Alltag & Lebensführung

Ruf der Seele

Marion Aechter-Droege

Ruf der Seele

Eine schamanische Reise im Zeitenwandel

Leseprobe:

<strong>3.2 Pumamarca</strong>

Schon um sechs Uhr wachten Barbara und ich auf und wir unterhielten uns eine Stunde lang intensiv. Wie ich das genoss! Kaum zu glauben, um sechs Uhr in der Früh! Zu Hause war ich ein absoluter Morgenmuffel und frühestens nach dem Frühstück ansprechbar. Dann kam ich auch noch in den Hochgenuss der ersten wirklich heißen Dusche seit meiner Ankunft. Was für ein unerwartetes Geschenk! Ich wollte gar nicht mehr herauskommen. Danach nahm ich an der Atemsitzung teil, wobei mir wieder einmal die Höhe zu schaffen machte. Zwischendurch hatte ich das Gefühl zu ersticken und musste mir die Hand aufs Herz pressen, um wieder zu Atem zu kommen. Durch eine bestimmte schamanische Atemtechnik lernten wir, die angesammelte Energie in all unsere Zellen zu schicken, vor allem auch dorthin, wo der Körper Heilung brauchte. Durch diesen Atmungsprozess geschah eine alchemistische Verbindung der Energie von Mutter Erde und Vater Sonne, indem die jeweilige Energie von unten und von oben intensiv in den Körper hineingeatmet wurde. Das anschließende Frühstück war auch sehr lecker: frische Früchte und Säfte, verschiedene Omeletts und so weiter. Ein Paradies für Vegetarier! Ich hatte hier andauernd Hunger, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich immer dünner wurde.

Endlich ging es los zu den Ruinen von Pumamarca – dem „Ort des Pumas“ –, die sich außerhalb des Städtchens Ollantaytambo befinden.
Der Puma hütet im schamanischen Weltbild den Westen und hilft uns dabei, uns unseren Ängsten und Schatten zu stellen und sie aufzulösen. Er unterstützt uns im Zeitenwandel bei der Aufgabe, furchtlose Lichtkrieger zu werden, die in Frieden auf dieser Erde leben, weil sie den Tod nicht mehr fürchten.
Der Bus hielt etwa eine Stunde Fußmarsch von den Ruinen entfernt. Der Weg ging ziemlich steil bergauf und oben fühlte sich mein Brustkorb wieder an, als hätte ein Auto darauf geparkt. Es dauerte doch einige Zeit, bis man sich an die Höhe hier gewöhnte. Ich hatte ja zu Hause in den Bergen trainiert, aber die Alpen waren doch um einiges niedriger als die peruanischen Anden. Die Gegend hier war sehr rau. Trockene Grasflächen, die in der Sonne golden schimmerten, kahle rostfarbene Berggipfel, tiefe Täler und Ruinen, die sich organisch in die leere Landschaft einfügten. Eine greifbare Stille lag über allem, das Auge schweifte frei umher und ich fühlte mich Gott ganz nah.

Pumamarca

Heiliger Stein,
vor Kurzem fandest du den Weg zu mir.
Durchsichtige Sonnenjungfrau, schenkst mir den Sonnenaufgang,
während zu meiner Linken das Gewitter tobt.

Auf goldenem Gras sitzend
geben mir alte Mauern Schutz.
Das Wasser im Kanal der verlorenen Zeit
erzählt mir von fernen geheimnisvollen Gipfeln.
Ich höre das leise Raunen deines längst vergangenen Ruhms,
spüre deine bewundernswerte Anwesenheit
in jedem fein behauenen Stein.

Altes weises Volk,
du bist immer noch hier,
und berührst mein Herz.

