Mein Abenteuer als Pflegeassistentin in einem Seniorenheim
Kurzgeschichten zum Schmunzeln und Nachdenken
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 188
ISBN: 978-3-99146-971-1
Erscheinungsdatum: 12.07.2024
In humorvollen Worten erzählt Désirée Weissenfeld von ihrem Arbeitsalltag und wie sie ihre Erfüllung im Beruf der Pflegeassistentin findet. Lachen, Tränen und unvergessliche Momente – ein Buch voller spannender Kurzgeschichten über die Pflege im Altersheim.
Schweeester
(Unsere liebe Polin)
Eine Bewohnerin, fast 100, Polin, laufender Meter, schlank.
Sie hat Power ohne Ende, in der Grundpflege zählt sie dich aus.
So, jetzt brauchst du Geduld. Sie beschimpft dich auf Polnisch.
Jetzt heißt es ruhig bleiben, hab ja ganz viel Empathie.
Plötzlich sieht sie bei der Grundpflege auf ihrem
Körper überall Tabletten.
„Schwester, überall Tabletten.“ Sofort nehme ich ein Handtuch,
reibe die Tabletten weg und es geht ihr gut.
Dann endlich, nach weiteren polnischen Meldungen, ist meine Polin fertig und ich kann mich zur nächsten Bewohnerin begeben. Nein, doch nicht. Das Beste kommt jetzt, es treibt mich leicht in den Wahnsinn, wenn meine Polin dann anfängt zu schreien: „Schweeeeester, Schweeeester“, und das im Sekundentakt.
Sie schreit so laut, man hört es im ganzen Haus.
Ich muss rennen, ja rennen, sonst wirst du irre.
Was will sie? Ich bin da.
„Schweeeeester, ins Klo“ und ich bring sie aufs Klo.
Da sitzt sie nun und man hört immer wieder: „Itschie, itschie.“
Wir wissen bis heute nicht, was das bedeutet. Dann wieder „Schweeeester, okay, Klo fertig.“ Ich renne, runter vom Klo. Nach der ganzen Aktion ist sie einfach nur zuckersüß, schaut mich an und sagt: „Schwester, scheene Bluse.“
Zur Erklärung: Ich liebe bunte Blusen und meine Polin wohl auch.
Ich feiere meine Polin, sie treibt mich leicht in den Wahnsinn und sie bringt mich oft zum Lachen.
Ich liebe meinen Beruf.
Am Anfang ein Chaot
Nach den Jahren bin ich in die Pflege hineingewachsen.
Personal kommt und geht, ich bin immer noch da.
Irgendwie hat es sich ergeben, dass ich alle neuen
Bewerber*innen für den Pflegeassistenten eingearbeitet habe (meine Chefin meint, ich könnte das). Einige bekamen ein O. K., einige ein No.
Dann, eines Tages, stand ein junger Mann vor mir (17 Jahre alt) und wollte in der Pflege arbeiten (ohne Vorkenntnisse).
Also, das heißt für mich: Ärmel hochkrempeln, auf geht es.
Mir war von Anfang an klar, das wird ein harter Kampf mit ihm.
Ich merkte, er war sehr zurückhaltend und schien
Angst vor mir zu haben, aber aufgeben gibt es bei mir nicht.
Mit viel Kommunikation und Empathie knackte ich ihn.
Auf einmal hatte er Empathie für die Bewohner*innen.
Ah, hab ich mir gedacht, der könnte mal ein guter Pfleger werden.
Mein Schützling brauchte schon einige Zeit, bis ich ihn in der Pflege dahin gebracht habe, wo er heute angekommen ist.
Oh mein Gott, was hab ich den Jungen auf der Station gejagt (armer Junge).
Mein Schützling taute langsam immer mehr bei mir auf.
Ich habe mir auch oft Zeit genommen, mit ihm zu
reden, reden, reden. Nun fing es an, dass wir zusammen viel Spaß hatten. Er schien sich zu freuen, wenn wir zusammen Dienst hatten. Mir ging es auch so, ich konnte ihm mit Spaß und Freude
noch vieles beibringen. Heute ist er ein lebensfroher, fleißiger, empathischer und toller Kollege.
Danke, mein Junge, was aus dir geworden ist.
Einen kleinen Stolz gönn ich mir auch.
