Innenansichten eines Alkoholikers

Innenansichten eines Alkoholikers

Jürgen Eichmeyer


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 96
ISBN: 978-3-99130-053-3
Erscheinungsdatum: 22.06.2022
Wie und warum jemand abhängig wird und wie sich die Abhängigkeit auf die Psyche auswirkt – Wege zur Abstinenz und zu einem erträglichen und sinnvollen Leben.
Prolog

An einem sonnigen Nachmittag in irgendeiner Fußgängerzone saß ein etwa 65jähriger Mann in einem Straßencafé. Er genoss die warmen Sonnenstrahlen und freute sich seines Lebens.

Ihm gegenüber hockte ein anderer Mann auf seinen Knien und bettelte. Der Mann war, soweit man das bei seiner Körperhaltung sehen konnte, bedauernswert abgemagert, schlecht gekleidet und natürlich unrasiert. Ob er schon wieder oder noch betrunken war, konnte der Mann im Straßencafé nicht auf Anhieb beurteilen, obwohl die ausgestreckte Bettelhand erheblich zitterte. Aber der Betrachter konnte intensiv nachempfinden, wie es in dieser Gestalt aussehen musste, weil er auf dem besten Wege gewesen war, auch so abgewirtschaftet dahinzuvegetieren.

Und so dachte Josef Schutzmeyer, welch großes Glück er doch gehabt hatte, den Alkohol in seiner Flasche lassen zu können. Eine der Gott sei Dank vielen Selbsthilfegruppen hatte ihm die Augen und das Hirn geöffnet, um neue Erkenntnisse im Laufe der Zeit in die Realität umsetzen zu können.
Josef dachte, wenn er so weitergelebt hätte, wie das lebende Beispiel ihm gegenüber, würde er schon lange nicht mehr leben.

Josef hat also ohne größere Schäden überlebt. Aber wie kam es überhaupt dazu, sich in die Abhängigkeit zu trinken?




Der Vater

Josef Schutzmeyer wurde in Bad Oexenhausen geboren. Die Familie wohnte in Mühlingsen, einem 3000 Seelen-Dorf vor einem nicht allzu hohen Mittelgebirge in Ostfalen.
Es war eine vierköpfige Familie, jedenfalls bis 1945. Josef bekam da noch einen Bruder.
Dank seines Vaters haben sie alle nicht mit dem Hunger kämpfen müssen. Zu der Zeit war der Vater Polizist. Zu seinem Revier gehörten einige kleine Dörfer. Er kannte natürlich jeden Landwirt persönlich dort, und deshalb waren die späteren Hamstertouren meistens erfolgreich.

Der Vater, Heinrich Schmutzmeier, hatte sieben Geschwister. Er war der Älteste und sollte den ländlichen Betrieb, nämlich eine Stellmacherei, irgendwann übernehmen. Allerdings war er einerseits hierfür rein körperlich völlig ungeeignet. Er hatte keinen Hang zum Handwerk, obwohl er sehr praktisch veranlagt war. Ihm stand der Sinn nach Besserem, Höherem. Diesen Wunsch in ihm zu wecken, war in der Zeit des 1000 jährigen Reiches nicht schwer. Er war groß, schlank und auch noch blond. Er passte also zu hundert Prozent in das Gedankenschema des Dritten Reiches. Und so war es nicht verwunderlich, dass er sich bei der Polizei bewarb, angenommen wurde und seine Ausbildung auf einer Polizeischule in Hildesheim absolvierte; er wurde in den Beamtenstatus übernommen.
Außerdem wurde er auch Parteimitglied der NSDAP.
Allerdings gab es für ihn einen nicht so positiven Aspekt. Und zwar war das der Name Schmutzmeier.
Der Ausbildungsleiter der Polizeischule hatte sich über den Namen ironisch geäußert. Er hatte nämlich beim ersten sehr militärischen Antreten zur Begrüßung der neuen Schüler vor der gesamten Schülerkompanie gesagt: „Schmutzmeier, machen Sie Ihrem Namen keine Ehre.“ Das muss dem ehrgeizigen, neuen Polizeischüler äußerst peinlich gewesen sein, denn fortan wurde die Änderung des Familiennamens betrieben. Aus Heinrich Schmutzmeier wurde Heinrich Schutzmeyer, Meyer natürlich mit Y, um den neuen Namen nochmals positiv aufzuwerten.
So wurde Josef schon als Josef Schutzmeyer geboren. Der zwei Jahre ältere Bruder noch als Schmutzmeier.

