Mit Leichtigkeit ins neue Leben

Mit Leichtigkeit ins neue Leben

Beatrice Bellmann


EUR 17,90
EUR 14,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 224
ISBN: 978-3-99131-069-3
Erscheinungsdatum: 24.01.2022
Ein Trauertagebuch voller Wut und Wehmut. Ein Trauertagebuch als Selbstreinigungsprozess, bis man alles wieder klar und deutlich sehen kann. Aber die Wege bis zur Erkenntnis sind beschwerlich und voller Steine, die es wegzuräumen gilt …
Vorwort
Ich wurde von meinem Ehemann, mit dem ich neuneinhalb Jahre zusammen und knapp acht Jahre verheiratet war, verlassen. Er war für mich im Jahr 1998 aus der Türkei nach Deutschland gezogen.
Drei Tage vor Weihnachten, im Jahr 2011, sah ich ihn wieder. Zum zweiten Mal nach dem Tag unserer Scheidung im März 2007, an dem auch unser letzter Kontakt stattfand. Ich drehte in der Mittagspause eine Runde um den Block. Als ich um die letzte Ecke bog, sah ich ihn rauchend am Eingang eines Geschäftes lehnen, das drei Eingänge entfernt von meinem Büro war. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob er es ist, meinte ich doch schon manchmal, ihn gesehen zu haben. Als ich einige Meter weiterlief und ihn fixiert hatte, war ich mir sicher. Ich bekam einen Schreck und schaute beim Weiterlaufen geradeaus, um mich einen Moment zu sammeln und dann auf ihn zuzugehen, um einige Worte mit ihm zu wechseln. In diesen Momenten meines Sammelns muss er mich gesehen haben, denn als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, drückte er rasch seine Zigarette aus und stürmte in das Geschäft hinein. Es bestand kein Zweifel, er hatte auch einen Schreck bekommen und flüchtete vor mir. Ich sah ihm nach und ging dann weiter zu meinem Büroeingang. Mein Büro befand sich in der siebten Etage. Als ich oben war, schaute ich aus dem Fenster. Er lehnte mit drei Männern an einem Lieferwagen. Anscheinend warteten sie auf etwas. Ich schloss das Fenster, ging an meinen Schreibtisch und horchte in mich hinein. Wie fühlte ich mich? Nicht schlecht und auch nicht gut. Ich war etwas aufgeregt und konnte erst einmal nicht mit der Arbeit beginnen. Noch an diesem Abend sowie an den beiden darauffolgenden Tagen ging es mir nicht gut. Es belastete mich, dass wir beide es nicht geschafft hatten, so lange nach unserer Trennung wenigstens ein paar nette Worte zu wechseln. Es tat weh, für jemanden, mit dem man einmal glücklich war, nicht mehr existent zu sein, und ich fühlte mich einsam. In der Nacht träumte ich, dass er acht- und wortlos an mir vorbeiging und ich ihn mehrmals bat, kurz mit mir zu sprechen. Dieser Bitte kam er nach. Ich fragte ihn, ob er glücklich sei und ob seine Mutter noch leben würde. Er bejahte beides. Dann wachte ich auf. Ich fühlte mich sehr erleichtert, wenigstens im Traum mit ihm gesprochen zu haben.
Weihnachten fühlte ich mich wieder gut, dachte jedoch viel an ihn. Den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachte ich wie geplant allein zu Hause, da es an diesem Tag keine Familienfeier gab und ich mich erholen wollte. Ich dachte, ich hätte ihn schon lange komplett abgeschlossen, merkte aber, dass das noch nicht ganz der Fall war. Ich wurde sehr aktiv: Ich öffnete die Kiste mit den Fotoalben und Filmen aus unserer gemeinsamen Zeit, die in meinem Arbeitszimmer stand und deren Inhalt noch keinen Platz in meinen Schränken gefunden hatte, da ich noch eine räumliche Trennung von ihr bevorzugte. Ich schmiss unsere Hochzeitspost in den Müll, ebenso die Hochzeitszeitung sowie die Fotos unserer standesamtlichen Trauung, sah mir die Urlaubsfilme an, von denen ich ebenfalls einige in den Müll schmiss. Ich löste die Kiste auf und verstaute die Fotoalben neben den anderen Alben im Schrank. Danach räumte ich die ganze Wohnung auf und mistete nebenbei einige Dinge aus. Am Abend fühlte ich mich wieder wohl und befreit. Nach Weihnachten ging ich zu einem Goldankauf und verkaufte meinen Ehering. Das Geld spendete ich einem wohltätigen Zweck.
