Sterben mit oder ohne Gott?

Sterben mit oder ohne Gott?

Käthy Hess-Widmer


EUR 22,90
EUR 18,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-903861-95-4
Erscheinungsdatum: 29.11.2021

Leseprobe:

Vorwort

Weiß ich, dass es ein Leben aus dem Geistigen/Ewigen gibt, das meine Seele nährt, führt und glücklich machen will? Oder kenne ich nur die materielle Welt, wie ich sie hier erfahre und lebe? Bin ich damit restlos zufrieden oder fehlt mir etwas, das ich im Augenblick vielleicht noch nicht benennen kann?

Damit wir diese Kernfrage beantworten können, müssen wir einmal wenigstens erlebt haben, was es mit uns macht, wenn wir tief im Herzen angerührt werden. Nicht bloß angerührt von der weltlichen Liebe und Freude, sondern angerührt von einer viel tieferen Herzenswärme, die man kaum in Worte fassen kann. Man kann sie nur erfahren.

Wir sind nicht andere in dem Moment, wenn unsere irdische Zeit abgelaufen sein wird. Wir werden alle einmal so ins Sterben hineinkommen, wie wir gelebt und miteinander umgegangen sind. Im Sterben kommt die Summe unseres Lebens zum Tragen. Das lehrt mich meine Erfahrung an den Sterbebetten.

Sterben hat viel mit Versöhnung zu tun. Nicht nur lässt sich ruhiger sterben mit einem guten, aufgeräumten Gewissen; es lässt sich auch viel freudiger leben, wenn wir mit unserem Schöpfer, unserem Umfeld und mit uns selbst in Frieden sind.

Ein guter und ehrlicher Mensch weiß, dass er sich trotz all seiner Bemühungen immer wieder schuldig macht. Es geht gar nicht anders, da wir nebst vielen guten Eigenschaften auch unzählige Mängel in uns tragen, die wir aus unserer Ahnenkette als Erbe in diese Welt mitgebracht oder die wir uns selbst angeeignet haben.

Glücklich der Mensch, der früher oder später in sich die Sehnsucht nach Umkehr verspürt! Das Thema der Versöhnung auf allen drei Ebenen (Gott – Mitmensch - sich selbst) wird ihm wichtig werden.

Wer es wagt, diesen Weg unter seine Füße zu nehmen, wird mit Freuden feststellen, dass er seine täglichen Arbeiten bewusster und auch liebevoller angeht und ein hörendes Ohr bekommt für die vielfältigen Anliegen der Mitmenschen. Unter vielen anderen Eigenschaften wird ihm echte Empathie heranwachsen.

Der arrogante Mensch hingegen sieht das anders. Er ist der festen Überzeugung, dass er alles gut und richtig macht. Er erkennt eigene Schuld kaum an und ist durch seine Arroganz dafür blind geworden. Er sucht den Fehler stets bei den anderen. Wir kennen dieses Verhalten, da die Arroganz mehr oder weniger leider auch Teil von uns allen ist.

Meine Begleitungen am Bett sterbender Menschen laufen parallel mit den Erfahrungen meiner ganzheitlichen Massage. Meine treue Freundin sagte mir vor 35 Jahren:

„Lehre die Menschen den Weg zu Gott, solange sie gesund sind! Wenn sie ins Sterben kommen, wird ihnen die Kraft für eine wahre Umkehr weitgehend fehlen.“

Ich nahm ihr Anliegen ernst. Sie werden das in meinem Erfahrungsbericht sehen.



Zu den Erfahrungsberichten

Vor mehr als 30 Jahren durfte ich die ersten schwerkranken Menschen ins Sterben begleiten. Vorab war ein Erlebnis auf meinem Heimweg, das mich tief beeindruckte: Ich war mit dem Auto unterwegs. Vor mir kam ein junger Mann auf seinem Motorrad daher geschleudert. Buchstäblich daher geschleudert kam er und lag danach regungslos auf der Strasse, sein defektes Motorrad ein gutes Stück von ihm entfernt. Ich parkierte am Strassenrand mein Auto und ging zu diesem verletzten Mann. Der Verkehr war nicht sonderlich gross, aber doch so, dass sich andere um die Ambulanz kümmern und den Verkehr regeln konnten.

