Ein Wesen „Mensch" genannt

Ein Wesen „Mensch" genannt

Ralf Peter Jünger


EUR 31,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 522
ISBN: 978-3-99130-184-4
Erscheinungsdatum: 24.01.2023
Der zweite Band von Ralf-Peter Jüngers „Ein Wesen ‚Mensch‘ genannt“ setzt die Reise der Berliner Freunde Shorty, Jonny, Mike und Querkopf bis nach Südafrika fort. Viele Male sind sie kurz vor der Kapitulation. Wie lange können sie die Strapazen noch ertragen?
29.04.61: KLEINIGKEITEN FÜHREN OFT ZUM STREIT

Wieder werden wir auf einen anderen Tag vertröstet und ehrlich gesagt, ich selber lege gar keinen Wert darauf, den Präsidenten zu sehen, zumal ich dann wieder befürchten müsste, dass einer von meinen Kameraden versucht – so wie Querkopf es beim Oberst mehrfach gemacht hat –, auch ihm hinter seinem Rücken, sodass wir es sehen konnten und einen Lachanfall mühsam unterdrücken mussten, Spucke an den Anzug zu werfen. Ich möchte nicht wegen solch beleidigender Respektlosigkeit nur aus Jux und Tollerei in einem afrikanischen Gefängnis landen.
Ein Direktor der sudanesischen Eisenbahn, der ebenfalls Mitglied im Club ist, spricht davon, dass er uns eventuell Freikarten für die Fahrt auf dem Nildampfer von Kosti nach Juba organisieren will. Mittlerweile haben wir erfahren, dass dies die einzige Möglichkeit ist, um in den Süden des Landes zu gelangen. Eine Straße durch die Sümpfe gibt es nicht und die Pisten sind nur zeitweise im Geländewagen befahrbar. Auch soll es im Landesinneren immer Unruhen geben, so dass das Militär eingreifen muss und es zu Kämpfen kommt. Das ist nun wirklich nichts, worauf wir nicht verzichten könnten. Mit anderen Worten, es wäre schön, wenn es klappt und nicht bloß so ein Gerede ist. Zu Hause in unserem Zelt lungern wir herum und haben eigentlich zu nichts mehr richtige Lust. Fast an jedem Tag streiten wir uns über irgendwelche Kleinigkeiten. Jeder von uns ist gereizt und hat irgendwie die Nase gestrichen voll. Ich denke schon, dass jeder einmal Augenblicke kennt, in denen er über die Unsinnigkeit dieser Reise nachdenkt und liebend gern nach Hause fahren würde. Die drei kochen sich ein Essen und machen dabei den Benzinkocher kaputt. Sie wollen mich ärgern und kochen nur für sich. Wir haben uns gestritten, da ich keine Lust hatte, einzukaufen. Früher habe ich mich immer geärgert, wenn einer gesagt hat: „Ich habe keine Lust.“ Doch nun, da ich es genauso mache, sind sie sauer und wollen es mir zeigen. Dabei vergessen sie, dass ich immer jener gewesen bin, der für alle gekocht und gewaschen hat, und das ohne zu murren. Habe mich nie vor den Gemeinschaftsaufgaben wie Abwasch und Zubereitung von Essen gedrückt und nun passiert das. Natürlich bin ich über dieses Verhalten sauer, will es aber nicht überbewerten. So gehe ich in eine dreckige billige Bude essen. Dieses gebratene Wildfleisch, zubereitet wie Gulasch, hat gar nicht so schlecht geschmeckt. Da es außerdem so billig war, kann ich mir noch zwei Cola-Getränke leisten. Am Abend ist der Ärger wieder verzogen und so spielen wir gemeinsam im Club mit den Karten. Ein Herr erklärt uns, dass zur Feier am ersten Mai hier im Club eine Party stattfindet und in einer Tombola Sachen versteigert werden. Den Erlös aus dieser Tombola wollen sie uns geben, sozusagen als Dank für die Arbeiten am Pool. Hört sich nicht schlecht an, doch es kommt darauf an, was für uns dabei herausspringt. Wir sollten uns nicht zu früh freuen.