Ich liebe meinen Beruf.
Quietsch, quietsch
Eine Bewohnerin, leider lebt sie nicht mehr, hat mich zum Lachen
und in den Wahnsinn gebracht.
Sie trug den ganzen Tag ein Nachthemd und ihre so reizvolle Unterhose blitzte dezent unter dem Nachthemd hervor.
Tolles Bild.
Morgens um 5.30 Uhr kommt sie mit ihrem Rollator
(gehörte definitiv ins Museum, man hört ihn, quietsch, quietsch)
ins Schwesternzimmer und will ein Klistier (ein Medikament, das man rektal einführt um besser zu k..., Stuhlgang zu haben).
Ich weiß nicht, wie oft wir ihr erklärt haben, sie möchte doch bitte in ihr Zimmer gehen, wir kämen gleich. Nein, nein, nein,
sie bleibt, hört nicht auf und will ihr Klistier. Was jetzt? Okay, sie bekommt ihr Klistier und geht. Ah, Gott sei Dank, endlich Ruhe.
Danach mussten wir alle lachen, ihr Erscheinungsbild war einfach nur zuckersüß.
So, der Frühstückswagen ist da und wen hören wir?
Den antiken Rollator mit Anhang. Sie hängt mit dem Kopf im Frühstückswagen und sucht ihr Frühstück.
„Gehen Sie in Ihr Zimmer!“
Keine Chance, wir suchen in den 30 Tabletts ihr Frühstück und gaben es ihr. Toll, weiterarbeiten.
Ach so, ich gab ihr den Spitznamen Quietschi, man sah sie nicht,
man hörte sie, da kommt wieder Quietschi.
Sie war eine Bewohnerin, die ich heute noch vermisse.
Sie wusste mit 100 Jahren, was sie wollte, und hat immer
alles bekommen. So sollte es auch sein, Bewohner*innen glücklich zu machen. Ich hatte trotz allen Stresses sehr viel Empathie für Quietschi. Quietschi, wir vermissen dich.
Ich liebe meinen Beruf.
Die gute Seele an der Rezeption
Es ist jetzt 15.00 Uhr und ich sitze nun an der vierten Geschichte.
Bin gerade zuhause, die heutige Schicht war wieder
der ultimative Wahnsinn.
Ich schreibe jetzt über eine Kollegin, sie ist die gute Seele im Haus.
Sie kümmert sich um das Inkontinenz-Material von 100 Bewohner*innen, nimmt alle Telefonate an der Rezeption an, macht die Bestellungen für Inko-Material, macht die Bestellung für unsere Putzperlen und sie kümmert sich um die Begleitung zum Arzttermin für die Bewohner*innen (die können das natürlich nicht alleine).
Sie ist die Seele, die im ganzen Hause herumwirbelt und sensationell ist, sie hat immer gut Laune.
Ihr Telefon geht im Sekundentakt
(Sorry, meine Gute, hab mal eine Frage).
Sie verteilt auch für die 100 Bewohner*innen die
Wäsche in ihre Schränke.
Sie ist nicht in der Pflege, aber ich arbeite viel mit ihr zusammen,
da ich neben der Pflege noch Inko-Beauftragte bin.
Jedes Pflegeheim/Seniorenheim braucht so einen tollen Menschen wie meine Kollegin.
Für jeden Furz rufen wir bei ihr an, kannst du für uns ...
organisieren, dies und das, zur Antwort bekommen wir:
„NATÜRLICH!“ Danke, dass es Dich gibt.
Ich liebe meinen Beruf.
Mein erster Mann in der Pflege
Wie bin ich vor 9 Jahren ohne Vorkenntnisse in die Pflege gekommen?
Dank meines Mannes.
Ich hatte eine ältere Dame privat gepflegt und wir stellten fest,
dass es mir viel Freude bereitete, dieser Dame zu helfen.
Mein Mann sagte, er könne sich vorstellen, dass ich in der
Pflege glücklich werden könnte. Na toll, da bin ich nun, hahaha.
Ich hatte natürlich nicht darüber nachgedacht,
dass ich auch männliche Bewohner*innen pflegen musste
(Intimbereich). Der erste Bewohner hat mich viel Überwindung gekostet. Da war er nun, der erste männliche Bewohner, also los geht es. Ich glaube, ich habe ihn während der Grundpflege zugetextet, vor lauter Angst und Scham.
