Cover: Unsere Lebenswege gehen wir ganz alleine

Unsere Lebenswege gehen wir ganz alleine


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-99146-359-7
Erscheinungsdatum: 21.10.2024
„Ich musste durch vieles alleine durch, somit fühle ich mich heute nicht mehr alleine, ich hab mich selbst.“ So schreibt eine Frau, die sich auf den Weg zur Selbstfindung begeben hat, um sich besser kennenzulernen und ein unabhängiges Leben führen zu können.
Lebenswege


Unsere Lebenswege gehen wir nicht ganz alleine, das Leben fängt mit der Hebamme und mit der leiblichen Mutter an, diesen Zeitpunkt können wir uns gar NIE und gar nicht vorstellen, wir erwärmen uns vom Erzählen der leiblichen Mutter oder, so wie bei mir, auch von anderen Verwandten, wie Großmutter und Tanten, weil es bei mir eine Heimgeburt war. Daher gehen wir durch unser Leben, um uns zu kennen, um uns zu finden, aber egal, wo ich hingehe, egal, wo ich mit meinen Gedanken hinreise, finde ich die Logik bei meinen Wurzeln. Trotzdem habe ich nur wenige wichtige erfüllende Punkte mit meinen Wurzeln, die für mich eine große Bedeutung haben im Leben. Erst wenn man aufschreibt, werden diese Punkte auch noch wichtiger und somit auch stärker, aber heutzutage lebt jeder für sich und jeder gegen jeden, früher war es besser denkt man, aber früher war ich auch noch ein Kind, unschuldig und hilflos, ich musste durch vieles alleine durch, somit fühle ich mich heute nicht mehr alleine, ich hab mich selbst. Ich habe manche meiner Wege durchsehen können, und manches weiß ich gar nicht wirklich, aber dann haben diese auch keine Bedeutung für mich, das Wichtigste ist, dass ich mir Zeit gelassen habe, um nachzudenken, wo bin ich, woher komme ich und wo will ich hin? Diese 3 Formen brauche ich für alles im Leben, weil wenn man sich selber nicht gefunden hat, kann man keine Fehler korrigieren, oder die gleichen Fehler wiederholen ist irgendwann auch nicht mehr interessant, das Leben muss einen Sinn machen und ein Entwicklungsweg für einen sein. Es gibt Leute, die gehen einfach „Augen auf und durch“, egal was mit den Mitmenschen ist, aber die können NIE weiter sein als diese, die sie geschupft haben. Mir müssen alleine groß werden, sagen sie uns, aber das geht wirklich nicht. Auf einer einsamen Insel ist man vielleicht alleine, aber nicht auf dem Land, nicht im normalen Leben. Wir sind für uns und mit uns für alle verantwortlich und wichtig auf eine Weise.




Wurzeln


Kann man seine Wurzeln kennen, im Koran steht, dass ein Mensch unschuldig geboren wird und die Eltern die Pflicht haben, ihn zu erziehen, zu erlernen. Ich kann nicht sagen, dass ich meine Wurzeln kenne, ich schwebe in minimalen Erinnerungen und will das wenig Erlebte nicht vergessen, aber es ist kein Leben mehr, wenn man sich unter Verwandten nicht richtig kennt oder nur vom Sehen oder Hören, dass man verwandt ist. Man merkt auch bei den Familienanlässen, dass es Zeit braucht, bis man sich unterhaltet oder auch gar nicht. Meine Frage ist, gibt es noch (Familie), gibt es noch (Verwandte)? Ich bin immer in verschiedenen Welten geschwebt, so dass ich meine Familie einfach respektieren musste, aber nicht alles akzeptieren konnte. Es braucht sehr viel Zeit, auch darüber nachzudenken, wer man ist, was man alles erlebt hat und was aus einem geworden ist.


Ich fühlte mich von einer Realität unterdrückt, und viele Visionen wurden mir entwendet, viele Träume gingen verloren, nur um verloren in dem Kampf, nichts falsch zu machen, aber jeder Mensch hat das Recht so zu leben wie er will, oder jedes Kind muss erleben können, was es für real hält. Mit zwei Kulturen aufzuwachsen ist keine große Sache, wenn man es akzeptiert und sich auch damit auseinandersetzt. Ich fühlte mich ein wenig von meinen Mitmenschen missverstanden, weil ich ihre Realität nur nebelig mitbekam, es war oft schwierig, mitzureden, weil ich mich auch nie zuhause fühlte, ich verstand oft nicht und fühlte mich auch nicht angesprochen, wenn meine Eltern wütend auf mich waren, irgendwie wollten sie mich nie richtig sehen, wie ich wirklich bin.

