Alltag & Lebensführung

Vom Krebs zum Beuteltier

Max Friedolin

Vom Krebs zum Beuteltier

Mein Kampf mit dem Krebs

Leseprobe:


Vorwort

In diesem Buch berichte ich detailliert von meinem Kampf mit und gegen den Krebs, der in drei Etappen stattfand und 13 Jahre andauerte. Die Diagnose Krebs war der schlimmste Augenblick in meinem Leben. Außerdem möchte ich von meinem Leben zwischen den Etappen und meinem Leben danach als Beuteltier erzählen.
Eine der größten Geißeln der Menschheit ist die Krebserkrankung. Nach den neusten Statistiken soll jeder vierte Todesfall in Deutschland auf eine Krebserkrankung zurückzuführen sein. Dem medizinischen Fortschritt ist es geschuldet, dass jeder Zweite die Diagnose Krebs überlebt und sehr oft sogar vollständig geheilt wird.
Die Etappen in meinem Kampf gegen den Krebs sind zeitlich unterschiedlich lang, sie zeigen nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Familie, auch das gute Verhältnis zu meinen Freunden. Über diese Zeit – es war die teilweise schlimmste Zeit meines Lebens – zu berichten, war und ist für mich wohltuend, besonders bei der Bewältigung meiner gesundheitlichen Probleme. Das Schreiben über die Vorgänge, besonders in der Klinik und bei der Reha, haben mich aufgerichtet und mir neue Kraft gegeben, um weiterleben zu können.
Außerdem – und das ist auch sehr wichtig – hat das Schreiben mir neuen Lebensmut und Lebensfreude gebracht. Ich berichte auch über die Fortschritte in der Medizin aus meiner laienhaften Perspektive.



Meine Familie, meine Ärzte und meine Freunde

Wer bin ich
Ich bin Jahrgang 1935, Diplom Ingenieur der Nachrichtentechnik und war in einer deutschen Rundfunkanstalt in Produktion und Technik zuletzt als stellvertretender Betriebsdirektor tätig. Seit 01.01.1996 genieße ich mein Leben im Ruhestand.

Meine Familie
Meine Frau mit der ich rund 57 Jahre verheiratet bin. Wir haben zwei Kinder, es sind zwei Mädchen.
Unsere Älteste ist verheiratet, sie hat zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Ihr geschiedener Ehemann ist der Vater meiner Enkel.
Die jüngste Tochter ist schwer körperbehindert und ledig.
Meine Schwester, ihr Mann und zwei Töchter.
Die Schwägerin meiner Frau und ihre Tochter
Der Sohn meines verstorbenen Bruders mit seiner Familie
Die Tochter meiner verstorbenen Schwester.

Meine Ärzte
Mein Operateur: Professor Dr. F., Direktor der Urologischen Klinik im Klinikum Karlsruhe, ehemaliger Vorsitzender der deutschen urologischen Gesellschaft.

Mein Urologe Dr. B.
Die Oberärztinnen und Oberärzte sowie die Stationsärztinnen und -ärzte auf der Privatstation der urologischen Klinik im Klinikum Karlsruhe.

Meine engsten Freunde
Zwei ehemalige Kollegen und ihre Ehefrauen, zwei Schulkameraden aus der Abiturs Klasse mit ihren Ehefrauen, meine ehemaligen Kegelbrüder und Stammtischfreunde mit ihren Ehefrauen.
Wir wohnen im nördlichen Schwarzwald, im schönen Murgtal.



Mein Leben und der Krebs

Hörst du die Vögel zwitschern? Siehst du die Blumen blühen, den Sonnenschein, der die Natur und die Welt verschönert? Oder denkst du nur noch an den verdammten Krebs?

Was ist eigentlich Krebs?
Krebs ist ein Tierkreiszeichen in der Astrologie.
Krebs ist ein Gliederfüßer in der Botanik.
Krebs ist eine bösartige Geschwulst in der Medizin.

Das Leben ist schön und spannend, auch im Alter von 69 Jahren. Ich fühle mich sehr wohl trotz der Stoffwechselprobleme mit Diabetes II und einiger Knochen- und Gelenkprobleme. Schwere Arthrose im linken Hüftgelenk, dadurch auch Knieprobleme verbunden mit einigen Schmerzen, die aber auszuhalten sind. Mit Spritzen, Krankengymnastik, Tabletten und viel Bewegung haben wir fast alles im Griff. Es gibt viele Menschen, denen es schlechter geht als mir. Daran muss man sich aufrichten, jammern hilft nicht weiter.