GEDANKEN BEZÜGLICH AUSBRECHEN AUS EINER PARTNERSCHAFT

Immer wieder kommt es mal vor, dass ich die Schnauze gestrichen voll habe und abhauen möchte. Aber sicher geht es jedem von uns mal genau so, vor allem, wenn er sich ärgert. Eigentlich ist es doch ein ganz normaler Zustand, dass sich einer provoziert fühlt, aufgibt und wie ein Boxer im Ring das Handtuch wirft. Au! Dieser Gedanke mit dem Boxer kommt mir zu spontan. Wenn ich Ausbrechen mit Aufgeben vergleiche, und denke, dass es etwas sehr Ähnliches ist, dann muss ich auch erkennen, dass ein Kampf oder eine Situation verloren ist. Jedes Aufgeben bedeutet daher auch gleichzeitig, dass man resigniert und sich nicht mehr den Herausforderungen sowie den Schwierigkeiten des täglichen Lebens stellen möchte. Wer aber zu schnell ausbricht oder aufgibt, beweist eigentlich nur, dass er keinen Kampfgeist besitzt und für das tägliche Leben ungeeignet ist. Er würde damit nur beweisen, dass er nicht belastbar ist. Jemand, der vor jedem Konflikt flüchtet und abhaut, dem kann und darf man nicht vertrauen. Mit so einer schwachen Charaktereigenschaft der permanenten Resignation wäre man unzuverlässig. Denn täglich muss sich ein jeder in einer Partnerschaft irgendwelchen kleinen oder großen Konflikten, Herausforderungen und Meinungsverschiedenheiten stellen. Das ist nicht nur in unserer Partnerschaft so, in der wir oft auf engstem Raum, am Existenzminimum lebend, unsere Streitereien ausfechten müssen. Für jede andere Partnerschaft, ob in der Ehe, im Beruf oder im Sportverein ist es wichtig, dass bei einem Konflikt nicht gleich die Konsequenz gezogen wird und man die Partner verlässt. Diese Vielzahl von unterschiedlichen Blickwinkeln führt dazu, dass halt andere Partner vieles ganz anders sehen und beurteilen. Diese Verschiedenheit aber führt zu Auseinandersetzungen, Trennung und Kampf. Richtig und verständig angewendet kann sie, die Verschiedenheit der Standpunkte, wenn sie sich richtig gegenseitig ergänzt und nicht bekämpft wird, zur Stärkung einer Partnerschaft beitragen. Also, vergiss deinen Ärger, gib nicht auf und halte durch! Den anderen Kameraden geht es bestimmt auch zeitweise genauso. Auch haben wir schließlich noch ein gleiches Ziel vor Augen und gemeinsam so viel erlebt. Da kann man nicht einfach abhauen. Alleine ist man ein Nichts. Nur eine funktionierende Partnerschaft macht stark. Erst wenn man bewusst oder auch unbewusst ein gemeinsames Ziel definieren kann, besteht die Möglichkeit – bei etwa deckungsgleichen Zielen –, dass ein Paar oder eine Gruppe von Menschen gemeinsam eine lange Zeit den gleichen Weg auch gemeinsam geht. Verändern sich jedoch später die Zielsetzungen oder sind die Ziele von vornherein nicht deckungsgleich, werden unweigerlich eines Tages getrennte Wege folgen. Je näher also in einer Partnerschaft die Ziele beieinander liegen, umso länger wird diese Partnerschaft bestehen.



30.04.61: JONNYS GEBURTSTAG IST KEIN GRUND ZUM FEIERN

Jonny hat heute Geburtstag und wird zwanzig Jahre alt. Normalerweise ist so ein Tag in der Heimat immer ein fröhlicher Tag, denn es wird gefeiert. Doch hier sehen wir darin noch nicht mal einen Grund, um ihm zu gratulieren. Auch wenn ich mich damals mächtig geärgert habe, als mir mit einem Furz ins Gesicht zum Geburtstag gratuliert wurde, so hatten die anderen wenigstens etwas zu lachen. Für uns ist dies ein Tag wie jeder andere. Mir fällt nur auf, dass viel öfter darüber gesprochen wird, ob es nicht besser wäre, aufzugeben und nach Hause zu fahren. Eigentlich haben wir alle die Schnauze voll. Nur die notwendige Entscheidung, die will keiner von uns zuerst treffen. Also machen wir weiter mit der Arbeit am Becken, doch können wir es nicht fertigmachen, weil man das Wasser nicht herauslassen kann. Den Boden so unter Wasser können wir schlecht streichen. Die Beckenwände, so halb im Wasser stehend zu streichen, ist ja recht angenehm und trotzdem haben wir alle eine miese Laune. Das aber ist in letzter Zeit nichts Ungewöhnliches. Wir haben sie fast immer und es scheint, als wäre uns allen die Zeit für Späße oder die Lust daran vergangen. Zur Feier des Tages bekommen wir am Abend einige Biere und ein Abendessen spendiert.



