Mein Weg der Enthinderung
Bündnis in zwei Hörwelten – hörend und taub
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-7116-1746-0
Erscheinungsdatum: 23.06.2026
Wie lebt man zwischen zwei Hörwelten? Reinhold Pölsler berichtet von seinem Leben mit einer seltenen Hörschwäche – von Herausforderungen, Erfolgen und dem Mut, trotz Einschränkungen seinen Weg zu gehen und anderen Betroffenen Hoffnung zu geben.
Schritte der Persönlichkeitsentwicklung
Meine Hör- und Sprachentwicklung
Es klingt heute noch sehr wohltuend und anerkennend in meinen Ohren nach, als mir in den Jahren des Besuches des Realgymnasiums in Leoben von Schulkollegen bei Veranstaltungen, Zusammenkünften und gemeinsamen Aktivitäten immer wieder gesagt wurde: „Reinhold, das hast du schön gesagt.“ Denn es ist mir aus dem Unterbewusstsein heraus immer wieder sehr gut gelungen, passende Worte zur Situation, zum Anlass der Zusammenkunft und zur gelingenden Gestaltung eines glücklichen Moments zu finden und auszusprechen.
Dabei war meine Sprachentwicklung von Kindheit an von ungünstigen Ereignissen überschattet. Die Erinnerungen an meine frühen Kindesjahre sind sehr lückenhaft. Das Schicksal hat mich früh aus der Bahn des kindlichen Emporstrebens geworfen. Meine Mutter war einen Augenblick unachtsam. Ich stürzte im ersten Lebensjahr vom Balkon im ersten Stock des damaligen Wohnhauses in Leoben. Als meine Mutter nach mir Ausschau hielt und auf den Balkon ging, war ich plötzlich verschwunden. Sie blickte über das Geländer und entdeckte mich auf dem Erdboden im Hof des Wohnhauses liegen. Leise vernahm sie mein wimmerndes Weinen, verständigte die Rettung und brachte mich in das Krankenhaus Leoben. Was genau dort behandelt wurde, konnte sie mir auf mein späteres Befragen nicht sagen. Es mag wohl meinem noch weicheren Knochengebilde zu verdanken sein, dass ich nicht schwere Brüche davontrug.
Diesem unglücklichen Sturz folgten in den Jahren danach viele, oft mehrwöchige Krankenhausaufenthalte zur Gesundung der Kopfverletzungen, die ich dabei erlitten hatte. Dadurch fehlte mir – aus heutiger Einschätzung – ein wichtiger Teil der Sprachentwicklung, die sich Kinder am Spielplatz durch den gegenseitigen Wortaustausch aneignen. Mir fehlten schon in der vorschulischen Zeit oft die Worte, die Kinder heraussprudeln, wenn sie etwas zu erzählen hatten. Ging ich mit meiner jüngeren Schwester ins Kino, so erzählte sie zu Hause auf die Frage „Wie hat es euch gefallen?“ in einem Wortschwall, was sie alles gesehen und freudvoll beobachtet hatte. Ich dagegen antwortete kurz: „Schön war es.“ In diesem Rückblick fällt mir ein, dass ich lieber mit unserem Jagdhund spielte und mit ihm in der Hundebehausung in der Küche unserer Wohnung blödelte. An diese mit inhaltslosen Worten begleitete Spielerei im Hundehaus erinnere ich mich heute noch so gut, als wäre es erst gestern gewesen.
Meine jüngere Schwester begann im späteren ehelichen Leben, Erzählungen, Gedichte und ganze Bücher zu schreiben. Darin befindet sich auch die Begebenheit, als mich meine Mutter fragte, ob ich lieber einen Bruder oder eine Schwester haben möchte. Meine Antwort hat sie vermutlich aus den Gedanken der weiteren Familienentwicklung gerissen, als ich daraufhin spontan aussprach: „Ich möchte lieber einen Hund.“ So kam es, dass mein Vater nach einem jungen Jagdhund Ausschau hielt. Vater war in der Freizeit leidenschaftlicher Heger und Beobachter von Wildtieren, die es in den Bergen der Obersteiermark gab: Hirsche, Tiere, Rehe und Gämsen. Seine Wahl fiel auf einen Bayerischen Gebirgsschweißhund. Ein ihm bekannter Jäger, dessen Hündin gerade Junge geworfen hatte, bot ihm einen der jungen Hunde an. Er hieß nach dem Stammbaum „Baldur von Magdwieseck“. Wir gaben ihm einen anderen Namen. Und so bekam mein tierischer Kindheitsgefährte den Namen „Bertram“.
Bertram wurde in den Jahren meines Heranwachsens mein Lebensbegleiter. Mein Vater richtete ihn zu einem Schweißhund ab. Bertram lernte, im Falle eines nicht gut getroffenen Wildtieres das Blut dieses Wildtieres, den jägerisch genannten „Schweiß“, mit der Nase aufzunehmen und der Schweißspur so lange zu folgen, bis er das schwache, dann meist bereits liegende Tier gefunden hatte. Dazu verwendete der Jäger einen „Schweißriemen“. Dies war ein zehn Meter langer Lederriemen, der dem Hund einen gewissen Freiraum im Laufen und Suchen ermöglichte, schnell einmal nach links oder rechts abzubiegen. Denn häufig wechselte das angeschossene Wildtier im Laufen die Richtung, um zu entkommen.
Für mich war Bertram ein fixer Gefährte, den ich morgens, mittags und nachmittags aus dem Haus führte, um ihm die Möglichkeit zur Abgabe seiner Notdurft zu geben. Im siebenten Jahr seines Lebens entzündeten sich seine Pfoten durch das damals aggressive Streusalz auf den Gehsteigen, wenn es im Winter zu eisglatten Wegen kam. Mein Vater entschied, ihn vom Schmerz zu befreien, und ersuchte einen Jäger, Bertram zu erschießen und zu begraben. Dies geschah ohne mein Wissen. Erst als ich nach dem Ausbleiben von Bertram nachfragte, klärte mich mein Vater über das Ende des Hundelebens auf.
