Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns – Mama
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 46
ISBN: 978-3-7116-0304-3
Erscheinungsdatum: 18.11.2024
Es ist immer ein Schicksalsschlag, wenn die Diagnose Krebs gestellt wird. Besonders erschwert wird die Situation für Angehörige, wenn sie ihre Liebsten in den eigenen vier Wänden betreuen und versorgen und sie sogar beim Sterben begleiten müssen.
Vorwort
Jenseits von richtig und falsch dort liegt ein Ort,
dort treffen wir uns – Mama
Derzeit gibt es 4,8 Millionen pflegende Angehörige in Deutschland. Das ist viel wenn man bedenkt, dass die Hälfte davon noch berufstätig ist. Den Spagat zwischen Arbeit und Pflege – ich kenne ihn nur zu gut. Aber ohne die richtigen Hilfen und ohne ein gut funktionierendes Familienkonstrukt kann man als Angehöriger die Belastungen nicht bewältigen.
Als pflegender Angehöriger kommt man an seine Grenzen; und das mehr als nur einmal. Selbst als Pflegekraft, wie ich es bin, bin ich mehr als genug an meine Grenze gekommen. Ich würde jederzeit wieder alles genauso machen!
Die Pflege eines geliebten Menschen, insbesondere als pflegender Angehöriger der eigenen Mutter und Ehefrau, ist eine herausfordernde und oft belastende Aufgabe. Sie erfordert immense Hingabe, Kraft und Zeit, um den physischen und emotionalen Bedürfnissen des Pflegebedürftigen gerecht zu werden. Dabei wird die Balance zwischen der Pflegeverantwortung und dem eigenen Leben, ob beruflich oder privat zu einer täglichen Herausforderung. Besonders die Pflege innerhalb der Familie bringt nicht nur organisatorische, sondern auch emotionale Belastungen mit sich, da sich das familiäre Verhältnis grundlegend prägt und häufig neu definiert.
An dieser Stelle möchte ich mich von tiefstem Herzen bei meinem Papa bedanken, ohne dich hätte ich die drei Jahre nicht so tapfer gemeistert. Ich bin unfassbar stolz darauf, wie du auch deine Pflegeskills erweitert und wie hervorragend du das alles gemacht hast! Du bist nicht nur ein bisschen, sondern sehr viel über deine Grenzen gegangen!
Ein besonderer danke auch, an alle Personen aus unserem Umfeld, die genau die Gegebenheiten so genommen haben, wie sie sind und uns Kraft und Liebe geschenkt haben. Und auch an den wunderbaren Hausarzt, der uns durch zwei Jahre Kampf begleitet hat sowie an meinen Arbeitgeber, der mich unterstützt, mir Hilfsmittel zur Verfügung gestellt und es akzeptiert hat, wenn ich einmal neben der Spur lief.
Kapitel 1
Wie alles begann
Im April 2020 bekam meine Mutter die Diagnose Lungenkrebs. Diese Diagnose kam durch Zufall heraus.
Krebs? Meine Mama? Wird sie sterben? Wie geht es weiter? Doch nicht meine geliebte Mama! Die schwerste Zeit unseres Lebens ging los.
Zu dem Zeitpunkt war ich 24 Jahre jung. Mein Geburtstag stand noch bevor – aber wird Mama das erleben? Werden wir noch ein Weihnachten zusammen haben? Ja, wir werden dies alles gemeinsam erleben!
Alles begann im Dezember 2019 mit einem Ziehen im Hals- und Schulterbereich. Sie suchte einen Arzt nach dem anderen auf. Zunächst traten leichte Erkältungssymptome wie Schnupfen und Gliederschmerzen auf, gefolgt von immer stärker werdender Husten. Das neue Jahr begann und mit der Pandemie wurde Mama in die Kurzarbeit geschickt, da sie in einer Tagespflege arbeitete.
Am 01.04.2020 war meine Mama bei einem Lungenfacharzt und erhielt die Diagnose.
Wir kommen beide aus dem Beruf der Pflege. Sie hat den Beruf gelebt. Mama hat stationär gelernt, zum damaligen Zeitpunkt gab es noch die zweijährige Pfleghelferausbildung mit Examen. Der Tod war immer präsent – durch unseren Beruf. Mama hat mir die Ängste genommen mit Sterbenden zu Arbeiten. Sie hatte einen besonderen Bezug zu sterbenden Menschen. Sie war besonders! Besonders anders für viele. Mama war über zehn Jahre in dem Beruf. Sie war der „gute Laune Mensch“ auf der Station. Sie hat alle mit ihrem Humor und ihren zarten 1,50 m zum Lachen gebracht. Aber genauso wichtig war ihr, dass Wohl ihrer geliebten Senioren in dem Pflegeheim. Sie hat sich immer für das Recht der Menschen eingesetzt und ist das ein oder andere Mal mit Ärzten aneinandergeraten. Sie hatte große Empathie gegenüber ihren Schützlingen und deren Angehörigen, ist oftmals stundenlang noch auf der Arbeit geblieben, um ihnen ihren letzten Weg so schön wie möglich zu machen, um für die Angehörigen vor Ort zu sein. Auch als sie in die Tagespflege gewechselt ist, war sie oftmals noch lange nach Feierabend vor Ort, um für die Tagespflegegäste da zu sein oder um ihre Arbeit nachzubereiten wie beispielsweise die Dokumentation, das Aufräumen der Tagespflege oder das vorbereiten für den kommenden Tag. Sie hatte Freude daran, ihre Gäste und Bewohner lachen zu sehen, mit ihnen Spaß zu haben und ihnen Freude zu bereiten. Ich habe mit Mama gemeinsam gearbeitet, habe mit ihr mein Examen zur Fachkraft gemacht. Durch sie habe ich vieles lernen können, dafür bin ich ihr bis heute dankbar – auch wenn ich es ihr viel zu selten gesagt habe.
