Ein Wesen „Mensch" genannt

Ein Wesen „Mensch" genannt

Ralf Peter Jünger


EUR 31,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 426
ISBN: 978-3-99130-182-0
Erscheinungsdatum: 19.12.2022
Ohne Geld um die Welt – und das zu viert auf einem reparaturanfälligen Tandem? Das haben sich Shorty, Jonny, Mike und Querkopf leichter vorgestellt, als sie im August 1960 zu ihrer geplanten Weltreise aufbrechen, die sie im ersten Teil bis nach Ägypten führt.
ERSTER TEIL
Ein Wesen „Mensch“ genannt

Tagebuch Band 1

für die Zeit vom 17.08.1960 bis zum 24.12.1960
von Berlin bis Alexandria in Ägypten


Im Jahr 1998, Vorwort

Da habe ich sie nun gefunden, meine alten Tagebücher. Schäbig sehen sie aus. Soll ich sie wegwerfen? Nein, ich sollte sie noch mal durchblättern. Sie sind immerhin schon fast vierzig Jahre alt. Als ich sie schrieb, war ich gerade zwanzig. Der erste Eintrag ist vom Mittwoch, dem 17.8.1960, dem Tag, an dem wir aufbrachen zu einer wohl ungewöhnlichen Reise, die für mich irgendwann im Februar 1962 endete.
Seit dieser Zeit habe ich die Bücher zwar aufgehoben und sie irgendwo verstauben lassen, aber sie nie wieder gelesen. Damals gab ich dem Buch den Titel: „EIN WESEN ‚MENSCH‘ GENANNT“. Was wollte ich damit sagen? Ich weiß es nicht mehr. Meinte ich mit dem Wesen mich selbst, bestimmt durch meine Gedanken, Gefühle oder Handlungen im Zusammenleben mit meinen Kameraden? Ich glaube, ich meinte auch die Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, denen wir auf unserer geplanten Weltreise mit dem Fahrrad begegnen würden. Aber gewiss hatte ich auch Befürchtungen, dass wir auf das Wesen „Mensch“ treffen könnten, das zum Tier wird. Sei es in uns selbst oder in der Begegnung mit anderen. Früher hatte ich öfter mal den Gedanken, ein Buch zu schreiben. Aber das ist lange her. Davon bin ich weit entfernt. Ich habe zu vieles vergessen aus dieser, meiner an Erlebnissen reichen, Jugendzeit. Jetzt bin ich alt. Ich habe viel Zeit. Bin arbeitslos oder, wie man so schön sagt, im Vorruhestand, und das schon seit zwei Jahren. Der Gedanke, die Tagebücher nicht nur zu lesen, sondern sie in den Personal Computer zu tippen, tauchte in mir beim Durchblättern dieser auf. Mich noch einmal damit zu befassen. Ganz bestimmt werde ich mich dabei wieder an Situationen erinnern, die ich bereits vergessen hatte. Sicher werde ich auch wieder an Erlebnisse erinnert, die ich verdrängt hatte, da sie mir vermutlich auch peinlich sind. Doch da diese Erlebnisse vor langer Zeit geschahen, werde ich auch diese ungeschminkt wieder aufschreiben. Ich werde wohl auch Eintragungen über erlebte Handlungen, über Gedanken und Gefühle finden, die ich heute mit meiner Lebenserfahrung so nicht mehr akzeptieren kann, geschweige denn wiederholen würde. Aber was soll’s? Ich schreibe diese Tagebücher einfach nur für mich ab. Schließlich sind die Bücher in keinem so guten Zustand. Zum Teil vom tropischen Wetter aufgeweicht und wieder getrocknet kann man sie bald nicht mehr lesen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Aufzeichnungen es wert sind, einmal gedruckt zu werden. Möglicherweise findet auch mal ein Enkel oder Urenkel diese Abschriften, liest sie und macht sich seine eigenen Gedanken über das Leben, so wie es früher einmal war. Oder sagt mir mein Unterbewusstsein, nun da ich alt geworden bin, dass ich etwas hinterlassen sollte, was an uns und unsere verrückte Reise erinnert? Möchte ich Spuren aus einem Teil meines vergangenen Lebens einem Fährtensucher hinterlassen, die dieser lesen soll?
Sind die Bücher erst einmal auf der Festplatte gespeichert, kann ich sie ausdrucken. Auch kann ich sie dann meinen Kameraden von damals, soweit sie es wünschen, zur Verfügung stellen. Sie haben nämlich keine Tagebücher geschrieben. So wie ich haben auch sie vieles vergessen. Bestimmt haben sie auch einiges mit anderen Augen gesehen und damit auch anders beurteilt. Aber was soll’s? Jeder hat seinen Standpunkt und damit einen anderen Blickwinkel. Mit der Höhe des eigenen Standpunktes nehmen die Sichtweite, aber auch die Abstände zu. Mit größer werdenden Abständen lassen sich Details immer schwerer erkennen. Aber gerade Erkenntnisse verknüpft mit Wissen, Glauben, Trieben und Gefühlen bilden einen großen Teil der Gedanken, die ihrerseits das Handeln bestimmen. Ich jedenfalls möchte diese Reise als wichtigen Teil meiner eigenen Vergangenheit noch einmal im Geiste erleben. Tag für Tag, mit allen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen. Jedoch ohne alle Strapazen, ohne Hunger und Durst möchte ich diese Abenteuer noch einmal in Gedanken erleben, mit dem Wissen, dass Abenteuer zumeist nur eine Kette von Entbehrungen sind, die es zu überleben gilt.


