Alltag & Lebensführung

Über Depressionen spricht man nicht

Evelin Fortte

Über Depressionen spricht man nicht

Depressionen bestimmen mein Leben

Leseprobe:

<strong>Depressionen sind keine Schwäche, sondern eine ernstzunehmende Krankheit, bei der leider nicht alle Betroffenen glimpflich davon kommen.</strong>

Wir haben ein Recht darauf, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden wie ein Gesunder. Die Krankheit ist nicht ansteckend, verlangt aber viel Geduld und Verständnis. Und wenn es immer noch und immer wieder solche Ignoranten gibt, werden wir immer wie Aussätzige behandelt werden. Das haben wir nicht verdient.
Wir sind Menschen wie alle anderen auch. Es könnte so schön auf dieser Welt sein, wenn nicht die Eiseskälte unserer Gesellschaft wäre. Es kann und darf niemand aus seinem Leben scheiden, nur weil die Ignoranz der Gesellschaft es verbietet, ein würdevolles Leben führen zu dürfen. Stress, Hektik und ungesunde Arbeitsplätze führen dazu, dass immer mehr Menschen an Depressionen leiden. Diese Krankheit ist mittlerweile Volkskrankheit Nr. 1. Nur, früher wurde sie totgeschwiegen. Depressive Menschen haben ­keine ­Lobby. Ein neues Wort, das wie Phönix aus der Asche ­kreiert wurde, nennt sich Burnout-Syndrom.
Das klingt nicht so hart wie „Depression“, hat aber die gleichen Symptome. Das Kind braucht nur einen anderen Namen und schon hat das Wort „Depression“ einen anderen Stellenwert.
Aber so einfach geht es nicht. Warum sollte ein Burnout-Patient andere Privilegien genießen als ein Depressions-Patient?!
Es mag vielleicht besser klingen, aber die Tatsache besteht doch im Wesentlichen aus dem gleichen Krankheitsbild:
Ausgebranntsein, Motivationslosigkeit, negative Stimmung, Schlafstörungen etc.
Alle Faktoren gleichen denen der Depression. Warum spricht ein Burnout-Patient offen über seine Krankheit? Weil die Leute es so hören wollen und dem Betroffenen viel Mitleid geben können. Ein depressiver Mensch outet sich nicht, weil er dann belächelt und als verrückt abgestempelt wird.
Dann heißt es gleich mal: „Lass dich nicht so hängen.“
Bei Burnout sagt man: „Ach, das tut mir aber leid.“
Also sagt man besser nichts und harrt der Dinge, die da kommen werden.
Man wird leiser und leiser, bis man ganz verstummt.
Obwohl es doch viel einfacher wäre, miteinander zu kommunizieren, um den Leidensdruck zu minimieren. Vielen Patienten könnte schon auf diese Weise geholfen werden, ohne gleich mit Psychopharmaka zu schießen. In vielen Fällen würden dann die Kosten auf ein Minimum reduziert werden können. Aber nein, man wird belächelt und ignoriert.
Und so lange das nicht in die Köpfe der gesunden Menschen gelangt, egal ob Gesellschaft, Arbeitgeber oder andere äußere Einflüsse, wird es immer mehr kranke und depressive Menschen geben. Und im schlimmsten Falle auch immer wieder Suizidfälle. Das muss doch nun wirklich nicht sein. Wir brauchen mehr Offenheit und Aufklärungsarbeit. Es darf in diesem Fall einfach keine Tabus mehr geben. Menschlichkeit und Wärme müssen wieder regieren.
Nichts ist erniedrigender und demütigender als Ignoranz. Sollen diejenigen, die sich für gesund halten, doch dankbar sein und den Betroffenen ein kleines Stück Menschlichkeit entgegenbringen, als bequemerweise wegzusehen. Aber es ist einfacher, die Schuld bei anderen zu suchen und immer weiter in die klaffenden Wunden zu stechen, um die eigene Haut zu schützen. Da liegt es doch offensichtlich viel näher, auf demjenigen, der seelisch eh schon am Boden liegt, weiter darauf herumzutrampeln.
Der kann sich nicht mehr wehren. Anstatt die Hand der Hilfe zu reichen.
Natürlich gäbe es auch Selbsthilfegruppen. Aber die wenigsten gehen hin. Vielleicht auch ein bisschen aus Angst, erkannt oder entdeckt zu werden. Heutzutage kann man auch sehr gut das Internet nutzen, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Aber das machen auch nicht viele. Weil man wiederum zu anonym ist.
Es ist eine Gratwanderung und ein Wechselbad der Emotionen.
Zum einen will man sich auf irgendeine Weise mitteilen, zum anderen scheut man die Öffentlichkeit. Das ist allerdings auch ein typisches Verhalten für Depressionen. ­Dieses Wechselbad der Gefühle. Einmal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Es ist einfach ein Phänomen, welches noch sehr lange erforscht und vor allem immer auf den neuesten Stand gebracht werden muss. Warum wurde die Krankheit denn so lange totgeschwiegen? Warum muss immer erst etwas passieren, damit die Gesellschaft wachgerüttelt wird?
