Parkinson mein Untermieter

Parkinson mein Untermieter

Walter Schaub-Chan


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 590
ISBN: 978-3-99107-377-2
Erscheinungsdatum: 10.08.2021
Walter Schaub-Chan dokumentiert in „Parkinson mein Untermieter“ den Verlauf seiner Krankheit inklusive Ärztegespräche, Korrespondenzen, Medikationen und Therapien. Band 1 reicht vom ersten Zittern 2013 bis zur DBS-Operation 2018 und den Monaten danach.
Krankheitstagebuch

Zittern

April 2013

An einem sonnigen Tag, Anfang April 2013, sitze ich entspannt auf einem Stuhl an unserem Sitzplatz auf der Westseite unseres Reihenhauses. Nachdem ich vorher in der Zeitung gelesen habe, mache ich einen Moment Pause und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Ich genieße es, den zwitschernden Vögeln zuzuhören oder von meinem Platz aus die farbenprächtigen Tulpen im Garten zu bestaunen. Ich genieße die innere Ruhe und Gelassenheit.
Plötzlich verspüre ich ein starkes Zittern in meinem linken Bein. Zuerst messe ich dem keine besondere Bedeutung zu. Nach ca. fünf Minuten ist es wieder vorbei.
Zirka eineinhalb Stunden später meldet sich dieses Zittern wieder. Als ich aufstehe, ist es sofort weg und meldet sich erst wieder, als ich mich wieder setze. Ich spiele dieses Spiel ein paar Mal durch. Immer, wenn ich stehe oder herumlaufe, zittere ich nicht, während es sich beim Hinsetzen wieder zurückmeldet. Nach einer gewissen Zeit ist der ganze Spuk vorbei, d. h. ich habe kein Zittern mehr.

Nach etwa zwei Wochen, während dem Nachtessen, verspüre ich wieder dieses Zittern im linken Bein. Es ist manchmal recht heftig und ich kann es nicht stoppen. Nach einer gewissen Zeit spüre ich es auch in meinem linken Arm. Nun bemerkt es auch meine Frau und fragt mich, was ich hätte. Als ich ihr erkläre, dass es einfach zittert ohne, dass ich es stoppen könne, meint sie, dass dies meine Nerven seien. Ich solle doch einmal Magnesium probieren. Da sie selbst manchmal Krämpfe in ihren Beinen hat und deshalb von Zeit zu Zeit eine Magnesiumbrausetablette nimmt, gibt sie mir auch eine. Nach ca. zwei Stunden ist auch mein Zittern vorbei.


Erste Nachforschungen

Mai 2013

Obwohl das Zittern manchmal verschwindet, kommt es von Zeit zu Zeit wieder. Da es aber immer heftiger wird und nun auch in meinem linken Arm und den Fingern der rechten Hand zu spüren ist, schaue ich zum ersten Mal im Internet nach und gebe „Zittern in den Beinen“ ein. Es tauchen dabei Begriffe wie Restless Legs, Tremor, Essentieller Tremor, Ruhetremor, Aktionstremor, Bewegungstremor bis zum Parkinson auf, mit denen ich im ersten Moment nichts anfangen kann.
Ich konzentriere mich dabei zuerst auf das Wort Tremor, wobei ein Artikel von Dr. med. Kägi von St. Gallen interessante und aufschlussreiche Informationen abgibt.

Ich finde auch andere Seiten, wobei eine beschreibt, dass ein Tremor auch körperliche Ursachen haben kann, z. B. http://www.netdoktor.de/symptome/tremor/:

