Plötzlich Krise – was jetzt?
Sieben Wege zu innerer Stärke mit dem GENAUSO-Prinzip
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-7116-0942-7
Erscheinungsdatum: 28.08.2025
Carolin Oder zeigt in „Plötzlich Krise – was jetzt?“, wie man auch in dunklen Zeiten Kraft und Lebensfreude bewahrt. Aus eigener Erfahrung – darunter die schwere Erkrankung ihres Sohnes – stellt sie das praxisnahe GENAUSO-Prinzip zu innerer Stärke in Krisen vor.
Was dich hier erwartet
Wenn du dieses Buch in den Händen hältst, dann hast du wahrscheinlich auch schon gespürt, dass unser aller Leben nicht planbar ist. Jederzeit schickt dir das Universum, wie aus dem Nichts, ein klares, manchmal auch weniger klares Zeichen. Du sollst deine Einstellung, dein Verhalten, deine Entscheidungen, deine Pläne anpassen oder es zwingt dich sogar zu einem kompletten Richtungswechsel. Prüfungen bestehen, daraus lernen und daran wachsen. So wäre es ideal.
Tatsächlich ist es aber meistens alles andere als ideal, wenn das Schicksal zuschlägt. Die Mehrzahl von uns rutscht dann, früher oder später, in ein tiefes Loch, eine Krise. Eine innere, psychische Krise entsteht, einfach ausgedrückt, wenn ein Mensch vor einer (Lebens-)Aufgabe steht, für die ihm Bewältigungsstrategien fehlen.
Es ist mir wichtig zu unterstreichen, dass sich Krisen individuell sehr verschieden zeigen und somit viele Gesichter haben. Es kann beispielsweise sein, dass du einen sicheren Job hast, deine Leistung entspricht auch den Anforderungen, doch die wirtschaftliche Lage deines Arbeitgebers sieht schlecht aus. Entlassungen stehen an. Du gehst davon aus, dass es dich nicht treffen wird. Der Schock sitzt tief, als du das Entlassungsschreiben in den Händen hältst. Die Existenzängste nehmen dich schlagartig ein. Wie sollst du die Miete bezahlen, die Steuerzahlung ist auch fällig, und die hohen Rechnungen der Versicherungen müssen noch bezahlt werden. Deine Frau ist keine Hilfe. Im Gegenteil. Schon lange kriselt es bei euch, und als sie von der Entlassung hört, nimmt sie eure Tochter und zieht mit ihr zu ihren Eltern. Du stürzt ab, in eine tiefe, existenzielle Krise. Geht nicht in Deutschland, denkst du? Mag sein, dass du recht hast. Unser Sozialstaat fängt die meisten auf. Jedoch nicht emotional! Es ist harte Arbeit, mit der Unsicherheit umzugehen. Jetzt stell dir dieses Szenario in einem anderen Land vor. Ein Land, das kein stabiles soziales Netz für Menschen bietet. Unter anderem die Vereinigten Staaten. Einem Bekannten in Kalifornien ging es nämlich genauso. Job weg, Haus weg, Suppenküche in San Francisco zweimal pro Woche. Das ist kein Hollywood-Drehbuch, sondern Realität. Wie soll man mit so einer Krise nur positiv umgehen?
Eventuell arbeitest du schon viele Jahre an deiner Ehe. Aber es ist so anstrengend, und du hast wirklich keinen Bock mehr. Das sieht dein Mann auch so. Jetzt scheinen die Kinder alt genug, und ihr zieht einen Schlussstrich. Natürlich, ihr habt es so gewollt, aber das große Fragezeichen, wie es weitergehen soll, hat sich in deinem Kopf verankert. Wirst du alleine dein Leben finanzieren können? Kommen die Kinder nach wie vor gerne zu dir mit ihren Sorgen? Wohnen sie bei dir oder deinem Mann? Und wie soll das alles nur werden, wenn mal ein(e) neue(r) Partner(in) in dein oder das Leben deines Mannes tritt? Diese Zukunftsängste kommen immer wieder hoch und vermischen sich mit dem Gefühl des Alleinseins, emotionaler Leere und der fehlenden Geborgenheit der Person, die immer für dich da war.
Natürlich kann es auch sein, dass du Anfang 70 bist und du dich einfach nur traurig, wütend und machtlos fühlst. Denn dein 48-jähriger Sohn ist von der bislang unheilbaren Krankheit COPD betroffen. Eine fortschreitende, obstruktive Lungenerkrankung. Es geht ihm schlechter und schlechter. Du stehst hilflos daneben. Dir sind die Hände gebunden und du als Elternteil wünschst dir nichts sehnlicher, als ihm zu helfen. Aber wie?
Du kannst es kaum fassen, was in diesem Jahr alles passiert ist. Zuerst begleitest du deine Mutter in den Tod. Das ist bestimmt noch irgendwie machbar und auch in Ordnung in ihrem hohen Alter. Der Tod gehört nun mal zum Leben. Wochen später hängt deine linke Gesichtshälfte, kaum merklich, weiter unten als die rechte Seite. Dir fällt es nicht wirklich auf, sondern ein Arbeitskollege spricht dich darauf an. Zwei Tage später holt dich der Notarzt mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Du hast einen Schlaganfall, mit gerade mal 52. Auch das lässt sich nach all dem Stress, den du erlebt hast, noch gut rationalisieren. Du kämpfst und ackerst dich durch die monatelange Therapie und Reha, um deine linke Körperhälfte wieder fit zu machen, und schaffst es sogar. Du bist stolz und erleichtert. Bis du per Zufallsdiagnose erfährst, dass du außerdem an Multipler Sklerose (MS) leidest, die chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein. Wie sollst du die Unsicherheit um deine Gesundheit nur ertragen?
