Mit Gehirntumor ins Sabbatjahr
Ein Mutmacher
EUR 33,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 490
ISBN: 978-3-7116-1092-8
Erscheinungsdatum: 09.12.2025
Tauchen Sie ein in die bewegende und inspirierende Geschichte der Abenteurerin Marion, die kurz vor ihrem Sabbatical mit der erschreckenden Diagnose eines Glioblastoms, der aggressivsten Form eines bösartigen Hirntumors, konfrontiert wird.
Teil 1
Meine Reise auf dem goldenen Heilungsweg
„Leben ist das, was stattfindet,
während du was anderes planst.“
(John Lennon)
Nichts
Seit vier Jahren habe ich mein Sabbatjahr geplant, dafür angespart und mich darauf gefreut. Und jetzt das. Die Kolleginnen und Kollegen, die mich sehen und sich an meine Sabbatjahrpläne erinnern, fragen interessiert: „Und, schon gepackt? Bei dir geht’s doch bald los?“ Ich reiße mich zusammen und gebe einen kurzen Überblick über meine Pläne, tue so, als wäre ich begeistert, aber ich spüre keinerlei Vorfreude. Nichts. Da ist ein großes Nichts. Ich habe einen Flug nach Buenos Aires gebucht, ein Apartment dort sowie einen Weiterflug nach Santiago de Chile. Außerdem eine Schiffspassage für meine Hilde, mein Motorrad. Alles One-Way. Meine Tochter Amelie wird mich die ersten drei Wochen als Sozia auf dem Sitz hinter mir begleiten. Ansonsten ist alles offen und vieles ungewiss. Werde ich meine Töchter Amelie und Luisa vermissen? Meinen Freund Julian? Mein Zuhause? Meine Kollegin Anikó ist die Einzige, zu der ich ehrlich bin: „Ich habe Angst, dass ich es nicht richtig genießen kann.“ Eine Vorahnung?
Seit einigen Wochen fühle ich mich anders als sonst, nicht richtig lebendig, als würde ich in einem Glashaus sitzen und der Welt um mich herum zuschauen.
Ende Juni, nach dem herrlichen Salsa-Festival in Kroatien und den Geburtstagen der Kinder, ging es los. Egal, was ich tue, ich empfinde keine richtige Freude dabei. Ich habe eine liebevolle Familie und mit Julian einen wundervollen Mann an meiner Seite. Mir steht ein Jahr voller Möglichkeiten bevor. Dennoch empfinde ich keinerlei Freude. Wortfindungsstörungen führen dazu, dass ich immer einsilbiger werde. Nachdem mich auch Hitzewallungen erstmals heimsuchen, schiebe ich alles auf die Wechseljahre. „Stroh im Kopf“, sprich Konzentrationsstörungen sowie depressive Verstimmungen, seien typische Symptome, lese ich in einem Bestseller über die Wechseljahre. Dass ich seit einiger Zeit beim Gehen mit dem rechten Fuß am Boden hängen bleibe und auch die rechte Hand nicht mehr richtig ansteuern kann, verdränge ich. Meinem (Ex-)Mann Klaus, Vater meiner Kinder und inzwischen besten Freund, mit dem ich mir noch die Wohnung teile, fällt auf, dass ich beim Einräumen der Spülmaschine ungeschickt agiere, und fragt mich, was los sei. „Nichts“, antworte ich. Er fragt nicht weiter nach.
In der Arbeit – ich bilde angehende SportlehrerInnen aus – üben ein paar Studentinnen und ich für eine Tanzaufführung bei der Abschlussfeier und ich merke deutlich, dass ich lange nicht so spritzig bin wie sonst. Um die ABBA-Choreografie zu tanzen, die ich eigentlich im Schlaf können müsste, weil ich sie schon so oft getanzt habe, muss ich mich wahnsinnig konzentrieren. Als wir bei einer Akrobatikfigur mit einem Rad aufeinander zu turnen wollen, breche ich während der Bewegung zusammen. Es ist mir peinlich und ich schiebe es darauf, dass ich nicht richtig aufgewärmt bin. Ich wiederhole es nicht. Auch daheim probiere ich es nicht aus. Als wüsste ich es innerlich bereits. Verdrängung.
