Überlebensmut bis zum Sterben
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-7116-0757-7
Erscheinungsdatum: 11.09.2025
Wie schaffen wir es, trotz Schmerz glücklich zu sein? Wie leben wir so, dass wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen? Dieses Buch stellt sich solch schweren Fragen und findet die Antwort im Zwischenmenschlichen, in der Natur und im „Überlebensmut“.
EINLEITUNG
Es sind die kleinen, einfachen Dinge,
die uns am Leben erhalten,
nicht die großen, aufregenden,
vielleicht eine Blume,
die im Verborgenen blüht.
Ich versuche, meine Tagebuchaufzeichnungen abwechselnd mit Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Kindheit, aus meinem Beruf, aus meinem jetzigen Leben als alternde Frau und allgemein zum Thema Leben, Altern, Natur, Sterben und Tod aufzuzeichnen.
Da mich meine Gedanken vor allem in meinem letzten Lebensabschnitt beschäftigen, habe ich mich entschlossen, sie niederzuschreiben, um meinen Kopf und meine Seele zu entlasten. Vergangenes loszulassen. Dazu habe ich mir ein Tablet gekauft! Jetzt muss ich erst lernen, damit umzugehen. Ich kann es überall mitschleppen, im Rucksack, wandernd auf einen Berg, beim Velofahren.
Ich bin eher introvertiert und wirke im Hintergrund.
Ich war oft in meinem bisherigen Leben diejenige, die zuhörte und auf andere einging, schon von meinem Beruf her.
Ich möchte mich als Person eigentlich nicht nach außen offenbaren, deshalb schreibe ich. Es gibt aber so vieles, worüber ich mich mitteilen möchte, über meine Vergangenheit, über meine Kindheit, über meine Arbeit als Pflegefachfrau und Erfahrungen mit Patienten auf der Intensivstation und Spitex, über Beziehungen, über meine Kinder.
Auch über meine Erlebnisse mit und in der Natur.
Über Leben und Sterben.
Es befreit meine Seele und entlastet mich.
Es entsteht Raum für Neues.
Je mehr ich schreibe, umso mehr kommt das Bedürfnis auf, dies mit meinen Mitmenschen zu teilen, und vielleicht entsteht ein Buch.
Das wäre ein Höhepunkt meines Überlebensmutes.
So unterschiedlich meine Themen auch sind, bilden sie gesamthaft dennoch eine Einheit.
Ich offenbare mich, weil wir alle auf dieser Erde sind, um zu überleben, erleben, uns auszuleben und abzuleben. Jeder auf seine individuelle Art und Weise. Wir alle sind Menschen mit dem gleichem Schicksal, wir werden geboren aus dem Mutterleib, um zu leben auf dieser Erde und um wieder zu sterben. Unser Leben besteht aus Höhen und Tiefen, aus Freuden und Leiden, wir alle haben dasselbe Blut! Doch jeder durchläuft seine eigene Lebensgeschichte, seine Aufgaben und Lebenserfahrungen, und wir alle durchleben verschiedene Phasen auf unserem Lebensweg.
Darum mache ich kein Geheimnis aus meinem Leben.
Meine Texte sind authentisch und so bewirken sie auch Betroffenheit.
Wir können nur lernen voneinander.
Ich möchte aufzeigen, dass man bis zum Sterben jederzeit ein aktives, kreatives Leben führen kann, auch wenn dabei körperliche Schmerzen und psychische Beschwerden entstehen, und dass man sich dabei trotzdem immer wieder Glücksgefühle erobern kann.
TAGEBUCHAUFZEICHNUNGEN, GEDANKEN, ERLEBNISSE, ERKENNTNISSE, ERFAHRUNGEN ZUM THEMA LEBEN, STERBEN UND TOD
Es braucht Mut, offen meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen rund um die Themen Entwicklung, Beziehungen und Altern preiszugeben, mich auf diese Weise zu offenbaren. Es braucht Mut, meine verschiedenen Lebensstationen preiszugeben, meine Stimmungen und Gedanken dazu. Doch weiß ich, obwohl jeder Mensch einmalig ist und andere Lebensbedingungen hat, dass wir Menschen schlussendlich eine Einheit bilden. Wir alle müssen den Lebensprozess durchschreiten.
Deshalb möchte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse authentisch aufzeichnen, die ich in meinem bisherigen Leben erworben habe. Ich lasse alte Erinnerungen auftauchen, um mich dann ganz von ihnen zu befreien, damit ich präsenter in der Gegenwart lebe und mich auf den letzten Lebensabschnitt einstellen kann. Es ist klar – jeder Mensch bewältigt Chancen, Lebenserfahrungen und Krisen wieder anders. Doch gibt es gewisse allgemeine archaische Regeln, und ich probiere sie anhand daran, wie ich schwierige Momente überstand, wie ich kreativ, zuversichtlicher und gelassener wurde, aufzuzeigen.
