Alltag & Lebensführung

Stärker als Du

Rebecca Çiçek

Stärker als Du

Leseprobe:

Anamur

Dann kamen wir eines Tages nach Anamur.
Als wir den Busbahnhof von Anamur erreichten, war mir ziemlich schlecht, da die Straße am Meer entlang eineinhalb Stunden sehr kurvig war. Taumelnd stieg ich aus dem Bus und da stand er: Mein zukünftiger Mann!
Er hatte ein weißes Muskelshirt und eine Armyhose an und ich dachte mir: Was für ein süßer Junge!
Er sprach uns an und machte Werbung für die Pension, in der er arbeitete. Die Zimmer seien sehr günstig und sauber, wir könnten sie uns gerne anschauen. Wir willigten ein und folgten ihm zu der Pension „Dedehan“, die sich nur 100 Meter vom Busbahnhof entfernt befand.
Sakir, so heißt er, machte mir einen Adacay gegen die Übelkeit. Ein Adacay ist ein türkischer Salbeitee. Er tat sehr gut und die Übelkeit verschwand schnell.
Die Zimmer waren wirklich sehr sauber. Die Tür zum Balkon stand offen und eine weiße Gardine wiegte sanft im Wind. Ich fühlte mich gleich sehr wohl in der Pension „Dedehan“. Und ich hatte in meinem Leben noch nie so gut geschlafen wie in dieser Pension. Morgens wurde ich von einem kläglichen „Iiiiaaaah!“ eines Esels geweckt, dazu gackerten Hühner.
Sakir machte uns ein türkisches Frühstück, das aus Oliven, Tomaten, Gurken, Schafskäse, Marmelade und schwarzem Cay bestand. Er zeigte uns eine Bildtafel mit einigen Sehenswürdigkeiten von Anamur. Wir beschlossen, die Burg Mamure Kalesi zu besuchen und mieteten uns dafür zwei Fahrräder von der Pension. Bei mir funktionierte die Bremse nicht und Rita konnte nur sehr schwer die Pedale treten. Aber das störte uns nicht und wir radelten los zur Burg. Dort angekommen bestiegen wir die Burg und schauten aufs Meer. Uns bot sich ein gigantischer Ausblick. Damals durfte man noch einfach auf die Burg steigen. Heute ist die Burg renoviert, sieht eher wie eine Spielzeugburg aus und es gibt einen Türwärter.
Sakir erzählte mir später einmal, dass er uns mit einem Freund gefolgt war und uns beobachtet hatte. Ich habe es damals gar nicht mitbekommen.
Ich sitze in unserer Münchner Wohnung auf dem Bett und neben mir höre ich nur das gleichmäßige Schnauben unserer Katze Nala. Sie schaut mich mit ihren wissenden Augen an. Ich erinnere mich gerne an diese alte Zeit zurück. Es waren glückliche Tage. Die ersten glücklichen seit langem.
Zwischen Sakir und mir begannen sich während unseres Aufenthalts erste zarte Bande zu spinnen. Eines Abends kamen wir in die Pension zurück und der Strom fiel aus. Das passiert häufiger mal in der Türkei. Rita und ich standen im Eingangsbereich und Sakir reichte mir eine Kerze. Dabei berührten sich unsere Hände ganz sanft. Es fühlte sich gut an.
Ich traf ihn auch so häufiger wie zufällig. Als ich einmal in mein Zimmer wollte, saß er auf der Treppe und hantierte an einem Schlüsselbund herum.
