Alltag & Lebensführung

Ver-rückte Arbeitswelt

Rainer Gumbel

Ver-rückte Arbeitswelt

Wunschdenken & Wirklichkeit

Leseprobe:

Vorwort

„Man kann den Menschen nichts beibringen.
Man kann ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
(Galileo Galilei)

Warum ein (Anti-)Ratgeber, der mit der Mär von „Ich weiß, was dir hilft!“ aufräumen möchte? Vor dem Mythos ist nach dem Mythos, wenn nicht … Wenn nicht was … geschieht?
Die zehn Mythen der Arbeitswelt werden gebetsmühlenartig in Seminaren immer wieder thematisiert und als Rezepte verschrieben. Gefragt wird nicht, ob die Patienten sie überhaupt einlösen und wie lange sie die verordneten Mittel einnehmen. Gibt es unbeabsichtigte Nebenwirkungen bei Überdosierung? Reicht es aus, die Mittel kurzfristig, z.?B. an zwei (Seminar-)Tagen zu probieren, um festzustellen, ob sie wirken, ob ich darauf anspreche? Ist all das, was verschrieben wird, für den Patienten gut oder ist manchmal weniger mehr? Worauf kommt es denn an?
Sie werden sich vielleicht fragen, wie kommt ein Trainer dazu, seine Existenzgrundlage infrage zu stellen?
1993 machte ich mich selbstständig und war überzeugt, dass ich mein Geld für die Unternehmen wert bin, da ich für diese einen Mehrwert generiere.
Meiner euphorischen Gewissheit zu Beginn folgte eine herbe Ernüchterung. Diese ist darauf zurückzuführen, dass die allerwenigsten Menschen bereit sind, aktiv an sich zu arbeiten. Dafür mag es heute viele Gründe geben, auf die nicht eingegangen werden soll. Altes zu entlernen und an die Stelle Neues zu setzen ist vielen Menschen mittel- und langfristig zu anstrengend; sich kurzfristig ins Zeug zu legen, okay, jedoch mittel- und langfristig dabei zu bleiben, oje! Entwicklungen anstoßen ist die eine Sache. Aber damit hat sich noch nichts Neues festgesetzt. Bleibende Veränderung benötigt Entwicklungszeit.
Diametral dazu oftmals die Erwartungs- bzw. Anspruchshaltung an den Referenten – wohlgemerkt nicht Trainer – Allheilmittel und Rezepte serviert zu bekommen, die ein spezielles Problem innerhalb der Seminarzeit aus der Welt schaffen. Gehe mit einem Problem/Anliegen ins Seminar und gehe mit der eindeutigen Lösung nach Hause. Ein Spitzenseminar war das, hurra! Bei der nächsten, etwas anders gelagerten Problematik wird mit derselben Anspruchs- und Erwartungshaltung wieder ein Seminar besucht (Seminaritis).
Eigenverantwortung für Veränderung wird von den Teilnehmern an den Referenten delegiert – vielleicht auch deshalb, weil unternehmensintern keine entsprechende Streitkultur gepflegt wird. Dafür gibt es Seminare, die eine Streitplattform bieten, und das genügt!
Dieses Buch ist kein Ratgeber gegen Ratgeber, sondern ein Streifzug durch die Trainings-/Seminarlandschaft mit ihren wohlklingenden und verheißungsvollen Ansätzen, die offen oder verdeckt die Geheimnisse erfolgreicher (Zusammen-)Arbeit nahelegen wollen.
Sie finden ein Anstoß-Buch vor, das Denkanstöße und Schlussfolgerungen enthält. Kleine Exkurse zum jeweiligen Mythos und in die Welt der narrativen Zusammenhänge der Weisheitsgeschichten runden die Mythosbetrachtung ab.
Die im Text fett gedruckten Begriffe werden in einem Glossar vertieft.


Andere motivieren

* Wie unterscheidet sich Motivierung von Motivation?
* Was motiviert mich?
* Was demotiviert mich?
* Wer ist dafür verantwortlich?