Mein Ex-Kollege Richard, mit dem ich mich kurz nach Neujahr zum Mittagessen traf und dem ich von der Begegnung und meiner Aktion berichtete, meinte dazu, ich hätte sie noch gebraucht, um endgültig abzuschließen. Und wirklich – dachte ich bisher, ich hätte es schon getan, weil ich selten an meinen Ex-Mann denke und ihm auch schon lange nicht mehr nachtrauere, so war es doch jetzt irgendwie noch befreiender. Warum Dinge aufheben, die keine Bedeutung mehr haben? Richard sagte, dass dieser endgültige Abschluss dazu führen würde, dass, sollte ich meinem Ex noch einmal begegnen, ich noch nicht einmal aufgeregt wäre, sondern ihn wie einen alten Bekannten betrachten würde, den ich zufällig wiedergetroffen hätte und mit dem ich dann spräche oder nicht. Falls nicht, würde mich das nicht mehr belasten.
Ein Jahr zuvor, im Jahr 2010, hatte ich ihn schon einmal gesehen. Nach drei Jahren und sieben Tagen nach unserem Scheidungstermin. Ich fuhr mit dem Auto an ihm vorbei, in der Nähe meiner Wohnung. Ich hatte schon öfter gehofft, ihm zu begegnen, aber dass es heute passierte und in einer Gegend, in der ich es nicht erwartet hätte, haute mich um. Gestern hatte ich an ihn gedacht, als ich einen alten Koffer entsorgte, auf dessen Kofferschild sein Name stand. Ich hatte mir vorgestellt, dass er nun eine Frau und ein Kind hatte und dass er mich hoffentlich nicht vermisste, denn dann wäre unsere Trennung umsonst gewesen. Er stand an der Fahrertür eines Autos. Mein Körper reagierte sofort mit schwerer Atmung und zittrigen Händen. Bei der nächsten Gelegenheit wendete ich auf dem Mittelstreifen, in der Hoffnung, einige Sätze mit ihm sprechen zu können. Beim Vorbeifahren an ihm auf der Gegenspur bemerkte ich eine zweite Person. Es war dieselbe Frau wie damals. Ich war nicht mehr sicher, ob ich anhalten sollte. Als ich wieder wendete und auf die beiden zufuhr, gingen sie auf dem Bürgersteig, und dann sah ich das kleine Kind vor ihnen herlaufen. Es war zirka eineinhalb bis zwei Jahre alt. Ich hielt nicht an, sondern fuhr weiter – aber nur einige hundert Meter, dann fuhr ich rechts heran, denn ich konnte kaum noch atmen und das Lenkrad halten. Ich rief meine Freundin Katharina an.
Nach dieser ersten Begegnung ging es mir sehr schlecht. Nicht deswegen, weil ich seine Frau oder sein Kind, sondern weil ich ihn gesehen hatte. Ich musste unaufhörlich an ihn denken und viel weinen, ansonsten war ich apathisch. Diese Heftigkeit überraschte mich selbst, und sie hielt tagelang an. Ich vergoss zu dieser Zeit seinetwegen nur noch selten und wenige Tränen. Unsere Beziehung war für mich mittlerweile gefühlte zehn Jahre her, obwohl es erst dreieinhalb Jahre waren, weil in meinem Leben zwischenzeitlich so viel passiert war. Wenn ich damals noch manchmal weinte, dann deshalb, weil ich nostalgische Minuten hatte oder mich manchmal einsam fühlte. Es war ungefähr so, als ob ich um meine tote Großmutter weinte, um etwas, an das man sich in sentimentalen Minuten wieder erinnert. Oder so, als wenn man einen gefühlvollen Film sieht und man mit den Schauspielern zusammen weint. Wenn eine Liebe lange zurückliegt, dann weint man nicht aus Schmerz, sondern aus Erinnerung.
