Cover: Selber retten macht stark

Selber retten macht stark


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-7116-1918-1
Erscheinungsdatum: 18.08.2026
Wie viel Wut kann ein Mensch ertragen, bevor er daran zerbricht? Dieses Buch erzählt von sieben Jahren zwischen Opferrolle, Schmerz und Selbstfindung – und von der Erkenntnis, dass wahre Stärke darin liegt, sich selbst zu retten.
Teil 1
Wie ich erkannte, dass ich mich als Opfer fühle


März 2015

Ich fand Michael auf Anhieb sympathisch. Mehr nicht. Ich hatte gerade eine Schwangerschaft voller Übelkeit, ein echtes Stilldrama sowie ein schwieriges Beziehungsende hinter mir. Ich wollte nur frei sein und Spaß haben. Wir haben uns ein paar Mal verabredet, weil ich froh war, jemand Sympathisches zum Fortgehen zu haben.
Völlig unerwartet für mich hat es nach ein paar Dates auf einmal vollkommen eingeschlagen. Die Gefühle wurden innerhalb weniger Tage sehr intensiv – zu intensiv! Ich bekam Panik. Sie schlug über mir zusammen wie ein zehn Meter hoher Tsunami. Innerhalb weniger Minuten kam mir alles, was ich eben noch empfunden hatte, wie eine Lüge vor, ich konnte nichts mehr von der überwältigenden Liebe spüren. Nach der Panik kam die völlige Ernüchterung. Die Enttäuschung und die Leere.
Dann kamen die Fragen: Hatte ich mir alles eingebildet? Es fühlte sich so an, aber irgendwie wollte ich nicht daran glauben. Alles fühlte sich falsch an. Ich fühlte mich vollkommen hingespuckt, einsam, isoliert, in einer feindlichen Welt. Ich fühlte mich vor allem so verlassen, dass keine Gesellschaft dies wieder hätte aufwiegen können. Ich sprach mit ihm darüber. Ich denke, dass er ebenfalls aus allen Wolken fiel. Gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass meine Panik dazu geführt hatte, dass ich die Liebe irgendwo weggepackt, mich irgendwie verschlossen habe. Er meinte, er könnte unsere Verbindung nach wie vor deutlich spüren. Ich fühlte mich so verlassen und hilflos, dass ich einfach auf sein Gefühl hören wollte. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts mehr wahrnehmen – keine innere Stimme, höhere Führung, Intuition oder wie man das auch nennen möchte.
Ich versuchte, diesem verlorenen Gefühl wieder auf die Spur zu kommen, aber ich war mir nicht sicher, ob es noch existierte. Ich empfand eine Art Mangel. Mir fehlte die Liebe zu ihm, ich fühlte mich irgendwie schuldig, unfähig deswegen, fehlerhaft, als würde mit mir etwas sehr Wichtiges nicht stimmen. Wir versuchten gemeinsam, diese Liebe wieder zu beleben und es gab durchaus gewisse Hochphasen, die jedoch jedes Mal an Intensität abnahmen. Irgendwann fing ich dann an, die Hoffnung darauf, dass diese Liebe für mich noch irgendwo in diesem Universum existiert, zu verlieren.
Je mehr ich mich ablehnte, desto stärker wallte meine Aggression auf. Ich war gegen alles. Ich wollte nur noch alleine sein und in Ruhe gelassen werden. Ich wollte endlich so sein dürfen, wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten. Und halt auch damit, dass ich ihn nicht lieben konnte. Und ich muss sagen, die Wut habe ich in dieser Phase exzessiv ausgelebt. Alles, was nicht so war, wie ich es wollte, musste aus meinem Leben und insbesondere meiner Wohnung weichen. Er lässt ein paar seiner Sachen bei mir – ich trenne mich von ihm und schmeiße ihm seinen Krempel hinterher. Er macht eine Anmerkung, dass ich den Kinderstuhl besser an einen anderen Ort stellen sollte, ich sage ihm sehr deutlich und relativ laut, dass er sich nicht in meine Angelegenheiten einmischen soll. Alle Menschen, die zu dieser Zeit das Pech hatten, mir irgendwo in die Quere zu kommen, haben ganz schön was kassiert. Ich wollte einfach damit aufhören, es irgendwem recht machen zu müssen. Ich wollte auch nicht mehr kritisiert werden. Ich wollte keine Verbesserungsvorschläge. Ich wusste ja nicht mehr, wer ich war. Mein ganzes Leben habe ich versucht, jemand anderes zu sein, und alles so zu machen, wie andere das von mir verlangten oder erwarteten. Ich habe mir die Kritiken und die Erwartungen der anderen dermaßen angeeignet, dass sie schon alleine in meinem Kopf herumgeisterten. Ich wusste ja überhaupt nicht mehr, wo ich zwischen all den Stimmen noch war. Ich hatte mich irgendwie verloren. Und kurz vor der Trennung vom Papa meiner Tochter hat sich mein kleines eingeschüchtertes Selbst in eine erbarmungslose Kriegerin mit einem Flammenschwert verwandelt. Ich konnte die Situation einfach nicht mehr aushalten. Ich konnte und wollte es NIEMANDEM mehr recht machen, es war mir nicht mehr möglich, Kritik zu ertragen. Ich musste mit einer unerschöpflichen Aggression das im Außen vernichten, was mich innerlich so viele Jahre unterjocht hatte.