Ich blieb bei diesem jungen Mann, als gäbe es nur ihn auf dieser Welt. Als ich sah, dass er noch atmete, sprach ich ihm gut zu und blieb ruhig bei ihm, bis die Ambulanz eintraf und ich sah, dass er in guten Händen war. Danach begleitete ich ihn im Gebet. Wochen später suchte mich seine Mutter auf und erzählte mir, dass ihr Sohn auf dem Weg der Besserung sei. Er brauche jetzt viel Geduld und Ausdauer in der Physiotherapie. Aber die Ärzte meinen, alles werde gut kommen.

Dieser Unfall war für mich wegweisend. Da wurde in mir eine Gabe angerührt, die ich so vorher an mir nicht kannte.

Ein halbes Jahr später vernahm ich, dass ein Einführungskurs für Begleitungen schwerkranker und sterbender Menschen ausgeschrieben war. Ich meldete mich, ohne vorher zu überlegen, ob ich dazu die nötige Reife mitbringen werde.

In diesem halben Jahr des Wartens wurde mir klar, dass ich tiefere Wurzeln in den Glauben zu schlagen hatte. Verunsichert wie ich damals war, lebte ich wie viele andere im Helfersyndrom, ohne es zu merken. Die Gefahr, andern zu helfen, um dadurch den eigenen Problemen auszuweichen, kannte ich damals noch nicht wirklich. Bald aber spürte ich, dass es nicht reichte, so oberflächlich und scheinbar zufrieden mit dieser Welt, wie sie sich mir anbot, Menschen ins Sterben zu begleiten.

Es begann für mich eine Zeit des Suchens. Das war anfänglich recht schwierig, denn während dieser Zeit suchte ich am falschen Ort: außen statt innen. Ich las unzählige Bücher zum Thema Sterben, fand darin aber die Antwort nicht, nach der ich mich sehnte und hungerte.

Es war meine Rettung, dass für mich die ersten paar Nachteinsätze in der Klinik sehr herausfordernd waren, denn dadurch wurde mir klar, dass ich an mir zu arbeiten hatte.



Beat S., 84

Beim ersten Einsatz kam ich zu einem betagten Mann, der tief im Sterben lag. Seine Arme und Beine waren mangelnder Durchblutung bereits schwarz. Sein Hörgerät lag auf dem Nachttisch. Er trug eine Brille mit schweren Gläsern. Unbeweglich lag er im Bett, als wäre er schon verstorben.

Die Nachtpflegefachfrau sagte mir:

„Hören tut er nichts. Eine Kommunikation wird nicht möglich sein.“

So kam ich damals mit viel Unsicherheit an Beat’s Bett. Er öffnete für einen kurzen Augenblick seine müden Augen. Ich nickte ihm wortlos zu und setzte mich nahe an sein Bett.

Vom Sterben hatte ich damals keine grosse Ahnung. Wir wurden wohl im Vorbereitungskurs zum Sterben hingeführt, aber niemals so, wie ich nach all diesen Begleitungen meine, es müsste geschehen.

Aus dem „Tibetanischen Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyl Rimpoche wusste ich, dass das Ohr lange über den Tod hinaus Worte aufnehmen kann. Also sagte ich diesem sterbenden Mann, dass wir nun zusammen versuchen wollen, sein Leben Gott zurückzugeben mit allem, was in seiner langen irdischen Zeit geschehen war, und dass ich die ganze Nacht bei ihm bleiben werde, falls er das wünschte. Nur leise sagte ich das, um zu beobachten, ob Beat trotz seiner Schwerhörigkeit verstand.

Zu meinem großen Erstaunen reagierte Beat. Er nickte mir jedes Mal zu. Ich gab mit wenigen Worten sein Leben dem Schöpfer zurück und bat ihn, so gut es ihm möglich sei, das nachzuvollziehen. Wieder nickte Beat. Nur flüsternd sprach ich diese paar Sätze, nur für ihn und für mich. Ein Gebet aber war es nicht.

Es war eine warme und innige Atmosphäre damals beim Beat, aber ich wagte nicht, mit ihm zu beten. Meine Unbeholfenheit war groß, denn ich war damals im Gebet viel zu wenig verwurzelt, als dass ich mit einem Sterbenden hätte beten können. Zudem war ich berührt zu merken, dass dieser Patient trotz seiner Schwerhörigkeit mein leises Sprechen verstand.

