Cover: Lebens-Briefe II

Lebens-Briefe II
Fortsetzung der Reise


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 124
ISBN: 978-3-7116-1920-4
Erscheinungsdatum: 10.09.2026
Wie gelingt ein stimmiges Leben zwischen innerer Wahrheit und den Anforderungen der Welt? In poetischen Lebensbriefen lädt Udo Hüttmann dazu ein, persönliche Stärken zu entdecken, Beziehungen bewusst zu gestalten und den eigenen Lebensweg achtsam fortzusetzen.
Das Einzige, was die Menschheit zu retten vermag,
ist Zusammenarbeit und der Weg zur Zusammenarbeit
nimmt im Herzen der Einzelnen seinen Anfang.
Bertrand Russell


Fortsetzung der Reise

Nach der wunderbaren inneren Erfahrung, dass es eine Einmaligkeit in der Vielfalt gibt – fühlte ich mich erleichtert. Ach ja, vielleicht sollte ich noch erzählen, wie der Weg bis hierhin war, ehe ich fortfahre.

Ja, nur so viel …

Als ich Zug um Zug meine inneren Helfer*innen als mein Team entdeckt hatte und in der größeren Stimmigkeit ihres Zusammenspiels meine innere Melodie wahrnahm, fühlte ich mich in mir selbst aufgehoben. Was natürlich nur so lange anhielt, bis ich wieder eine neue Herausforderung vor der Nase hatte. Dazu später mehr …

Nun fragte ich mich, wie kann ich mein verbessertes inneres Zusammenspiel im Umgang mit meinen Mitmenschen nutzen? Schließlich hatte ich in puncto innerer Klarheit dazugelernt und wollte nun, in all meinen kommenden Begegnungen, davon Gebrauch machen.

Die Worte des weisen Alten, dem wir im ersten Band der Lebens-Briefe begegnet waren, klangen noch in mir nach, als ich seine Hütte verließ …

Bleibe stets bei Dir, Deinem treuesten Begleiter. Mit jedem Herzschlag und Atemzug, mit jeder Intuition und jeder bewusst abgewogenen Entscheidung entsteht ein individueller Austausch zwischen innen und außen – zwischen Selbsterhalt und zwischenmenschlicher Verbundenheit.

Was hinderte mich also daran, mich einfach mehr dafür einzusetzen, auch mit meinen Mitmenschen in einer immer stimmigeren Kultur zu leben? Denn die Kultur des Zusammenlebens fällt nicht vom Himmel, sondern wird von den einzelnen Menschen hervorgebracht – mit all ihren Haltungen, Motiven, Überzeugungen und Vorurteilen.

So wie die Musiker*innen eines Orchesters zunächst ihr Instrument stimmen, sich aufeinander einstimmen und sich dann in mühevoller Probenarbeit mit einer Partitur auseinandersetzen, um sie auf ihre besondere Art und Weise zum Erklingen zu bringen, so ist es auch in unserer Kultur des Miteinanders.

Der Unterschied ist nur: Es gibt keine gemeinsame Partitur, nach der alle spielen, keine gemeinsamen – von allen geteilten – Einstellungen und Verhaltensformen – allenfalls kulturelle Normen, Werte und Gesetze, die mehr oder weniger verbindlich sind.

Jeder hat doch ein anderes inneres Orchester und dirigierendes Selbst. Wie könnte es auch anders sein. Vielleicht sollte ich mir meine Illusionen sparen und es mit dem inneren Zusammenspiel meiner Helfer*innen bewenden lassen.

„Halt“, sagte ich mir und hielt auf meinem Weg erst einmal inne …

Auf einer Lichtung setzte ich mich unter eine schattenspendende mächtige Eiche. Bald nickte ich ein … und leise drang eine Melodie an mein Ohr: Es waren die in den Zweigen zwitschernden Vögel, das Summen der Insekten und die vom Wind bewegten Blätter. Dieser Klang der Natur erzählte von einer vielstimmigen Harmonie, die auch ich mit größerer Achtsamkeit für meine innere Stimmigkeit empfinden konnte.

Nun war ich froh, die vielstimmige Natur, die an mein Ohr drang, zeugte von eben dieser Vielfalt des Lebens überhaupt, von der ich ein Teil bin.