Zwischen Einatmen und Ausatmen,
zwischen Hoffnung und Verzweiflung,
zwischen Lachen und Weinen,
zwischen Angst und Mut,
zwischen Spannung und Entspannung,
zwischen Leben und Sterben,
zwischen Dunkelheit und Licht.
Kaum sind wir geboren, führt uns unser Weg dem Ende des Lebens zu. In der Blütezeit des Lebens ist uns dies nicht bewusst und wollen wir es auch nicht wahrhaben. Doch ist der ganze Prozess des Lebens ein Lernen zu sterben. Das heißt aber nicht, dass es keine Höhepunkte und ewige Momente gibt in unserem Leben. Doch leben wir, um zu sterben. Das Leben läuft durch Höhen und Tiefen, wie bei mir auch. Immer wieder loslassen ist ein Lernprozess des Sterbens. Akzeptieren, dass es in unserem Leben Grenzen gibt, ebenfalls. Doch ist es wunderbar, wenn wir unser Leben, unseren Körper, unsere Seele und Geist pflegen wie ein fruchtbarer Garten mit bunten Blüten und vergänglichen Pflanzen, deren Samen wieder neu gedeihen, weiterleben und überleben.
DURCHATMEN
Ein Leben lang, mutig bis zum Lebensende, bis zum Sterben, bis zum letzten Atemzug, bis zum Tode. Immer wieder von neuem – in einer Stunde atmen wir bis zu tausend Atemzüge. Unser Atem trägt uns, er ist unser Lebensführer. Atmen wir schnell, sind wir aufgeregt, angespannt, körperlich belastet. Atmen wir langsam, sind wir entspannt und wir erhalten genügend Sauerstoff. Wenn wir immer wieder langsam und tief durchatmen, leben wir bewusster und gesünder. Der Atem ist so unser Gradmesser. Besonders in schmerzenden Situationen steht uns unser Atem stets zur Verfügung und trägt uns, wenn wir bewusst in den Schmerz atmen, sei er psychisch oder physisch.
Wir können diese Atmung üben, sodass es zur täglichen Gewohnheit wird und wir sehen, wie wir entspannter, ruhiger und ausgeglichener werden. So bekommen wir Abstand von schwierigen Situationen.
Ich muss es mir auch immer wieder von neuem bewusst machen. Mein Leben war ein Ringen zwischen Behalten und Loslassen, zwischen Weinen und Lachen, zwischen Verzweiflung und Zuversicht. Atmen wir bewusst aus, können wir Belastendes loslassen. Atmen wir länger ein, behalten wir Energien in uns, die uns oft belasten. Aber auch Wertvolles, das uns bereichert, stärken wir beim längeren Einatmen, wie zum Beispiel den Eindruck der aufgehenden Morgensonne oder einer sich öffnenden Blume.
Wenn ich in meinem Atem verweile, bin ich in der Gegenwart, im Hier und Jetzt.
GEBURTSVERLAUF
Es gibt eine These, die sagt, so wie der Geburtsvorgang verläuft, so werde auch auf ähnliche Weise der Lebensweg und der Sterbevorgang ablaufen. Hat man einen ruhigen Geburtsverlauf ohne Komplikationen, besteht die Chance, auch so weit ein erfreuliches Leben zu verbringen. Bei einigen Menschen gibt es tatsächlich Übereinstimmungen. Sicher sind noch andere Einflüsse in unserem Leben verantwortlich für den Lebensverlauf wie die Vererbung der Gene, die Erziehung.
Meine Mutter erzählte mir, dass sie mit mir einen eher schnellen und hastigen Geburtsverlauf erlebte, da die Hebamme pressierte, sie wollte zur Frühmesse!
Vielleicht musste ich deshalb in meinem ganzen Leben immer wieder pressieren, und auch heute bin ich oft noch in Eile, auch wenn es nicht mehr nötig wäre.
LEBENSPLAN
Jeder hat seinen eigenen Lebensplan. Deshalb sollten wir gar nie vergleichen. Wir können höchstens lernen voneinander. Es bringt nichts, auf andere eifersüchtig zu sein oder uns zu vergleichen mit ihnen, denn mein Plan ist anders. Oder im Sinne der Buddhisten anders ausgedrückt: Mein Karma ist meine Lebensschulung aus der Vergangenheit im Jetzt. Das musste ich auch bitter erlernen. Ich kann meinen Lebensplan selbst einteilen mit sehr viel Überlebensmut.
Sein im Vertrauen. Sein ist der Weg. Glücklichsein ist der Weg.
