... spürbar anders!?

... spürbar anders!?

Christoph Weinmann


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-99130-170-7
Erscheinungsdatum: 13.12.2022
Jungen haben hart und wild zu sein. Was ist aber, wenn sie hochsensibel sind? Wie geht man mit ihnen um? Wie sollte überhaupt die Erziehung eines Jungen aussehen? Diesen Fragen und noch viel mehr geht Christoph Weinmann in seinem Buch „… spürbar anders“ nach.
Vorwort


Erst nach mehr als sechs Lebens-Jahrzehnten hat sich mir persönlich das Thema Hochsensibilität eröffnet oder hat es mich gefunden? Und zwar unspektakulär durch eine einfühlsam und offen gestellte Frage einer mir schon lange bekannten Vertrauensperson: „Kann es sein, dass Sie hochsensibel sind?“ Zunächst war ich leicht irritiert durch die scheinbar so simple Frage. Doch nach Erkennen der Ernsthaftigkeit, Tiefe der Hintergründe plus anschließender, stundenlanger Internet-Recherche: Völlig perplex und tief getroffen durch die beinah hundertprozentige Bestätigung konnte ich danach für mich antworten: „Ja, ich bin hochsensibel!“

Und erst sehr viel später, nach Lektüre von fast aller Fachpublikationen und Selbst-Beschreibungen hochsensibler Menschen, hat sich langsam, aber sicher auch eine Erleichterung in mir breitgemacht. Dazu kam die befreiende Erkenntnis: Die bislang verborgene, ganz und gar unbewusste Veranlagung bedeutet nicht nur Fluch und Bürde, sondern gleichzeitig auch Segen und „Geschenk“. Nicht von ungefähr kam diese entscheidende Frage, die mir viele Türen geöffnet hat, von einer ausgesprochen empathischen Person: Sie konnte mir nicht nur aufgrund ihrer Menschenkenntnis und Profession diese einfache Frage stellen, sondern weil sie sich auch selbst als hochsensibles Wesen erlebt. Heute kann ich dieser Selbsterkenntnis „Ja, ich bin hochsensibel!“ mit voller Überzeugung den kleinen Zusatz anfügen: „… und das ist auch gut so!“

Seither erscheint mir mit dem „Blick durch die hochsensible Brille“ tatsächlich vieles klarer, logischer und verständlicher. Nicht nur meine eigene Biografie bekam eine neue Bewertung und Belichtung, mit besonderen, anderen Schattierungen. Kurzzeitig verspürte ich den Impuls, das Bedürfnis, meine Geschichte ganz und gar umschreiben zu müssen. Auch mein Blick auf einzelne Menschen, auf die unterschiedlichen, persönlichen oder beruflichen Lebenssituationen, auf mein all-tägliches Tun und sogar mein Blick aufs Große und Ganze veränderten sich damit von Grund auf.

Die näher rückende Beendigung meiner offiziellen Berufstätigkeit und der Eintritt in die Altersrente haben mich dann ermutigt, aktiv zu werden und mich genau diesem Thema intensiver zu widmen. Mit dem Hintergrund meiner vielfältigen beruflichen Erfahrungen im Bereich Kinderschutz gründete ich 2018 Grashalm, meine Praxis für Coaching bei Hochsensibilität. Dies auch mit der Hoffnung verknüpft, das Thema mehr in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen und Erwachsene und Kinder im Umgang mit ihrer ausgeprägten Sensibilität begleiten und unterstützen zu können.

In den persönlichen Gesprächen, den vielen Coaching-Gesprächen und Workshops an Volkshochschulen und Familienbildungsstätten, die ich seither durchgeführt habe, erfahre ich das Thema nochmals in einer großen Vielfalt, ebenso die sehr persönlichen Vor- und Nachteile, die mit der Hochsensibilität verbunden sind. Im direkten Kontakt und Austausch mit hunderten hochsensiblen Frauen und Männern, Müttern und Vätern hochsensibler Kinder und vielen Jugendlichen habe ich erkannt: Das ist genau das Thema, das auf mich gewartet hat.

