Alltag & Lebensführung

Mama, was ist los mit Dir?

Heidi Rath

Mama, was ist los mit Dir?

Leseprobe:

Vorwort

Ich bin Heidi Rath und wollte eine ganz normale Mutter sein, die ihr Kind normal zur Welt bringt, es ganz normal großzieht und mit ihrem Sohn, ihrem Hund und ihrem Mann ein ganz normales Leben führt.
Aber ich bin eben Heidi Rath und das Schicksal hat sich gegen meine langweilig normale Vorstellung eines Lebens für mich entschieden. Mein Weg, Mutter zu sein, sollte ein anderer werden.
Ich bin eine Frau, die mit einem Schlag Mutter wurde. Genauer gesagt mit einem Schlaganfall in der 38. Schwangerschaftswoche, im Alter von erst 35 Jahren.
Als Betroffene möchte ich gerne davon erzählen. Ich schreibe dieses Buch absichtlich in kurzen und einfachen Sätzen, damit es auch Menschen lesen und verstehen können, die es wie ich erst wieder erlernen müssen.
Besonders wichtig ist mir, auch die Angehörigen zu erreichen, die einen Freund oder Partner durch einen Schlaganfall zu verlieren glauben.
Aber Krankheit ist nicht Tod und während einiges an mir aufhörte zu existieren hat anderes damit erst begonnen.
Ich widme dieses Buch meinen Eltern und meinem Mann Christoph, der von der ersten Sekunde an bis heute immer zu mir gestanden und immer an mich geglaubt hat. Bis heute. Er ist mein Fels in der Brandung. Und ich widme es unserem kleinen Sohn Jan, dessen Einstieg in dieses Leben alles andere als einfach war.
Es ist ein langer und mühseliger Weg, sich in ein halbwegs normales Leben zurückzukämpfen. Aber wo Leben und Liebe sind, da ist auch Glück und welches Leben ist schon normal?
Mein Schicksalsschlag hat nicht nur mein Leben verändert, sondern auch das meiner Familie, meine Ehe und die Beziehung zu meinem zugleich neugeborenen Kind. Nach der Geburt konnte ich es weder in meinen Armen halten noch stillen. Ich konnte mich nicht einmal darüber freuen, dass es da war. Ich konnte es nicht wickeln, nicht baden oder liebevoll in den Schlaf wiegen. Ich selbst war auf Hilfe angewiesen. Ich war keine Ehefrau. Ich war keine Mutter. Ich war plötzlich nur noch ein Patient.
Manchmal werde ich noch heute traurig, wenn ich andere Frauen sehe, die ihre Babys bemuttern. Ich mache kein großes Drama daraus, aber es tut weh.




Kapitel 1
Das Leben ist kein Wunschkonzert

Bevor das alles passierte, hätte ich viel mehr im Leben erreichen können, aber ich hatte nie um etwas gekämpft oder kämpfen müssen.
Stattdessen stand ich mir ständig selbst im Weg.
Mit meinen Gefühlen wusste ich nicht wirklich viel anzufangen. Ich lebte auf meiner eigenen kleinen Insel.
Im Prinzip war ich alleine und damals schien es, als wäre es mir recht so. Heute weiß ich, dass ich eigentlich ein einsames Leben führte.
Gott sei Dank habe ich Christoph getroffen.
Er hat mein Leben damals völlig auf den Kopf gestellt. Er hat sich im Gegensatz zu mir alles im Leben selbst erkämpfen müssen, was für ihn nicht immer leicht gewesen war.
Aber dadurch hat er wohl seine Stärke entwickelt. Mir ist fast alles in den Schoß gefallen, nicht zuletzt deswegen haben wir auch öfter verschiedene Meinungen und Ansichten.
Aber wir ergänzen uns und ich habe immer gespürt, dass wir zusammen ein Fundament bilden, auf dem man aufbauen kann.
„Nichts wirft uns aus der Bahn, solange wir nur zusammenhalten“ – dieser Satz hat in unserem Fall eine tiefe Bedeutung bekommen.
Die Beziehung zwischen ihm und mir wurde schnell vertrauensvoll und tief. Und schon bald zog ich in sein Haus ein. Und Naila, mein Hund, war natürlich immer mit dabei. Sie, eine hübsche schwarze Labradorhündin, hatte ihr eigenes Bett neben unserem, denn auf die Couch durfte sie natürlich nicht. Wir gingen sehr oft zusammen spazieren und es dauerte nicht lange, dann war diese Hausregel gebrochen und sie durfte auch aufs Sofa.
Mit Christoph und Naila hatte ich schon damals das Gefühl, eine eigene kleine Familie zu haben. Bald schon sprachen wir offen über eigene Kinder, eine liebe kleine Familie. Und bald darauf wurde ich tatsächlich schwanger.
An diesem Tag im April 2014, als wir den positiven Schwangerschaftstest anstrahlten, kauften wir uns sogar eine Spielzeug-Autobahn. Wir bauten sie auf, saßen auf dem Boden und spielten bis in die späte Nacht hinein. Schlafen konnten wir sowieso nicht. Wir freuten uns wie kleine Kinder, die ein Eis in die Hand gedrückt bekommen hatten.
Sicherheitshalber machten wir am nächsten Morgen noch einen Schwangerschaftstest. Und wieder durften wir bis über das ganze Gesicht strahlen.
Ich legte ein Tagebuch an, um alles festzuhalten. Es beginnt mit einem Foto vom positiven Test. Wie andere Eltern richteten wir liebevoll ein Kinderzimmer ein und bereiteten uns auf die Geburt unseres Kindes vor.