Der Bewohner schien es zu merken, dass es mir dabei nicht gut ging, da sagte er zu mir:
„Mädchen, ich bin eine arme Sau, der sich nicht mehr allein
versorgen kann. Mädchen, glaub mir, ich würde es gerne
alleine können.“
Mir schossen die Tränen in die Augen.
Nach dieser Grundversorgung machte es klick in meinem Kopf
und mir wurde klar, egal ob Mann oder Frau, sie alle brauchen
unsere Hilfe, mit ganz viel Empathie.
Der Bewohner lebt nicht mehr, ist jetzt im Himmel und schaut
auf mich runter: „Mädchen, du schaffst das“ (davon bin ich überzeugt).
Danke, guter Mann, du hast mir die Angst genommen.
Ich liebe meinen Beruf.
Inkontinenz
Das Wort Inkontinenz habt ihr bestimmt schon mal gehört.
Wie schon erwähnt, bin ich für meine/unsere Station
Inko-Beauftragte (mit ganzem Herzen).
Inko heißt ja Inkontinenz. Ihr könnt es vergleichen mit einer Windel, die ein Baby angelegt bekommt.
Wir nennen es natürlich bei den Bewohner*innen
nicht Windeln, sondern Inkontinenz-Material
(sind ja keine Babys).
Wenn wir eine*n neue*n Bewohner*in bekommen, suche ich das Gespräch mit ihr/ihm, muss nun erfassen, inwieweit der*die Bewohner*in inkontinent ist. Das Gespräch strengt mich sehr an, weil es um den Intimbereich geht und ich weiß noch nicht, wie der*die Bewohner*in tickt. Ich muss mir für diese Gespräche viel Zeit nehmen und mich mit dem*der Bewohner*in auf Augenhöhe unterhalten (aus Respekt gegenüber dem Bewohner).
Ihr müsst euch vorstellen, dieser Mensch ist fremd in der Einrichtung, kennt niemanden, ist unsicher und weiß nicht, was jetzt alles passiert. Jetzt komme ich mit Inko.
Meistens gehen diese Gespräche gut, manchmal nicht,
dann breche ich ab und gebe dem*der neuen Bewohner*in Zeit zum Nachdenken, oft mit Erfolg.
Ohne meine Pflegekolleg*innen könnte ich diesen Job nur schwer ausüben, denn jede Info von ihnen hilft mir die richtige Entscheidung und das richtige Inkontinenz-Material einzusetzen.
Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit, ihr Lieben.
Ich liebe meinen Beruf.
Klingel, Klingel, Klingel
So, es ist jetzt, ich schaue auf die Uhr,
13.00 Uhr, ich bin zu Hause, ganz schön kaputt.
Der Frühdienst war der Knaller.
Klingel hier, Klingel da, und das seit 5.30 Uhr.
Also laufe ich mit dem Nachtdienst
(der hat nochbis 6.30 Uhr Dienst).
Da ich immer etwas früher komme, helfe ich dem Nachtdienst.
Gehe nun zu einer Bewohnerin, die klingelt immer weiter.
Ich klopfe vorsichtig an, gehe rein: „Guten Morgen.“
Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt:
„Kannst du mich duschen?“
Hä, denke ich, 6.00 Uhr?
„Nein, meine Liebe, habe noch Übergabe vom
Nachtdienst zum Frühdienst.“
Ich setze mich neben sie aufs Bett und erkläre ihr mit ruhigen Worten, dass es noch zu früh ist, um zu duschen.
„Schlafen Sie noch etwas.“ Sie schaut mich weiter an, hält meine Hand immer noch fest und sagt:
„Du kommst doch gleich zu mir, du vergisst mich nicht.“
Ich verspreche ihr, sobald ich Zeit habe, komme ich wieder.
Ich verabschiede mich mit den Worten: „Bis gleich, meine Gute.“
Sie lächelt, lässt meine Hand los und ich gehe.
Im Schwesternzimmer angekommen klingelt sie wieder.
Also zurück, noch einmal rein und sie noch einmal mit viel
Empathie beruhigen. Sie bedankt sich und ich kann wieder gehen.
So zog sich die Klingel wie ein roter Faden durch den ganzen Frühdienst.