Ein ganz ausschlaggebendes Kriterium sind die äußeren Einflüsse. Ich rede dabei auch von der Witterung. In den Herbst- und Wintermonaten, wo die Tage kurz und die Nächte lang sind, wo es zeitig dunkel wird und die Sonne fehlt.
Das ist die Zeit, in der depressive Menschen mehr leiden als gesunde. Und man kann es sich auch nicht einreden. Es ist wissenschaftlich belegt. Da gehen sämtliche Glückshormone verloren,die depressive Menschen viel zu wenig haben.
Gerade in dieser trostlosen Zeit braucht man Zuwendung und gute Gesprächspartner. Aber es hat ja jeder mit sich zu tun.
Es ist ein Jammer, mit ansehen zu müssen, wie unsere Gesellschaft immer mehr erkrankt und alle schauen aus purem Egoismus weg. Das darf einfach nicht sein. Natürlich, wenn man gesund ist, denkt man nicht über Krankheiten nach. Das ist normal. Aber das Leben geht so schnell vorbei und bei uns Betroffenen vielleicht noch schneller. Weil die Ignoranz und der Druck der Gesellschaft so groß ist.
Warum gab es früher viel weniger Depressionen? Weil die Menschen zusammen lebten. Da schaute jeder auf jeden. Es gab ein Miteinander.
Es wurde gesprochen. Man wurde nicht alleingelassen.
Heute denkt jeder nur an sich. Der obligatorische Tunnelblick, nicht nach rechts oder links sehen. Es könnte ja einer Hilfe gebrauchen.
Wir waren auch einmal vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, wären wir auch gern wieder. Aber es wird uns nicht vergönnt.
Wenn man einmal seinen Arbeitsplatz aufgrund von Krankheit verloren hat, ist es sehr schwer, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Die Perspektiven sind äußerst gering.
Und deshalb ist es wichtig, an die Öffentlichkeit zu gehen und endlich mit den Vorurteilen aufzuräumen.
Wir dürfen es nicht zulassen, dass uns immer länger wehgetan wird. Dass wir immer länger belächelt und ignoriert werden.
Lange genug haben wir uns das gefallen lassen. Jetzt müssen wir zusammenrücken, mit den alten Klischees aufräumen und den letzten Ignoranten wachrütteln: „Schau nicht weg. Auch dir kann es passieren.“
Keiner ist davor gefeit. Es kann jeden und zu jeder jeder Zeit treffen. Und dann ist es wichtig zu wissen, dass es Menschen gibt, denen man sich anvertrauen kann. Es kostet nichts, nur ein bisschen Überwindung.
Es ist nicht das Alter, wo sich Depressionen häufen.
Man sagt so leichtfertig, dass es die „Midlife-Crisis“ ist. Das wäre zu einfach. Denn diese Zeit geht vorbei. Dann wäre es nur zu verständlich, weil Frauen wie Männer ab einem gewissen Alter gleich betroffen sind. Nein, es trifft mittlerweile weitaus mehr junge Menschen, da der Erfolgsdruck so groß ist und viele diesem leider nicht gewachsen sein können. Es kann nicht nur Genies auf dieser Welt geben.
Aber von der Gesellschaft wird es so verlangt. Wer in dieser Situation etwas zu labil ist, läuft Gefahr, sehr bald an Depressionen zu erkranken.
Und dass nur Erfolg und Geld nicht alles im Leben sind und nicht immer glücklich machen, wissen die wenigsten. Geld macht sexy. Wie lange?
Doch nur so lange, wie man welches hat. Aber was ist, wenn durch Krankheit immer weniger Geld in die Kasse kommt? Dann ist man nicht mehr sexy. Gesundheit kann man leider nicht kaufen. Sie muss gehegt und gepflegt werden.
Wenn sich das alle Leute mal vor Augen halten würden, gäbe es solche Erkrankungen viel weniger. Hohe Anforderungen, die ein Mensch aus eigener Kraft nie erbringen kann, zwingen die Menschen immer mehr dazu, zu irgendwelchen Mitteln zu greifen, um diesem Erfolgsdruck gerecht zu werden. Man sieht es doch ganz deutlich im Sport. Und wer wird verurteilt? Der Sportler selbst, nicht die Gesellschaft. Das geht von Psychopharmaka bis hin zu Anabolika.
Dass man aber zum Teil ohne dieses Höllenzeug keine Leistung mehr erbringen kann, weil die Anforderungen so hochgeschraubt werden, ist nur zu gut verständlich. Hoch lebe die Pharmaindustrie.
Die Schnelllebigkeit unserer „ach so schönen heilen Welt“ zwingt uns dazu, zu solchen Mitteln zu greifen. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Einige der Betroffenen neigen auch zu Aggressivität, weil sie sich in die Enge getrieben fühlen und glauben, da nicht mehr herauszukommen.