MEINE KINDHEIT
Unser Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, stand zuoberst im Dorf an der Sonnenseite auf 1000 m Höhe.
Manchmal träume ich meiner Kindheit nach, in der ich für meine Bedürfnisse oft zu wenig Beachtung erhielt, als zweitälteste von sieben Kindern, fünf Mädchen und zwei Buben.
Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf, sie haben das getan, was sie konnten.
Ich hatte liebenswürdige Eltern, doch fehlte ihnen oft die Zeit, sich mit mir auseinanderzusetzen. Vielleicht fühle ich mich deshalb auch heute noch manchmal vernachlässigt in dieser Welt, weil mich meine Mutter im Sommer beim Heuen stundenlang, oft weinend, im Wagen liegen lassen musste und ich mich da schon einsam und verlassen fühlte. Als ich erwachsen wurde, sagte sie mir einmal, das würde sie nie mehr so machen. Das half mir, diesen Entzug zu überwinden und ihr zu verzeihen.
Unsere Mutter sorgte Tag und Nacht für uns. Sie durchlebte mit uns alle jährlichen traditionellen Feste mit Ritualen wie den obligatorischen Geburtstagskuchen mit Vanillefüllung für uns sieben Kinder.
Zu Beginn der Weihnachtszeit besuchte uns der Samiklaus, der uns wieder zurechtwies und eine Rute hinterließ. Einmal wollte er mich als schwarzes Schaf in den Klaussack stecken, um mich in den Wald zu transportieren. Mein Vater hat sich für mich gewehrt – so unartig sei ich doch nicht gewesen!
Mein Herz klopfte in meinem ganzen Körper.
Dann bereitete sich Mutter mit Guetzli backen auf Weihnachten vor, wobei wir Kinder mithalfen. Für alle besorgte sie entsprechende Geschenke. Stolz war sie auf den schön geschmückten Tannenbaum, den Vater aus dem Wald holte. Dann folgte Silvester mit Spielen und Schlagrahm.
Bei Fastnachtsritualen bastelte sie für jeden die passende Maske und backte im heißen Öl Ofenküchlein und Schenkeli. An Ostern gab es versteckte Osterneste, die der Hase nachts persönlich durch das offene Fenster vorbeibrachte.
Immer am Sonntagabend erzählte sie uns Geschichten und anschließend mussten wir beten.
Nebenbei arbeitete unsere Mutter hart auf dem Bauernhöfli, wo wir auch mithelfen mussten, vor allem beim Heuen und Misten, alles von Hand mit Gabel und Rechen. Manchmal war es auch lustig, auf der Wiese zu arbeiten – wir haben viel gesungen und gestritten!
Wir kannten lange noch keine Maschinen. Als Vater die erste Mähmaschine erhielt, war das ein Riesenereignis.
Vater arbeitete ebenfalls den ganzen Tag für seine sieben Kinder und sieben Kühe! Für jedes Kind eine Kuh! Ich jedenfalls besaß immer eine Kuh, die ich besonders liebte. Vater arbeitete im Wald beim Holzen, im Stall bei den Kühen und Schweinen, beim Heuen, dann auf der Alp, wo ich mich auch gerne aufhielt, um genügend Geld einzubringen für uns Kinder. Im Sommer hatten wir anfänglich noch keine Maschinen, um das Heu einzubringen. Vater trug Bürde für Bürde auf dem Rücken in die Scheune. Er war ein kleiner Mann, sodass man jeweils nur noch seine kurzen Beine sah unter der großen Last. Er bekam keine Rückenschmerzen und wurde 92 Jahre alt.
Er war lieb mit uns, doch auch ihm reichte die Kraft nicht mehr, groß mit mir etwas zu unternehmen. Vater hat uns immer gelobt, wenn wir fleißig arbeiteten, sei es beim Heuen oder im Haushalt. Das motivierte mich, viel und gut zu arbeiten bis heute.
Abends war er todmüde und schlief oft schnarchend auf der Holzbank am Esstisch ein. Einzig am Sonntagnachmittag reichte es für einen Familienjass oder für einen Spaziergang zur Alp.
Ich stand als Zweitälteste zwischen meiner ältesten Schwester und meinem Bruder. Auf ihn waren meine Eltern überaus stolz, und als erster Sohn auf dem Bauernhof erhielt er auch mehr Beachtung als ich. Auf ihn war ich nicht eifersüchtig, hingegen auf meine Schwester schon. Ihr fühlte ich mich unterworfen. Bei ihr empfand ich stets, dass sie besser, schöner, braver und gescheiter sei als ich.
Ich musste mich durchkämpfen und meine Schwester war ruhiger und ausgeglichener.
