Kunst & Fotografie

Hoch leben die Wälder

Hoch leben die Wälder

15 Hochschwarzwälder Originale fotografiert von Manfred Baumann

Leseprobe:

Bernhard Waldvogel
*20. August 1930

Der Mann mit dem Millimeterblick

In der Stube, über der Eckbank und rund um den Herrgottswinkel, hängt das halbe Leben von Bernhard Waldvogel: Das Hochzeitsbild – jung und glücklich lächelt das Paar in die Kamera – und jenes von der goldenen Hochzeit. Ein anderes zeigt den Nachwuchs der sechs Kinder, die 14 Kindeskinder und die Urenkel. Oben rechts seine Frau Klara beim Strohschuhnähen, daneben Bernhard Waldvogel selbst, mit Zipfelmütze beim Schindelmachen. Der andere Teil von dem, was sein Leben ausmacht, hängt draußen, an den Fassaden der Schwarzwaldhöfe und Häuser im Jostal bei Titisee-Neustadt: die Schindeln. Wie viele er schon gemacht hat? „Oh je Gott, oh je Gott“, da muss Waldvogel herzhaft auflachen. „Das kann ich beim besten Willen nicht abschätzen. Das sind Abertausende.“

Aus einem Kuvert zieht er Fotografien von den schönsten, prächtigsten Schindelmänteln, die er angefertigt hat. Viele Schwarzwaldhäuser hat er in der ganzen Region eingekleidet und hätte sich keine andere Arbeit vorstellen können. Sein Vater hingegen, selbst Schindelmacher und Dachdecker, schon: Zu ungesund sei das Geschäft auf regennassen Dächern und in kalten Scheunen. Aber Bernhard Waldvogel hatte seinen eigenen Kopf und suchte sich nach dem Krieg selbst eine Lehrstelle als Dachdecker in St. Märgen. „Der Vater hat nie mit dem Lehrmeister geredet“, erinnert er sich. Direkt beim Lehrherrn hat er gewohnt damals, denn er besaß noch nicht mal ein Fahrrad. Seine gebrauchte Wäsche brachte er einmal die Woche von den Schweighöfen über den Thurner nach Hause zur Mutter, nahm die frische mit. „Das war am Sonntagnachmittag meine Beschäftigung.“ Überallhin ging es zu Fuß, zur Arbeit auf die Baustellen und zur Berufsschule nach Neustadt – ein Weg von zwei Stunden für vier Stunden Schule, dann abends wieder zwei Stunden zurück, bei Wind, Wetter und Dunkelheit. „Wenn du das heute den Jungen erzählst, die fassen sich an den Kopf und sagen: ‚Seid ihr blöd gewesen!‘“

Damals bestand der Dachdeckerberuf zum großen Teil aus dem Schindelmachen. Als später seine beiden Söhne bei ihm, der selbst längst Meister war, in die Lehre gingen, lernte nur noch der ältere dieses traditionsreiche Handwerk. Aber er fand keinen Spaß daran, im Gegensatz zu Bernhard Waldvogel, der mit leuchtenden Augen schwärmt: „Es ist schon Arbeit, aber ich habe es als Hobby gesehen. Wenn man schön gespaltenes Holz gehabt hat – ach, das war eine Freude.“

Als er im Alter von 57 Jahren beim Arbeiten abstürzte, sich das Knie zertrümmerte und sich dieses nur mühsam wieder gangbar machen ließ, war das Schindelmachen ein perfekter Ausgleich. Selbst im Rentenalter hat er noch eigenhändig Häuser mit Holzschindeln bekleidet. Als Botschafter in Sachen Schwarzwälder Handwerk war er auf Märkten unterwegs, gemeinsam mit Ehefrau Klara, die Strohschuhe fertigte. „Wir kamen überall rum, so sind wir halt bekannt geworden. Als meine Frau dann starb, bin ich auch nicht mehr gegangen.“

Noch heute hat Bernhard Waldvogel den Millimeterblick, wie er in seiner hauseigenen Werkstatt vorführt: Er setzt das Schindelmesser an, tut einen gezielten Schlag, mit einem scharfen Krachen saust die Klinge durchs Holz und schält aus dem schmalen Holzblock eine Schindel heraus. Waldvogel platziert das Werkzeug erneut – zack! – wiederholt das Ganze noch einige Male und hat nach wenigen Sekunden sechs Schindeln gefertigt, exakt die gleiche Dicke, wie abgemessen: „Da haben die Leute gestaunt bei den Vorführungen. ‚Wie ist denn das möglich?‘, haben sie gefragt. Da habe ich gesagt: ‚Das ist der Computer da drin, der hat das gespeichert.‘“ Waldvogel tippt sich an den Kopf und lacht. Mittlerweile geht ihm die Arbeit ins Kreuz. Bis 2016 hat er Schindeln gemacht, ganze 70 Jahre lang, und ist sich sicher: „Das Schaffen, das hat mich fit gehalten.“