Essenzieller Tremor: Der essenzielle Tremor ist die häufigste Tremorform. Er kann in jedem Alter auftreten. Die Ursachen sind unbekannt, man geht aber von einer genetischen Ursache aus. Ein essenzieller Tremor kommt familiär gehäuft vor, kann aber auch ohne familiäre Veranlagung vorkommen. Er macht sich bei Bewegungen bemerkbar und äußert sich vor allem durch Händezittern und Kopfzittern. Auch die Stimmbänder können von einem essenziellen Tremor betroffen sein.
Morbus Parkinson: Bei der Schüttellähmung ist der Tremor sogar namensgebend für die deutsche Bezeichnung. Bei Menschen mit Parkinson sind Schaltstellen im Gehirn geschädigt, was zu Bewegungsstörungen und Zittern führt. Parkinsonpatienten neigen dabei vor allem zu einem Ruhetremor. Der Tremor tritt also beispielsweise dann auf, wenn die Hand im Schoß ruht. In der Bewegung bessert sich das Muskelzittern teilweise.
Dystonie: Bei Dystonien liegt eine Störung in den motorischen Zentren des Gehirns vor. In der Folge kommt es zu Fehlhaltungen, beispielsweise neigen die Betroffenen den Kopf unnatürlich in eine Richtung (dystoner Schiefhals, Torticollis). Die Dystonie kann mit einem Tremor einhergehen oder sich durch einen solchen ankündigen.
Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose): Bei einer Schilddrüsenüberfunktion produziert die Schilddrüse zu viele Hormone. Folge ist eine psychomotorische Unruhe: Die Patienten sind zappelig und nervös. Bei vielen tritt ein Tremor in den Fingern auf.
Basedow-Krankheit (Autoimmunhyperthyreose): Die Basedow-Krankheit ist eine Autoimmunerkrankung, die sich auf die Schilddrüse auswirkt. In der Folge kommt es zu einer Überfunktion, die mit Zittern einhergehen kann.
Multiple Sklerose: Auch Menschen mit Multipler Sklerose leiden häufig unter einem Tremor. Das Symptom entsteht aufgrund der Entzündungsherde im Gehirn der Patienten.
Schlaganfall und Transitorisch Ischämische Attacke (TIA): Ein Schlaganfall hinterlässt Narben im Gehirn. Sind bestimmte Zentren betroffen, kann auch das zu Muskelzittern führen. Neuere Forschungen bringen den Schlaganfall auch mit der Entstehung von Morbus Parkinson in Verbindung.
Gehirnentzündung (Enzephalitis): Eine Entzündung des Gehirns, beispielsweise infolge einer Masern- Röteln oder FSME-Infektion geht mit Schädigungen der Nervenzellen einher. Dies kann einen Tremor auslösen.
Morbus Wilson: Dabei ist der Kupferstoffwechsel der Leber gestört. Es kommt zu einer vermehrten Einlagerung von Kupfer in Leber, Augen und Gehirn, was zu Funktionsstörungen und Zittern führt.
Morbus Alzheimer: Bei einer Alzheimererkrankung degenerieren die Nervenzellen im Gehirn. Neben Verlusten von Gedächtnis und Denkfähigkeit geht das auch mit motorischen Störungen und Tremor einher.
Nierenversagen mit Harnvergiftung (Urämie): Arbeitet die Nieren nicht mehr richtig, reichern sich Stoffwechselprodukte wie Kreatinin und Harnstoff an und führen zu einer Vergiftung. Dabei kann es auch zu neurologischen und motorischen Ausfällen und Muskelzucken kommen.
Leberversagen: Die Leber ist das wichtigste Entgiftungsorgan des Körpers. Versagt sie, reichern sich giftige Stoffwechselprodukte an, was neben anderen auch neurologische und motorischen Störungen zur Folge haben kann. Der Tremor ist ein Symptom eines Leberversagens.
Gaumenzittern (Gaumensegeltremor): Ein Gaumensegeltremor äußert sich in rhythmischen Bewegungen des Gaumensegels. Er tritt unter anderem nach einer Schädigung des Kleinhirns auf (symptomatischer Gaumensegeltremor). Bei einem essenziellen Gaumensegeltremor ist die Ursache unklar. Er geht oft mit Klickgeräuschen im Ohr einher.
Alkoholmissbrauch: Alkohol ist ein Gift, das unmittelbar aufs Gehirn wirkt. Eine Überdosis macht sich am nächsten Morgen mit Katersymptomen wie Kopfschmerzen und Händezittern bemerkbar. Bei länger bestehendem Alkoholmissbrauch ist der Tremor ein typisches Entzugssymptom.
Medikamentennebenwirkung: Auch bestimmte Medikamente können einen Tremor als Nebenwirkung haben. Dazu gehören Neuroleptika, die zur Behandlung von Psychosen eingesetzt werden, oder auch Antidepressiva, mit denen man neben Depressionen auch Zwangserkrankungen, Angststörungen und Panikattacken behandelt.
Vergiftungen: Quecksilber, Arsen, Blei – auch Vergiftungen äußern sich neben anderen Beschwerden häufig als Zittern.