Tief in mir war der Glaube verankert, weniger wert zu sein als meine ältere Schwester – bis ich erkannte, dass das nicht stimmte. Ich bin genauso wertvoll wie sie, nur anders: mit eigenen, ganz besonderen Qualitäten. Deshalb drückte ich meine Wünsche oft weinend aus.
Vieles konnte ich mit Zwängeln erreichen, sonst wäre ich untergegangen mit noch fünf nachfolgenden Geschwistern. Auf diese Weise konnte ich mich über Wasser halten und bekam so Beachtung, auch wenn es manchmal Beschimpfungen waren, und ich lernte, mich durchzusetzen und in schwierigen Situationen nicht aufzugeben.
Dann das jüngste Schwesterlein, das Weihnachtskind. Sie war fünfzehn Jahre jünger als ich und für uns alle ein Weihnachtsgeschenk, geboren am 24. Dezember. Ihr sonniges Gemüt hat sie bis heute behalten. Sie wurde als Kleinste herumgetragen und bekam von allen Seiten genug Zuwendung.
Oft lief ich damals schon allein in den Wald, besuchte dort die Bäume, sprach mit den Feen, Rehen und Vögeln und baute mit Ästen Holzhäuser, in denen ich mich verkriechen konnte und mich dabei glücklich und geborgen fühlte.
Ich fühlte mich als Kind schon oft allein auf dem langen Schulweg zur Primarschule. Meine Schwestern hatten alle Freundinnen. In meiner Klasse gab es nur Knaben und noch ein Mädchen, das im Dorfe wohnte und sich mit ihren Spielkameraden dort begnügte. Deshalb flüchtete ich mich oft in eine Scheinwelt und fantasierte mir daraus zwei Freundinnen herbei. Sie hießen Cecile und Astrid. Ich malte ihre Gesichter und kommunizierte so mit ihnen, oft auch auf dem Estrich, wo mich niemand sah.
Auch heute noch arbeite ich an diesen Kindheitserinnerungen, die ich jetzt auf lockere Art bewältige und meiner älteren Schwester im Frieden begegnen kann.
Jeder erhält seine Rolle im Familiensystem.
Dann war da noch die alte Scheune, mein Spielhaus, das ich als Verkäuferliladen einrichtete. Dort entwickelte ich meine Kreativität. Alle leeren Büchsen und Schachteln durfte Mutter nicht wegwerfen, ich stellte sie auf den selbstgebastelten Gestellen aus, um sie zu verkaufen. Manchmal kamen die Kinder vom Dorfe hinauf, um mit mir zu spielen. Dann war ich glücklich.
Meine ältere Schwester richtete sich im alten „Gade“ (Scheune) eine kleine Wohnung ein. Sie war eine vornehme Prinzessin. Sie erschien in meinem Laden mit langem Rock, gebastelt aus den leeren Futtersäcken der Tiere und mit meinen gekauften Schuhen, die ich mit Schindeln und Tarasäcken anfertigte und mit Silberpapier schmückte, von den wenigen Schokoladen, die ich von Großvater erhielt. Das passt heute noch zu ihr, sie ist immer vornehmer bekleidet als ich.
Vater freute sich sehr, wenn ich so „Verkäuferlis“ spielte. Er sagte dann lächelnd: „Du wirst sicher mal eine gute Verkäuferin!“
Das kam aber nicht zustande, zum Glück habe ich mich für den Beruf Krankenschwester entschieden. Da war er anfänglich gar nicht so begeistert und fand: „Musst du jetzt auch noch Krankenschwester lernen wie deine Schwester? Geh besser Geld verdienen und arbeite in unserem Dorfladen als Verkäuferin!“
Aber ich habe mich durchgerungen! Da war er im Nachhinein auch stolz auf mich.
Dann lebte noch meine geliebte Großmutter im Bödmeli, die ich fast jeden Tag besuchte. Ich fühle mich heute noch verbunden mit ihr und winke ihr oft himmelwärts entgegen und frage sie um Rat. Von ihr werde ich gleich später weitererzählen.
Als ich etwa neun Jahre alt war, schmerzten mich die Beine auf dem Schulweg, sodass ich mit Hilfe von selbstgemachten Holzstöcken hinunterlaufen musste. Natürlich nur solange mich niemand sah, sonst hätte ich mich geschämt!
Mutter ging mit mir nicht zum Arzt, sie sagte stets, wenn uns etwas wehtat: „Chunt scho wieder besser“, und ich glaubte daran. Eine Art Selbsthypnose schon als Kind, die mich bis heute prägte, sonst wäre ich bestimmt nicht mehr so bewegt. Es verheilte sich. Der Schmerz wurde durch den Wachstumsprozess verursacht – auch wenn ich letztlich nicht besonders groß geworden bin. Hinzu kam der lange Schulweg, auf dem ich den Tornister und einen schweren Rucksack schleppte, gefüllt mit zwei Kilogramm Brot!