Das Jahr 2005, das Jahr, in dem ich 70 Jahre alt wurde, fing verheißungsvoll an. An Silvester haben wir mit unseren Freunden in unserem Stammlokal, im Gasthaus „Krone“, in Au im Murgtal am Silvester-Büfett teilgenommen. Es war wieder ein kulinarischer Höhepunkt, so wie wir es seit vielen Jahren gewohnt sind. Anschließend haben wir zusammen das neue Jahr 2005 bei uns zu Hause in guter Stimmung begrüßt.
Unbeschwert begannen wir das neue Jahr. Die guten Wünsche für ein gesundes und glückliches neues Jahr waren gerade verklungen. Dann kam der 13. Januar, ein schwarzer Tag, vielleicht der schwärzeste Tag in meinem Leben, an dem alles anfing: Ich hatte Blut im Urin!
Es war ein schrecklicher Moment. Was war passiert? Wo kommt das Blut her?

Nach ersten Gesprächen und Beratungen mit meiner Frau, habe ich umgehend einen Akut-Termin bei Dr. B., meinem Urologen, gemacht. Dabei erfuhr ich, dass es verschiedene Ursachen und zwar sowohl harmlose als auch sehr ernste Varianten für die Blutung geben kann. Ich habe mich innerlich natürlich für die harmlosen Varianten entschieden, weil – und das ist ja ganz wichtig – ich ja noch nie in den vergangenen 69 Jahren ernsthaft erkrankt war. Ein Angebot zu Vorsorgeuntersuchungen gab es, jährliche Routineuntersuchungen auch, ich habe sie nie wahrgenommen. Warum? Ich weiß es nicht, ich sah keinerlei Anlass für solche Untersuchungen. Das war fahrlässig! Ich glaube, wir Männer sind in dieser Richtung nachlässiger, viel nachlässiger als unsere Frauen.

Herr Dr. B. begann dann mit vielfältigen Untersuchungen, um die Ursache für die Blutung zu ergründen. Der erste Schritt: Untersuchung des Harns sowie Ultraschalluntersuchung der Nieren, der Blase und der Harnwege. Der Ultraschall ergab keine negativen Ergebnisse.
Am 17.01. lag das Ergebnis der Harnuntersuchung vor: Kein Befund!
Also musste weitergesucht werden. Es gab immer noch harmlose Varianten, daran habe ich mich geklammert. Am 19.01. wurde eine Blasenspiegelung – eine sog. Zystoskopie – durchgeführt, d. h. endoskopisch wird durch die Harnröhre in die Blase geschaut und der Innenraum der Blase kontrolliert.
Das Ergebnis war niederschmetternd, keine harmlose Variante, sondern eine ernste, ja die ernsteste Variante, die es gibt. Ein Tumor am Ausgang der Blase, das war ein Tiefschlag, ein fürchterlicher Tiefschlag.
Warum habe ich einen Tumor? Warum gerade ich, wo kommt der her? Keine Antworten, nur noch Weltuntergangsstimmung. Bin ich dem Tod geweiht? Fragen über Fragen rasten durch mein Gehirn.
Die Stimme des Arztes holte mich in die Wirklichkeit zurück. Er sagte, der Tumor sei nicht sehr groß, muss aber beseitigt werden. Dies geschieht ähnlich wie bei der Zystoskopie mittels eines endoskopischen Eingriffs durch die Harnröhre in einer Klinik. Sowohl das Klinikum in Offenburg als auch das Städt. Klinikum Karlsruhe sind fachmedizinisch dazu in der Lage. Offenburg ist etwas kleiner und familiärer, Karlsruhe größer und etwas unpersönlicher. Herr Dr. B. überließ natürlich mir, dem Patienten, die Entscheidung, wohin ich gehen wollte. Dies wollte ich mit meiner Familie, besonders mit meiner Frau und meinen Töchtern in Ruhe beraten.

Um eine Entzündung der Harnröhre nach der Blasenspiegelung zu vermeiden, hatte mir Herr Dr. B. ein Antibiotikum verschrieben. Da ich zunächst keine Probleme hatte, habe ich das Mittel nicht eingenommen. Das war ein großer Fehler, wie sich später herausstellen sollte! Denn zwei Tage später hatte ich eine schwere Entzündung, sodass ich ab 23.01. das Antibiotikum einnahm und zusätzlich ein auf natürlicher Basis hergestelltes Mittel „Cystinol Akut“, das von Dr. B. empfohlen wurde. Nach wenigen Tagen ging die Entzündung endlich zurück.

