Jahre der Stille

Jahre der Stille

Martin Förster


EUR 29,90

Format: 18 x 19 cm
Seitenanzahl: 110
ISBN: 978-3-99131-318-2
Erscheinungsdatum: 07.12.2022
Die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl war der größte Atomunfall in der Geschichte der Menschheit – und hat Wunden hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. Dieser Bildband hält die schrecklichen Folgen des Unfalls für die Ewigkeit fest.
Wnimanije! Radiazionnaja Opastnost!

Tschernobyl liegt in der Ukraine in der Landschaft Polesien am rechten Ufer des Prypjat, einem Nebenfluss des Dnepr. 1793 wurde die Stadt vom russischen Reich annektiert. Über 100.000 Juden, bis dahin unter dem Schutz der polnischen Machthaber stehend, wurden ermordet. Nach Jahren heftiger Unruhen wurde Tschernobyl 1915 von Österreichern, Deutschen und Ungarn besetzt. In den Jahren 1929 bis 1933 fegte eine von Josef Stalin provozierte Hungersnot über die Ukraine. Im September 1941 marschierten die Deutschen in der Ukraine ein und verübten unvorstellbare Verbrechen, allein in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew ermordeten Einheiten der SS unter der Leitung des Heeres der Wehrmacht im September 1941 in nur zwei Tagen fast 34.000 Juden. Im Februar 1970 kamen die Wissenschaftler nach Tschernobyl und errichteten das erste Atomkraftwerk in der Ukraine. Sie brachten unwissentlich Leid, Schmerz und Tod.

In der Offenbarung des Johannes kommt ein Stern namens Wermut als Strafe Gottes auf die Erde. Der Stern fällt ins Wasser, worauf sich ein Teil des Wassers in bitteren Absinth verwandelt und viele Menschen an diesem Wasser sterben. Das ukrainische Wort tschernobyl bedeutet Wermut.

In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 rührten einige Männer im Norden der Ukraine am Schlaf der Welt und kitzelten Gott am Bart. Sie scheiterten kläglich. Im Verlauf eines Routinetests im Kraftwerk von Tschernobyl drückten sie fahrlässig die falschen Knöpfe. Um 01:23:47 Uhr explodierte, auch aufgrund von eklatanten Konstruktionsmängeln im graphitmoderierten Druckröhren-Siedewasserreaktor des Typs RMBK-1000, Block 4 des AKW.

Geplant war gewesen, im Rahmen einer routinemäßigen Abschaltung von Block 4 auch gleich die Sicherheitssysteme zu überprüfen. Der Test war längst überfällig und hätte schon drei Jahre vorher bei Inbetriebnahme des Reaktors erfolgen müssen. Das Notfallkühlsystem wird am 25. April abgestellt, der Reaktor wird heruntergefahren. Die Nennleistung des Reaktors sinkt zu schnell. Um 01:00 Uhr am 26. April erreicht der Reaktor sieben Prozent seiner Nennleistung. Die Pumpen des Primärkreislaufs werden abgestellt, wodurch ein großer Teil der Brennstäbe aus dem Reaktor gezogen wird. Es beginnt eine Dampferzeugung. Das Experiment wird trotzdem fortgeführt. Die Leistung des Reaktors steigt immer schneller. Der Reaktor mit einer Bruttoleistung von 1.000 MW, der auch waffenfähiges Plutonium für Atombomben hätte produzieren können, lässt sich nicht mehr abbremsen. Die Kettenreaktion gerät außer Kontrolle. Der leitende Reaktoranlagen-Ingenieur in der Leitwarte 4 drückt den Schnellabschaltkopf AZ-5, um Brennstäbe in den Reaktor zurückzuschieben. Doch die Rohre sind aufgrund der enormen Hitze bereits verbogen. Das Uran schmilzt in den Brennstäben, das Kühlwasser verdampft. Der Reaktor explodiert und reißt die 1.000 Tonnen schwere Abdeckplatte von Block 4 zur Seite. Eine radioaktive Wolke entweicht in die Atmosphäre. Die Gefahr einer atomaren Totalkatastrophe wurde erschreckende Wirklichkeit. An einem Hochhaus in Prypjat am Lenin-Prospekt steht in großen Lettern geschrieben: „Das Atom sei ein Arbeiter, kein Soldat“. In jener Unglücksnacht fielen die Arbeiter.