Gegen 04.00 Uhr morgens hauchte Beat sein irdisches Leben aus. Sanft verliess er diese Welt. Ein letztes Mal öffnete er seine schweren Augenlider, als möchte er sich verabschieden. Dann löschte sein irdisches Dasein aus.

Eine unbeschreibliche Atmosphäre war im Zimmer. Am ehesten kann ich sie vergleichen mit der Herzenswärme. Das ganze Zimmer war erfüllt davon. Lange saß ich beim Beat, ohne die Pflegefachfrau zu rufen. Dieser heilige Augenblick war für uns beide ein Geschenk.

Ein tiefes Glücksgefühl überkam mich in dieser Nacht, welches ich so vorher nicht kannte. Beat nahm mich offensichtlich ein Stück weit mit in sein Hineinsterben.

Als seine betagte Frau das sanfte Hineinsterben vernahm, war sie erleichtert. Nach einigen Wochen suchte ich sie in ihrer einfachen Wohnung auf. Vor ihr lag das Kirchengesangbuch. Sie fragte mich:

„Wie kann ich jetzt für meinen Mann beten? Er hat doch jetzt für sein Leben geradezustehen. Sind es die Psalmen, die ihm jetzt weiterhelfen?“

Eine wahre Sterbebegleiterin ist sie also gewesen!
Erst viel später wurde mir bewusst, dass dieser sterbende Beat S. und seine betagte Frau mir damals zeigten, in welche Richtung ich weiter zu suchen hatte.

Frau S. hat mich auf den wohl markantesten Unterschied zu landesüblicher Sterbebegleitung hingewiesen: Ist nämlich in einem Spital der Patient tot, also kein Patient mehr, sondern tot, dann ist es geschafft, die Arbeit ist getan.

Sie ist nicht restlos getan, jedenfalls für mich nicht, wie ich später lernen durfte. Diejenigen, die uns Kompetentes über die Verstorbenen zu sagen haben, lehren, dass, wenn Sterbende diese Welt verlassen, sie aus dem Bereich des eigenen Willens heraus sind und sich nicht mehr selbst helfen können.

Einstweilen war das für mich Theorie. Damals wusste ich nicht, was das für mich als Begleiterin in der Praxis hieß oder heißen konnte. Ich hatte es unterlassen, diesen Mann über längere Zeit in der Stille meines Herzens zu begleiten. Erst viel später merkte ich, dass Verstorbene unser liebendes Beten brauchen und es wohl auch zu meiner Aufgabe gehörte.



Niklaus K., 61

Nach vielen anderen Nachteinsätzen, ein gutes Jahr später, wurde ich wachgerüttelt. Da lag Niklaus mittleren Alters im Sterben. Er war gesprächig, aber unglaublich geschwächt. Eine innere Unruhe plagte ihn. In keiner Stellung war es ihm wohl. Ich schüttelte ihm das Kissen, legte ihm einen kühlen Waschlappen auf die Stirn, öffnete ein wenig das Fenster, genauso, wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt wurden; aber sein ganzer Leib blieb ein einziges Feuer. Mit tieftrauriger Stimme sagte mir Niklaus:

„Ich weiß, es gäbe in meinem Leben einiges, bei dem ich mich zu versöhnen hätte, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu.“

Es berührte mich sehr, dass Niklaus mir dieses offene Geständnis machte. Weshalb mir? Doch ich wusste damals nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Immer wieder schlief er für zwei Minuten ein, um dann wieder erneut von seiner Unruhe gepackt zu sein. Er streckte mir seine Hand entgegen, als würde er einen Halt suchen. Damals meinte ich, meine Hand wäre ihm Hilfe genug, denn so ähnlich sind wir es gelehrt worden.

„Ich weiß, ich hätte mich zu versöhnen gehabt, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu“, hatte Niklaus aber gesagt.

Das also stand ihm im Weg, dass er die Kraft nicht mehr hatte. Hätte ich nach der Schuld gefragt, hätte er vielleicht zu sprechen gewagt. Mir, einer Unbekannten, hätte er vielleicht seine Schuld herausgesagt. Denn Versöhnung ist schwieriger zwischen den streitenden Parteien, da emotionale Verknüpfungen bestehen. Versöhnung geschieht sehr oft durch die Hilfe eines Dritten, wie wir später im Hineinsterben mit Marthas Vater sehen werden.