Vielleicht erwartet ihr euer erstes Kind. Wie besonders und wunderbar. Vor allem nach den vielen Versuchen und Strapazen rund um die künstliche Befruchtung. Endlich hat alles geklappt. Ihr seid überglücklich, und alle freuen sich mit euch. Die Schwangerschaft verläuft unauffällig und ist bis auf die letzten Wochen sogar angenehm für dich. Kurz nach der Geburt stellen die Ärzte diesen seltenen, angeborenen Herzfehler fest. Sie sprechen von vier Herzoperationen über die nächsten sechs Lebensjahre, um eurem Mädchen ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen. Die Sorge um deine Tochter, die Verlustangst und damit einhergehende Unsicherheit übermannt dich. Doch einer muss stark bleiben. Das bist du. Du bist ratlos: Wie soll das gehen? Die Hilflosigkeit und Angst zerreißen euch beide, und eure Ehe wird auf eine harte Probe gestellt.
Du hast persönlich vielleicht gar keine Krise. Aber du bist aus dem medizinischen Umfeld, Arzt/Ärztin, Pflegekraft oder Therapeut, und der Umgang mit den Krisen und Ängsten deiner Patienten und deren Angehörigen ist dein Tagesgeschäft. Natürlich liegt dein Fokus auch auf der psychologischen Betreuung der Patienten und Angehörigen, aber offen gesagt lässt dein stressiger Arbeitsalltag dafür nicht genug Raum. Dennoch, die Ängste und die Unsicherheiten, die bei schwer erkrankten oder verunfallten Patienten im Akutfall vorwiegend die Angehörigen betreffen, beeinflussen deine Arbeit stark. Du weißt, wenn du in der Kinderheilkunde zu Hause bist, dass der emotionale Zustand der Eltern sogar eine wichtige Rolle in der Heilung der kleinen Patienten spielt. Du bist immer offen, die „andere Seite“ besser kennenzulernen und möchtest gerne deinen Umgang mit Angehörigen und Patienten weiter optimieren, um ihnen noch besser durch ihre Unsicherheit helfen zu können.
Ich könnte noch Dutzende Seiten mit Beispielen von schweren Lebenskrisen füllen. Es gibt so viele Arten von schweren Krisen, wie Unfälle, Entführungen, unterschiedlichste Suchterkrankungen, Krebsdiagnosen, Fehlgeburten oder Totgeburten, Misshandlung, Missbrauch und so viele verschiedene psychische Erkrankungen. Die Liste könnte ewig weitergehen. Wenn du in einer schweren Krise steckst, ganz egal welcher Art, oder jemanden kennst, dem du durch eine Krise hindurchhelfen möchtest, dann bist du in meinem Buch genau richtig.
Mein GENAUSO-Prinzip beschreibt sieben Wege, die dir helfen, deine innere Stärke zu finden – für dich selbst oder für andere –, um jede Krise zu meistern. Es ist weder wissenschaftlich bewiesen noch ein lang erforschtes Modell. Es basiert auch nicht auf mehreren Tausend Interviews mit Betroffenen und ist schon gar kein Allheilmittel. Aber es sind diese sieben Wege, die ich seit zwei Jahrzehnten in meinem Leben anwende. Sie ermöglichen mir, mit meinen diversen Lebenskrisen und unabänderlichen Unsicherheiten umzugehen. Und zwar so, dass es mir und somit denen, die mir nahestehen, gut geht. Es ist mir vollkommen bewusst, dass es für jeden unter uns unterschiedliche Rahmenbedingungen, Limitierungen, Grenzen, Möglichkeiten, Talente und Fähigkeiten hat. Es gibt natürlich Situationen, die wir nicht beeinflussen können und die nicht in unserer Hand liegen. Aber was wir immer in der Hand haben und wir sehr wohl beeinflussen können, ist unser Umgang mit den Situationen und die Bewertung der Gegebenheiten. Wir alle sind in der Lage, jede entstandene Situation immer wieder neu zu bewerten und entsprechend darauf zu reagieren. Wenn wir uns bewusst dazu entscheiden, können wir auch entgegen unserer eingefahrenen Verhaltensmuster handeln.
Ich liebe Zusammenfassungen und Nachschlagewerke. Deshalb habe ich das Buch so aufgebaut, dass du jederzeit wieder darauf zurückgreifen kannst. Daher findest du nach jedem beschriebenen Weg des GENAUSO-Prinzips eine kurze Zusammenfassung. So hast du das Wesentliche immer zur Hand. Auf den vorhandenen Leerseiten hast du Platz für deine eigenen Notizen. Außerdem gibt es an manchen Stellen einen Hinweis zu einem „Deep Talk“ von mir. Über einen QR-Code gelangst du zu einer Audiodatei, in der ich noch tiefer über gewisse Themen, Situationen oder Herausforderungen spreche und dir ganz persönliche Einblicke in meine dazugehörige Gefühlswelt gebe. Das ist für all diejenigen gedacht, denen mehr Kontext guttut oder für diejenigen, die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befinden. Wenn du gezielt nach Wegen suchst, mit deiner Krise umzugehen, kannst du natürlich auch sofort auf „Meine Wege“ ab Seite 127 springen. Wenn du aber verstehen möchtest, wie ich mein GENAUSO-Prinzip lebe, wie es zustande kam und wie ich es schaffe, nach jedem Schlag immer wieder aufzustehen und weiterzugehen, dann sind die Kapitel zu „Mein Leben“ relevant. Ich überlasse es dir.