Es gibt eine kleine traurige Geschichte, die diese Problematik genau auf den Punkt bringt:
Es war einmal ein Mensch, egal ob Mann oder Frau. Der ging Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr an seine heißgeliebte Arbeit.
Bis er immer schwächer und elendiger wurde. Kein Kollege nahm mehr Notiz von ihm. Ob er da war oder nicht, es fiel keinem auf. Er wurde krank, schleppte sich nur noch an die Arbeit. Reden konnte er schon lange mit niemandem mehr. Seine Arbeit machte er nur noch mechnisch, ohne irgendwelche Emotionen zu zeigen. Eines Tages kam er nicht mehr zur Arbeit. Wieder mal merkte keiner, dass er nicht da war. Als kein Krankenschein kam, fiel es in der Firma auf. Da schickte der Chef einen Kollegen zu ihm nach Hause, um nachzusehen, was mit ihm war. Er klingelte an der Wohnungstür, aber keiner machte auf. Auch die Nachbarn wussten nicht, wo er sich aufhalten könnte. Sie suchten gemeinsam nach ihm. Bis sie auf dem Speicher eine grausame Entdeckung ­machten. Einsamkeit und Verzweiflung hatten ihn zu dieser ­grausamen Tat gezwungen. Es würde ihn ja doch niemand vermissen. Plötzlich nahmen alle Kollegen regen Anteil an dieser Wahnsinnstat. Er wurde auf einmal nur noch in den höchsten Tönen gelobt. Aber leider war es zu spät. Es brachte ihn nicht mehr zurück.
Eines gibt es allerdings auch noch zu erwähnen: Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass wir nicht die Einzigen auf dieser Welt sind, die diese Probleme haben. Es sitzen noch so viele Betroffene in unserem Boot.
Und gerade deshalb, weil die Krankheit nicht heilbar ist, müssen wir zusammenrücken und uns gegenseitig helfen.
Nur so ist das Leiden zu ertragen. Und unser Leben wird wieder etwas erträglicher. Vielleicht auch ohne Medikamente. Über eigene Erfahrungen sprechen, sich austauschen mit anderen Betroffenen. Nicht mehr verschließen, sondern offen damit umgehen. Nur so kann dem Rest der Welt gezeigt werden: Ihr habt uns zwar krank gemacht, aber in die Knie zwingt ihr uns nicht. Denn nur gemeinsam sind wir stark. Wir dürfen nie verlernen, wieder erhobenen Hauptes durch die Welt zu gehen. Niedergedrückt wurden wir lange Zeit. Jetzt ist es an der Zeit, wieder den aufrechten Gang zu lernen. Da hat allerdings auch das soziale Umfeld einen großen Anteil daran.
Wir brauchen keine Gefühlsduseleien oder gar falsches Mitleid. Nein, wir brauchen Anerkennung. Freut euch, wenn euch etwas Wunderbares gelingt. Belohnt euch auch mal selber, anstatt auf das Lob der anderen zu hoffen. Das wird nie kommen.