In den Ruinen machten die Schamanen die erste Despacho-Zeremonie mit uns.
Ein Despacho ist ein Naturmandala, bei dem alle Zutaten und Gaben eine bestimmte Bedeutung haben und durch Gebete mit Energie aufgeladen werden. Es gibt Bitt-, Dankes- und Heilungsdespachos. Das „ayni despacho“, das wir in Pumamarca machten, ist Teil der Munay-Ki-Riten. Dieser Ritus hilft uns dabei, Altes loszulassen und in Übereinstimmung zu kommen mit unserer Umgebung und unserem Schicksal. „Ayni“ bedeutet Harmonie. Wenn wir vollkommen in Harmonie mit allem sind, werden wir unsichtbar, weil es zwischen uns und allem, was mit uns auf dieser Erde lebt, keine Trennung mehr gibt. Diese Einheit hatte ich mein Leben lang gesucht.
Eine liebevolle weibliche Energie hieß mich während der Zeremonie willkommen und ich weinte, weil mein Herz so übervoll war. Ich fühlte mich hier so zu Hause und zugehörig, etwas, das mir mein Leben lang immer schwergefallen war. Ich wollte eigentlich nie wirklich auf dieser Erde sein und war deshalb oft mit meinem Kopf in den Wolken und viel zu wenig geerdet.

Zwei Monate, bevor ich mich auf diese Reise begab, hatte ich einen kleinen Unfall mit meinem Moped. Als ich nachspürte, warum mir das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt passierte, war mir klar, dass ich damit, wenn auch unsanft, auf der Erde angekommen war. Mittlerweile hatte ich begriffen, dass es mir unmöglich war, starke feinstoffliche Energien zu empfangen und zu halten, wenn ich nicht richtig geerdet war. Während der Zeremonie fiel ich zeitweise in eine tiefe Trance. In einer tiefen Ruhe und einen tiefen Frieden, wo sich nichts mehr bewegte, im Reinen mit allem, war ich zutiefst verbunden mit Pacha­mama, unserer Mutter Erde. War das Ayni?

Die Schamanen machten die Despacho-Zeremonien hier sehr ausführlich. Schon die Anrufung zur Öffnung des ­heiligen Raums war viel intensiver, als ich es bisher gewohnt war. Da wurden die Pachamama und die Apus, die Hüterberge, Inti Tayta, Vater Sonne und Mama Q’illa, Großmutter Mond, die Sternengeschwister, der Regenbogen und einige Kräfte mehr eingeladen, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht benennen konnte, da die Anrufung immer auf Quechua erfolgte. Es wurden alle Elemente, Pflanzen, Samen, Wasser, Wolken, symbo­lische Süßigkeiten, z.B. Häuser und Autos für spirituelle Wünsche wie Fülle oder Fortkommen, ein Lamafötus für die Vergangenheit, für das, was man loslassen wollte, in das Despacho gelegt. Nur die allerbesten Sachen wurden hierfür genutzt.
Wir bekamen drei Cocablätter mit einem roten und einem weißen Blütenblatt, sogenannte Kintus, in die wir unsere Wünsche hineinblasen sollten. Das war eine wunderbare Sache, weil man sehr genau hinspüren durfte, was einem wirklich wichtig war. Ob man für sich selbst oder für andere bat oder ob man nicht vielleicht lieber danken wollte für all die Gaben, die die geistige Welt für uns bereitstellte.

Die Schamanen sammelten all diese Kintus nacheinander ein und legten sie sternenförmig in das Despacho. Dann traten wir einzeln vor einen der Schamanen und er legte zwei Finger auf unsere Stirn und betete. Dabei wurde eine spürbare Energie übertragen. Dann wurden alle unsere Mesas – die mit Heilsteinen und rituellen Gegenständen gefüllten Medizinbeutel – vor das Despacho gelegt und mit seiner Energie aufgeladen. Zum Abschluss wurde das Despacho eingewickelt. Das Mandala aus all den oben angesprochenen Materialien lag gewöhnlich auf einem weißen Papier und war ein wunderschönes vergängliches Kunstwerk. Das fertig eingewickelte Despacho wurde dann in ein handgewebtes Mesatuch eingehüllt und jeder Einzelne damit von Kopf bis Fuß gereinigt und gesegnet, während der Schamane immerzu betete. Am Ende reinigten wir uns energetisch die Hände und das Gesicht mit Agua de florida. Das Des­pacho wurde dann in einer weiteren Zeremonie verbrannt, um mit dem Rauch die in ihm enthaltenen Gebete zu den Spirits zu schicken.
Im Anschluss an die Zeremonie gab es in der Anlage Mittagessen – leckere Avocados, Tomaten, Gurken, Käse, Brot und Obst – und wir fielen regelrecht darüber her vor lauter Hunger. Unterhalb von unserem Platz saßen Indigenafrauen mit ihrer Kinderschar und hatten ihre farbenfrohen Stoffkreationen auf alten Mauern ausgebreitet. Sie alle trugen Hüte, unter denen ihre zusammengebundenen schwarzen Zöpfe hervorlugten, voluminöse bunte Röcke, dicke Strümpfe und schwarze Sandalen. Sie schienen Teil dieser gewaltigen Landschaft zu sein.