Der Dienstwagen meines Vaters für seine Fahrten zu Jägern und Bauern in der Forstverwaltung, in der er als Landwirtschaftsberater angestellt war, war ein Kübelwagen (VW Typ 82) aus dem Restbestand der Deutschen Wehrmacht. Mit diesem robusten Fahrzeug lernte ich das Autofahren. Auf Teilstrecken der Forststraßen in der Waldgegend, in der unsere Almhütte lag, erprobte ich mein Fahrkönnen. Mein Vater zeigte mir im Alter von siebzehn Jahren, wie das Auto gesteuert werden konnte. Zum Schalten der einzelnen Gänge musste wie bei alten Lastkraftwagen Zwischengas gegeben werden, um die einzelnen Fahrstufen einigermaßen ohne Aufheulen des Motors einlegen zu können. Wenige Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag trat ich bereits zur Fahrprüfung an und erhielt die Berechtigung zum selbständigen Lenken eines Pkw. Mein Vater hatte inzwischen vom Angebot Gebrauch gemacht, den Kübelwagen zu kaufen und ihn als Privatfahrzeug zu verwenden. Ab dieser Zeit war ich mit dem Auto mehr unterwegs als er. Ich lud bei Schönwetter Freunde und Freundinnen zu Ausfahrten im Umkreis von Leoben ein. Dies war immer ein sehr heiteres Unternehmen, weil ich das Faltdach nach hinten zusammengeklappt hatte und wir junge Insassen mit viel Geschrei, Gelächter und lautem Gesang den Straßenverkehr belebten. Es war eine Besonderheit, mit dem Kübelwagen durch die Gegend zu fahren und durch das Aussehen des Fahrzeuges bewundernde und anerkennende Blicke zu erhalten.
Im heutigen Rückblick auf meine Hör- und Sprachentwicklung in der Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener finde ich keine Lücken darin, zu wenig verstanden und zu wenig gesprochen zu haben. Vermutlich hatte ich gelernt, mit der Hörschwäche unbewusst gut umzugehen, nachzufragen, wenn ich etwas nicht verstanden hatte, und über Erlebnisse zu sprechen, so wie ich es in der Schule und in der Freizeit gelernt hatte.
Als ich noch ein Jaga-Bua war
In einer großen Dienstwohnung in einem alten Gemeindehaus in Göß bei Leoben wuchsen meine beiden Schwestern und ich auf. Zusätzlich verbrachten wir viele Jahre hindurch die Sommerferien auf unserer Almhütte im Klein-Gößgraben. Mein Vater pachtete von einem Betriebsangehörigen die von diesem erbaute Hütte am Ende des Grabens in 1200 Meter Seehöhe. Neben dieser eingeschossigen Holzbaracke errichtete mein Vater einen Hochsitz, von dem aus er, und oft auch ich, die vom Wald auf die Lichtungen herausziehenden Rehe beobachten konnte. Dies war eine schweigsame Beschäftigung. Denn es musste ruhig und ohne Bewegung beobachtet werden, ob sich am Übergang vom dichteren Wald auf die kahl geschlagene Lichtung etwas bewegte. Die Begleitung des Vaters auf seinen Wildbeobachtungen von frühen Kindesjahren an hat mich zu einem ruhigen Buben erzogen. Ich lernte das leise Auftreten am Waldboden und auf den Jägersteigen, das Beobachten mit dem Fernglas und das geduldige Warten darauf, dass sich ein Wildtier zeigt und Abwechslung in den schweigsamen Ablauf des Wildbeobachtens brachte.
Ich trug wie mein Vater immer eine Lederhose, sommers wie winters, und einen Hut, wie es bei Jägern üblich war. Ein würdiger Jagdhut trug als Zierde einen Bart aus Hirsch- oder Gamshaaren. Zu einer längeren Pirsch gehörte natürlich auch die Stärkung. Dazu trug ich in meinem kleinen Rucksack eine Jause mit und ließ sie mir in guter Waldluft wohl schmecken.
An eine Jagdbegleitung erinnere ich mich heute noch sehr detailreich. Jährlich im Oktober war es Tradition, an der Hubertusjagd teilzunehmen. Berechtigte Jäger und Jagdfreunde fuhren in das Waldgebiet in einen der Gräben rund um Göß. Dort wurden dann die jagdfreudigen Männer und Frauen auf bestimmten Plätzen verteilt. Eine Gruppe von Forstarbeitern und Holzfällern streifte lautstark durch den Wald und schreckte damit die dort ruhenden Wildtiere auf. Man hörte schon von Weitem, wenn diese Gruppe mit Stöcken an Baumstämme schlagend und mit Ausrufen lärmend immer näher kam. Mein Vater und ich verharrten ruhig auf dem uns zugewiesenen Platz, versteckt in einer kleinen Lichtung im umgebenden Jungwald, und warteten geduldig, ob die lautstark zu hörende „Treibergruppe“, so wurde die das Wild herantreibende Männergruppe genannt, ein Wildtier aufscheuchen würde. Uns gegenüber war eine kahl geschlagene Lichtung, an die auf der rechten Seite ein Wald angrenzte.
Plötzlich sahen wir, dass sich im Wald etwas hin zur Lichtung bewegte. Mein Vater griff zum Fernglas und erkannte einen auf der Flucht befindlichen Hirsch. Dieser kam aus dem gegenüberliegenden Waldstück heraus und sprang direkt auf uns zu. Dann nahm mein Vater sein Gewehr in die Hand und zielte in die Richtung des laufenden Hirsches. Plötzlich rief Vater ein lautstarkes BRRR aus. Der Hirsch nahm dies wahr und stoppte wie gebannt seinen Lauf. Dann krachte es aus dem Gewehr und der Hirsch brach in einer Entfernung von circa 50 Metern zusammen. Als die Ruhe wieder eingetreten war, fragte ich meinen Vater: „Warum hast du BRRR gemacht?“ Er erklärte mir dann anschaulich, dass er nicht auf den Hirsch hätte zielen und diesen nicht hätte erlegen können, wenn dieser im Lauf herankam. Um den Lauf zu stoppen, hatte er den Hirsch mit dem BRRR überrascht, was sichtlich seine Wirkung zeigte.