Versinkt auch nicht in Selbstmitleid. Das Beste, was man auch noch machen kann, ist ein Stimmungstagebuch zu führen. Dieses soll unterstützend wirken, indem man ganz genau und akribisch niederschreibt, was und wie man etwas über den Tag verteilt gemacht hat. Ob mit Lust und Freude oder motivationslos. So lässt sich ganz genau über einen längeren Zeitraum beobachten, ob es Besserung oder gar eine Verschlechterung des Zustandes gibt. So etwas kann man auch wunderbar mit seinem Arzt oder Therapeuten erarbeiten. Dieser kann dann auch sofort reagieren, sollte es tatsächlich wieder zu einer Verschlechterung kommen.
Dann muss unter Umständen die Medikation neu eingestellt werden.
Man muss sich auch im Klaren sein, dass negative Gedanken oft zu Suizidgedanken werden können. Diese sollte man nicht unterschätzen. Dann sollte man sofort und unverzüglich professionelle Hilfe hinzuziehen.
Man muss wieder lernen, sich an kleinen Dingen zu ­erfreuen und sich nicht mit unnützem Kram das Leben schwer zu machen. Traurige Songs oder Filme sollte man in dieser Phase gänzlich meiden. Damit zieht man sich noch mehr runter. Genauso falsch ist es in Gesprächsrunden immer wieder negative Themen zu besprechen.
Das ist für depressive Menschen totales Gift.
Das geht mal überhaupt nicht. Familie, Freunde und Bekannte sollten ganz akribisch darauf achten, welche Gesprächsthemen vor einem depressiven Menschen in die Runde gebracht werden. Es gibt auch schöne Dinge im Leben, die es wert sind, besprochen zu werden. Wo man vielleicht sogar herzhaft darüber lachen kann. Denn Lachen haben depressive Menschen verlernt. Fotos aus alten Zeiten zum Beispiel könnten da eine sehr gute Alternative bieten. So eine Fotoschau kann unter Umständen abendfüllend und sehr belustigend für alle Beteiligten sein.
Gut zureden, dem Betroffenen Mut machen, wenn er wieder mal am Boden zerstört ist.
Ihn aus seiner Lethargie befreien. Spazierengehen oder sich mal in ein Café setzen, über Gott und die Welt quatschen, ohne in die Negativschiene zu geraten. Dies alles sind Faktoren, die der Depression entgegenwirken. Natürlich sollten sie auch nicht zu übermütterlich wirken. Das kann genau ins Gegenteil umschlagen. Der Betroffene würde sich zu gegängelt und beobachtet fühlen. Dann kann es natürlich sein, dass er sich wieder zurückzieht und nicht mehr reden will. Genau das sollte eben nicht passieren. Ein gesundes Maß an Fürsorge und Aufmerksamkeit reicht aus, um ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er so akzeptiert wird, wie er ist. Auch mit kleinen Schwächen. Die Sicherheit und das Gefühl zu haben „no body is perfekt“, ist ein großer Schritt zur Selbsterkenntnis, dass nicht alles im Leben perfekt sein kann und muss. Das Selbstbewusstsein muss gestärkt werden. Dieses hat in dieser schweren Zeit der Depression sehr gelitten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 50
ISBN: 978-3-99003-330-2
Erscheinungsdatum: 24.02.2011
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Krampus & Nikolo