Meine Schwangerschaft verlief bis auf das Sodbrennen und die ständige Müdigkeit völlig unproblematisch.
Noch im September heirateten wir, um unser Bekenntnis abzurunden und die Zeit verging wie im Flug. Bald sollte es so weit sein.
Meine Tasche für die bevorstehende Geburt stand griffbereit in der Garderobe. Unsere freundliche Hebamme hatte uns schon auf die Geburt vorbereitet und ein Krankenhaus für das freudige Ereignis hatten wir auch schon ausgewählt.
Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.




Kapitel 2
Das Schicksal

Ich glaube, dass man über sein eigenes Leben bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen kann. Man studiert, wenn man Arzt werden will oder fängt in jungen Jahren lieber gleich eine Lehre an, um früher Geld zu verdienen. Man entscheidet sich immer selbst, in der Hoffnung möglichst oft im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Doch manchmal entscheidet das, was wir nicht in der Hand haben. Manche nennen es Vorsehung, manche sprechen von Karma, aber die meisten von uns nennen es wohl Schicksal.
Mein Schicksal möchte ich mit anderen Menschen teilen, denn von außen betrachtet kann man sich nicht sehr viel Schlimmeres für eine werdende Mutter vorstellen. Doch ich will nicht über eine Tragödie berichten, sondern über das, was uns Hoffnung gibt, darüber was Menschen in einer ähnlichen Situation noch viel Gutes vom Leben erwarten dürfen.
Ja, ich denke, dass an diesem einen Tag meine Sterne für mich entschieden haben, diesen Weg zu gehen. Einen Weg, der mich von meiner Vorstellung Mutter zu sein weggeführt, aber der mich viel intensiver zu dem Gefühl des Mutterseins zurückgeführt hat.
Ich war glücklich, verliebt, verheiratet, gerade 35 Jahre alt und im fortgeschrittenen Stadium einer Schwangerschaft. Also in der glücklichen Erwartung meines ersten Kindes.
Da klopfte das Schicksal an meine Tür und stellte die Weichen meines Lebens ganz ohne zu fragen und ohne meine Zustimmung einfach neu. Ich habe einen sehr schweren Schlaganfall erlitten. Aber das Beste gleich vorweg: Ich habe überlebt und bin sogar wieder in der Lage, ein eigenes Buch zu schreiben.
Dieser Schlaganfall hat meinen Plan vom Leben total zerstört, auch jenen meiner Familie. Aber es hat die Beziehung zwischen mir, meinem Mann und meinem kleinen Sohn einzigartig gemacht.




Kapitel 3
Der Schlaganfall


Die letzten Wochen der Schwangerschaft waren wohl die harmonischste Zeit in meinem Leben. Wir haben noch sehr viel unternommen, waren nach unserer Hochzeit noch ein paar Tage am Meer und verbrachten viel Zeit miteinander.