Morgen würde ich meine erste Heilung bekommen. Ich freute mich sehr darauf und war gespannt, wie die Schamanen hier ihre Heilungen machten.

<strong>3.3 Tipon</strong>

Letzte Nacht hatte ich sehr gut geschlafen und war nun voller Tatendrang. Kaum zu glauben, wie leicht ich hier aufstand. Ich war wieder beim Atmen, denn die energetische Aufladung tat mir sehr gut, gab mir Kraft und machte meinen Körper durchlässig.
Wir fuhren mit dem Bus nach Tipon, dem Blumentempel, der mit Wasser, Reinigung und dem Süden assoziiert wird. Der Süden wird im schamanischen Weltbild von der Schlange gehütet. Sie symbolisiert die Lebenskraft und hilft uns dabei, unsere Vergangenheit abzustreifen wie eine zweite Haut und unsere inneren Wunden zu heilen. In Tipon erhielten wir die „iniciacion del hampey“, die Initiation des Heilers. Wir wurden mit einer Abstammungslinie von Heilern verbunden, die uns dabei helfen würden, uns selbst und andere zu heilen und unsere Vergangenheit zu transformieren.
Als wir in Tipon ankamen, war es sehr voll, weil Frühlingsanfang war und der Tag des Schülers. Alles war überfüllt mit lärmenden Kindern und Jugendlichen. Aber gegen Mittag wurde es dann wieder leer und ruhig.
Hier in Tipon entspringen die Wasser von Pachamama. Ihr Wasserkanal teilt sich erst in zwei Kanäle, den männlichen und den weiblichen, dann in drei Kanäle, die Kinder, und schließlich in vier, die Elemente. Wir hatten unsere Despacho-Zeremonie zur Übertragung der Heilkräfte weiter oben inmitten der Ruinen und abseits der Massen. Heute waren zwei Schamaninnen dabei. Eine der beiden war schon zwei Mal vom Blitz getroffen worden. Hier im heiligen Tal glaubt man heute noch, dass Menschen, die vom Blitz ausgewählt werden, den schamanischen Weg gehen müssen.
Wir wurden aufgefordert, Wünsche für Expeditionsteilnehmer in ein Kintu zu blasen, wenn wir das wollten, und es dann an die betreffenden Personen zu übergeben. Ich gab ein Kintu weiter und erhielt selbst zwei. Ich war deswegen sehr berührt. Für mich war das immer wieder sehr tief gehend, wenn ich wahrnahm, dass andere Menschen mich wirklich mochten. Hier war ich oft sehr nah am Wasser gebaut, weil ich spürte, dass ich genau da war, wo ich sein sollte. Das war in meinem Leben nicht immer der Fall gewesen, da ich oft das Gefühl hatte, ich wäre auf dem falschen Dampfer gelandet. Da ich aber wusste, dass ich mir meine jeweiligen „Dampfer“ selbst erschuf, war ich umso glücklicher, dass mir dieser hier so gut gelungen war. Wo mich dieses Schiff wohl noch hinbringen würde?
Auch die Initiation durch die beiden Schamanen, ein Mann und eine Frau, war für mich überwältigend. Ich saß im Anschluss daran da, und plötzlich wurde ich feinstofflich mit einem Poncho bekleidet. Ich war unbewegt und fest wie ein Felsen und wusste, dass ich solche Zeremonien auch schon gemacht hatte. Ich liebte diese Stille, die ich in solchen Momenten war. Sie war grenzenlos und bezog alles mit ein. Während der Zeremonie empfand ich eine tiefe Liebe für alle, die mir nah waren, ohne sie deswegen vermissen zu müssen. Da erfuhr ich immer wieder, wie sich Raum und Zeit in nichts auflösten und nur Weite übrig blieb.