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Es sind die kleinen, einfachen Dinge,
die uns am Leben erhalten,
nicht die großen, aufregenden,
vielleicht eine Blume,
die im Verborgenen blüht.
Ich versuche, meine Tagebuchaufzeichnungen abwechselnd mit Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Kindheit, aus meinem Beruf, aus meinem jetzigen Leben als alternde Frau und allgemein zum Thema Leben, Altern, Natur, Sterben und Tod aufzuzeichnen.
Da mich meine Gedanken vor allem in meinem letzten Lebensabschnitt beschäftigen, habe ich mich entschlossen, sie niederzuschreiben, um meinen Kopf und meine Seele zu entlasten. Vergangenes loszulassen. Dazu habe ich mir ein Tablet gekauft! Jetzt muss ich erst lernen, damit umzugehen. Ich kann es überall mitschleppen, im Rucksack, wandernd auf einen Berg, beim Velofahren.
Ich bin eher introvertiert und wirke im Hintergrund.
Ich war oft in meinem bisherigen Leben diejenige, die zuhörte und auf andere einging, schon von meinem Beruf her.
Ich möchte mich als Person eigentlich nicht nach außen offenbaren, deshalb schreibe ich. Es gibt aber so vieles, worüber ich mich mitteilen möchte, über meine Vergangenheit, über meine Kindheit, über meine Arbeit als Pflegefachfrau und Erfahrungen mit Patienten auf der Intensivstation und Spitex, über Beziehungen, über meine Kinder.
Auch über meine Erlebnisse mit und in der Natur.
Über Leben und Sterben.
Es befreit meine Seele und entlastet mich.
Es entsteht Raum für Neues.
Je mehr ich schreibe, umso mehr kommt das Bedürfnis auf, dies mit meinen Mitmenschen zu teilen, und vielleicht entsteht ein Buch.
Das wäre ein Höhepunkt meines Überlebensmutes.
So unterschiedlich meine Themen auch sind, bilden sie gesamthaft dennoch eine Einheit.
Ich offenbare mich, weil wir alle auf dieser Erde sind, um zu überleben, erleben, uns auszuleben und abzuleben. Jeder auf seine individuelle Art und Weise. Wir alle sind Menschen mit dem gleichem Schicksal, wir werden geboren aus dem Mutterleib, um zu leben auf dieser Erde und um wieder zu sterben. Unser Leben besteht aus Höhen und Tiefen, aus Freuden und Leiden, wir alle haben dasselbe Blut! Doch jeder durchläuft seine eigene Lebensgeschichte, seine Aufgaben und Lebenserfahrungen, und wir alle durchleben verschiedene Phasen auf unserem Lebensweg.
Darum mache ich kein Geheimnis aus meinem Leben.
Meine Texte sind authentisch und so bewirken sie auch Betroffenheit.
Wir können nur lernen voneinander.
Ich möchte aufzeigen, dass man bis zum Sterben jederzeit ein aktives, kreatives Leben führen kann, auch wenn dabei körperliche Schmerzen und psychische Beschwerden entstehen, und dass man sich dabei trotzdem immer wieder Glücksgefühle erobern kann.
TAGEBUCHAUFZEICHNUNGEN, GEDANKEN, ERLEBNISSE, ERKENNTNISSE, ERFAHRUNGEN ZUM THEMA LEBEN, STERBEN UND TOD
Es braucht Mut, offen meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen rund um die Themen Entwicklung, Beziehungen und Altern preiszugeben, mich auf diese Weise zu offenbaren. Es braucht Mut, meine verschiedenen Lebensstationen preiszugeben, meine Stimmungen und Gedanken dazu. Doch weiß ich, obwohl jeder Mensch einmalig ist und andere Lebensbedingungen hat, dass wir Menschen schlussendlich eine Einheit bilden. Wir alle müssen den Lebensprozess durchschreiten.
Deshalb möchte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse authentisch aufzeichnen, die ich in meinem bisherigen Leben erworben habe. Ich lasse alte Erinnerungen auftauchen, um mich dann ganz von ihnen zu befreien, damit ich präsenter in der Gegenwart lebe und mich auf den letzten Lebensabschnitt einstellen kann. Es ist klar – jeder Mensch bewältigt Chancen, Lebenserfahrungen und Krisen wieder anders. Doch gibt es gewisse allgemeine archaische Regeln, und ich probiere sie anhand daran, wie ich schwierige Momente überstand, wie ich kreativ, zuversichtlicher und gelassener wurde, aufzuzeigen.