Das, was ich gesehen hatte, hatte ich geahnt, denn er wollte ein Kind. Aber etwas zu ahnen und zu sehen sind zwei verschiedene Dinge für die Psyche. Ich war erstaunt darüber, dass es sich um dieselbe Frau handelte. Ich musste an seine damaligen Worte denken, an dem Tag, an dem ich ihn zuletzt sah: „In meinem ganzen Leben habe ich nur eine Frau geliebt.“ Damit meinte er mich. Meine Logik und das Analysieren menschlichen Verhaltens sagten mir immer, es könne nicht die Frau von damals sein, mit der er mittlerweile eine Familie gegründet hatte. Aber ich war mir sicher, dass sie es war, die ich gesehen hatte.
Ich hatte noch keine neue Liebe gefunden. Ich hatte in den letzten Jahren drei Liebschaften gehabt, aber leider hielten sie nicht. Für mich ist es unvorstellbar, dass auf eine große Liebe gleich wieder eine neue Liebe folgt. Und Metin war meine große Liebe gewesen. Wenn man sich nach einer Trennung, die man nicht wollte, schnell wieder bindet, ist die neue Beziehung in den meisten Fällen nicht von Dauer.
Ich hatte damals gehofft, ihn einmal zu treffen, allein zu treffen. Ich würde ihn vielleicht kein zweites Mal sehen und niemals die Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen, und das machte mich noch trauriger. Mittlerweile war auch die zweite Gelegenheit verstrichen, die aber dazu führte, ihn wie einen Fremden zu sehen, mit dem man vor langer Zeit einmal bekannt gewesen war.
Eine Trennung wird wissenschaftlich in vier Phasen geteilt: Zuerst kommt die Schockphase, in der man das Gehörte bzw. Gesehene nicht wahrhaben kann. Das Gehirn gaukelt einem noch vor, alles wäre in Ordnung und nur ein böser Traum. Man kann die neue Situation nicht mit dem Verstand erfassen, so wie man es zum Beispiel auch nicht kann, wenn ein Mensch stirbt. Man denkt noch wochenlang: Morgen, wenn ich aufwache, ist alles wieder so, wie es einmal war. Dies gilt besonders, wenn man noch unter einem Dach wohnt, was bei uns nach der Trennungsaussprache noch sechs Wochen der Fall war.
Die zweite Phase ist die der aufbrechenden Gefühle. Der Schock, in dem man unfähig ist, auf die Extremsituation zu reagieren, weicht der Phase, in der man nur noch weinen kann und unsäglichen Schmerz hat, der den ganzen Körper einbezieht und mitreißt. Man kann nicht mehr klar denken, wie es noch in der Schockphase möglich ist, sondern man ist in dieser Extremsituation gefangen und denkt in jeder Sekunde an den Schmerz. Jede neue Situation zerreißt einen, man regiert und agiert, und doch hilft es nicht weiter, weil man weiß, dass die Trennung – und wie in meinem Fall auch die Scheidung – nicht rückgängig gemacht werden kann.
Ab der dritten Phase wird man wieder ein Mensch. Der Verstand schaltet sich ein, man sieht klarer und rationaler, ist wieder fähig, anderen Menschen zuzuhören und die Zukunft zu planen. Der Schmerz weicht Wehmut und Trauer.
In der vierten Phase atmet man auf. Man vergibt sich (und dem anderen) seine Fehler, schaut voller Tatendrang nach vorn, plant und ordnet sein Leben neu. Das alte Leben ist abgeschlossen, und man spürt Lebensfreude und Energie.