17.08.60: START IN BERLIN AM MITTWOCH

Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Jedoch ist es für uns ein ganz besonderer Tag. Ich sage für uns und meine mich und meine drei Freunde, von denen der eine mein Bruder ist. Etwa um fünf Uhr morgens rasselt der Wecker. Wir kriechen aus unseren Schlafsäcken und stellen mit Erstaunen fest, dass nach Wochen wieder mal die Sonne scheint. Trotz der großen Freude, die ich an diesem Morgen empfinde, bin ich doch etwas bedrückt. Soll ich mich doch an diesem Tag, vielleicht für immer, von Eltern und vor allem vom geliebten Hund verabschieden. Es mag lächerlich klingen, aber meine Zuneigung zu Pluto, so heißt unser Boxer, ist riesig. Nachdem wir gebadet und gefrühstückt haben, werden die Packarbeiten vom vergangenen Abend vollendet. Pünktlich um sieben Uhr erscheint ein Herr vom Fernsehen. Er filmt alles, was es überhaupt zu filmen gibt.
Damit außenstehende Personen, die gegebenenfalls mal dieses Buch finden werden, überhaupt wissen, wen ich mit „uns“ meine, werde ich erst einmal eine kleine Erklärung abgeben, und da der Esel ja bekanntlich immer vorangeht, werde ich mit meiner Person beginnen:
Meine Freunde nennen mich „Shorty“ und ich bin gute zwanzig Jahre alt. Eigentlich wollte ich schon am fünfundzwanzigsten Februar, meinem Geburtstag, mit diesem Buch beginnen. Zu dieser Zeit arbeitete ich in Düsseldorf als Fernmeldemonteur, mein erlernter Beruf. An diesem Tag war ich jedoch so besoffen, dass ich in diesem Zustand keinen vernünftigen Satz zu Papier bekommen hätte. Ich bin kein Trinker und empfinde sogar große Abscheu für Menschen, die sich ständig betrinken und dann nicht mehr wissen, was sie tun. Doch war es passiert. Warum war ich betrunken? Ich weiß es selber nicht mehr. Ich vertrage den Alkohol nicht. Ein Glas zu viel und mir wird zum Erbrechen übel. Einsamkeit war es nicht, da ich in Düsseldorf ein Mädel kennengelernt hatte, welches wohl in meinem Leben einmal eine wichtige Rolle spielen wird.
An jenem Tag holte ich sie von der Arbeit ab. Vermutlich war sie über meinen Zustand nicht erfreut, aber ich riss am laufenden Meter neue Gags. In ihrer Wohnung – wir waren gerade beim Essen – klingelte es an der Tür. Ich sprang auf und rief ganz erregt: „Das ist mein Bruder!“ Er hatte nicht geschrieben und kein besonderes Zeichen beim Klingeln benutzt und doch wusste ich, dass nur er da gekommen sein konnte. Erstaunlich ist, dass ich schon des Öfteren etwas aussprach, von dem ich noch nichts wissen konnte. War es Intuition? Ich glaube, ich habe vor Freude geheult. Mein Bruder ist ein prima Kerl, auch wenn ich auf ihn zeitweise verdammt wütend bin. Er ist ein kameradschaftlicher Typ, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann. Wenn er etwas versprochen hat, dann hält er es. Ob sein ihn in nichts aus der Ruhe bringender Gleichmut und seine bei Kleinigkeiten ausbrechenden Wutanfälle mit dem Sternzeichen, in dem er geboren ist, zusammenhängen, vermag ich nicht zu sagen. Er wurde am 30.4.1941 in Berlin geboren und ist somit Stier. Er ist ein Jahr jünger als ich, aber an Gestalt etwas größer und breiter. Daher auch mein Spitzname „Shorty“, der Kleine, obwohl der Größenunterschied nur zwei Zentimeter beträgt. Ich mag den Namen, zumal in meinem Pass eine Körpergröße von einhundertachtzig Zentimetern eingetragen ist. Mein Bruder Jörn, den man zumeist „Jonny“ ruft, und ich, wir haben in unserem Leben fast alles gemeinsam unternommen und auch bekommen. Bei dem Wort „bekommen“ denke ich hauptsächlich an Strafen und den damit verbundenen „Hintern voll“. „Hintern voll“, das waren Schläge mit dem Rohrstock, der bei uns der „grüne Heinrich“ genannt wurde. Waren Strafen angesagt, so wurden sie in Runden bemessen. Das heißt, dass „Blitzkurt“, unser Stiefvater Kurt, uns an einer Hand im Kreis führte und mit der anderen auf uns einschlug. Striemen in den Farben gelb, rot und blau zierten dann unsere Schenkel, Arschbacken und Rückenteile. Wer schrie, bekam noch mehr. So lernten wir, Schmerzen zu ertragen, nach dem Motto: „Was dich nicht umbringt, macht dich hart.“