Ich liebe meinen Beruf.
Corona
Da ist ja noch etwas, was ich schreiben muss.
Betrifft keinen Bewohner alleine, sondern alle
Bewohner dieser Erde.
CORONA. Was ist das, dachten wir zuerst. Dann kam aber die Zeit, in der wir richtig Angst bekamen.
Als die ersten Coronafälle in unserer Stadt gemeldet wurden,
bekamen wir vom Gesundheitsamt in unserem Haus sofort Auflagen.
Coronatests wurden geliefert, es wurde regelmäßig getestet.
Wir mussten uns auch testen, Mund auf, Stäbchen bis zu den
Mandeln rein (würg), Stäbchen in die Nase (fast bis zum Gehirn).
Dabei denkst du: „He, ich glaube, ich bin im falschen Film.“
Ein paar Minuten warten, Ergebnis negativ
(6 Richtige im Lotto), so, Frühschicht überstanden.
Der nächste Tag, Frühschicht.
Ich komme auf Station, was sehe ich?
Vor 5 Bewohnerzimmern eine Coronastation aufgebaut
(Schutzkleidung, Handschuhe, Desinfektion, Schutzbrille, u. v. m.).
Jetzt wird mir bewusst, die Sch... geht bei uns auch los.
Ihr müsst bedenken, wir haben Bewohner*innen, die gehen auf die 100 zu, haben Vorerkrankungen, wenig Abwehrstoffe, ganz zu schweigen von dem, was ich nicht aufzählen möchte.
Teambesprechung, jetzt wird eine Strategie erarbeitet.
Hygiene hat jetzt höchste Priorität, um weitere Ausbrüche
zu vermeiden und um uns zu schützen.
Auf geht es, die erste Bewohnerin mit Corona klingelt.
Ich verpacke und vermumme mich vor dem Zimmer.
Mundschutz, Schutzbrille, Haarnetz, Handschuhe
bis zum Ellenbogen. Ich sehe aus wie ein Außerirdischer.
Ich denke: Armer Bewohner, wenn der mich jetzt so sieht.
Ich gehe rein: „Guten Morgen, liebe Frau …“
Sie schaut mich mit großen Augen erschrocken an.
Ich versuche mit warmen Worten ihr die Situation
zu erklären. Ich weiß bis heute nicht, ob sie es verstanden hat,
was ich ihr versuchte zu erklären (Bewohnerin fertig).
Jetzt wieder alles ausziehen, entsorgen, desinfizieren.
Nächste Coronaklingel. Anziehen, vermummen, Bewohner*in
versorgen. Ich schwitze, ich leide mit den Bewohner*innen, mir geht es nicht gut.
Viele meiner Bewohner*innen leiden, husten, haben Fieber, Atemnot, Angst. Wir, das Pflegepersonal, versuchen das Beste
für unsere Bewohner*innen, sie zu beruhigen, sie zu versorgen,
sie zu pflegen.
Mittlerweile sind alle Stationen von Corona betroffen.
Unser Seniorenheim steht ab sofort unter Quarantäne.
Keiner darf mehr das Zimmer verlassen.
Versorgung, Verpflegung, alles nur noch in Schutzkleidung.
Die Bewohner*innen leiden, keine Angehörigen dürfen zu ihnen.
Teilweise verstehen die Bewohner*innen nicht, was Corona ist,
Sie vereinsamen in ihrem Zimmer (grausam).
Wir rutschen auf den Kniescheiben in den Feierabend.
Nächster Tag, das ganze Personal, Früh-, Spät-, Nachtschicht,
leidet mit den Bewohner*innen. Es fließen Tränen auf der Arbeit, auch nach Feierabend zu Hause. Wir mussten erleben, wie ein Bewohner langsam von uns ging, wir waren hilflos. Wir hatten alles versucht, dem Bewohner zu helfen. Grausam, Corona, du Ar..., was machst du mit uns Menschen?
Gut, es ist jetzt vorbei (hoffentlich nur noch ein Virus, den wir im Griff haben), den Bewohner*innen geht es wieder gut, Angehörige kommen wieder, Veranstaltungen laufen wieder. Mehr als vorher, wir sind sehr froh, unsere Bewohner*innen wieder verwöhnen zu können. Vielen Dank an alle Kollegen*innen für diese aufopferungsvolle Arbeit, wir haben alle gezeigt, wie gut es ist, zusammenzuhalten. Danke auch dem Betreuungsdienst, der uns gut unterstützt hat.