Der Dalai Lama sagte mal:
„Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.“
Rückblickend auf die letzten zwei Jahrzehnte meines Lebens kann ich seine Aussage nur bestätigen. Daher ist das Ziel des Buches,
- dir sieben Wege aufzuzeigen, die helfen, herausfordernde Zeiten lebensfroh und positiv zu durchleben und gestärkt daraus hervorzugehen.
- dir Sicherheit, Struktur und Halt zu geben, um dich durch schwere Krisen zu führen.
- dir zu zeigen, wie du trotz der emotionalen Belastung deine Leistungsfähigkeit und Produktivität im Alltag und Beruf hochhalten kannst.
- dir Wege an die Hand zu geben, mit denen du nicht nur dir selbst helfen kannst, sondern auch anderen Menschen auf ihrem steinigen Weg eine Stütze bist.
Ich wünsche mir, dass du den folgenden Seiten mit Offenheit begegnest. Lass dich darauf ein, was ich dir vorschlage. Reflektiere, was du in dein Leben übernehmen kannst. Was könnte dir helfen? Worin findest du dich bereits heute schon wieder?
Menschen in meinem Umfeld beschreiben mich als Powerfrau, die gerne albern ist, laut und viel lacht und vor Lebensfreude nur so sprüht. Aber ich kenne auch die Schattenseiten des Lebens. Die traurigen, schweren und unerwarteten Schicksalsschläge des Lebens – die ich hier mit dir teilen werde. Es kann daher sein, dass dich manche Situationen traurig oder betroffen machen. Gehe da mit mir durch. Lass dir Zeit mit dem Lesen, gib deinen Emotionen nach, lass deine Verletzlichkeit zu. Das ist okay und keine Schwäche. Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn du das Buch mal weglegst. Lass dich auf meine Reise ein und sei dir sicher, dass unser Leben es gut mit uns meint!
Ich wünsche dir Spaß beim Lesen, eine Menge an eigenen Erkenntnissen und viel Umsetzungsfreude. Und jetzt: Anschnallen und Schutzhelm auf!
Deine CARO
Mein Leben
Teil 1
Fuck you, Universe: Genug ist genug!
„Einatmen, tief einatmen!“, sagt die Intensivärztin laut und bestimmend zu L. Er reagiert nicht, sein Kopf sinkt auf die Brust. Er ist blass, die Lippen werden blau, der Überwachungsmonitor alarmiert auf allen Ebenen der Vitalwerte. Piieeep-piieeep-piiieeep! Es ist der 26. Januar 2022. Mein Mann Steffen und ich stehen am Fenster im Zimmer der Intensivstation des Kinderspitals Zürich und beobachten fassungslos die Situation, die wir bereits etliche Male ganz anders erlebt haben. Unser Sohn L. hatte am Vortag seine 18. Operation in 14 Lebensjahren erfolgreich überstanden. Gerade wurde er extubiert. Das heißt, der flexible Kunststoffschlauch, auch Tubus genannt, der während der Vollnarkose dafür sorgt, dass er genügend Sauerstoff bekommt, wurde aus seiner Luftröhre gezogen. Anspannung und Unruhe machen sich breit. „Einatmen, L., tief einatmen!“, sagt die Ärztin noch einmal. Er reagiert nicht. Sie greift sich den Ambu-Beutel, das ist der blaue Beatmungssack, den du sicher schon mal in einer Notfall-Szene im Fernsehen gesehen hast. Sie presst die Maske mit ihrer rechten Hand auf L.s Mund und Nase, während ihre linke Hand seinen Kopf in den Nacken zieht. Mit ihrem Ellbogen pumpt sie zügig den Beatmungssack auf und zu.
„Ich brauche die Beatmungsmaschine, sofort!“, ruft sie den Pflegenden zu. „Was dauert da so lange?“, ruft sie noch lauter. In dem Moment schaut sie zu mir auf, während ihr Ellbogen ununterbrochen Luft in L.s Lunge pumpt, und sagt: „Wenn er nicht gleich selbst atmet, muss ich ihn wieder intubieren!“ Steffen steht blass, still und zitternd neben mir. Ich nicke nur mit dem Kopf. Sie fragt mich: „Wollen Sie dazu wirklich noch im Zimmer bleiben?“, ihr Ellbogen pumpt weiter. Ich antworte gefasst: „Nein!“, greife mir Steffens Hand und ziehe ihn aus dem Zimmer.