Wir mussten anschließend warten, bis die Treibjagd zu Ende war. Dies wurde mit einer Jagdhorn-Tonfolge akustisch angezeigt. Als diese Horntöne erklangen, standen wir auf und gingen zum erlegten Hirsch hin. Vater hatte ihn mit seinem Schuss gut getroffen, wie es von erfahrenen Jägern auch erwartet wurde. Als dann benachbart aufgestellte Jäger zu uns kamen, weil sie den Schuss gehört hatten, wurde der Hirsch aufgebrochen – so nennt man in der Jägersprache das Aufschneiden des Bauches und das Herausnehmen der Eingeweide – und für den Abtransport im Geländewagen vorbereitet.
In einem talauswärts liegenden Gasthaus wurde dann das Jagderlebnis aller teilnehmenden Jäger und Treiber gefeiert. Bei Gulasch und Bier wurde auf die erfolgreiche Jagd angestoßen. Die erlegten Wildtiere waren vor dem Gasthaus für Jäger und Besucher öffentlich sichtbar aufgelegt. Es waren die stolzen Trophäen der diesjährigen Hubertusjagd. Jene Jäger, die ihren ersten Hirsch geschossen hatten, wurden waidmännisch mit dem Hirschfänger – einem großen, dolchartigen Messer – zum Waidmann geschlagen. Dazu mussten sich die Betroffenen auf den von ihnen erlegten Hirsch legen. Dann kam der Oberjäger und vollzog mit kräftigen Schlägen auf das Hinterteil des Jägers diesen Jägersbrauch. Dieses Mal war auch mein Vater unter den Erstlingen. Nach den Schlägen auf seinen Hosenboden verlor er beim Aufstehen, wohl aus der inneren Erregung heraus, das Gleichgewicht und sackte zusammen. Schnell eilten die herumstehenden Jäger zu ihm, hoben ihn auf und begleiteten ihn in die Gaststube. Dort erholte er sich rasch.
Wenn ich heute im Bewusstsein meiner Höreinschränkung über diese Zeit der Jagdbegleitung meines Vaters nachdenke, entdecke ich in mir Gedanken und Gefühle, dass es für mich angenehm war, ruhig zu sitzen und nicht reden zu müssen. Ich konnte mich auf die Wildbeobachtung mit den Augen konzentrieren. Das Hören war in dieser Situation nicht wichtig.
Schulische Ausbildungen
Die Volksschule in Göß stand in direkter Nachbarschaft zu unserem Wohnhaus. Der Schulweg dorthin war in wenigen Minuten geschafft. Wohl ein Vorteil gegenüber jenen Kindern, die aus den umliegenden Gräben kamen und oft lange Fußwege und Busfahrten absolvieren mussten, ehe sie das Schulgebäude betreten konnten. Da ich ein im Oktober geborenes Kind bin, begann mein Schulbesuch ein Jahr später, als ich bereits kurz vor dem siebten Geburtstag stand. Inwieweit sich meine erst in dieser Zeit festgestellte Hörschwäche auf den Schulalltag ungünstig auswirkte, kann ich heute nicht mehr beurteilen. Den Volksschulzeugnissen nach war ich ein guter Schüler, der die Befähigung mitbrachte, anschließend in das Gymnasium zu gehen. Ich hatte in jeder der vier Volksschulklassen eine andere Lehrperson. In der dritten Klasse war es der Direktor der Schule selbst, der uns unterrichtete. Er war sehr streng und tadelte Ungehorsamkeiten mit Schlägen.
Der Besuch des Bundesrealgymnasiums in Leoben begann für meine Mutter mit einer Schrecksekunde. Am ersten Elternsprechtag besuchte sie die Deutschprofessorin und erfuhr dort unvorbereitet: „Ihr Sohn wird in dieser Schule nicht alt.“ Dies klingt heute noch in meinen Ohren nach, als würde es mir Mutter erst gestern gesagt haben. Als 11-jähriger Bub konnte ich damals die Bedeutung dieser Aussage nicht einordnen. Besonders in sprachlichen Gegenständen wie Deutsch, Englisch, Latein und Französisch hatte ich während der acht Jahre des Besuches an der Höheren Schule immer schlechte Noten, keine bessere als Genügend (4). Zweimal musste ich in Englisch zu einer Nachprüfung im Herbst antreten, um meine Eignung für den Aufstieg in die nächste Klasse nachweisen zu können. Dies war in den Ferien mit dem Verzicht auf Freizeitbeschäftigung verbunden. Zur Vorbereitung auf die Nachprüfung saß ich viele Stunden im Nachhilfeunterricht und musste das dort Gelernte zu Hause üben. Die Nachhilfe hat immer wieder gereicht, um den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse zu schaffen.
In meiner Freizeit besuchte ich in den ersten Jahren der Gymnasialzeit viele Veranstaltungen der Katholischen Jungschar. In Kärnten am Rauschelesee blieb mir ein Ferienlager besonders gut in Erinnerung. Es war üblich, die Wimpel der Jungschargruppe Tag und Nacht zu beaufsichtigen. So kam ich mit fünfzehn Jahren zu meinem ersten Wachdienst in der Nacht, von zwei bis vier Uhr morgens. Diese zwei Nachtstunden blieben deshalb in so frischer Erinnerung, weil ich an einem Baumstamm gelehnt bewusst mitverfolgen konnte, wie es ganz langsam zu dämmern begann und mit dem zunehmenden Hellerwerden die Nacht zum Tag wurde. Es gab während dieses Wachdienstes glücklicherweise keine Vorkommnisse. Ich konnte mich um vier Uhr wieder in das Zelt zum Schlafen legen. In manchen Nächten kam es das eine oder andere Mal schon zu Überraschungen, als in der Nähe sich aufhaltende Jugendgruppen versuchten, während der Nacht die Wimpel zu stehlen. Zum Auslösen der Wimpel musste die „räuberische“ Gruppe eingeladen und bewirtet werden.