Mandy, eine britische Freundin, die ich auf einem Reit-Trail in Griechenland kennengelernt habe, ist auf dem Weg in die Schweiz und besucht mich vorher für ein paar Tage. Ich hole sie am Flughafen ab. Bei der Heimfahrt kann ich mich nicht mit ihr unterhalten, das Autofahren verlangt meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Meine Kommunikationsfähigkeit in einer anderen Sprache ist stark eingeschränkt und meine Bereitschaft, mit der bezaubernden Mandy Ausflüge zu unternehmen, ebenso. Während Klaus mit ihr um den See radelt, lege ich mich währenddessen ins Bett und schlafe. Auch sie merkt, dass ich ganz anders bin als sonst und fragt mich, was los ist, aber ich kann es ihr nicht erklären. Habe ich eine Depression? Ich weiß es nicht. Fest steht: So habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Ich war immer ein unternehmungslustiger, fröhlicher und geselliger Mensch. Nichts davon ist im Moment da.
Zur Abschlussfeier des Studienjahrs gehe ich nicht. Für die Tanzaufführung sage ich kurz vorher ab, lege mich ins Bett und schlafe. Auch an den letzten Konferenzen nehme ich unentschuldigt nicht mehr teil, was eigentlich gar nicht meine Art ist. Nicht mal ein schlechtes Gewissen habe ich, ich bin eingehüllt in ein großes NICHTS.
Julian und ich fahren mit dem Fahrrad in den Biergarten. Beim Absteigen merke ich, dass ich nicht mehr richtig laufen kann. Das Pedal des Fahrrads schlägt mir die ganze Zeit in die Wade. Noch schlimmer ist es auf der Heimfahrt, als ich versuche, das Fahrrad in den Schuppen zu schieben. Ich bemühe mich, es zu verbergen.
Am nächsten Tag gehe ich zu einer Neurologin. Sie führt verschiedene Tests durch, die ich alle bestehe. Wir vereinbaren einen Termin für ein MRT nächste Woche. Im Nachhinein ist mir völlig schleierhaft, wie ich die absolut unmissverständlichen motorischen Ausfallserscheinungen meines Körpers so lange ignorieren konnte. Offenbar in dem dringenden Wunsch, es würde schon nichts Schlimmes sein. Später erfahre ich, dass solche Verdrängungsleistungen nicht ungewöhnlich sind, da die Psyche oftmals Zeit braucht, sich dem Schrecken zu stellen.
Trotzdem fliege ich nach Amsterdam auf das Viva-Kizomba-Tanz-Festival. Es ist mein Sabbatjahr und ich will es unbedingt voll und ganz auskosten. Ich reise einen Tag vorher an, um mir die Stadt anzusehen. Aber es kommt einfach keine richtige Freude auf. Ich leihe mir ein Fahrrad aus und muss mich koordinativ wahnsinnig anstrengen, um fahren zu können. Während ich etwas verloren an einem Kanal sitze, klingelt das Handy. Es ist Amelie. „Ist bei dir alles in Ordnung, Mama?“, will sie wissen. „Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.“
„Nicht so wirklich“, muss ich gestehen. Am nächsten Tag fahre ich zum Flughafen und buche meinen Rückflug um. Das Tanzfestival lasse ich sausen. Amelie holt mich vom Flughafen ab, schweigend verbringen wir die Fahrt nach Hause.
Nach einer unruhigen Nacht stehe ich orientierungslos zwischen Toilette und Bad. Amelie mustert mich aufmerksam und sagt: „Wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Mit dir stimmt was nicht.“
Ich lehne ab: „Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich brauche kein Krankenhaus.“
„Gut, dann gib mir die Nummer von jemandem, der älter als 20 ist.“
„Ruf Julian an.“ Sie telefoniert mit ihm und bringt mich ins Klinikum Großhadern in die Notaufnahme. Die beiden denken, ich hätte einen Schlaganfall gehabt. Nach zahlreichen Blutabnahmen und ersten Voruntersuchungen mit einem jungen, sexy und diesbezüglich recht selbstbewussten Arzt, der gerne schäkert und flirtet, machen sie ein CT. Der zuvor noch lässige und lustige Arzt verstummt beim Anblick der Bildgebung. „Das habe ich bei Ihnen nicht erwartet“, murmelt er. Man sieht deutlich, dass in meinem Gehirn etwas ist, das da nicht hingehört. Das sieht nicht gut aus, doch auch jetzt fühle ich NICHTS.