Die geschilderten Erfahrungen der Frauen, Männer, Jungen und Mädchen lassen mich immer wieder zugleich erstaunt, nachdenklich und inspiriert zurück. Selbst Ältere, während des Krieges geboren, setzen sich offen mit ihrer ganz persönlichen Empfindsamkeit auseinander. So zum Beispiel eine Frau, die ihre zeitlebens auffällige Schreckhaftigkeit bei stark sirenenartigen Tönen mit ihrer persönlichen Geschichte erklärt. Sie hatte als Kind häufig Fliegeralarme miterlebt und möglicherweise haben sich durch ihre Hochsensibilität tatsächlich solche einschneidenden Kriegserfahrungen „traumatischer“ nachhaltig ausgewirkt. Eine andere Frau, weit im Rentenalter, benannte in einer großen Vortragsrunde freimütig und öffentlich: „Hochsensibilität ist für mich heute ein Geschenk!“

Besonders beeindruckt haben mich aber auch immer wieder Eltern, überaus engagierte optimistische, aber auch verzweifelte und überforderte Mütter und Väter, die zum Teil schon lang um die besondere Empfindsamkeit ihrer Kinder wissen. Das sind Eltern, die in ihren eigenen Familien und dann in Kindertageseinrichtungen sowie Schulen sehr häufig auf verblüffende Unkenntnis und mangelndes Verständnis stoßen, womit sie schwer zu kämpfen haben.

Aufgrund all dieser Erfahrungen beschäftigen mich deshalb folgende Fragestellungen, die zu diesem Buch ausschlaggebend waren:
- Was sind die spezifischen Potenziale, was die besonderen Herausforderungen hochsensibler Männer und Jungen und deren Eltern?
- Verschiedene Untersuchungen belegen, dass etwa 15 % der Menschen hochsensibel veranlagt sind, unabhängig von Alter, Geschlecht, Ethnie oder Kultur. Frage: Wo sind all die hochsensiblen Männer und Väter?
- Was braucht es, um all die privaten und professionellen Begleitpersonen hochsensibler Jungen (und Mädchen in der Familie, in der Tagesbetreuung, in der Schule, in der Pädagogik und Medizin) für die kindliche Sensitivität und ihre spezifischen Besonderheiten sensibilisieren zu können?
- Wie kann das System Schule dem Thema wirklich angemessen und gerecht werden?
- Und nicht zuletzt: Wo und wie wird der geschlechts-spezifische Diskurs über das Zusammenspiel von Hochsensibilität und Männlichkeit geführt?
Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, ist in erster Linie auch eine Herzens-Angelegenheit von mir und offensichtlich auch ein Stück persönlicher Pionier-Arbeit. Wie es mir scheint, ist sowohl in der privaten als auch in der öffentlichen Auseinandersetzung die spezielle Kombination menschliche Sensitivität und männliche Identitätsentwicklung nicht gerade ein besonders beachtetes bzw. viel beschriebenes Phänomen.

Darüber hinaus ist es für mich auch eine Art Versöhnungsarbeit: mit meiner eigenen Geschichte, mit meiner lebenslangen, zuweilen scheinbar vergeblichen, Suche nach dem Bild von Mann, dem ich entsprechen wollte, oder sollte. Meine Suche nach der individuellen Männlichkeit, die meinem Wesen, meinem Naturell am besten entspricht. Gerade beim Auseinanderklaffen zwischen dem Selbstbild als Mann und den Erwartungen von außen, wie Männlichkeit zu sein hat, entsteht dieses ganz persönliche Thema, auf das wir hier immer wieder zurückkommen werden.

Hierbei geht es für mich, vielleicht ja auch meinen Lesern und Leserinnen, immer wieder auch um den Blick zurück, auf den eigenen, leibhaftigen Vater und wiederum auf dessen Vater. Sowie der Blick nach vorne: auf die eigenen Söhne, deren Altersgenossen und dann wiederum deren Söhne und Töchter.

Daraus resultiert dann die nicht zu vernachlässigende große Frage für mich: Was brauchen kleine wie große Jungs – von Müttern und Frauen? Und vor allem an dieser Stelle: Was brauchen Jungen von den Vätern und Männern, damit sie eine ganz natürliche, gesunde und normale Männlichkeit entwickeln können?

Eine Männlichkeit, die sich weder als behindernd noch destruktiv erweist, sondern sich in all ihrer Natürlichkeit, Vitalität und Lebendigkeit zeigt und auswirkt? Eine Männlichkeit, die im wohlmeinenden, liebevollen Dialog mit sich selbst und anderen Männern/Frauen produktive, bereichernde und letztendlich erfüllende Beziehungs-/und Lebenserfahrungen möglich werden lässt?