Ich gebe zu, ich dachte, diese Wut wäre mein wahres Ich. Ein Ich, das sich nicht mehr verstecken und so tun wollte, als sei es ein süßes liebenswertes Häschen. Es war mir lieber, diese Aggression zu sein, ein völlig unerträglicher Mensch, als weiterhin alles an mir abzulehnen, weil es nicht den Erwartungen anderer entsprach.
Ich hatte das Glück, zu diesem Zeitpunkt zu einer Lebensberaterin zu kommen, die mir sehr durch diese schwierige Phase geholfen hat. Sie hat mir gesagt, dass Aggression nicht grundsätzlich etwas Negatives wäre, sondern dass ich sie benötigte, um mir den wichtigen Freiraum im Leben zu schaffen. Ich fragte mich oft, ob es wirklich vertretbar ist, mich so zu verhalten, aber ich konnte ohnehin nicht anders. Dieser Freiheitskampf, der sowohl innerlich als im Außen stattfand, kostete mich sehr viel Energie. Ich schaffte kaum, meinen Alltag mit meinem Baby hinzubekommen, obwohl ich erst gegen Ende dieser Phase wieder zu arbeiten anfing.
Mein Partner war die ganze Zeit über sehr verständnisvoll – zu verständnisvoll! Mit seiner „salbungsvollen“ Pseudo-Mutter-Theresa-Nummer hat er mich mehrfach zur Weißglut getrieben. Er war so herablassend in seiner überheblichen Vorstellung davon, dass ich armes verirrtes Reh alles, was ich brauchte, um meine schlimmen Tage hinter mir zu lassen, von ihm lernen könnte – würg! Ich habe mich wieder einmal von ihm getrennt – in dieser Phase passierte das relativ häufig. Ich würde sagen, so einmal im Monat, weil ich das Gefühl hatte, dass ich, wenn wir zusammenbleiben, entweder ihn oder mich in ein verfrühtes Grab bringen würde. Einmal habe ich mich auch von ihm getrennt, weil ich es hasste, so aggressiv zu ihm zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass er meine Aggression erst so richtig anfacht, dass sie speziell für ihn heller lodert als jede Supernova.
Das Problem war hier, dass er trotz meiner Wut – die ja in dieser Phase von mir dafür verwendet wurde, um mir den nötigen Freiraum zu verschaffen – einfach stur an meiner Seite blieb und völlig nervtötend lächelnd mit Jesus ähnlich geöffneten Armen herumlief (ich denke da an die Statue in Rio de Janeiro …) und sich wahrscheinlich fühlte, wie der Messias höchstpersönlich, der vom Himmel herabgestiegen ist, um mich mit seiner Liebe zu erretten. Aaaaahhh! Ich meine, wenn ich aggressiv werde, weil ich Abstand brauche, dann BRAUCHE ICH NUR ABSTAND. Keinen selbstverliebten Möchtegern-Messias. Er dachte, es wäre ein Ausdruck von Liebe, wenn er alles Wüten, Wegstoßen und Davonrennen aussitzt, nicht von meiner Seite weicht und mich mit Liebe überschüttet. Ich habe mich ja selbst wie eine Missetäterin gefühlt. Ich dachte, ich darf diese Aggression in einer Beziehung nicht leben, aber so wie ich grad drauf war, habe ich – heute sage ich gottseidank – nur mit Aggression darauf reagiert.
Glücklicherweise war er auch bei derselben Lebensberaterin wie ich, und hat auf ihren Rat gehört (DANKE!!). Der Rat war so einfach, dass man schon 65 Euro dafür hinblättern muss, um ihn zu verstehen: Wenn Claudia Abstand will und aggressiv wird, gib ihr Abstand. (Ich meine, nicht, dass ich ihm vorher nicht exakt das Gleiche gesagt hätte …)
Mit der Zeit bekam ich eine andere Einstellung zu dieser Aggression. Ich fing an, sie als eine Art Stärke zu fühlen. Das war hilfreich für mich, dennoch konnte ich nicht ewig wütend bleiben. Die Aggression war ja dafür da, mir selbst zu erlauben, so zu sein, wie ich bin. Das Verhalten meines Partners fachte meine Aggression ja sehr an und ich suchte den Fehler hauptsächlich bei mir. Ich fühlte mich fehlerhaft. Ich fühlte mich schuldig. Und er schien diese Ansicht zu unterstützen. Das wiederum machte mich wütend. Ein Teufelskreis.