Vorwort

Weiß ich, dass es ein Leben aus dem Geistigen/Ewigen gibt, das meine Seele nährt, führt und glücklich machen will? Oder kenne ich nur die materielle Welt, wie ich sie hier erfahre und lebe? Bin ich damit restlos zufrieden oder fehlt mir etwas, das ich im Augenblick vielleicht noch nicht benennen kann?

Damit wir diese Kernfrage beantworten können, müssen wir einmal wenigstens erlebt haben, was es mit uns macht, wenn wir tief im Herzen angerührt werden. Nicht bloß angerührt von der weltlichen Liebe und Freude, sondern angerührt von einer viel tieferen Herzenswärme, die man kaum in Worte fassen kann. Man kann sie nur erfahren.

Wir sind nicht andere in dem Moment, wenn unsere irdische Zeit abgelaufen sein wird. Wir werden alle einmal so ins Sterben hineinkommen, wie wir gelebt und miteinander umgegangen sind. Im Sterben kommt die Summe unseres Lebens zum Tragen. Das lehrt mich meine Erfahrung an den Sterbebetten.

Sterben hat viel mit Versöhnung zu tun. Nicht nur lässt sich ruhiger sterben mit einem guten, aufgeräumten Gewissen; es lässt sich auch viel freudiger leben, wenn wir mit unserem Schöpfer, unserem Umfeld und mit uns selbst in Frieden sind.

Ein guter und ehrlicher Mensch weiß, dass er sich trotz all seiner Bemühungen immer wieder schuldig macht. Es geht gar nicht anders, da wir nebst vielen guten Eigenschaften auch unzählige Mängel in uns tragen, die wir aus unserer Ahnenkette als Erbe in diese Welt mitgebracht oder die wir uns selbst angeeignet haben.

Glücklich der Mensch, der früher oder später in sich die Sehnsucht nach Umkehr verspürt! Das Thema der Versöhnung auf allen drei Ebenen (Gott – Mitmensch - sich selbst) wird ihm wichtig werden.

Wer es wagt, diesen Weg unter seine Füße zu nehmen, wird mit Freuden feststellen, dass er seine täglichen Arbeiten bewusster und auch liebevoller angeht und ein hörendes Ohr bekommt für die vielfältigen Anliegen der Mitmenschen. Unter vielen anderen Eigenschaften wird ihm echte Empathie heranwachsen.

Der arrogante Mensch hingegen sieht das anders. Er ist der festen Überzeugung, dass er alles gut und richtig macht. Er erkennt eigene Schuld kaum an und ist durch seine Arroganz dafür blind geworden. Er sucht den Fehler stets bei den anderen. Wir kennen dieses Verhalten, da die Arroganz mehr oder weniger leider auch Teil von uns allen ist.

Meine Begleitungen am Bett sterbender Menschen laufen parallel mit den Erfahrungen meiner ganzheitlichen Massage. Meine treue Freundin sagte mir vor 35 Jahren:

„Lehre die Menschen den Weg zu Gott, solange sie gesund sind! Wenn sie ins Sterben kommen, wird ihnen die Kraft für eine wahre Umkehr weitgehend fehlen.“

Ich nahm ihr Anliegen ernst. Sie werden das in meinem Erfahrungsbericht sehen.



Zu den Erfahrungsberichten

Vor mehr als 30 Jahren durfte ich die ersten schwerkranken Menschen ins Sterben begleiten. Vorab war ein Erlebnis auf meinem Heimweg, das mich tief beeindruckte: Ich war mit dem Auto unterwegs. Vor mir kam ein junger Mann auf seinem Motorrad daher geschleudert. Buchstäblich daher geschleudert kam er und lag danach regungslos auf der Strasse, sein defektes Motorrad ein gutes Stück von ihm entfernt. Ich parkierte am Strassenrand mein Auto und ging zu diesem verletzten Mann. Der Verkehr war nicht sonderlich gross, aber doch so, dass sich andere um die Ambulanz kümmern und den Verkehr regeln konnten.