Wir setzen uns auf die Bank vor der Station. Ich breche in Tränen aus, Steffen hält mich fest und drückt meine Hand, immer noch zitternd. In dem Moment geht über der Zimmertür die rote Lampe an. „Code Rot“ wurde ausgelöst. In Krankenhäusern wird ein „Code Rot“ ausgelöst, um auf eine lebensbedrohliche Situation hinzuweisen, die sofortige Aufmerksamkeit und Handeln erfordert. Mehrere Ärzte stürmen an uns vorbei in L.s Zimmer. Kurz darauf kommt die leitende Ärztin der Intensivabteilung zu uns und erklärt – ruhig und empathisch –, dass aufgrund von Sauerstoffmangel das Herz von L. kurzzeitig stehen geblieben ist. Sie haben ihn aber erfolgreich wiederbelebt. Er ist nun wieder sicher intubiert, also beatmet, schläft tief in Narkose und seine Vitalwerte seien stabil. Sie ergänzt: „Sie dürfen gerne in ein paar Minuten zu ihm, gehen Sie doch vorher noch etwas an die frische Luft.“ Wir folgen ihrem Rat. Als wir uns gesammelt haben, gehen wir zurück. L. sieht friedlich aus und schläft.
Diese Operation am offenen Herzen war lange geplant. Eine Haltesehne an der Mitralklappe riss ab und musste ersetzt werden. Dadurch entstand eine starke, akute Herzinsuffizienz. Das heißt einfach ausgedrückt, dass die Herzklappe nicht mehr sauber schließen konnte und somit Blut in die falsche Richtung und unkontrolliert durch das Herz gepumpt wurde. Das ist auf Dauer nicht gut für das Herz, und die ersten Symptome sind Atemnot bei Anstrengung sowie Müdigkeit.
In unserem Fall wurde es bei einer regulären Kontrolle des Herzens durch unsere Kardiologin am Kinderspital Zürich, Dr. O., gefunden. Das war im Oktober 2021 und hat uns eiskalt erwischt. Zu der Zeit hatten wir nämlich gerade eineinhalb ruhige Jahre hinter uns, das heißt keine Operationen. Die Zeit benötigten wir auch, nach den kräftezehrenden und dramatischen Krisen in den Jahren 2019 und 2020. Die neue Diagnose am Herz war unerwartet, aber dennoch nicht verwunderlich. Denn unser Erstgeborener lebt mit einer genetischen Erkrankung des Bindegewebes, dem sehr seltenen „Loeys-Dietz-Syndrom“. Dazu aber später mehr. Nach der Diagnose folgten weitere Untersuchungen am Herzen, um die Situation noch klarer darzustellen. Dazu kratzten wir unsere Kräfte zusammen und suchten zeitgleich den besten Herzchirurgen für diesen Job. Kurz vor Weihnachten 2021 hatten wir dann ein vertrauenswürdiges und nahbares Gespräch mit dem erfahrenen Prof. Cesnjevar, der erst wenige Monate zuvor die Leitung der Herzchirurgie am Kinderspital in Zürich übernommen hatte. Wir wollten, dass Prof. Cesnjevar sich mit dem Herzchirurgen zu der Situation austauscht, der das Herz von L. bereits drei Jahre zuvor in den Händen gehalten hatte. Uns wurde von mehreren Seiten abgeraten, darum zu bitten. Denn in Ärztekreisen sagt man, dass zwei Alpha-Tiere in einem OP nicht gut funktionieren würden. Das war uns egal, wir fragten Prof. Cesnjevar dennoch. Seine Reaktion war wunderbar: „Selbstverständlich spreche ich mit dem Kollegen. Er kann sogar gerne mit in den OP kommen. Ich breche mir deshalb sicher keinen Zacken aus der Krone.“ Genau so soll es meiner Meinung nach sein. Die eigene Eitelkeit beiseiteschieben, zum Wohle des Patienten. Die OP wurde auf den 25. Januar 2022 festgelegt. Sie dauerte fünf Stunden, verlief reibungslos und wie geplant. Die Extubation, wie du schon weißt, leider nicht so ganz.
Da standen wir nun an L.s Bett und waren einfach nur dankbar, dass er noch lebt. Die darauffolgenden Gespräche mit den Verantwortlichen und Mitarbeitern der Intensivstation zu den Geschehnissen und das emphatische Verhalten der zuständigen Oberärztin haben uns beruhigt und sehr geholfen. Dennoch, die Kuh war noch nicht vom Eis. Denn der zweite Extubationsversuch stand noch bevor. Dieser wurde indessen mit allen Vorsichtsmaßnahmen vorbereitet und auf den darauffolgenden Vormittag gelegt. Da L. stabil und tief in Narkose schlief, gingen Steffen und ich nach Hause, um nach dem traumatischen Erlebnis ebenfalls etwas Schlaf zu bekommen.
Um 23:00 Uhr rufe ich auf der Station an und die Nachtschwester informiert mich, dass der Oberarzt bereits seit mehreren Stunden die Schlafmedikamente abgesetzt hat und L. bedauerlicherweise immer noch keine Regung zeigt. Er hat daher die Sorge, dass sein Hirn aufgrund des Sauerstoffmangels Schaden genommen haben könnte. Sie sagte: „Wenn er um vier Uhr noch keine Regung zeigt, dann machen wir eine Aufnahme vom Kopf mittels Computertomografie (CT).“ Natürlich, wir verstanden, Vorsicht ist besser als Nachsicht. Trotz unendlicher Sorge sind wir vor Erschöpfung eingeschlafen. Mein Mobiltelefon lag auf dem Nachttisch. Um vier Uhr klingelt es. Wir sind sofort hellwach, ich richte mich an der Bettkante auf und nehme ab. Die Nachtschwester ist am Telefon. Ich höre sie sagen: „Leider zeigt L. immer noch keine Reaktionen. Er wird gerade ins CT-Gerät geschoben, um eine Hirnblutung oder mögliche Hirnschäden aufgrund des Sauerstoffmangels auszuschließen.“
...