01.05.61: FÜR UNS HAT DIE PARTY NICHTS GEBRACHT

Wir sind ewig hungrig, haben aber trotzdem keinen Appetit. Bei jedem Pups müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht in die Hose kacken. Am Nachmittag bauen wir am Clubgebäude die Tischreihen mit den Sitzgelegenheiten für die Partygäste auf. Bei dieser Tätigkeit reden wir auch immer über das gute Essen, die vielen Getränke und vor allem von der Spende, die wir uns heute erhoffen. Flachstirn, ein sehr sympathischer Herr, lässt sich unsere Hosen geben, damit sie gebügelt werden. Auch bringt er leihweise vier weiße Hemden mit, die wir zur Feier des Tages anziehen sollen. So sehen wir mal wieder wie richtig schmucke Kerle aus, doch gegen die anderen Gäste, die im Smoking oder in schwarzer Hose und weißem Jackett kommen, wirken wir richtig poplig. Die Musik, die aus den Lautsprechern klingt, ist teilweise recht nett. So ist es nicht verwunderlich, dass wir beim Zuhören ein unglaubliches Heimweh bekommen. Auch wir würden so gerne mal wieder tanzen und uns mit einer Braut amüsieren. So arm und abgerissen ist an uns keine Braut interessiert. Sie finden uns höchstens witzig oder betrachten uns als sonderbare Exoten, von denen aber nichts zu holen ist. Die Leute sind uns gegenüber nicht unhöflich, doch man merkt einigen, die sonst recht nett waren, schon an, dass sie mit uns nicht unbedingt zu sehr in Verbindung gebracht werden wollen. Schließlich weiß man ja nicht, was die anderen Gäste dann denken würden. So kommt es eigentlich genauso, wie es immer ist, wenn man zu viel erwartet: Dann gibt es immer eine Enttäuschung. Versteigert wurde nichts und so konnte auch kein Geld für unsere Arbeit herauskommen. Auch heute haben wir nur sehr mäßig gegessen, dafür aber öfter umso mehr gekackt. Diese braune Flüssigkeit kann man eigentlich schon nicht mehr so bezeichnen. Es hat uns ganz schön erwischt und da kann uns auch die eine Flasche Bier nicht trösten, die wir spendiert bekommen. Fast möchte ich glauben, dass es nun mit den Freikarten auch nicht klappen wird. Na ja, wenn dies der Fall ist, dann sind wir an unserer Endstation angelangt und müssen früher oder später den Gang zum Deutschen Konsulat antreten und einen Rückflug auf Kredit beantragen.