Ich liebe meinen Beruf.
(Unsere liebe Polin)
Eine Bewohnerin, fast 100, Polin, laufender Meter, schlank.
Sie hat Power ohne Ende, in der Grundpflege zählt sie dich aus.
So, jetzt brauchst du Geduld. Sie beschimpft dich auf Polnisch.
Jetzt heißt es ruhig bleiben, hab ja ganz viel Empathie.
Plötzlich sieht sie bei der Grundpflege auf ihrem
Körper überall Tabletten.
„Schwester, überall Tabletten.“ Sofort nehme ich ein Handtuch,
reibe die Tabletten weg und es geht ihr gut.
Dann endlich, nach weiteren polnischen Meldungen, ist meine Polin fertig und ich kann mich zur nächsten Bewohnerin begeben. Nein, doch nicht. Das Beste kommt jetzt, es treibt mich leicht in den Wahnsinn, wenn meine Polin dann anfängt zu schreien: „Schweeeeester, Schweeeester“, und das im Sekundentakt.
Sie schreit so laut, man hört es im ganzen Haus.
Ich muss rennen, ja rennen, sonst wirst du irre.
Was will sie? Ich bin da.
„Schweeeeester, ins Klo“ und ich bring sie aufs Klo.
Da sitzt sie nun und man hört immer wieder: „Itschie, itschie.“
Wir wissen bis heute nicht, was das bedeutet. Dann wieder „Schweeeester, okay, Klo fertig.“ Ich renne, runter vom Klo. Nach der ganzen Aktion ist sie einfach nur zuckersüß, schaut mich an und sagt: „Schwester, scheene Bluse.“
Zur Erklärung: Ich liebe bunte Blusen und meine Polin wohl auch.
Ich feiere meine Polin, sie treibt mich leicht in den Wahnsinn und sie bringt mich oft zum Lachen.
Ich liebe meinen Beruf.
Am Anfang ein Chaot
Nach den Jahren bin ich in die Pflege hineingewachsen.
Personal kommt und geht, ich bin immer noch da.
Irgendwie hat es sich ergeben, dass ich alle neuen
Bewerber*innen für den Pflegeassistenten eingearbeitet habe (meine Chefin meint, ich könnte das). Einige bekamen ein O. K., einige ein No.
Dann, eines Tages, stand ein junger Mann vor mir (17 Jahre alt) und wollte in der Pflege arbeiten (ohne Vorkenntnisse).
Also, das heißt für mich: Ärmel hochkrempeln, auf geht es.
Mir war von Anfang an klar, das wird ein harter Kampf mit ihm.
Ich merkte, er war sehr zurückhaltend und schien
Angst vor mir zu haben, aber aufgeben gibt es bei mir nicht.
Mit viel Kommunikation und Empathie knackte ich ihn.
Auf einmal hatte er Empathie für die Bewohner*innen.
Ah, hab ich mir gedacht, der könnte mal ein guter Pfleger werden.
Mein Schützling brauchte schon einige Zeit, bis ich ihn in der Pflege dahin gebracht habe, wo er heute angekommen ist.
Oh mein Gott, was hab ich den Jungen auf der Station gejagt (armer Junge).
Mein Schützling taute langsam immer mehr bei mir auf.
Ich habe mir auch oft Zeit genommen, mit ihm zu
reden, reden, reden. Nun fing es an, dass wir zusammen viel Spaß hatten. Er schien sich zu freuen, wenn wir zusammen Dienst hatten. Mir ging es auch so, ich konnte ihm mit Spaß und Freude
noch vieles beibringen. Heute ist er ein lebensfroher, fleißiger, empathischer und toller Kollege.
Danke, mein Junge, was aus dir geworden ist.
Einen kleinen Stolz gönn ich mir auch.
Ich liebe meinen Beruf.
Quietsch, quietsch
Eine Bewohnerin, leider lebt sie nicht mehr, hat mich zum Lachen
und in den Wahnsinn gebracht.
Sie trug den ganzen Tag ein Nachthemd und ihre so reizvolle Unterhose blitzte dezent unter dem Nachthemd hervor.