Die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk Wladimir Iljitsch Lenin war der größte Atomunfall in der Geschichte der Menschheit. Tschernobyl ist ein Menetekel in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Durch das Unglück wurde eine Fläche von rund 218.000 Quadratkilometern der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere in Russland, der Ukraine und in Weißrussland, radioaktiv verseucht. Durch die Explosion und den folgenden Brand stieg eine radioaktive Wolke mit mehreren Trillionen Becquerel, darunter die Isotope Caesium 137 und Jod 131, in die Atmosphäre und trieb über die nördliche Halbkugel. Weite Teile Europas wurden kontaminiert. Tschernobyl war eine Kriegserklärung an die Zukunft, die Radioaktivität kümmerte sich nicht um die Grenzen von Ländern und Staaten. Bei dem Super-GAU wurde zigfach mehr Strahlung freigesetzt als bei den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945.

Die Einwohner der dem Atomkraftwerk nahegelegenen Stadt Prypjat in der Oblast Kiew, gerade einmal 3 Kilometer Luftlinie vom Kraftwerk entfernt, wurden erst am 27. April gegen 13:50 Uhr mit 1.200 Bussen und mit Zügen und Schiffen evakuiert. „Wnimanije, wnimanije!“ Es war ein Abschied, der ein Ende war. Die Einwohner kehrten nie zurück. Es waren die ersten Strahlenflüchtige Europas, die ihre Heimat verlassen mussten. Die Atomgrad Prypjat ist auch heute noch eine hochgradig verstrahlte tote Geisterstadt, ein postapokalyptisches Pompeji der Moderne. Prypjat ist mit Plutonium kontaminiert, das eine Halbwertzeit von mehreren Tausend Jahren hat. Das in der Stadt aufgebaute Riesenrad, errichtet zu den geplanten Feierlichkeiten zum 1. Mai, wurde nie in Betrieb genommen. Aufgebaut zur Freude der Einwohner von Prypjat rostet es seitdem vor sich hin und wirkt als trauriges Mahnmal wie blanker Hohn. Die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit in Kiew, 140 km von Tschernobyl entfernt, fanden trotz der radioaktiven Verseuchung statt. Millionen Menschen zogen fröhlich durch die Straßen der ukrainischen Hauptstadt. „Eine Parade des Todes“, wie es Igor Kostin, Fotograf der Nachrichtenagentur RIA Novosti, der am 27. April 1986 die ersten Fotos vom brennenden Reaktor von einem Hubschrauber aus gemacht hatte, nannte.

Bei der Evakuierung der Unfallregion um das Kraftwerk durfte jedes Kind nur ein einziges Spielzeug mitnehmen. In einem Radius von 30 Kilometern wurden ca. 135.000 Menschen aus knapp 200 Städten und Dörfern zwangsevakuiert. Zahllose Puppen blieben als stumme Zeugen des Atomunfalls in der radioaktiv verseuchten Zone zurück. In den folgenden Wochen wurden die von den Evakuierten zurückgelassenen Haustiere von Sondereinsatzkräften eliminiert. Tausende kontaminierte Katzen und Hunde wurden erschossen und in Gruben verscharrt. Zahlreiche Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und vergraben. Die ersten Strahlenopfer, Feuerwehrleute und Werksmitarbeiter, wurden ins Krankenhaus Nummer 6 nach Moskau ausgeflogen.