Noch jung an Jahren haben mein Bruder und ich eine Radtour von Berlin aus ins Rheinland unternommen. Er war gerade fünfzehn Jahre alt. Es war nicht meine erste Tour. Ein Jahr zuvor bin ich mit dem Fahrrad durch die Lüneburger Heide zur Nordsee gefahren. Schon damals auf der Rheinland-Tour verbohrte sich in uns eine fixe Idee: Sobald wir ausgelernt hätten, würden wir eine Radtour um die Welt machen. Nun, nach fünf Jahren, ist es so weit. Wir starten. Aber nicht zu zweit. Sondern zu viert auf einem Fahrrad, also auf einem Doppeltandem mit Anhänger. Über unsere beiden anderen Kameraden vermag ich nicht viel zu berichten. Ich kenne sie kaum. Da ist „Querkopf“, der mit richtigem Namen Wolfgang Möller heißt. Wir lernten ihn vor etwa einem Jahr beim Baden am Strand in Tegel kennen. Bei Gesprächen am Lagerfeuer waren er und „Hilde“ von unserem Vorhaben so begeistert, dass sie sich entschlossen, an unserer Fahrt teilzunehmen. Hilde ist zwar ein Junge so wie wir, hatte aber keinen so standhaften Willen. Er ist im Laufe der Zeit abgesprungen, da er sich in ein Mädchen verliebt hat. Vielleicht hat er das Richtige gemacht, aber nur vielleicht. Das werde ich aber erst nach beendeter Fahrt beurteilen können, sollte das Ende nicht der Tod sein. Im Augenblick hab’ ich keine Angst vor dem Tod, kann er uns doch auch hier erwischen. Es würde mir auf jeden Fall leidtun, denn ich möchte meine geliebte Romy, mein Mädel aus Düsseldorf, wiedersehen. Auch ich habe mit dem Gedanken gespielt, abzuspringen und bei ihr zu bleiben, um eine stinknormale Familie zu gründen. Aber ich hab’ mich anders entschieden. Wird sie warten, so wie sie es versprochen hat? Ich weiß es nicht. Ich würde es mir wünschen. Diese Trennung soll eine Prüfung für unsere Liebe sein. Na ja, da unser Freund Hilde absprang, entschlossen wir uns, einen Arbeitskollegen meines Bruders mitzunehmen. Keiner von uns kannte ihn vorher. Er heißt Michael Auctun, doch wir nennen ihn „Mike“ oder „Meik“. Er ist von Gestalt groß und sehr breit. Beim Gehen wackelt er ein wenig. Es sieht so aus, als hätte er ein Hüftleiden. Auch glaube ich nicht, dass in ihm große Kräfte verborgen sind, wie man ansonsten aus seinen Körpermaßen und den sehr breiten Schultern schließen könnte. Also, wir vier wollen zusammengeschweißt mit unserem Doppeltandem die Erde umfahren.
Dieses und einiges mehr berichten wir dem Herrn vom Fernsehen, der uns bis zur Zonengrenze in Staaken begleitet. Es ist eine erste spannende Erfahrung – wir im Fernsehen und dann diese beinahe Pleite, dokumentiert auf dem Film. Nach den Kontrollen, als der Schlagbaum hinter uns wieder runtergelassen wird, schaffe ich es beinahe nicht, auf meinen Sattel zu springen. Meine Aufgabe, der ich auf dem hintersten Sitz fahre, ist es, unser Gefährt beim Anfahren anzuschieben, damit sich nicht wieder meine Tretlagerwelle verbiegt, so wie es bereits bei Probefahrten der Fall war. Bisher hatte ich damit noch keine Probleme. Ist es Unaufmerksamkeit? Ich habe wohl zu lange geschoben. Oder haben die anderen drei zu kräftig in die Pedalen getreten? Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen. Jedenfalls haben wir schon zu viel Schwung und ich muss mehrere Sprünge machen, bis ich auf meinem Sattel lande. Die Ostzone von Berlin bis Lauenburg, und das sind über zweihundert Kilometer, müssen wir an einem Tag durchqueren. Was unter normalen Umständen und ohne viel Gepäck auch zu schaffen ist.
Die Menschen, die uns sehen, staunen und amüsieren sich. Selbst bei den in der Ostzone stationierten Russen erregen wir großes Aufsehen. Die freuen sich genauso wie die Kinder der Bauern. In Friesack, einem Ort etwa achtzig Kilometer von Berlin entfernt, da passiert es: Mit etwas erhöhter Geschwindigkeit rollen wir gerade einen Berg hinab ins Dorf hinein. Unser Anhänger fängt an zu schleudern und kippt schließlich, nachdem noch ein Rad in ein Schlagloch gerät, ganz einfach um. Wir schleudern mächtig hin und her, können aber unser Fahrzeug halten, ohne selber umzukippen. Alle amüsieren sich köstlich. Sie können sich vor Lachkrämpfen beinahe nicht mehr halten. Bin ich zu ernst? Ich lache auch gern. In diesem Moment hätte ich alles andere tun können, aber nicht in Gelächter ausbrechen. Die Kupplungsstange ist gebrochen. Nachdem der Anhänger in einer Dorfschmiede repariert wird, geht die Fahrt weiter. Bereits nach etwa zehn Kilometern bricht die Kupplung ein zweites Mal. Doch diesmal haben wir Pech, da keine Ortschaft in der Nähe ist. Auch wollen wir nicht zurückschieben. Viel Zeit ist bereits vergangen und eine Werkstatt, sollten wir eine finden, wäre bestimmt auch schon geschlossen. Also entschließen wir uns, einen Lastwagen anzuhalten, um nach Lauenburg zu gelangen, der ersten Stadt in Westdeutschland. Gerade um diese Zeit sehen wohl Tausende von Berlinern im Fernsehen unseren Start. Wir jedoch sitzen mit einer Panne in der Ostzone fest und kommen nicht mehr weiter. Nach langen, vergeblichen Versuchen, einen Lastwagen anzuhalten, unterstützen uns schließlich Volkspolizisten der DDR, auch „Vopos“ genannt. Sie sind sehr nett zu uns und begeistert von unserem Vorhaben. So ganz nebenbei machen sie Andeutungen, dass sie sich auch des Öfteren das westliche Fernsehen anschauen, obwohl dies in der DDR strikt verboten ist. Nachdem die „Vopos“ für uns einen Lastwagen angehalten haben und den Fahrer auffordern, uns mitzunehmen, erreichen wir Lauenburg etwa um Mitternacht. Unser Zelt bauen wir dann im Dunkeln in der Nähe der Jugendherberge auf.