Tolles Bild.
Morgens um 5.30 Uhr kommt sie mit ihrem Rollator
(gehörte definitiv ins Museum, man hört ihn, quietsch, quietsch)
ins Schwesternzimmer und will ein Klistier (ein Medikament, das man rektal einführt um besser zu k..., Stuhlgang zu haben).
Ich weiß nicht, wie oft wir ihr erklärt haben, sie möchte doch bitte in ihr Zimmer gehen, wir kämen gleich. Nein, nein, nein,
sie bleibt, hört nicht auf und will ihr Klistier. Was jetzt? Okay, sie bekommt ihr Klistier und geht. Ah, Gott sei Dank, endlich Ruhe.
Danach mussten wir alle lachen, ihr Erscheinungsbild war einfach nur zuckersüß.
So, der Frühstückswagen ist da und wen hören wir?
Den antiken Rollator mit Anhang. Sie hängt mit dem Kopf im Frühstückswagen und sucht ihr Frühstück.
„Gehen Sie in Ihr Zimmer!“
Keine Chance, wir suchen in den 30 Tabletts ihr Frühstück und gaben es ihr. Toll, weiterarbeiten.
Ach so, ich gab ihr den Spitznamen Quietschi, man sah sie nicht,
man hörte sie, da kommt wieder Quietschi.
Sie war eine Bewohnerin, die ich heute noch vermisse.
Sie wusste mit 100 Jahren, was sie wollte, und hat immer
alles bekommen. So sollte es auch sein, Bewohner*innen glücklich zu machen. Ich hatte trotz allen Stresses sehr viel Empathie für Quietschi. Quietschi, wir vermissen dich.
Ich liebe meinen Beruf.
Die gute Seele an der Rezeption
Es ist jetzt 15.00 Uhr und ich sitze nun an der vierten Geschichte.
Bin gerade zuhause, die heutige Schicht war wieder
der ultimative Wahnsinn.
Ich schreibe jetzt über eine Kollegin, sie ist die gute Seele im Haus.
Sie kümmert sich um das Inkontinenz-Material von 100 Bewohner*innen, nimmt alle Telefonate an der Rezeption an, macht die Bestellungen für Inko-Material, macht die Bestellung für unsere Putzperlen und sie kümmert sich um die Begleitung zum Arzttermin für die Bewohner*innen (die können das natürlich nicht alleine).
Sie ist die Seele, die im ganzen Hause herumwirbelt und sensationell ist, sie hat immer gut Laune.
Ihr Telefon geht im Sekundentakt
(Sorry, meine Gute, hab mal eine Frage).
Sie verteilt auch für die 100 Bewohner*innen die
Wäsche in ihre Schränke.
Sie ist nicht in der Pflege, aber ich arbeite viel mit ihr zusammen,
da ich neben der Pflege noch Inko-Beauftragte bin.
Jedes Pflegeheim/Seniorenheim braucht so einen tollen Menschen wie meine Kollegin.
Für jeden Furz rufen wir bei ihr an, kannst du für uns ...
organisieren, dies und das, zur Antwort bekommen wir:
„NATÜRLICH!“ Danke, dass es Dich gibt.
Ich liebe meinen Beruf.
Mein erster Mann in der Pflege
Wie bin ich vor 9 Jahren ohne Vorkenntnisse in die Pflege gekommen?
Dank meines Mannes.
Ich hatte eine ältere Dame privat gepflegt und wir stellten fest,
dass es mir viel Freude bereitete, dieser Dame zu helfen.
Mein Mann sagte, er könne sich vorstellen, dass ich in der
Pflege glücklich werden könnte. Na toll, da bin ich nun, hahaha.
Ich hatte natürlich nicht darüber nachgedacht,
dass ich auch männliche Bewohner*innen pflegen musste
(Intimbereich). Der erste Bewohner hat mich viel Überwindung gekostet. Da war er nun, der erste männliche Bewohner, also los geht es. Ich glaube, ich habe ihn während der Grundpflege zugetextet, vor lauter Angst und Scham.
Der Bewohner schien es zu merken, dass es mir dabei nicht gut ging, da sagte er zu mir:
„Mädchen, ich bin eine arme Sau, der sich nicht mehr allein
versorgen kann. Mädchen, glaub mir, ich würde es gerne
alleine können.“
Mir schossen die Tränen in die Augen.