Am 01.04.2020 saßen wir nun da, völlig geschockt und am Boden in der Küche und überlegten, wie es weitergehen sollte. Der Bericht des Röntgens war voller Fachbegriffe, aber einer war Mama und mir bekannt – Karzinom.
„Ich will nicht sterben. Ich bin doch noch nicht soweit.“
„Nein Mama, du wirst nicht sterben. Wir schaffen das!“
Das haben wir damals gesagt.
Der erste Krankenhausaufenthalt am 07.04.2020 stand bevor. Es wurde eine Biopsie gemacht, um zu sehen, welche Wege man gehen konnte. Eine Operation zur Entfernung des Tumors war mit der Biopsie ausgeschlossen. So gab es nur noch eine Möglichkeit – Chemotherapie. Der Oberarzt sagte damals: „Diese Diagnose wird Ihr Todesurteil werden. Sie werden nicht mehr lange leben“, und verschwand aus dem Raum. Wie kann ein Arzt so etwas sagen? Egal – wir schaffen das! Ein weiterer Tiefschlag. Eine weitere Schelle. Durch Corona durften wir sie nicht besuchen. Sie war circa eine Woche in der Klinik. Es wurden mehrere Tests und Untersuchungen durchgeführt.
Sie wurde „Palliativ“ eingestuft, das heißt, eine besondere Form von Versorgung bei schwer kranken und sterbenden Menschen.
Ab dem Tag wurde irgendwie auch alles anders. Mama hat sich gegen die Schulmedizin und für die Alternativmedizin entschieden. Was das genau heißt? Ich wusste es damals nicht. Ich dachte, es handelt sich um irgendwelche Globuli. Pustekuchen, ich wurde eines Besseren belehrt.
Als ich ein kleines Kind war, gab es oft Alternativmedizin, Hausmitteln wie warmen und kalten Wickeln, Quarkwickel bis zu Zwiebeltee bei Erkältungen, das habe ich damit assoziiert. Ich dachte mir: „Mama, mit so etwas kann man nicht gesund werden, du spielst mit deinem Leben.“ Sie war immer für Überraschungen gut!
So stellte sie also die Ernährung radikal um; von einem auf den anderen Tag. Fasten und Diäten standen an. Wir kannten bis dato immer nur deftiges Essen, natürlich war es gesund, aber es war deftig. Wie es so ist, musste ich es essen. War gar nicht so schlecht; Löwenzahn und Kapuzinerkresse, wurde zwar nicht zu meinen Lieblingsspeisen aber was tut man nicht alles für die Mama. In dieser Zeit, auch durch Corona bedingt, ging meine Mutter sehr viel spazieren. Stundenlang im Wald unterwegs, genoss die Ruhe, die Waldluft, sammelte Stöcker und Äste und entdeckte das Basteln wieder für sich, aß Beeren und Birkenblätter. Sie holte ihre alten Walkingstöcker aus dem Keller und wanderte Kilometer.
Im Mai 2020 stand ein weiterer Besuch in einer Klinik an, ich wollte gerne eine weitere Meinung einholen, also nur zum Beratungsgespräch. Also hat Mama sich durchgerungen, auch wenn ihre Entscheidung stand – keine Chemotherapie. Nach dem Arztbesuch war auch für mich klar, dass eine Chemotherapie keine Option sein wird. Die Liste der Nebenwirkungen war lang. Zu lang. Es waren keine banalen Nebenwirkungen wie bei Schmerzmitteln, sondern um solche, die weder behandelbar noch reversibel wären. Das wollte ich nicht. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählten Diabetes Mellitus, Wassereinlagerungen im gesamten Körper, Blutanämie, Polyneuropathien – also eine Nervenschädigung durch die Chemotherapie, welche mit Antidepressiva „gelindert“ werden können. Doch seien wir ehrlich: Als ob die Diagnose Krebs nicht bereits schwierig genug wäre, dachte ich mir, und dann sollte man zusätzlich mit derartigen Nebenwirkungen konfrontiert werden? Natürlich sagten die Ärzte, es kann, aber muss nicht vorkommen. Es ist nur nachvollziehbar, dass niemand dem Tod direkt ins Auge sehen möchte, geschweige denn auch noch in seine Arme gestoßen wird. So habe ich den Arzt gefragt, was denn an dieser Chemo gut sei, so kam er etwas ins Stocken. Er gab mir zur Antwort: „Nun ja, zu 50 % können wir somit den Krebs besiegen.“ Super, also hat meine Mama genau eine 50 zu 50 Chance, den Krebs zu besiegen und eine noch schlechtere Lebenssituation, wenn die Nebenwirkungen eintreten. Das Tolle war, Mama ging es zu diesem Zeitpunkt grandios, bis auf den wirklich lästigen Husten. Dennoch haben wir uns für all die Mühe bei dem netten jungen Arzt bedankt und so sind Mama und ich gefahren. Wenig Tage später, nachdem ich dann alles überdacht habe, habe ich dann Mama gesagt: „Ich, wir, also Papa und ich, helfen dir, bei dem Weg, den du gehen möchtest.“
So wurden Obst und Gemüse im Garten angebaut. Mama hatte ja schließlich die Ernährung umgestellt. Zu meinem Bedauern gab es ab dem Zeitpunkt wirklich nichts Deftiges mehr zu essen. Mama nahm mit der Diät ab. Sie bewegte sich viel. Ihr Tag bestand aus Wald und Essen. Morgens stand sie schon früh auf, zwischen fünf und sechs Uhr, zog sich an und spazierte in den Wald. Stundenlang. Sie kam wieder, duschte sich und begann mit dem Frühstück. Um spätestens 13 Uhr gab es dann auch wieder Mittagessen und kurz danach gab es kleine Snacks, abends ab 18 Uhr wurde nochmals ordentlich gegessen, schließlich durfte sie bei der Neun-zu-Zehn-Diät nur eine gewisse Zeit essen, es war aber auch alles durchgetaktet. Und wenn es irgendwie ging, versuchte sie zwischendurch, noch einmal in den Wald zu gehen.