Ich blieb bei diesem jungen Mann, als gäbe es nur ihn auf dieser Welt. Als ich sah, dass er noch atmete, sprach ich ihm gut zu und blieb ruhig bei ihm, bis die Ambulanz eintraf und ich sah, dass er in guten Händen war. Danach begleitete ich ihn im Gebet. Wochen später suchte mich seine Mutter auf und erzählte mir, dass ihr Sohn auf dem Weg der Besserung sei. Er brauche jetzt viel Geduld und Ausdauer in der Physiotherapie. Aber die Ärzte meinen, alles werde gut kommen.

Dieser Unfall war für mich wegweisend. Da wurde in mir eine Gabe angerührt, die ich so vorher an mir nicht kannte.

Ein halbes Jahr später vernahm ich, dass ein Einführungskurs für Begleitungen schwerkranker und sterbender Menschen ausgeschrieben war. Ich meldete mich, ohne vorher zu überlegen, ob ich dazu die nötige Reife mitbringen werde.

In diesem halben Jahr des Wartens wurde mir klar, dass ich tiefere Wurzeln in den Glauben zu schlagen hatte. Verunsichert wie ich damals war, lebte ich wie viele andere im Helfersyndrom, ohne es zu merken. Die Gefahr, andern zu helfen, um dadurch den eigenen Problemen auszuweichen, kannte ich damals noch nicht wirklich. Bald aber spürte ich, dass es nicht reichte, so oberflächlich und scheinbar zufrieden mit dieser Welt, wie sie sich mir anbot, Menschen ins Sterben zu begleiten.

Es begann für mich eine Zeit des Suchens. Das war anfänglich recht schwierig, denn während dieser Zeit suchte ich am falschen Ort: außen statt innen. Ich las unzählige Bücher zum Thema Sterben, fand darin aber die Antwort nicht, nach der ich mich sehnte und hungerte.

Es war meine Rettung, dass für mich die ersten paar Nachteinsätze in der Klinik sehr herausfordernd waren, denn dadurch wurde mir klar, dass ich an mir zu arbeiten hatte.



Beat S., 84

Beim ersten Einsatz kam ich zu einem betagten Mann, der tief im Sterben lag. Seine Arme und Beine waren mangelnder Durchblutung bereits schwarz. Sein Hörgerät lag auf dem Nachttisch. Er trug eine Brille mit schweren Gläsern. Unbeweglich lag er im Bett, als wäre er schon verstorben.

Die Nachtpflegefachfrau sagte mir:

„Hören tut er nichts. Eine Kommunikation wird nicht möglich sein.“

So kam ich damals mit viel Unsicherheit an Beat’s Bett. Er öffnete für einen kurzen Augenblick seine müden Augen. Ich nickte ihm wortlos zu und setzte mich nahe an sein Bett.

Vom Sterben hatte ich damals keine grosse Ahnung. Wir wurden wohl im Vorbereitungskurs zum Sterben hingeführt, aber niemals so, wie ich nach all diesen Begleitungen meine, es müsste geschehen.

Aus dem „Tibetanischen Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyl Rimpoche wusste ich, dass das Ohr lange über den Tod hinaus Worte aufnehmen kann. Also sagte ich diesem sterbenden Mann, dass wir nun zusammen versuchen wollen, sein Leben Gott zurückzugeben mit allem, was in seiner langen irdischen Zeit geschehen war, und dass ich die ganze Nacht bei ihm bleiben werde, falls er das wünschte. Nur leise sagte ich das, um zu beobachten, ob Beat trotz seiner Schwerhörigkeit verstand.

Zu meinem großen Erstaunen reagierte Beat. Er nickte mir jedes Mal zu. Ich gab mit wenigen Worten sein Leben dem Schöpfer zurück und bat ihn, so gut es ihm möglich sei, das nachzuvollziehen. Wieder nickte Beat. Nur flüsternd sprach ich diese paar Sätze, nur für ihn und für mich. Ein Gebet aber war es nicht.

Es war eine warme und innige Atmosphäre damals beim Beat, aber ich wagte nicht, mit ihm zu beten. Meine Unbeholfenheit war groß, denn ich war damals im Gebet viel zu wenig verwurzelt, als dass ich mit einem Sterbenden hätte beten können. Zudem war ich berührt zu merken, dass dieser Patient trotz seiner Schwerhörigkeit mein leises Sprechen verstand.