Wenn du dieses Buch in den Händen hältst, dann hast du wahrscheinlich auch schon gespürt, dass unser aller Leben nicht planbar ist. Jederzeit schickt dir das Universum, wie aus dem Nichts, ein klares, manchmal auch weniger klares Zeichen. Du sollst deine Einstellung, dein Verhalten, deine Entscheidungen, deine Pläne anpassen oder es zwingt dich sogar zu einem kompletten Richtungswechsel. Prüfungen bestehen, daraus lernen und daran wachsen. So wäre es ideal.
Tatsächlich ist es aber meistens alles andere als ideal, wenn das Schicksal zuschlägt. Die Mehrzahl von uns rutscht dann, früher oder später, in ein tiefes Loch, eine Krise. Eine innere, psychische Krise entsteht, einfach ausgedrückt, wenn ein Mensch vor einer (Lebens-)Aufgabe steht, für die ihm Bewältigungsstrategien fehlen.
Es ist mir wichtig zu unterstreichen, dass sich Krisen individuell sehr verschieden zeigen und somit viele Gesichter haben. Es kann beispielsweise sein, dass du einen sicheren Job hast, deine Leistung entspricht auch den Anforderungen, doch die wirtschaftliche Lage deines Arbeitgebers sieht schlecht aus. Entlassungen stehen an. Du gehst davon aus, dass es dich nicht treffen wird. Der Schock sitzt tief, als du das Entlassungsschreiben in den Händen hältst. Die Existenzängste nehmen dich schlagartig ein. Wie sollst du die Miete bezahlen, die Steuerzahlung ist auch fällig, und die hohen Rechnungen der Versicherungen müssen noch bezahlt werden. Deine Frau ist keine Hilfe. Im Gegenteil. Schon lange kriselt es bei euch, und als sie von der Entlassung hört, nimmt sie eure Tochter und zieht mit ihr zu ihren Eltern. Du stürzt ab, in eine tiefe, existenzielle Krise. Geht nicht in Deutschland, denkst du? Mag sein, dass du recht hast. Unser Sozialstaat fängt die meisten auf. Jedoch nicht emotional! Es ist harte Arbeit, mit der Unsicherheit umzugehen. Jetzt stell dir dieses Szenario in einem anderen Land vor. Ein Land, das kein stabiles soziales Netz für Menschen bietet. Unter anderem die Vereinigten Staaten. Einem Bekannten in Kalifornien ging es nämlich genauso. Job weg, Haus weg, Suppenküche in San Francisco zweimal pro Woche. Das ist kein Hollywood-Drehbuch, sondern Realität. Wie soll man mit so einer Krise nur positiv umgehen?
Eventuell arbeitest du schon viele Jahre an deiner Ehe. Aber es ist so anstrengend, und du hast wirklich keinen Bock mehr. Das sieht dein Mann auch so. Jetzt scheinen die Kinder alt genug, und ihr zieht einen Schlussstrich. Natürlich, ihr habt es so gewollt, aber das große Fragezeichen, wie es weitergehen soll, hat sich in deinem Kopf verankert. Wirst du alleine dein Leben finanzieren können? Kommen die Kinder nach wie vor gerne zu dir mit ihren Sorgen? Wohnen sie bei dir oder deinem Mann? Und wie soll das alles nur werden, wenn mal ein(e) neue(r) Partner(in) in dein oder das Leben deines Mannes tritt? Diese Zukunftsängste kommen immer wieder hoch und vermischen sich mit dem Gefühl des Alleinseins, emotionaler Leere und der fehlenden Geborgenheit der Person, die immer für dich da war.
Natürlich kann es auch sein, dass du Anfang 70 bist und du dich einfach nur traurig, wütend und machtlos fühlst. Denn dein 48-jähriger Sohn ist von der bislang unheilbaren Krankheit COPD betroffen. Eine fortschreitende, obstruktive Lungenerkrankung. Es geht ihm schlechter und schlechter. Du stehst hilflos daneben. Dir sind die Hände gebunden und du als Elternteil wünschst dir nichts sehnlicher, als ihm zu helfen. Aber wie?
Du kannst es kaum fassen, was in diesem Jahr alles passiert ist. Zuerst begleitest du deine Mutter in den Tod. Das ist bestimmt noch irgendwie machbar und auch in Ordnung in ihrem hohen Alter. Der Tod gehört nun mal zum Leben. Wochen später hängt deine linke Gesichtshälfte, kaum merklich, weiter unten als die rechte Seite. Dir fällt es nicht wirklich auf, sondern ein Arbeitskollege spricht dich darauf an. Zwei Tage später holt dich der Notarzt mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Du hast einen Schlaganfall, mit gerade mal 52. Auch das lässt sich nach all dem Stress, den du erlebt hast, noch gut rationalisieren. Du kämpfst und ackerst dich durch die monatelange Therapie und Reha, um deine linke Körperhälfte wieder fit zu machen, und schaffst es sogar. Du bist stolz und erleichtert. Bis du per Zufallsdiagnose erfährst, dass du außerdem an Multipler Sklerose (MS) leidest, die chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein. Wie sollst du die Unsicherheit um deine Gesundheit nur ertragen?
