanistische Determination postuliert er eine klare Unterscheidung zwischen dem denkenden Geist und der materiellen Welt der mit den Augen erfassbaren Körper mit Ausdehnung. Diese Dualität soll den menschlichen Geist als autonom und unabhängig von den Naturgesetzen positionieren.

Die Problematik dieses Versuchs, den Menschen aus dem mechanistischen Weltbild zu befreien, wird von Anfang an gesehen. Schon seine Zeitgenossen erkennen, dass Descartes damit ein tiefes philosophisches Dilemma schafft: das Leib-Seele-Problem. Wie kann ein immaterieller Geist mit einem materiellen Körper kommunizieren und interagieren? Vor allem eine seiner Freundinnen und Kritikerinnen, Prinzessin Elisabeth von der Pfalz, erkennt sofort die Schwierigkeit dieses Gedankens. In ihren Briefen an Descartes stellt sie genau diese kritische Frage, die in der Philosophie bis heute als ungelöst gilt. Seitdem wird unermüdlich, aber erfolglos, um eine Antwort gerungen. Descartes selbst schlägt die Zirbeldrüse als Knotenpunkt zwischen körperlichen Vorgängen und dem Geist vor. Er vertritt damit eine interaktionistische Theorie, die davon ausgeht, dass mentale Ereignisse wie Gedanken und Absichten physische Ereignisse im Gehirn hervorrufen können und umgekehrt.
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