Alltag & Lebensführung

Mein Kampf gegen den Unterleibskrebs

Karina Kolbe

Mein Kampf gegen den Unterleibskrebs

Leseprobe:

<strong>1. Mein Kampf gegen den Unterleibskrebs</strong><strong>1.1 Wie ein Blitz aus heiterem Himmel</strong>

Blut – ich starre auf meinen Slip. Zweifelsfrei – das war Blut! Woher kommt das nur?
Seitdem ich die Pille vor zwei Jahren abgesetzt habe, hatte ich keine Periode mehr.
Während des Klimakteriums war mir die Pille verschrieben worden, um die Hitzewallungen und die Schlaflosigkeit zu mildern, und das war gut so, denn ich war noch berufstätig. Doch nun? Und ausgerechnet im Urlaub! Was sollte ich nur tun?
Die von unserem Urlaub noch verbleibenden zwei Tage auf Gran Canaria musste ich durchhalten. Zu Hause würde ich dann zum Arzt gehen. Die merkwürdigen Rückenschmerzen der letzten Tage, die ich kaum beachtete, könnten die Blutungen erklären.
Und dabei hatten wir uns auf der Insel so prächtig erholt. Es war nahezu perfekt.
Unsere großzügige Hotelanlage war nur durch die Promenade vom Meer getrennt. Wir hatten eine geräumige Wohnung in einem Doppelbungalow gemietet. Er lag inmitten einer weitläufigen Gartenanlage mit großen, schattenspendenden Palmen, rot blühenden Hibiskushecken und duftenden Rosenbüschen. Und direkt vor unserem Haus lud der Swimmingpool zur Erfrischung ein.
Tagtäglich nach dem üppigen Frühstück auf der Hotelterrasse unternahmen wir einen Verdauungsspaziergang auf der gepflegten Uferpromenade, vorbei an den typischen Geschäften für Touristen. Abends, wenn die Lokale mit spanischen Rhythmen und Laternenschein zur Einkehr einluden, sogen wir die sanfte Meeresluft in uns hinein.
Nun, plötzlich war dieses traumhafte Urlaubsgefühl getrübt. Mir schmerzte der Rücken und ich hatte panische Angst, ließ es mir aber nicht anmerken. Trotz alledem musste ich an das Packen der Koffer denken, denn die Abreise stand unmittelbar bevor.
Schon am nächsten Morgen sollten wir um 07.00 Uhr abgeholt und zum Flughafen gefahren werden. Zu unserem Leidwesen ging der Flug über Las Palmas auf Mallorca. Das hieß Umsteigen und Wartezeiten in Kauf nehmen – und das mit einem kranken Mann, der an Parkinson leidet und die langen Wege im Flughafen und zum Flieger nur mit dem Rollstuhl zurücklegen kann! Unter großen Schmerzen schob ich ihn die langen Rampen zum Flieger hoch.
Geschafft, nun sitzen wir im Flugzeug. Bald werden wir wieder zu Hause sein.
Als wir über den Wolken schwebten, schweiften meine Gedanken ab nach Gran Canaria.
Ich sehe den 56?m hohen Leuchtturm als Wahrzeichen von Playa del Maspalomas vor mir, an dem wir uns immer wieder orientiert haben.
Da werde ich abrupt aus meinen Träumen gerissen. Die Stewardess will wissen, was ich essen und trinken möchte.
Nach dem Essen schließe ich wieder meine Augen und denke an die Höhlenbewohner von San Bartolome de Tirajana. In einen steilen Hang waren ihre Wohnungen gebaut, untereinander verbunden mit schmalen Pfaden. Ihre Eingänge waren liebevoll geschmückt mit Hibiskuspflanzen und Rosenstöcken. Im Inneren befanden sich meist zwei kleine Räume, etwas dunkel, aber recht gemütlich eingerichtet. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte ich niemals geglaubt, dass es im 21. Jahrhundert noch Höhlenbewohner gibt.
Bizarr und wild ist die Landschaft im Landesinneren von Gran Canaria. Schmale Straßen mit schwindelerregenden Spitzkehren und riesigen Felsnadeln bestimmen das Bild. Und wenn man Glück hat, kann man auf der Fahrt ab und zu einen fantastischen Blick auf das Meer und die Küste in der Ferne erhaschen.
Die weißen Häuser, die sich hier oben zu kleinen Dörfern zusammenducken, machen einen verlassenen Eindruck. Und tatsächlich: Die meisten jungen Leute ziehen in die aufstrebenden Touristenzentren, während die alten Menschen zurückbleiben. Sie können das Land nicht mehr bestellen, sodass es der Erosion preisgegeben ist.
Sehr gern erinnere ich mich auch an den Ausflug nach Puerto de Mogan, einem malerischen Fischer- und Sporthafen. Hier herrschte emsiges Treiben und aus den Lokalen drang verführerischer Duft. Wir schlenderten durch die schmalen Gassen, vorbei an blumengeschmückten Häusern mit schmiedeeisernen Gittern und Holzbalkonen. Es sind reizende Motive zum Fotografieren und ich kann mich an diesem „Klein-Venedig“ gar nicht sattsehen.
Zurück auf der Hafenpromenade genießen wir vor einem schnuckeligen Lokal den frischen Fisch mit einem Glas Wein. Der Blick fällt dabei auf die sanft schaukelnden Boote im glitzernden Wasser.
Es ist einfach malerisch. Wie schön ist doch die Welt! Ich könnte weiterträumen, aber die Wirklichkeit hat mich eingeholt.
Zu Hause angekommen werden wir von unseren Freunden am Flughafen abgeholt.
Die Blutungen haben nicht aufgehört, sodass mir der Gang zum Gynäkologen nicht erspart bleibt. Schon zwei Tage später sitze ich zur Untersuchung auf seinem Stuhl. Er verschreibt mir ein Mittel gegen die Blutungen. Sollten die Blutungen nicht aufhören, müsste eine Ausschabung gemacht werden. Na toll!
Trotzdem fahren wir am nächsten Tag zu unseren Kindern. Ich habe Sehnsucht nach meinem Enkelchen Alexander. Wie wird er sich verändert haben? Was hat er dazugelernt? Bald wird er ein Jahr alt sein, läuft er vielleicht schon? Ich bin höllisch gespannt und kann es kaum erwarten, ihn in meine Arme zu schließen.
Auf dem Spaziergang mit Alex und meiner Tochter berichte ich von meinen Beschwerden. Meine große Tochter versteht mich gut, denn sie ist selbst Ärztin. Welch ein Glück!
Durch den permanenten Blutverlust fühle ich mich in den kommenden Tagen schlapp. Da die Blutungen nicht aufhören, ja sogar noch stärker werden, habe ich am Samstag schließlich den Mut, in der Klinik anzurufen, um eine Ausschabung vornehmen zu lassen.