Einleitung


Zu Beginn begeben wir uns auf die Suche nach dem Kind im Mann, wie es so schön heißt, wenn ein reifer Mann sich kindlich-spielerisch zeigt, sowie nach männlichen Modellen. Dabei werden sowohl vorgeburtliche Aspekte berücksichtigt, die kindliche Sprachentwicklung sowie Themen, die schon für ein Baby männlichen Geschlechts bedeutsam sind. Gleichfalls werden die immense und auch lebenslange Bedeutsamkeit und Prägung mütterlicher wie väterlicher Präsenz, Aufmerksamkeit und Pflege hervorgehoben.

Im Anschluss wird das spezifisch Weibliche und ihre Bedeutung für die Entwicklung zum Mann-Sein erörtert. Dabei geht es nicht nur um die weiblichen Aspekte der eigenen Mutter, sondern auch aller anderen weiblichen Bezugspersonen. Dabei bekommen die Intensität und Qualität der immer einzigartigen Mutter-Sohn-Bindung besondere Aufmerksamkeit. Dies, zumal sie erfahrungsgemäß lebenslang ein wichtiges Thema der Männer bleiben wird, und zwar sowohl im positiven wie negativen Sinne.

Im dritten Teil geht es um die allgemein gültigen Mythen und die starren Rollen- und Leitbilder von Männlichkeit, wie sie sowohl persönlich-privat als auch öffentlich vertreten werden und wirksam sind. Der männliche Körper mit all seinen Facetten weist uns immer wieder darauf hin, was sich gut anfühlt und wo etwas schiefläuft. Besonders auffällig hierbei ist, dass Jungen bei fast allen Kinderkrankheiten deutlich überrepräsentiert sind, was für sich bereits eine eindeutige, klare Sprache spricht. Die Frage, an welchen männlichen Prinzipien und Realitäten sich jeder Junge im Laufe seiner Kindheit und Jugend orientiert und ausrichtet, ist nicht nur Zufall und festgeschrieben, sondern durchaus positiv zu beeinflussen. Es wird schon hier mehr als deutlich, dass die Präsenz väterlicher bzw. männlicher Bezugspersonen für jeden Jungen absolute Grundvoraussetzung dafür ist, für sich ein stabiles und vor allem gesundes männliches Selbstbild entwickeln zu können.

Der nächste Abschnitt behandelt zunächst das Phänomen der Hochsensibilität im Allgemeinen, welche wissenschaftlichen Disziplinen sich damit beschäftigen sowie ihre typischen Merkmale und die sehr spezifischen damit verknüpften Vor- und Nachteile.

Im ersten Hauptteil wird versucht, das gesamte Potenzial sensibler Männlichkeit verschiedener Ebenen aufzufächern. Es werden die unterschiedlichen Stärken und Vorzüge der Hochsensibilität beschrieben, um damit auch die ganze Bandbreite, Faszination und Begeisterung, die in diesen Menschen steckt, besser verstehen zu können. Im Anschluss daran wird mit einer Vielzahl praktischer Beispiele die ganze Palette konkreter Handicaps, Widersprüche und spezieller Schwierigkeiten hochsensibler Jungen und Männer aufgezeigt. Gleichfalls wird erörtert, wie sie damit konstruktiv umgehen und zurechtkommen können.

Anschließend werden die vielfältigen Aufgaben des Mutter- und Vater-Seins erörtert, um vor allem die tatsächliche Herkulesaufgabe aller Eltern anzuerkennen und zu würdigen. Es soll gerade angesichts all der schwierigen Herausforderungen allen Eltern Inspiration, Vertrauen und Geduld vermitteln, sich den vielfältigen Situationen und Verantwortlichkeiten mutig zu stellen. Ausgehend von einer förderlichen liebevollen Grundhaltung werden verschiedene Aspekte der Elternschaft besprochen und wie Mütter und Väter, eben auch als „Eltern-Team“, das Wohlergehen ihrer Kinder zufriedenstellend gestalten und fördern können. Es wird gefragt, was hilft konkret hochsensiblen Kinder und ihren Geschwistern. Nicht zuletzt: Welche praktischen Strategien können Eltern darin unterstützen, um konfliktreiche Situationen und Probleme gut zu meistern. Und um an den großen und kleinen Herausforderungen gemeinsam zu wachsen und gestärkt daraus hervorzugehen.