Lausbubengeschichten
Im heutigen Rückblick auf mein jugendliches Leben verstehe ich immer mehr, warum ich so viele Lausbubengeschichten angestellt oder mitgemacht hatte. Es war ein verstecktes Ringen um Anerkennung, die ich als hör- und spracheingeschränkter Junge nicht in dem ausreichenden Maß erhielt. Geheim hätte ich sie mir vermutlich gewünscht, dass sie mich besser in der jugendlichen Entwicklung aufrichtet. Ich habe fast drei Jahrzehnte lang gebraucht, aus der kopfgesenkten Haltung herauszukommen.
Mit meinem heutigen Sprachinteresse möchte ich dem Begriff „Lausbub“ nachgehen. Das Internet hält schnell eine Erklärung bereit, dass es sich dabei um einen Jungen handelt, der zu allerlei dummen und unangebrachten Streichen aufgelegt ist. So ein Motivationsgeist steckte auch in mir. Als Kind, das zu Hause mit strengen Erziehungsregeln aufgewachsen ist, steckten zwei Triebanteile in mir: Zu Hause war ich das brave Kind, der ruhige Reinhold. Außerhalb der Wohnung, wo die elterliche Aufsicht fehlte, spornten mich Anerkennungstriebe an, außergewöhnliche, die Grenzen des Erlaubten und Gutheißenden auszuloten und eben auch zu übersteigen. Ich vermute heute, dass meine Eltern nicht ganz verstanden haben, warum ich diese zwei Lebensarten zeigte, eben die brave und die lausbubengetriebene. Denn meine Hörschwäche und die daraus abzuleitenden Verhaltensweisen haben sie nicht tiefergründiger beachtet.
Meine früheste Erinnerung reicht in die Volksschulzeit zurück. In einem kleinen Wiesenstück hinter dem Haus lagen leere Bierflaschen herum. Ich war in Begleitung von einem Schulfreund. Da hatte ich die Idee, wir zertrümmern diese Flaschen, indem wir sie an die Hauswand werfen. Es bemerkte uns niemand bei dieser klirrenden Tat. Nicht alle Flaschen gingen beim ersten Wurf vollständig zu Bruch. Also nahm ich den Rest einer angeschlagenen Flasche und warf sie neuerlich an die Wand. Beim Wurf rutschte die mit scharfen Kanten versehene Flasche ungünstig durch meine Finger und schnitt mich an der Handinnenseite auf. Die Wunde begann stark zu bluten. Ich beendete das verletzende Wurfspiel und eilte zu meinen Eltern. Dort musste ich natürlich berichten, wie es zu diesem Schnitt kam. Mein schlechtes Gewissen verleitete mich dazu, nicht die Wahrheit zu erzählen. Ich schob die Schuld meinem Freund zu und erfand eine völlig neue Geschichte über das Geschehene. Um die Wunde zu untersuchen, läuteten sie beim Hausarzt an, der glücklicherweise seine Ordination im gleichen Haus hatte. Dieser stoppte das Bluten mit einem dicken Wundverband und meinte, die Verletzung durch Fremdverschulden müsse bei der Polizei angezeigt werden.
Daraufhin ging meine Mutter mit mir auf die Polizei-Wachstube und erstattete dort Anzeige. Beim Berichten vor dem aufnehmenden Polizisten verwickelte ich mich in immer mehr Widersprüche. Schließlich raffte ich mich auf, die Wahrheit zu erzählen und das Fremdverschulden zu verwerfen. Meine Mutter war entsetzt und trat mit mir den Rückweg nach Hause an. Dort erhielt ich die wohlverdienten Schimpfworte. Ob ich auch eine Ohrfeige oder Schläge auf meinen Hinterteil bekam, weiß ich heute nicht mehr. Ich zog vielmehr die Lehre daraus, dass ich mit einer Lüge keinen guten Weg eingeschlagen hatte. „Lügen haben kurze Beine.“, heißt es im Sprichwort. Mit kurzen Beinen kommt man nicht weit.
Eine zweite Lausbubengeschichte ereignete sich in meiner Gymnasialzeit. In einer Unterrichtspause am Vormittag bekamen wir täglich Milchkakao in kleinen Glasflaschen zum Trinken. Diese Flaschen wurden von der Molkerei in einem Flaschenkasten aus Kunststoff angeliefert. Nach dem Trinken wurden die leeren Flaschen wieder in die Kästen zurückgestellt. Da bot sich eine Herausforderung für mich und einige Kollegen an, die nicht mit der Kastenverwendung vorgesehen war. Wir übten uns darin, die Flaschen aus der Brusthöhe in die Ausnehmungen zu zielen und dann loszulassen. Es erforderte ein genaues Zielen, damit die Flasche am Ausnehmungsrand nicht zu Bruch ging. Einige erreichten ihr Ziel, aber leider nicht alle. Vermutlich war ich der Rädelsführer.
Das Zersplittern der Flaschen war weit am Gang zu hören. Ob ich von Kolleginnen oder Kollegen verraten worden bin oder ob mich die Gangaufsicht gehört und beobachtet hatte, das weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls stand die Deutschprofessorin plötzlich neben mir und tadelte mich mit der Androhung einer „saftigen“ Strafe. In der nächsten Deutschunterrichtsstunde wurde ich vor der versammelten Klasse auf mein Fehlverhalten in der Pause hingewiesen. Die Strafe war wirklich „saftig“. Ich musste die 425-zeilige Ballade von Friedrich Schiller „Das Lied von der Glocke“ auswendig lernen und vor der Klasse vortragen. Da saß ich wirklich lange dabei, um mir alles zu merken. Den Beginn kann ich heute noch:
„Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt“
Der Tadel zu Hause blieb mir erspart, als meine Mutter hörte, welche Strafe ich erhalten hatte. Sie prüfte mich am Ende des sich hinziehenden Lernprozesses und half mir mit den Anfangswörtern, wenn sie mir nicht gleich einfielen. Das Vortragen in einer der folgenden Unterrichtsstunden gelang mir nach der langen Lernzeit recht gut. Die Deutschprofessorin erkannte während des Aufsagens, dass ich die Ballade wirklich auswendig konnte, und ersparte mir nach einem Viertel oder Drittel der Verse den weiteren Vortrag. Sie ermahnte bei dieser Gelegenheit die Klasse, sich in den Unterrichtspausen anständig zu betragen, um solche Strafen zu vermeiden.