Gegen 04.00 Uhr morgens hauchte Beat sein irdisches Leben aus. Sanft verliess er diese Welt. Ein letztes Mal öffnete er seine schweren Augenlider, als möchte er sich verabschieden. Dann löschte sein irdisches Dasein aus.

Eine unbeschreibliche Atmosphäre war im Zimmer. Am ehesten kann ich sie vergleichen mit der Herzenswärme. Das ganze Zimmer war erfüllt davon. Lange saß ich beim Beat, ohne die Pflegefachfrau zu rufen. Dieser heilige Augenblick war für uns beide ein Geschenk.

Ein tiefes Glücksgefühl überkam mich in dieser Nacht, welches ich so vorher nicht kannte. Beat nahm mich offensichtlich ein Stück weit mit in sein Hineinsterben.

Als seine betagte Frau das sanfte Hineinsterben vernahm, war sie erleichtert. Nach einigen Wochen suchte ich sie in ihrer einfachen Wohnung auf. Vor ihr lag das Kirchengesangbuch. Sie fragte mich:

„Wie kann ich jetzt für meinen Mann beten? Er hat doch jetzt für sein Leben geradezustehen. Sind es die Psalmen, die ihm jetzt weiterhelfen?“

Eine wahre Sterbebegleiterin ist sie also gewesen!
Erst viel später wurde mir bewusst, dass dieser sterbende Beat S. und seine betagte Frau mir damals zeigten, in welche Richtung ich weiter zu suchen hatte.

Frau S. hat mich auf den wohl markantesten Unterschied zu landesüblicher Sterbebegleitung hingewiesen: Ist nämlich in einem Spital der Patient tot, also kein Patient mehr, sondern tot, dann ist es geschafft, die Arbeit ist getan.

Sie ist nicht restlos getan, jedenfalls für mich nicht, wie ich später lernen durfte. Diejenigen, die uns Kompetentes über die Verstorbenen zu sagen haben, lehren, dass, wenn Sterbende diese Welt verlassen, sie aus dem Bereich des eigenen Willens heraus sind und sich nicht mehr selbst helfen können.

Einstweilen war das für mich Theorie. Damals wusste ich nicht, was das für mich als Begleiterin in der Praxis hieß oder heißen konnte. Ich hatte es unterlassen, diesen Mann über längere Zeit in der Stille meines Herzens zu begleiten. Erst viel später merkte ich, dass Verstorbene unser liebendes Beten brauchen und es wohl auch zu meiner Aufgabe gehörte.



Niklaus K., 61

Nach vielen anderen Nachteinsätzen, ein gutes Jahr später, wurde ich wachgerüttelt. Da lag Niklaus mittleren Alters im Sterben. Er war gesprächig, aber unglaublich geschwächt. Eine innere Unruhe plagte ihn. In keiner Stellung war es ihm wohl. Ich schüttelte ihm das Kissen, legte ihm einen kühlen Waschlappen auf die Stirn, öffnete ein wenig das Fenster, genauso, wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt wurden; aber sein ganzer Leib blieb ein einziges Feuer. Mit tieftrauriger Stimme sagte mir Niklaus:

„Ich weiß, es gäbe in meinem Leben einiges, bei dem ich mich zu versöhnen hätte, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu.“

Es berührte mich sehr, dass Niklaus mir dieses offene Geständnis machte. Weshalb mir? Doch ich wusste damals nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Immer wieder schlief er für zwei Minuten ein, um dann wieder erneut von seiner Unruhe gepackt zu sein. Er streckte mir seine Hand entgegen, als würde er einen Halt suchen. Damals meinte ich, meine Hand wäre ihm Hilfe genug, denn so ähnlich sind wir es gelehrt worden.

„Ich weiß, ich hätte mich zu versöhnen gehabt, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu“, hatte Niklaus aber gesagt.

Das also stand ihm im Weg, dass er die Kraft nicht mehr hatte. Hätte ich nach der Schuld gefragt, hätte er vielleicht zu sprechen gewagt. Mir, einer Unbekannten, hätte er vielleicht seine Schuld herausgesagt. Denn Versöhnung ist schwieriger zwischen den streitenden Parteien, da emotionale Verknüpfungen bestehen. Versöhnung geschieht sehr oft durch die Hilfe eines Dritten, wie wir später im Hineinsterben mit Marthas Vater sehen werden. test

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