Im letzten Teil werden konkrete Eigenschaften und Merkmale einer sensibel geprägten Männlichkeit ausgeführt und behandelt. Es wird versucht, ein Mann-Sein zu beschreiben, wie ein gelingendes Leben im eigenen männlichen Jetzt und Hier gestaltet werden kann. Darüber hinaus werden auch konkret praktische Ansätze von „Männer-Bildern“ beschrieben, als realistische Möglichkeiten, die sich alles andere als nur utopisch, idealistisch oder fantastisch anmuten.

Meine „visionären Blüten sensitiver Männlichkeit“ sind der Versuch, Optionen aufzuzeigen, die Hoffnung, Mut und Inspiration erwecken. Selbst wenn sich bestimmte Ideen, Konzepte zunächst noch als fremd, kühn oder traumhaft anhören, ist es doch möglich an ihre künftige Verwirklichung zu glauben und an ihrer Intention und Gestaltungskraft festzuhalten. Konkret greifbare Visionen sind im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen absolut wesentlich und essenziell, weil wir unsere wichtigen Lebens-Entscheidungen immer auch – bewusst oder unbewusst – an ihnen ausrichten.

Nicht zuletzt möchte ich aufzeigen und begründen, dass es sich auf jeden Fall lohnt, gerade auch den Abgründen menschlicher und gesellschaftlicher Natur mutig zu begegnen und ihnen eine aktive, lebensbejahende Haltung verbunden mit gesunden Handlungsoptionen entgegenzusetzen.

So verstehe ich meine hier vorgestellte Vision als bescheidenen Beitrag für eine Praxis im privaten Alltag, beim sozialen Miteinander und in einer Welt, die sich freundlicher und friedlicher gestalten lässt.

In der hier vorliegenden Diskussion sind unverkennbar auch sehr persönliche Erlebnisse enthalten. Ebenso sind meine vielfältigen beruflichen Praxis-Erfahrungen im persönlichen Kontakt mit unzähligen Jungen und Mädchen, Kindern und Jugendlichen, Müttern und Vätern, Männern und Frauen eingeflossen. Meine lebenslange, reiche Lektüre an Printmedien, wie Literatur, Belletristik und Fachpublikationen, ist dabei quasi der theoretische Hintergrund meiner Überlegungen und Ausführungen.

Selbstverständlich sind alle konkreten Praxisbeispiele vollkommen authentisch und real. Sie sind ausschließlich direkt mit-/erlebten oder vertrauensvoll geschilderten Situationen entnommen. Die Namen und die Familienkonstellation wurden jedoch jeweils insoweit anonymisiert, dass die Beteiligten ausreichend geschützt sind. Alles sind beispielhafte Situationen, die sich so oder ähnlich täglich wiederfinden.




Teil eins
Das Kind im Manne


Kapitel eins
Vom Säugling zum kleinen Jungen

Das Erste, was die Eltern nach der Geburt bewegt: Junge oder Mädchen? Gesund? Der kleine Unterschied im Geschlecht wird sehr wohl sekundenschnell wahrgenommen und ist ja nicht von ungefähr außerordentlich bedeutsam für die nächsten Jahre, fürs ganze Leben.

Die ersten staunenden Besucherblicke in die Wiege sind oft verbunden mit der entscheidenden Frage: Junge oder Mädchen? Schon zu Beginn werden riesengroße Erwartungen (nicht nur von den Eltern und Großeltern) entweder ganz und gar erfüllt oder zutiefst enttäuscht: „nur“ ein Mädchen/Junge!

In den ersten Wochen und Monaten stehen naturgemäß die körperliche Versorgung und Pflege ganz im Vordergrund. Mit der zunehmenden Sprachentwicklung des Kindes wird die Kommunikation mit den Bezugspersonen jedoch ständig ausgeweitet und auch die individuelle Entwicklung des Kindes mit angeregt und unterstützt.

Der Erwerb der eigenen Sprache und damit der Fähigkeit, sich mitteilen und verständigen zu können, ist eine hochkomplexe
Angelegenheit und beginnt schon eine Woche nach der Befruchtung: Zu diesem Zeitpunkt bilden sich erste Ansätze der Ohren. Und bereits nach knapp weiteren fünf Monaten sind die Ohren des Fötus vollständig ausgebildet!

Der Neugeborene ist somit bereits in der Lage, die vielen Personen zu unterscheiden und die Stimme seiner Mutter zu erkennen.

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