Nach Abschluss der Zeremonie stieg ich mit ein paar anderen noch höher hinauf, über ganz viele steinerne Treppenstufen. Ich schnaufte beim Aufstieg wieder einmal ziemlich heftig. Als ich dann ganz oben auf diesem mächtigen Felsen saß, hatte ich einen fantastischen Rundumblick. Weit unter mir lagen friedlich die Ruinen und ich ließ ganz spontan einen Urschrei los. Das tat gut! Früher konnte ich so etwas nicht, aber jetzt kam das von ganz tief drinnen einfach heraus. Beim Hinunterlaufen sang ich mein Kraftlied und ließ mich vom Wind durchblasen. Ich bat ihn, dass er alles Schwere in meinem Leben mit sich forttragen möge. Ich spürte, dass er meine Bitte hörte.
Auf dem Heimweg bekam ich plötzlich Bauchkrämpfe und im Hotel ging es dann auch schon los. Aber ich wurde liebevoll von meiner Zimmergenossin Ursula versorgt, sie hatte nämlich so ziemlich alles dabei, was man sich nur vorstellen konnte. Angefangen mit mineralischen Nasenduschen – super wirksam bei der Trockenheit hier – und Arsenicum album gegen Durchfall. Ansonsten hatte ich noch meine homöopathischen Regenatropfen und ich versuchte es jetzt erst einmal auf die sanfte Art, bevor ich nach den stärkeren Medikamenten greifen würde.

Meine erste schamanische Heilung war ein echtes Erlebnis. Anfangs hatte ich noch versucht mitzubekommen, wie der Schamane arbeitete, aber das ließ ich dann schnell bleiben und gab mich ganz dem Geschehen hin. Die ganze Zeit betete und sang er, pfiff leise, flötete, bimmelte mit einer Glocke neben meinen Ohren und platzierte Steine auf meinen Chakren, meinen Energiezentren. Er rieb mich mit diesen Heilsteinen ab und spuckte mich mit Agua de florida an, um meine Aura zu reinigen. Jedenfalls fing irgendwann mein ganzer Bauch an zu wogen, in riesigen Wellen. Ich konnte es kaum glauben, dass mein Körper zu solchen Ausdehnungen fähig war, und durfte schon wieder von ganz tief innen heraus weinen. Ich konnte wohl irgendetwas loslassen, denn danach hatte ich plötzlich so viel Raum in meinem Körper wie seit Ewigkeiten nicht mehr.
Nach dieser Heilung war ich völlig erschöpft und wankte in den Speisesaal, weil ich etwas essen musste, denn ich wurde hier zu dünn. Da saß David und fragte mich, wie die Heilung war. Da heulte ich doch schon wieder los. David nahm mich ganz selbstverständlich in den Arm und sagte, es wäre gut, wenn man fühlte, und ich sollte es einfach laufen lassen. Das tat mir so gut, die Selbstverständlichkeit, mit der man sich hier in den Arm nahm. Damit fühlte ich mich sehr wohl. Ich setzte mich dann allein an einen Tisch und trank ganz langsam, mit geschlossenen Augen, ein Glas heißes Wasser und war einfach nur ganz still.

Zurück im Zimmer fing mein Bauch wieder an zu grummeln und ich entleerte mich noch einmal völlig. Diese tiefe Reinigung wurde wahrscheinlich durch all die Zeremonien und Heilungen ausgelöst. Leider hatte ich heute aus Eitelkeit keinen Hut aufgesetzt und mir einen mittleren Sonnenstich eingefangen. Die Sonne brannte hier auf eine Art herunter, die man sich bei uns gar nicht vorstellen konnte. Jedenfalls lag ich um kurz vor acht im Bett, und dann gute Nacht. Hier stand man sowieso mit der Sonne auf und sank mit ihr ins Bett. Das fühlte sich natürlich und richtig an.