Zwischen Einatmen und Ausatmen,
zwischen Hoffnung und Verzweiflung,
zwischen Lachen und Weinen,
zwischen Angst und Mut,
zwischen Spannung und Entspannung,
zwischen Leben und Sterben,
zwischen Dunkelheit und Licht.
Kaum sind wir geboren, führt uns unser Weg dem Ende des Lebens zu. In der Blütezeit des Lebens ist uns dies nicht bewusst und wollen wir es auch nicht wahrhaben. Doch ist der ganze Prozess des Lebens ein Lernen zu sterben. Das heißt aber nicht, dass es keine Höhepunkte und ewige Momente gibt in unserem Leben. Doch leben wir, um zu sterben. Das Leben läuft durch Höhen und Tiefen, wie bei mir auch. Immer wieder loslassen ist ein Lernprozess des Sterbens. Akzeptieren, dass es in unserem Leben Grenzen gibt, ebenfalls. Doch ist es wunderbar, wenn wir unser Leben, unseren Körper, unsere Seele und Geist pflegen wie ein fruchtbarer Garten mit bunten Blüten und vergänglichen Pflanzen, deren Samen wieder neu gedeihen, weiterleben und überleben.
DURCHATMEN
Ein Leben lang, mutig bis zum Lebensende, bis zum Sterben, bis zum letzten Atemzug, bis zum Tode. Immer wieder von neuem – in einer Stunde atmen wir bis zu tausend Atemzüge. Unser Atem trägt uns, er ist unser Lebensführer. Atmen wir schnell, sind wir aufgeregt, angespannt, körperlich belastet. Atmen wir langsam, sind wir entspannt und wir erhalten genügend Sauerstoff. Wenn wir immer wieder langsam und tief durchatmen, leben wir bewusster und gesünder. Der Atem ist so unser Gradmesser. Besonders in schmerzenden Situationen steht uns unser Atem stets zur Verfügung und trägt uns, wenn wir bewusst in den Schmerz atmen, sei er psychisch oder physisch.
Wir können diese Atmung üben, sodass es zur täglichen Gewohnheit wird und wir sehen, wie wir entspannter, ruhiger und ausgeglichener werden. So bekommen wir Abstand von schwierigen Situationen.
Ich muss es mir auch immer wieder von neuem bewusst machen. Mein Leben war ein Ringen zwischen Behalten und Loslassen, zwischen Weinen und Lachen, zwischen Verzweiflung und Zuversicht. Atmen wir bewusst aus, können wir Belastendes loslassen. Atmen wir länger ein, behalten wir Energien in uns, die uns oft belasten. Aber auch Wertvolles, das uns bereichert, stärken wir beim längeren Einatmen, wie zum Beispiel den Eindruck der aufgehenden Morgensonne oder einer sich öffnenden Blume.
Wenn ich in meinem Atem verweile, bin ich in der Gegenwart, im Hier und Jetzt.
GEBURTSVERLAUF
Es gibt eine These, die sagt, so wie der Geburtsvorgang verläuft, so werde auch auf ähnliche Weise der Lebensweg und der Sterbevorgang ablaufen. Hat man einen ruhigen Geburtsverlauf ohne Komplikationen, besteht die Chance, auch so weit ein erfreuliches Leben zu verbringen. Bei einigen Menschen gibt es tatsächlich Übereinstimmungen. Sicher sind noch andere Einflüsse in unserem Leben verantwortlich für den Lebensverlauf wie die Vererbung der Gene, die Erziehung.
Meine Mutter erzählte mir, dass sie mit mir einen eher schnellen und hastigen Geburtsverlauf erlebte, da die Hebamme pressierte, sie wollte zur Frühmesse!
Vielleicht musste ich deshalb in meinem ganzen Leben immer wieder pressieren, und auch heute bin ich oft noch in Eile, auch wenn es nicht mehr nötig wäre.
LEBENSPLAN
Jeder hat seinen eigenen Lebensplan. Deshalb sollten wir gar nie vergleichen. Wir können höchstens lernen voneinander. Es bringt nichts, auf andere eifersüchtig zu sein oder uns zu vergleichen mit ihnen, denn mein Plan ist anders. Oder im Sinne der Buddhisten anders ausgedrückt: Mein Karma ist meine Lebensschulung aus der Vergangenheit im Jetzt. Das musste ich auch bitter erlernen. Ich kann meinen Lebensplan selbst einteilen mit sehr viel Überlebensmut.
Sein im Vertrauen. Sein ist der Weg. Glücklichsein ist der Weg.
MEINE KINDHEIT
Unser Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, stand zuoberst im Dorf an der Sonnenseite auf 1000 m Höhe.