Die Länge der Phasen hängt ab von der Persönlichkeit, dem Alter, der Schwere der Trennung und den Lebensumständen. Es gibt hier verschiedene Theorien. Einmal las ich, dass sie die Hälfte der Dauer der Beziehung ausmachen kann, ein anderes Mal erfuhr ich, dass Frauen im Durchschnitt zweieinhalb Jahre und Männer eineinhalb Jahre leiden. Diese Behauptung machte mich sehr wütend, da ich nicht so lange leiden wollte. Selbst eineinhalb Jahre erschienen mir zu lang. Eine andere Theorie besagt, dass man pro Jahr des Zusammenseins einen Monat leidet.
Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, mich nicht gehen zu lassen, ging morgens geschminkt und gut gekleidet zur Arbeit, und ich saß nicht zu Hause herum, sondern ging viel aus. Ich nahm mir auch von Anfang an vor, diese vier Phasen abzukürzen und auf maximal ein Jahr zu reduzieren. Ich wollte nicht jahrelang leiden, ich wollte nicht, dass es mir lange schlecht geht, und ich bin stolz, dass ich nach zehn Monaten sagen konnte: Ich habe es geschafft, eine neuneinhalb Jahre lange Beziehung zu überwinden und voller Freude nach vorn zu blicken. Und nach einem Jahr war ich soweit, dass ich wirklich sagen konnte: Ich schaue nur noch nach vorn, es geht mir wieder sehr gut, ich habe alles hinter mich gelassen und denke nur noch selten, ganz nüchtern und vor allem dankbar, an meinen Ex und die gemeinsame Zeit. Ich schaffte es nicht zuletzt deshalb, weil ich ein Mensch bin, der gut analysieren, das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen kann und einen starken Willen hat. Ich habe hart daran gearbeitet, diese Beziehung zu überwinden, ich nenne es „Extrembewältigung“. Ich bin durch den Schmerz hindurchgegangen und habe nie etwas verdrängt. Als es mir wieder gut ging, habe ich sogar mehrmals gedacht, dass es ein Glück und ein Geschenk war, diese schmerzhafte Zeit zu erleben, denn dadurch konzentrierte ich mich ganz auf mich selbst, wuchs über mich hinaus, lernte neue Menschen kennen, und letztendlich befreite ich mich auch von der Vergangenheit, vor allem von den unglaublich erdrückenden Selbstzweifeln und -vorwürfen.
Ich habe alle Gedanken, Gefühle und Worte, die ich in dieser unsagbar schweren Zeit gehabt, durchgemacht und gehört habe, aufgeschrieben. Ich musste schreiben und schreiben, das half mir bei der Trauerbewältigung. Die Dialoge haben sich so zugetragen wie beschrieben. Ich las meine Zeilen immer und immer wieder, weil es für mich so unfassbar war, was mir passierte. Ich möchte mit diesem Trauertagebuch allen Frauen helfen, die in derselben Situation sind, Mut zu haben, nach vorn zu blicken und immer daran zu denken, dass das Leben weitergeht, auch ohne den geliebten Partner, von dem man verlassen wurde oder den man verließ, aus welchem Grund auch immer. Der so oft angewendete Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ klingt in der Anfangs-Trauerzeit, in der man glaubt, niemals darüber hinwegzukommen, wie Hohn und ist ein schneller, aber schlechter Trostspender von Freunden und Verwandten, die am Anfang genauso unter Schock stehen, sogar mitleiden und helfen möchten. Aber er stimmt wirklich. Wenn die Gefühle dem Verstand weichen und man nach und nach die alte Beziehung rein rational betrachten kann, verschwinden Gefühle wie Trauer, Wut, Schmerz, Enttäuschung, Ärger und Verachtung. Die Zeit heilt auch die Wunden, weil man nach und nach vergisst und man sich auf sein neues Leben konzentrieren muss, dass einem intensiver als vorher erscheint.
Traurige Rückfälle kann es aber immer wieder geben, so wie nach meinen beiden Begegnungen. Dennoch: Ich bin dankbar, dass er mein Mann war – und froh, dass er mich verlassen hat.