Was geht in einer Führungskraft vor, die im Seminar mit dem Mythos der Fremdmotivierung konfrontiert wird?
Was macht sie bei ihrem Mitarbeiter falsch, der auf Anweisungen wartet und diese auch korrekt ausführt? Warum gelingt es ihr nicht, ihn dahin zu bewegen, dass er eigenverantwortlich tätig wird, Eigeninitiative entwickelt?
Die Führungskraft denkt auch an den Mitarbeiter, der Dienst nach Vorschrift macht und nicht bereit ist, auch mal Überstunden zu machen, wenn Not am Mann ist.
Um den Fremdmotivierungs-Mythos zu verstehen, ist es hilfreich, sich die Faktoren der Leistungserbringung vor Augen zu führen. Eine Formel bringt es auf den Punkt:

L(eistung) = K(önnen) x W(ollen) x D(ürfen)

Leistung ist immer das Produkt aus Können (Fachkompetenz), Wollen (Leistungswille/Leistungsbereitschaft) und Dürfen.
Leistung als Produkt – und nicht als Addition – setzt voraus, dass alle drei Faktoren größer Null sind, um ein positives Ergebnis/Leistung zu erzeugen.
Wer kann, aber nicht will, wird im besten Falle zum Minderleister. Doch was tun mit einem solchen Mitarbeiter? Können Sie diesen fremdmotivieren? Mit was und zu welchem Preis?


Die Kraft der Vision

* Visionen und Ziele
* Absicht und Wirklichkeit
* Notwendige Wirkkräfte

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Ein Satz, der angeblich vom Altbundeskanzler Helmut Schmid stammt. Anders sieht es der Autor des Kleinen Prinzen, Antoine de St. Exupery: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten Meer.“
Aus der ersten Sicht spricht die Wirklichkeit, aus letzter die Absicht.

Zunächst einmal ist die Vision von den Zielen abzugrenzen.

Als Firmenleitbild spricht die Vision weniger den Kopf als vielmehr das Gefühl, das Herz des Mitarbeiters an. Denn der Mensch ist nicht nur ein Kopfling, er ist vor allem ein Bauchling. Mit der Vision sieht der Mensch bildhaft, was ihn fesselt, was ihn in seinen Bann zieht. In den Unternehmenszielen (Vordergrund) spiegelt sich das Firmenleitbild, die Vision wieder (Hintergrund).
Leitbilder sollen Orientierung geben über Handlungs- und Entscheidungsprinzipien des Unternehmens. Doch wichtiger als die bloße Dokumentation ethischer Grundsätzen in Hochglanzprospekten ist deren Vorleben im täglichen (Führungs-)Prozess.
Damit sind wir beim Kernproblem: Dokumentierte Absicht und gelebte Wirklichkeit bzw. Wirkung decken sich nicht. Die Vision wird zur Makulatur, wird als unglaubwürdig erlebt.


Mit einem guten Rezeptbuch lässt sich jeder Kuchen backen

* Patentrezepte
* Entwicklung
* Methodik und Beliefs


Patentrezepte

Als Trainer erlebe ich verstärkt den Teilnehmeranspruch nach Rezepten:

* Sag mir, was ich tun muss, damit ich mein Ziel möglichst schnell erreiche.
* Wie schaffe ich es, dass der andere schnell einsieht, dass er auf dem Holzweg ist?
* Welche Tricks gibt es, um …?
* Da gibt es doch bestimmt eine Methode, eine Technik, ein Rezept!
* Sag du mir als Trainer (denn du bist der Experte), was ich tun soll!

Ungläubige und skeptische Gesichter begegnen mir, wenn ich gleich zu Beginn eines Seminars klarstelle, dass ich der Erwartungshaltung nicht gerecht werden will und kann. Mehrere Wege führen nach Rom und jeder muss den für ihn passenden Weg selbst herausfinden. Dies erfordert Zeit, die man angeblich nicht hat. Ehrlich wäre es, zu sagen, dass man sich die Zeit dafür nicht nehmen will, weil Veränderung auf der Prioritätenliste nicht an erster Stelle steht.

Und das Ganze passend zur Unternehmenskultur

Ein weiteres Phänomen begegnet mir immer wieder. Es sollen Techniken, Instrumente vermittelt werden, die mit der (subjektiv) wahrgenommenen Unternehmenskultur vereinbar sind. Frei nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!