Nach dieser Grundversorgung machte es klick in meinem Kopf
und mir wurde klar, egal ob Mann oder Frau, sie alle brauchen
unsere Hilfe, mit ganz viel Empathie.
Der Bewohner lebt nicht mehr, ist jetzt im Himmel und schaut
auf mich runter: „Mädchen, du schaffst das“ (davon bin ich überzeugt).
Danke, guter Mann, du hast mir die Angst genommen.
Ich liebe meinen Beruf.
Inkontinenz
Das Wort Inkontinenz habt ihr bestimmt schon mal gehört.
Wie schon erwähnt, bin ich für meine/unsere Station
Inko-Beauftragte (mit ganzem Herzen).
Inko heißt ja Inkontinenz. Ihr könnt es vergleichen mit einer Windel, die ein Baby angelegt bekommt.
Wir nennen es natürlich bei den Bewohner*innen
nicht Windeln, sondern Inkontinenz-Material
(sind ja keine Babys).
Wenn wir eine*n neue*n Bewohner*in bekommen, suche ich das Gespräch mit ihr/ihm, muss nun erfassen, inwieweit der*die Bewohner*in inkontinent ist. Das Gespräch strengt mich sehr an, weil es um den Intimbereich geht und ich weiß noch nicht, wie der*die Bewohner*in tickt. Ich muss mir für diese Gespräche viel Zeit nehmen und mich mit dem*der Bewohner*in auf Augenhöhe unterhalten (aus Respekt gegenüber dem Bewohner).
Ihr müsst euch vorstellen, dieser Mensch ist fremd in der Einrichtung, kennt niemanden, ist unsicher und weiß nicht, was jetzt alles passiert. Jetzt komme ich mit Inko.
Meistens gehen diese Gespräche gut, manchmal nicht,
dann breche ich ab und gebe dem*der neuen Bewohner*in Zeit zum Nachdenken, oft mit Erfolg.
Ohne meine Pflegekolleg*innen könnte ich diesen Job nur schwer ausüben, denn jede Info von ihnen hilft mir die richtige Entscheidung und das richtige Inkontinenz-Material einzusetzen.
Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit, ihr Lieben.
Ich liebe meinen Beruf.
Klingel, Klingel, Klingel
So, es ist jetzt, ich schaue auf die Uhr,
13.00 Uhr, ich bin zu Hause, ganz schön kaputt.
Der Frühdienst war der Knaller.
Klingel hier, Klingel da, und das seit 5.30 Uhr.
Also laufe ich mit dem Nachtdienst
(der hat nochbis 6.30 Uhr Dienst).
Da ich immer etwas früher komme, helfe ich dem Nachtdienst.
Gehe nun zu einer Bewohnerin, die klingelt immer weiter.
Ich klopfe vorsichtig an, gehe rein: „Guten Morgen.“
Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt:
„Kannst du mich duschen?“
Hä, denke ich, 6.00 Uhr?
„Nein, meine Liebe, habe noch Übergabe vom
Nachtdienst zum Frühdienst.“
Ich setze mich neben sie aufs Bett und erkläre ihr mit ruhigen Worten, dass es noch zu früh ist, um zu duschen.
„Schlafen Sie noch etwas.“ Sie schaut mich weiter an, hält meine Hand immer noch fest und sagt:
„Du kommst doch gleich zu mir, du vergisst mich nicht.“
Ich verspreche ihr, sobald ich Zeit habe, komme ich wieder.
Ich verabschiede mich mit den Worten: „Bis gleich, meine Gute.“
Sie lächelt, lässt meine Hand los und ich gehe.
Im Schwesternzimmer angekommen klingelt sie wieder.
Also zurück, noch einmal rein und sie noch einmal mit viel
Empathie beruhigen. Sie bedankt sich und ich kann wieder gehen.
So zog sich die Klingel wie ein roter Faden durch den ganzen Frühdienst.
Ich liebe meinen Beruf.
Corona
Da ist ja noch etwas, was ich schreiben muss.
Betrifft keinen Bewohner alleine, sondern alle
Bewohner dieser Erde.