Diesbezüglich möchte ich noch anmerken, dass jede Beziehung und jede Trennung anders verläuft. Hier gibt es keinen Standard. Mein Buch ist für Frauen geschrieben, die eine Trennung und Scheidung durchleben, und es beinhaltet einige Tipps, die ich anwendete, um schneller aus dem tiefen Tal zu kommen. Dennoch bin ich nur eine Frau von Millionen Frauen, die dieses Schicksal erleiden. Es gilt nicht für alle Frauen gleichermaßen. Es ist keine Abrechnung mit meinem Ex-Mann. Wir verstehen uns wieder sehr gut. Es richtet sich auch nicht gegen ein Volk oder eine Gruppe von Menschen. Es ist einfach nur meine Geschichte. Ich schrieb sie per Hand innerhalb von wenigen Monaten, aber es kostete mich viele Jahre, es abzutippen, da es sowohl eine mentale als auch psychische Anstrengung war. Deshalb bitte ich um Respekt.

1. Juni 2021


Einleitung
Metin und ich hatten uns im März 1997 in seinem Heimatland, der Türkei, kennen- und lieben gelernt, als mir in einem Ferienclub, in dem er seit mehr als zehn Jahren arbeitete, eine Stelle im Büro angeboten wurde. Meine Freundin Verena kannte den Clubmanager, und als er sie fragte, ob sie eine Saison lang bei ihm im Büro arbeiten wolle, verwies sie auf mich. Ich wollte damals meinen Job im Vertrieb einer Textilfirma wechseln. Metin holte mich vom Flughafen ab, und wir waren uns sofort sympathisch. Ich blieb eine Woche dort, um mir den Job anzusehen und mich zu entscheiden, ob ich die Saison dort verbringen wollte, und in dieser Zeit verliebten wir uns ineinander. Zunächst verliebte er sich in mich. Ich war etwas zurückhaltender und stand einer türkischen Liebe skeptisch gegenüber. Nach meinem Aufenthalt telefonierten wir viel, unter Zuhilfenahme seiner deutschen Kollegin, die für ihn dolmetschte. Es entstand so etwas wie eine Fernliebe, und ich vermisste ihn immer mehr. Acht Wochen später flog ich wieder zu ihm, um zu wissen, ob es auch von meiner Seite aus Liebe ist. Es war eine sehr innige und romantische Woche. Ich wohnte dieses Mal in einer kleinen türkischen Pension im Ort, die von Europäern geleitet wurde. Nach dieser Woche stand für mich fest, dass ich mich sehr in ihn verliebt hatte. Er war hinreißend, romantisch und bodenständig, las mir jeden Wunsch von den Augen ab, hatte in der Zwischenzeit einige Brocken Deutsch gelernt, sich in dieser Woche Urlaub genommen, und sie war eine der schönsten in meinem Leben. Wir fuhren mit seinem Fischerboot an der Küste entlang zu einsamen Stränden, spazierten durch die schöne hügelige Natur und redeten noch mit Händen und Füßen. Noch sechs Besuche meinerseits sollten folgen, bevor er endgültig nach Deutschland kam.
Er kam aus einem kleinen Ort in der Nähe von Bodrum, wuchs am Meer auf und verbrachte dort fast sein ganzes Leben. Bis zu unserer Heirat im Juni 1998 flog ich noch viermal zu ihm, im Herbst 1997 besuchte er mich für drei Wochen in Berlin, um meine Stadt und mein Leben kennenzulernen. Ich bestand darauf, denn für mich stand schon am Anfang unserer Liebe fest, dass ich nach unserer Heirat nicht in seinem Land leben wollte. Es gefiel ihm bei mir, und er konnte sich vorstellen, nach der Heirat in Berlin zu leben. Wir beschlossen, uns in seinem Ort für einige Zeit eine Wohnung zu nehmen, um das Zusammenleben zu probieren, was in Deutschland nicht ohne Weiteres möglich war. So arbeitete ich im Frühjahr 1998 für einige Zeit in derselben Ferienanlage, bis ich nach unserer Heirat, die in der Türkei stattfand, nach Hause flog, mir einen Job suchte und er im August 1998 mit zwei Taschen nachkam. Im Mai 1999 heirateten wir in Deutschland kirchlich. Ich hatte ihm diesen großen Wunsch schon am Anfang unserer „Heiratsgespräche“ geäußert, und er war sofort einverstanden.