Die Ärzte wollen mich dabehalten. Nachdem Amelie mehrere Stunden mit mir in der Notaufnahme ausgeharrt hat, schicke ich sie nach Hause und rufe meine Freundin Ingrid an. „Ich bin im Krankenhaus Großhadern in der Notaufnahme. In meinem Kopf wächst etwas, das dort nicht hingehört. Komm bitte vorbei.“
Ingrid wohnt nicht weit weg und ist schnell da. Aufgeregt kommt sie in die Notaufnahme und will wissen, was los ist. Ich fasse die Fakten zusammen. Nachdem mir gesagt wurde, dass ich warten soll, bis ich abgeholt werde, sitzen wir noch mehrere Stunden im Warteraum. Zweimal frage ich im Schwesternzimmer nach, wann mich denn endlich jemand abholt. Irgendwann stellt sich heraus, dass man mich vergessen hat.
Da auf der Privatstation kein Bett frei ist, komme ich auf die normale Station im 9. Stock. Die Krankenschwester empfängt mich mit den Worten: „Oh, ich habe erwartet, dass Sie liegend gebracht werden.“ Na prima. Der erste Eindruck ist nicht der schlechteste: Schöner Ausblick auf die Alpen, drei Betten in einem Zimmer. Der zweite ist dann weniger überzeugend: Es gibt kein Bad, nur eine Toilette, und es riecht nach Krankheit und Verwesung. Der schwarze Linoleumboden sieht auch nach dem Wischen immer noch versifft aus. Ingrid und ich sitzen im Besucherraum, der so schäbig ist wie eine Knastzelle. Zumindest stelle ich mir so eine Gefängniszelle vor. Alle paar Sekunden geht das Licht aus, wenn man sich nicht bewegt. Die Schwester ist sehr nett. Trotzdem, ich will nach Hause, in mein eigenes Bett. Ingrid fragt bei der Schwester nach, aber da ich abschwellende Medikamente erhalte, muss ich über Nacht hierbleiben.
Am nächsten Tag werde ich auf die Privatstation verlegt und zum ersten Mal wird mir so richtig bewusst, was es bedeutet, privat versichert zu sein. Ein frisch renovierter Gang im Untergeschoss. Zwei Betten pro Zimmer, ein tolles Bad, ein moderner, schön eingerichteter Besucherraum mit Getränken und Zeitschriften. Für jede Person ein Fernseher. Nicht, dass ich den einmal benutzt hätte, aber alles in allem: eine andere Klasse.
Ein MRT am nächsten Tag zeigt drei Raumforderungen in meinem Gehirn. Jetzt wird mir klar, warum ich mich die letzten Wochen wie ein Zombie gefühlt habe und Sprache und Motorik beeinträchtigt waren. Die Raumforderungen liegen genau in den entsprechenden Bereichen.
Meine Soulsister Judith, meine Tochter Luisa und deren Freundin Anni besuchen mich. Ich bin gut gelaunt, weil ich nun weiß, warum ich mich so komisch gefühlt habe, woher dieses NICHTS kommt. Da ich keinerlei Kenntnisse über Hirntumore habe und mir aufgrund des Tumors im Großen und Ganzen sowieso alles egal ist, mache ich mir auch keinerlei Sorgen.
Am darauffolgenden Tag werde ich operiert. Das ging schnell. Ich bin eine typische Krebspatientin. Ich erhalte eine Diagnose und schon bin ich auf dem Fließband. Am Vorabend unterschreibe ich alle möglichen Verfügungen. Ingrid bringt alle Dokumente mit; ich setze Amelie als ausführende Person ein, da Klaus in Kirgistan beim Wandern ist. Die Anästhesistin kommt vorbei und klärt mich über die OP auf. Zum Glück habe ich keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken zu machen über das, was da in meinem Kopf wächst, ob ich mich operieren lassen soll, in welchem Krankenhaus und von wem. Mir ist alles egal und so schlafe ich gut und lasse die OP-Vorbereitungen am nächsten Morgen stoisch über mich ergehen.