02.05.61: VERSKLAVT VOM EIGENEN WILLEN, DER NUN GEBROCHEN

Es geht uns schlecht. Unwahrscheinlich schlapp fühlen wir uns. So völlig ausgebrannt und ohne Energie. Doch das wirkliche Problem ist, dass wir mit dem ständigen Dünnpfiff auch den Willen verloren haben. Es klingt vielleicht komisch, wenn ich das schreibe, aber Tatsache ist, dass alle Funktionen im Körper über das Gehirn gesteuert werden und so auch der Wille, der anscheinend mit durch die Därme geflitzt ist. Es sieht tatsächlich so aus, dass wir gar nicht mehr weiterfahren wollen. Man merkt es daran, dass wir mit steigender Tendenz nun immer öfter davon sprechen und schon fast so weit sind, die Rückfahrt zu planen. Unsere Geldmittel sind beinahe erschöpft. Eventuell werden wir damit noch bis Uganda kommen, aber nur mit einer Freikarte. Spätestens dann ist aber alles vorbei. „Al-Hamdu li-Llāh“, also „Gott sei Dank“, kann man da nur sagen. Ohne die entsprechenden Geldmittel zu besitzen, ist es unmöglich, so eine Weltreise zu unternehmen. Es ist so gut wie unmöglich, dass wir dann, wenn wir es benötigen, eine Arbeitserlaubnis sowie einen Job bekommen, der gut bezahlt wird. Dazu werden wir immer wieder von lieben Mitmenschen mit dem Vorwurf konfrontiert, dass wir zu faul zum Arbeiten sind. Die Leute wissen in ihrer Engstirnigkeit wirklich nicht, was sie reden. Dass wir in Ägypten überhaupt eine Arbeitserlaubnis bekommen haben, war rein zufällig eine für uns glückliche Ausnahme, die sich aber so schnell nicht wiederholt. Wenn ich über den glücklichen Umstand nachdenke, muss ich aber auch feststellen, dass ich selber eigentlich nicht mehr bereit wäre, würde sich dieser Zustand noch einmal ergeben, mit so einer Tätigkeit meine Zeit zu vertrödeln. Es ist viele Male besser, hart und ausdauernd zu arbeiten, als nutzlos die Zeit in Langeweile zu verbringen. Wenn ich nach Deutschland komme, werde ich sofort eine Arbeit aufnehmen und versuchen, mit bezahlten Auslandseinsätzen einen Teil der Welt kennenzulernen. Für eine so schlecht bezahlte, minderwertige Tätigkeit werde ich nicht mehr bereit sein. Anerkennung und Achtung kann man so nicht erlangen und als Idealist wird man höchstens noch verlacht oder sogar verachtet. Somit haben wir uns schließlich dazu durchgerungen, dass wir morgen den Rückzug antreten, sollten wir wider Erwarten nicht doch heute am Abend Freikarten und Geld bekommen. Sollte es jedoch so sein, dass wir die Karten bekommen, dann werden wir uns noch den Süden des Sudans ansehen. Andere Reisende haben uns berichtet, dass man in diesem Teil von Afrika noch das wirkliche „alte“ Afrika mit großen Tierherden und primitiven Eingeborenen kennenlernen kann. Teilweise soll diese Reise, sogar einer Zeitreise gleich, ein Sprung in die Steinzeit sein. Wir haben erfahren, dass Reisende an der Grenze zu Uganda pro Person mindestens hundert bis zweihundertfünfzig Pfund hinterlegen müssen. Da wir die Mindestbeträge selbst nicht haben, wird dann sowieso Schluss sein. Nur noch ein Zufall oder eine Fügung des Schicksals können diese Reise und Gemeinschaft vor dem endgültigen Aus oder Zusammenbruch retten. Aber das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass eigentlich keiner von uns diesen Zufall mehr wünscht. Wir wollen nur noch leben wie ganz normale Bürger auch. Auch wenn wir keine Heiligen sind, so sind wir doch wochenlang wie die Bettelmönche durch viele Länder gezogen. Selbst wenn wir und auch andere Menschen es oftmals anders gesehen haben, realistisch betrachtet war fast die ganze Tour nur auf Schnorren und Betteln aufgebaut. Es ist einfach naiv zu glauben, dass irgendjemand – und sei er körperlich, geistig und seelisch noch so stark – mit dem Motto „Ohne Geld um die Welt“ reisen kann. So ein Irrglaube, entstanden aus Unwissenheit und Wahnvorstellungen, grenzt fast schon an Schwachsinn und kann schnell zu einer Reise in den Tod führen. Genau betrachtet sind wir zu „Sklaven unseres eigenen Willens“ geworden. Doch nun ist dieser Wille gebrochen, von Amöben zerfressen, ausgeschissen, verhungert und vertrocknet. Mit dieser Erkenntnis steht für mich fest, dass wir das Stärkste, was ein Mensch besitzen kann, verloren haben. Der standfeste eigene Wille, der einst so stark war, der uns immer wieder aufgerichtet und weitergetrieben hat, der ist in uns gestorben.
Am Abend sagt man uns, dass wir nun mit großer Sicherheit die Freikarten oder zwanzig Pfund bekommen werden. Aber wir müssen uns noch einige Tage gedulden. Vor dem Einschlafen entsteht mal wieder ein Streit unter uns. Eigentlich streiten nur Wolf und ich. Ich selber weiß nicht mal mehr, wie es dazu kam. Nach meiner Meinung quatscht er immer so ein unsinniges Zeug daher, ohne Logik und Verstand. Dieses blödsinnige Gerede war schon oft der Anlass zu Streitereien. Er bewegt sich nur noch sehr wenig und wird, trotzdem wir nur so wenig essen, immer runder. Sein einst durchtrainierter Körper nimmt schon weibliche Rundungen an und wird langsam aber sicher richtig schwabbelig. Ich mache ihm Vorwürfe, dass er zu wenig tut und wenn wir fahren, er beim Treten nicht genügend Kraft einsetzt. Natürlich dreht er den Spieß sofort um und beschuldigt mich. Am Schatten will er es gesehen haben. Wenn dieses Argument nicht von einem Schatten im Kopf zeugt, was dann? Dieses sinnlose Palaver führt zu nichts und bringt nur noch mehr Spannungen in unser schon angespanntes Verhältnis. Ich muss ja auch noch erwähnen, dass wir heute von einem Deutschen zum Essen eingeladen wurden. Jeder von uns verdrückte zwei Portionen Kochfisch und drei Cola.