Ihr geliebter Wald, sie verbrachte Stunden dort.
Es kam ein Hochfrequenzgerät ins Haus. Diese Therapie nutzt hochfrequente elektrische Ströme, um tief im Körper Gewebe zu erwärmen, die Durchblutung zu verbessern und den Stoffwechsel anzuregen Jeden Tag, immer wieder, saß sie an diesem Gerät. Es regt die Lymphbahnen an. Es hilft wirklich, kleinste Schmerzen waren nach der Verwendung des Gerätes weg. Mit der Entscheidung, dass sie die reine Schulmedizin ablehnte, recherchierte sie im Internet nach anderen wegen. Sie war in sämtliche Foren beigetreten. Sie telefonierte mit Menschen aus aller Welt und Kultur. Mit Menschen aus Österreich, welche ebenfalls Krebs hatten und sich durch die Alternativmedizin zur Heilung brachten. Also recherchierte Mama weiter, in Deutschland schien die Alternativmedizin nicht so etabliert zu sein.
Doch schließlich fand Mama einen Heiler und suchte ihn zum ersten Mal auf. Er setzte sich mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie erzählte darüber nicht viel, sie war erschöpft nach den Sitzungen. Sie recherchierte viel im Internet, von Heilern, Medium bis hin zu alternativen Heilverfahren war Mama bestens informiert. Sie hat sich mit Energiefeldern und der eigenen Heilung befasst. Klingt erst einmal gruselig? Ja, dachte ich auch. Ist es aber gar nicht. Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte. Diese Fähigkeiten kann jeder selbst aktivieren, ohne ein Anhänger der Magie zu sein oder an Hokuspokus zu glauben. Genau genommen, denke ich, dass jeder Mensch dies intuitiv tut, sobald er eine Erkältung hat. Man aktiviert diese Kräfte auf einfache Weise, beispielsweise durch Wechselbäder; andere wiederum praktizieren Yoga, um innere Ruhe und Gelassenheit zu fördern. Es klingt doch unkompliziert, oder? ein Auch das Aufarbeiten von negativen Gedanken beziehungsweise Ereignissen gehört dazu. Unser Körper sendet uns dauerhaft Signale. Es gibt Menschen, wenn sie gestresst sind, bekommen sie Bauchschmerzen, sind anfälliger für Erkältungen oder erleiden Migräne. All dies sind Anzeichen des Körpers, dass gerade etwas zu viel ist, auch wenn wir sie gerne verdrängen und nicht wahrnehmen, aber irgendwann holen uns unterdrückte Gefühle und Emotionen eben ein; und diese wollen gehört werden.
Kapitel 2
Eine letzte Reise?