Oft wurde ich mit der älteren Schwester verglichen, sie wollten nicht die Unterschiede sehen, sogar bei Zwillingen gibt es Unterschiede. Als sie dann aus dem Hause war, hatte ich das Gefühl, ein wenig Luft zu haben. Ich und meine Eltern kümmerten uns mehr um meine zwei Brüder, weil vorher war sie der Hauptpunkt für alles Schlechte. Nach der gescheiterten Lehrstelle und vielen Versuchen für neue Wege, sagte mir mein Vater, ich solle mal eine Arbeit ausüben und dann könne ich immer noch weiterschauen. Also ging ich als Reinigungsfachfrau für 6 Monate arbeiten. Dann, nach 6 Monaten, in denen ich auch nichts anderes hatte, dachte ich, es wäre vielleicht gar nicht so schlecht, um Geld für neue Wege zu sparen. Mit der Zeit machte mir auch die Arbeit Spaß, und so konnte ich für mich, für die Familie und auch fürs Sparen teilen. Ich dachte damals, sobald mein jüngerer Bruder aus der Schule kommt und eine Lehre anfängt, weil der ältere Bruder war schon in einer Lehre, kann ich dann ausziehen. Ich wollte eine Wohnung für mich kaufen, um mich selbst besser zu kennen und auch um herauszufinden, was ich wirklich will. Aber wie jede Vision, wie jeder Traum, ging auch dies nicht in Erfüllung.


Mein Zitat dafür ist:

Ich bin von Leuten umgeben, die versuchen zu verhindern, dass ICH ICH bin. Ich sag nur das und sogar auf Albanisch: „Lutjuni Allahut nëse nuk shihni rrugëdalje, sepse unë nuk jam rruga juaj.“ Deutsch: „Bete zu Allah, wenn du keinen Ausweg siehst, denn ich bin nicht dein Ausweg.“


Familie

Es war so erfreulich, zuhause zu sein, aber es gab auch viele bedrückende Momente, denn man ändert sich, jedes Jahr. Es brauchte seine Zeit, sich wieder zusammenzuraufen, und wenn man sich auf eine Ebene gebracht hat, ist die Zeit gekommen, wieder zu gehen.
Es ist nicht mehr wie in den 90ern, wo man sich gegenseitig geholfen hat, jetzt versucht wirklich jeder, sich nur für seine eigenen Interessen einzusetzen. Und das erste wahr natürlich die Haus-Putzerei. Es war das Haus der Großmutter, ein Haus mit speziellen Umbauten, da vorher im Erdgeschoß die Schafe waren, quasi ein Stall und im 1 Obergeschoß waren drei Schlafzimmer.
Als sie die Schafe verkauft haben, haben sie selber umgebaut. Im Erdgeschoss hatten sie aus zwei Zimmern ein großes Wohnzimmer gemacht mit Akkordeon-Flügel, die man zumachen konnte, und ein anderes Zimmer diente als Küche (Herd, Kühlschrank, Holzofen). Und es gab eine kleine Küchenvitrine der Großmutter, die sie als Schrank nutzte und wir dann als Küchenschrank. Es ist sehr traurig für mich, heute nach dem Abriss dieses Hauses, so gerne hätte ich diese Küchenvitrine noch erhalten gehabt, aber niemand hat mir diesen Wunsch erfüllt.
In diesem Zimmer gab es auch einen „Hamam“, so nannten wir das Duschzimmer, wo wir den Abwasch tätigten, und meine Großmutter duschte dort. Montags und donnerstags waren ihre Duschtage. Und der Donnerstag war auch Waschtag, früher als sie noch mit der Hand gewaschen haben.