Meine Hör- und Sprachentwicklung
Es klingt heute noch sehr wohltuend und anerkennend in meinen Ohren nach, als mir in den Jahren des Besuches des Realgymnasiums in Leoben von Schulkollegen bei Veranstaltungen, Zusammenkünften und gemeinsamen Aktivitäten immer wieder gesagt wurde: „Reinhold, das hast du schön gesagt.“ Denn es ist mir aus dem Unterbewusstsein heraus immer wieder sehr gut gelungen, passende Worte zur Situation, zum Anlass der Zusammenkunft und zur gelingenden Gestaltung eines glücklichen Moments zu finden und auszusprechen.
Dabei war meine Sprachentwicklung von Kindheit an von ungünstigen Ereignissen überschattet. Die Erinnerungen an meine frühen Kindesjahre sind sehr lückenhaft. Das Schicksal hat mich früh aus der Bahn des kindlichen Emporstrebens geworfen. Meine Mutter war einen Augenblick unachtsam. Ich stürzte im ersten Lebensjahr vom Balkon im ersten Stock des damaligen Wohnhauses in Leoben. Als meine Mutter nach mir Ausschau hielt und auf den Balkon ging, war ich plötzlich verschwunden. Sie blickte über das Geländer und entdeckte mich auf dem Erdboden im Hof des Wohnhauses liegen. Leise vernahm sie mein wimmerndes Weinen, verständigte die Rettung und brachte mich in das Krankenhaus Leoben. Was genau dort behandelt wurde, konnte sie mir auf mein späteres Befragen nicht sagen. Es mag wohl meinem noch weicheren Knochengebilde zu verdanken sein, dass ich nicht schwere Brüche davontrug.
Diesem unglücklichen Sturz folgten in den Jahren danach viele, oft mehrwöchige Krankenhausaufenthalte zur Gesundung der Kopfverletzungen, die ich dabei erlitten hatte. Dadurch fehlte mir – aus heutiger Einschätzung – ein wichtiger Teil der Sprachentwicklung, die sich Kinder am Spielplatz durch den gegenseitigen Wortaustausch aneignen. Mir fehlten schon in der vorschulischen Zeit oft die Worte, die Kinder heraussprudeln, wenn sie etwas zu erzählen hatten. Ging ich mit meiner jüngeren Schwester ins Kino, so erzählte sie zu Hause auf die Frage „Wie hat es euch gefallen?“ in einem Wortschwall, was sie alles gesehen und freudvoll beobachtet hatte. Ich dagegen antwortete kurz: „Schön war es.“ In diesem Rückblick fällt mir ein, dass ich lieber mit unserem Jagdhund spielte und mit ihm in der Hundebehausung in der Küche unserer Wohnung blödelte. An diese mit inhaltslosen Worten begleitete Spielerei im Hundehaus erinnere ich mich heute noch so gut, als wäre es erst gestern gewesen.
Meine jüngere Schwester begann im späteren ehelichen Leben, Erzählungen, Gedichte und ganze Bücher zu schreiben. Darin befindet sich auch die Begebenheit, als mich meine Mutter fragte, ob ich lieber einen Bruder oder eine Schwester haben möchte. Meine Antwort hat sie vermutlich aus den Gedanken der weiteren Familienentwicklung gerissen, als ich daraufhin spontan aussprach: „Ich möchte lieber einen Hund.“ So kam es, dass mein Vater nach einem jungen Jagdhund Ausschau hielt. Vater war in der Freizeit leidenschaftlicher Heger und Beobachter von Wildtieren, die es in den Bergen der Obersteiermark gab: Hirsche, Tiere, Rehe und Gämsen. Seine Wahl fiel auf einen Bayerischen Gebirgsschweißhund. Ein ihm bekannter Jäger, dessen Hündin gerade Junge geworfen hatte, bot ihm einen der jungen Hunde an. Er hieß nach dem Stammbaum „Baldur von Magdwieseck“. Wir gaben ihm einen anderen Namen. Und so bekam mein tierischer Kindheitsgefährte den Namen „Bertram“.
Bertram wurde in den Jahren meines Heranwachsens mein Lebensbegleiter. Mein Vater richtete ihn zu einem Schweißhund ab. Bertram lernte, im Falle eines nicht gut getroffenen Wildtieres das Blut dieses Wildtieres, den jägerisch genannten „Schweiß“, mit der Nase aufzunehmen und der Schweißspur so lange zu folgen, bis er das schwache, dann meist bereits liegende Tier gefunden hatte. Dazu verwendete der Jäger einen „Schweißriemen“. Dies war ein zehn Meter langer Lederriemen, der dem Hund einen gewissen Freiraum im Laufen und Suchen ermöglichte, schnell einmal nach links oder rechts abzubiegen. Denn häufig wechselte das angeschossene Wildtier im Laufen die Richtung, um zu entkommen.
Für mich war Bertram ein fixer Gefährte, den ich morgens, mittags und nachmittags aus dem Haus führte, um ihm die Möglichkeit zur Abgabe seiner Notdurft zu geben. Im siebenten Jahr seines Lebens entzündeten sich seine Pfoten durch das damals aggressive Streusalz auf den Gehsteigen, wenn es im Winter zu eisglatten Wegen kam. Mein Vater entschied, ihn vom Schmerz zu befreien, und ersuchte einen Jäger, Bertram zu erschießen und zu begraben. Dies geschah ohne mein Wissen. Erst als ich nach dem Ausbleiben von Bertram nachfragte, klärte mich mein Vater über das Ende des Hundelebens auf.