Mama wollte nun noch einmal in den Schwarzwald reisen; gesagt getan. So haben Mama und ich im Juni 2020 Oma besucht – endlich wieder deftiges Essen. Und Mama? Mama hat in kleinen Mengen auch gegessen. Sie hat sich nichts anmerken lassen. Krebs? Krank? Nein, ihr ging es gut. Papa und ich hatten oft Sorge, dass es ihr schlechter ging als sie zugab. Es muss erwähnt werden, dass sie selten darüber sprach sich unwohl zu fühlen- selbst vor der Krebserkrankung betonte sie steht, es ginge ihr gut. Sie ist krank zur Arbeit gegangen, hat sich auch dort nie etwas anmerken lassen. Auch wenn Freunde und Familie sie gefragt haben, das Höchste der Gefühle war: „Ich bin kaputt, aber sonst geht’s.“ So haben wir eine schöne Zeit im Schwarzwald gehabt, sind essen gegangen, haben lustige Abende mit der Verwandtschaft verbracht. Oma hat sich so sehr über den Besuch von Mama und mir gefreut. Aber niemand durfte ihr sagen, dass Mama Krebs hatte. Sie soll sich doch keine Sorgen machen. Und naja, man hat es Mama immer noch nicht angesehen. In dieser Zeit bummelten wir durch die kleinen Gassen, gingen zum Friedhof, machten Spaziergänge. Mama schien zufrieden zu sein, keine Beschwerden zu haben. Nach dem kurzen Mutter-Tochter Ausflug musste ich auch wieder arbeiten und Mama genoss die schönen Sommertage. So braun wie in diesem Jahr war sie lange nicht mehr gewesen. Sie genoss jeden Sonnenstrahl, war im Freibad und tankte Kraft in ihrem Wald. Die Diäten waren irgendwann zum Glück vorbei, da Mama erschöpft war von der starken Strukturierung ihres Tages, sie hat zwar gerne noch gesund gegessen, aber zum Glück nicht mehr in dem Ausmaß. So verzichtete sie auf Zucker und Salz und nahm so wenig tierische Fette wie möglich zu sich. Dies war akzeptabel. Sie sprach nicht oft über die Krankheit. Aber ich wusste, der Krebs machte ihr Angst: Angst vor dem, was kommen wird. Ihren 56. Geburtstag verbrachten wir im kleinen Kreis. Sie ging weiterhin mit Freundinnen essen, lud zum Kaffee und Kuchen ein und genoss die Zeit. Mama hat wenig Medikamente genommen. Lediglich einmal ein Ibuprofen gegen Schmerzen in der Schulter, woher diese Schmerzen kamen, war unklar, der Verdacht bestand, dass die Schmerzen durch den Krebs ausstrahlten. Eine Vielzahl von Vitamintabletten war vorgesehen. Das Angebot umfasste alles von Vitamin B bis hin zu L-Carnitin. Die Misteln wurden wöchentlich von mir injiziert. Die Misteltherapie stellt eine naturheilkundliche Behandlungsform dar, die gegenwärtig häufig in der alternativmedizinischen Krebstherapie begleitend oder zur Nachbehandlung eingesetzt wird. Die therapeutische Wirkung, die im Rahmen der Misteltherapie zur Krebsbehandlung genutzt wird, entfaltet sich ausschließlich durch Injektionen. Im Herbst bekam Mama CBD, sie konnte so schlecht schlafen. Es half, Mama hat zwar morgens gelallt, als hätte sie eine ganze Flasche Wein getrunken, aber dennoch, half es beim Schlafen.
Mein Geburtstag stand an, ich hatte Angst, wie dieser Tag sein wird, ob es mein letzter Geburtstag sein wird mit Mama zusammen, wie es ihr gehen wird an diesem Tag. Aber sie tischte auf für zehn. Genauso wie an Weihnachten– das hat sie geliebt. Eine Armee hätte satt werden können. Für Mama war das Jahr 2020 ein turbulentes Jahr. Sie ist den Weg gegangen; ihren Weg. Jeden Tag, mehrere Stunden, war sie weiterhin im Wald. Auch über die Feiertage war sie in ihrem geliebten Wald. Mama setzte sich in den Kopf, wieder zu arbeiten. Auch wenn es nur ein Minijob wäre, sie wollte wieder etwas tun. Ihr ist die Decke langsam auf den Kopf gefallen. Durch das Zuhause-Sein, begann ihr Gedanken-Karussell. Sie war sich bewusst, dass eine reguläre Erwerbstätigkeit nicht mehr möglich sein würde. Dennoch stellte die Abwesenheit von Arbeit ebenfalls keine Lösung dar.Mama hatte Freude an ihrer beruflichen Tätigkeit. So nutzte sie aber erstmal die Zeit und recherchierte weiter im Internet nach Heilern. Sie begann, Kontakte zu Heilern und Schamanen aus verschiedenen Teilen der Welt zu knüpfen.
So waren abendliche Meditationen schon fast Standard. Es durfte für 30-60 Minuten keiner stören. Aus ihrem Schlafzimmer ertönte leise Entspannungsmusik.
Ich habe mich so in die Arbeit gestürzt, aus Angst, was mich zuhause erwarten würde Corona erschwerte die Situation, die Ausgangssperren, Isolation der Außenwelt. Es war alles neu. Mama hatte zum Glück eine Maskenbefreiung erhalten. Trotz Corona habe ich viele Dienste geschoben. Ich habe soweit es ging, auf der Arbeit versucht, alles zu vergessen und meinen Job zu machen. Nach den Arztbesuchen war es erforderlich, meinem Papa in aller Ruhe zu erläutern, was besprochen worden war. Fachbegriffe musste ich verständlich machen und einem Schlossermeister auf einfache Weise erklären, welche Entwicklungen nun bevorstanden. Mama hat sich in dem Jahr aber auch geändert. Sie wurde ruhiger. Mama war ein Wirbelwind. Sie war aufbrausend und stur. Wenn sie lesen würde, dass ich schreibe, dass sie stur war – ohje. Sie sagte immer, sie sei eigensinnig, aber nicht stur. Wenn sie wusste, dass sie im Recht war, wurde es so lange ausdiskutiert, bis das Gegenüber merkte, es hat keine Chance mehr. Aber das änderte sich, mit Beginn von Corona und der Diagnose, wurde sie stiller. Auf Nachfrage gab sie weiter an, es würde ihr gut gehen. Sie machte sich schick, zog sich fein an und schminkte sich – auch wenn sie nur in den Wald ging!