Rita und ich lernten die beiden Franzosen Philippe und Laurent kennen. Mit ihnen trampten wir zum Anamurium. Das sind Überreste einer 2000 Jahre alten Stadt auf einem Bergrelief. Es existiert dort eine Wahnsinnsenergie. Es ist, als spüre man noch all die Menschen, die dort gelebt haben und hört ihre Stimmen nachhallen. Rita verliebte sich in Laurent und wir reisten mit den beiden Franzosen weiter nach Tasucu, einem kleinen Studentenort. Lange blieben wir dort aber nicht. Irgendetwas zog uns wieder zurück nach Anamur. Sakir war mir so sympathisch. So reisten wir also wieder nach Anamur. Sakir freute sich riesig uns zu sehen.
Ich ging mit ihm eines Abends aus. Es sollte in ein türkisches Nachtlokal gehen. Dort tanzte er mir etwas vor mit einer Mütze auf dem Kopf. Es sah gut aus. Wir tranken Bier und verstanden uns prima. Ich weiß nicht mehr, wie wir uns verständigt haben. Es war eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Französisch. Da Sakir schon einige Zeit mit Touristen gearbeitet hatte, konnte er von jeder Sprache ein paar Brocken. Das Deutsch meines Mannes war noch nicht so gut wie jetzt. Aber es funktionierte.
Ich schlug vor, am Strand spazieren zu gehen. Bei dem Wort „Strand“ leuchteten seine Augen auf und er leerte mein und sein Bierglas mit einem Zug. Wir machten uns auf zum Strand. Die Sonne war untergegangen und das Meer rauschte leise. Wir gingen ein Stück, dann küssten wir uns. Wir legten den ganzen Weg vom Strand in die Stadt zu Fuß zurück, weil kein Bus mehr fuhr. Mir wurde kalt. Sakir legte mir sein Jackett um die Schultern und wir gingen Hand in Hand weiter. Wir brauchten zwei Stunden bis wir wieder in der Pension ankamen. Sakir und ich verbrachten die halbe Nacht miteinander, schliefen aber nicht miteinander. Ich glaube, es war noch die Erziehung meiner Mutter, die mir immer eingebläut hatte, nur bis zur Gürtellinie zu gehen. Ich denke aber, ich habe damit alles richtig gemacht. So blieb ich interessant für ihn. Schließlich, das wusste ich, hatte er fast jede Touristin rumgekriegt.
Am nächsten Morgen mussten wir abreisen, da Rita Laurent folgen wollte. Er war nach Alanya gefahren. Ich wollte eigentlich nicht, wollte meine Freundin aber nicht hängen lassen. Sakir war sehr traurig, ich glaube, er weinte sogar. Ich versuchte ihn in der Küche zu trösten. Wir tauschten Adressen und Telefonnummern aus und gaben uns ein Abschiedsbussi.
In Deutschland wieder angekommen, klingelte noch am gleichen Tag das Telefon. Er war es. Die Verbindung war sehr schlecht, aber ich war happy. Irgendetwas war zwischen uns. Ich wusste noch nicht, was es war und konnte es noch nicht einordnen. Ich war mir nur sicher, dass ich ihn wiedersehen wollte. Ich beschloss, alleine noch einmal in die Türkei zu fliegen und buchte zwei Monate später einen Flug für drei Wochen.