<strong>1.2 Der Befund</strong>

Die Behandlung in der Klinik ist ausgezeichnet. Ich fühle mich gut betreut und aufgehoben. Nach dem Eingriff, der Ausschabung, verbringe ich eine ruhige Nacht. Ich bin überzeugt, dass nun alles in Ordnung sei.
Es ist Sonntagmorgen. Mit gesundem Appetit habe ich das Frühstück verzehrt und nun warte ich auf den Arzt. Er lässt nicht lange auf sich warten. Es ist ein relativ junger Arzt, der an mein Bett tritt und mir berichtet, dass alles gut verlaufen sei, aber dass ich damit rechnen müsste, die Gebärmutter entfernen zu lassen. Genaueres würde die Untersuchung der Gewebeprobe ergeben. Den Befund könne ich dann mit meinem Gynäkologen besprechen. Und damit war ich entlassen. Ich hatte zwar ein unangenehmes Ziehen im Bauch, aber ich fühlte mich schon wieder fit und freute mich auf zu Hause.
Gestärkt und mit frischem Tatendrang machte ich mich am nächsten Morgen an die Gartenarbeit. Die Urlaubswäsche drehte sich inzwischen schon in der Waschmaschine und so konnte ich mich voll auf unseren Garten konzentrieren. Nach dem dreiwöchigen Urlaub musste gemäht, Unkraut gejätet, Verblühtes abgeschnitten und gedüngt werden. Also genug zu tun, aber wir waren erholt und außerdem liebe ich meinen Garten über alles, vor allem meine Rosen.
Am nächsten Tag habe ich einen Termin bei meinem Gynäkologen. Er empfängt mich mit einer strengen Falte auf der Stirn, was auf nichts Gutes schließen lässt. Aber ich bin überzeugt, dass es nichts Schlimmes sein kann, war ich doch alljährlich zur Vorsorge, und immer mit dem besten Ergebnis. Doch er versucht mir schonend beizubringen, dass es sich bei mir tatsächlich um einen außergewöhnlichen Gebärmutterkrebs handle, der umgehend entfernt werden müsse, und empfiehlt gleich zwei Adressen, an die ich mich zur Operation wenden könne.
Ich sitze da wie ein begossener Pudel. Seine Worte wollen gar nicht in meinen Kopf. Sie sind wie aus einer anderen Welt. Wie ist das möglich? Ich finde keine Worte, es schnürt mir den Hals zu. Ich und Krebs! Niemals habe ich an so etwas gedacht. Ich kann das nicht fassen.
Wie in Trance verlasse ich die Praxis. Erst als ich wieder im Auto sitze, bricht es aus mir heraus. Ich weine hemmungslos. Wie sage ich das meinem Mann und meinen Kindern? Wie werden sie reagieren? Vor einigen Tagen war die Welt für mich noch traumhaft schön und nun bricht sie zusammen. Das kann doch nicht sein! Ich bin todunglücklich.
Der einzige Trost, der mir bleibt, ist, dass ich die Gebärmutter in meinem Alter, in wenigen Tagen feiere ich meinen 62. Geburtstag, nicht mehr brauche. Sie hat ausgedient und sie hat mir zwei reizende Töchter beschert.
Trotzdem steht mir ein großer Eingriff bevor. Ich werde wieder in die Klinik gehen, wo die Ausschabung gemacht wurde, und in den nächsten Tagen einen Besprechungstermin bei dem dortigen Chefarzt ausmachen.
In der Zwischenzeit regiert der Alltag mit all seinen Terminen: Friseurbesuch, Altstadtfest und der Geburtstag meines Enkels Alex. Auch die Betreuung meines Mannes während meines Krankenhausaufenthaltes muss geregelt werden. Außerdem steht ein Besuch bei meiner Mutter und bei meinen Mietern an. Seit zwei Jahren betreue ich nämlich ein Sechsfamilienwohnhaus, das ich geerbt habe und das immer wieder Ärger macht.