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Jenseits von richtig und falsch dort liegt ein Ort,
dort treffen wir uns – Mama
Derzeit gibt es 4,8 Millionen pflegende Angehörige in Deutschland. Das ist viel wenn man bedenkt, dass die Hälfte davon noch berufstätig ist. Den Spagat zwischen Arbeit und Pflege – ich kenne ihn nur zu gut. Aber ohne die richtigen Hilfen und ohne ein gut funktionierendes Familienkonstrukt kann man als Angehöriger die Belastungen nicht bewältigen.
Als pflegender Angehöriger kommt man an seine Grenzen; und das mehr als nur einmal. Selbst als Pflegekraft, wie ich es bin, bin ich mehr als genug an meine Grenze gekommen. Ich würde jederzeit wieder alles genauso machen!
Die Pflege eines geliebten Menschen, insbesondere als pflegender Angehöriger der eigenen Mutter und Ehefrau, ist eine herausfordernde und oft belastende Aufgabe. Sie erfordert immense Hingabe, Kraft und Zeit, um den physischen und emotionalen Bedürfnissen des Pflegebedürftigen gerecht zu werden. Dabei wird die Balance zwischen der Pflegeverantwortung und dem eigenen Leben, ob beruflich oder privat zu einer täglichen Herausforderung. Besonders die Pflege innerhalb der Familie bringt nicht nur organisatorische, sondern auch emotionale Belastungen mit sich, da sich das familiäre Verhältnis grundlegend prägt und häufig neu definiert.
An dieser Stelle möchte ich mich von tiefstem Herzen bei meinem Papa bedanken, ohne dich hätte ich die drei Jahre nicht so tapfer gemeistert. Ich bin unfassbar stolz darauf, wie du auch deine Pflegeskills erweitert und wie hervorragend du das alles gemacht hast! Du bist nicht nur ein bisschen, sondern sehr viel über deine Grenzen gegangen!
Ein besonderer danke auch, an alle Personen aus unserem Umfeld, die genau die Gegebenheiten so genommen haben, wie sie sind und uns Kraft und Liebe geschenkt haben. Und auch an den wunderbaren Hausarzt, der uns durch zwei Jahre Kampf begleitet hat sowie an meinen Arbeitgeber, der mich unterstützt, mir Hilfsmittel zur Verfügung gestellt und es akzeptiert hat, wenn ich einmal neben der Spur lief.
Kapitel 1
Wie alles begann
Im April 2020 bekam meine Mutter die Diagnose Lungenkrebs. Diese Diagnose kam durch Zufall heraus.
Krebs? Meine Mama? Wird sie sterben? Wie geht es weiter? Doch nicht meine geliebte Mama! Die schwerste Zeit unseres Lebens ging los.
Zu dem Zeitpunkt war ich 24 Jahre jung. Mein Geburtstag stand noch bevor – aber wird Mama das erleben? Werden wir noch ein Weihnachten zusammen haben? Ja, wir werden dies alles gemeinsam erleben!
Alles begann im Dezember 2019 mit einem Ziehen im Hals- und Schulterbereich. Sie suchte einen Arzt nach dem anderen auf. Zunächst traten leichte Erkältungssymptome wie Schnupfen und Gliederschmerzen auf, gefolgt von immer stärker werdender Husten. Das neue Jahr begann und mit der Pandemie wurde Mama in die Kurzarbeit geschickt, da sie in einer Tagespflege arbeitete.
Am 01.04.2020 war meine Mama bei einem Lungenfacharzt und erhielt die Diagnose.
Wir kommen beide aus dem Beruf der Pflege. Sie hat den Beruf gelebt. Mama hat stationär gelernt, zum damaligen Zeitpunkt gab es noch die zweijährige Pfleghelferausbildung mit Examen. Der Tod war immer präsent – durch unseren Beruf. Mama hat mir die Ängste genommen mit Sterbenden zu Arbeiten. Sie hatte einen besonderen Bezug zu sterbenden Menschen. Sie war besonders! Besonders anders für viele. Mama war über zehn Jahre in dem Beruf. Sie war der „gute Laune Mensch“ auf der Station. Sie hat alle mit ihrem Humor und ihren zarten 1,50 m zum Lachen gebracht. Aber genauso wichtig war ihr, dass Wohl ihrer geliebten Senioren in dem Pflegeheim. Sie hat sich immer für das Recht der Menschen eingesetzt und ist das ein oder andere Mal mit Ärzten aneinandergeraten. Sie hatte große Empathie gegenüber ihren Schützlingen und deren Angehörigen, ist oftmals stundenlang noch auf der Arbeit geblieben, um ihnen ihren letzten Weg so schön wie möglich zu machen, um für die Angehörigen vor Ort zu sein. Auch als sie in die Tagespflege gewechselt ist, war sie oftmals noch lange nach Feierabend vor Ort, um für die Tagespflegegäste da zu sein oder um ihre Arbeit nachzubereiten wie beispielsweise die Dokumentation, das Aufräumen der Tagespflege oder das vorbereiten für den kommenden Tag. Sie hatte Freude daran, ihre Gäste und Bewohner lachen zu sehen, mit ihnen Spaß zu haben und ihnen Freude zu bereiten. Ich habe mit Mama gemeinsam gearbeitet, habe mit ihr mein Examen zur Fachkraft gemacht. Durch sie habe ich vieles lernen können, dafür bin ich ihr bis heute dankbar – auch wenn ich es ihr viel zu selten gesagt habe.