Als ich im Flugzeug saß, übermannte mich die Angst. Was, wenn er mich in Antalya nicht abholte? Wenn ich dann alleine in der Türkei war? Was sollte ich dann tun? Ich vertraute mich einem netten älteren Ehepaar an, das neben mir im Flugzeug saß und versuchte mich zu entspannen.
Meine Ängste waren unbegründet. Er war da und wartete auf mich am Flughafenausgang. Er trug eine dunkelblaue Jacke und Jeans. Die Begrüßung war etwas unbeholfen und wir gaben uns nur die Hand. Dann fuhren wir in ein Hotel in Antalya. Es war alles sehr romantisch. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Bus nach Anamur in die Pension Dedehan. Wir hatten unsere erste gemeinsame Nacht zusammen verbracht.
Am Anfang dachte ich noch, es wäre die falsche Entscheidung gewesen, noch einmal in die Türkei zu reisen. Ich stand einmal auf dem Balkon und dachte: Was mache ich hier eigentlich?
Aber das änderte sich schnell. Es entwickelte sich schnell eine innige Vertrautheit zwischen uns, dass ich das Gefühl hatte, wir würden uns schon Jahre kennen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit zusammen. Ich fühlte mich gut mit ihm. Bald lernte ich auch seine Familie kennen, die mich sehr herzlich aufnahm. Seine Mutter war, wie bei mir, gestorben als er dreizehn war. Vielleicht hat uns das Schicksal deswegen zusammengebracht, weil wir das Gleiche erlebt haben. Er hatte noch seinen Vater, eine Schwester, drei Halbschwestern, eine Stiefmutter und diverse Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen.
Ich fand es auch gut, dass er bügeln konnte, putzte und kochte. Fähigkeiten, die für einen türkischen Mann eher ungewöhnlich waren.
Am Valentinstag 1995 fuhren wir mit seinem Motorrad zu einer Höhle. Die Höhle war verschlossen und wir kletterten durch ein Loch im Gitter des Eingangsbereiches hinein. Wir waren richtig verliebt ineinander. Ich muss bis heute an jedem Valentinstag daran denken.
Doch bald hieß es Abschied nehmen. Die drei Wochen waren schnell vorbei. Es fiel mir schwer, wieder nach Deutschland zurückzukehren, aber ich hatte die Sonne und das Glück im Gepäck.
In Lübeck wieder angekommen, schrieb ich in mein Tagebuch:

„Sonne, Meer, Palmen und ein Wind,
der behutsam meine Haut streichelt.
Ich habe dich gefunden.
Ich möchte eintauchen in die Unendlichkeit der Gefühle.
Mit Dir. Wegen Dir.
Du Du Du. Immer nur Du.
Du bist in meinen Gedanken jederzeit.
Du bist das Blut, das in meinen Adern pulsiert.
Du bist die Energie, die mich vorwärts treibt.
Ich möchte Dir niemals wehtun und tue ich es doch, bitte entschuldige.
Ich möchte Dich niemals verlieren,
denn ich liebe dich.“

Die Erinnerung an die Zeit in der Türkei, half mir, den Alltag in Deutschland zu überstehen. Ich sparte mein ganzes Geld zusammen und flog im Sommer wieder hin. Diesmal für einen Monat. Es wurde ein toller Sommer. Heiße Tage und Nächte bestimmten unser Zusammensein. Sakir musste zwar nebenbei noch in der Pension arbeiten, hatte aber auch Zeit für mich. In der Zwischenzeit wartete ich auf ihn im Aufenthaltsraum der Pension und lauschte den türkischen Pophits, die aus dem Fernseher erklangen. All die türkischen Männer um mich herum unterhielten sich und lachten. Ich verstand nichts davon. Oft ging ich auch alleine an den Strand. Eigentlich taten wir immer das, worauf wir Lust hatten. Wir schliefen, wann uns danach war, gingen lecker türkisch essen oder im Meer schwimmen. Es war herrlich!
Ich mochte auch sofort die Leute dort. Die Türken sind sehr herzlich und nehmen einen so an wie man ist. In der Türkei fühlte ich mich gut. Ich lernte die ersten Wörter Türkisch.
Wieder in Deutschland angekommen, musste ich endgültig die elterliche Wohnung verlassen. Mein Vater war froh, den Hausstand endlich komplett auflösen zu können und wollte mich aus der Wohnung haben. Für mich war es ein Desaster. Ich hatte alles verloren. Meine Wohnung, mein Zuhause, meine Heimat.
Widerwillig zog ich in eine WG in der Innenstadt. Diese musste allerdings erstmal komplett renoviert werden, weil die Vorbewohner wilde Partys dort gefeiert hatten. Aber ich war trotzdem froh, als ich zum ersten Mal mein Zimmer bezog. Ich richtete mich, so gut es ging, häuslich ein und versuchte mich, an das WG-Leben zu gewöhnen. Mit einer WG-Bewohnerin verstand ich mich von Anfang an besonders gut. Sie hieß Sonja. Sie war Kindergärtnerin in einem Waldorfkindergarten. Zudem wohnte noch ein Arbeitsloser in der WG, der aber nichts anderes tat als den ganzen Tag Kaffee zu trinken und zu rauchen.
Obwohl ich so eine nette WG-Mitbewohnerin und eine neue Bleibe gefunden hatte, fühlte ich mich haltlos in Deutschland. Meine Schwester war in München und meine Freundin Tanja aus der Schulzeit studierte in einer anderen Stadt. Sonst hatte ich nur Rita. Ich telefonierte so oft es ging mit Sakir. Einmal sogar vier Stunden lang. Diese Telefonate hielten mich aufrecht. Ich bekam einmal die goldende Telekomkarte zugeschickt, weil ich eine Telefonrechnung von über 1300 D-Mark hatte. Diese Karte erhielt man damals bei hohen Telefongebühren. Zu dieser Zeit arbeitete ich schon wieder. Handys hatten wir damals noch nicht.
Ich flog im Herbst wieder in die Türkei. Wir fuhren mit dem Schiff rüber nach Zypern, denn Anamur liegt direkt gegenüber von Zypern. Auf dem Schiff wurde mir sehr schlecht, denn es war starker Wellengang am Meer. Auch dieser Urlaub wurde unvergesslich.
Wieder in Deutschland zurück begann ich meine zweite Stelle als MTA in der Pathologie des Universitätsklinikums Lübeck. Es folgte eine harte Bewährungsprobe für unsere Beziehung. Ich hatte Probezeit und bekam ein halbes Jahr lang keinen Urlaub. Somit konnte ich nicht in die Türkei fliegen. Er konnte nicht nach Deutschland kommen, da er noch nicht beim Militär war.Zum Glück gab es das Telefon. Ich war ständig krank und konnte oft nicht arbeiten gehen, trotzdem überstand ich irgendwie die Probezeit und konnte wieder zu Sakir fliegen. Dieses Mal nahm ich Sonja mit in die Türkei. Wir verstanden uns auch zu dritt prima und hatten Spaß zusammen. Wir machten gemeinsam Ausflüge oder gingen ans Meer.
Wieder in Deutschland zurück, gab es Stress mit dem anderen WG-Bewohner und ich musste die WG verlassen. Mein ganzes Leben war wieder wie ein Kartenhäuschen zusammengefallen und wieder musste ich bei Null anfangen. Ich fand eine kleine gemütliche Einzimmerwohnung und zog dort ein. Ich war mächtig stolz. Meine erste eigene Wohnung. Ich hatte zwar nur eine Matratze auf dem Boden, einen Tisch plus zwei Stühle und einen Schrank, aber das störte mich nicht weiter. Ich ging arbeiten und telefonierte regelmäßig mit Sakir. Doch so konnte es trotzdem nicht weitergehen. Diese Fernbeziehung wurde immer schwieriger für uns. Sakir meinte, dass wir heiraten sollten. Ich bekam erstmal Muffensausen. War ich schon soweit? Konnte das überhaupt gut gehen? Ich kannte ihn ja nur aus Urlauben. Wie würde der Alltag aussehen? Ich überlegte ein halbes Jahr lang und flog dazu auch noch einmal in die Türkei.
Wir fuhren diesmal nach Kappadokien. Es liegt in der Zentraltürkei. Wir kamen abends an und als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaute, bot sich mir ein gigantischer Ausblick. Kappadokien besteht aus kegelförmigen Gesteinsformationen, sie sehen aus wie „Schlumpfhäuschen“, finde ich. Ich dachte, ich bin auf einem anderen Stern.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-95840-776-3
Erscheinungsdatum: 18.02.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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