Methodik allein bringt nichts.

Wenn Sie nicht nass werden wollen, ist die Wasch-Methodik für die Katz.
Sie werden das methodische Handwerkszeug nur nutzen, wenn Sie sich zuvor kritisch mit sich selbst auseinandergesetzt haben:

* Wie wirke ich auf andere? Was sind meine Wertesysteme, Einstellungen und Glaubenssätze (Beliefs)?


Methodisches Know-how ist lediglich Mittel zum Zweck, wenn auch ein sehr hilfreiches, wenn die Reihenfolge beachtet wird.

Entwicklung

Veränderung ist im ersten Schritt Ent-wicklung: Das, was aufgrund meiner Sozialisation ein-gewickelt ist, ist offenzulegen, sichtbar zu machen, hat sich seiner Verhaltensmuster bewusst zu werden. Erst dann fällt methodisches Handwerkszeug auf fruchtbaren Boden.

Denkanstöße

* Mit welchen Erwartungen gehe ich zum Seminar? Will ich Rezepte erfahren oder lege ich mehr Wert auf Impulse, Anregungen, Überdenkenswertes?
* Welche Inhalte der Seminarausschreibung sprechen mich an?
* Was bringe ich im Seminar von mir ein?
* Wie offen will ich mich im Seminar zeigen?
* Wie müssen die Umstände sein, damit ich auch meine Schattenseiten (negativen Eigenschaften) zeige?
* Wie sorge ich schon im Seminar dafür, dass ich nach dem Seminar etwas im Alltag zu bewegen vermag (= Vermögen)?
* Sage ich das, was ich denke, tue ich das, was ich sage und bin ich auch das, was ich tue – nämlich dafür verantwortlich?


Steig einfach aus …

* Aussteigen oder umsteigen
* Oben bleiben
* Verändert zurückkehren
* Veränderung suchen


Das Leben ist doch viel zu kurz um einen lästigen Job auszuüben. Finden Sie nicht auch?
Es hört sich gut an und ist die Ultima Ratio, ein letztmöglicher Weg, der gut überlegt sein soll. Wer einfach aussteigt, wird dies aus noch darzulegenden Gründen meist bereuen. Steig einfach aus ist eine Option im Umgang mit der Welt, in der wir leben, neudeutsch auch als Leave it bezeichnet. Im Umgang mit der Welt gibt es neben dem Leave it noch ein Love it und ein Change it.
Leben findet im Love it statt. Wir befinden uns in einer Situation, die uns gefällt, in der wir uns wohlfühlen. Es gibt daher keinen Grund, irgendetwas zu verändern. Wir genießen die Zeit, die wir in dieser Situation, mit Menschen unserer Umgebung, verbringen.
Love it kann durch äußere Einflüsse/Umstände beeinträchtigt werden mit der Folge, dass wir mit dem, was gerade ist, unzufrieden sind, uns nicht mehr wohlfühlen, es nicht mehr lieben. Dann solllte etwas geschehen, ein Change it, wenn wir zum Love it zurückfinden wollen.

In einer sich immer schneller bewegenden Welt, wo das einzig Beständige der Wandel ist, bewegt sich ein Mensch stets zwischen Love it und Change it, wenn er sich gut verwaltet.

Und wann ist Leave it angesagt? Einfach das Bisherige verlassen und auf zu neuen Ufern?

Kleiner Exkurs: Leave it/oben bleiben

Ein Mensch war unterwegs zum Land seiner Sehnsucht. Es war eine lange und beschwerliche Reise. Endlich kam er an einen breiten Fluss. Er wusste: Drüben, am Ufer, liegt das Land der Herrlichkeit – und er konnte es kaum erwarten, hinüberzukommen.
Der Mensch fand einen Fährmann mit seinem Boot, der bereit war, ihn so schnell wie möglich überzusetzen. „Aber“, sagte er, „du musst dein Gepäck hierlassen. Ich nehme nur die Menschen mit, ohne allen Ballast.“ Der Reisende erschrak sehr, und es schien ihm unmöglich, alle die Dinge, die er angesammelt hatte, die er liebte, die er für lebensnotwendig hielt, die er auf seiner weiten Reise mühsam bis hierher geschleppt hatte, einfach abzulegen und am Ufer des Flusses zurückzulassen.
„Alles?“, fragte der Mensch, hoffend, doch ein wenig von seiner Habe mitnehmen zu können. „Alles. Ich nehme nur dich mit, ohne dein Gepäck, oder du bleibst hier mit deinen Sachen. Entscheide dich“, antwortete ernst der Fährmann. (Alte Sage) (10)