<Was macht eigentlich die Blase in unserem Körper? Sie ist das Sammelorgan für den Urin, der durch das Filtern des Blutes in den Nieren entsteht und über den Harnleiter in die Blase fließt. Die Blase ist ein Hohlorgan, welches sich ausdehnen und zusammenziehen kann. In der Blase wird der Urin gesammelt und über den Schließmuskel und der Harnröhre nach Außen abgegeben. Die Blase hat innen eine Schleimhautschicht, dann kommt ein Bindegewebe und schließlich Muskelschichten und ganz außen befindet sich dann noch Fettgewebe.>

Die Beratungen in der Familie ergaben dann, dass ich nach Karlsruhe ins Städtische Klinikum gehen würde, da dies mit der Stadtbahn gut zu erreichen ist.
Am 27.01. wurden vorbereitende Untersuchungen in der Praxis von Herrn Dr. B. durchgeführt: Ultraschall der Harnwege – Röntgen der Nieren – Blutabnahme und schließlich die Anmeldung im Sekretariat von Professor Dr. F. in der urologischen Klinik im Städt. Klinikum Karlsruhe.
Am 02.02. Anruf vom Sekretariat von Prof. Dr. F., dass ich am 04.02. zur ambulanten Voruntersuchung und am 06.02. zur stationären Aufnahme nach Karlsruhe kommen soll.
Am 02.02. fuhren dann meine Frau und ich mit der Stadtbahn zum Klinikum nach Karlsruhe. Für mich war das ein aufregender Tag, weil ich das erste Mal als Patient einen Tag in einem Klinikum verbringen musste und dann noch mit dieser schlimmen Diagnose.
„Wird alles gut gehen? Habe ich eine Chance?“
Zunächst erfolgte die Anmeldung im Klinikum, dann ging es auf die Privatstation, ich war bereits avisiert. Umfassende Erhebungen und Untersuchungen begannen, Blutabnahme, Urin-Mittelstrahl-Abgabe, Blutdruckmessung sowie die Aufnahme meiner Medikamente wegen Blutzucker und Cholesterin. Der Stationsarzt, untersuchte mich dann, führte Ultraschalluntersuchungen der Nieren, der Blase, der Harnwege und der Prostata (auch rektal) durch.

Dann ging es in die anderen Fachbereiche. In der Kardiologie wurden ein EKG und eine kardiologische Untersuchung durchgeführt, dann wurde der Thorax-Bereich geröntgt und schließlich gab es ein langes Gespräch beim Anästhesisten, in dem er ausführlich über die Möglichkeiten der Narkose und deren Risiken berichtete. Ich habe mich dann auf Vorschlag des Arztes für eine spinale Anästhesie entschieden. Diese Art der Anästhesie würde er auch seinem Vater vorschlagen, wenn er in meiner Situation wäre.
Gegen 16 Uhr waren dann die Voruntersuchungen abgeschlossen. Zwischendurch habe ich auf der Station E80 ein Mittagessen und einen Obstteller bekommen. Im Kliniktreff hatte meine Frau einen Wurstsalat gegessen. Anschließend war die Heimfahrt, wir waren beide müde und abgekämpft, die zwei Tage Ruhe würden uns guttun.
Am 06.02. gegen 14:15 Uhr kam meine älteste Tochter mit ihrem Auto. Wir sind dann zusammen mit meiner Frau nach Karlsruhe gefahren. Nach der Anmeldung ging es auf die Station E80 der Privatstation der urologischen Klinik. Dort hatte ich dann das Zimmer E 804 bezogen. Mein Zimmerkollege war ein Karlsruher, der eine Prostata-Totaloperation hatte.

Die üblichen Eingangsuntersuchungen, die Totalrasur des Intimbereiches und die Einkleidung mit dem OP-Hemdchen und der Spezialunterhose musste ich dann über mich ergehen lassen. Ich durfte noch zum Abendessen, aber musste dann später per Zäpfchen den Darm entleeren. Eine leichte Schlaftablette sorgte dafür, dass ich gut schlafen konnte, und zur Vorsorge gegen Entzündungen wurde ein Antibiotikum „Cotrim forte“ (1 – 0 – 1) verabreicht. „Die gesamte Vorbereitung für die OP lief strukturiert ab, hier konnte man die große Erfahrung spüren, die in dieser Klinik vorhanden war und ist.
Am 07.02. musste ich nüchtern bleiben.
„Was wird der Tag heute bringen? Wird alles gut ablaufen? Ist der Tumor gutartig – das soll es ja auch geben – oder ist es Krebs? Hat der Tumor schon gestreut?“ Alles Fragen über Fragen und keine Antwort. Die innere Unruhe nahm zu und ich bekam auch Angstgefühle. Wo war meine Sicherheit geblieben? Die Schwestern munterten mich auf, sie kannten diese Situation aus ihrer täglichen Arbeit.
„Vielleicht habe ich Glück.“

Gegen 8:30 Uhr ging es dann zur OP. Dabei handelt es sich um eine sog.
Transurethrale Resektion (TUR)<durch die Harnröhre>.
Nach der Spinalanästhesie kam der Professor zur OP.