Ich wusste nicht mehr weiter. Und wie das bei mir so ist, arbeiten Themen, die mich sehr beschäftigen, 24 Stunden am Tag in mir – bewusst, unbewusst und in Träumen. Deswegen hatte ich wahrscheinlich dieses große Bedürfnis, mir dieses Gedankenwirrwarr aus dem Kopf zu schreiben, damit ich es ordnen und aus einer sicheren Distanz heraus betrachten und analysieren kann. Wenn ich nämlich irgendwann die Erkenntnisse gewonnen habe, die mir das Gefühl geben, dass das Thema gelöst ist, dann kann ich aufatmen und es kehrt – zumindest in diesem Bereich – endlich Ruhe ein. Bis irgendetwas das Thema wieder aktiviert und dann geht es weiter :0). Aber sind wir nicht inkarniert, um zu lernen? Das schreibe ich mit einem Seufzer und einem Lächeln, weil es manchmal schwer ist, das anzunehmen, ich aber gleichzeitig ganz deutlich sehe, dass es einfach mein Weg ist.
Die Frage, was denn nun dieser anstrengenden Dynamik in meiner Beziehung zugrunde lag, ließ mich also nicht los. Und was ich oft mache, wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, ist, andere Menschen zu beobachten. Und so kam es, dass mir ein befreundetes Pärchen unwissentlich zur Hilfe kam. Die Beziehung dieser beiden schien nämlich eine durchaus vergleichbare Dynamik aufzuweisen, wie meine eigene. Auch wenn die Ähnlichkeit gar nicht so offensichtlich war. Ich ging diesem Gefühl nach und stieß auf Gold. Allerdings würde der enorme Wert der daraus gewonnenen Erkenntnisse erst einige Zeit später anfangen, sichtbar zu werden.