Ich ziehe das am Rücken offene, neckische karierte Hemdchen und die weißen Thrombosestrümpfe an. Ein netter Pfleger holt mich ab. Ich liege mit zwei anderen Personen in einem Raum, die ich aber nur hören, nicht sehen kann. Mir wird eine Maske übergestülpt und ich bin sofort weg. Ich muss nicht mal von 10 rückwärts zählen.
Ich erwache auf der Intensivstation aus der Narkose, noch etwas schläfrig, und nehme sofort erleichtert wahr, dass ich mich wieder so fühle wie früher. Obwohl ich sehr müde bin, spüre ich, dass die Antriebslosigkeit wie weggeblasen ist. Ich bin wieder ich! Neben mir liegt ein Herr Hamberger. Jede halbe Stunde wird er gebeten, seinen vollen Namen zu nennen, wo er sich befindet und den Grund, warum er hier ist. Nach dem Programm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – und das entlockt mir jedes Mal ein Schmunzeln. Wahrscheinlich haben sie mich dasselbe gefragt, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Fernseher läuft. Herr Hamberger zappt sich durch das Programm und obwohl ich noch sehr müde bin, nehme ich den Schwachsinn wahr, der sich durch die meisten Programme zieht.
Eine Pflegerin kommt und meint, meine Schwester wäre da und würde mich gern sehen. Da ich keine leibliche Schwester habe, kann es sich nur um meine Soulsister Judith handeln. Ja, sie ist es! Judith steht an meinem Bett, nimmt meine Hand in die ihre und sieht mich liebevoll an. Es ist schön, sie zu sehen. Eine wahre Freundin ist, wer deine Hand nimmt, aber dein Herz berührt, und das tut sie. Sie fragt mich, ob mich die Geräusche des Fernsehers stören. Ich bejahe und sie bittet meinen Nachbarn, den Fernseher auszuschalten bzw. Kopfhörer zu benutzen. Judith ist entsetzt, dass auf einer Intensivstation überhaupt ein Fernseher steht. Ich auch. Die Nacht zieht sich. Auf die Idee, ein Schlafmittel zu verlangen, komme ich nicht. Herr Hamberger hingegen lässt die arme Krankenschwester im Dreieck springen. Schmerzen hier, Schmerzen da. Irgendwann reicht es ihr und sie schimpft ihn ordentlich.
Auf Station
Am nächsten Morgen werde ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt. Mein soziales Umfeld überwältigt mich. Julian, meine Töchter, Judith und Ingrid sind jeden Tag da. Ingrid bringt mir einen Apfelstrudel vom Lieblingsbäcker mit.
Erst später erfahre ich, welch große Sorgen sie sich um mich gemacht haben. Wie würden sie mich nach der Gehirnoperation vorfinden? Würde ich noch sprechen können? Werde ich noch die Marion sein, die sie kennen? Auch meine Freundinnen Sandra und Cordula schleichen aufgeregt herein und sind froh, mich lachend auf einer Bank sitzen zu sehen. Lyne und Robert, Julians Eltern, meine Mama und meine Freundin Sophie besuchen mich. Klaus bricht seine Trekking-Reise in Kirgistan ab, für die er ein ganzes Jahr trainiert hat. Eigentlich hatte ich meine Töchter darum gebeten, ihn nicht zu informieren. Ich war bereits operiert und es ging mir gut. Er sollte seinen Traum ausleben können. Aber Amelie war der Meinung, er müsste wissen, was los ist, und man solle ihm die Entscheidung überlassen, was er zu tun gedenkt. Klaus’ Entscheidung war schnell getroffen: Er möchte für seine Familie da sein. Ich bin nicht allein. Ein schönes Gefühl.
Die Ärzte, die mich operiert haben, sehe ich kein einziges Mal. Weder zur Vorbesprechung der OP noch danach. Überhaupt gibt es in der ganzen Zeit kein einziges Arztgespräch, das ich als wirklich aufschlussreiches Gespräch bezeichnen würde, wenngleich in den Arztberichten immer von „ausführlicher Aufklärung der Patientin“ die Rede ist. Einmal komme ich von der Toilette zurück und ein Ausdruck des MRTs nach der OP liegt auf meinem Nachttisch. Das sieht – soweit ich das beurteilen kann – ganz gut aus.