Und dieser berichtet, dass der Vater bald einen höheren Dienstgrad bei der Partei erreicht hatte. Er war Rechnungsführer der Ortsgruppe Bad Oexenhausen und von seiner Sache sehr überzeugt.

Der Vater von Heinrich, also Großvater von Josef, war Inhaber einer Stellmacherei und Wagenbau. Er war ein Patriarch und sparsam bis geizig. Angeblich musste sich seine Frau sogar ihre Unterwäsche selbst nähen, um Geld zu sparen. Die Methoden des Patriarchen haben wohl dazu geführt, dass Josefs Vater sich im Laufe der Zeit zu einem Menschen entwickelte, der unbedingt meinte, recht haben zu müssen. Wenn der Vater meinte, etwas Schwarzes wäre weiß, dann war es einfacher, dass die Söhne und auch die Mutter Vaters Meinung teilten. Öfter rutschte dem Vater auch die Hand aus. Auch Stockschläge waren damals üblich und wurden sogar toleriert. Die damalige Meinung war: Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.
Unter diesen Umständen konnte der etwas zart besaitete Josef kein ausgeprägtes Selbstwertgefühl entwickeln und neigte eher zu Hemmungen. Dieses mangelnde Selbstwertgefühl und die massiven Hemmungen wurde er bis zur entscheidenden Wende seines Lebens nicht los.

Kurz bevor der Vater seinen Dienst bei der Polizei antreten konnte, kam seine Tuberkulose zum Ausbruch, was ihn hinderte, seinen Dienst aufzunehmen. Seinen Beamtenstatus hatte er aber bereits erhalten.
Zur Genesung wurde er in das damals aufstrebende Heilbad Görbersdorf im Riesengebirge in Schlesien geschickt, um dort seine Tuberkulose auszuheilen.

In Josefs Erinnerungen spielte die Mutter immer eine ausgleichende, beschwichtigende Rolle. Allerdings tat sie gut daran, den Willen ihres Ehemannes zu erfüllen. So hat Josef Zeiten erlebt, in denen der Vater mit seiner Frau ganze vierzehn Tage wenig bis gar nicht sprach. Es gab eben nur einen Chef und vier Untergebene.
Die drei Kinder und die Mutter haben unter diesen Umständen viel zu leiden gehabt.




Braunau

Mutter Maria wurde in Braunau geboren. Braunau war damals eine Kleinstadt im heutigen Tschechien, mit vielen kleineren Ortsteilen um die Stadt herum. Seinerzeit hatte sich dort unter anderem die Tuchmacher-Industrie etabliert.
Eine Weberei war beispielsweise in dem Ortsteil Oelberg angesiedelt und später auch in Braunau.

Bei dieser mechanischen Weberei, Kroll mit Namen, war der Vater von Maria im Büro beschäftigt. Franz Speisker arbeitete an einem Stehpult, mit den schwarzen Stulpen aus glänzendem Stoff, die damals üblicherweise zum Schutze der unteren Ärmel des Jacketts getragen wurden. Er trug Schnauzbart und Binokel, wie es damals sehr oft getragen wurde. Franz Speisker war knapp 1,65 m groß, in seinen Augen viel zu klein. Diesen vermeintlichen Mangel versuchte er durch forsches Auftreten auszugleichen. Er ging auch gern einmal in ein Gasthaus, was seiner späteren Frau Maria natürlich nicht gefiel.

Er lernte Maria kennen, als er ein geschäftliches Dokument mit der neuen Geschäftsinhaberin der Weberei, Eleonora Kriesche, besprechen sollte. Anlässlich dieser Besprechung suchte er die Privatresidenz der Firma Kroll auf. Auf sein Klingeln öffnete sich die Tür, und Fräulein Marie Zieper stand vor ihm. Marie Zieper arbeitete im Haus Kriesche als Chefin des Personals.

Anscheinend war es sofort um Franz Speisker geschehen. Aus Erzählungen von Josefs Großtanten Hermine und Johanna hat Franz intensiv um seine Marie geworben. Und forsch wie er war, musste nach nicht allzu langer Zeit geheiratet werden, denn Josefs Mutter Maria (gen. Mimi) war unterwegs.
Allerdings soll es nach der Hochzeitsfeier einen Unfall gegeben haben. Der frisch gebackene und etwas angetrunkene Ehemann soll die Pferdekutsche auf der Heimfahrt in einen Graben gelenkt haben, wobei diese umkippte. Dem jungen Ehepaar und auch dem dritten Mitfahrer, der ungeborenen Mimi, ist Gott sei Dank nichts Ernsthaftes passiert.