Glossar

Resilienz (resilire = zurückspringen, abprallen) bezeichnet die psychische Widerstandskraft (Selbstwirksamkeit) von Menschen, die mit Belastungen der Arbeitswelt/Umwelt angemessen umgehen und damit ihre psychische Gesundheit erhalten (im Gegensatz zur Vulnerabilität = Verwundbarkeit, Verletzbarkeit).
Wer als Kind eine emotionale Bindung und bedingungslose Liebe erfahren hat, findet auch als Erwachsener in schwierigen Situationen neuen Mut (holt sich Hilfe, weil er als Kind gelernt hat, dass er sich auf andere verlassen kann). Resilienz, die meist früh entsteht, lässt sich später noch erlernen, indem man an seinen Aufgaben wächst mit einer daraus resultierenden flexiblen Zielanpassung (siehe auch Psychohygiene und Salutogenese).

Salutogenese: Ist der Komplementärbegriff zur Pathogenese als Wissenschaft von der Entstehung von Krankheit. Sie untersucht die Entstehung (Genese) und Erhaltung von Gesundheit (salus) als Prozess und nicht als Zustand. Sie richtet sich an attraktiven Gesundheitszielen und helfenden Ressourcen wie Patientenkompetenz aus.

Seelische Grundrechte: Sind Teile der Persönlichkeit. Dazu zählen die folgenden Grundrechte:

* Gefühle zu haben und diese zu äußern
* Meinung, Vorstellung, Überzeugung
* Wünsche und Bedürfnisse
* NEIN zu etwas zu sagen
* eigenes Wissen, eigene Erfahrung
* Entscheidungen zu fällen (auch wenn sie sich im Nachhinein als falsch erweisen)
* Fehler zu machen
* berechtigte Forderungen anzumelden
* berechtigte Kritik zu äußern
* offen nachzufragen (wenn ich etwas wissen will oder etwas nicht verstanden habe).

Das Ausüben aller Grundrechte ist Voraussetzung für Gesundheit. (13)

Selbst: Ist der unbewusste, automatisierte Bereich, der sich als Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein zeigt (unbewusste Selbstordnungskräfte). Das Selbst ergänzt das Ich und beide müssen ausgewogen zusammenarbeiten, damit das Ich überhaupt existieren und funktionieren kann.

Selbstkompetenz: Ist die Fähigkeit und Bereitschaft, selbständig und verantwortlich zu handeln, eigenes und das Handeln anderer zu reflektieren und die eigene Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln (Definition Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 02/2009).

Seminaritis: Erscheinungsform auf dem Weiterbildungssektor, die sich darin zeigt, dass möglichst viele Seminare/Trainings in kurzen Zeitabständen besucht werden (Seminarkonsum) und damit das jeweils Neugelernte nicht verinnerlicht werden kann (z.B. als soziale Kompetenz).

Sequenzielles Arbeiten: Aufgaben nacheinander folgend bearbeiten im Sinne von: Eins nach dem anderen. Gegenteil von Multitasking.

Sie-Botschaften: Greifen den Gesprächspartner an, werfen ihm etwas vor, verallgemeinern und verurteilen, ohne eine Verteidigung der anderen Seite zuzulassen. Auf Angriff wird mit Gegenangriff reagiert.

Beispiel: „Sie scheinen damit überfordert zu sein.“ „Sie sprechen wohl von sich“ (Gegenangriff, Gefahr des Streits).

Sinn: Ergibt sich dann, wenn ein Zusammenhang hergestellt wird. Das Gegenteil, nämlich Sinnlosigkeit, ergibt sich bei Zusammenhanglosigkeit.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 126
ISBN: 978-3-99003-294-7
Erscheinungsdatum: 10.05.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90
EUR 8,99

Schulschluss-Tipps