Manchmal träume ich meiner Kindheit nach, in der ich für meine Bedürfnisse oft zu wenig Beachtung erhielt, als zweitälteste von sieben Kindern, fünf Mädchen und zwei Buben.
Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf, sie haben das getan, was sie konnten.
Ich hatte liebenswürdige Eltern, doch fehlte ihnen oft die Zeit, sich mit mir auseinanderzusetzen. Vielleicht fühle ich mich deshalb auch heute noch manchmal vernachlässigt in dieser Welt, weil mich meine Mutter im Sommer beim Heuen stundenlang, oft weinend, im Wagen liegen lassen musste und ich mich da schon einsam und verlassen fühlte. Als ich erwachsen wurde, sagte sie mir einmal, das würde sie nie mehr so machen. Das half mir, diesen Entzug zu überwinden und ihr zu verzeihen.
Unsere Mutter sorgte Tag und Nacht für uns. Sie durchlebte mit uns alle jährlichen traditionellen Feste mit Ritualen wie den obligatorischen Geburtstagskuchen mit Vanillefüllung für uns sieben Kinder.
Zu Beginn der Weihnachtszeit besuchte uns der Samiklaus, der uns wieder zurechtwies und eine Rute hinterließ. Einmal wollte er mich als schwarzes Schaf in den Klaussack stecken, um mich in den Wald zu transportieren. Mein Vater hat sich für mich gewehrt – so unartig sei ich doch nicht gewesen!
Mein Herz klopfte in meinem ganzen Körper.
Dann bereitete sich Mutter mit Guetzli backen auf Weihnachten vor, wobei wir Kinder mithalfen. Für alle besorgte sie entsprechende Geschenke. Stolz war sie auf den schön geschmückten Tannenbaum, den Vater aus dem Wald holte. Dann folgte Silvester mit Spielen und Schlagrahm.
Bei Fastnachtsritualen bastelte sie für jeden die passende Maske und backte im heißen Öl Ofenküchlein und Schenkeli. An Ostern gab es versteckte Osterneste, die der Hase nachts persönlich durch das offene Fenster vorbeibrachte.
Immer am Sonntagabend erzählte sie uns Geschichten und anschließend mussten wir beten.
Nebenbei arbeitete unsere Mutter hart auf dem Bauernhöfli, wo wir auch mithelfen mussten, vor allem beim Heuen und Misten, alles von Hand mit Gabel und Rechen. Manchmal war es auch lustig, auf der Wiese zu arbeiten – wir haben viel gesungen und gestritten!
Wir kannten lange noch keine Maschinen. Als Vater die erste Mähmaschine erhielt, war das ein Riesenereignis.
Vater arbeitete ebenfalls den ganzen Tag für seine sieben Kinder und sieben Kühe! Für jedes Kind eine Kuh! Ich jedenfalls besaß immer eine Kuh, die ich besonders liebte. Vater arbeitete im Wald beim Holzen, im Stall bei den Kühen und Schweinen, beim Heuen, dann auf der Alp, wo ich mich auch gerne aufhielt, um genügend Geld einzubringen für uns Kinder. Im Sommer hatten wir anfänglich noch keine Maschinen, um das Heu einzubringen. Vater trug Bürde für Bürde auf dem Rücken in die Scheune. Er war ein kleiner Mann, sodass man jeweils nur noch seine kurzen Beine sah unter der großen Last. Er bekam keine Rückenschmerzen und wurde 92 Jahre alt.
Er war lieb mit uns, doch auch ihm reichte die Kraft nicht mehr, groß mit mir etwas zu unternehmen. Vater hat uns immer gelobt, wenn wir fleißig arbeiteten, sei es beim Heuen oder im Haushalt. Das motivierte mich, viel und gut zu arbeiten bis heute.
Abends war er todmüde und schlief oft schnarchend auf der Holzbank am Esstisch ein. Einzig am Sonntagnachmittag reichte es für einen Familienjass oder für einen Spaziergang zur Alp.
Ich stand als Zweitälteste zwischen meiner ältesten Schwester und meinem Bruder. Auf ihn waren meine Eltern überaus stolz, und als erster Sohn auf dem Bauernhof erhielt er auch mehr Beachtung als ich. Auf ihn war ich nicht eifersüchtig, hingegen auf meine Schwester schon. Ihr fühlte ich mich unterworfen. Bei ihr empfand ich stets, dass sie besser, schöner, braver und gescheiter sei als ich.
Ich musste mich durchkämpfen und meine Schwester war ruhiger und ausgeglichener.
Tief in mir war der Glaube verankert, weniger wert zu sein als meine ältere Schwester – bis ich erkannte, dass das nicht stimmte. Ich bin genauso wertvoll wie sie, nur anders: mit eigenen, ganz besonderen Qualitäten. Deshalb drückte ich meine Wünsche oft weinend aus.