Der Dienstwagen meines Vaters für seine Fahrten zu Jägern und Bauern in der Forstverwaltung, in der er als Landwirtschaftsberater angestellt war, war ein Kübelwagen (VW Typ 82) aus dem Restbestand der Deutschen Wehrmacht. Mit diesem robusten Fahrzeug lernte ich das Autofahren. Auf Teilstrecken der Forststraßen in der Waldgegend, in der unsere Almhütte lag, erprobte ich mein Fahrkönnen. Mein Vater zeigte mir im Alter von siebzehn Jahren, wie das Auto gesteuert werden konnte. Zum Schalten der einzelnen Gänge musste wie bei alten Lastkraftwagen Zwischengas gegeben werden, um die einzelnen Fahrstufen einigermaßen ohne Aufheulen des Motors einlegen zu können. Wenige Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag trat ich bereits zur Fahrprüfung an und erhielt die Berechtigung zum selbständigen Lenken eines Pkw. Mein Vater hatte inzwischen vom Angebot Gebrauch gemacht, den Kübelwagen zu kaufen und ihn als Privatfahrzeug zu verwenden. Ab dieser Zeit war ich mit dem Auto mehr unterwegs als er. Ich lud bei Schönwetter Freunde und Freundinnen zu Ausfahrten im Umkreis von Leoben ein. Dies war immer ein sehr heiteres Unternehmen, weil ich das Faltdach nach hinten zusammengeklappt hatte und wir junge Insassen mit viel Geschrei, Gelächter und lautem Gesang den Straßenverkehr belebten. Es war eine Besonderheit, mit dem Kübelwagen durch die Gegend zu fahren und durch das Aussehen des Fahrzeuges bewundernde und anerkennende Blicke zu erhalten.
Im heutigen Rückblick auf meine Hör- und Sprachentwicklung in der Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener finde ich keine Lücken darin, zu wenig verstanden und zu wenig gesprochen zu haben. Vermutlich hatte ich gelernt, mit der Hörschwäche unbewusst gut umzugehen, nachzufragen, wenn ich etwas nicht verstanden hatte, und über Erlebnisse zu sprechen, so wie ich es in der Schule und in der Freizeit gelernt hatte.
Als ich noch ein Jaga-Bua war
In einer großen Dienstwohnung in einem alten Gemeindehaus in Göß bei Leoben wuchsen meine beiden Schwestern und ich auf. Zusätzlich verbrachten wir viele Jahre hindurch die Sommerferien auf unserer Almhütte im Klein-Gößgraben. Mein Vater pachtete von einem Betriebsangehörigen die von diesem erbaute Hütte am Ende des Grabens in 1200 Meter Seehöhe. Neben dieser eingeschossigen Holzbaracke errichtete mein Vater einen Hochsitz, von dem aus er, und oft auch ich, die vom Wald auf die Lichtungen herausziehenden Rehe beobachten konnte. Dies war eine schweigsame Beschäftigung. Denn es musste ruhig und ohne Bewegung beobachtet werden, ob sich am Übergang vom dichteren Wald auf die kahl geschlagene Lichtung etwas bewegte. Die Begleitung des Vaters auf seinen Wildbeobachtungen von frühen Kindesjahren an hat mich zu einem ruhigen Buben erzogen. Ich lernte das leise Auftreten am Waldboden und auf den Jägersteigen, das Beobachten mit dem Fernglas und das geduldige Warten darauf, dass sich ein Wildtier zeigt und Abwechslung in den schweigsamen Ablauf des Wildbeobachtens brachte.
Ich trug wie mein Vater immer eine Lederhose, sommers wie winters, und einen Hut, wie es bei Jägern üblich war. Ein würdiger Jagdhut trug als Zierde einen Bart aus Hirsch- oder Gamshaaren. Zu einer längeren Pirsch gehörte natürlich auch die Stärkung. Dazu trug ich in meinem kleinen Rucksack eine Jause mit und ließ sie mir in guter Waldluft wohl schmecken.
An eine Jagdbegleitung erinnere ich mich heute noch sehr detailreich. Jährlich im Oktober war es Tradition, an der Hubertusjagd teilzunehmen. Berechtigte Jäger und Jagdfreunde fuhren in das Waldgebiet in einen der Gräben rund um Göß. Dort wurden dann die jagdfreudigen Männer und Frauen auf bestimmten Plätzen verteilt. Eine Gruppe von Forstarbeitern und Holzfällern streifte lautstark durch den Wald und schreckte damit die dort ruhenden Wildtiere auf. Man hörte schon von Weitem, wenn diese Gruppe mit Stöcken an Baumstämme schlagend und mit Ausrufen lärmend immer näher kam. Mein Vater und ich verharrten ruhig auf dem uns zugewiesenen Platz, versteckt in einer kleinen Lichtung im umgebenden Jungwald, und warteten geduldig, ob die lautstark zu hörende „Treibergruppe“, so wurde die das Wild herantreibende Männergruppe genannt, ein Wildtier aufscheuchen würde. Uns gegenüber war eine kahl geschlagene Lichtung, an die auf der rechten Seite ein Wald angrenzte.
Plötzlich sahen wir, dass sich im Wald etwas hin zur Lichtung bewegte. Mein Vater griff zum Fernglas und erkannte einen auf der Flucht befindlichen Hirsch. Dieser kam aus dem gegenüberliegenden Waldstück heraus und sprang direkt auf uns zu. Dann nahm mein Vater sein Gewehr in die Hand und zielte in die Richtung des laufenden Hirsches. Plötzlich rief Vater ein lautstarkes BRRR aus. Der Hirsch nahm dies wahr und stoppte wie gebannt seinen Lauf. Dann krachte es aus dem Gewehr und der Hirsch brach in einer Entfernung von circa 50 Metern zusammen. Als die Ruhe wieder eingetreten war, fragte ich meinen Vater: „Warum hast du BRRR gemacht?“ Er erklärte mir dann anschaulich, dass er nicht auf den Hirsch hätte zielen und diesen nicht hätte erlegen können, wenn dieser im Lauf herankam. Um den Lauf zu stoppen, hatte er den Hirsch mit dem BRRR überrascht, was sichtlich seine Wirkung zeigte.