Das Opfer und der Schuldige


Mai 2015

Es begann damit, dass ich erkannte, dass Michael und ich zwei sehr gegensätzliche Rollen in unserer Beziehung einnehmen, und ebendieses befreundete Pärchen schien ähnlich zu funktionieren – nur in umgekehrter Besetzung. Also der Mann entspricht meiner Position. Ich kann da zwei sehr deutliche Pole ausmachen. Der eine (in dem Fall ich) tut sich schwer damit, Liebe zu fühlen und braucht immer wieder Abstand zum Partner, um sich selbst zu spüren. Der andere scheint sehr intensive Liebe und auch eine starke Bindung zu fühlen. Diese Seite ist die, die klammert und ihrem Gegenüber die Luft zum Atmen nimmt.
Also habe ich das Ganze bei meinen Bekannten ein bisschen beobachtet und – es ist ja immer leichter, bei anderen etwas zu erkennen als bei sich selbst – Folgendes festgestellt: Beide haben Angst, verlassen zu werden, wobei der Mann das so ausdrückt, dass er sich zurückzieht. Er versucht einerseits, sich zu beweisen, dass er die Partnerin nicht braucht, und andererseits stellt er damit die Liebe immer wieder auf die Probe. Indem ihn seine Partnerin trotz seiner Distanz nicht verlässt, nimmt sie ihm ein bisschen von seiner Trennungsangst. Die Vertreterin des gegensätzlichen Pols klammert, um ihrer Verlassensangst zu begegnen. Weiters sind sich beide in einem Punkt einig: ER ist schuld daran, dass die Beziehung nicht harmonisch verläuft. SIE ist das Opfer. Sie verurteilt ihn, er verurteilt sich, er lehnt sein Verhalten ab, kann aber trotzdem den inneren Drang nicht besiegen, dieses Verhalten weiterhin an den Tag zu legen. Warum? Weil beide hier lernen müssen, dass er nicht schuld und sie nicht das Opfer ist, denke ich. Er darf andere Bedürfnisse haben, als seine Partnerin. Solange er das nicht begreift und nicht beginnt, dafür zu kämpfen, dass er er selbst sein darf, stecken sie wohl fest. Seit mittlerweile drei Jahren führen sie eine sehr qualvolle Beziehung. Er versucht, sich zu verbiegen, wie es nur irgendwie geht, und leidet dabei fürchterlich, weil er gegen seinen inneren Wunsch, er selbst sein zu dürfen, arbeitet. Sie geht völlig in ihrer Opferrolle auf, versucht auch, ihn zu verbiegen, und leidet ebenfalls fürchterlich.
Da bin ich echt froh, dass meine Kriegerin schon neben mir stand, als ich meinen Partner kennenlernte. Ein Teil von mir glaubt zwar immer noch nicht, dass ich so, wie ich bin, auch sein darf (aggressiv, garstig, egoistisch, unsympathisch, meinen Partner immer wieder wegschiebend, nörgelnd, und was weiß ich was sonst noch). Aber ich denke, wenn ich so sein darf, wie ich bin (und das enthält derweil einfach sehr viel Ablehnung), dann kann ich auch meine Qualitäten leben, wie Lebenslust, Lachen, witzig und kreativ sein und hoffentlich sonst auch noch ein bisschen was … Ich glaube, ich kann mich nur dann weiterentwickeln, wenn ich den Status quo anerkenne und akzeptiere. Was soll ich denn tun? Wenn es so ist, wie es ist? Davonlaufen geht nicht, mich dagegen stemmen verlängert den Zustand notfalls bis in alle Ewigkeit. Nur wenn ich akzeptiere, wie ich bin, bekomme ich die Kraft, darüber hinauszuwachsen. Sag ich mal einfach so, nachdem das Ablehnen von Dingen, die in mir sind, jahrelang einfach nur dazu geführt hat, dass ich alles in mir ablehne.
Ich erkannte also immerhin den Wert der Tatsache, dass ich gerade dabei war, für mich zu kämpfen. Den eigentlich sehr deutlichen Zusammenhang zwischen meiner Wut und der Opferrolle erkannte ich noch nicht. Diese Erkenntnis sollte noch eine Zeit zur Reife brauchen. Aber mit der gerade geschilderten Beobachtung war der Samen gelegt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er aufgehen würde. Inzwischen kämpfte ich mal munter weiter dafür, mich zu finden, und ich selbst sein zu dürfen.