<Das ist eine dem Rückenmark nahe örtliche Betäubung. Das bedeutet Betäubung der unteren Körperhälfte durch Einspritzung von Betäubungsmitteln in den das Rückenmark umhüllenden Flüssigkeitsraum im Bereich der Lendenwirbel.>
Auf meine Nachfrage beim Professor, durfte ich den Eingriff über Farbmonitor mit ansehen und erhielt gleichzeitig alle notwendigen Erläuterungen durch den Professor.
Bei der OP schob der Professor eine Hochfrequenzschlinge durch das Endoskop in die Blase und entfernte damit den oder die Tumore.

<Im Endoskop befinden sich natürlich eine elektronische Kamera und eine Beleuchtung, damit der Operateur alles gut erkennen kann. Er operiert ja über den Monitor. Die abgetragenen Tumor- und Gewebeteile werden mit einer kleinen Zange entnommen, um dann histologisch untersucht zu werden.>

Nach der OP beim Rausschieben aus dem OP-Saal hatte der Professor mir dann den Tumor und die Gewebeentnahmen – insgesamt 4 – gezeigt.

Ich kam dann auf die Wachstation E 71, wo ich 24 Stunden bleiben musste bei Dauer-EKG und Dauer-Blutdruckmessung. Über einen Katheder wurde die Blase mit Kochsalzlösungen permanent durchgespült.
Gegen 14 Uhr konnte ich meine Beine wieder bewegen, die Narkose war langsam aber sicher zu Ende. Später habe ich dann mit dem Stationstelefon bei meiner Frau angerufen und alles Wichtige berichtet. Ihre erste Frage „Ist der Tumor bösartig?“ konnte ich leider nicht beantworten, weil noch kein Ergebnis der histologischen Untersuchung vorlag. Dieser Umstand machte uns alle nervös, die Situation war unerträglich, die Anspannung kaum noch auszuhalten.

Am 08.02. gegen 10 Uhr kam ich wieder auf die Station E 80 in mein altes Zimmer. An diesem Tag wurde noch eine Computertomografie gemacht.

<Das ist eine computergestützte Röntgenuntersuchung, bei der bestimmte Körperregionen in einzelnen Schichten durchleuchtet werden. Aus den gewonnenen Bilddaten lassen sich Schnittbilder in beliebigen Ebenen herstellen.>

Am 09.02. wurde ein Knochen-Szintigramm durchgeführt

<Bei einem Szintigramm bekommt der Patient eine radioaktive Substanz gespritzt, ein sog. Radiopharmakon. Diese breitet sich im Körper aus und reichert sich in bestimmten Regionen vermehrt an. Dies macht sich die Krebsmedizin zunutze, um Tumore aufzuspüren. Da die Tumorzellen ein anderes Stoffwechselverhalten haben als gesunde Körperzellen, reichern sie mehr Radiopharmaka an als diese. So können Tumorzellen zum Beispiel im Skelett nachgewiesen werden.>

Beide Untersuchungen ergaben keine Befunde. Gott sei Dank! Der Tumor hatte nicht gestreut.
„Habe ich nochmals Glück gehabt? Was wird die histologische Untersuchung der Gewebe bringen?“
Die Nervosität ob der Ungewissheit war unerträglich.
„Warum brauchen die in der Histologie so lange?“
Die Spülungen mit Kochsalzlösung über den Katheder wurden am 10.02. beendet, da die Farbe des Urins sich wieder normalisiert hatte.
Am Nachmittag wurde die erste Instillation durchgeführt.

<Bei der Instillation werden über einen Katheder durch die Harnröhre Medikamente – bei mir Mitomycin – in die Harnblase eingebracht.>

Diese Lösung wird über einen Katheder in die Blase instilliert, sie sollte ca. 120 Minuten in der Blase gehalten werden, ich allerdings konnte die Lösung nur 40 Minuten halten.

<Mitomycin ist ein Zytostatikum, das Tumorzellen abtöten kann und das Anheften dieser Zellen an der Urothel-Schicht – das ist die Schicht, die die Blase auskleidet – verhindern.>

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 74
ISBN: 978-3-99107-090-0
Erscheinungsdatum: 08.10.2020
EUR 15,90
EUR 9,99

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