... und am Ende des Tunnels ist Licht

... und am Ende des Tunnels ist Licht

Antonia Montenegro


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 68
ISBN: 978-3-903067-37-0
Erscheinungsdatum: 28.10.2015
Ein junger Mann wird vom Schicksal stark gebeutelt, doch trotz Krankheit findet er seinen Weg. Die Geschichte zeigt liebevoll, dass man an Krisen nicht verzweifeln muss, sondern das Leben mit allen Höhen und Tiefen positiv annehmen kann, und sie macht Mut.
Ich war jenseits jeglicher Dimension von Zeit und Raum, als ich auf dem OP-Tisch lag. Ich fühlte, wie mein Körper aufstieg und über den Ärzten schwebte, die um mein Leben kämpften. Schöne Musik und goldfarbenes Licht hüllten mich ein und ich war von einem Glücksgefühl, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte, durchströmt. Ich gelangte ohne Angst in einen dunklen Tunnel, den ich rasend schnell durchfuhr. Vor meinem geistigen Auge sah ich im Zeitraffer Bilder meines Lebens vorbeiziehen. Es waren Ereignisse, die mich wesentlich beeinflusst hatten, in meinem Bewusstsein kamen jedoch auch verschiedene Situationen zutage, die mir früher völlig unspektakulär erschienen waren, anscheinend aber großen Einfluss auf mein Dasein hatten.
Sehr bald war das Ende des Tunnels erreicht und ich sah wenige Meter vor mir eine prachtvolle Blumenwiese. Ich hatte das unendliche Bedürfnis, diese wunderschöne Anlage zu betreten, und wollte den Zaun überspringen, der mich von ihr trennte. Hinter dieser Absperrung sah ich hell gekleidete, freundliche Menschen, die grenzenlose Harmonie ausstrahlten. Magisch zog mich diese Atmosphäre an, doch als ich im Begriff war, den Zaun zu überklettern, gebot mir ein uralter Mann Einhalt. Er hatte Augen, die mich gütig anblickten. Der Alte schüttelte den Kopf und sagte: „Mein Freund, deine Zeit ist noch nicht gekommen, bei uns hier zu verweilen. In deiner Welt erwarten dich noch Aufgaben, die du erfüllen sollst.“
Ich hörte wohl die Stimme des alten Mannes, war jedoch von solch einer starken Sehnsucht erfüllt, in diese friedliche, wundervolle Sphäre einzudringen, dass ich seinen Worten kein Gehör schenken wollte. Mit aller Kraft wollte ich mein Vorhaben zu Ende bringen, doch ich hatte keine Chance. Wie von einem unsichtbaren Magneten wurde ich zurückgerissen, raste durch den Tunnel zurück und spürte meinen Körper wieder. Heute weiß ich, dass es mein Abschied von der irdischen Welt gewesen wäre, wenn es mir möglich gewesen wäre, den Zaun zu überklettern.
Mit einem Schlag waren die unsäglichen Schmerzen wieder präsent und ich hörte die Ärzte sagen, dass ich keine Überlebenschance hätte. Die Mediziner meinten, den Kampf verloren zu haben, und verließen den Operationssaal. In diesem Moment begannen sich Traum und Wirklichkeit wieder zu vermischen, denn plötzlich hörte ich deutlich die Totenglocke läuten. Ein Arzt kam in Begleitung von zwei Flügelschwestern und stellte den Totenschein aus. Die Klosterfrauen beteten ein „Vater Unser“ und ein „Gegrüßet seist du Maria“, deckten mich mit einem Leintuch zu und brachten mich in eine Aufbahrungshalle, in der noch andere Tote lagen. Mich packte das nackte Entsetzen und ich stellte mir schon vor, lebendig begraben zu werden. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander und ich wusste, dass ich mich irgendwie bemerkbar machen musste, um deutlich zu machen, dass ich noch am Leben war. Es kann nur eine überirdische Macht gewesen sein, die mich dazu befähigte, meinen rechten Fuß von der Bahre abrutschen zu lassen. Die Klosterschwestern, die schon im Begriff waren, die Aufbahrungshalle zu verlassen, stießen einen Schrei aus und eilten auf mich zu. Als letztendlich diagnostiziert wurde, dass ich doch noch zu den Lebenden zählte, fiel mir ein Stein vom Herzen. So schön es auch in dieser – für mich noch unerreichbaren – Dimension gewesen sein mag, beruhigte mich doch der Gedanke, nicht bei lebendigem Leib begraben worden zu sein.
In dieser Phase durchlebte ich noch zahlreiche andere Albträume, die mir in diesem Moment als durchaus realistisch erschienen. Neben diesen Horrorvorstellungen hatte ich, wie sich später herausstellte, auch Vorausahnungen, die sich darin widerspiegelten, dass ich die Hochwasserkatastrophe, die Salzburg erst Jahre später erreichen sollte, bis ins kleinste Detail voraussah. Es gäbe noch eine Vielzahl von Reisen in andere Dimensionen, die mich tief erschüttert haben und vielleicht auch Einfluss auf mein späteres Leben genommen haben, auf die ich in diesem Buch jedoch nicht näher eingehen kann.