…
Meine Reise auf dem goldenen Heilungsweg
„Leben ist das, was stattfindet,
während du was anderes planst.“
(John Lennon)
Nichts
Seit vier Jahren habe ich mein Sabbatjahr geplant, dafür angespart und mich darauf gefreut. Und jetzt das. Die Kolleginnen und Kollegen, die mich sehen und sich an meine Sabbatjahrpläne erinnern, fragen interessiert: „Und, schon gepackt? Bei dir geht’s doch bald los?“ Ich reiße mich zusammen und gebe einen kurzen Überblick über meine Pläne, tue so, als wäre ich begeistert, aber ich spüre keinerlei Vorfreude. Nichts. Da ist ein großes Nichts. Ich habe einen Flug nach Buenos Aires gebucht, ein Apartment dort sowie einen Weiterflug nach Santiago de Chile. Außerdem eine Schiffspassage für meine Hilde, mein Motorrad. Alles One-Way. Meine Tochter Amelie wird mich die ersten drei Wochen als Sozia auf dem Sitz hinter mir begleiten. Ansonsten ist alles offen und vieles ungewiss. Werde ich meine Töchter Amelie und Luisa vermissen? Meinen Freund Julian? Mein Zuhause? Meine Kollegin Anikó ist die Einzige, zu der ich ehrlich bin: „Ich habe Angst, dass ich es nicht richtig genießen kann.“ Eine Vorahnung?
Seit einigen Wochen fühle ich mich anders als sonst, nicht richtig lebendig, als würde ich in einem Glashaus sitzen und der Welt um mich herum zuschauen.
Ende Juni, nach dem herrlichen Salsa-Festival in Kroatien und den Geburtstagen der Kinder, ging es los. Egal, was ich tue, ich empfinde keine richtige Freude dabei. Ich habe eine liebevolle Familie und mit Julian einen wundervollen Mann an meiner Seite. Mir steht ein Jahr voller Möglichkeiten bevor. Dennoch empfinde ich keinerlei Freude. Wortfindungsstörungen führen dazu, dass ich immer einsilbiger werde. Nachdem mich auch Hitzewallungen erstmals heimsuchen, schiebe ich alles auf die Wechseljahre. „Stroh im Kopf“, sprich Konzentrationsstörungen sowie depressive Verstimmungen, seien typische Symptome, lese ich in einem Bestseller über die Wechseljahre. Dass ich seit einiger Zeit beim Gehen mit dem rechten Fuß am Boden hängen bleibe und auch die rechte Hand nicht mehr richtig ansteuern kann, verdränge ich. Meinem (Ex-)Mann Klaus, Vater meiner Kinder und inzwischen besten Freund, mit dem ich mir noch die Wohnung teile, fällt auf, dass ich beim Einräumen der Spülmaschine ungeschickt agiere, und fragt mich, was los sei. „Nichts“, antworte ich. Er fragt nicht weiter nach.
In der Arbeit – ich bilde angehende SportlehrerInnen aus – üben ein paar Studentinnen und ich für eine Tanzaufführung bei der Abschlussfeier und ich merke deutlich, dass ich lange nicht so spritzig bin wie sonst. Um die ABBA-Choreografie zu tanzen, die ich eigentlich im Schlaf können müsste, weil ich sie schon so oft getanzt habe, muss ich mich wahnsinnig konzentrieren. Als wir bei einer Akrobatikfigur mit einem Rad aufeinander zu turnen wollen, breche ich während der Bewegung zusammen. Es ist mir peinlich und ich schiebe es darauf, dass ich nicht richtig aufgewärmt bin. Ich wiederhole es nicht. Auch daheim probiere ich es nicht aus. Als wüsste ich es innerlich bereits. Verdrängung.