Vieles konnte ich mit Zwängeln erreichen, sonst wäre ich untergegangen mit noch fünf nachfolgenden Geschwistern. Auf diese Weise konnte ich mich über Wasser halten und bekam so Beachtung, auch wenn es manchmal Beschimpfungen waren, und ich lernte, mich durchzusetzen und in schwierigen Situationen nicht aufzugeben.
Dann das jüngste Schwesterlein, das Weihnachtskind. Sie war fünfzehn Jahre jünger als ich und für uns alle ein Weihnachtsgeschenk, geboren am 24. Dezember. Ihr sonniges Gemüt hat sie bis heute behalten. Sie wurde als Kleinste herumgetragen und bekam von allen Seiten genug Zuwendung.
Oft lief ich damals schon allein in den Wald, besuchte dort die Bäume, sprach mit den Feen, Rehen und Vögeln und baute mit Ästen Holzhäuser, in denen ich mich verkriechen konnte und mich dabei glücklich und geborgen fühlte.
Ich fühlte mich als Kind schon oft allein auf dem langen Schulweg zur Primarschule. Meine Schwestern hatten alle Freundinnen. In meiner Klasse gab es nur Knaben und noch ein Mädchen, das im Dorfe wohnte und sich mit ihren Spielkameraden dort begnügte. Deshalb flüchtete ich mich oft in eine Scheinwelt und fantasierte mir daraus zwei Freundinnen herbei. Sie hießen Cecile und Astrid. Ich malte ihre Gesichter und kommunizierte so mit ihnen, oft auch auf dem Estrich, wo mich niemand sah.
Auch heute noch arbeite ich an diesen Kindheitserinnerungen, die ich jetzt auf lockere Art bewältige und meiner älteren Schwester im Frieden begegnen kann.
Jeder erhält seine Rolle im Familiensystem.
Dann war da noch die alte Scheune, mein Spielhaus, das ich als Verkäuferliladen einrichtete. Dort entwickelte ich meine Kreativität. Alle leeren Büchsen und Schachteln durfte Mutter nicht wegwerfen, ich stellte sie auf den selbstgebastelten Gestellen aus, um sie zu verkaufen. Manchmal kamen die Kinder vom Dorfe hinauf, um mit mir zu spielen. Dann war ich glücklich.
Meine ältere Schwester richtete sich im alten „Gade“ (Scheune) eine kleine Wohnung ein. Sie war eine vornehme Prinzessin. Sie erschien in meinem Laden mit langem Rock, gebastelt aus den leeren Futtersäcken der Tiere und mit meinen gekauften Schuhen, die ich mit Schindeln und Tarasäcken anfertigte und mit Silberpapier schmückte, von den wenigen Schokoladen, die ich von Großvater erhielt. Das passt heute noch zu ihr, sie ist immer vornehmer bekleidet als ich.
Vater freute sich sehr, wenn ich so „Verkäuferlis“ spielte. Er sagte dann lächelnd: „Du wirst sicher mal eine gute Verkäuferin!“
Das kam aber nicht zustande, zum Glück habe ich mich für den Beruf Krankenschwester entschieden. Da war er anfänglich gar nicht so begeistert und fand: „Musst du jetzt auch noch Krankenschwester lernen wie deine Schwester? Geh besser Geld verdienen und arbeite in unserem Dorfladen als Verkäuferin!“
Aber ich habe mich durchgerungen! Da war er im Nachhinein auch stolz auf mich.
Dann lebte noch meine geliebte Großmutter im Bödmeli, die ich fast jeden Tag besuchte. Ich fühle mich heute noch verbunden mit ihr und winke ihr oft himmelwärts entgegen und frage sie um Rat. Von ihr werde ich gleich später weitererzählen.
Als ich etwa neun Jahre alt war, schmerzten mich die Beine auf dem Schulweg, sodass ich mit Hilfe von selbstgemachten Holzstöcken hinunterlaufen musste. Natürlich nur solange mich niemand sah, sonst hätte ich mich geschämt!
Mutter ging mit mir nicht zum Arzt, sie sagte stets, wenn uns etwas wehtat: „Chunt scho wieder besser“, und ich glaubte daran. Eine Art Selbsthypnose schon als Kind, die mich bis heute prägte, sonst wäre ich bestimmt nicht mehr so bewegt. Es verheilte sich. Der Schmerz wurde durch den Wachstumsprozess verursacht – auch wenn ich letztlich nicht besonders groß geworden bin. Hinzu kam der lange Schulweg, auf dem ich den Tornister und einen schweren Rucksack schleppte, gefüllt mit zwei Kilogramm Brot!
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