Wir mussten anschließend warten, bis die Treibjagd zu Ende war. Dies wurde mit einer Jagdhorn-Tonfolge akustisch angezeigt. Als diese Horntöne erklangen, standen wir auf und gingen zum erlegten Hirsch hin. Vater hatte ihn mit seinem Schuss gut getroffen, wie es von erfahrenen Jägern auch erwartet wurde. Als dann benachbart aufgestellte Jäger zu uns kamen, weil sie den Schuss gehört hatten, wurde der Hirsch aufgebrochen – so nennt man in der Jägersprache das Aufschneiden des Bauches und das Herausnehmen der Eingeweide – und für den Abtransport im Geländewagen vorbereitet.
In einem talauswärts liegenden Gasthaus wurde dann das Jagderlebnis aller teilnehmenden Jäger und Treiber gefeiert. Bei Gulasch und Bier wurde auf die erfolgreiche Jagd angestoßen. Die erlegten Wildtiere waren vor dem Gasthaus für Jäger und Besucher öffentlich sichtbar aufgelegt. Es waren die stolzen Trophäen der diesjährigen Hubertusjagd. Jene Jäger, die ihren ersten Hirsch geschossen hatten, wurden waidmännisch mit dem Hirschfänger – einem großen, dolchartigen Messer – zum Waidmann geschlagen. Dazu mussten sich die Betroffenen auf den von ihnen erlegten Hirsch legen. Dann kam der Oberjäger und vollzog mit kräftigen Schlägen auf das Hinterteil des Jägers diesen Jägersbrauch. Dieses Mal war auch mein Vater unter den Erstlingen. Nach den Schlägen auf seinen Hosenboden verlor er beim Aufstehen, wohl aus der inneren Erregung heraus, das Gleichgewicht und sackte zusammen. Schnell eilten die herumstehenden Jäger zu ihm, hoben ihn auf und begleiteten ihn in die Gaststube. Dort erholte er sich rasch.
Wenn ich heute im Bewusstsein meiner Höreinschränkung über diese Zeit der Jagdbegleitung meines Vaters nachdenke, entdecke ich in mir Gedanken und Gefühle, dass es für mich angenehm war, ruhig zu sitzen und nicht reden zu müssen. Ich konnte mich auf die Wildbeobachtung mit den Augen konzentrieren. Das Hören war in dieser Situation nicht wichtig.
Schulische Ausbildungen
Die Volksschule in Göß stand in direkter Nachbarschaft zu unserem Wohnhaus. Der Schulweg dorthin war in wenigen Minuten geschafft. Wohl ein Vorteil gegenüber jenen Kindern, die aus den umliegenden Gräben kamen und oft lange Fußwege und Busfahrten absolvieren mussten, ehe sie das Schulgebäude betreten konnten. Da ich ein im Oktober geborenes Kind bin, begann mein Schulbesuch ein Jahr später, als ich bereits kurz vor dem siebten Geburtstag stand. Inwieweit sich meine erst in dieser Zeit festgestellte Hörschwäche auf den Schulalltag ungünstig auswirkte, kann ich heute nicht mehr beurteilen. Den Volksschulzeugnissen nach war ich ein guter Schüler, der die Befähigung mitbrachte, anschließend in das Gymnasium zu gehen. Ich hatte in jeder der vier Volksschulklassen eine andere Lehrperson. In der dritten Klasse war es der Direktor der Schule selbst, der uns unterrichtete. Er war sehr streng und tadelte Ungehorsamkeiten mit Schlägen.
Der Besuch des Bundesrealgymnasiums in Leoben begann für meine Mutter mit einer Schrecksekunde. Am ersten Elternsprechtag besuchte sie die Deutschprofessorin und erfuhr dort unvorbereitet: „Ihr Sohn wird in dieser Schule nicht alt.“ Dies klingt heute noch in meinen Ohren nach, als würde es mir Mutter erst gestern gesagt haben. Als 11-jähriger Bub konnte ich damals die Bedeutung dieser Aussage nicht einordnen. Besonders in sprachlichen Gegenständen wie Deutsch, Englisch, Latein und Französisch hatte ich während der acht Jahre des Besuches an der Höheren Schule immer schlechte Noten, keine bessere als Genügend (4). Zweimal musste ich in Englisch zu einer Nachprüfung im Herbst antreten, um meine Eignung für den Aufstieg in die nächste Klasse nachweisen zu können. Dies war in den Ferien mit dem Verzicht auf Freizeitbeschäftigung verbunden. Zur Vorbereitung auf die Nachprüfung saß ich viele Stunden im Nachhilfeunterricht und musste das dort Gelernte zu Hause üben. Die Nachhilfe hat immer wieder gereicht, um den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse zu schaffen.
In meiner Freizeit besuchte ich in den ersten Jahren der Gymnasialzeit viele Veranstaltungen der Katholischen Jungschar. In Kärnten am Rauschelesee blieb mir ein Ferienlager besonders gut in Erinnerung. Es war üblich, die Wimpel der Jungschargruppe Tag und Nacht zu beaufsichtigen. So kam ich mit fünfzehn Jahren zu meinem ersten Wachdienst in der Nacht, von zwei bis vier Uhr morgens. Diese zwei Nachtstunden blieben deshalb in so frischer Erinnerung, weil ich an einem Baumstamm gelehnt bewusst mitverfolgen konnte, wie es ganz langsam zu dämmern begann und mit dem zunehmenden Hellerwerden die Nacht zum Tag wurde. Es gab während dieses Wachdienstes glücklicherweise keine Vorkommnisse. Ich konnte mich um vier Uhr wieder in das Zelt zum Schlafen legen. In manchen Nächten kam es das eine oder andere Mal schon zu Überraschungen, als in der Nähe sich aufhaltende Jugendgruppen versuchten, während der Nacht die Wimpel zu stehlen. Zum Auslösen der Wimpel musste die „räuberische“ Gruppe eingeladen und bewirtet werden.
Lausbubengeschichten
Im heutigen Rückblick auf mein jugendliches Leben verstehe ich immer mehr, warum ich so viele Lausbubengeschichten angestellt oder mitgemacht hatte. Es war ein verstecktes Ringen um Anerkennung, die ich als hör- und spracheingeschränkter Junge nicht in dem ausreichenden Maß erhielt. Geheim hätte ich sie mir vermutlich gewünscht, dass sie mich besser in der jugendlichen Entwicklung aufrichtet. Ich habe fast drei Jahrzehnte lang gebraucht, aus der kopfgesenkten Haltung herauszukommen.