Es dauerte noch Wochen, wenn nicht sogar Monate, bis ich annähernd in die Realität zurückgeholt wurde. Die ersten Eindrücke waren schrille Geräusche, die in meinen Ohren schmerzten. Sie gingen von den vielen Monitoren aus, die mein Bett in der Intensivstation umringten. Aber nicht nur meines, auch die anderen zehn Betten in dem riesigen Saal waren von vielen sensiblen Überwachungsstationen umgeben. Alle paar Sekunden hörte ich wieder laute Geräusche, wenn erneut eines der Geräte eine Unregelmäßigkeit an den Körperfunktionen der Patienten entdeckte. Grelles Licht durchdrang unbarmherzig alles in diesem Raum – am Tag wie in der Nacht.
Mein Kopf war in ein eisernes Gestell gepanzert, das nicht die geringste Bewegung zuließ. Meine anderen Körperteile brauchte man nicht mit irgendwelchen Sicherungen zu
stabilisieren, denn ich war vom Hals bis zu den Füßen vollständig gelähmt. Meine einzige Bewegungsmöglichkeit bestand darin, mit den Wimpern Aufwärts- und Abwärtsbewegungen zu vollziehen. An meinem Arm entdeckte ich einen Blutdruckmesser, der sich alle Augenblicke – so empfand ich das – selbsttätig aufblies. An einem Finger, der – wie die anderen auch – von den vielen Spritzen durchlöchert war, befand sich ein Pulsmesser. An meinem Körper waren noch viele Geräte und Infusionen angeschlossen und ich war von einem Team von Schwestern und Pflegern umgeben, das sich hingebungsvoll der Betreuung aller Patienten auf der Intensivstation widmete. Gerne hätte ich ihnen des Öfteren „Danke“ gesagt, wenn sie mich anders lagerten, um damit ein Wundliegen zu verhindern und mir dabei gut zuredeten – was mir jedoch wegen meiner körperlichen Eingeschränktheit versagt blieb. Ich hatte einen Luftröhrenschnitt und konnte nicht sprechen. Einmal war ich so verschleimt, dass ich keine Luft mehr bekam. Die Kanüle, die den dickflüssigen, grünen Schleim absaugte, war verstopft. Just in diesem Moment waren die Schwestern und Pfleger anderweitig beschäftigt. Da ich weder durch Schreien noch durch heftige Handbewegungen die Aufmerksamkeit des Personals auf mich lenken konnte, blieb mir nur die Möglichkeit, auf ein Wunder zu hoffen, das mich vor dem sicheren Erstickungstod bewahrte.
Und wieder stand mir mein Schutzengel beiseite, diesmal in Gestalt einer Schwester, die auf mich zueilte und mich aus meiner misslichen Lage befreite. Heute, wo ich wieder klar denken kann, empfinde ich großen Respekt vor allen diensthabenden Menschen auf der Intensivstation, die nicht nur bloß „ihren Job machen“, sondern mit großem Engagement und viel Hingabe für die Patienten da sind. Ein Mensch, der solch einen anspruchsvollen Beruf ausübt, muss wirklich dazu berufen sein. Ich war voll und ganz auf ihre Hilfe angewiesen, sogar meine Sauerstoffversorgung konnte nur durch eine Maske sichergestellt werden, meine Exkremente wurden von Windeln und Kathetern aufgesogen.
Ich glaube, dass ich den Blick auf meinen einstmals so sportlichen und durchtrainierten Körper, der zu dieser Zeit lediglich ein Wrack war, nur ertragen konnte, weil man mir viele Beruhigungsmittel verabreicht hatte. Auch meine Brust schmerzte fürchterlich, bedingt durch die beidseitige Lungenentzündung, und ich befand mich in einem ständigen Wechselbad zwischen Kälte- und Hitzeattacken.
Doch viel stärker als diese physischen Schmerzen waren die seelischen Qualen. Ich sah mich oft in Gedanken in einem Pflegeheim im Rollstuhl „abgestellt“, unfähig, ab dem Hals nur die geringste Bewegung ausführen zu können. Ich zermarterte oft mein Gehirn, wie ich in diese für mich ausweglose Situation geraten war und lange Zeit konnte ich mich nur bruchstückhaft an die Geschehnisse erinnern.
Ich sah, wie sich mein Auto überschlug und in einen Bach stürzte. Von meiner Rettung durch Polizeibeamte, die zufällig hinter mir fuhren, hörte ich nur durch Erzählungen – jegliche Erinnerung daran ist in mir völlig ausgelöscht. Aber war ich wegen dieses schweren Unfalles mit Schädelhirntrauma in solch einer Verfassung? Ich grübelte und grübelte und manchmal hatte ich doch einen lichten Moment, in dem mir plötzlich zu Bewusstsein kam, dass ich nach diesem Unfall nach einem längeren Krankenhausaufenthalt einigermaßen wieder „zusammengeflickt“ in den Alltag zurückgekehrt war. Die Erinnerungsstücke trafen wie Blitze mein Gehirn und mir fiel ein, dass ich schon früher immer unter Schmerzen gelitten hatte.