Die Geschwister Hermine, Johanna und Marie Zieper stammten aus einer gut situierten, biederen mittelständischen Familie. Alle drei Kinder besuchten das Lyzeum bis zur Matura.
Tante Hermine wurde später Prokuristin in einer Chiffonfabrik. Johanna wurde Kindergärtnerin und Marie ging auf eine Haushaltsschule und hatte sich bis zu ihrer Heirat zur Chefin des Personals im Hause Kriesche, der früheren Firma-Kroll-Villa, hochgearbeitet.
Kindergärtnerinnen hat es damals schon gegeben. Allerdings war eine Prokuristin in der damaligen Zeit eine Seltenheit. Auch Hauswirtschafterinnen gab es sicher nicht viele.

Josef erinnert sich an einen Besuch in Braunau. Es muss sich um einen Familienbesuch zu Weihnachten gehandelt haben. Er war damals vier oder fünf Jahre alt, trotzdem kann er sich an die klirrende Kälte erinnern. Es lag hoch Schnee, und der kleine Josef hatte solche Schneemassen noch nie vorher gesehen.
Jedenfalls hatte Tante Hermine zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. So traf sich die damals noch vierköpfige Familie aus dem fernen Ostfalen bei der gestrengen Tante Hermine.
Sie war nach der damaligen Mode hoch elegant gekleidet, was ihre strenge Miene noch verschärfte.
Sie trug einen mittellangen Rock und hochhackige geschnürte Stiefeletten. Ihre Hände zierten einige Ringe. Die Bluse der Tante ist Josef in Erinnerung geblieben, weil die Manschetten bis zu den Ellenbogen hoch geknöpft waren. Der hochgeschlossene Stehkragen wurde durch eine Gemme zusammen gehalten. Die Frisur mit der damals modernen, angedeuteten Innenrolle gab der ganzen Person einen äußerst strengen Ausdruck.
Diese strenge Tante Hermine und die Anwesenheit von Vater Heinrich hatten bei Josef ein Gefühl von Hilflosigkeit und Hemmungen hervorgerufen.
Dazu kam noch ein Vorfall, der Josef äußerst peinlich war. Und zwar hatte Josef wohl zu viele Weihnachtskekse gegessen. Es wurde ihm schlecht, und er musste sich übergeben. Leider war der Weg zur Toilette unter diesem Druck doch zu lang, und es waren Spuren auf dem Parkettfußboden zu sehen. Josef wäre am liebsten im Boden versunken. Der Vater hat natürlich geschimpft, über Maßlosigkeit geredet und Josef Ohrfeigen verpasst. Zu seiner Verwunderung wurde Josef von Tante Hermine in Schutz genommen. Er hatte das Gegenteil erwartet. Die gesamte Situation war so beschämend für Josef, dass er sie nie vergessen konnte.
Tante Hanni, Josefs Großeltern und Josefs Mutter sind bei diesem Unglück nicht in Erscheinung getreten. Diese Episode, in Josefs Augen diese Katastrophe, fand wohl im Jahre 1944 statt. Der Besuch in Braunau muss Josef stark in Erinnerung geblieben sein, denn als er circa fünfzig Jahre später die Spuren der Vergangenheit suchend wieder dorthin kam, konnte er sich spontan an die Holzkirche im Ort erinnern.

Franz Speiske und seine Frau Marie bekamen in Braunau drei Kinder, wovon Mimi das älteste war. Ihre Brüder Franz und Karl kannte Josef nur als Onkel Franzi und Onkel Karli. Beide studierten nach der Matura. Der eine Chemie, der andere Medizin. Beide wurden seinerzeit, trotzdem sie Sudetendeutsche waren, tschechische Offiziere. Die Säuberungsaktionen der damaligen tschechischen Regierung waren wohl noch nicht angeordnet.
Nach diesen Anordnungen wurde alle Deutschen aus öffentlichen Ämtern und aus dem Militärdienst entlassen. Insgesamt wurden die Deutschen arg diskriminiert.




Görbersdorf

Görbersdorf, heute Sokolovsko, entwickelte sich etwa um 1849 zu einer sogenannten Kaltwasserheilanstalt, die durch den Arzt Hermann Bremer 1854 von der Gründerin Marie von Colomb übernommen wurde. Es wurde ein Sanatorium für Tuberkulosekranke errichtet. Die Kaltwasserkur und die Hydrotherapie wurden hier weiterentwickelt zu einem eigenen Konzept für die Behandlung lungenkranker Patienten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Görbersdorf bereits zu einem der bedeutendsten Heilbäder Deutschlands entwickelt. Besonders attraktiv war Görbersdorf wegen seiner geografischen Lage.
In dem Tal, in dem Görbersdorf liegt, weht ein ziemlich gleichmäßiger, nicht zu kräftiger Wind, dem die Patienten bewusst möglichst oft ausgesetzt wurden. So wurde eine sogenannte Liegekur entwickelt.
Die besondere Höhenluft, die hohe Staub- und Nebelfreiheit in Verbindung mit Ruhe und guter Ernährung sollten den Heilprozess fördern.