<strong>3.4 Urcos und Pachar</strong>

Ich schlief nicht viel in dieser Nacht, ich war einfach zu voll mit Eindrücken. Seit ich hier in diese wundervolle Energie eingetaucht war, konnte ich mir absolut nicht mehr vorstellen, in mein altes Leben zurückzukehren. Es tat mir so gut, Kontakt zu Menschen aller Nationen und Rassen zu haben, so wie ich es immer schon geliebt hatte. Und es war einfach herrlich, immer in der Welt des Spirituellen verankert zu sein. Ich genoss es, zu beobachten, mit welcher Inbrunst die Menschen hier ihren Apus, ihrer Pachamama, der Sonne, dem Mond, einfach der ganzen Natur verbunden waren. Animismus pur! Die Des­pachos unserer Schamanen spiegelten diesen Animismus wider, denn vom Regenbogen bis zu den Wolken enthielten sie alle Elemente der Natur.
Ich glaube nicht, dass wir Europäer ohne Veränderung unseres Denk- und Wertesystems ohne Weiteres zu dieser tiefen Naturverbundenheit in der Lage sind. Die Indigenas haben die Verbindung mit den Naturkräften und den Respekt für sie ja bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Wir müssen zuerst unser mechanistisches und materialistisches Denken verlernen, um dann wie die Kinder, mit reinem Herzen und neugierig, offen zu sein für neue Erfahrungen. Hier konnte ich viel Vertrauen lernen und wieder aus meinem Herzen anstatt aus meinem Verstand heraus leben. Unbekannt war mir das nicht, denn in meiner Kindheit war ich ebenfalls mit allem verbunden und das war damals ganz natürlich für mich gewesen. Vielleicht waren ja unsere Erfahrungen das größte Hindernis auf dem Weg in eine eigenverantwortliche und selbstbestimmte Lebensführung.

Es

Tritt ein durch das Tor
in die unendliche Ebene.
Nichts hält deinen Blick fest,
nichts.

Stahlblau und kühl
wölben sich die Himmel,
zart und gewaltig ist ihr Lied.
Betrete sie nicht,
die Brücke aus Stein.
Ihre Festigkeit trügt,
gaukelt sie dir doch ein Ziel vor.

Halt ein!
Bewege dich nicht!
Du bist Es

Unser erster Halt war heute die archäologische Stätte von Uno Urco, ein Pachamama-Tempel für Fruchtbarkeit mit einer großen, in Stein gemeißelten Schlange. Diese Schlange windet sich um einen Felsen herum, und wenn es regnet, speit sie Wasser.
Hier fand unsere „pampa mesayok iniciacion“ statt. Dabei ging es um die Erweckung des Weiblichen in uns, um das Wiedererwachen unserer Verbindung zu Pachamama. Eine Nabelschnur zu Mutter Erde wurde aufgebaut. Wir würden die Hebammen eines neuen Zeitalters sein, Männer wie auch Frauen. Im jetzt stattfindenden Zeitenwandel werden die weiblichen Kräfte besonders gebraucht, um all die Wunden und Verletzungen, die Mutter Erde durch das männliche Prinzip des Überlebens des Stärkeren und der Gier zugefügt worden sind und zugefügt werden, zu heilen. Miteinander und Fürsorge sind wieder gefragt, nicht länger Trennung und Ausbeutung. Um unserer Mutter Erde wirklich dienen zu können, müssen wir die Machtspiele unserer Persönlichkeit, unseres Egos zunächst einmal in uns selbst auflösen. Letztendlich hindert uns immer nur die Angst daran, die Liebe, die wir eigentlich sind, zu leben. Die Angst kann unzählige Formen annehmen, ihre Vorgehensweise bleibt jedoch immer dieselbe: „Tu nie das, was du wirklich willst, sonst … passiert etwas Schreckliches!“ oder schlicht: „Sei niemals jetzt da!“
Während der Zeremonie konnte ich fühlen, wie wir alle in Mutter Erde geborgen waren, ein wunderschönes friedliches Gefühl. Ich wusste plötzlich ohne jeden Zweifel, dass wir geliebt werden und dass das Paradies genau hier ist.
Pachamama

Ich schenke dir meine Tränen,
Pachamama,
Perlen meines überfließenden Herzens.