Mit meinem heutigen Sprachinteresse möchte ich dem Begriff „Lausbub“ nachgehen. Das Internet hält schnell eine Erklärung bereit, dass es sich dabei um einen Jungen handelt, der zu allerlei dummen und unangebrachten Streichen aufgelegt ist. So ein Motivationsgeist steckte auch in mir. Als Kind, das zu Hause mit strengen Erziehungsregeln aufgewachsen ist, steckten zwei Triebanteile in mir: Zu Hause war ich das brave Kind, der ruhige Reinhold. Außerhalb der Wohnung, wo die elterliche Aufsicht fehlte, spornten mich Anerkennungstriebe an, außergewöhnliche, die Grenzen des Erlaubten und Gutheißenden auszuloten und eben auch zu übersteigen. Ich vermute heute, dass meine Eltern nicht ganz verstanden haben, warum ich diese zwei Lebensarten zeigte, eben die brave und die lausbubengetriebene. Denn meine Hörschwäche und die daraus abzuleitenden Verhaltensweisen haben sie nicht tiefergründiger beachtet.
Meine früheste Erinnerung reicht in die Volksschulzeit zurück. In einem kleinen Wiesenstück hinter dem Haus lagen leere Bierflaschen herum. Ich war in Begleitung von einem Schulfreund. Da hatte ich die Idee, wir zertrümmern diese Flaschen, indem wir sie an die Hauswand werfen. Es bemerkte uns niemand bei dieser klirrenden Tat. Nicht alle Flaschen gingen beim ersten Wurf vollständig zu Bruch. Also nahm ich den Rest einer angeschlagenen Flasche und warf sie neuerlich an die Wand. Beim Wurf rutschte die mit scharfen Kanten versehene Flasche ungünstig durch meine Finger und schnitt mich an der Handinnenseite auf. Die Wunde begann stark zu bluten. Ich beendete das verletzende Wurfspiel und eilte zu meinen Eltern. Dort musste ich natürlich berichten, wie es zu diesem Schnitt kam. Mein schlechtes Gewissen verleitete mich dazu, nicht die Wahrheit zu erzählen. Ich schob die Schuld meinem Freund zu und erfand eine völlig neue Geschichte über das Geschehene. Um die Wunde zu untersuchen, läuteten sie beim Hausarzt an, der glücklicherweise seine Ordination im gleichen Haus hatte. Dieser stoppte das Bluten mit einem dicken Wundverband und meinte, die Verletzung durch Fremdverschulden müsse bei der Polizei angezeigt werden.
Daraufhin ging meine Mutter mit mir auf die Polizei-Wachstube und erstattete dort Anzeige. Beim Berichten vor dem aufnehmenden Polizisten verwickelte ich mich in immer mehr Widersprüche. Schließlich raffte ich mich auf, die Wahrheit zu erzählen und das Fremdverschulden zu verwerfen. Meine Mutter war entsetzt und trat mit mir den Rückweg nach Hause an. Dort erhielt ich die wohlverdienten Schimpfworte. Ob ich auch eine Ohrfeige oder Schläge auf meinen Hinterteil bekam, weiß ich heute nicht mehr. Ich zog vielmehr die Lehre daraus, dass ich mit einer Lüge keinen guten Weg eingeschlagen hatte. „Lügen haben kurze Beine.“, heißt es im Sprichwort. Mit kurzen Beinen kommt man nicht weit.
Eine zweite Lausbubengeschichte ereignete sich in meiner Gymnasialzeit. In einer Unterrichtspause am Vormittag bekamen wir täglich Milchkakao in kleinen Glasflaschen zum Trinken. Diese Flaschen wurden von der Molkerei in einem Flaschenkasten aus Kunststoff angeliefert. Nach dem Trinken wurden die leeren Flaschen wieder in die Kästen zurückgestellt. Da bot sich eine Herausforderung für mich und einige Kollegen an, die nicht mit der Kastenverwendung vorgesehen war. Wir übten uns darin, die Flaschen aus der Brusthöhe in die Ausnehmungen zu zielen und dann loszulassen. Es erforderte ein genaues Zielen, damit die Flasche am Ausnehmungsrand nicht zu Bruch ging. Einige erreichten ihr Ziel, aber leider nicht alle. Vermutlich war ich der Rädelsführer.
Das Zersplittern der Flaschen war weit am Gang zu hören. Ob ich von Kolleginnen oder Kollegen verraten worden bin oder ob mich die Gangaufsicht gehört und beobachtet hatte, das weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls stand die Deutschprofessorin plötzlich neben mir und tadelte mich mit der Androhung einer „saftigen“ Strafe. In der nächsten Deutschunterrichtsstunde wurde ich vor der versammelten Klasse auf mein Fehlverhalten in der Pause hingewiesen. Die Strafe war wirklich „saftig“. Ich musste die 425-zeilige Ballade von Friedrich Schiller „Das Lied von der Glocke“ auswendig lernen und vor der Klasse vortragen. Da saß ich wirklich lange dabei, um mir alles zu merken. Den Beginn kann ich heute noch:
„Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt“
Der Tadel zu Hause blieb mir erspart, als meine Mutter hörte, welche Strafe ich erhalten hatte. Sie prüfte mich am Ende des sich hinziehenden Lernprozesses und half mir mit den Anfangswörtern, wenn sie mir nicht gleich einfielen. Das Vortragen in einer der folgenden Unterrichtsstunden gelang mir nach der langen Lernzeit recht gut. Die Deutschprofessorin erkannte während des Aufsagens, dass ich die Ballade wirklich auswendig konnte, und ersparte mir nach einem Viertel oder Drittel der Verse den weiteren Vortrag. Sie ermahnte bei dieser Gelegenheit die Klasse, sich in den Unterrichtspausen anständig zu betragen, um solche Strafen zu vermeiden.