Vielleicht erwartet ihr euer erstes Kind. Wie besonders und wunderbar. Vor allem nach den vielen Versuchen und Strapazen rund um die künstliche Befruchtung. Endlich hat alles geklappt. Ihr seid überglücklich, und alle freuen sich mit euch. Die Schwangerschaft verläuft unauffällig und ist bis auf die letzten Wochen sogar angenehm für dich. Kurz nach der Geburt stellen die Ärzte diesen seltenen, angeborenen Herzfehler fest. Sie sprechen von vier Herzoperationen über die nächsten sechs Lebensjahre, um eurem Mädchen ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen. Die Sorge um deine Tochter, die Verlustangst und damit einhergehende Unsicherheit übermannt dich. Doch einer muss stark bleiben. Das bist du. Du bist ratlos: Wie soll das gehen? Die Hilflosigkeit und Angst zerreißen euch beide, und eure Ehe wird auf eine harte Probe gestellt.
Du hast persönlich vielleicht gar keine Krise. Aber du bist aus dem medizinischen Umfeld, Arzt/Ärztin, Pflegekraft oder Therapeut, und der Umgang mit den Krisen und Ängsten deiner Patienten und deren Angehörigen ist dein Tagesgeschäft. Natürlich liegt dein Fokus auch auf der psychologischen Betreuung der Patienten und Angehörigen, aber offen gesagt lässt dein stressiger Arbeitsalltag dafür nicht genug Raum. Dennoch, die Ängste und die Unsicherheiten, die bei schwer erkrankten oder verunfallten Patienten im Akutfall vorwiegend die Angehörigen betreffen, beeinflussen deine Arbeit stark. Du weißt, wenn du in der Kinderheilkunde zu Hause bist, dass der emotionale Zustand der Eltern sogar eine wichtige Rolle in der Heilung der kleinen Patienten spielt. Du bist immer offen, die „andere Seite“ besser kennenzulernen und möchtest gerne deinen Umgang mit Angehörigen und Patienten weiter optimieren, um ihnen noch besser durch ihre Unsicherheit helfen zu können.
Ich könnte noch Dutzende Seiten mit Beispielen von schweren Lebenskrisen füllen. Es gibt so viele Arten von schweren Krisen, wie Unfälle, Entführungen, unterschiedlichste Suchterkrankungen, Krebsdiagnosen, Fehlgeburten oder Totgeburten, Misshandlung, Missbrauch und so viele verschiedene psychische Erkrankungen. Die Liste könnte ewig weitergehen. Wenn du in einer schweren Krise steckst, ganz egal welcher Art, oder jemanden kennst, dem du durch eine Krise hindurchhelfen möchtest, dann bist du in meinem Buch genau richtig.
Mein GENAUSO-Prinzip beschreibt sieben Wege, die dir helfen, deine innere Stärke zu finden – für dich selbst oder für andere –, um jede Krise zu meistern. Es ist weder wissenschaftlich bewiesen noch ein lang erforschtes Modell. Es basiert auch nicht auf mehreren Tausend Interviews mit Betroffenen und ist schon gar kein Allheilmittel. Aber es sind diese sieben Wege, die ich seit zwei Jahrzehnten in meinem Leben anwende. Sie ermöglichen mir, mit meinen diversen Lebenskrisen und unabänderlichen Unsicherheiten umzugehen. Und zwar so, dass es mir und somit denen, die mir nahestehen, gut geht. Es ist mir vollkommen bewusst, dass es für jeden unter uns unterschiedliche Rahmenbedingungen, Limitierungen, Grenzen, Möglichkeiten, Talente und Fähigkeiten hat. Es gibt natürlich Situationen, die wir nicht beeinflussen können und die nicht in unserer Hand liegen. Aber was wir immer in der Hand haben und wir sehr wohl beeinflussen können, ist unser Umgang mit den Situationen und die Bewertung der Gegebenheiten. Wir alle sind in der Lage, jede entstandene Situation immer wieder neu zu bewerten und entsprechend darauf zu reagieren. Wenn wir uns bewusst dazu entscheiden, können wir auch entgegen unserer eingefahrenen Verhaltensmuster handeln.
Ich liebe Zusammenfassungen und Nachschlagewerke. Deshalb habe ich das Buch so aufgebaut, dass du jederzeit wieder darauf zurückgreifen kannst. Daher findest du nach jedem beschriebenen Weg des GENAUSO-Prinzips eine kurze Zusammenfassung. So hast du das Wesentliche immer zur Hand. Auf den vorhandenen Leerseiten hast du Platz für deine eigenen Notizen. Außerdem gibt es an manchen Stellen einen Hinweis zu einem „Deep Talk“ von mir. Über einen QR-Code gelangst du zu einer Audiodatei, in der ich noch tiefer über gewisse Themen, Situationen oder Herausforderungen spreche und dir ganz persönliche Einblicke in meine dazugehörige Gefühlswelt gebe. Das ist für all diejenigen gedacht, denen mehr Kontext guttut oder für diejenigen, die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befinden. Wenn du gezielt nach Wegen suchst, mit deiner Krise umzugehen, kannst du natürlich auch sofort auf „Meine Wege“ ab Seite 127 springen. Wenn du aber verstehen möchtest, wie ich mein GENAUSO-Prinzip lebe, wie es zustande kam und wie ich es schaffe, nach jedem Schlag immer wieder aufzustehen und weiterzugehen, dann sind die Kapitel zu „Mein Leben“ relevant. Ich überlasse es dir.