<strong>1.3 Operationsvorbereitung</strong>

Zehn Tage nach der Ausschabung sitze ich wieder in der gleichen Klinik, diesmal auf dem langen Gang vor dem Sekretariat des Chefarztes der Gynäkologie, Dr. Wolters.
Gewissenhaft fülle ich die mir ausgehändigten Formulare über persönliche Daten und Vorerkrankungen aus.
Die Zeit vergeht, mein vereinbarter Termin ist schon lange überschritten, aber der Arzt lässt auf sich warten. Viele Fragen schießen mir durch den Kopf. Habe ich den richtigen Arzt ausgewählt? Wer kann das mit Sicherheit sagen? Werde ich Vertrauen zu ihm haben? Hat er die nötige Qualifikation, um diesen schweren Eingriff sicher zu bewältigen? Eigentlich vertraue ich mein Leben einem wildfremden Menschen an, ich fühle mich ihm voll und ganz ausgeliefert. Aber was bleibt mir anderes übrig! Ich baue auf Gottes Hilfe.
Es dauert! Ich lenke mich mit meiner spanischen Lektüre ab und beobachte unter anderem auch die schwangeren Frauen, die ebenso geduldig auf den Arzt warten. Welche Probleme führen sie hierher?
Endlich ist es so weit! Ich werde ins Behandlungszimmer gerufen.
Ein großer hagerer und grauhaariger Mann begrüßt mich freundlich. Er macht einen ruhigen und ausgeglichenen Eindruck. Ich habe das Gefühl, dass er sich Zeit nimmt für mich. Eigentlich gute Voraussetzungen für meine bevorstehende Operation.
Sehr einfühlsam und verständlich bespricht er mit mir seine Vorgehensweise bei der Operation, die er durch eine anschauliche Skizze verdeutlicht. Er würde einen senkrechten Bauchschnitt ausführen, Gebärmutter und sicherheitshalber auch gleich die Eierstöcke mit entfernen, und wenn nötig auch die Lymphknoten.
Bei seinen Worten „senkrechter Bauchschnitt“ sehe ich rot! Nein, niemals! Dazu bekommt er nicht mein Einverständnis.
Als er meine Angst und den Schock, der in meinen Gliedern steckt, spürt, schlägt er mir einen waagrechten Schnitt über den Schamhaaren vor, nicht ohne auf die Nachteile hinzuweisen, die damit verbunden sind. Diesen Vorschlag kann ich akzeptieren. Warum soll ich meinen Körper, den ich so liebevoll gepflegt habe, so verstümmeln lassen? Nein, nein, nein!
Wir einigen uns auf den Operationstermin in einer Woche, dann hätte ich noch genügend Zeit, notwendige Vorbereitungen zu treffen.
Vorher aber stehen noch angenehme Termine in meinem Kalender.
Mein Enkelchen Alexander feiert am Samstag seinen ersten Geburtstag. Mit Geschenken bepackt reisen wir an. Alex sitzt vor seiner Geburtstagstorte und dem Holzzüglein, auf dessen Lok eine Kerze brennt. Mit großen Augen verfolgt er alles und weiß nicht so recht, was hier geschieht. Doch der Kuchen mundet ihm sichtlich. Anschließend wird herumgetobt und gespielt. Er ist ein vergnügtes Kind, das mich für diesen Tag meine Sorgen vergessen lässt. Und das ist gut so.
Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Es ist Altstadtfest.
Wie jedes Jahr treffen wir uns mit Freunden auf dem historischen Marktplatz, um die heimatliche Atmosphäre bei Essen und Trinken zu genießen. In den zahlreichen Winkeln und Gässchen spielen Kapellen auf und die Menschen sind vergnügt und ausgelassen.
Es ist einfach wunderbar! Werde ich nächstes Jahr wieder dabei sein? Ja, ich muss hoffen.