So stand ich innerlich bereichert auf und setzte meine Lebensreise fort, um die Vielfalt der Menschen mit meiner zu teilen. Vielleicht würden ja bald neue Melodien des zwischenmenschlichen Zusammenspiels entstehen, die es vorher so noch nicht gegeben hatte.




Die Grundlage des Glücks ist
ein positives Menschenbild.
Dalai Lama


Liebes Selbst,

ehe Du Deine Reise antrittst, melde ich mich zu Wort, um mir meinen Platz in Deinem ‚Reise-Rucksack‘ zu sichern. Auch wenn Du noch etwas rätselst und es Dir in allen Facetten nicht immer bewusst ist, wie ich Dich schon Dein Leben lang unterstütze und was ich noch alles für Dich tun kann, doch dazu später mehr.

Wie sagst Du immer so schön, auf Deinem Lebensweg kommt es auf Deine Ausrüstung an: klare Zielvorstellungen, Orientierungs-Navi, solides ‚Schuhwerk‘ für Unwägbarkeiten und vieles mehr …

Ist das alles? … Was ist mit mir und meiner Ausrüstung?

Nur so viel vorab: Ich nehme die Rolle der Sprecherin einer Untergruppe Deines inneren Teams wahr, das für die Gestaltung Deiner Beziehungen nach außen zuständig ist.

Nun zu Dir und Deinen zwischenmenschlichen Erfahrungen, von denen Du mir immer wieder berichtest, die Dich in der Vergangenheit irritiert haben.
So sei beispielsweise gesagt worden: „als Leitungskraft müsse man ab und an auch mal ein kleines Schwein sein, um die Anforderungen von oben durchzusetzen. Das gehöre halt dazu.“

Deine Klage an mich: „Was mache ich nun damit? Das passt doch gar nicht zu mir!“

Du sagst: „Bin ich denn ein Weichei, der nur auf Kompromisse und Harmonie setzt und nicht auf den Tisch hauen kann und darum für schwach gehalten wird? Soll ich klare Kante zeigen, Stärke markieren und mir Respekt verschaffen, indem ich meine Leitungsposition ausspiele, da ich am längeren Hebelarm sitze und einfach anweisen kann? Ist das der hilfreichste und effektivste Weg, der am schnellsten Entscheidungen von oben nach unten durchsetzt?“

Immer wieder fragst Du mich: „Gibt es für Leitungskräfte nur eine Hauptrichtung der Loyalität, die von unten nach oben, um erfolgreich zu sein oder zumindest seine Position zu halten?“

Du erzählst mir auch von anderen Empfehlungen wohlmeinender Mitmenschen, die Dir zum Selbstschutz nahegelegt haben, in Betracht zu ziehen, dass es auch Menschen mit unguten Absichten gibt – um Dich vor schlechten Erfahrungen zu bewahren. Ja, nicht zu blauäugig zu sein.

Nun sind wir an der Stelle, an der ich ins Spiel komme.

Mein Rat ist: Setze ruhig die empfohlene kritische Beziehungs-Brille einmal zum Selbstschutz auf … Daraufhin sagtest Du mir, das hättest Du in der Vergangenheit nach schmerzlichen zwischenmenschlichen Erfahrungen schon einmal getestet.

Auf meine Frage, was dabei herausgekommen ist, stottertest Du etwas: „Ich fühlte mich durch meine kritische Brille innerlich distanzierter und abgekühlter. Durch die dicken kritischen Brillengläser empfand ich mich von ‚schützenden Burgmauern‘ umgeben. Bald merkte ich jedoch, wie ich zwischenmenschlich aushungerte und mich von mir selbst und anderen entfremdete.“

Ja und weiter …

„Ich machte zunehmend meine Vorbehalte bestätigende Erfahrungen mit Menschen, da ich durch die kritische Brille nur noch diese – wie durch ein Vergrößerungsglas – wahrnahm. Andere, wertschätzende Erfahrungen traten in den Hintergrund, sodass ich diese kaum noch wahrnehmen konnte. Schließlich warf ich die kritische Brille weit weg und setzte wieder meine eigene Brille auf, durch die ich die vielen positiven Eigenschaften meiner Mitmenschen deutlicher sehe, die ich so sehr wertschätze.“

Nun bist Du wieder bei mir – oder soll ich besser sagen – bei Dir angekommen. Du konntest die wertschätzenden Erfahrungen wieder in Dir aufnehmen, sodass Deine positive zwischenmenschliche Haltung wieder genährt wurde. Du siehst, es gibt Nahrung genug, Du musst sie nur sehen. Wenn Du sie an- und aufnimmst, gibst Du sie gleichzeitig wertschätzend an die Menschen zurück und ein positiver Kreislauf beginnt.