Ja, jetzt konnte ich es fast körperlich spüren: Bei Drehbewegungen im Bereich der Halswirbelsäule tat es fürchterlich weh! Damals wusste ich keinen anderen Rat, als mich an die Ambulanz der Neurochirurgie um Hilfe zu wenden. Dort wurde ich nochmals genau untersucht und es wurde festgestellt, dass bei mir schon seit Geburt eine Wirbelverengung mit Rückenmarksschädigung zwischen der Halswirbelsäule und dem Schädel bzw. zum Gehirn hin bestand. Durch den schweren Autounfall hatte sich die Situation derart verschlimmert, dass mir der Primar offenbarte, dass an einer Operation kein Weg vorbeiführte, diese jedoch von sehr großen Risiken begleitet sei. Da man mir ehrlich sagte, dass meine Überlebenschancen eher gering seien, willigte ich nicht in den schwerwiegenden Eingriff ein. Meine Schmerzen wurden durch antirheumatische Mischinfusionen gelindert und nach einigen Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.
Plötzlich sah ich wieder die schwarze Mauer vor mir, durch die ein Entrinnen schier unmöglich erschien. Ich konnte das Gefühl der Leere und Ausweglosigkeit wie damals spüren. Ich verfiel in starke Depressionen und beschloss, meinem Leben ein Ende zu setzen. Doch es ist gar nicht so einfach, aus dem Leben zu scheiden, wie man sich das vorstellt. Mein Versuch, mich in der Salzach zu ertränken, misslang ebenso wie der, mich vom Hotel Europa zu stürzen. Ich versuchte, meine seelische Instabilität durch übermäßigen Alkoholkonsum zu kompensieren und kam mit mir und der Welt nicht mehr klar und irrte wie ein einsamer Wolf ohne Lebensziel umher. Meine Seele weinte, ja sie schrie sogar so laut, dass ich mich über die Festungsstiege auf den Mönchsberg schleppte. Zusammengekauert starrte ich über die Böschung und wieder wurden mir Zeichen von einer höheren Macht gesendet, die das Schlimmste verhindern sollten. Es tauchte ein humpelnder, älterer Herr auf, dem man anmerkte, dass ihn jeder Schritt schmerzte. Es war, als wollte er mir deutlich zu verstehen geben: „Wenn du springst, bist du verkrüppelt wie ich – oder noch schlimmer dran.“ Das gab mir vorerst zu denken, dennoch hatte ich nicht die Kraft aufzustehen. Es begann zu regnen und es schien mir, als wäre ich mit meinem Kummer mutterseelenallein. Wie viele düstere Stunden mag ich wohl hier verbracht haben? Meine Kleidung war schon völlig durchnässt, als ich plötzlich wie aus heiterem Himmel eine warme, angenehme Stimme hörte, die zu mir sprach: „Sie sind nicht allein und ich helfe Ihnen. Bleiben Sie ganz ruhig.“ In diesem Moment tauchte ich in eine tiefe Ohnmacht ein und kam erst im Krankenhaus wieder zu mir. Den Namen meiner Retterin habe ich nie erfahren, ich bekam nur heraus, dass sie für Amnesty International arbeitete. Persönlich konnte ich mich nicht bei ihr bedanken, doch ich weiß, dass sie mir der Himmel geschickt hatte. Inzwischen hatte ich ja schon einige Erfahrungen mit übernatürlichen, hilfreichen Kräften gesammelt. Ich blieb einige Wochen auf der Station und wieder sah ich – wie durch Zufall – eine Bibel am Tisch liegen. Die Worte, die ich darin las, spendeten mir Kraft und Hoffnung und schon nach geraumer Zeit konnte ich dem Leben wieder positive Seiten abgewinnen. Bald war ich wieder aus dem Krankenhaus entlassen und musste mich an das raue Leben „draußen“ gewöhnen.
Um nicht wieder so tief abzustürzen suchte ich mir Freunde, mit denen ich mich regelmäßig traf. Mein Leben war wieder einigermaßen im Gleichgewicht. So konnte ich mich auch auf eine Silvesterparty freuen, die ich gemeinsam mit meinen Freunden feierte.
Meine Laune war gut und ich beschloss, zu Mitternacht ins Freie zu gehen, um das Feuerwerk zu sehen. Womit ich aber nicht gerechnet hatte, war ein Blitzeis, das sich in Sekundenschnelle bildete und ehe ich mich versah, stürzte ich auf den Asphalt. Mit viel Mühe schaffte ich es aufzustehen und ich wusste instinktiv, dass ich mich wieder in Gefahr befand. In meinen Händen und Füßen spürte ich ein starkes Kribbeln, das in ein Gefühl der Taubheit meiner Gliedmaßen überging. Es lief alles in Sekundenschnelle ab, und von einem Moment auf den anderen war die Rettung da und brachte mich wieder auf die neurochirurgische Station in der Salzburger Christian-Doppler-Klinik. Als ich dort ankam, waren schon alle Vorbereitungen für eine Stabilisierungsoperation im Bereich der Halswirbelsäule getroffen worden.