Die erste Zeit war sehr hart. Wir wohnten beengt in meiner 40-qm-Wohnung, die eineinhalb Zimmer hatte, von denen das eine Zimmer ein Durchgangszimmer war. Er musste die deutsche Sprache lernen und sich zurechtfinden, ohne seine Familie, ohne Freunde und ohne die türkische Sonne, die auch im Winter scheint. Ich musste plötzlich für zwei arbeiten, nach der Arbeit Essen kochen, mit ihm Deutsch lernen, ihm die deutsche Lebensweise zeigen und viele Dinge erklären, und abends saß ich oft am PC bis in die Nacht, um zusätzlich zu meinem neuen Job als Sekretärin in einem Architekturbüro noch verschiedene Schreibarbeiten für Studenten und Firmen zu erledigen. Wir hatten genug Geld zum Leben, eine Wohnung in der City, ein Auto, wir konnten ins Restaurant oder ins Kino gehen und alles tun, was andere Paare auch tun, nur nicht so häufig. Ich hielt das Geld zusammen, was er nicht so gut konnte. Was nach Abzug unserer Kosten und etwas Erspartem übrig bleib, teilten wir immer. Ich behielt niemals mehr für mich. Ich hatte nette Freundinnen und eine nette Familie, die ihn mit offenen Armen und voller Neugierde empfingen, und dennoch lag ich in den ersten Monaten unseres gemeinsamen Lebens oft nachts wach und spürte eine unerträgliche Verantwortung und Existenzangst, sodass ich unsere erste gemeinsame Zeit, die eigentlich neben unserer wunderschönen Zeit in der Türkei die Schönste hätte sein müssen, nicht richtig genießen konnte.
Nach sechs Monaten fand ich über die Zeitung eine Arbeit für ihn in einer Autoreparaturwerkstatt, die er leider nur einige Monate behielt, da es der Firma finanziell schlecht ging. Es folgten bis zu unserer Trennung im August 2006 noch drei weitere Arbeitsverhältnisse. Das Längste behielt er eineinhalb Jahre, das Kürzeste sechs Wochen. Es waren 400-Euro-Jobs oder Jobs, in denen er drei Tage in der Woche zu tun hatte. In den acht Jahren unseres gemeinsamen Lebens in Deutschland hatte er insgesamt nur drei Jahre gearbeitet. Ich hatte fast die ganzen Jahre über unermüdlich Bewerbungen geschrieben, die Zeitungen und das Internet nach Jobs durchgeforstet, mit ihm bei Zeitarbeitsämtern gesessen, damit er in deren Kartei aufgenommen wurde, ihm Vorschläge gemacht und im ganzen Freundeskreis gefragt. Leider war er bei der Arbeitssuche nicht so unermüdlich wie ich, und so brach ich regelmäßig einen Streit vom Zaun, beschimpfte ihn als faul und stumpfte nach einigen Jahren innerlich immer mehr und mehr ab. In der Türkei hatte er einen guten Job gehabt und relativ gut verdient, und anfangs wollte ich dasselbe für ihn in Deutschland. Er bekam Jobs angeboten, die ich für unter seiner Würde hielt. Ich verdiente gut und konnte uns beide unterhalten, wir flogen ein- bis zweimal im Jahr in den Urlaub, und ein- bis zweimal im Jahr flog er zusätzlich zu seiner Familie in die Türkei. Nach einigen Jahren wäre ich allerdings froh gewesen, wenn er nur irgendeinen Job angenommen hätte.
Zwei Jahre nach seiner Ankunft bezogen wir in der Nähe des Tegeler Sees eine größere Wohnung. Es war eine schöne Gegend und nicht mehr mitten in der Stadt.test

Das könnte ihnen auch gefallen :

Mit Leichtigkeit ins neue Leben

Marianne Oswald

„Das A und O“ und „das Aha“

Buchbewertung:
*Pflichtfelder