Mandy, eine britische Freundin, die ich auf einem Reit-Trail in Griechenland kennengelernt habe, ist auf dem Weg in die Schweiz und besucht mich vorher für ein paar Tage. Ich hole sie am Flughafen ab. Bei der Heimfahrt kann ich mich nicht mit ihr unterhalten, das Autofahren verlangt meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Meine Kommunikationsfähigkeit in einer anderen Sprache ist stark eingeschränkt und meine Bereitschaft, mit der bezaubernden Mandy Ausflüge zu unternehmen, ebenso. Während Klaus mit ihr um den See radelt, lege ich mich währenddessen ins Bett und schlafe. Auch sie merkt, dass ich ganz anders bin als sonst und fragt mich, was los ist, aber ich kann es ihr nicht erklären. Habe ich eine Depression? Ich weiß es nicht. Fest steht: So habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Ich war immer ein unternehmungslustiger, fröhlicher und geselliger Mensch. Nichts davon ist im Moment da.
Zur Abschlussfeier des Studienjahrs gehe ich nicht. Für die Tanzaufführung sage ich kurz vorher ab, lege mich ins Bett und schlafe. Auch an den letzten Konferenzen nehme ich unentschuldigt nicht mehr teil, was eigentlich gar nicht meine Art ist. Nicht mal ein schlechtes Gewissen habe ich, ich bin eingehüllt in ein großes NICHTS.
Julian und ich fahren mit dem Fahrrad in den Biergarten. Beim Absteigen merke ich, dass ich nicht mehr richtig laufen kann. Das Pedal des Fahrrads schlägt mir die ganze Zeit in die Wade. Noch schlimmer ist es auf der Heimfahrt, als ich versuche, das Fahrrad in den Schuppen zu schieben. Ich bemühe mich, es zu verbergen.
Am nächsten Tag gehe ich zu einer Neurologin. Sie führt verschiedene Tests durch, die ich alle bestehe. Wir vereinbaren einen Termin für ein MRT nächste Woche. Im Nachhinein ist mir völlig schleierhaft, wie ich die absolut unmissverständlichen motorischen Ausfallserscheinungen meines Körpers so lange ignorieren konnte. Offenbar in dem dringenden Wunsch, es würde schon nichts Schlimmes sein. Später erfahre ich, dass solche Verdrängungsleistungen nicht ungewöhnlich sind, da die Psyche oftmals Zeit braucht, sich dem Schrecken zu stellen.
Trotzdem fliege ich nach Amsterdam auf das Viva-Kizomba-Tanz-Festival. Es ist mein Sabbatjahr und ich will es unbedingt voll und ganz auskosten. Ich reise einen Tag vorher an, um mir die Stadt anzusehen. Aber es kommt einfach keine richtige Freude auf. Ich leihe mir ein Fahrrad aus und muss mich koordinativ wahnsinnig anstrengen, um fahren zu können. Während ich etwas verloren an einem Kanal sitze, klingelt das Handy. Es ist Amelie. „Ist bei dir alles in Ordnung, Mama?“, will sie wissen. „Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl.“
„Nicht so wirklich“, muss ich gestehen. Am nächsten Tag fahre ich zum Flughafen und buche meinen Rückflug um. Das Tanzfestival lasse ich sausen. Amelie holt mich vom Flughafen ab, schweigend verbringen wir die Fahrt nach Hause.
Nach einer unruhigen Nacht stehe ich orientierungslos zwischen Toilette und Bad. Amelie mustert mich aufmerksam und sagt: „Wir fahren jetzt ins Krankenhaus. Mit dir stimmt was nicht.“
Ich lehne ab: „Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich brauche kein Krankenhaus.“
„Gut, dann gib mir die Nummer von jemandem, der älter als 20 ist.“
„Ruf Julian an.“ Sie telefoniert mit ihm und bringt mich ins Klinikum Großhadern in die Notaufnahme. Die beiden denken, ich hätte einen Schlaganfall gehabt. Nach zahlreichen Blutabnahmen und ersten Voruntersuchungen mit einem jungen, sexy und diesbezüglich recht selbstbewussten Arzt, der gerne schäkert und flirtet, machen sie ein CT. Der zuvor noch lässige und lustige Arzt verstummt beim Anblick der Bildgebung. „Das habe ich bei Ihnen nicht erwartet“, murmelt er. Man sieht deutlich, dass in meinem Gehirn etwas ist, das da nicht hingehört. Das sieht nicht gut aus, doch auch jetzt fühle ich NICHTS.