Josefs Mutter wurde in Braunau geboren und besuchte dort die Schulen bis zum Abitur. Danach wurde sie zur chemisch-technischen Assistentin ausgebildet. Sie fand um 1925 eine erste Anstellung im 1920 neu gebauten Siechenhaus in Braunau. Reste der Ausbildungsarbeiten sind Josef noch vor Augen. Es waren da kreisrunde Zeichnungen von Staphylokokken, Streptokokken und vielen anderen Erregern zu sehen. Kreisrund waren diese Zeichnungen deshalb, weil ein Blick durch ein Mikroskop simuliert werden sollte.
Mimi muss wohl ein aufgeschlossenes und humorvolles Mädchen gewesen sein. Sie war bei dem damaligen Verein „Wandervogel“ Mitglied und hat den Kindern davon vorgeschwärmt. Josef hat Fotografien aus dieser Zeit noch vor Augen. Mutter Mimi muss sowieso eine neugierige und reiselustige junge Frau gewesen, denn es existieren Fotos aus den verschiedensten Regionen Großdeutschlands. Es gibt Fotos von Prag, Wien,
Königsberg, Rügen usw.

Eine spätere Bewerbung in Görbersdorf, im Sanatorium Dr. Hermann Bremer hatte den gewünschten Erfolg. Hier hat Mimi zehn Jahre gearbeitet, und hier hat sie auch Josefs Vater kennengelernt. Aber Mimi hat auch von anderen Bekanntschaften gesprochen. Dieser große, stattliche, blauäugige Mann muss aber ihr Herz getroffen haben. Sie heirateten im Jahre 1935.




Neuer Familiensitz Ostfalen

Die Erinnerungen an die beiden Onkel beginnen eigentlich erst viel später, nämlich nach Ende des Krieges.
Die Sudetendeutschen wurden bekanntlich aus ihrer Heimat vertrieben (Beneš-Dekrete).
Die Großeltern von Josef mussten flüchten. Herr Beneš, der damalige Regierungschef, soll gesagt haben: „Lasst den Deutschen nur ein Taschentuch zum Weinen.“
Die Großeltern flüchteten nach Ostfalen und wurden in Bad Oexenhausen für die nächsten Jahre ansässig, waren aber nie in Ostfalen zu Hause. Trotzdem trat Franz Speisker als passionierter Jäger dem örtlichen Jagdverein bei und fühlte sich auch bald dazugehörig; er wurde als Flüchtling auch akzeptiert.
Die beiden Brüder tauchten erst später wieder auf. Der Mediziner kam erst 1945 aus der Gefangenschaft nach Ostfalen. Er hat eine leer stehende Praxis übernehmen können, weil der frühere Arzt im Krieg gefallen war.
Der zweite Onkel hatte bekanntlich Chemie studiert und hatte sich frühzeitig genug ins Ruhrgebiet abgesetzt, wo er bei einem namhaften Chemiekonzern als Dipl.-Ing. eine Anstellung fand.

Diese beiden Onkel wurden regelmäßig zu Geburtstagen und sonstigen Familienfeiern eingeladen. So hat Josef die beiden so unterschiedlichen Menschen ziemlich genau kennengelernt.
Sehr ehrgeizig waren sie beide.

Für Josef waren diese Besuche immer ein Albtraum. Dies galt auch für seinen zwei Jahre älteren Bruder Peter. Das fünfte Familienmitglied Heinrich Lothar war 1945 geboren und zu dem Zeitpunkt der Onkelbesuche noch zu jung, um diese Besuche unangenehm und beängstigend zu empfinden. Josef und seinem Bruder waren diese Besuche immer hochnotpeinlich. Es war jedes Mal wie eine Prüfung. Heute glaubt Josef, dass diese Besuche etwas Groteskes hatten. Onkel Franzi war auch nicht größer als sein Vater Franz, etwa auch 1,69 m. Vermutlich musste er sich deshalb so eklatant in den Vordergrund drängeln. Bei ihm war alles, vor allem seine eigenen Leistungen, immer erstklassig und großartig, einfach fantastisch. Josef hat den Onkel noch so in Erinnerung, als ob er ihn gestern das letzte Mal gesehen hätte.
5 Sterne
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