Moskau hielt sich lange zu dem Unglück in der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik bedeckt. Die Weltmacht UdSSR hüllte sich trotz Glasnost in Schweigen. Der Glaube an die Allmacht der Technik stand an erster Stelle. Arroganz, Ignoranz, Vertuschung und Lügen begleiteten die Katastrophe. Erst am 28. April wurde in einer lapidaren TASS-Nachricht verkündet, dass sich in Tschernobyl eine Havarie ereignet hätte. Die Situation wäre aber unter Kontrolle und es würde Hilfe geleistet werden. Am gleichen Tag erreichte die radioaktive Wolke bereits Schweden. Am dortigen AKW in Forsmark wurden erhöhte Strahlenwerte festgestellt. Dennoch wurden Hilfsangebote zur Behebung der Katastrophe aus dem Westen von der Sowjetunion lange Zeit ignoriert. Am 14. Mai 1986 wandte sich der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU Michail Gorbatschow im Fernsehen erstmals an eine schockierte und verunsicherte Weltöffentlichkeit. Er räumte Todesopfer und Verletzte bei der Havarie ein, sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus und versprach Entschädigungszahlungen. An der Berichterstattung westlicher Medien übte er heftige Kritik und sprach von „antisowjetischer Hetze“. 1989 reiste der Kremlchef zum ersten Mal persönlich nach Tschernobyl.

Die Menschen wussten im April 1986 mit der Katastrophe nicht umzugehen und verstanden nicht, was sie sahen. Es war etwas passiert, was nicht passieren durfte. Kompetenzstreitigkeiten zwischen den einzelnen Ministerien erschwerten die Aufräumarbeiten. Unter der Leitung von Boris Schtscherbina, stellvertretender Vorsitzender des sowjetischen Ministerrats und Vorsitzender der Regierungskommission Tschernobyl, arbeiteten mindestens 600.000 Menschen an der Beseitigung der Katastrophe. Neben den Liquidatoren arbeiteten über 3.000 Menschen, als sogenannte Bio-Roboter im Einsatz, auch direkt auf dem Dach von Reaktorblock 3 und entfernten notdürftig geschützt, jeweils nur für ein paar Sekunden, hochgradig verstrahltes Material. Der Kampf gegen das Atom erfolgte mit Händen und Schaufeln. Vom 17. bis zum 21. September räumten die Liquidatoren 179 Tonnen radioaktiven Abfall von den Kraftwerksdächern. Arkadi Filin, einer der Liquidatoren, stellte sich noch Jahre später die Frage, was man in Tschernobyl hatte eigentlich besiegen wollen: „Das Atom? Die Physik? Den Kosmos?“ Ihre selbstlose Opferbereitschaft bezahlten viele der Männer mit Krankheit und Tod. Ihre Namen sind längst vergessen, ihre Existenzen erloschen in der Anonymität.

Vor den Aufräumarbeiten auf Dach 3 hatten Hubschrauberstaffeln Tonnen von Ton, Blei, Sand und pulverisiertes Bor in den brennenden Schlund des explodierten Reaktors geworfen. 300 Meter über dem Reaktor erreichte die Radioaktivität 1.800 Röntgen pro Stunde. Die Hubschraubermannschaften öffneten die Fenster und arbeiteten aufgrund der Hitze auf Sicht. Zeitgleich drohte sich die glühende Reaktormasse durch das Betonfundament unter Block 4 zu arbeiten und das Grundwasser zu erreichen, was eine gewaltige thermonukleare Explosion zur Folge gehabt hätte. Halb Europa wäre auf Hunderte von Jahren nicht mehr bewohnbar gewesen. Bergarbeiter bohrten unter unsäglichen Bedingungen einen Tunnel unter dem Kraftwerk, um flüssigen Stickstoff einzuführen. Wenn es um besondere Aufgaben in der radioaktiven Zone ging, wurden im weiteren Verlauf der Schadensbegrenzung die Menschenleben nur noch abgezählt. Die Zahl der Toten bei der Katastrophe wurde von offizieller Seite mit 31 angegeben, über die genaue Anzahl der Todesopfer gibt es bis heute keine belastbaren Daten.