Die Ärzte wollen mich dabehalten. Nachdem Amelie mehrere Stunden mit mir in der Notaufnahme ausgeharrt hat, schicke ich sie nach Hause und rufe meine Freundin Ingrid an. „Ich bin im Krankenhaus Großhadern in der Notaufnahme. In meinem Kopf wächst etwas, das dort nicht hingehört. Komm bitte vorbei.“
Ingrid wohnt nicht weit weg und ist schnell da. Aufgeregt kommt sie in die Notaufnahme und will wissen, was los ist. Ich fasse die Fakten zusammen. Nachdem mir gesagt wurde, dass ich warten soll, bis ich abgeholt werde, sitzen wir noch mehrere Stunden im Warteraum. Zweimal frage ich im Schwesternzimmer nach, wann mich denn endlich jemand abholt. Irgendwann stellt sich heraus, dass man mich vergessen hat.
Da auf der Privatstation kein Bett frei ist, komme ich auf die normale Station im 9. Stock. Die Krankenschwester empfängt mich mit den Worten: „Oh, ich habe erwartet, dass Sie liegend gebracht werden.“ Na prima. Der erste Eindruck ist nicht der schlechteste: Schöner Ausblick auf die Alpen, drei Betten in einem Zimmer. Der zweite ist dann weniger überzeugend: Es gibt kein Bad, nur eine Toilette, und es riecht nach Krankheit und Verwesung. Der schwarze Linoleumboden sieht auch nach dem Wischen immer noch versifft aus. Ingrid und ich sitzen im Besucherraum, der so schäbig ist wie eine Knastzelle. Zumindest stelle ich mir so eine Gefängniszelle vor. Alle paar Sekunden geht das Licht aus, wenn man sich nicht bewegt. Die Schwester ist sehr nett. Trotzdem, ich will nach Hause, in mein eigenes Bett. Ingrid fragt bei der Schwester nach, aber da ich abschwellende Medikamente erhalte, muss ich über Nacht hierbleiben.
Am nächsten Tag werde ich auf die Privatstation verlegt und zum ersten Mal wird mir so richtig bewusst, was es bedeutet, privat versichert zu sein. Ein frisch renovierter Gang im Untergeschoss. Zwei Betten pro Zimmer, ein tolles Bad, ein moderner, schön eingerichteter Besucherraum mit Getränken und Zeitschriften. Für jede Person ein Fernseher. Nicht, dass ich den einmal benutzt hätte, aber alles in allem: eine andere Klasse.
Ein MRT am nächsten Tag zeigt drei Raumforderungen in meinem Gehirn. Jetzt wird mir klar, warum ich mich die letzten Wochen wie ein Zombie gefühlt habe und Sprache und Motorik beeinträchtigt waren. Die Raumforderungen liegen genau in den entsprechenden Bereichen.
Meine Soulsister Judith, meine Tochter Luisa und deren Freundin Anni besuchen mich. Ich bin gut gelaunt, weil ich nun weiß, warum ich mich so komisch gefühlt habe, woher dieses NICHTS kommt. Da ich keinerlei Kenntnisse über Hirntumore habe und mir aufgrund des Tumors im Großen und Ganzen sowieso alles egal ist, mache ich mir auch keinerlei Sorgen.
Am darauffolgenden Tag werde ich operiert. Das ging schnell. Ich bin eine typische Krebspatientin. Ich erhalte eine Diagnose und schon bin ich auf dem Fließband. Am Vorabend unterschreibe ich alle möglichen Verfügungen. Ingrid bringt alle Dokumente mit; ich setze Amelie als ausführende Person ein, da Klaus in Kirgistan beim Wandern ist. Die Anästhesistin kommt vorbei und klärt mich über die OP auf. Zum Glück habe ich keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken zu machen über das, was da in meinem Kopf wächst, ob ich mich operieren lassen soll, in welchem Krankenhaus und von wem. Mir ist alles egal und so schlafe ich gut und lasse die OP-Vorbereitungen am nächsten Morgen stoisch über mich ergehen.