Anita Fertl




Annemarie Schwörer
*31. Mai 1923

Haus im See, Haus am See

Der erste Schnee war schon da und die Kälte ist geblieben. Der Schluchsee schimmert dunkelblau unter den tiefen Wolken. Bis auf ein paar Autos, die Richtung Äule fahren, macht hier in Aha keiner Krach. Oberhalb der Straße stehen in einer Linie mächtige Schwarzwaldhäuser, wie Wellenbrecher gegen den See. In einem dieser Häuser sitzt Annemarie Schwörer, geborene Isele, in ihrem Sessel. Im Wohnzimmer der 1923 geborenen Frau ist es still, genau wie draußen. Radio mag sie nicht. Wenn etwas zu hören ist, dann sind es ihre Gebete „für die, wo da sind, die, wo krank sind oder gestorben sind.“ Sie ist nicht allein, Bären und Raubkatzen aus Plüsch, Mitbringsel aus Titisee, liegen auf der Lehne, die Wände sind mit Fotos ihrer Kinder, Enkel und Urenkel dicht behangen. Zwei große Uhren ticken. Keine geht richtig, wie die nahezu erblindete Frau lachend berichtet.

„Da draußen war unser Haus“, sagt sie, baumelt mit den Beinen in der Luft und dreht den Kopf in Richtung Fenster. „Mitten im See.“ Als 1983 das Seewasser auf den ursprünglichen Stand abgelassen wurde, spazierte sie wie viele andere in die Vergangenheit und erkannte noch die Auffahrt zur Tenne ihres Elternhauses und, wo der Brunnen war. Alles andere war verschwunden, denn die ganze Siedlung mitsamt dem alten Schulhaus wurde vor der Aufstauung des Schluchsees vor knapp 90 Jahren „dem Erdboden eben gemacht“. Jetzt ist Annemarie Schwörer wahrscheinlich die Letzte, die noch mit eigenen Augen die kleine Siedlung gesehen hat – bevor das Tal geflutet wurde.

Ihr Vater war Waldarbeiter im Staatsforst. Bäume fällen und sie mit dem Ochsengespann aus dem Wald ziehen, das war sein täglich Brot. Wie eine kleine Burg stand der 1575 gebaute Sieblerhof auf einer Anhöhe. Aber seine Tage waren gezählt. „1930 mussten wir weg“, erzählt Annemarie Schwörer. Der See wurde für die Stromgewinnung um 30 Meter aufgestaut. „Der See kommt“, hieß es. Viel mitgenommen wurde nicht, der Vater machte sogar aus „Marieles“ Schaukelpferd Kleinholz. Die Familie wurde in eines der Häuser am neuen Seeufer umquartiert. Dort lebt Annemarie Schwörer heute noch.

Damals war alles anders. Keine Straße, nur Pfade für Kühe und Pferde. In der Schule war sie „nid so gut“, aber Theater, Fangis und Versteckis spielen, daran erinnert sie sich gern zurück. Sogar Wanderungen standen auf dem Plan. Schwimmen lernte sie im See. Nach der Schule konnte sie drei Jahre auf die Kochschule gehen, aber weiter kam sie nicht. Sie wäre gerne fort von zu Hause, doch ihr Vater erlaubte es nicht. In Küche und Stall hat es „immer Arbeit gehabt“. Die alten Schwarzweißfotos zeigen ein hübsches Mädchen, das lustig und fidel war. Ja, sie hat viele Verehrer gehabt, erzählt sie lachend. 1949 heiratete sie den Witwer Max Schwörer, beide brachten je ein Kind mit in die Ehe. Die Braut trug schwarz, wie es damals üblich war. Zusammen hatten sie noch sechs weitere Kinder. Max Schwörer tauschte seinen Beruf eines Schneiders gegen den eines Waldarbeiters. Das Geld war immer knapp. Kindergeld? Ab dem dritten Kind gab es 25 Mark. So wurde jeder freie Fleck im Haus an Kurgäste vermietet. „Frühstück, jawoll!“, sagt Annemarie Schwörer wie auf Befehl und zitiert einen alten Spruch: „Arbeit macht das Leben süß.“

Durch einen Kurgast, der immer Blumen mitbrachte, entdeckte sie ihre Liebe zu den Pflanzen. Seitdem blühen jeden Sommer die Geranien und Petunien und vor dem Haus ein großer Rosenstock. „Wenn keine Blumen auf dem Tisch stehen, dann sagt sie: ‚Gefällt mir nicht!‘“, berichtet ihre Tochter Beate Rosa, die nebenan wohnt. Die alte Dame nickt. Sehen kann sie sie kaum, aber sie weiß, dass auf dem Tisch eine Orchidee steht.

Pascal Cames

Format: 24 x 30 cm
Seitenanzahl: 72
ISBN: 978-3-95840-894-4
Erscheinungsdatum: 30.04.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 24,90
EUR 14,99

Sommer-Tipps