Ich schenke dir meine Sehnsucht,
Pachamama,
und tauche ein in deine dunkle Umarmung.

Wir erzeugen entweder den Himmel oder die Hölle mit unseren Gedanken der Verbindung oder der Trennung, mit unseren Gedanken der Liebe oder denen der Angst. Wenn wir in Angst leben, projizieren wir unsere eigenen unerwünschten Schattenanteile auf unsere Umwelt und bekämpfen sie dann dort, wo wir sie mit Sicherheit niemals verändern können. Das bedeutet, dass wir das, was wir in der Welt fürchten, und auch das, was wir lieben, selbst erschaffen. Das Gute daran ist, dass wir, wenn wir unsere Selbstverantwortung akzeptieren und damit aufhören, Schuld zuzuweisen, in uns selbst jederzeit aufräumen und Frieden statt Angst erschaffen können. Dazwischen steht eigentlich nur unser innerer Schweinehund, der partout nichts von Selbstverantwortung wissen will und immer neue Ausreden erfindet, warum wir uns gerade jetzt und unter den gegebenen Umständen nicht verändern können. Da schieben wir dann alles entweder auf unsere Umwelt, das Schicksal oder auf den Zufall und fühlen uns als hilflose Opfer.

Der zweite Halt war in der Nähe von Pachar, die Höhle von Choqe Q’ello. Eine abenteuerliche Busfahrt brachte uns entlang der Schienen des Zuges von Cusco nach Machu Picchu an den Fuß eines Berges, wo sich etwa auf halber Höhe die Höhle befand. Ein steiler Anstieg zu Fuß über unzählige Steintreppen führte uns hinauf zu diesem heiligen Ort, welcher der Verehrung der Pachamama gewidmet war. Die Höhle war geformt wie eine Vagina. In ihrer Mitte befand sich ein alter schwarzer Steinaltar, eine Huaca, die von den Spaniern nur teilweise zerstört worden war. Wir legten alle unsere Mesas auf den Stein, um sie mit der kraftvollen Energie dieses Ortes aufzuladen.
Plötzlich fingen meine Fußsohlen an zu kribbeln und eine gewaltige Energie durchströmte meinen ganzen Körper. Wieder und wieder flossen Riesenwellen durch mich hindurch, und dann erschien mir die Pachamama. Sie gab mir eine rie­sige Kristallkugel in die Hände und bot mir etwas zu trinken an. Sie ließ mich wissen, dass der Kristall und das Wasser meiner Reinigung dienten. Ich fühlte mich vollkommen geborgen, geliebt und ich spürte, dass die Zeit der Vertreibung aus dem Paradies jetzt im Zeitenwandel endlich ein Ende haben würde.
Auf einmal hatte ich den Impuls, meinen Silberschmuck – mit dem eingravierten Symbol von Pachamama – zusammen mit dem Kintu, in das ich meine Wünsche für Mutter Erde geblasen hatte, unter einen Stein zu legen. Das machte ich auch, obwohl mein Kopf nicht so ganz damit einverstanden war. Ich war aber froh, dass ich meinem ersten Impuls gefolgt war, denn ich wurde hier so reich beschenkt, dass es gut war, meine Dankbarkeit auch auf diese Weise auszudrücken. In dieser wunderbaren Höhle, an diesem Ort spürbarer weiblicher Geborgenheit, betete ich vor allem für meine Tochter und für alle Frauen dieser Welt.
Beim Abstieg gab uns ein Indigena ein Kraut und meinte, wenn wir davon essen würden, kämen wir immer wieder hierher zurück. Und wirklich, ein paar Wochen später war ich schon wieder da.