Am 01.04.2020 saßen wir nun da, völlig geschockt und am Boden in der Küche und überlegten, wie es weitergehen sollte. Der Bericht des Röntgens war voller Fachbegriffe, aber einer war Mama und mir bekannt – Karzinom.
„Ich will nicht sterben. Ich bin doch noch nicht soweit.“
„Nein Mama, du wirst nicht sterben. Wir schaffen das!“
Das haben wir damals gesagt.
Der erste Krankenhausaufenthalt am 07.04.2020 stand bevor. Es wurde eine Biopsie gemacht, um zu sehen, welche Wege man gehen konnte. Eine Operation zur Entfernung des Tumors war mit der Biopsie ausgeschlossen. So gab es nur noch eine Möglichkeit – Chemotherapie. Der Oberarzt sagte damals: „Diese Diagnose wird Ihr Todesurteil werden. Sie werden nicht mehr lange leben“, und verschwand aus dem Raum. Wie kann ein Arzt so etwas sagen? Egal – wir schaffen das! Ein weiterer Tiefschlag. Eine weitere Schelle. Durch Corona durften wir sie nicht besuchen. Sie war circa eine Woche in der Klinik. Es wurden mehrere Tests und Untersuchungen durchgeführt.
Sie wurde „Palliativ“ eingestuft, das heißt, eine besondere Form von Versorgung bei schwer kranken und sterbenden Menschen.
Ab dem Tag wurde irgendwie auch alles anders. Mama hat sich gegen die Schulmedizin und für die Alternativmedizin entschieden. Was das genau heißt? Ich wusste es damals nicht. Ich dachte, es handelt sich um irgendwelche Globuli. Pustekuchen, ich wurde eines Besseren belehrt.
Als ich ein kleines Kind war, gab es oft Alternativmedizin, Hausmitteln wie warmen und kalten Wickeln, Quarkwickel bis zu Zwiebeltee bei Erkältungen, das habe ich damit assoziiert. Ich dachte mir: „Mama, mit so etwas kann man nicht gesund werden, du spielst mit deinem Leben.“ Sie war immer für Überraschungen gut!
So stellte sie also die Ernährung radikal um; von einem auf den anderen Tag. Fasten und Diäten standen an. Wir kannten bis dato immer nur deftiges Essen, natürlich war es gesund, aber es war deftig. Wie es so ist, musste ich es essen. War gar nicht so schlecht; Löwenzahn und Kapuzinerkresse, wurde zwar nicht zu meinen Lieblingsspeisen aber was tut man nicht alles für die Mama. In dieser Zeit, auch durch Corona bedingt, ging meine Mutter sehr viel spazieren. Stundenlang im Wald unterwegs, genoss die Ruhe, die Waldluft, sammelte Stöcker und Äste und entdeckte das Basteln wieder für sich, aß Beeren und Birkenblätter. Sie holte ihre alten Walkingstöcker aus dem Keller und wanderte Kilometer.
Im Mai 2020 stand ein weiterer Besuch in einer Klinik an, ich wollte gerne eine weitere Meinung einholen, also nur zum Beratungsgespräch. Also hat Mama sich durchgerungen, auch wenn ihre Entscheidung stand – keine Chemotherapie. Nach dem Arztbesuch war auch für mich klar, dass eine Chemotherapie keine Option sein wird. Die Liste der Nebenwirkungen war lang. Zu lang. Es waren keine banalen Nebenwirkungen wie bei Schmerzmitteln, sondern um solche, die weder behandelbar noch reversibel wären. Das wollte ich nicht. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählten Diabetes Mellitus, Wassereinlagerungen im gesamten Körper, Blutanämie, Polyneuropathien – also eine Nervenschädigung durch die Chemotherapie, welche mit Antidepressiva „gelindert“ werden können. Doch seien wir ehrlich: Als ob die Diagnose Krebs nicht bereits schwierig genug wäre, dachte ich mir, und dann sollte man zusätzlich mit derartigen Nebenwirkungen konfrontiert werden? Natürlich sagten die Ärzte, es kann, aber muss nicht vorkommen. Es ist nur nachvollziehbar, dass niemand dem Tod direkt ins Auge sehen möchte, geschweige denn auch noch in seine Arme gestoßen wird. So habe ich den Arzt gefragt, was denn an dieser Chemo gut sei, so kam er etwas ins Stocken. Er gab mir zur Antwort: „Nun ja, zu 50 % können wir somit den Krebs besiegen.“ Super, also hat meine Mama genau eine 50 zu 50 Chance, den Krebs zu besiegen und eine noch schlechtere Lebenssituation, wenn die Nebenwirkungen eintreten. Das Tolle war, Mama ging es zu diesem Zeitpunkt grandios, bis auf den wirklich lästigen Husten. Dennoch haben wir uns für all die Mühe bei dem netten jungen Arzt bedankt und so sind Mama und ich gefahren. Wenig Tage später, nachdem ich dann alles überdacht habe, habe ich dann Mama gesagt: „Ich, wir, also Papa und ich, helfen dir, bei dem Weg, den du gehen möchtest.“
So wurden Obst und Gemüse im Garten angebaut. Mama hatte ja schließlich die Ernährung umgestellt. Zu meinem Bedauern gab es ab dem Zeitpunkt wirklich nichts Deftiges mehr zu essen. Mama nahm mit der Diät ab. Sie bewegte sich viel. Ihr Tag bestand aus Wald und Essen. Morgens stand sie schon früh auf, zwischen fünf und sechs Uhr, zog sich an und spazierte in den Wald. Stundenlang. Sie kam wieder, duschte sich und begann mit dem Frühstück. Um spätestens 13 Uhr gab es dann auch wieder Mittagessen und kurz danach gab es kleine Snacks, abends ab 18 Uhr wurde nochmals ordentlich gegessen, schließlich durfte sie bei der Neun-zu-Zehn-Diät nur eine gewisse Zeit essen, es war aber auch alles durchgetaktet. Und wenn es irgendwie ging, versuchte sie zwischendurch, noch einmal in den Wald zu gehen.