Auf meine begeisterte Nachfrage sagtest Du mir dann: „Was ich durch meine positive Brille sehe, veränderte auch die Art meines Blickes auf meine Mitmenschen. Ich schaue sie wieder wie zuvor respektvoll und wertschätzend an und erlebe diese Haltung als mein wertvollstes Geschenk. Am schönsten ist es, dass meine Mitmenschen auf meine Haltung in fast allen Situationen ebenso respektvoll und wertschätzend reagieren. Wie heißt es doch: Wie man in den Wald hineinruft …
Abgesehen von ein paar Ausnahmen, denen ich kein Gewicht beimesse und von denen ich mich auch nicht mehr irritieren lasse. Ich nehme sie halt als Standardabweichungen hin. Wenn es sich jedoch um wirkliche Grenzüberschreitungen handelt, ziehe ich meine robusten Grenzen, um meine Würde zu schützen.“

Ich wünsche Dir – trotz aller möglichen Herausforderungen – bleibe bei Deiner Haltung, sie ist Dein Königsweg. Wann immer Du mich auf Deinem Reiseweg brauchst: Ich bin zuverlässig an Deiner Seite.

Nun noch eine kleine Erzählung zum Schluss – über den Kampf zwischen Gut und Böse – oder soll ich besser sagen zur Fortsetzung der Reise?

Sie handelt von einem Großvater, der seinem Enkel erklärt, dass in jedem Menschen zwei Wölfe leben: ein guter und ein böser. Der Enkel fragt, welcher Wolf stärker sei, und der Großvater antwortet, dass der Wolf, der stärker ist, derjenige ist, den du fütterst.
Die zentrale Botschaft der Geschichte ist, dass unsere Entscheidungen und das, was wir nähren, unseren Charakter und unser Verhalten formen.

Herzliche Grüße
Dein positives Menschenbild




Verbindlichkeit ist die Grundlage für
Vertrauen in Beziehungen, die es uns ermöglicht,
zusammenzuarbeiten und gemeinsam Erfolge zu erzielen.
Stephen R. Covey


Liebes Selbst,

ich möchte Dich an Dein Schlüsselerlebnis mit dem weisen Alten erinnern. Weißt Du noch, wie er ‚euch‘ (Kopie und Original) einen großen Diamanten zeigte, der im Sonnenlicht wunderschön erstrahlte? Als ihr den Diamanten dann von allen Seiten betrachten konntet, wurde seine Einzigartigkeit – in seinem vielfältigen Farbenspektrum – sichtbar.

Ich erinnere mich gut daran, wie Du Dich vor dieser Erfahrung in Deiner eigenen Vielfalt manchmal zerrissen und in Not gefühlt hast. Doch gerade in dieser Vielfalt hast Du Deine einmalige Originalität erkannt – Deine unverwechselbare Einzigartigkeit. In diesem Moment warst Du bei Dir angekommen.

Ich möchte Dich auch auf der Fortsetzung Deiner oder besser gesagt unserer Reise begleiten. Nichts von Deiner Achtsamkeit, diese innere Stimmigkeit immer wieder erleben zu können, darf verloren gehen. Gerade wegen aller zukünftigen Herausforderungen möchte ich Dich unterstützen, Deine innere Heimat zu bewahren, um aus ihr die eigene Sinnstiftung, Orientierung, Kraft und Zuversicht zu schöpfen.

Nun bin ich unsicher, womit ich als Dein Teammitglied für innere und äußere Stimmigkeit weitermachen soll. Angesichts des (oft) notwendigen Abgleichs innerer Anliegen mit zwischenmenschlichen und situativen Anforderungen lassen sich ja ganz unterschiedliche Perspektiven einnehmen.