03.05.61: AM TAG VIER BRÖTCHEN, DAS MUSS REICHEN

Es ist ein Tag, an dem wir außer Billardspielen nichts Besonderes machen. Vier Brötchen kaufen wir für jeden von uns. Das muss reichen, wenn wir nicht zum Essen eingeladen werden. Vom Zeitungsverlag holen wir uns einige kostenlose Artikel ab. Sie haben über uns einen mächtigen Bericht geschrieben. Er nimmt fast den Platz einer halben Zeitungsseite ein. Da er auf Arabisch geschrieben ist, müssen wir ihn für uns übersetzen lassen. Sie haben eine mächtige Story daraus gemacht und auch einigen Unfug geschrieben. Aber es ist egal. Wer will schon die Wahrheit wissen? Der Reporter, der selbst von dem Artikel leben muss, kann uns natürlich kein Geld geben, aber er wird versuchen, dass er Geschäftsleute findet, für die wir Reklame fahren könnten.



04.05.61: ZU WARM IM ZELT, DRUM SCHLAFE ICH DRAUSSEN

Am Vormittag versuchen wir, unser Visum zu verlängern und eine Reiseerlaubnis für den Süden des Sudans zu erhalten. Zu beiden Stellen müssen wir aber nochmals hin. Am Nachmittag streichen wir das Bad weiter und werden abends von „Mister Flachstirn“ eingeladen. Ein anderer deutscher Tramp ist zu uns gestoßen. Auch er ist schon sehr lange unterwegs und so haben nicht nur wir viel zu erzählen. Er ist zu Fuß am Nil entlang durch die Nubische Wüste gewandert. Dieses Vorhaben konnte aber nur gelingen, weil er Mohammedaner geworden ist und bereits nach Mekka pilgerte. Er ist gekleidet wie ein Fellache und spricht fließend Arabisch. Ein intelligenter Bursche, und so ist es nicht verwunderlich, dass wir sehr lange beisammensitzen. Ein anderer Deutscher, der beim Konsulat angestellt ist, gesellt sich zu uns und spendiert Mangosaft für uns. Morgen will er uns zum Baden abholen. Ich habe das Gefühl, dass wir es wieder mit einem Schwulen zu tun bekommen. Uns ist es ja eigentlich egal, was der mit seinem Schwanz macht. Hauptsache, er lässt die Finger von uns. Da es mir nachts im Zelt immer zu warm ist, schlafe ich auch heute wieder draußen neben dem Zelt. Dort schlafe ich besser und phantasiere nicht mehr so viel.