<strong>1.4 Ein schwerer Gang</strong>

Mit meinem Mann und meinen Töchtern habe ich mein Krankheitsbild und eventuelle Konsequenzen besprochen. Ich konnte dabei nicht verbergen, wie verzweifelt und hilflos ich im Innersten war. Sie versuchten jeder auf seine Art, mir eine Stütze zu sein und Mut zuzusprechen.
Ich brauchte dringend viel Mut und Kraft. Wie sollte ich sonst diesen Eingriff überstehen?
Ich redete mir immer wieder ein, dass die Wissenschaft auf dem Gebiet der Krebsforschung in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat und viele Menschen heutzutage dem Krebs ein Schnippchen schlagen und geheilt werden. Warum nicht auch ich?
Ein schwerer Gang stand mir aber noch bevor. Nämlich das Gespräch mit meiner betagten Mutter. Sie war zwar schon 86 Jahre, aber geistig noch topfit. Wie gerne hätte ich ihr meine Krankheit verschwiegen, um sie nicht zu belasten und zu beunruhigen. Seit dem Tod ihres langjährigen Lebensgefährten vor drei Jahren hatte sie eine schwere Zeit durchgemacht. Sie hatte zwei Schlaganfälle kurz hintereinander überstanden, wie durch ein Wunder ohne Behinderung, und eine Staroperation. Das Schlimmste war für sie allerdings die Einsamkeit in dem menschenleeren Haus.
Ich entschloss mich, ihr schonend von meiner bevorstehenden Operation zu erzählen und dass ich hoffe, bald wieder auf den Beinen zu sein, um sie zu besuchen. Vielleicht nimmt sie es gar nicht so ernst. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie sich ihre eigene heile Welt errichtet, die niemand stören darf, wie ein Dornröschen. Für sie ist es sicher ein Schutzmantel.
Und sie nahm meine Kunde gefasst auf.
Auch mit meinen Mietern musste ich sprechen. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander, denn sie waren bemüht, Haus und Garten in Ordnung zu halten, und ich unterstützte sie dabei tatkräftig. Für die nächsten Wochen würde ich ausfallen, d.?h. nicht erreichbar sein, aber sobald ich fit wäre, würde ich meine Geschäfte wieder aufnehmen.
Beruhigt fuhr ich von meiner Mission nach Hause.
Es waren nur noch zwei Tage bis zu meinem Aufenthalt im Krankenhaus. Die Zeit wurde knapp.
Geregelt werden musste noch die Versorgung meines Mannes während meiner Abwesenheit. Dafür war ein privater Sozialdienst vorgesehen, dessen nette Damen Kurt täglich besuchen, ihm ein warmes Essen bringen, Einkäufe erledigen und sonstige Hilfsdienste ausführen sollten. Diesen Sozialdienst hatten wir früher schon einmal in Anspruch genommen und gute Erfahrungen damit gemacht. Mein Mann war darüber sichtlich erfreut.
Außerdem hatte ich den Kühlschrank mit Kurts Lieblingsspeisen aufgefüllt und ausreichend Getränke nach Hause geschafft. Er brauchte also nichts zu entbehren – außer mir natürlich.
Damit waren fast alle Vorbereitungen getroffen. Es fehlte nur noch mein Trolley, den ich für die Klinik packen musste. Es war Juli und sehr heiß, also genügten leichte, ärmellose Nachthemden. Der Gedanke, während dieser Zeit enge Kompressionsstrümpfe tragen zu müssen, treibt mir jetzt schon den Schweiß auf die Stirn.
Aber alles ist vergänglich! Ich sage mir: Was andere schaffen, schaffe ich auch!