18.08.60: ANHÄNGER REPARIERT IN LAUENBURG

Geschlafen haben wir in dieser ersten Nacht recht gut. Am nächsten Tag regnet es und wir reparieren den Anhänger zum zweiten Mal. Also am zweiten Tag, zum zweiten Mal. Wenn das so weitergeht, haben wir nicht viel zu lachen. Der Tag vergeht. Wir essen Kartoffelklöße aus der Packung und liefern uns am Abend noch eine Wurfschlacht mit den missglückten „Pfanni Bratkartoffeln“, die eigentlich Kartoffelpuffer werden sollten. Mit dem Kochen klappt es noch nicht so gut.


19.08.60: AUF DEM WEG NACH CELLE

Am Freitag geht die Fahrt weiter über Lüneburg und Uelzen in Richtung Celle. Das Wetter ist stürmisch und es regnet wieder. Bei einer Pause, die wir zum Kacken einlegen mussten, entdecken wir im Wald sehr viele Pilze. Zweifelnd, ob wir es wagen können, da niemand von uns ein Pilzkenner ist, sammeln wir einige, um sie am Abend zu essen. Celle erreichen wir an diesem Tag nicht mehr. Wir sind verdammt müde. In einem Dorf, etwa fünfzehn Kilometer vor Celle, bauen wir unser Zelt auf der Liegewiese eines Schwimmbades auf. Die Pilze und Kartoffeln, die wir tagsüber gesammelt haben, können wir am Abend aber nicht mehr zubereiten.