Nun hatte ich keine Wahl mehr, die Situation war lebensbedrohlich. Der Primar und sein Team kämpften um mein Leben und führten den Eingriff durch. Dieser brachte jedoch nicht den vollen Erfolg, sodass man sich im Anschluss zu einer Densresektion entschloss. Dazu eine kurze Erläuterung: Der erste Halswirbel ist der Atlas, der zweite Halswirbel heißt Axis. Der Dens (=Zahn) stabilisiert den Atlas. Durch die Entfernung (Resektion) des „Zahnes“ wurde die Halswirbelsäule instabil. Von meinem Becken wurde ein Span entnommen, um gemeinsam mit 10 cm langen und 1 cm dicken Titanschrauben die Halswirbelsäule zu stützen.

Das waren sie, meine Erinnerungen, von denen – nach und nach – immer wieder nur kurze Szenen in mein Bewusstsein drangen, als ich aus meinem mehrwöchigen Tiefschlaf erwachte und ich auf der Intensivstation – in dem schon vorher beschriebenen äußerst kritischen Zustand, den zahlreiche Komplikationen verursacht hatten – langsam begriff, was es heißt, ein Krüppel zu sein. Man ließ mich das auch deutlich spüren, denn als anlässlich einer Visite mehrere Ärzte vor meinem Bett standen und ich die Augen geschlossen hatte, hörte ich einen sagen: „Da brauchen wir uns nicht aufzuhalten, das wird sowieso ein Pflegefall.“ Mit dieser Aussage schien mein weiteres Schicksal endgültig besiegelt zu sein, doch ich konnte mich ja nicht bemerkbar machen und ich glaube, es merkte niemand, dass mir in diesem Moment Tränen über meine Wangen herunterliefen. Es durfte mich auch niemand besuchen, der einzige Trost waren für mich die aufmunternden Worte des Pflegepersonals. In dieser Lebensphase sehnte ich mich sehr oft nach der prächtigen Blumenwiese in der Sphäre außerhalb alles Irdischen und konnte einfach nicht verstehen, warum mir der alte Mann den Zutritt zu dieser Seligkeit versagt hatte.
Nachdem ich einige Wochen im Tiefschlaf verbracht hatte und die Ärzte auf der Intensivstation ihr Möglichstes getan hatten, um mir trotz all der eingetretenen Komplikationen das nackte Leben zu erhalten, wurde ich am 17. April 2001 auf die Akut-Rehabilitationsstation verlegt. Mein Körper war noch immer fast vollständig gelähmt und damit meine Atmung wieder halbwegs funktionierte, wurde ein Luftröhrenschnitt durchgeführt. Es wurde ein Therapieplan erstellt, der Logopädie, Physiotherapie und psychologische Betreuung umfasste. Trotz des Einsatzes der drei Therapeutinnen konnte keine Besserung meines Allgemeinzustandes erreicht werden. Ich war durch das Trachestoma, die Lungenentzündung und der Wundsepsis noch viel zu sehr gehandicapt, um neue Selbstheilungskräfte zu entwickeln. Ich litt an heftigen Kopfschmerzen und man kam zu der Erkenntnis, dass eine Therapie auf der Rehabilitationsstation noch verfrüht sei. So wurde ich nach circa einer Woche wieder auf die neurochirurgische Intensivstation transferiert. Dort wurde der Luftröhrenschnitt geschlossen und das Drama nahm neuerlich seinen Lauf. Das äußerte sich derart, dass beim Schlucken von Flüssigkeit dieselbe aus meiner Operationswunde austrat. Eine Korrektur, die eine neue Tortur für mich bedeutete, wurde in der Art vorgenommen, dass auf der Hals-Nasen-Ohren-Station ein neuerlicher Luftröhrenschnitt vorgenommen werden musste und das Trachestoma unmittelbar nachher durch eine neuerliche Operation wieder verschlossen wurde. Mein Leidensweg sollte anscheinend kein Ende finden.
So saß ich tagein, tagaus kaum bewegungsfähig im Rollstuhl, und weil sich überhaupt keine Besserung einstellte, schwand meine Zuversicht mehr und mehr. Die beidseitige Lungenentzündung verursachte einen dauernden stechenden Schmerz im Brustbereich. Und wieder einmal waren die Ärzte am Ende ihrer Weisheit und hielten mich in der Intensivstation für besser aufgehoben. Diese bestand aus einem Zimmer mit vier Betten und ich fühlte trotz meines miserablen Gesundheitszustandes die familiäre Atmosphäre, die davon ausging. Die geringe Bettenkapazität ermöglichte eine noch intensivere Betreuung. Da ich bedingt durch den Luftröhrenschnitt an Schluckbeschwerden litt und mein seelischer Zustand nicht gerade appetitfördernd war, brachte ich kaum einen Bissen hinunter.