<strong>1.5 Am Tag vor der Operation: 28.?06.?06</strong>

Eine qualvolle, unruhige Nacht liegt hinter mir. Wie gerädert stehe ich auf und schlurfe ins Bad. Was habe ich bloß für grauenvolle Dinge geträumt! Ich brauche einen klaren Kopf und stelle mich unter die belebende Dusche.
Trotzdem bleiben meine Gedanken auf einem seelischen Tiefstand. Ein würgender Kloß steckt in meinem Hals und raubt mir fast die Luft zum Atmen.
Es ist 08.00 Uhr! Um 09.00 Uhr ist das Taxi für die Fahrt in die Klinik bestellt und es wird pünktlich sein. Mir bleibt also nur noch eine Stunde Gnadenfrist im eigenen Zuhause. Werde ich es jemals wiedersehen? Wie viele Patienten sind schon auf dem OP-Tisch gestorben? Nein, nein, nein! Das darf nicht sein. Ich verdränge diese Gedanken. Ich muss leben! Es darf und wird auch nicht mein Ende sein, mit Gottes Hilfe.
Ich koche Kaffee für meinen Mann und bereite ihm das Frühstück zu, das letzte Mal für die nächste Zeit. Ich selbst muss nüchtern bleiben für die bevorstehende Blutentnahme.
Wir sprechen über belanglose Dinge, bloß nicht über meine Krankheit, sonst würden Tränen fließen. Ich will stark sein.
Es ist 5 Minuten vor 09.00 Uhr, Zeit, um Abschied zu nehmen. Kurt nimmt mich in seine Arme, drückt mich fest an sich und wünscht mir viel Glück: „Es wird schon alles gut gehen! Kopf hoch!“
Das Taxi ist da.
Schweren Herzens verlasse ich mit meinem Trolley das Haus. Kurt steht traurig am Fenster und winkt mir zu. Ich winke zurück. Wird es das letzte Mal sein? Es ist ein steiniger Weg, der vor mir liegt. Werde ich die Kraft haben, ihn zu gehen?
In der Klinik ist kein Raum für Gefühle. Sie werden von der Bürokratie zugeschüttet. Mit einem Wust von Formularen werde ich bei der Anmeldung bombardiert. Ich unterschreibe wie in Trance: Vertrag mit der Klinik, Vertrag mit dem Chefarzt, Vertrag über ein Zweibettzimmer und, und, und …
Eine doppelte Ausfertigung bekomme ich ausgehändigt. Außerdem ein großes Kuvert, das ich den Schwestern auf meiner Station geben soll.
Endlich bin ich fertig und begebe mich zur gynäkologischen Station, wo ich schon erwartet werde.
Kaum bin ich in meinem Zimmer, werden meine Größe und mein Gewicht bestimmt – wichtig für das richtige Maß an Narkose.
Dann schickt man mich zur Blutabnahme. Ich suche, finde und warte.
Danach folgt das EKG. Wieder suchen und warten. Gott sei Dank, mein Herz ist in Ordnung. Na, wenigstens etwas!
Als ich wieder aufs Zimmer komme, steht bereits das Mittagessen neben meinem Bett.
Meine Henkersmahlzeit, denke ich sofort. Ich setze mich und schlinge sie ohne Appetit hinunter. Hauptsache etwas Warmes im Magen. Dabei schweift mein Blick hinaus in den großen Park vor der Klinik mit seinen alten knorrigen Bäumen. Huschte da nicht ein putziges Eichhörnchen von Ast zu Ast? Große und kleine Hunde tollen auf der Wiese herum. Mütter fahren ihre Kleinen spazieren und Jogger keuchen sich ab. Ein buntes Treiben und Leben!
Im Tod ist alles vorbei.
Nach dem Mittagessen packe ich endlich meine Habseligkeiten in den schmalen Schrank und nehme die Hälfte des Bades in Beschlag.
Dann steht der nächste Gang an: zum Anästhesisten. Wieder werden mir Formulare zum Ausfüllen gereicht, in denen nach Vorerkrankungen, Allergien und Medikamenten gefragt wird.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 132
ISBN: 978-3-99003-506-1
Erscheinungsdatum: 08.02.2011
EUR 14,90
EUR 8,99

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