An den Sonntagen ging Christoph regelmäßig mit Naila frühmorgens auf den nahe gelegenen Hausberg. Dazu stand er meist um 5 Uhr früh auf und die beiden stahlen sich leise aus dem Haus, um mich nicht zu wecken. Meist waren sie am späten Vormittag wieder zurück.
Aber, und das war wohl meine Lebensrettung, nicht an diesem einen Sonntag. Stattdessen legte sich Christoph wieder zu mir ins Bett, nachdem er nur kurz mit dem Hund draußen gewesen war.
Dann passierte es!
Plötzlich wurde ich von einem unglaublichen Schmerz aus dem Schlaf gerissen Ich kannte mich nicht mehr aus, was gerade mit mir geschah. Mir war schwindlig und mein Kopf schien zu zerspringen. Ich konnte kaum noch deutlich sprechen, rollte mich zu Christoph und stammelte: „M-e-i-n K-o-f“. Christoph schreckte hoch und rief: „Was ist los?“ “M-e-i-n K-o-f t-u-t s-o w-e-h!“
Christoph sprang sofort aus dem Bett, rief die Rettung und schrie in das Telefon: „Meine Frau ist hochschwanger und sie hatte wahrscheinlich gerade einen Schlaganfall!“ Es war gegen 7:30 Uhr in der Früh.
Ich versuchte mich immer wieder an der Fensterbank neben mir hochzuziehen, fiel aber jeweils wieder kraftlos ins Bett zurück und blieb dort liegen.
Als die Rettungssanitäter das Zimmer betraten war ich sehr erleichtert.
Naila sprang aufgeregt neben mir her, sie wollte mich wohl vor den roten Rettungssanitätern beschützen und so musste Christoph sie in ein Zimmer sperren. Während ich in den Krankenwagen geschoben wurde brachte Christoph Naila bei unserer lieben Nachbarin unter, die stets bereit ist uns zu helfen. Sie dachte zuerst noch, ich läge in den Wehen, bis sie in Christophs Gesichtsausdruck den Ernst der Lage erkannte. Auch ihr wurde angst und bange!
Christoph fuhr im Krankenwagen mit und während der Fahrt schrien die Sirenen auf dem Autodach und draußen sah ich, wie das Blaulicht die Autos anblitzte, die wir überholten.
Ab hier verschwimmen meine Erinnerungen.



Kapitel 4
Die Stroke Unit

Im Landeskrankenhaus folgten alle nötigen Untersuchungen, aber die Ärzte tappten im Dunkeln. Ich denke, sie waren mit der gesamten Situation überfordert, aber letztendlich sind sie auch nur Menschen. Zunächst blieben alle Untersuchungen ohne Ergebnis und die Ärzte beruhigten Christoph, der von Anfang an davon ausging, dass das ein Schlaganfall war. Von einer Migräne mit einer starken Aura über eine Hormonstörung bis zu einer Entzündung an der Gehirnhaut reichten die hilflosen Vermutungen der Ärzte. Nach einem CT (Computertomografie) wurde uns gegen Mittag sogar gratuliert, dass es kein Schlaganfall sei. Ich wurde zwischen der Erstaufnahmestation und dem Kreißsaal der Entbindungsklinik immer wieder hin und her geführt. Jedes Mal musste ich dazu auf die Krankentrage transferiert werden. Die Schmerzen im Kopf waren dabei unerträglich. Für jede durchgeführte Untersuchung musste Christoph zwei Einwilligungen unterschreiben, sollte etwas schieflaufen. Eine Einwilligung für mich und eine für die Gesundheit unseres ungeborenen Kindes konnte ich am Vormittag sogar noch selbst unterschreiben. Jedes Mal wurden die Risiken der Untersuchung erklärt. Es war schon spät am Abend, als sich die Ärzte zu einem MRT (Magnetresonanztomografie) entschieden. Als der Arzt uns die Risiken für das Kind aufzählte, wussten wir, warum sie diese Untersuchung so lange hinausgezögert hatten. Fünf Prozent betrug die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind im Mutterleib einen Gehörsturz erleiden und möglicherweise später niemals hören können würde. Mit Tränen in den Augen unterschrieb Christoph wieder zweimal. Dann holte er Decken und stapelte Wolldecke auf Bleidecke und wieder Wolldecke auf Bleidecke, um Jan so gut wie möglich vor dem unsäglichen Lärm zu beschützen. Vorab: Jan kam nicht taub zur Welt! Christoph blieb auch hier bei mir und wir bekamen trotz der Ohrschützer noch ausreichend die Kraft der Lärmwellen zu spüren.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 90
ISBN: 978-3-99107-070-2
Erscheinungsdatum: 12.11.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Krampus & Nikolo