Wenn Du einverstanden bist, habe ich zunächst ein paar tiefergehende Fragen an Dich.

Was genau sind Deine Wünsche und Erwartungen an mich?

Woran kann ich erkennen, ob ich Deinen Wünschen und Erwartungen entspreche, damit ich Dich nicht verletze oder gar verliere?

Was hält den verbindenden Faden zwischen uns lebendig, ohne ihn zu sehr zu straffen oder gar abreißen zu lassen?

Wie kann auch ich meine Wünsche an Dich erfüllt bekommen?

Schlussendlich: Was verbindet uns, lässt uns aneinander festhalten und gibt uns auch wieder den nötigen Raum zu atmen, sodass Du Du und ich Ich sein kann. Ja, was lässt uns loslassen und Freiraum geben, um persönlich weiter zu wachsen und gleichzeitig unsere verbindenden Gefühle und Vorstellungen als festes Band zu spüren?

Fragen über Fragen und das ist nur der Anfang …

Genauer gesagt: Es geht mir um die Weise, wie wir miteinander unterwegs sind – um den Rhythmus, die Haltung, die Art des Austauschs, die ich brauche, um Dich als Dein Reisegefährte wirklich tragen, stärken und begleiten zu können. Damit unser gemeinsamer Weg nicht nur funktioniert, sondern lebendig bleibt.

Kannst Du Dich auf diese Form der Zusammenarbeit einlassen?

Mir ist unsere Beziehung sehr wichtig und ich empfinde sie als ein Geschenk: Individuelle Einzigartigkeit, Vertrauen und Liebe in Beziehungen bedingen einander. Sie können in einem Klima der Verbindlichkeit – ohne einander verändern zu wollen – am besten gedeihen.

Herzliche Grüße
Deine Verbindlichkeit nach innen und außen




Loyalität ist nicht nur die Fähigkeit,
zusammenzuhalten, sondern auch die Fähigkeit,
zusammen zu wachsen.“
Maya Angelou


Liebes Selbst,

ich vermute schon lange, dass immer wieder etwas an Dir zerrt und Dich schmerzt. Du beschwichtigst mich dann immer wieder mit den Worten: „Ich packe das schon, allen Seiten gerecht zu werden.“
Bis es dann wieder einmal so weit ist und Du Dich wie auf einem Streckbrett fühlst und klagst: „Von allen Seiten wird an mir gezerrt!“

Was denn nun? Alles okay, oder Streckbrett? „Ja, ist ja schon gut“, sagtest Du letztens etwas genervt:
„Du lässt ja doch keine Ruhe, wenn ich Dich abwimmeln will … Meine Devise nach Carl Gustav Jung ist meist: Wo die Angst ist, ist die Rettung. Also einfach ‚Kopf runter und durch‘! Doch meine Zerrissenheit nimmt damit langfristig nicht ab. Mache ich beispielsweise meinen Mitarbeitenden Zugeständnisse, dann fehlt es aus der Sicht meiner Leitung an Arbeitgeber-Orientierung. Wie sind die Ansprüche meiner Mitarbeitenden und die meiner Vorgesetzten auszubalancieren? Was ist mit meinen Herzensanliegen, Prinzipien und Werten, soll ich die außen vor lassen? Und was ist mit den Ansprüchen meiner Familienmitglieder und Freunde? Was, wenn der Satz von Friedemann Schulz von Thun richtig ist: Der Beziehungsaspekt bestimmt den Inhaltsaspekt? Dann lösen sich ja meine Werte, Überzeugungen und Prinzipien in Gefolgschaften auf. Nein, das ist mir zu einfach gedacht. Und übrigens, wer bist Du überhaupt und weshalb erzähle ich Dir das alles so haarklein?“

Oh, verzeih, dass ich mich nicht zuerst vorgestellt habe und gleich den Finger in die Wunde legte. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass wir uns kennen – schließlich hast Du mich schon so oft um Rat gebeten. Lass mich Dir deshalb zuerst etwas zu Deiner Zerrissenheit zwischen all den unterschiedlichen Ansprüchen sagen.
...

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