05.05.61: IN OMDURMAN FAHREN WIR REKLAME

Früh am Morgen werde ich zum Telefon gerufen und erfahre dann von dem Reporter, dass wir heute für einen Textilladen Reklame fahren sollen. Dabei soll für jeden von uns ein Pfund herausspringen. Wir machen uns sofort fertig, und als der Reporter kommt, fahren wir hinter ihm her nach Omdurman. In einem großen Textilgeschäft bekommen wir jeder erst einmal ein kaltes Getränk und dann ein Schild auf den Rücken ans Hemd geheftet. Was darauf steht, das wissen wir nicht, denn es ist in Arabisch geschrieben. Es interessiert uns auch nicht. Viel wichtiger ist, dass jeder von uns ein Pfund und fünfundzwanzig Piaster bekommt. Nachdem der Ladeninhaber noch einige Bilder von uns gemacht hat, fahren wir los, gefolgt von einer riesigen Meute von dunkelhäutigen Kindern. Sie johlen und sind laut, doch sie sind lange nicht so aufsässig wie die Kinder in Ägypten. Wir fahren kreuz und quer durch die Straßen dieser alten Stadt. Dann kommen wir ans Ufer vom Nil und machen erst einmal eine längere Rast. Fahren dann noch ein paar Straßen auf und ab und dann geht’s zurück zum Club. Solch einen Job könnten wir öfter mal gebrauchen. Bis der Deutsche kommt und uns abholt, streichen wir das Bad weiter. In einem Volkswagen fahren wir aus Khartum heraus zum Blauen Nil. Der Onkel badet nackend und meint, das könnten auch wir tun. Gegen Nacktbaden ist ja eigentlich nichts einzuwenden, doch aus seinen Reden könnte man schon schließen, dass er schwul ist. Das ist einzig und alleine seine Sache und solange er bei uns keine Annäherungsversuche macht, stört es uns auch nicht. So ungestört auf dem Kiesbett am Fluss zu sitzen und ab und zu ins Wasser zu gehen, ist recht angenehm. Die natürliche Landschaft ist schön und wir können uns vorstellen, wie aufregend es wäre, würden ein paar Flusspferde auftauchen. Aber die soll es hier schon sehr lange nicht mehr geben. Erst hinter Kosti weit im Süden in den Sümpfen soll es Krokodile und Flusspferde geben. Dann nimmt er uns mit zu sich nach Hause. Natürlich haben solche Typen eine Villa, die vom deutschen Staat und somit vom Steuerzahler bezahlt wird. Er kann gar nicht so schnell kucken, wie schnell alles verschwindet, was er auf den Tisch stellt, damit wir uns bedienen. Wir sind halt keine Diplomaten und können bei der Auswahl unserer Möglichkeiten auch nicht zimperlich sein. Kaffee, Büchsenmilch, Eierkuchen und Kekse verschwinden schneller in unserem Bauch, als er den Nachschub heranschaffen kann. Jonny und Mike haben ihre Fröhlichkeit wiedergefunden und ätzen mächtig an, sodass wir uns alle köstlich amüsieren. Hoffentlich lädt er uns noch mal ein. Man weiß ja nicht, was er erwartet hat, aber vielleicht hatte auch er etwas Spaß. Jedenfalls ist er freundlich und fährt uns zurück zum Club. Dort streichen wir am Bad weiter, während Wolf dem Klaus, so heißt der Tramp, die Haare schneidet. Auch ihn haben sie beim Konsulat wegen der langen Haare angemacht und deswegen Auskünfte verweigert. Klaus schläft nun auch bei uns.



06.05.61: DEN PALAST DES PRÄSIDENTEN BESICHTIGT

Mit Klaus gehen wir am Morgen zum Palast des Präsidenten. Man hatte uns gesagt, dass es sich lohnt, dieses Gebäude mit der Waffensammlung zu besichtigen. Na ja, nach unserer Meinung hat sich dieser Besuch nicht gelohnt. So eine Krankheit an Palast haben wir noch nicht gesehen. Nur ein Waffennarr wäre auf seine Kosten gekommen, aber für uns sind diese alten Tötungsmaschinen nicht sehr reizvoll. Entsprechend formuliert ist auch der Text, den wir ins Gästebuch eintragen. Ansonsten liegen wir auf der faulen Haut, spielen Billard und streichen das Bad ein wenig. Zur Abwechslung kochen wir auch mal wieder, denn immer diese Sandwiches essen, ist nicht das Wahre und außerdem zu teuer. Zum Abendbrot bekommen wir vier, denn Klaus ist in die Stadt gegangen, noch ein Essen spendiert.
4 Sterne
Buch 1, Ein Wesen Mensch genannt - 31.01.2023
Rajewski

Ein sehr interessantes, abenteuerliches Buch. Unkonventionell und spannend aus Tagebuchseiten des Autors erzählt.Gravierend der Unterschied damaliger Reisebedingungen zum heutigen weltweiten Fernreisetourismus.

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