Eine besondere Trennung


Juni 2015

Nach endlos erscheinenden Monaten intensiver Aggression war ich so weit, dass ich wieder Zugang zu meiner Intuition hatte. Plötzlich konnte ich mich etwas entspannen und meinen Alltag besser meistern. Ich konnte wieder ein bisschen spüren, was es heißt, ich zu sein, und dass dieses Ich nicht nur aus Aggression besteht (puh!). Es ist auch sicher kein Zufall, dass ich gerade in dieser Phase plötzlich von einer alten Bekannten eine SMS bekam, in der sie mich fragte, ob ich am selben Wochenende für drei Tage nach Italien dolmetschen fahren wollte. Ich sollte Englisch-Deutsch simultan dolmetschen, eine Sprachkombination, die ich weder studiert noch sonst irgendwie geübt hatte. Nebenbei erwähnt hatte ich seit meinem Studienabschluss drei Jahre früher fast überhaupt nicht gedolmetscht. Gerade ein paar so kleine Nostalgie-Versuche.
Und genau da spürte ich meine Intuition so deutlich wie selten in meinem Leben. Noch bevor ich mir meine Befähigung für diesen Auftrag durch den Kopf gehen lassen konnte, sagte sie deutlich: JA!!
Und, ich sagte: gut. Super! COOL! Ich fahre Dolmetschen;0).
Glücklicherweise war es ein Auftrag, bei dem nur Anreise, Kost und Logis bezahlt wurden und keine Dolmetsch-Tagessätze, so konnte ich mit praktisch null Vorbereitung nach Udine fahren. Irgendwie fühlte ich einfach, dass alles gut gehen würde. Ich hatte fünf Minuten nach Erhalt der SMS zugesagt und alle Fragen auf später verschoben. Da ja quasi nichts bezahlt wurde, dachte ich mir, bekommen sie dort halt einfach nur das, was ich zusammenbringe. Ein großer Glücksfall vor Ort war, dass ich doch vom Französischen ins Deutsche dolmetschen sollte. Ich war so glücklich darüber, dass ich ganz vergaß, dass ich ja ewig nicht mehr gedolmetscht hatte, und als ich feststellte, dass ich ziemlich gut war, war ich schon mittendrin. Ich grinste den ganzen ersten Tag wie ein Honigkuchenpferd. Mit einem Mitarbeiter vor Ort verstand ich mich auf Anhieb besonders gut und wir tauschten am Ende der Veranstaltung unsere Kontaktdaten aus.
Eine Woche später fuhr ich mit meinem Partner auf einen Kurzurlaub nach Italien. Ich war völlig gerädert (ich war sehr müde vom Dolmetschen zurückgekehrt und mein kleines Mädchen hatte die ganze Woche danach nicht gut geschlafen) und wollte nur ausruhen und viiiieeel essen. Er hatte sich etwas Romantisches und das eine oder andere amouröse Stelldichein vorgestellt. Als er sich darüber beklagte, dass ich diesbezüglich zu wenig Interesse zeigte und er sich gar nicht mehr männlich fühlte, ist mir wieder einmal der Geduldsfaden gerissen. Diesmal aber ordentlich. Ich fand, dass ich – auch wenn wir zusammen in einer Beziehung sind – nicht für die Erfüllung seiner fleischlichen Gelüste zuständig bin. Ich fand, er verhielt sich, wie ein Mann nach dreißig Jahren Ehe und er hätte sich eher wie ein junger Liebhaber verhalten sollen, der seine Braut umwirbt, anstatt sich zu beklagen. Ich meine, in unserer Gesellschaft ist es in monogamen Beziehungen völlig normal, dass Mann und Frau gewissen „Verpflichtungen“ nachkommen müssen. Müssen? Hallo? Was soll denn das? Das passt ja wirklich nicht für alle. Ich meine, wenn sich jemand wohl dabei fühlt, durch Routinesex regelmäßig seine Dosis Körperkontakt zu bekommen, ist das seine Sache. Dass das aber für alle passt, kann ich mir nicht vorstellen. Zumindest ich will das so nicht. Wie kann sich da etwas Himmlisches entfalten, wie kann ich mich da der Leidenschaft hingeben, wenn ich in diesem Bereich Verpflichtungen habe? Jahrelang habe ich mich auf diese Art verpflichtet gefühlt, aber meine Kriegerin hat diese Verpflichtungen mit ihrem Flammenschwert zu Schischkebab verbraten. Und jedem, der mich wieder in diese Ecke drängen will, droht das gleiche Schicksal. Zack zack, es zischt kurz, und kleingeschnippelt und knusprig gebraten findet er sich auf dem Weg ins nächste Leben wieder. Also, das Einzige, was ich wirklich muss, ist sterben. Fertig. Alle, die was anderes meinen, können mich mal. Ja echt.