Ihr geliebter Wald, sie verbrachte Stunden dort.
Es kam ein Hochfrequenzgerät ins Haus. Diese Therapie nutzt hochfrequente elektrische Ströme, um tief im Körper Gewebe zu erwärmen, die Durchblutung zu verbessern und den Stoffwechsel anzuregen Jeden Tag, immer wieder, saß sie an diesem Gerät. Es regt die Lymphbahnen an. Es hilft wirklich, kleinste Schmerzen waren nach der Verwendung des Gerätes weg. Mit der Entscheidung, dass sie die reine Schulmedizin ablehnte, recherchierte sie im Internet nach anderen wegen. Sie war in sämtliche Foren beigetreten. Sie telefonierte mit Menschen aus aller Welt und Kultur. Mit Menschen aus Österreich, welche ebenfalls Krebs hatten und sich durch die Alternativmedizin zur Heilung brachten. Also recherchierte Mama weiter, in Deutschland schien die Alternativmedizin nicht so etabliert zu sein.
Doch schließlich fand Mama einen Heiler und suchte ihn zum ersten Mal auf. Er setzte sich mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie erzählte darüber nicht viel, sie war erschöpft nach den Sitzungen. Sie recherchierte viel im Internet, von Heilern, Medium bis hin zu alternativen Heilverfahren war Mama bestens informiert. Sie hat sich mit Energiefeldern und der eigenen Heilung befasst. Klingt erst einmal gruselig? Ja, dachte ich auch. Ist es aber gar nicht. Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte. Diese Fähigkeiten kann jeder selbst aktivieren, ohne ein Anhänger der Magie zu sein oder an Hokuspokus zu glauben. Genau genommen, denke ich, dass jeder Mensch dies intuitiv tut, sobald er eine Erkältung hat. Man aktiviert diese Kräfte auf einfache Weise, beispielsweise durch Wechselbäder; andere wiederum praktizieren Yoga, um innere Ruhe und Gelassenheit zu fördern. Es klingt doch unkompliziert, oder? ein Auch das Aufarbeiten von negativen Gedanken beziehungsweise Ereignissen gehört dazu. Unser Körper sendet uns dauerhaft Signale. Es gibt Menschen, wenn sie gestresst sind, bekommen sie Bauchschmerzen, sind anfälliger für Erkältungen oder erleiden Migräne. All dies sind Anzeichen des Körpers, dass gerade etwas zu viel ist, auch wenn wir sie gerne verdrängen und nicht wahrnehmen, aber irgendwann holen uns unterdrückte Gefühle und Emotionen eben ein; und diese wollen gehört werden.
Kapitel 2
Eine letzte Reise?