Der Dalai Lama sagte mal:
„Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.“
Rückblickend auf die letzten zwei Jahrzehnte meines Lebens kann ich seine Aussage nur bestätigen. Daher ist das Ziel des Buches,
- dir sieben Wege aufzuzeigen, die helfen, herausfordernde Zeiten lebensfroh und positiv zu durchleben und gestärkt daraus hervorzugehen.
- dir Sicherheit, Struktur und Halt zu geben, um dich durch schwere Krisen zu führen.
- dir zu zeigen, wie du trotz der emotionalen Belastung deine Leistungsfähigkeit und Produktivität im Alltag und Beruf hochhalten kannst.
- dir Wege an die Hand zu geben, mit denen du nicht nur dir selbst helfen kannst, sondern auch anderen Menschen auf ihrem steinigen Weg eine Stütze bist.
Ich wünsche mir, dass du den folgenden Seiten mit Offenheit begegnest. Lass dich darauf ein, was ich dir vorschlage. Reflektiere, was du in dein Leben übernehmen kannst. Was könnte dir helfen? Worin findest du dich bereits heute schon wieder?
Menschen in meinem Umfeld beschreiben mich als Powerfrau, die gerne albern ist, laut und viel lacht und vor Lebensfreude nur so sprüht. Aber ich kenne auch die Schattenseiten des Lebens. Die traurigen, schweren und unerwarteten Schicksalsschläge des Lebens – die ich hier mit dir teilen werde. Es kann daher sein, dass dich manche Situationen traurig oder betroffen machen. Gehe da mit mir durch. Lass dir Zeit mit dem Lesen, gib deinen Emotionen nach, lass deine Verletzlichkeit zu. Das ist okay und keine Schwäche. Es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn du das Buch mal weglegst. Lass dich auf meine Reise ein und sei dir sicher, dass unser Leben es gut mit uns meint!
Ich wünsche dir Spaß beim Lesen, eine Menge an eigenen Erkenntnissen und viel Umsetzungsfreude. Und jetzt: Anschnallen und Schutzhelm auf!
Deine CARO
Mein Leben
Teil 1
Fuck you, Universe: Genug ist genug!
„Einatmen, tief einatmen!“, sagt die Intensivärztin laut und bestimmend zu L. Er reagiert nicht, sein Kopf sinkt auf die Brust. Er ist blass, die Lippen werden blau, der Überwachungsmonitor alarmiert auf allen Ebenen der Vitalwerte. Piieeep-piieeep-piiieeep! Es ist der 26. Januar 2022. Mein Mann Steffen und ich stehen am Fenster im Zimmer der Intensivstation des Kinderspitals Zürich und beobachten fassungslos die Situation, die wir bereits etliche Male ganz anders erlebt haben. Unser Sohn L. hatte am Vortag seine 18. Operation in 14 Lebensjahren erfolgreich überstanden. Gerade wurde er extubiert. Das heißt, der flexible Kunststoffschlauch, auch Tubus genannt, der während der Vollnarkose dafür sorgt, dass er genügend Sauerstoff bekommt, wurde aus seiner Luftröhre gezogen. Anspannung und Unruhe machen sich breit. „Einatmen, L., tief einatmen!“, sagt die Ärztin noch einmal. Er reagiert nicht. Sie greift sich den Ambu-Beutel, das ist der blaue Beatmungssack, den du sicher schon mal in einer Notfall-Szene im Fernsehen gesehen hast. Sie presst die Maske mit ihrer rechten Hand auf L.s Mund und Nase, während ihre linke Hand seinen Kopf in den Nacken zieht. Mit ihrem Ellbogen pumpt sie zügig den Beatmungssack auf und zu.
„Ich brauche die Beatmungsmaschine, sofort!“, ruft sie den Pflegenden zu. „Was dauert da so lange?“, ruft sie noch lauter. In dem Moment schaut sie zu mir auf, während ihr Ellbogen ununterbrochen Luft in L.s Lunge pumpt, und sagt: „Wenn er nicht gleich selbst atmet, muss ich ihn wieder intubieren!“ Steffen steht blass, still und zitternd neben mir. Ich nicke nur mit dem Kopf. Sie fragt mich: „Wollen Sie dazu wirklich noch im Zimmer bleiben?“, ihr Ellbogen pumpt weiter. Ich antworte gefasst: „Nein!“, greife mir Steffens Hand und ziehe ihn aus dem Zimmer.
Wir setzen uns auf die Bank vor der Station. Ich breche in Tränen aus, Steffen hält mich fest und drückt meine Hand, immer noch zitternd. In dem Moment geht über der Zimmertür die rote Lampe an. „Code Rot“ wurde ausgelöst. In Krankenhäusern wird ein „Code Rot“ ausgelöst, um auf eine lebensbedrohliche Situation hinzuweisen, die sofortige Aufmerksamkeit und Handeln erfordert. Mehrere Ärzte stürmen an uns vorbei in L.s Zimmer. Kurz darauf kommt die leitende Ärztin der Intensivabteilung zu uns und erklärt – ruhig und empathisch –, dass aufgrund von Sauerstoffmangel das Herz von L. kurzzeitig stehen geblieben ist. Sie haben ihn aber erfolgreich wiederbelebt. Er ist nun wieder sicher intubiert, also beatmet, schläft tief in Narkose und seine Vitalwerte seien stabil. Sie ergänzt: „Sie dürfen gerne in ein paar Minuten zu ihm, gehen Sie doch vorher noch etwas an die frische Luft.“ Wir folgen ihrem Rat. Als wir uns gesammelt haben, gehen wir zurück. L. sieht friedlich aus und schläft.