Wie man sieht, können viele Ursachen einen Tremor, was eigentlich Zittern bedeutet, hervorrufen, weshalb man ohne Abklärung durch einen Arzt nicht auskommt. Allerdings habe ich in den folgenden Monaten und Jahren bemerkt, dass viele Ärzte, vom Hausarzt bis zum Neurologen mit solchen gesundheitlichen Diagnosen überfordert sind. Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich mehr über Parkinson wusste als diese. Die folgende Liste über die Anzeichen einer Parkinsonerkrankung sollte eigentlich jedem Arzt bekannt sein, damit er früh genug reagieren kann.


Erste Anzeichen von Parkinson

Da unter Tremor vieles nicht auf mich zutrifft, kommt bei mir je länger umso mehr der Verdacht auf, dass ich unter Parkinson leiden könnte. Allerdings muss man im Internet aufpassen, dass man sich nicht in etwas hineinsteigert und plötzlich eigene Diagnosen stellt, welche unter Umständen gar nicht zutreffen. Ich verdränge deshalb das Wort „Parkinson“ noch.

Als ich meine Vermutung meinem Hausarzt mitteile, scheint er mich nicht ernst zu nehmen, er lacht zuerst und betont dass er dies kenne, da er dies auch schon gehabt hätte. Er meint, dass dies ein Mangel an Vitamin B12 sein könne. Er bittet mich am nächsten Morgen nüchtern zu einer Blutentnahme zu kommen. Am folgenden Tag nimmt man mir das Blut und verabreicht mir anschließend eine B12-Spritze.

Anzeichen einer Parkinsonerkrankung
Rot beschriftete Beschwerden waren bei mir vorhanden, heute zum Teil aber nicht mehr (*).
Schwarz beschriftete Beschwerden waren bei mir bisher nicht vorhanden.

Armschwingen (wenn ein Arm beim Gehen weniger schwingt)
Blasen- und Miktionsstörungen
Blutdruckprobleme
Depressionen (zum Glück nicht lange) (*)
Fettige Haut und Haare
Gelenkschmerzen in den Fußgelenken, den Kniegelenken, den Fingergelenken, den Handgelenken und den Ellbogen
Gestörte Sehstärke
Gestörter Geruchsinn
Handschrift ist unleserlich geworden
Häufige Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich
Inkontinenz
Juckende Hautauschläge
Krämpfe und Brennen in den Beinen (*)
Magen-Darm-Störungen mit Magenkrämpfen und Durchfall
Müdigkeit, Antriebslosigkeit
Muskelprobleme
Muskelschmerzen
Nach vorn gebeugte Haltung
Nächtlicher Speichelausfluss
Plötzliches Hitzeempfinden
Plötzliches Kopfweh
Plötzlicher Stimmverlust, d. h. ich habe einfach keine Stimme mehr und bringe keinen Ton heraus
Saures Aufstoßen mit Mundgeruch
Schlafstörungen
Schleppender Gang, kleinere Schritte oder Bein nachziehen
Schreibprobleme
Schluckstörungen
Sehvermögen verändert sich
Sprechprobleme oder leiseres Sprechen
Starkes Magenbrennen und Durchfall
Störung der Gleichgewichtsreflexe
Stolpern oder stürzen
Taubheitsgefühle
Trockene Augen
Urologische Störungen
Übermäßiges Schwitzen
Verlangsamung, Verarmung der Bewegungen
Zittern (obwohl man entspannt ist)
Zeitweise schwankender Blutdruck und hoher Puls (*)




Erster Verdacht

07.06.2013
Nachdem ich bereits im April 2013 erstmals und wenig später erneut ein Zittern bemerkt habe, recherchierte ich zunächst im Internet (s. oben «Erster Verdacht auf Parkinson», bevor ich den Hausarzt aufsuche. Er vermutet einen Mangel an Vitamin B12 Am 07. Juni bekomme ich von ihm folgendes E-Mail:

„Das Ferritin, die Speicherform des Eisens ist unverändert im tiefen Bereich. Vitamin B12 gemessen in seiner Transportform Holotranscobalamin ist im optimalen Bereich. Eine Zusatzladung an Vitamin B12 ist aber nicht schädlich. Dafür fehlt die Folsäure, die den Wert des Markers Homocystein anstiegen lassen hat. Ich empfehle Dir, die Folsäure 2x/Woche 1 Tablette abends und ab den Sommerferien 1x/Woche einzunehmen, denn Vitamin B12 und Folsäure werden für eine gute Funktion der Nervenzellen benötigt und haben auch sonst im Körper ganz wichtige Funktionen.
Du kannst die Folsäure in der Praxis abholen.
Wie geht es eigentlich mit den Zuckungen im Oberschenkel und dem Zittern der rechten Hand?“

15.07.2013

Am Abend bringen sie in der Fernsehreihe „Gesundheit heute“ eine Sendung mit dem Titel „Zittern ist nicht immer Parkinson“. Dabei stellen sie von einem Patienten vor, der an einem krankheitsbedingten Zittern leidet. Ein Neurologe vom Kantonsspital St. Gallen untersucht den Patienten, wozu er verschiedene Tests mit ihm macht, um herauszufinden, was das Zittern verursacht. Ein Gehtest, bei dem der Patient seine Arme hin und her schwingt, zeigt dem Neurologen, dass es sich sehr wahrscheinlich nicht um Parkinson handeln würde. Der Arzt möchte nun wissen, in welchen Situationen der Patient anfängt zu zittern, wozu er mit dem Patienten verschiedene Tests macht.

Neurologische Tests
Der Patient muss locker auf einem Stuhl sitzen.
Dann seine Hände nach vorne ausstrecken, was bei ihm ein starkes Zittern auslöst.
Dann Hände vor die Brust nehmen.
Hände wieder nach vorne, und zwar mit den Handinnenflächen nach oben.
Mit dem rechten Zeigfinger zur Nase.
Dann mit dem linken Zeigfinger zur Nase.
Die Hände drehen.
Die Hände auf und zu machen.
Daumen und Zeigefinger aufeinander und wieder öffnen.

Den Arzt interessiert vor allem, ob das Zittern mehr in Ruhe auftritt, ob es beim Halten auftritt, oder ob es beim Bewegen auftritt, z. B. beim Einschenken.

Eine einfache Spirale zu zeichnen, bringt den Patienten ins Zittern. Einfache Arbeiten sind mühsam oder unmöglich. Von Hand einen kurzen Satz zu schreiben bereitet dem Patienten recht viele Probleme. Alles wird zur Zitterpartie, wobei auch die Emotionen Probleme bereiten, da man in der Öffentlichkeit auffällt, z. B. wenn man etwas unterschreiben muss. All dies belastet einen. Der Patient ist nicht mehr fähig, Wasser in ein Glas einzuschenken.
Der Patient erzählt dann, dass das Zittern vor ungefähr fünfzehn Jahren schleichend angefangen hätte. Die Tabletten, welche ihm sein Arzt gab, haben mit der Zeit nichts mehr genützt.
Dr. med. Kägi, der leitende Arzt von der Klinik für Neurologie im Kantonsspital St. Gallen erklärt dann, dass dieser Patient einen essentiellen Tremor hätte, wobei dieser angeblich bei über 60 % der Betroffenen erblich bedingt sei. Etwa 1 % der Bevölkerung leidet an dieser Krankheit, wobei es bei den über 60-Jährigen schon 4 ½ % sind.
Da bei dem erwähnten Patienten das Zittern zu stark wurde, hat er sich für eine Operation entschieden, und zwar einer Neurostimulation. Er erhoffte sich dadurch eine bessere Lebensqualität, was dann auch eingetroffen ist. Bei der Neurostimulation wird dem Patienten eine Sonde ins Hirn implantiert. Beim betreffenden Patienten wurde beidseitig solch eine Sonde eingepflanzt.
Dabei wird die Sonde an einem Schrittmacher angeschlossen, der vorne an der Sonde die entsprechenden Hirnregionen stimuliert, indem er elektrische Impulse aussendet und somit dem Patienten das Zittern wegnimmt. Laut Dr. med. Kägi ist diese Operation kein kleiner, banaler Eingriff, aber mit den langjährigen Erfahrungen kann man dies heute gut planen und dem Patienten eine wesentlich bessere Lebensqualität zurückgeben. Natürlich gibt es auch bei diesem Eingriff ein Restrisiko, wie bei jeder Operation.

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