CORONA. Was ist das, dachten wir zuerst. Dann kam aber die Zeit, in der wir richtig Angst bekamen.
Als die ersten Coronafälle in unserer Stadt gemeldet wurden,
bekamen wir vom Gesundheitsamt in unserem Haus sofort Auflagen.
Coronatests wurden geliefert, es wurde regelmäßig getestet.
Wir mussten uns auch testen, Mund auf, Stäbchen bis zu den
Mandeln rein (würg), Stäbchen in die Nase (fast bis zum Gehirn).
Dabei denkst du: „He, ich glaube, ich bin im falschen Film.“
Ein paar Minuten warten, Ergebnis negativ
(6 Richtige im Lotto), so, Frühschicht überstanden.
Der nächste Tag, Frühschicht.
Ich komme auf Station, was sehe ich?
Vor 5 Bewohnerzimmern eine Coronastation aufgebaut
(Schutzkleidung, Handschuhe, Desinfektion, Schutzbrille, u. v. m.).
Jetzt wird mir bewusst, die Sch... geht bei uns auch los.
Ihr müsst bedenken, wir haben Bewohner*innen, die gehen auf die 100 zu, haben Vorerkrankungen, wenig Abwehrstoffe, ganz zu schweigen von dem, was ich nicht aufzählen möchte.
Teambesprechung, jetzt wird eine Strategie erarbeitet.
Hygiene hat jetzt höchste Priorität, um weitere Ausbrüche
zu vermeiden und um uns zu schützen.
Auf geht es, die erste Bewohnerin mit Corona klingelt.
Ich verpacke und vermumme mich vor dem Zimmer.
Mundschutz, Schutzbrille, Haarnetz, Handschuhe
bis zum Ellenbogen. Ich sehe aus wie ein Außerirdischer.
Ich denke: Armer Bewohner, wenn der mich jetzt so sieht.
Ich gehe rein: „Guten Morgen, liebe Frau …“
Sie schaut mich mit großen Augen erschrocken an.
Ich versuche mit warmen Worten ihr die Situation
zu erklären. Ich weiß bis heute nicht, ob sie es verstanden hat,
was ich ihr versuchte zu erklären (Bewohnerin fertig).
Jetzt wieder alles ausziehen, entsorgen, desinfizieren.
Nächste Coronaklingel. Anziehen, vermummen, Bewohner*in
versorgen. Ich schwitze, ich leide mit den Bewohner*innen, mir geht es nicht gut.
Viele meiner Bewohner*innen leiden, husten, haben Fieber, Atemnot, Angst. Wir, das Pflegepersonal, versuchen das Beste
für unsere Bewohner*innen, sie zu beruhigen, sie zu versorgen,
sie zu pflegen.
Mittlerweile sind alle Stationen von Corona betroffen.
Unser Seniorenheim steht ab sofort unter Quarantäne.
Keiner darf mehr das Zimmer verlassen.
Versorgung, Verpflegung, alles nur noch in Schutzkleidung.
Die Bewohner*innen leiden, keine Angehörigen dürfen zu ihnen.
Teilweise verstehen die Bewohner*innen nicht, was Corona ist,
Sie vereinsamen in ihrem Zimmer (grausam).
Wir rutschen auf den Kniescheiben in den Feierabend.
Nächster Tag, das ganze Personal, Früh-, Spät-, Nachtschicht,
leidet mit den Bewohner*innen. Es fließen Tränen auf der Arbeit, auch nach Feierabend zu Hause. Wir mussten erleben, wie ein Bewohner langsam von uns ging, wir waren hilflos. Wir hatten alles versucht, dem Bewohner zu helfen. Grausam, Corona, du Ar..., was machst du mit uns Menschen?
Gut, es ist jetzt vorbei (hoffentlich nur noch ein Virus, den wir im Griff haben), den Bewohner*innen geht es wieder gut, Angehörige kommen wieder, Veranstaltungen laufen wieder. Mehr als vorher, wir sind sehr froh, unsere Bewohner*innen wieder verwöhnen zu können. Vielen Dank an alle Kollegen*innen für diese aufopferungsvolle Arbeit, wir haben alle gezeigt, wie gut es ist, zusammenzuhalten. Danke auch dem Betreuungsdienst, der uns gut unterstützt hat.
Ich liebe meinen Beruf.