Dann später wurde im 1. Obergeschoss in einem der Hamams die Waschmaschine gestellt, somit konnte meine Mutter täglich früh morgens waschen, so dass die Sonne die Kleider beim Trocknen auf dem Balkon nicht zerstört.
Dieses Zimmer gehörte meinem älteren Onkel und dessen Frau und es hieß auch „ODA XHETIT“. Wir alle 4 Kinder schliefen dort, jeder hatte seine selbst gemachte Bodenmatratze, die wir „DÜSCHEK“ nannten, die teils meine Großmutter und teils meine Mutter selbst gemacht hatten. Ein Schlafzimmer war für meine Eltern, das war komplett eingerichtet mit Bett, Schrank, Nachttischen, Kosmetiktisch mit Spiegel und noch einem Esstisch mit 4 Stühlen, die wir in der sogenannten Küche hatten. Dies alles brachte meine Mutter mit, als sie meinen Vater geheiratet hat, die sogenannte „Qeiz“, die die Braut mitbringen muss, dies variiert auch je nach Absprache und Reichtum der Familien. Das dritte Zimmer im ersten Obergeschoss diente als Kleideraufbewahrung und als Gästezimmer, dort war auch der Hamam, wo wir geduscht haben.
Wir mussten das Wasser kochen, um heißes Wasser zu haben, dann mit kaltem Wasser mischen bis man die gewünschte Temperatur hatte. Dann duschten wir uns mit einer Tasse, die wir SAF nannten.
Die untere Diele nannten wir AJAT, und die obere Diele nannten wir QARDAK. Dort war auch der Tiefkühler.
Meine Mutter hatte in die obere Diele eine alte Schachtel vom Waschpulver als Abfallkorb gestellt und auch täglich geleert. Im Erdgeschoss gab es noch einen in der Toilette, der Küchenabfall wurde sofort nach draußen geleert. Dort durfte kein Abfall herumliegen. Nach dem Essen war das Abfalltrennen noch interessant, weil wir noch Essbares den Tieren gaben (KÜHE, PFERD, HUND UND HÜHNER). Wir mussten das ganze Haus reinigen (Fenster, Teppiche, Sofas und Vorhänge). Das Interessanteste war, die Teppiche draußen mit dem Schlauch zu waschen und natürlich mit dem Vollwaschmittel (Biljana). Meine Großmutter hatte gerne viele Pflanzen und Blumen, drinnen und draußen. Das Haus war so lebendig Durch Sie, aber nach ihrem Tod nicht mehr, es sah so leer aus und sehr kalt. Es brauchte eine längere Zeit lang, sich ohne sie zu gewöhnen. Ich meinte immer, sie würde ums Haus laufen, Sie wäre gar nicht tot, nur wir können sie nicht mehr sehen. Ich spürte mehrmals ihren Schatten.
Zu dieser sogenannten Qeiz gehörte auch ein sogenanntes ARK, eine Truhe, die vom Schreiner extra für die Braut angefertigt wird, mit einem Schlüssel, so dass die Braut dies als persönliche Truhe benutzen konnte, für ihre Trachtenkleider (Qaqka Katundi). Und oben auf der Truhe waren die selbstgemachten Düshek, = Selbstgemachten Matratzen, Decken, Duvets und die gehäkelten Leintücher. Die Verwandten brachten den QEIZ immer mit den Pferdekutschen begleitet durch Trommelmusik.


Tätigkeiten in der Familie:

Meine Großmutter hatte alle Tätigkeiten aufgeteilt, so dass alle gleich viel mithelfen in der großen Familie. Die drei Töchter waren verheiratet und mussten nur für die Familie des Mannes da sein. Auf die drei Knaben und deren Frauen wurden die Arbeiten aufgeteilt. Jeweils eine Tätigkeit und dies änderte sich wöchentlich. 1. Haushalt, 2. Kochen, 3. Tiere, aber die eigenen Schlafzimmer und die eigene Wäsche mussten alle selber putzen und waschen. Jede hatte ihren Waschtag, für meine Mutter war dies der Donnerstag. Aber das Tollste war, dass wir Kinder zwar mithelfen durften, aber nicht zwingend wahr. Ok, ich war noch sehr klein, ich habe mehr zugeschaut, aber die älteren Kinder mussten schon mehr mithelfen, oder zum Beispiel auf jüngere Kinder aufpassen, wie mich …


Religion:

Bei uns in Dollogozhda in Mazedonien, vor allem bei meiner Familie, war dies nicht so ein großes Thema, weil meine Großmutter der Meinung war, jeder lernt täglich etwas dazu. Und für meine Eltern waren die Gebote sehr wichtig, aber es ist so, jeder praktiziert seine Religion auf seine Weise. Aber hier in der Schweiz wurde ich oft mit dem Satz „aber du bist Moslem“ angesprochen, ich sagte nur: „Ja und?“ Jeder Mensch lebt, wie er will und das muss man akzeptieren, solang dies im vernünftigen Rahmen ist. Ich fühlte mich manchmal hier in der Schweiz mehr eingeschränkt als in Mazedonien. Der Respekt gegenüber unseren Mitmenschen ist nicht so vorhanden in der Schweiz, obwohl die Schweiz 100 Nationen aufnimmt. Aber zum Glück gibt es dies überall, dies kann man nicht ändern.