Waleri Legassow, erster stellvertretender Direktor am Kurtschatow-Institut, war ein getreuer Kommunist und lange Zeit von der Unfehlbarkeit der sowjetischen Atomtechnik überzeugt gewesen. Er wurde Mitglied der Regierungskommission zu Tschernobyl. Seine Fachkompetenz half bei der Koordination der Aufräum- und Schutzmaßnahmen am Reaktor und er wurde zum Leiter der Untersuchungskommission in Tschernobyl ernannt. Im August 1986 sprach er vor der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO) unter der Leitung von Hans Blix in Wien. Er sagte nicht alles, was er wusste. Später sollte er einräumen, dass er in Wien zwar nicht gelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit gesagt hätte. Zwei Jahre und einen Tag nach der Katastrophe wurde das Akademiemitglied tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich erhängt.

Im Juli 1987 wurde im Kulturpalast von Tschernobyl der Prozess gegen den Kraftwerksdirektor Wiktor Brjuchanow, seinen Stellvertreter Nikolai Fomin und den stellvertretenden Chefingenieur Anatoli Djatlow eröffnet. Die in der Unglücksnacht in der Leitwarte 4 ebenfalls tätigen Mitarbeiter, der Schichtleiter Alexander Akimow und der leitende Reaktoranlagen-Ingenieur Leonid Toptunow, entgingen einer Anklage nur deshalb, weil sie bereits im Mai 1986 aufgrund ihrer akuten Strahlenerkrankung eines qualvollen Todes gestorben waren. Von Seite der Technokraten musste trotz des verheerenden Reaktorunglücks in Tschernobyl und des vermeintlich gelebten Lenin-Zitats „Fürchterlich sind Illusionen und Selbstbetrug, vernichtend die Angst vor der Wahrheit“ allein menschliches Versagen für die Nuklearkatastrophe verantwortlich sein, Kritik an der ruhmreichen Atomtechnik der Sowjetunion war verboten. Die Urteile gegen die Angeklagten hatten schon lange vor Verlesung der Anklageschriften festgestanden. In einem Schauprozess wurden die Männer zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Den havarierten Reaktorblock umgibt eine militärisch abgeriegelte Sperrzone in einem Radius von 30 Kilometern. Nachdem der erste Sarkophag über dem explodierten Reaktor, 1986 innerhalb von wenigen Monaten unter extremen Bedingungen errichtet, nicht lange vorgehalten hatte, begann man, neue Lösungen zu entwickeln. Ziel war es vor allem, die Auswirkungen von radioaktiven Substanzen einzudämmen und den Rückbau der alten Schutzhülle zu ermöglichen. Nach jahrelangen Planungs- und Bauarbeiten wurde 2019 die neue Schutzhülle, der New Safe Confinement, über den ersten Sarkophag geschoben. Der letzte Reaktorblock im Kraftwerk wurde im Jahre 2000 abgeschaltet.

Das Atomunglück von Tschernobyl war der Anfang vom Ende der UdSSR. Die Sowjetunion überlebte die Nuklearkatastrophe gerade einmal fünf Jahre. Das Erbe von Tschernobyl aber bleibt und ist entsetzlich. Und es bleibt auf ewig. Ein Alptraum, das alles und keine Hoffnung, nirgends. Dantes Inferno ist Wirklichkeit geworden: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“

Am 24. Februar 2022 beginnt Russlands Präsident Wladimir Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ein Krieg, der die Welt verändert. Nach erbitterten Kämpfen gelang es dem russischen Militär, auch die havarierte Reaktoranlage in Tschernobyl zu besetzen. Die Jahre der Stille in der Zone, dem abgeriegelten Sperrbezirk rund um die Atomruine, mündeten in Schrecken und Gewalt. „Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen“, wie es der britische Philosoph Bertrand Russel einst formulierte. Eine Aufgabe für die ganze Menschheit.

Das könnte ihnen auch gefallen :

Jahre der Stille

Linda Kazani

Singen ist für jeden gesund

Buchbewertung:
*Pflichtfelder