Siehst du, so klingt die Aggression dieser Lebensphase, die es mir erlaubt hat, zu sein wie ich bin. Meine Kriegerin steht seitdem immer kampfbereit neben mir, und alleine deshalb, weil ich weiß, dass sie immer für mich da ist, wenn ich sie brauche, kann ich heute oft ganz anders mit Aggression umgehen. Heute sehe ich die „gute“ Aggression als den Wesenszug, der es mir erlaubt, eine andere Meinung zu haben, mich anders anzuziehen und anders zu verhalten als andere. Es ist der Teil von mir, der mich verteidigt, der mir ermöglicht, in einer Welt der Norm anders zu sein, und zwar so, wie ich bin. Durch meine Kriegerin muss ich nicht immer lächeln, nicht immer brav und lieb sein und ich muss die Erwartungen anderer nicht mehr erfüllen. Ich muss auch nicht mehr alles schlucken, was von anderen an Aggression zu mir kommt. Ich darf sagen, wenn ich das Verhalten einer anderen Person nicht angenehm finde, ich darf zeigen, wenn es mir schlecht geht, ich darf zugeben, wenn ich etwas nicht schaffe, ohne dass ich dadurch zum Opfer werde. Auch Kriegerinnen sind verletzt, auch Kriegerinnen müssen sich erholen. Auch Kriegerinnen machen Fehler. Doch die Kriegerin steht immer wieder auf. Sie ist mutig. Sie ist stark. Sie beschützt mich und andere. Ich kann noch viel von meiner Kriegerin lernen. Danke, dass du da bist.
Wo waren wir? Ach ja, ein seeehr definitives Beziehungsende diesmal. Zur Erinnerung: an unserem gemeinsamen Italienurlaub hat er versucht, mich in die Beziehungs-Pflicht-Ecke zu drängen. Als Reaktion habe ich ihm gesagt, dass ich so eine Art von Beziehung nicht möchte und es auch gemeint. Ich muss an dieser Stelle noch dazusagen, dass mein Wohlfühlpegel in der Beziehung schon einige Wochen lang auf einem Niedrigstand war. Wir verbrachten recht viel Zeit miteinander, aber irgendwie war da weder Liebe noch Interesse noch Spaß oder Hingabe oder sonst etwas Positives zu spüren. Ich hatte gerade die Hoffnung aufgegeben, dass es meine Liebe für ihn noch irgendwo gibt. Dass er mir mit meinen vermeintlichen Verpflichtungen kam, hat mich wachgerüttelt und mir ganz deutlich gezeigt, wo sich unsere Beziehung befand. Auf einem Abwärtstrend ins Bodenlose. Ich musste mit der Trennung einfach die Notbremse ziehen.
Und da kommt mein italienischer Kontakt vom Dolmetschen ins Spiel. Wir tauschen das eine oder andere Mail. Und so kommt er wenige Tage später nach Graz, wo ich wohne, und es klescht nur so. Mannomann! Gerade getrennt und schon wieder voll verliebt? Kann das sein? Aber es fühlte sich sooo schön an und war für mich eine echte Auszeit von dem ganzen Beziehungswahnsinn mit Michael.
Mit meinem Italiener habe ich mal erprobt, was ich in meinem Leben anders angehen wollte. Ihm erklärte ich von Anfang an, wie schwierig ich bin, dass ich keine Kritik und keinen gut gemeinten Rat vertrage und dass meine Wohnung mein Innerstes repräsentiert und er – wenn er Ausbrüche von mir vermeiden möchte – alles, was ist, wie es ist, respektieren und so lassen muss. Er war in dieser Hinsicht außergewöhnlich aufgeschlossen und ich fühlte mich bei ihm sehr beschützt vor meinem Chaos, vor meinen Fehlern. Es war so eine harmonische, glückliche Zeit, für die ich ihm sehr dankbar bin.
Also für mich war es eine sehr kurze, intensive Zeit (nur fünf Wochen), in der ich mich entspannen konnte. Gleichzeitig – ich arbeitete ja mit Michael zusammen – habe ich diesen als einen Freund erlebt. Am Anfang hat er fürchterlich gelitten, weil er spürte, dass diese Trennung anders war als die vorangegangenen. Weil ich ja mit jemand anderem zusammen war. Er sah mich oft mit einem Blick an, den ich „getretenes Rehkitz“ getauft habe. Es war ein Blick, der sagte: „Warum quälst du mich so unsäglich?“ Er verging in Selbstmitleid, auf seine passiven Schuldzuweisungen (den Blick) reagierte ich mit viel Aggression. Es war die Rede davon, dass ich mir wo anders eine Arbeit suche, doch wir blieben in relativ engem Kontakt.
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