Artime mit 5 Jahren:

Und als wir nach Mazedonien zurückgekommen sind, hatte die Schule schon begonnen. Ich sollte in den Kindergarten (Fëshnjore). Meine Cousine brachte mich hin, aber die Kindergartenlehrerin wahr gar nicht erfreut über mich und hat mich nicht freundlich empfangen. Ich blieb stehen, meine Cousine ist gegangen, und die Kindergartenlehrerin sagte zu mir mit einem gehässigen Ton: „Für dich gibt es keinen Stuhl hier.“ Nach der Pause bin ich dann sofort nachhause gegangen, meine Cousine fragte mich erstaunt: „Warum bist du hier, du musst in den Kindergarten gehen, zur Schule.“ Ich sagte wütend: „Ne, ich gehe nicht, die hat gesagt, es gibt kein Stuhl für dich.“
„Doch, es gibt ein Stuhl für dich, es gibt für alle Kinder Stühle“, sagte sie, „sonst reden wir mit dem Direktor.“ Ich sagte: „Nein, ich gehe nicht.“ Dann sagte sie: „In Ordnung, dann gehen wir morgen wieder, aber ab morgen musst du immer gehen.“
Ich freute mich und ging zu meiner Großmutter.
Am nächsten Morgen, als meine Cousine mich in den Kindergarten brachte, wollte die Kindergartenlehrerin noch freundlich sein, aber der Zug war abgefahren, die andere Kindergartenlehrerin brachte mir meinen Stuhl und sagte zu mir: „Du bist bei uns schon registriert, aber wir wussten nicht, wann du kommst.“

Ich war so froh, dass es doch noch einen Platz für mich gab. Ich freute mich über alles, was wir machten, vor allem die Gedichte aufsagen und das Singen. Ich war eine sehr gute Schülerin (Shkëlqyeshëm).
In der ersten Klasse hatten wir einen Lehrer, ich lernte fleißig Albanisch und Mazedonisch, aber ich hatte auch sehr viel Hilfe von meiner Cousine und meinem Cousin. Ich hatte nicht viel Hunger zuhause, meine Großmutter gab mir ständig Geld, mit dem ich etwas kaufen sollte. Sie meinte einen Bürek oder Brötchen, aber ich schlich mich in eine Billiard Bar und bekam dort immer Hamburger, bis der Aufruf in der Schule kam, für 100 Dinar pro Monat ein Mittagessen zu bekommen.
Meine Großmutter und meine Mutter waren erleichtert, weil ich in der Schule plötzlich immer gegessen habe und nicht nach Lust und Laune, und für meine Großmutter war es billiger, 100 Dinar monatlich als 100 Dinar täglich auszugeben.
In der zweiten Klasse sagte mein Vater, dass er uns in die Schweiz nehmen will mit Papieren, ich war glücklich dort, aber war auch stolz, in die Schweiz zu dürfen.
Als wir in der Schweiz kamen, war es sehr kalt. Mein Vater hatte eine andere Wohnung genommen, auch in Langenthal, aber in einem anderen Stadtteil, nicht mehr im Zentrum. Wir mussten zur Schule, waren nicht gewohnt früh aufzustehen, weil in Mazedonien die Unterstufe, Kindergarten bis zur vierten Klasse, erst am Nachmittag Schule hat und die Oberstufe fünfte bis achte Klasse morgens bis Mittag. Aber der Vorteil war, dass wir auf eine geheizte und sehr moderne Schule trafen, wir bekamen viele Schulsachen und zum Teil kauften wir auch, was wir benötigten.
Ich kam in die zweite Klasse und meine Schwester in die vierte Klasse. Es war auch sehr interessant, eine neue Sprache zu lernen, jedes Mal beim Mittagstisch sagten wir neue Wörter. In der dritten Klasse, als wir in den Sommerferien waren, hat mein Vater uns nicht mehr in die Schweiz mitgenommen, er überlegte auch, nicht mehr hinzugehen, und sagte der Großmutter: „Die entwickeln sich dort anders“, obwohl ich keinen Unterschied sah. Meine Großmutter meinte, dass wir die Religion vergessen und gar nicht richtig erlernen können. Daher ging meine Schwester auch zur Moscheeschule, aber mich konnte sie nicht dafür überzeugen, und sie sagte auch zu mir: „Bei dir habe ich ein wenig Angst, meine Tochter, du gehst deinen eigenen Weg und willst gar nicht über unsere Religion etwas lernen.“ Eines Tages merkte sie, wie ich es meine, aber etwas trennte uns, das ich ihr nicht erklären konnte.

Warum ich so bin und warum ich anders denke … jetzt hier kann ich es sagen. Jedes Mal, wenn sie etwas von unserer Religion erzählte, wusste ich neuere Versionen, wenn etwas nicht mehr richtig so war, lachte ich: „Hahaha …“ Und wenn etwas richtig war, sagte ich: „Ja, das ist richtig.“ Das passiert mir in mehreren Orten so, als würde ich die neuen Versionen anderswo schreiben und lesen.
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