20.08.60: ZIGEUNERLAGER IN HANNOVER

Es regnet in Strömen. Also bereiten wir erst einmal das Essen zu. Uns allen hat es geschmeckt und an den Pilzen haben wir uns auch nicht vergiftet. Da wir weiterwollen, müssen wir das Zelt – so nass, wie es ist – einpacken. In Celle angekommen, kaufen wir Proviant ein. Während Jonny versucht, eine kleinere Übersetzung an unser Tandem anzubauen, gehe ich mit Mike Lebensmittel einkaufen. Hab’ mich über Mike mächtig geärgert. Jeder von uns soll außer einigen Keksen auch einen halben Liter Milch bekommen. So haben wir es beschlossen und abgesprochen. Er hat so einen riesigen Durst, dass er doch tatsächlich versucht, mich zu überreden, für uns beide noch extra etwas zu trinken zu holen. Ich hab’ es abgelehnt und ihn, so glaub’ ich, ganz ordentlich angepflaumt. Es scheint ihm aber egal zu sein. Nachdem wir gegessen und unser vergeblich auseinandergenommenes Rad wieder fahrbereit haben, geht die Fahrt weiter nach Hannover. In der Stadt angekommen werden wir von einem Reporter, der zuständig für die Tageszeitung ist, interviewt. Außerhalb der Stadt suchen wir nach einem Platz zum Zelten. Wir finden ein Zigeunerlager mit Wasseranschluss. Auf unsere Frage, ob wir unser Zelt auch hier aufbauen dürfen, antwortet eine alte Zigeunerin einfach lapidar: „Wer viel fragt, geht viel verkehrt.“ Also bauen wir das noch nasse Zelt hier auf.
Jonny und ich, wir bekommen uns mächtig in die Haare. Der Anlass dazu ist Opas morgiger Geburtstag. Warum nur mache ich ihm Vorwürfe, dass er nicht geschrieben hat? Vorschriften kann ich ihm keine machen, doch mehrfach habe ich ihn daran erinnert und er hatte auch zugesagt, dass er schreiben wird. Ich hatte mich darauf verlassen, doch hätte ich es selbst machen sollen. Soweit ich mich erinnern kann, ist dieser Geburtstag unserer Großeltern der erste, den wir nicht gemeinsam feiern. Wir lieben unsere Großeltern sehr. Sie waren immer für uns da, und das nicht nur in Notfällen. Opa war eigentlich gegen unsere geplante Reise. Sein Motto war immer: „Bleibe im Lande und ernähre dich redlich.“ Jedenfalls wurde mein Bruder patzig und zwar in einer Art, in der ich unbedingt eine Herausforderung sehen musste. Ich empfinde seine Sprüche und seinen Ton als frech und anmaßend. Eigentlich sind diese Sprüche nur auswendig gelernte Redensarten, mit denen er jeden anderen mundtot machen will. Die anderen empfinden sie als Gag und amüsieren sich. Ich ärgere mich und knalle ihm ein paar vor den Latz. Er schlägt zurück und so haben wir unseren ersten Kampf und das schon nach so wenigen Tagen. Es ist kein schöner Kampf, aber Grenzen müssen abgesteckt werden. Eigentlich will ich ihm auch nichts tun. Vielleicht muss es aber sein, damit ein freundschaftliches Zusammenleben auf engstem Raum, nämlich Tandem und Zelt, möglich ist. Und das geht nur, wenn man sich hundertprozentig aufeinander verlassen kann und sich nicht unnötig ärgern muss. Mit anderen Worten: Man muss sich verstehen. Auf jeden Fall ist es kein Kampf, wie im Tierreich üblich, um die Vorherrschaft. Wir hatten uns bereits abgesprochen, dass keiner von uns als Führer fungiert. Alle Entscheidungen werden mehrheitlich getroffen. Jeder entscheidet nur mit seiner eigenen Stimme. Bei einem Stimmengleichstand von zwei zu zwei wird so lange weiterdiskutiert, bis eine Mehrheit von drei zu eins oder Einigkeit entsteht.
5 Sterne
Ein Tagebuch, das es in sich hat - 09.01.2023
Sabine Kil

Ich hatte das Vergnügen, das Buch schon vor Erscheinen zu lesen. Nun liegt es vor mir, frisch gedruckt, und ich freue mich schon. Die Reise war von Anfang an ein Abenteuer und unsereins hätte wahrscheinlich schon in der ersten Woche aufgegeben. Spannend, witzig, menschlich.

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