Diese Operation am offenen Herzen war lange geplant. Eine Haltesehne an der Mitralklappe riss ab und musste ersetzt werden. Dadurch entstand eine starke, akute Herzinsuffizienz. Das heißt einfach ausgedrückt, dass die Herzklappe nicht mehr sauber schließen konnte und somit Blut in die falsche Richtung und unkontrolliert durch das Herz gepumpt wurde. Das ist auf Dauer nicht gut für das Herz, und die ersten Symptome sind Atemnot bei Anstrengung sowie Müdigkeit.
In unserem Fall wurde es bei einer regulären Kontrolle des Herzens durch unsere Kardiologin am Kinderspital Zürich, Dr. O., gefunden. Das war im Oktober 2021 und hat uns eiskalt erwischt. Zu der Zeit hatten wir nämlich gerade eineinhalb ruhige Jahre hinter uns, das heißt keine Operationen. Die Zeit benötigten wir auch, nach den kräftezehrenden und dramatischen Krisen in den Jahren 2019 und 2020. Die neue Diagnose am Herz war unerwartet, aber dennoch nicht verwunderlich. Denn unser Erstgeborener lebt mit einer genetischen Erkrankung des Bindegewebes, dem sehr seltenen „Loeys-Dietz-Syndrom“. Dazu aber später mehr. Nach der Diagnose folgten weitere Untersuchungen am Herzen, um die Situation noch klarer darzustellen. Dazu kratzten wir unsere Kräfte zusammen und suchten zeitgleich den besten Herzchirurgen für diesen Job. Kurz vor Weihnachten 2021 hatten wir dann ein vertrauenswürdiges und nahbares Gespräch mit dem erfahrenen Prof. Cesnjevar, der erst wenige Monate zuvor die Leitung der Herzchirurgie am Kinderspital in Zürich übernommen hatte. Wir wollten, dass Prof. Cesnjevar sich mit dem Herzchirurgen zu der Situation austauscht, der das Herz von L. bereits drei Jahre zuvor in den Händen gehalten hatte. Uns wurde von mehreren Seiten abgeraten, darum zu bitten. Denn in Ärztekreisen sagt man, dass zwei Alpha-Tiere in einem OP nicht gut funktionieren würden. Das war uns egal, wir fragten Prof. Cesnjevar dennoch. Seine Reaktion war wunderbar: „Selbstverständlich spreche ich mit dem Kollegen. Er kann sogar gerne mit in den OP kommen. Ich breche mir deshalb sicher keinen Zacken aus der Krone.“ Genau so soll es meiner Meinung nach sein. Die eigene Eitelkeit beiseiteschieben, zum Wohle des Patienten. Die OP wurde auf den 25. Januar 2022 festgelegt. Sie dauerte fünf Stunden, verlief reibungslos und wie geplant. Die Extubation, wie du schon weißt, leider nicht so ganz.
Da standen wir nun an L.s Bett und waren einfach nur dankbar, dass er noch lebt. Die darauffolgenden Gespräche mit den Verantwortlichen und Mitarbeitern der Intensivstation zu den Geschehnissen und das emphatische Verhalten der zuständigen Oberärztin haben uns beruhigt und sehr geholfen. Dennoch, die Kuh war noch nicht vom Eis. Denn der zweite Extubationsversuch stand noch bevor. Dieser wurde indessen mit allen Vorsichtsmaßnahmen vorbereitet und auf den darauffolgenden Vormittag gelegt. Da L. stabil und tief in Narkose schlief, gingen Steffen und ich nach Hause, um nach dem traumatischen Erlebnis ebenfalls etwas Schlaf zu bekommen.
Um 23:00 Uhr rufe ich auf der Station an und die Nachtschwester informiert mich, dass der Oberarzt bereits seit mehreren Stunden die Schlafmedikamente abgesetzt hat und L. bedauerlicherweise immer noch keine Regung zeigt. Er hat daher die Sorge, dass sein Hirn aufgrund des Sauerstoffmangels Schaden genommen haben könnte. Sie sagte: „Wenn er um vier Uhr noch keine Regung zeigt, dann machen wir eine Aufnahme vom Kopf mittels Computertomografie (CT).“ Natürlich, wir verstanden, Vorsicht ist besser als Nachsicht. Trotz unendlicher Sorge sind wir vor Erschöpfung eingeschlafen. Mein Mobiltelefon lag auf dem Nachttisch. Um vier Uhr klingelt es. Wir sind sofort hellwach, ich richte mich an der Bettkante auf und nehme ab. Die Nachtschwester ist am Telefon. Ich höre sie sagen: „Leider zeigt L. immer noch keine Reaktionen. Er wird gerade ins CT-Gerät geschoben, um eine Hirnblutung oder mögliche Hirnschäden aufgrund des Sauerstoffmangels auszuschließen.“
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