Man tat wirklich alles, damit ich wieder zu Kräften kam – die Diätassistentin besuchte mich und erkundigte sich, was mein Lieblingsessen sei, nur damit mir wieder ein bisschen Nahrung zugeführt werden konnte. Trotz meines schlechten Allgemeinzustandes spürte ich das Entgegenkommen, das von allen Mitarbeitern der Station ausstrahlte. Ich durfte eine Woche auf dieser Abteilung bleiben, wurde danach jedoch wieder auf die Rehabilitationsstation der Neurochirurgie gebracht. Schließlich wollte man erreichen, dass durch die Spezialisten in der Neurochirurgie meine Arme und Beine wieder funktionstüchtig wurden. In dieser schweren Zeit hatte ich jedoch verlernt, auf so etwas wie ein Wunder zu hoffen.
Mit physiologischer und psychologischer Betreuung versuchte man meine körperlichen und seelischen Wunden zu heilen. Da jedoch nicht einmal ein Funke von Besserung in mir aufglühte, fiel ich in eine tiefe Depression, hatte an gar nichts mehr Interesse und die einzige Kraft, die noch in mir verblieben war – um das nackte Leben zu kämpfen – wurde merklich schwächer. Selbstverständlich blieb auch den Ärzten mein Absturz in das tiefe schwarze Loch nicht verborgen. Wieder folgte ein Tapetenwechsel, diesmal wurde ich auf der Psychiatrischen Abteilung einquartiert. Neben der ärztlichen Verordnung zur Einnahme unzähliger Pillen musste ich auch etliche Untersuchungen und Tests über mich ergehen lassen. Es stellte sich heraus, dass mein Kurzzeitgedächtnis schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Dieser Umstand führte zur völligen Entmündigung, die auch die Abnahme meines Führerscheines zur Folge hatte. Verständlicherweise sank mein Stimmungsbarometer trotz der vielen Tabletten weit unter Null.
Meinen einzigen Lichtblick sah ich darin, dass ich tagsüber auf die Rehabilitationsstation zur Therapie im Rollstuhl chauffiert wurde. Man versuchte mich – im wahrsten Sinn des Wortes – wieder „auf die Beine zu bringen“, doch die Bemühungen der Therapeuten fruchteten lange nicht.
Eines Tages passierte es jedoch, das Außergewöhnliche. Ganz deutlich vernahm ich eine innerliche Stimme, die mir befahl: „Steh auf, denn du kannst gehen.“ Natürlich hielt ich dies anfangs für ein Hirngespinst, doch die innere Eingebung war stärker. Ich versuchte, aus dem Rollstuhl aufzustehen, doch ehe ich mich versah, fiel ich zu Boden.
5 Sterne
Niemals aufgeben - 10.02.2016
Doris Hehle

Ich finde das Buch ganz toll

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