Mama wollte nun noch einmal in den Schwarzwald reisen; gesagt getan. So haben Mama und ich im Juni 2020 Oma besucht – endlich wieder deftiges Essen. Und Mama? Mama hat in kleinen Mengen auch gegessen. Sie hat sich nichts anmerken lassen. Krebs? Krank? Nein, ihr ging es gut. Papa und ich hatten oft Sorge, dass es ihr schlechter ging als sie zugab. Es muss erwähnt werden, dass sie selten darüber sprach sich unwohl zu fühlen- selbst vor der Krebserkrankung betonte sie steht, es ginge ihr gut. Sie ist krank zur Arbeit gegangen, hat sich auch dort nie etwas anmerken lassen. Auch wenn Freunde und Familie sie gefragt haben, das Höchste der Gefühle war: „Ich bin kaputt, aber sonst geht’s.“ So haben wir eine schöne Zeit im Schwarzwald gehabt, sind essen gegangen, haben lustige Abende mit der Verwandtschaft verbracht. Oma hat sich so sehr über den Besuch von Mama und mir gefreut. Aber niemand durfte ihr sagen, dass Mama Krebs hatte. Sie soll sich doch keine Sorgen machen. Und naja, man hat es Mama immer noch nicht angesehen. In dieser Zeit bummelten wir durch die kleinen Gassen, gingen zum Friedhof, machten Spaziergänge. Mama schien zufrieden zu sein, keine Beschwerden zu haben. Nach dem kurzen Mutter-Tochter Ausflug musste ich auch wieder arbeiten und Mama genoss die schönen Sommertage. So braun wie in diesem Jahr war sie lange nicht mehr gewesen. Sie genoss jeden Sonnenstrahl, war im Freibad und tankte Kraft in ihrem Wald. Die Diäten waren irgendwann zum Glück vorbei, da Mama erschöpft war von der starken Strukturierung ihres Tages, sie hat zwar gerne noch gesund gegessen, aber zum Glück nicht mehr in dem Ausmaß. So verzichtete sie auf Zucker und Salz und nahm so wenig tierische Fette wie möglich zu sich. Dies war akzeptabel. Sie sprach nicht oft über die Krankheit. Aber ich wusste, der Krebs machte ihr Angst: Angst vor dem, was kommen wird. Ihren 56. Geburtstag verbrachten wir im kleinen Kreis. Sie ging weiterhin mit Freundinnen essen, lud zum Kaffee und Kuchen ein und genoss die Zeit. Mama hat wenig Medikamente genommen. Lediglich einmal ein Ibuprofen gegen Schmerzen in der Schulter, woher diese Schmerzen kamen, war unklar, der Verdacht bestand, dass die Schmerzen durch den Krebs ausstrahlten. Eine Vielzahl von Vitamintabletten war vorgesehen. Das Angebot umfasste alles von Vitamin B bis hin zu L-Carnitin. Die Misteln wurden wöchentlich von mir injiziert. Die Misteltherapie stellt eine naturheilkundliche Behandlungsform dar, die gegenwärtig häufig in der alternativmedizinischen Krebstherapie begleitend oder zur Nachbehandlung eingesetzt wird. Die therapeutische Wirkung, die im Rahmen der Misteltherapie zur Krebsbehandlung genutzt wird, entfaltet sich ausschließlich durch Injektionen. Im Herbst bekam Mama CBD, sie konnte so schlecht schlafen. Es half, Mama hat zwar morgens gelallt, als hätte sie eine ganze Flasche Wein getrunken, aber dennoch, half es beim Schlafen.
Mein Geburtstag stand an, ich hatte Angst, wie dieser Tag sein wird, ob es mein letzter Geburtstag sein wird mit Mama zusammen, wie es ihr gehen wird an diesem Tag. Aber sie tischte auf für zehn. Genauso wie an Weihnachten– das hat sie geliebt. Eine Armee hätte satt werden können. Für Mama war das Jahr 2020 ein turbulentes Jahr. Sie ist den Weg gegangen; ihren Weg. Jeden Tag, mehrere Stunden, war sie weiterhin im Wald. Auch über die Feiertage war sie in ihrem geliebten Wald. Mama setzte sich in den Kopf, wieder zu arbeiten. Auch wenn es nur ein Minijob wäre, sie wollte wieder etwas tun. Ihr ist die Decke langsam auf den Kopf gefallen. Durch das Zuhause-Sein, begann ihr Gedanken-Karussell. Sie war sich bewusst, dass eine reguläre Erwerbstätigkeit nicht mehr möglich sein würde. Dennoch stellte die Abwesenheit von Arbeit ebenfalls keine Lösung dar.Mama hatte Freude an ihrer beruflichen Tätigkeit. So nutzte sie aber erstmal die Zeit und recherchierte weiter im Internet nach Heilern. Sie begann, Kontakte zu Heilern und Schamanen aus verschiedenen Teilen der Welt zu knüpfen.
So waren abendliche Meditationen schon fast Standard. Es durfte für 30-60 Minuten keiner stören. Aus ihrem Schlafzimmer ertönte leise Entspannungsmusik.
Ich habe mich so in die Arbeit gestürzt, aus Angst, was mich zuhause erwarten würde Corona erschwerte die Situation, die Ausgangssperren, Isolation der Außenwelt. Es war alles neu. Mama hatte zum Glück eine Maskenbefreiung erhalten. Trotz Corona habe ich viele Dienste geschoben. Ich habe soweit es ging, auf der Arbeit versucht, alles zu vergessen und meinen Job zu machen. Nach den Arztbesuchen war es erforderlich, meinem Papa in aller Ruhe zu erläutern, was besprochen worden war. Fachbegriffe musste ich verständlich machen und einem Schlossermeister auf einfache Weise erklären, welche Entwicklungen nun bevorstanden. Mama hat sich in dem Jahr aber auch geändert. Sie wurde ruhiger. Mama war ein Wirbelwind. Sie war aufbrausend und stur. Wenn sie lesen würde, dass ich schreibe, dass sie stur war – ohje. Sie sagte immer, sie sei eigensinnig, aber nicht stur. Wenn sie wusste, dass sie im Recht war, wurde es so lange ausdiskutiert, bis das Gegenüber merkte, es hat keine Chance mehr. Aber das änderte sich, mit Beginn von Corona und der Diagnose, wurde sie stiller. Auf Nachfrage gab sie weiter an, es würde ihr gut gehen. Sie machte sich schick, zog sich fein an und schminkte sich – auch wenn sie nur in den Wald ging!
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