<strong>3.5 Pisaq</strong>

Heute fuhren wir mit dem Bus zu den Ruinen von Pisaq. Zu dieser alten Inkahochburg konnte man entweder eineinhalb Stunden über steile Steintreppen hinauflaufen oder eben den Bus nehmen. Ich entschied mich fürs Laufen. Der Anstieg war hart für jemanden, der drei Knieoperationen hinter sich hat, dafür wurde ich mit fantastischen Ausblicken belohnt. Wir bewegten uns ja jetzt durch den Westen, begleitet vom Jaguar, und da forderte mich dieser mühevolle Aufstieg. Der Weg war extrem steil und nach unten hin nicht gesichert. Zwischendurch hatte ich damit zu tun, keine Höhenangst zu entwickeln. Manchmal hatte ich den Impuls, meiner aufkeimenden Angst nachzugeben und den Anstieg abzubrechen, aber schließlich kam ich doch heil oben an. Ich war echt stolz auf mich, wie ich das gepackt hatte. Ich hatte hier viel mehr Energie und Mut als zu Hause. Das hing sicher mit den Initiationen zusammen, die ich bereits erhalten hatte.
Heute erhielten wir die „alto mesayok iniciacion“, die Verbindung zur universellen Weisheit, dem Männlichen und den Apus. Diese Initiation wird dem Norden, dem Kolibri und den Ahnen zugeordnet. Der Norden symbolisiert unsere Kraft der Manifestation. Der Kolibri ist ein winziger Vogel, der wegen seines filigranen Körperbaus eigentlich gar nicht fähig sein dürfte, zu fliegen. Er tut es aber dennoch und sogar über weite Strecken, ohne dabei Nahrung zu sich zu nehmen. Im schama­nischen Weltbild symbolisiert der Kolibri den Helden, der an sich selbst glaubt und dadurch zu großen Taten fähig ist. Außerdem lehrt er uns, vom süßen Nektar des Lebens zu kosten. Unsere Ahnen stehen uns im Norden im ewigen Prozess des Werdens und Vergehens mit ihrem Wissen zur Seite. Wenn man an Wiedergeburt glaubt, und ich tue das, dann wird einem schnell klar, dass wir möglicherweise selbst schon öfter in unserer eigenen Ahnen­reihe unseren Platz eingenommen haben, vielleicht als unser eigener Urururgroßvater. Da wir multidimensionale Wesen sind, begegnen und helfen wir uns letztendlich selbst. Im Zeitenwandel kommen uns auch die weißen Krafttiere des Nordens zu Hilfe, zusammen mit der weißen Büffelkalbfrau aus den Prophezeiungen der nordamerikanischen Indianervölker.
Der kleine Ort Pisaq war voller kunsthandwerklicher Läden und nannte einen Indianermarkt sein Eigen. Hier gab es dicht gedrängt wirklich alles, was das Hochland zu bieten hatte. Ich liebte diese Farbenpracht und all diese zerfurchten Gesichter, aus denen das gelebte Leben sprach! Überall saßen Frauen und webten fleißig. Unermüdlich erzeugten sie wunderschöne Stoffe, Taschen und Gürtel, die sie für wenig Geld verkauften. Ihre Hände ruhten nie. Gekauft habe ich nichts. Ich war gerade innerlich so erfüllt, dass mich nichts Materielles, und war es noch so schön, wirklich anzog. Ich landete mit Ursula in einem Schamanenshop, den ich nach zehn Minuten wieder verlassen musste, weil die Energie dort für mich zu heftig war. Mir wurde schwindlig. Von Trommeln über Kondorknochenpfeifen, Federn, Kristalle und Idole gab es in diesem Laden wirklich alles, was das Schamanenherz begehrte.
In einem Globetrotter-Restaurant saßen wir dann an einem großen Tisch mit Menschen aus aller Welt zusammen und spielten Scrabble. Das war sehr lustig, da wir Wörter in allen Sprachen legen durften. Das musste auch einmal sein, nach all den Zeremonien und tiefen Erlebnissen!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-99003-570-2
Erscheinungsdatum: 16.11.2011
EUR 18,90
EUR 11,99

Krampus & Nikolo