Ich ziehe das am Rücken offene, neckische karierte Hemdchen und die weißen Thrombosestrümpfe an. Ein netter Pfleger holt mich ab. Ich liege mit zwei anderen Personen in einem Raum, die ich aber nur hören, nicht sehen kann. Mir wird eine Maske übergestülpt und ich bin sofort weg. Ich muss nicht mal von 10 rückwärts zählen.
Ich erwache auf der Intensivstation aus der Narkose, noch etwas schläfrig, und nehme sofort erleichtert wahr, dass ich mich wieder so fühle wie früher. Obwohl ich sehr müde bin, spüre ich, dass die Antriebslosigkeit wie weggeblasen ist. Ich bin wieder ich! Neben mir liegt ein Herr Hamberger. Jede halbe Stunde wird er gebeten, seinen vollen Namen zu nennen, wo er sich befindet und den Grund, warum er hier ist. Nach dem Programm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – und das entlockt mir jedes Mal ein Schmunzeln. Wahrscheinlich haben sie mich dasselbe gefragt, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Fernseher läuft. Herr Hamberger zappt sich durch das Programm und obwohl ich noch sehr müde bin, nehme ich den Schwachsinn wahr, der sich durch die meisten Programme zieht.
Eine Pflegerin kommt und meint, meine Schwester wäre da und würde mich gern sehen. Da ich keine leibliche Schwester habe, kann es sich nur um meine Soulsister Judith handeln. Ja, sie ist es! Judith steht an meinem Bett, nimmt meine Hand in die ihre und sieht mich liebevoll an. Es ist schön, sie zu sehen. Eine wahre Freundin ist, wer deine Hand nimmt, aber dein Herz berührt, und das tut sie. Sie fragt mich, ob mich die Geräusche des Fernsehers stören. Ich bejahe und sie bittet meinen Nachbarn, den Fernseher auszuschalten bzw. Kopfhörer zu benutzen. Judith ist entsetzt, dass auf einer Intensivstation überhaupt ein Fernseher steht. Ich auch. Die Nacht zieht sich. Auf die Idee, ein Schlafmittel zu verlangen, komme ich nicht. Herr Hamberger hingegen lässt die arme Krankenschwester im Dreieck springen. Schmerzen hier, Schmerzen da. Irgendwann reicht es ihr und sie schimpft ihn ordentlich.
Auf Station
Am nächsten Morgen werde ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt. Mein soziales Umfeld überwältigt mich. Julian, meine Töchter, Judith und Ingrid sind jeden Tag da. Ingrid bringt mir einen Apfelstrudel vom Lieblingsbäcker mit.
Erst später erfahre ich, welch große Sorgen sie sich um mich gemacht haben. Wie würden sie mich nach der Gehirnoperation vorfinden? Würde ich noch sprechen können? Werde ich noch die Marion sein, die sie kennen? Auch meine Freundinnen Sandra und Cordula schleichen aufgeregt herein und sind froh, mich lachend auf einer Bank sitzen zu sehen. Lyne und Robert, Julians Eltern, meine Mama und meine Freundin Sophie besuchen mich. Klaus bricht seine Trekking-Reise in Kirgistan ab, für die er ein ganzes Jahr trainiert hat. Eigentlich hatte ich meine Töchter darum gebeten, ihn nicht zu informieren. Ich war bereits operiert und es ging mir gut. Er sollte seinen Traum ausleben können. Aber Amelie war der Meinung, er müsste wissen, was los ist, und man solle ihm die Entscheidung überlassen, was er zu tun gedenkt. Klaus’ Entscheidung war schnell getroffen: Er möchte für seine Familie da sein. Ich bin nicht allein. Ein schönes Gefühl.
Die Ärzte, die mich operiert haben, sehe ich kein einziges Mal. Weder zur Vorbesprechung der OP noch danach. Überhaupt gibt es in der ganzen Zeit kein einziges Arztgespräch, das ich als wirklich aufschlussreiches Gespräch bezeichnen würde, wenngleich in den Arztberichten immer von „ausführlicher Aufklärung der Patientin“ die Rede ist. Einmal komme ich von der Toilette zurück und ein Ausdruck des MRTs nach der OP liegt auf meinem Nachttisch. Das sieht – soweit ich das beurteilen kann – ganz gut aus.
…

